PRESSE/TEXTE

 

Riesen-Bandbreite der Popkultur
Zum dritten Mal gab es am Wochenende das Regensburger „Push“-Festival. Die heimische Kreativszene nahm die Stadt in Beschlag.


Von Sandra Adler
Regensburg. Im Andreasstadel fiel am Freitagabend der Startschuss für das dritte Regensburger Popkulturfestival. Über alle drei Festivaltage war dort die Ausstellung „Comics, Bücher & Zines“ von fünf Künstlerinnen und Künstlern aus Regensburg und Berlin zu sehen.
Christiana Schmidbauer vom Kulturamt der Stadt Regensburg freute sich in ihrer Eröffnungsrede mit dem „Push“-Festival erneut „eine Plattform für die junge und aktive Kulturszene“ bieten zu können. Seit 2014 organisieren die Stadt und das Kulturzentrum Alte Mälzerei e.V. alle zwei Jahre das Festival.
Vielfältige Formen
„Die freie Kulturszene der Stadt ist unglaublich lebendig, bunt und vielfältig“, bemerkte Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei. Diese Viefalt spiegelte sich auch im Festivalprogramm wider.
Das Degginger, eine von 20 Veranstaltungsstätten, lockte am Freitag mit entspannten Klängen der Singer-Songwriter-Duos Sebastian Kretz und Isabell Fischer sowie der Brüder Bruckner. Noch bevor die Diamond Dogs in der Wunderbar mit ihrem Set starteten, war der Nebenraum voll.
Am Samstag gab es einen Wermutstropfen: auf Grund des Regenswetters musste die Kunst am Bauzaun und die Rollschuhdisco ausfallen. Dafür drängten sich auf dem Haidplatz die Besucher neugierig im „Tiny House“. Das Übungsmodell für nachhaltiges Wohnen auf kleinem Raum hatte die Tiny House Werkstatt Regensburg innerhalb von fünf Monaten gebaut.
In Workshops konnten Besucher außerdem die eigene Kreativität entdecken und entwickeln. Maram Alitouni aus Syrien leitete im W1 einen Bildhauerei-Workshop, bei dem Kopfplastiken aus Ton gefertigt wurden.
Aktive Teilnahme gefragt
Ein Stockwerk höher wurden derweil erste Ideen für die geplante Entstehung eines Femzines, also eines feministischen Magazins, gesammelt. Im Andreasstadel gab es währenddessen, passend zur Ausstellung, einen Comic Workshop.
Abends machten Take Off Your Shirts mit ihren tanzbaren Rock-Riffs ihrem Namen alle Ehre und ließen die Temperaturen in der Heimat steigen. Unlimited Culture sorgten mit ihrem Reggae, mal auf Englisch, mal auf Bairisch, für ein volles Tiki Beat, das ausgelassen tanzte. Die Alte Mälzerei war mit Retrogott, Hulk Hodn und passendem DJ-Set Anlaufstelle für Hip Hop-Fans.
In den Festivalnächten beeindruckte eine Lichtinstallation am sogenannten Haus zum Elephanten in der Ludwigstrasse. Ein Film-Programm und Kunstausstellungen an allen drei Tagen rundeten das Festival ab. Mittelbayerische Zeitung, 29.10.2018

 

Ein Festival der kreativen Tanzprojekte
BÜHNE Bei den Regensburger Tanztagen von 10. bis 30. November kann man einige hochkarätige Künstler erleben.


REGENSBURG. Vielleicht läuft es in der Kunst am Ende immer auf das Gleiche hinaus. Es gibt ein Verstehen, dass das, was der gemeine Verstand unter Verständlichkeit versteht, weit hinter sich lässt. Beim Tanz ist es mit Sicherheit so. An zehn Veranstaltungstagen und vier Spielorten bieten die Regensburger Tanztage vom 10. bis zum 30. November wieder wunderbare Beispiele für die Vielfalt und Kreativität dieser faszinierenden Kunstform. „The Beauty of it“, “Blank spots“, “Equal To Men", „Le Somnanbule", “Inside femininity”, “Vital Few”,  “In dieser Frau“. Das ist nur eine kleine Auswahl an Titeln all der begeisternden, ernsten, komischen, kämpferischen und virtuosen Produktionen, die beim diesjährigen Festival zu erleben sein werden.
Zum Auftakt bietet die AIDS-TANZGALA (10. November Velodrom) wieder ein hochkarätiges Programm aus international renommierten Tanzensembles und SolotänzerInnen. Unter anderem haben sich das HESSISCHE STAATSBALLETT, die COMPANY KOR'SIA aus Spanien und die Kompanie MATHIEU GEFFRÉ DANCE aus England angekündigt, teilt der Veranstalter mit. Mit den Erlösen dieser Benefiz-Veranstaltung, bei der alle beteiligten Künstler ohne Honorar auftreten, konnten bereits einige Projekte im Kampf gegen Aids in Südafrika, Indien, der Ukraine, aber auch in Regensburg unterstützt werden.
Vom Besitzen und Verlieren
Eine spannende Premiere verspricht die Veranstaltung THEATER REGENSBURG TANZ (12.November, Velodrom) mit einem Tanzabend von Yuki Mori und Gastchoreograf Fabien Prioville. In „Der Tod und das Mädchen“ lässt sich Yuki Mori von der Motivik um das Besitzen und Verlieren des Lebens inspirieren.
Die neue Tanzproduktion "FO" des SOSANI TANZTHEATER (17. & 18. November, Alte Mälzerei) wird von sieben jungen Frauen getanzt. Es geht um Rituale der Weiblichkeit und entsprechende Körperbilder. Dass Körper und Seele eng verknüpft sind, ist nichts Neues. Aber wie drücken sich diese emotionalen Zustände körperlich aus? Wie bewegt sich jemand, der zwischen Weitergehen und Loslassen festhängt? Davon handelt diese neue Produktion.
Die SOLOTANZNACHT (23. & 24. November, Theater Universität) präsentiert die Preisträger des Solo-Tanz-Theater-Festivals von Stuttgart 2018. Sie zeigt herausragende junge TänzerInnen mit ihren prämierten Stücken und bietet gleichzeitig einen spannenden Einblick in die neuesten Entwicklungen der internationalen Tanzszene. Zu erleben sind: Angel Duran Muntada  (Spanien), Jon Ipiña Aparicio (Spanien), Tonia Larteza (Italien), Kévin Coquelard (Frankreich) und Francesca Bedin (Italien).
Außergewöhnliche Ästhetik
Bei THE BRAZIL/ISRAEL PROJECT (27. & 28. November, Theater Universität) trifft die Intensität Brasiliens auf die Magie Israels. Die drei gefeierten Tanz-Kompanien aus Porto Alegre, Curitiba und Natal kommen aus verschiedenen Teilen Brasiliens und repräsentieren sehr unterschiedliche Stile und Kulturen ihres Landes. Sie treffen auf drei israelische ChoreografInnen, die für eine jeweils sehr eigene und außergewöhnliche choreografische Ästhetik stehen. Das Ergebnis dieser einzigartigen Begegnung zweier großer Tanzländer dürfte eines der Highlights dieser Tanztage werden.
Die COMPANY 605 (30. November, Theater Universität) aus Vancouver gilt als eine der derzeit aufregendsten Tanzkompanien der reichen nordamerikanischen Tanzszene. Eine neue Generation von Kreativen, die moderne und urbane Tanzstile verbindet und durch ihre innovative Bewegungssprache ebenso beeindruckt wie durch ihre atemberaubende Körperlichkeit. Bereits vor drei Jahren begeisterte die Kompanie mit ihrem „weltüberwuchernden Bewegungsrausch“ das Regensburger Publikum. Nun kommen sie mit ihrer gefeierten neuen Produktion „Vital Few“ zu den Tanztagen nach Regensburg.

Zusatzprogramm
Ergänzt werden die Vorstellungen durch den TANZFILM „Verloren in Dolores“ (14. November, Filmgalerie) und die Präsentation des neuen Tanzkalenders sowie die beliebte GLOBAL MUSIC-FESTIVAL PARTY (24. November, Alte Mälzerei).
Tickets und Informationen
Ausführliche Informationen zum Programm der Tanztage und Tickets für die Vorstellungen gibt es im Internet unter www.alte-maelzerei.de, Telefon 0941-788810.
Mittelbayerische Zeitung, 24.10.2018

 

 

Eigenständigkeit mit Vergangenheit
Hundred Seventy Split überzeugten mit Bluesrock und langen Gitarrensoli.

Von Alois C. Braun
Regensburg. Bis 2014 gehörten Gitarrist Joe Gooch und Bassist Leo Lyons den legendären Ten Years After (TYA) an – letzterer als Originalmitglied mit Woodstock-Erfahrung. Zusammen mit Drummer Damon Sawyer sind sie aber bereits seit 2011 als Hundred Seventy Split (HSS) unterwegs. Nun begeisterten sie das Publikum in Regensburg.
Es ist das 14. Konzert in Serie – trotzdem ist auf der Bühne der Alten Mälzerei von Müdigkeit keine Spur. Leo Lyons, der Ende November 75 wird, sagt im Gespräch vor der Show: „Natürlich ist so ein Tourplan anstrengend, aber wenn Du auf der Bühne stehst, dann ist alles vergessen. Ich toure nur noch aus reinem Spaß.“ Und Joe Gooch fügt hinzu: „Es ist einfach wichtig, dass wir sehr diszipliniert leben und viel schlafen.“ Mit der Gründung von Hundred Seventy Split haben es die beiden geschafft, sich vom Korsett TYA zu befreien, haben nun Luft für Neues und müssen trotzdem ihre Herkunft nicht verleugnen. Neben eigenen Songs waren deshalb natürlich jede Menge Titel von Ten Years After im Programm. Es wäre auch töricht, den Fans nicht den ein oder anderen Klassiker zu gönnen.
Joe Gooch überzeugt immer wieder mit schnellen, aber auch gefühlvollen Soli. Er hatte es schon in den zehn Jahren seiner Zugehörigkeit zu TYA verstanden, seinen eigenen Charakter einzubringen. Die Fans in der Mälze dürfen bei einem satten und klaren Sound Klassiker wie „Love Like A Man“, „I’d Love To Change The World“ und natürlich „I’m Going Home“ bejubeln – letzteres mit fast schon aggressiver Gitarrenarbeit. Wunderbar groovend ist „Tennessee Plates“, ein Werk des chronisch unterbewerteten Songwriters John Hiatt. Kontrapunkte setzen das herrlich swingende „The Devil To Pay“ mit Lyons am Kontrabass und „I’d Love To Change The World“ mit Gooch an der Akustischen – alles hochklassig gespielt und mit Kraft performt.
„The Stroke“ leitet Leo Lyons auf Deutsch ein, erzählt, wie er mit 16 Jahren nach London kam. HSS sind eine gut geölte Bluesrockmaschine. Das ist wohl auch ein Ergebnis der vielen Konzerte der letzten Tage. Lyons und Gooch stehen sich immer wieder gegenüber, schauen sich in die Augen, feuern sich an. Drummer Damon Sawyer setzt den perfekten Groove zu Lyons‘ typischen, mit vollem Körpereinsatz gelebten Bassläufen, die den massiven Unterbau für die teils ausufernden Gitarrensoli liefern. Ein Fest für Freunde dieser Oldschool-Kunst.
Leo Lyons‘ Energie ist auch am Ende der Show noch nicht verbraucht. Er steht lachend am Mälzeausgang, signiert Alben, macht Selfies und verabschiedet sich bei vielen der Fans per Handschlag. Ebenfalls in Bestform waren Blues Control als Vorprogramm. Mittelbayerische Zeitung, 25.10.2018

 

 

 

Arbeit eine musikalische Absage erteilt
Die Henrik Freischlader Band stellt in der Regensburger Mälze ihr neues Album vor. Manchmal war ihr Spiel zu perfekt.

Von Michael Scheiner
Regensburg. In Abwandlung eines großen Hits von James Brown kann man bei Henrik Freischlader von „It’s A Man‘s Music“ sprechen. Beim Auftritt des Kölner Bluesmusikers mit Band in der Mälze bildeten Zuhörerinnen eine Minderheit im wogenden Meer maskuliner Bluesfans. Das eigentlich Erstaunliche ist aber ein altersübergreifender Zuspruch, der offensichtlich quer durch alle soziale Schichten und Haltungen geht.
„Wir haben uns“, wirbt Freischlader in seiner Begrüßung um aktives Fantum, „von allen sozialen Kanälen abgemeldet“. Deshalb sei die Band auf Mundpropaganda angewiesen. Sie seien jetzt richtig „Old School“. Unter diesem Motto steht auch die Tour, bei der der Gitarrist, Songschreiber und Sänger das neue Album „Hands on the Puzzle“ im Quintett vorstellt. Nach dem wuchtig-schleppenden Opener „Community Immunity“ kramte der 35-Jährige mit „Too Cool For Me“ einen alten Song vom 2007er Album „Get Closer“ hervor. Darin geht es um einen egozentrischen Kontrollfreak, der alles einsackt und nichts hergibt. Das solidarische Geben scheint für den Bluesbarden auch persönlich ein wichtiges Thema zu sein.
In einem seiner neuen Songs fordert Freischlader ohne Ironie oder Zynismus dazu auf „Share Your Money“; er meint damit, etwas herzugeben von dem, was man hat. Der eindringliche Song über einem knappen, dunklen Bassmotiv bekommt durch ein erstklassiges Solo des Bandleaders, bei dem er auf abgedämpften Saiten und mehrmals auch bewusst neben dem Takt spielt, eine beinahe hypnotische Wirkung.
Ein weiteres Thema, das den Kölner Bluesmusiker beschäftigt, ist die Arbeit. Mit tiefer Stimme stellt er in „Working for the man with the masterplan“ klar, dass das nicht sein Plan ist und animiert das Publikum zum Mitsingen. Im neueren „I don‘t work“, einem eingängigen Slow-Blues, stellt er Arbeit insgesamt infrage, wenn sie keinen Spaß macht. Stoisch-störrisch holpert die Band durch die keineswegs anarchistisch, sondern eher individualistisch gemeinte Kampfansage. Denn wenn Arbeit wie beim Musikmachen Spaß mache, erläutert Freischlader, sei es keine mehr.
Die frühen Bluesmusiker würden das vermutlich anders sehen, ist ihre Musik doch aus den Working Songs der schwarzen Sklavenarbeiter hervorgegangen. Deren archaisches und unperfektes Spiel würde Freischladers Band manchmal gut tun, die exzellenten Musiker klingen einfach zu oft zu untadlig exakt. Vor allem Schlagzeuger Moritz Meinschäfer hat ein punktgenaues Timing wie eine Maschine. Auf Dauer wirkt das seelenlos. Mittelbayerische Zeitung, 5.10.2018

 

Ein Fest der Popkultur in Regensburg
Von 26. bis 28. Oktober werden beim Festival „push“ mehr als 60 Veranstaltungen geboten. Der Eintritt kostet fünf Euro.

Regensburg. Vom 26. bis 28. Oktober richtet das Festival „push“ in seiner dritten Ausgabe den Fokus auf eine aktuelle, lebendige und innovative Popkulturszene in Regensburg. Ein Wochenende lang stehen die Kreativen der Stadt im Mittelpunkt des Interesses. Es präsentieren sich in mehr als 60 Veranstaltungen an 20 Spielstätten junge regionale Künstler aus Musik, Kleinkunst, Theater, Literatur, Tanz, Film und Bildende Kunst.
Vom Kulturzentrum Alte Mälzerei in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern auf den Weg gebracht, sind alle relevanten Regensburger Kulturvereine und Initiativen der Jugend- und Popkultur in einer einmaligen Kooperation an der Organisation und Durchführung des Festivals beteiligt. Veranstalter sind die Stadt Regensburg und das Kulturzentrum Alte Mälzerei. Das Festival präsentiert mit 18 Konzerten insgesamt 28 Bands unterschiedlicher Stilrichtungen. Darunter findet sich eine Auswahl der besten und vielversprechendsten jungen Bands aus Regensburg und der Region, aber auch einige der spannendsten Newcomer der überregionalen Musikszene.
Von Tanztheater bis Performancekunst
Im Bereich Theater und Performance reichen die Veranstaltungen vom Tanztheater über eine große Werkschau junger Performancekunst bis zur alternativen Improtheater-Stadtführung und der beliebten Anonym-Lesereihe. Ein multimediales Live-Hörspiel aus Sprache, Musik und Visuals vereint ein Who’s who der freien Kulturszene. Das Filmprogramm zeigt eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher und außergewöhnlicher Kurzfilme. Es bietet aber auch drei Langfilme, von der Komödie über Fantasy bis zum Thriller. Licht- und Videoinstallationen, verschiedene Ausstellungen und Kunstaktionen sowie der Themenschwerpunkt Comic, Illustration und Design bereichern das Festival drinnen und draußen. „Kunst am Bauzaun“ vereint in der Fußgängerzone Künstler unterschiedlichster Richtungen. Im Ostentorkino ist ein ganzer Abend der Kunst der Live-Visuals gewidmet.
Handmademesse und Tiny House
Zum Thema Kreativszene läuft u.a. der Showzimmer Brunch als Live-Talkshow während des Festivals, aber auch die FemZine-Gründung, das Drink & Draw und die Handmademesse gehören dazu. Beim Tiny House geht es um nachhaltiges Wohnen. In einem Leerstand in der Altstadt wird es zudem eine kulturelle Zwischennutzung geben. Auf die Veranstaltungen im Ostentor folgen in der Kinokneipe jeweils Indie-Rock-Partys. Die große Electro-Party und die große HipHop-Party mit mehreren Live-Acts und DJs steigen in der Mälze. Als Festival-Special lädt die Rollschuh-Disco auf den Neupfarrplatz. Das Festival bietet insgesamt 12 Workshops der verschiedensten Richtungen.Wer dabei sein will: Die bunten Festival-Bändchen sind für 5 Euro an diversen Spielorten erhältlich und berechtigen zum Eintritt bei allen Festival-Angeboten. Die Workshops sind frei. Mittelbayerische Zeitung, 1.10.2018

 

Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt
Jens Rachuts „Schneckengott“ bricht mit allen Konventionen.


Regensburg. In den vor Optimismus berstenden 1990er Jahren, da setzten die „Lassie Singers“ dem Zeitgeist eiskugelgroße Portionen Melancholie entgegen. Und behaupteten nicht nur, dass Liebe durchweg überbewertet sei. Sondern sie stimmten auch ein Hoheslied auf Hamburg an. „Alte Schatzstadt“ nannten sie in „Rumfahren“ die von ihnen gefeierte Elbmetropole – und reimten „Hafen“ darauf, dass hier die „Schiffe und die Fische schlafen“.
Solche Songlyrik ging damals auch denjenigen zu Herzen, die sich als Chef-Ironiker begriffen. Zu dieser Zeit nährte sich die Stadt als kreatives Zentrum der Gegenkultur vom Geist des Punks. Und veredelte mit Bands wie „Blumfeld“, den „Goldenen Zitronen“ oder den „Sternen“ brachiale Gesten zu einem Klangkonglomerat, das „Hamburger Schule“ genannt wurde. So wurden Beziehungsfäden gesponnen in Richtung Disco, Funk und Elektronik. Vor diesem Hintergrund muss betrachtet werden, was Ur-Punk Jens Rachut und seine drei Mitstreiter, der Sterne-Bassist Thomas Wenzel, die Schauspielerin Susanne Jansen und Drummer Pencil Quincy da auf der Bühne im Ostentorkino unter dem Titel „Schneckengott“ performen. Rachut – gestandener Mittsechziger mittlerweile – zählt mit Bands wie „Angeschissen“, „Blumen am Arsch der Hölle“ oder „Dackelblut“ zu den Schlüsselfiguren der Hamburger Punkszene. Ein Exzentriker der Extraklasse, zeitlebens ausgestattet mit einem eigenwilligen Gespür für Songtexte, die sich als Antithese zu allem Etablierten begriffen. So rutschte er schließlich, im Windschatten von Schorsch Kamerun, dem Sänger und Chefdenker der „Goldenen Zitronen“, in die Kunstwelt hinein. Weshalb „Schneckengott“, das Live-Hörspiel, das jetzt im Ostentor Station machte, seine Premiere „auf Kampnagel“ (wie die Einheimischen zu ihrem alternativen Kulturzentrum sagen) zu erleben war – und sich dort offenkundig zum Publikumsrenner entwickelte. Regensburg dagegen hält sich vornehm zurück, was Ansturm anbelangt – rund 30 Besucher haben Platz genommen auf den Kinostühlen. Das Hauptthema dieser intendiert irrlichternden Inszenierung kreist um die Frage, was denn wäre, wenn der Mensch als Schnecke wiedergeboren würde. Und die Welt als schleimiges Wesen erführe, ertastete und im Schneckentempo in seinen Besitz nähme. Dieses ebenso alptraumhafte wie kafkaeske, rund eineinviertel Stunden in Anspruch nehmende Szenario provoziert immer dann Beifall, wenn Musik gespielt wird und die Akteure singen. „Merkt Euch: Selbstmord rettet Euch nicht vor der Wiedergeburt als Schnecke!“ Auf dem Heimweg schleicht sich ein alter „Sterne“-Hit ins Rezensentenhirn: „Wenn Dir St. Pauli auf den Geist fällt.“ Tja. Hamburg halt. Mittelbayerische Zeitung, 28.9.2018

 

Tanzsommer
Eine getanzte Erzählung über die Zeit
Annette Vogels Choreografie überzeugt in der Mälze.

Von Michael Scheiner
Regensburg. Was ist Zeit? Das, was eine Uhr misst oder doch etwas anderes? Zeit war ohne Zweifel das, was die Zuschauer im Theatersaal der Alten Mälzerei in Regensburg zu sehen bekamen. Als das Tanztheater Annette Vogel die Choreografie „WegZeit“ mit vollem Einsatz aufführte, entstand Zeit und verging sofort wieder. Währenddessen erzählten die vier Tänzerinnen, ein Tänzer als böser Herrscher und ein Mädchen eine märchenhafte Geschichte.
Eine Erzählung, die über Zeit, Hektik, Stress und Verluste berichtete. Aber auch über Alltag, Freunde und über Zeit haben, in der ein Stück Humanität zum Ausdruck kommt, die in einem „menschlichen“ Tempo liegt. Es ist eine narrative Choreografie, mit der Annette Vogel an Michael Endes berühmten Roman „Momo“ anknüpft. Ein junges Mädchen (Barbara Schmid) weckt in einer morgendlichen Idylle die Freundinnen, die als Pianistin oder Ballspielerin ihrer Beschäftigung nachgehen und Zeit für sie haben. Nach und nach kommen Rastlosigkeit, Anspannung, Hetze ins Spiel. Ein bezwingend-herrischer Dschinn (Philipp Sprongl) beginnt die Tänzerinnen zu dominieren und anzutreiben. Es bleibt keine Zeit mehr, das Menschliche verliert an Wert, Beziehungen zerbrechen. Um Zeit zu sparen, wird um jede Minute gekämpft. Vogel gelingen dabei mit einer minimalen Bühnenausstattung von zwei einfachen Baugerüsten immer wieder beeindruckende Bilder und dramatisch-packende Szenen voller Dynamik. Die aggressive Dominanz der enthumanisierenden Zeitfresser findet einen herausfordernden und bedrohlichen Ausdruck in kraftvoll getanzten synchronen Formationen, die manchmal an japanisches Butoh-Tanztheater erinnern. Drastische Momente, in denen auch die Zuschauer im voll besetzten Theatersaal unter Stress gesetzt werden, entstehen in Stop-Motion-Bildern, wenn Musik abrupt unterbrochen wird und die Tanzenden in ihrer jeweiligen Bewegung erstarren, während das Mädchen weiterläuft. Neben dem Bezug zu filmischen Mitteln wie „frozen time“-Experimenten wird dabei auch das individuelle Erleben von Ereignissen und – zeitlichen – Eindrücken thematisiert.
Die Realität dringt als Videoinstallation in diese fiktiv-moralische Erzählung ein. Während eines Workshops sind Jugendliche zu den Themen Stress und Zeit befragt worden und speisten damit die Handlung. Aus der Probenarbeit mit den Befragten ist eine Videoinstallation entstanden, die in die Choreografie integriert ist. Bevor die Herrschaft der grausamen Herrn (Sprongl) gebrochen ist und die Tänzerinnen ins menschliche Zeitmaß zurückfinden, räsoniert der Herrscher noch – deutlich zu – lang und breit über alles was wir mit Zeit tun und lassen. Eine spannende Tanzgeschichte mit einigen wenigen Ungereimtheiten, von einem leistungsfreudigen Ensemble mit enormen Krafteinsatz und Feuer getanzt. Mittelbayerische Zeitung, 2.8.2018

 

Einladung zum großen Gelächter
"TanzhochX“ bei den Sommertanztagen Regensburg. Sieben Choreografinnen aus Nürnberg, Straubing und Regensburg stellten neue Produktionen vom Solo bis zum Gruppenstück in der Alten Mälze vor.

Im Rahmen der attraktiven Sommertanztage hat es bei der vierten Ausgabe des neuen, von der Stadt mitgetragenen, Formats „TanzhochX“ Einiges zu sehen gegeben. Im Tanzsaal der Mälzerei in Regensburg präsentierten diesmal junge Talente der Region und Vertreterinnen der bayerischen Tanzszene sieben Choreografien. Viel Zeit blieb jeweils nicht, um sich auf die unterschiedlichen Tanzsprachen, den persönlichen Ausdruck und die Ideen der verschiedenen Choreografinnen einzustellen. Bei narrativen Stücken, wie dem wunderbar ironisch-heiteren „SchuhWieDu“ oder dem „Duett“ um zwei Musikinstrumente, war das keine Schwierigkeit. Herausfordernder dagegen zeigte sich schon Eva Egers Solo „Onehundredandfiftyfeettothe-fish“ oder auch das mit mathematisch-esoterischen Formeln beschriebene Duett „Origami“.

Den schwierigen Anfang machte die aus Teublitz stammende Tänzerin und Pädagogin Laura Meißauer mit ihrem kurzen Solo „Aufbruch“. Das Besondere an ihrer etwas verschlüsselt wirkenden Choreografie war die Musik, die der eng an der Außenwand des Tanzsaals aufgereihte Heart Chor live vortrug. Der Zugang zu dem zwischen einem In-sich-Gezogensein und dem unbeholfen wirkenden Aufbruch, der kein Ziel zu haben schien, wurde durch die Ablenkung des Chors erschwert. Gänzlich unbeschwert, witzig und leicht wirkte dagegen ihr Trio „SchuhWieDu“, das sie mit Annette Vogel und Sophia Ebenbichler zusammen erarbeitete und tanzte. In Anlehnung an ‚Kleider machen Leute’ hinterfragten die Tänzerinnen mit roten Pumps und Fellschühchen, tiefernster Yogaoptimierungs-Persiflage und gegenseitigen Triezereien in gelungener Weise die Erkenntnistiefe solch äußerlicher Merkmale. Vogel und Ebenbichler tanzten noch einmal gemeinsam. In ihrem Stück „Duett“ verkörperten sie die beiden Instrumente Geige und Klavier einer bewegenden Komposition.

In einem weiteren Duett, welches Tanja Halenke und Maria Golubova vom Nürnberger Staatstheater gemeinsam choreografiert haben, loteten die beiden Tänzerinnen zu einem groovenden Techno-Pop die Abstraktion des Faltens beim japanischen Origami aus. In schwarzen Seidenjacken entfalteten sie in ausgreifenden Sprüngen, vielen Bodenformen und Paarfiguren synchrone Stärke, allerdings gelegentlich auch kleine Unsicherheiten. Die in Russland geborene Golubova stellte später in ihrem Solo „Niemand war’s“ die Leidenschaftlichkeit und Strenge des spanischen Flamencos in neuer Form dar. Romantisch wie Feen erschienen dagegen die fünf Tänzerinnen der Kotch&Rhapsody Tanzcompany in Heidi Hubers Choreografie „Industry“ in ihren leicht fließenden hellblauen Trägerkleidern. Zwischen der Fremdbestimmtheit einer roboterhaften Taktung im beruflichen Alltag und der menschlichen Freiheit, die sich in einer schnellen Leichtigkeit zeigt, entstand eine erhellende Spannung.

Provokation und Verletzlichkeit, aggressives Auftrumpfen und Eingeschüchtertsein, stereotypes Gehabe und natürliche Intimität brachte die Tänzerin Eva Eger in ihrer teils kryptisch-surrealen, teils ironisch herausfordernden Choreografie mit einem englischen Endlostitel zusammen. Mit präzise abgezirkelten Bewegungen, die sie zeitweise reflektierend auf Englisch kommentierte, ließ sie Bilder von Klischees und Stereotypen in den Köpfen entstehen und hebelt sie damit wieder aus. Jede ihrer Gesten und Bewegungen lud sie mit Bedeutung und Affekt auf und stellte sie zugleich geschickt infrage. Spannend, hochemotional und streitbar, lud die Leiterin der „Tanzakademie Helene Krippner“ zum großen Gelächter ein, das sich aus Selbsterkenntnis speist. tanznetz.de 3.7.2018

 

 

Zeitgenössischen Tanz erleben
SOMMERTANZTAGE Velodrom, Alte Mälzerei und Museumsschiff Ruthof sind die Treffpunkte


Der zeitgenössische Tanz ist als spannende und aktuelle Kunstform inzwischen fester Bestandteil des kulturellen Lebens der Stadt. Das Tanzensemble am Theater Regensburg begeistert regelmäßig mit ihren Produktionen. Die Regensburger Tanztage setzen seit vielen Jahren im Herbst immer wieder internationale Glanzlichter des Genres. Nach dem Erfolg der "Sommertanztage" in den letzten beiden Jahren, wird auch in diesem Sommer wieder eine Auswahl an spannenden neuen Tanzproduktionen zu erleben sein.
Möglich wurde diese neue Veranstaltungsreihe, die überwiegend für die junge regionale Tanzszene gedacht ist, durch die von der Alten Mälzerei und dem Kulturreferat der Stadt Regensburg entwickelte "Tanzinitiative Regensburg". "Das Kulturreferat leistet hier wirklich großartige Unterstützung. Von der Beratung der Tanzschaffenden bis zur konkreten Produktionsförderung." (Hans Krottenthaler)
Eröffnet wird das diesjährige kleine Festival mit der "Tanz.Fabrik!Sechs" im Velodrom.  Die TänzerInnen am Theater Regensburg haben hier die Möglichkeit, selbst als Choreografen tätig zu werden. Am 30. Juni sowie am 4. und 9. Juli (jeweils 19.30 Uhr) zeigen Mitglieder des Ensembles insgesamt neun Choreografien zum Thema "Enneagramm", einem Modell aus der menschlichen Typenforschung.
Die Veranstaltung "TanzhochX" bietet am 1. Juli (20 Uhr) im Theater der Alten Mälzerei den wichtigsten Vertretern und jungen Talenten aus Regensburg und der Region gemeinsam mit Leuten der Tanzszene Bayern die Gelegenheit, sich mit ihren aktuellen Arbeiten vorzustellen.
Am 13. Juli (21.20 Uhr und 23 Uhr) zeigen die beiden Choreografinnen Katrin Hofreiter aus Regensburg und Katharina Weinhuber aus Linz auf dem Museumsschiff Ruthof ihr gemeinsam entwickeltes Stück "Zwischenräume": Sie können von den Künstlern und vom Betrachter entdeckt werden und offenbaren nicht nur Offensichtliches.
Die neue Tanzproduktion "WegZeit" des Tanztheater Annette Vogel handelt von Hast, Stress und Zeitmangel unter dem heute viele Menschen leiden. Die Choreografin hat das Stück frei nach dem Roman von Michael Ende mit ihren sechs Tänzern und im Austausch mit mehreren Kindern entwickelt. Zu sehen am 27. und 28. Juli um 20 Uhr und am 29. Juli um 15 Uhr, im Theater der Alten Mälzerei
Die "Sommertanztage" sind Teil der "Tanzinitiative Regensburg", veranstaltet vom Kulturzentrum Alte Mälzerei mit Unterstützung der Stadt Regensburg/Kulturreferat. Tickets gibt es an den jeweiligen Spielorten. Reservierungen sind unter Telefon 0941-788810 bzw. 507 2424 (Velodrom) möglich. Mittelbayerische Zeitung, 12.6.2018

 

Die Alte Mälzerei wird 30
Der Geburtstag der Regensburger Kultlocation wird am Montag, 30. April, mit mehreren Live-Acts gefeiert.


Regensburg. Alt ist nur die äußere Fassade. Das Programm aus Konzerten, Kabarett, Theater, Lesungen und zeitgenössischem Tanz im Kulturzentrum Alte Mälzerei bewegt sich stets am Puls der Zeit. Rund 150 Live-Veranstaltungen gehen jährlich über die Mälzerei-Bühnen.
Zum laufenden Programm kommen immer wieder neue Projekte, Veranstaltungsreihen und Festivals: Vom Kleinkunstfestival über die Regensburger Tanztage bis zum Regensburg Popkultur Festival. Neben der Präsentation aktueller nationaler und internationaler Größen in den verschiedenen Sparten hat die Förderung der regionalen Szene eine besondere Bedeutung. Die Heimspiel-Reihe für regionale Bands steht hier neben dem U20-Poetry Slam, den Sommertanztagen und dem Kabarett-Nachwuchs-Preis. Dabei ist die Alte Mälzerei nicht nur Veranstaltungs-, sondern auch Produktionsstätte und kreatives Zentrum und bietet ein umfangreiches Kurs- und Fortbildungsangebot. Auf den vier Etagen und in mehr als 20 Räumen des Gebäudes sind regelmäßig Menschen in den unterschiedlichen Sparten aktiv von den Musikerübungs- räumen über die Künstlerateliers bis zum Theatersaal. Jährlich finden dort mehr als 200 Workshops statt.
Als wichtiger Ort der Kommunikation und Begegnung ist das Kulturzentrum auch ein Identitätspunkt für den gesamten Stadtteil. Insgesamt fanden in der Alten Mälzerei bislang rund 6000 Veranstaltungen mit weit mehr als einer Million Besuchern statt. Ende letzten Jahres wurde die Alte Mälzerei vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien mit dem Spielstättenprogrammpreis 2017 ausgezeichnet. „Ein Preis, auf den wir sehr stolz sind. Eine schöne Anerkennung für unsere inhaltliche und konzeptionelle Arbeit in den zurückliegenden Jahren“, sagt Geschäftsführer Hans Krottenthaler.
Am 30. April feiert die Alte Mälzerei das 30-jährige Bestehen mit einer großen Geburtstagsparty mit mehreren Live-Acts und DJs auf drei Etagen. Zum Line-Up gehören Isolation Berlin, Swutscher und Unlimited Culture sowie die DJs Achim Sechzig Bogdahn und Markus Otto Köbnik, Thomas Atzmann, das Hurricane Soundsystem, und auch die Gebrüder Teichmann kommen zum Mälze-Geburtstag nach Regensburg. Die Tickets kosten 12 Euro im Vorverkauf. Mittelbayerische Zeitung, 27.4.2018

 

 

„Hier wird erzeugt, geprobt und aufgeführt“
Kulturzentrum Alte Mälzerei prägt seit 30 Jahren mit einem vielfältigen Programm die Stadt

Von Miriam Graf
Regensburg. Das Kulturzentrum Alte Mälzerei wird 30 Jahre alt und feiert den Geburtstag am 30. April mit einer großen Party. Das Fünf-Sparten-Haus hat sich als feste Größe der Regensburger Kulturszene etabliert. Geschäftsführer Hans Krottenthaler hat mit der Donau-Post darüber gesprochen, was die Mälze ausmacht.
Konzerte, Kabarett, Theater, Lesungen und Tanz – das Kulturzentrum Alte Mälzerei ist ein Fünf-Sparten-Haus mit über 150 Live-Veranstaltungen im Jahr. Teil des Programms sind unter anderem die Regensburger Tanztage, die Poetry und Song Slams, die Heimspiel-Reihe mit Festival, das Open Air am Grieser Spitz, das Thurn und Taxis Kleinkunstfestival und das Regensburg Popkultur Festival. „Das macht die Alte Mälzerei aus: Neben dem laufenden Programm konzipieren und realisieren wir auch immer wieder neue Projekte, Veranstaltungsreihen und Festivals“, sagte Krottenthaler. "Einige dieser Formate haben sich inzwischen fest in Regensburg etabliert." Die Vielfalt des Programms mit seinen verschiedenen Reihen und Schwerpunkten gibt das neue Faltblatt zum Geburtstag wider.
Die Mälze wurde am 30. April 1988 gegründet, als eine Kneipe mit Kulturprogramm. Damals wurde nur der große Raum in Erdgeschoss genutzt. „Es gab zuvor keine feste Kultureinrichtung dieser Art in Regensburg“, sagte Krottenthaler. Die Alte Mälzerei wurde gut angenommen und war von Anfang an gut besucht.
Gestartet mit einer Schreibmaschine und Kassettenrekorder
Krottenthaler hat Sozialpädagogik und Betriebswirtschaft studiert und zudem eine Sozial- und Kulturmanagementausbildung absolviert. Er arbeitet seit 1990 bei der Mälze. „Damals hatten wir eine Schreibmaschine, ein Telefon und einen Kassettenrekorder“, erzählt er. "Die Bands verschickten damals zu Demozwecken noch Musikkasetten. Seither hat sich natürlich viel verändert."
Der Geburtstag wurde zunächst als Überlebensfest gefeiert
Jedes überstandene Jahr wurde gefeiert: „Am Anfang wurde der 30. April immer als Überlebensfest gefeiert. Das haben wir dann quasi so beibehalten.“ Dabei musste die Mälze spätestens ab 1993 nicht mehr ums Überleben fürchten, denn in dem Jahr wurde es städtisches Kulturzentrum, das ganze Haus wurde ausgebaut und wird seitdem als Veranstaltungs- und Produktionsstätte genutzt.
Rund 6000 Veranstaltungen fanden bisher in der Mälzerei statt. Seit 1994 ist Krottenthaler für die Programmplanung zuständig. Vielfalt, Aktualität und Qualität sind für ihn wichtig Kriterien bei der  Programmauswahl, aber natürlich auch die Wirtschaftlichkeit.
Mälze erhielt den Programmpreis „Applaus 2017“
Im vergangenen Jahr wurde die Alte Mälzerei vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien mit dem Spielstättenprogrammpreis „Applaus 2017“ ausgezeichnet. „Darauf sind wir natürlich schon stolz. Das ist auch eine schöne Anerkennung für unsere inhaltliche und konzeptionelle Arbeit."
Das Kulturzentrum ist aber mehr als nur ein Veranstaltungsort, es ist auch „Produktionsort und kreatives Zentrum für ein breites Publikum“. Auf vier Etagen und in mehr als 20 dafür zur Verfügung stehenden Räumen sind regelmäßig Menschen in den unterschiedlichen Sparten aktiv. „Es ist jeden Tag viel Leben im Haus. Hier wird produziert, geprobt und zur Aufführung gebracht.“ Die Künstler mieten die Übungsräume, wobei die Gesamtmiete auf alle Mieter umgelegt wird. Dadurch ist die Nutzung der Räume sehr kostengünstig. Im Moment proben 45 Bands und Einzelmusiker in den Proberäumen und acht bildende Künstler arbeiten in den Ateliers. „Viele der Bands die hier proben bekommen hier auch wieder Auftrittsmöglichkeiten“, sagt Krottenthaler. Im Haus finden jährlich auch über 200 Workshops statt.
Das Kulturzentrum kooperiert aber auch gern mit anderen Häusern in der Stadt oder nutzt auch besondere Orte wie die Minoritenkirche bei Tanzveranstaltungen.
Größere Konzerte fanden bislang häufig im Antoniushaus statt, das nun saniert werden muss. „Das ist sehr bedauerlich. Damit verlieren wir zumindest vorübergend einen wichtigen und kostengünstigen Veranstaltungsort“, sagte Krottenthaler.
Die Mälzerei erhält als Kulturzentrum einen Zuschuss der Stadt. Den größten Teil der Einnahmen erwirtschaftet die Mälzerei aber durch den Ticketverkauf und die Vermietung der Räume. In diesem Jahr geht es etwas leichter, berichtet Krottenthaler, denn der Preis „Applaus“ war mit 20 000 Euro dotiert.

Geburtstagsparty
Am 30. April feiert die Mälze ab 20.30 Uhr den 30. Geburtstag Auf drei Etagen gibt es Bands, Liveacts und DJs. Zum Line-Up gehören Isolation Berlin, Swutscher, die DJs Achim Bogdahn, Markus Könbik, die Gebrüder Teichmann und Thomas Atzmann sowie die Reggae-Band Unlimited Culture und das Hurricane Soundsystem. Der Eintritt kostet 12 Euro im Vorverkauf. Donau-Post, 17.4.2018

 

 

Mit bärenhafter Bühnenpräsenz
Das 23. Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival endet mit der „Nacht der Sieger“ und einer faustdicken Überraschung


von Peter Geiger Regensburg. Kabarett – ist das nicht jene Veranstaltung, in der Idealisten, die am Zustand und der Verlogenheit der Welt längst schon verzweifelten, ihrer Enttäuschung Ausdruck verleihen? Und zwar in so himmelschreiend komischer Weise, dass sich das versammelte Publikum vor Lachen biegt. Sodann enthemmt applaudiert. Und am Ende lauthals „Zugabe“ schreit. Ja, so war’s auch am Samstagabend in der voll besetzten Alten Mälzerei, beim „United Comedy 2018“, dem 23. Internationalen Thurn und Taxis Kleinkunstfestival. Da nämlich stand die „Nacht der Sieger“ auf dem Terminplan. Das ist zwar ein bisschen gelogen und könnte für Idealisten schon so etwas wie die Vorstufe zu einer Enttäuschung darstellen. Denn eigentlich überstehen von den fünf Bewerbern nur zwei diesen Abend als Sieger. Derjenige nämlich, der den Preis der fünfköpfigen Jury gewinnt. Und der andere, der die Herzen des Publikums zu erobern vermag. Aber die Sprache der Getränke-Werbung und des Bier-Sponsorentums – sie vertraut im Gegensatz zu dem, was da im Dienste der Entlarvung und Demaskierung auf der Bühne stattfindet, viel lieber aufs Windelweiche und Honigsüße.
Er macht jedes Honigkuchenpferd zum sauertöpfischen Griesgram
Am präzisesten erkannt hat das wohl Peter Fischer, Musikkabarettist aus München, der mit glänzend entblößter Oberzahnreihe die Bühne bespringt. Und während er damit jedes Honigkuchenpferd zum sauertöpfischen Griesgram degradiert, blufft er ins Publikum: „Dieses Grinsen ist echt!“ Sodann trumpft er grandios auf, mit seinem Piano, bedient sich beim Ragtime ebenso wie beim Boogie und klingt zwischendrin wie der musikalische Zwischenkieferknochen von Elton John und Ben Folds und ist textlich bei Kreisler, Roski und Mey in die Lehre gegangen. Er reimt Geduld auf Geld. Und einen heftigen Publikumslacher erwidert er: „Das war noch gar kein Gag!“ Das war brillant gekontert – prompt sprach ihm das Publikum seinen Preis zu.
Helmuth Steierwald dagegen ist ein anderes Kaliber. Als einziger Bewerber des Abends vertraut er allein auf seine Stimme und das Mikro – und ist trotzdem (nicht nur in den Augen der Jury) der Wandlungsfähigste und derjenige, der die tiefsten Abgründe sichtbar werden lässt. Gleich zu Beginn klärt er uns auf: In Wirklichkeit sei „Helmuth“ ja ein Pseudonym, er heiße Emir und sei der Sohn eines Iraners und einer Türkin. Außerdem übe er den Beruf des Lebensmittelchemikers aus.
Stahlgewitterartige Lachsalven
Klingt jetzt ein wenig dröge? Ist in Wirklichkeit aber von umwerfender Wucht. Denn der Poetry-Slam-gestählte 27-Jährige vollbarttragende Doktorand (sein Forschungsthema ist die menschliche Niere) hat eine bärenhafte Bühnenpräsenz. Und versteht es quasi aus dem Stand, sein Publikum so diabolisch einzuseifen und einzulullen, dass es sich schockgefrostet wiederfindet, im Lachschauer. „Immer wieder werde ich gefragt: Feierst Du eigentlich Weihnachten?“ Es folgt eine bedeutungsschwangere Pause. „Wir feiern zuhause den 11. September.“ Irritation. Eisernes Schweigen. „Da hat meine Mutter Geburtstag.“ Stahlgewitterartige Lachsalven. Das ist die Fallhöhe, von der Helmuth Steigerwald aus operiert.
Schade war, dass der Kandidat mit dem rundesten Programm, der rappende und die Reime kickende Bumillo aus Rosenheim am Ende leer ausging. Dieses Schicksal freilich teilte er mit der höchst sympathischen und noch ziemlich jungen Niederbayerin Andrea Limmer, die mit breitestem Grinsen und Ukulele wirklich sehr herzig war. Ebenso wenig zu grämen braucht sich Christina Baumer – die rotblonde Lokalmatadorin aus der Oberpfalz. Als „Chris und Tina“ spaltete sie ihre Persönlichkeit auf und offeriert dem Publikum höchst Komisches und Niedrigschwelligstes. Sodass am Ende Moderator Jörg Schur doch recht behalten sollte, mit seinem im Boxkampfstyle hinausgebrüllten Motto „Nacht der Sieger“! Mittelbayerische Zeitung, 25.3.2018

 

 

Die Leute zahlen für den ganzen Rocko
Entertainer Schamoni lässt in der Regensburger Alten Mälzerei durchblicken, wer er wirklich ist. Das kommt beim Publikum an.


Von Daniel Pfeifer
Regensburg. Rocko Schamoni ist einfach ein begnadeter... ähm... Also er macht wirklich fantastische... Wie soll man sagen? Er ist zumindest für das, was er tut, wahnsinnig bekannt und beliebt. Gut, wer sich für Rocko Schamoni interessiert und das hier liest, weiß es wohl selbst am besten. Am Mittwochabend war der kultige norddeutsche Musiker, Autor, Ex-Clubbesitzer und Entertainer in der Alten Mälze in Regensburg zu Gast.
Ein Videointro läutet die „Rocko-Schamoni-Schau“ ein. Es zeigt den Künstler in der Garderobe, in Selbstzweifel verheddert. Im nahtlosen Übergang spurtet er auf die vollgerümpelte Mälze-Bühne an einen kleinen Lese-Tisch. Einige Minuten liest er kleine Geschichten, von Altersdummheit und den eigenartigen Menschen, die sein Leben bevölkern.
Gegen den Mainstream
So besonders an das ungeschriebene Bühnen-Protokoll für Autoren und Kabarettisten hält er sich dabei nicht. Er schweift ab, improvisiert, spielt wie ein gelangweilter Teenie mit dem Mini-Mischpult, an das sein Mikro angeschlossen ist und nimmt die übliche Publikums-Schleimerei aufs Korn. Von wegen „bestes Publikum, tollste Stadt überhaupt“ und so.
Ziemlich Meta. 51 Jahre alt, davon 36 auf der Bühne und trotzdem noch gegen den Mainstream. Aber was erwartet man schon von jemandem, der sagt, er sei 1981 einer der ersten Punker von Lütjenburg gewesen? Einer, der nie die großen Hits hatte oder die Wahnsinns-Bestseller, aber trotzdem Zuschauer und Künstlerkollegen irgendwie in den Bann zieht. Seine zweistündige Show ist ein bisschen wie eine coole, alternative Radiosendung, die zu einer so späten Uhrzeit läuft, dass alle Regeln und Quoten über Bord geworfen wurden. Immer wieder kurze, launig vorgetragene Textausschnitte zwischen einer bunten Auswahl von Songs, die Rocko an der Gitarre zusammen mit Musikpartner Matthias Strzoda spielt. Das ist auch das Herz von King Rocko Schamoni: die Musik. Als Jugendlicher ließ er sich vom Punk aus Großbritannien verführen, schmiss die Realschule und machte dann eine Töpferlehre mit anderen schwererziehbaren Jugendlichen. Doch dann zog er nach Hamburg, machte im Keller eines alten Hauses im Schanzenviertel den Pudel Club auf, wo Helge Schneider seinen ersten Hamburg-Auftritt hatte.
Mit Depression gekämpft
Als King Rocko Schamoni veröffentlichte er Songs, wie das 1999 erfolgreiche „Der Mond“, kandidierte für die Satirepartei DIE PARTEI und schrieb halb-autobiografische Bücher wie „Dorfpunks“. Darüber hinaus ist er Teil des Künstlertrios „Studio Braun“ mit Heinz Strunk und Jacques Palminger. Sie verstünden sich so gut, erzählte er in einem Interview, weil alle drei ihr Leben lang mit Depression zu kämpfen hatten.
Das versuchte Rocko Schamoni auch bei seiner Schau in der Mälze nicht zu verbergen. Die Leute zahlen für genau das: den Menschen Rocko mit allem, Licht und Schatten, Fehlern und Texthängern, Comedy und traurigen Liedern. Er ist einer, der es wirklich kapiert hat. Das Leben im Hamburger Underground und genauso diesen ganzen Bühnen-Mist. Einer, der einen Raum lesen kann. Der nicht einfach „Und jetzt alle mitsingen“ wie eine robotisierte Anweisung seinen Zuhörern im Dunkel der Mälze an den Kopf wirft. Einer, der nicht zwanghaft einen Witz aus allem machen muss. Einer, der zum Schluss zwei Lieder spielt, die keine Pointe haben.
Im Abseits der Bühnenstrahler begleitet er mit schweifendem Blick und glühender Kippe im Mundwinkel Matthias Strzoda bei dessen eigenem Song „Ein altmodischer Tanz“ – Melancholie im Dreivierteltakt. Direkt übernommen aus einem vergessenen Lied der tragisch jung verstorbenen englischen Sängerin Sandy Denny von 1974. „Leben heißt sterben lernen“ ist Rockos letztes Lied. Unter dem Applaus der Zuhörer verlässt er die Bühne. Mittelbayerische Zeitung, 8.3.2018

 

Cosby bietet Pop mit Mitsingfaktor
Die Münchner Band stellte ihr neues Album „Milestone“ in der Regensburger Mälze vor – leider vor leeren Reihen.


Von Paul Bockholt
Regensburg. Es ist so eine Sache mit deutschem Pop. In den letzten Jahren hat sich viel getan in den Charts. Viel mehr deutsche Musiker sind mittlerweile dort vertreten. Damit geht aber auch einher, dass sich nur selten etwas vom Einheitsbrei abhebt; nicht nur bei den großen Nummern, sondern auch im Indie-Pop. Cosby schaffen es trotzdem, mit ihrer Musik im Gedächtnis zu bleiben. Mit guten Einfällen und einer tollen Show.
20 Minuten vor Beginn ist die Alte Mälzerei noch größtenteils leer. Und der Raum vor der Bühne wird sich auch im Laufe des Abends nur bis zur Hälfte füllen. Das ist schade für Veranstalter und Musiker. Cosby selbst sagen, dass der Gig in Regensburg im Lauf ihrer Tour der mit den schlechtesten Verkaufszahlen gewesen sei. Am grundsätzlich fehlenden Interesse lag es vielleicht gar nicht, sondern wohl eher an der vorlesungsfreien Zeit in der Studentenstadt Regensburg. Doch Cosby gehen mit den leeren Reihen souverän um: Die Sängerin bittet das Publikum, nah an die Bühne zu rücken, und schon wirkt der Raum nicht mehr so leer. Zuvor spielt aber erstmal die Vorband, besser: der Vor-Mann. Malik Harris groovt das Publikum ganz allein mit seinem Loopgerät mit gut geschrieben Singer-Songwriter-Nummern ein. Die sind ein gutes Stück ruhiger als die teils recht krachigen Tanznummern der Hauptband. Doch in der schönen Wohnzimmeratmosphäre vor der Hauptbühne der Mälze passt das sehr gut. Nicht zuletzt, weil Malik auch Entertainer-Qualitäten beweist und mit einigen gut plazierten Witzen die Stimmung schön locker macht.
Fast gruselig perfekt
Cosby lassen zunächst auf sich warten. Als es endlich losgeht, nimmt Sängerin Marie Kobylka, die im Laufe des Abends schier unendliche Ausdauer beim ausgelassenen Tanzen beweist und dabei trotzdem jeden Ton glasklar trifft, auf der Klavierbank Platz. Schon der erste Song zeigt zwei der größten Qualitäten von Cosby auf. Erstens: Technisch ist alles fast ein bisschen gruselig perfekt. Der Sound von Cosby klingt nicht nach Newcomer, sondern vielmehr nach arrivierter Pop-Ikone. Stilistisch lässt er sich irgendwo zwischen MGMT und Naked and Famous verorten. Jeder Ton sitzt und ist gut abgemischt, Christoph Werner glänzt sowohl am Keyboard als auch mit einigen schön im Set platzierten Gitarren-Soli. Kilian Reischl, der den seltenen Anblick eines nicht ausnahmslos stoisch dastehenden Bassisten bietet, spielt einen tollen funky Bass und ist dabei genauso präzise und gefühlvoll wie Schlagzeuger Robin Karow.
Die drei Herren halten sich meist im Hintergrund. Sie bringen Marie Kobylka zur Geltung, die trotz ihrer sehr energetischen Präsenz auf der Bühne jeden Ton exakt trifft und ihre kraftvollen Höhen gut einzusetzen weiß. Ihr ist es auch zu verdanken, dass das zu Beginn noch scheue Publikum am Ende des Abends fast bis zum letzten Mann tanzt. Ihren Lohn haben sich die Musiker mit einer treibenden Show und viel Schweiß verdient: Sie ernten kräftigen Applaus – und wenn man die Augen schließt, kann man nicht glauben, dass die Mälze nicht einmal zur Hälfte ausverkauft ist.
Hinhörtipp: „Everlong“
Zwei Zugaben machen den Abend perfekt. Die Refrains der Songs beschränken sich meist auf aneinandergereihte Vokale, was einen guten Mitsing-Faktor ergibt. Wenn Cosby weiterhin so kreativ und leidenschaftlich Songs schreiben und auf die Bühne bringen, könnten sie bald die nächste große Nummer im Elektro-Pop werden.
Ein besonders empfehlenswerter Anspieltipp ist das Cosby-Cover des Foo-Fighters-Songs „Everlong“, das auch am Montagabend in Regensburg zu hören war. Es zeigt exemplarisch, wie Cosby trotz klassischem Sound allein mit pfiffigen Ideen etwas ganz Besonderes aus einem eigentlich simplen Stück machen können. Das und die Stimme von Kobylka machen diese Version dem Original mindestens ebenbürtig. Mittelbayerische Zeitung, 7.3.2018

 

 

Dieser Mann schluckt auch Luftstangen
Marc Haller bringt Tische zum Tanzen und gibt Zauberei einen tieferen Sinn. Die Gäste in der Alten Mälzerei sind hin und weg.


Von Florian Sendtner
Regensburg.„Der Applaus ist das Brot des Künstlers.“ Kurze Pause. „Jetzt wissen Sie auch, warum ich so dünn bin.“ Erwin aus der Schweiz steht auf der Bühne der Alten Mälzerei: schwarze Brille, schwarze Fliege, schwarze Weste. Und rote Kniestrümpfe zur Hochwasserhose. Dazu das linkisch-schüchterne Gehabe von einem, der zum ersten Mal auf der Bühne steht. Das stimmt nicht ganz: Marc Haller, 30 Jahre alt, Absolvent diverser Zauber- und Schauspielschulen, räumt gerade einen Preis nach dem andern ab. Und die ausverkaufte Mälzerei bekommt in einem zweistündigen buchstäblich bezaubernden Programm vorgeführt, dass das nicht von ungefähr kommt.
Erwin knotet seine Fingern und berichtet aufgekratzt, wie sehr es ihn gefreut habe, für 5000 Euro engagiert zu werden. Man wundert sich schon über die astronomische Summe, aber die Pointe kommt erst: „Ich habe die 5000 Euro dann auch recht zügig überwiesen.“ Im nächsten Moment hat Erwin einen Zauberwürfel in der Hand, müht sich erst vergeblich damit ab, wirft ihn schließlich in die Luft – und fängt einen Würfel auf, der gelöst ist. „Jetzt wissen Sie auch, wie das in der Schweiz funktioniert, wie man aus Multikulti Monokulti macht!“
Ein Glas Limo aus dem Ärmel
Die Zauberei hat bei Marc Haller meistens eine tiefere Bedeutung, aber während man noch darüber nachdenkt, ist der gelöste Zauberwürfel zur Handgranate mutiert und explodiert, und der Meister ist schon wieder bei der nächsten Nummer: ein Glas Limo aus dem Ärmel zaubern oder Schwarzgeld – große, blinkende Münzen – aus der Luft zu greifen, wobei er nicht versäumt, auf das spezifisch Schweizerische dieser Darbietung hinzuweisen.  Das Erfolgsgeheimnis dieses Zauberers liegt darin, dass Marc Haller die Magie der Zauberkunst nicht nur mit Kabarett verknüpft, sondern auch der Emotionalität gehörig Raum gibt. Da verblüfft er mit einer rein mathematischen Denksportaufgabe, fragt einen Zuschauer nach dessen Jahrgang, der nennt 1960, Haller schreibt „60“ auf eine Tafel und dann in Windeseile in vier Reihen 16 Zahlen darunter, die in jeder erdenklichen Reihenfolge (hoch, quer, diagonal) immer 60 ergeben. Und im nächsten Moment löst er, wieder auf einer großen Tafel, ein „Lebenspuzzle“, dessen verquere Teile er immer wieder zu einem Ganzen zusammenfügt, das wundersamerweise auch noch in den gleichen Rahmen wie zuvor passt.
Am Krawattl gepackt
Wenn er auch noch zum Kanon von Pachelbel seinen Großvater wiederauferstehen und sich von ihm sanft streicheln lässt, schrammt das ganze schon hart an der Grenze zum Kitsch entlang. Aber die Zuschauer lassen ihm alles durchgehen. Dieser Erwin versteht es meisterhaft, sein Publikum emotional am Krawattl zu packen und nicht mehr loszulassen.
Man fühlt sich bereits rundum aufgehoben, da bittet Marc Haller wieder einen Mann aus dem Publikum auf die Bühne und dirigiert ihn dort mit der größten Höflichkeit herum: er möge sich doch bitte ein kleines bisschen weiter nach links stellen: „Einfach in die Mitte der Falltür, sonst tut’s bisschen weh!“ In dem Fall ist das natürlich nur ein kleiner Gag nebenbei, aber gedankliche Falltüren tun sich bei Erwin am laufenden Band auf. Da hält er sich das Mikrophon nach einer Playback-Panne ans laut pochende Herz, anschließend ans Hirn, es ertönen Faxgeräusche und als er es versehentlich zwischen die Beine hält, hört man eine sich vor Eigenlob überschlagende Wahlkampfrede von Donald Trump.
Zwischendurch wird das Publikum mit Kalauern bei der Stange gehalten, dabei könnte Marc Haller seinen Zuschauern durchaus ein bisschen mehr zumuten. Aber wenn er am Ende als lebende Sanduhr den Sand abwechselnd aus der linken und dann wieder aus der rechten Faust rieseln lässt, und der Sand kein Ende zu nehmen scheint, gibt es sowieso rauschenden Beifall.

Verklemmt und liebenswürdig
Zauberei und Schauspiel
Marc Haller ist ein Hansdampf in allen Gassen. Bereits mit 14 Jahren von der Zauberei begeistert, führte sein Weg ihn nach Verscio (TI) in die Scuola Teatro Dimitri, dann in die Lee Strassberg-Schauspielschule nach New York und nach Wien.
Das Alter Ego
Das schrullige Alter Ego ist „Erwin aus der Schweiz“. Der schräge, etwas verklemmte, jedoch stets liebenswürdige Schweizer ist die Hauptfigur in seiner Show, die eine raffinierte Mischung aus klassischer Comedy und Zauberei ist.
Mittelbayerische Zeitung, 19.2.2018

 

 

Wo die wilden Gitarren-Soli klingen
Wishbone Ash zeigen ein harmonisches Best-of in der Alten Mälzerei und eine ehrfurchtgebietende musikalische Qualität.


Daniel Pfeifer. Regensburg. Das Gitarrensolo – ein akut vom Aussterben bedrohtes Stilmittel. Ihren natürlichen Lebensraum in den Hitparaden hat es weitgehend verloren, verdrängt vom hochanpassungsfähigen Rap-Break oder Bassdrop. Heute findet man es vor allem in den Nischen der Musikwelt, in dunklen Kellern, Bars und auf Rockfestivals. Experten konnten am Mittwochabend im Regensburger Rockmusik-Biotop der Alten Mälze ein besonders seltenes und farbenfrohes Exemplar bewundern: Wishbone Ash heißt es und ist ein Paradebeispiel für den Twin-Guitar-Sound. Wie viele ihrer Gattung haben sie ein äußerst langes Leben.
Seit 1969 existiert die legendäre britische Rockband um Frontmann und Gitarristen Andy Powell. Längst allerdings nicht mehr in Originalbesetzung. Der berühmte Gitarrenpartner Powells, Ted Turner, ist nicht mehr Teil der Band. Auch Bass und Schlagzeug wurden inzwischen ersetzt. Und Achtung Verwechslungsgefahr: Auch der ehemaligen Bassist der Band, Martin Turner, tourt heute noch unter dem Namen „Martin Turner‘s Wishbone Ash“.
Der neue Gitarrist des Originals ist seit einem halben Jahr Mark Abrahams und hat große Fußstapfen zu füllen. Denn Wishbone Ash ist ähnlich wie Jeff Beck und Jimmy Page in den legendären „Yardbirds“ ein Stempel der Gitarrengeschichte, als eines der berühmtesten Gitarrenduos der 70er, mit Synchron-Solos von einer Viertelstunde und mehr. Mit Progrock-Symphonien wie „Phoenix“ schafften sie Stoner-Hymnen für die Ewigkeit.
Über vier dutzend (Live-)Alben brachten sie über die Jahrzehnte heraus. Bis heute jedoch leben sie von den Geniestreichen der ersten Jahre, ihrem Debütalbum und den Nachfolgern „Pilgrimage“ und „Argus“. Um die Jahrtausendwende kamen auch unverständliche Alben dazu, die der Legendenbildung eher nachträglich sind, in denen Techno und Dance die vielschichtige melodische Musik der Band überschwemmte. Alben, die so einige Fans der ersten Stunde, die in der Mälze am Mittwoch den Großteil ausmachten, wohl entweder gar nicht erst kannten oder lieber verdrängen. Zumindest die Liveshows sind eine stilistisch harmonische Best-of-Revue.
Die Alte Mälzerei nimmt ihre Rolle als Bewahrer der musikalischen Vielfalt wieder mal verantwortungsvoll wahr: Voll besucht und mit einer Band, die schon Stadien bespielt hat und für die seinerzeit sogar Deep Purple Werbung gemacht hatte. Eine Band, die heute vielleicht keine Hitmaschine mehr ist wie in den 70ern und auch etwas in Vergessenheit geraten ist, aber deren Feuer auf der Bühne kaum weniger hell brennt und deren ehrfurchtgebietende musikalische Qualität an der E-Gitarre auch nach einem knappen halben Jahrhundert an nichts eingebüßt hat. Mittelbayerische Zeitung, 19.1.2018

 

Ein Abend mit Familie Schmidbauer
Auf seiner „Bei Mir“-Tour präsentiert der Liedermacher Werner Schmidbauer einen besonderen Bühnengast: seinen Sohn Valentin.


Von Michael Scheiner
Regensburg. „Den Song“, gibt Werner Schmidbauer mit verheißungsvoller Miene preis, habe er vorher nie öffentlich gespielt, „der existierte eigentlich nur in meinem Kopf“. Das Vorher bezieht der Liederschreiber auf die Zeit vor seiner Solotour, die im vergangenen Herbst gestartet ist und bis zum Frühjahr andauert. Es war die Zeit, als der Aiblinger mit seinem langjährigen Partner Martin Kälberer und dem sizilianischen Cantautore Pippo Pollina große Erfolge feierte, die mit einem ausverkauften Konzert in der Arena von Verona ihren Höhepunkt fand.
Danach nahm sich der bayerische Barde eine Auszeit, löste oder unterbrach die Partnerschaft mit Kälberer und kehrte nach einem Jahr zurück auf die Bühne. Mit dabei, mehrere akustische Gitarren, einige Mundharmonikas – „mein Orchester“ – und eine Auswahl „bekannter, alter und fast vergessener Lieder“, an die er sich bei der Recherche wieder erinnerte.
Die Alte Mälzerei gehörte für Schmidbauer als Wunschspielort unbedingt in den Tourplan, verbindet er doch jede Menge Erinnerungen an Auftritte, eine Liveaufnahme und „das tolle Team um Hans Krottenthaler“ damit. Vor voll besetzten Stuhlreihen – das Konzert war lange vorher ausverkauft – erzählt er kurz vor der Pause, wie ihm besagter Song nach einem Konzert mit Chuck Berry in der Olympiahalle 1980 durch den Kopf geschossen sei. In einem wilden Bluesritt, bei dem er sich auf der Harp begleitet, singt er, wie „ich Chuck in der Fußgängerzone begegnet bin“ und der ihn einlädt nach Amerika mitzukommen.
Dann wird er moralisch
Aber angesichts von „dirty Donald“ lehnt Schmidbauer lieber ab: „I bleib’ lieber da!“ Der launig-pointierte R&B-Song, der an die Anfangsjahre der Münchner Spider Murphy Gang erinnert, wo sich Schmidbauer damals ja bewegte, fällt hörbar aus dem musikalischen Rahmen, in welchem sich Schmidbauer heute bewegt.
Bewegt er sich im ersten Teil des Konzertes mit Liedern aus seinen Alben „Momentnsammler“ und „oiweiweida“ eher in Bereichen persönlicher Geschichten, Liebesliedern und Balladen, wird er in der zweiten Hälfte immer mal wieder allgemein gesellschaftlicher und moralisch deutlicher.
Aus dem Nichts tritt Valentin
Beim „Lied zum Mitjammern“ ergießt er mit lustvollem Sarkasmus Hohn und Spott über Bürger, die in ihrer Wohlstandsblase nichts besseres zu tun haben, als unablässig den Niedergang zu beschwören. „Mei geht’s uns heit wieda schlecht!“ singt das Publikum den Refrain voller Begeisterung mit. Schmidbauer ist reflektiert, kennt viele Zwischentöne, und nähert sich dennoch mit diesem Lied einem anderen Liedermacher-Original – Hans Söllner – an, der eher böse Attacken reitet.
Schon im nächsten Song, „Novembermeer“, schiebt er alles „grau und neblig(e)“ wieder beiseite und macht sich „auf`n Weg / auffa in de Sonna“. Dabei wird er von einer unsichtbaren Zweitstimme unterstützt. Die entpuppt sich dann als Valentin Schmidbauer. Der in Berlin lebende 29-jährige Sohn, ebenfalls ein Liedermacher, war bereits früher gelegentlich mit seinem berühmten Vater zu hören. Als besserer Instrumentalist von den beiden, präsentierte er sich vor dem durchweg sehr wohlwollenden Publikum mit zwei seiner eigenen Songs.
Auf des Vaters Spuren reißt der stimmlich mit einem leicht dunkleren Timbre ausgestattete Songschreiber persönlich schwierige Lebenssituationen an – und gelangt auch zu einer positiven, optimistischen Stimmung. Wobei er, auch das gehört dazu, deutlich poetischer bildhafter textet, als der eher prosaisch und gradlinig veranlagte Dad, mit dem er „eine Fetzngaudi und endlich wieder viel Zeit zum reden, quatschen und lachen“ hat. Ganz im Sinn „Lacha und lebm“, den der Vater neben „wo bleibt die Musik?“, „Des Leben“ und andere auch in seinem stimmigen Soloprogramm hat. Gemeinsam zogen die beiden am Schluss noch über die „Zeit der Deppen“ her – den Text aktualisiert und aufgemöbelt. Mittelbayerische Zeitung, 18.1.2018

 

 

Großer Auftritt für Kleinkunst
Das Thurn und Taxis Kleinkunstfestival steht wieder bevor. Wer lachen will, sollte sich diese sieben Termine merken.


Comedy und Zauberei mit dem Erwin aus der Schweiz
Mit seiner Kunstfigur „Erwin aus der Schweiz“ sorgt Marc Haller, der Gewinner des „Prix Walo 2013“ und des „Swiss Talent Award 2014“, schon seit ein paar Jahren für ausverkaufte Häuser in der Schweiz wie auch in Österreich. Nun setzt er seine Erfolgsgeschichte in Deutschland fort. Am Samstag, den 17. Februar, kommt er in die Alte Mälzerei nach Regensburg. Der schräge, etwas verklemmte jedoch stets liebenswürdige Schweizer Erwin ist die Hauptfigur in seiner Show. Und diese Show hat es in sich! Sie ist nicht klassische Comedy und auch nicht klassische Zauberei. Sondern eine raffinierte Mischung aus beidem.
Kabarett und Musik mit Hosea Ratschiller und RaDeschnig
Der Kabarettist Hosea Ratschiller erhielt für „Der allerletzte Tag der Menschheit“ 2016 den Österreichischen Kabarettpreis und 2017 den „Salzburger Stier“ und hat somit den Oscar und den Golden Globe der deutschsprachigen Kleinkunst abgeräumt. Mit dieser lustvoll satirischen Collage ist ihm ein facettenreiches, aktuelles Endzeit-Szenario gelungen, das mit intelligentem Witz, mildem Spott und respektvoller Nähe zu Karl Kraus das Abgründige unserer Gegenwart aufdeckt. Am 24. Februar in der Alten Mälzerei in circa 43 Rollen zu sehen: Hosea Ratschiller; Musik: RaDeschnig
Internationaler Dichterwettstreit: Wortsport
Poetry Slam ist Wortsport, ist rasante Darbietung zeitgenössischer Literatur, ist eine Lesung der ganz anderen Art mit Publikumsabstimmung und eines der letzten großen Abenteuer für Fans von Literatur und Intelligenz. Der Poetry Slam in der Mälzerei gehört zu den beliebtesten Veranstaltungen dieser Art in Süddeutschland. Saison-Höhepunkt des Jahres ist der Super Slam am 2. März. Dieser gilt als Offene Regensburger Poetry Slam Meisterschaft und vereint eine Auswahl von Champions aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.
Impro-Match des Jahres: Fastfood vs. Quintessenz
Die Besten gegen die Besten, lautet das Motto beim alljährlichen Improvisationstheater-Höhepunkt. Beim Gipfeltreffen der Improtheater-Großmächte wird zwar traditionell mehr mit- als gegeneinander gespielt und Attacken werden lediglich auf das Zwerchfell geritten. Aber am Ende kann es nur einen Gewinner geben. Aus Österreich kommen diesmal die fantastischen Quintessenz Impro um sich mit Deutschlands erfolgreichstem Impro-Team vom Fastfood-Theater zu messen. Ein Muss also für Fans von schneller Spontan-Comedy! Die Auseinandersetzung steht am 3. März in der Alten Mälzerei an.
Die Science Busters erklären wieder die Welt
Topwissenschaft und Spitzenhumor müssen keine Feinde sein! Das beweisen der Kabarettist Martin Puntigam, Wissenschafts-Blogger Florian Freistetter und Molekularbiologe Helmut Jungwirth mit Experimenten und Pointen. Zum zehnjährigen Jubiläum beantworten die Science Busters alle Fragen, die seit der Erdentstehung noch offen sind: Kann man in einem Schwarzen Loch zu spät kommen? Wie entsorgt man eine Raumstation? Ist der Leib Christi glutenfrei? Die Show wurde mit dem Deutschen Kleinkunstpreis 2016 und dem Salzburger Stier 2018 ausgezeichnet. Am 9. März kann man sie im Antoniushaus in Regensburg erleben.
Die Absurd-komischen Liedermacher Simon & Jan
Simon & Jan kombinieren sanfte, melodiöse Kompositionen – gespielt auf zwei Akustik-Gitarren – mit scharfzüngigen, oft absurd-komischen Texten. Dafür werden die neuen Shooting-Stars der Kabarett-Szene mit Preisen geradezu überschüttet. Im vergangenen Jahr erhielten sie den Deutschen Kleinkunstpreis und den Bayerischen Kabarettpreis und ihre Videos werden hunderttausendfach geklickt. Simon& Jan verkörpern die Generation der Liedermacher 2.0 aufs Vortrefflichste. Zum Festival kommen sie am 17. März mit ihrem neuen Programm „Halleluja!“ in die Alte Mälze.
Am 24. März werden in der Mälze die Sieger gekrönt
Im Rahmen des Festivals wird in diesem Jahr wieder der Thurn-und-Taxis-Kabarettpreis Regensburg vergeben. Aus einer bayernweiten Ausschreibung wurden in einer Vorauswahl fünf Teilnehmer ausgewählt, die am Abend des 24. März mit einem Programm von 20 Minuten in der Alten Mälzerei auftreten. Eine Jury und das Publikum bestimmen, wie die Preise vergeben werden. Mit dabei sein werden: Andrea Limmer aus Niederbayern, Christina Baumer aus der Oberpfalz, Bumillo und Peter Fischer (aus Oberbayern sowie Helmuth Steierwald aus Mittelfranken. Die Moderation übernimmt Jörg Schur. Mittelbayerische Zeitung, 16.1.2018

 

Konzert des Jahres 2017
Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2017 in der Mälze ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2017 heißt: KÄPTN PENG & DIE TENTAKEL VON DELPHI - knapp vor KOFELGSCHROA. Gratulation nach Berlin. Vielen Dank an die vielen Teilnehmer, die sich bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2017 beteiligt haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.

Konzerte des Jahres 1996 bis 2017: Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013), La Brass Banda (2014), Fiva & Band (2015), Moop Mama (2016), Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi (2017)

 

Rappen über Tolstoi und Mathe
Käptn Peng besingt ein sinnloses Leben in ausverkauften Sälen. Der „Sockosoph“ trifft in Regensburg begeisterte Fans.


Von Daniel Pfeifer Oh Käptn, mein Käptn! Wie gut kann Hip Hop schon sein, wenn man ein abgeschlossenes Literatur- und Philosophie-Studium braucht, um zu verstehen, worum es in den Texten geht? Nun ja, die Berliner Band Käptn Peng & die Tentakel von Delphi ist erst fünf Jahre alt, hat es aber geschafft, aus dem Stand heraus eine unglaubliche Fangemeinde aufzubauen. Am Donnerstagabend spielte die Formation im ausverkauften Antoniushaus Regensburg. Zu erleben war ein gewaltiges zweieinhalbstündiges Konzert voller Existenzialismus und Nonsens.

Um jetzt mal die Musik der Band mit dem sehr langen Namen zusammenzufassen, vier Zeilen aus „Sockosophie“ aus ihrem Durchbruchalbum 2013: „Identität ist etwas Überpersönliches, Ja und Nein sind nichts Unversöhnliches. Schwarz und Weiß sind beide Licht und die Nonexistenz, die gibt es nicht.“ Gut, um den Kontext zu verstehen, muss man wissen, dass der Song ein Streitgespräch von Frontmann Robert Gwisdek mit einer Socke auf seiner Hand ist, über den Ursprung allen Seins und die Relativität der menschlichen Wahrnehmung.

Für den Deutschen Filmpreis nominiert
Zu den Dada-Texten passte die abgefahrene Bühnenshow der Band: Allein das Instrumente-Arrangement der beiden Perkussionisten erstreckt sich über Kuchenbleche und Töpfe, Triangeln, Glöckchen und eigentlich alles, was ungewöhnliche Sounds erzeugen kann. Und so komplex die Texte von Frontmann Gwisdek auch sind, warf er immer wieder Freestyles zwischen die Songs, in denen er auch mal über Tolstoi und Mathematik rappt. Nicht schlecht die Impro-Fähigkeiten, aber eigentlich ist Gwisdek ja auch studierter Schauspieler und er war sogar schon einmal für den Deutschen Filmpreis nominiert. Dass so etwas in der Studentenstadt Regensburg phänomenal ankommt, kann man sich denken. Und tatsächlich hätte man das Publikum im Antoniushaus auch mit einer Studenten-Fachschaftssitzung verwechseln können.

Vor einigen Monaten brachte die fünfköpfige Band um die Gwisdek-Brüder Robert (Käptn Peng) und Johannes (Shaban) auf ihrem eigenen Label ihr aktuelles Album heraus: „Das Nullte Kapitel“. Seitdem touren sie durch den ganzen deutschsprachigen Raum. Von Regensburg aus ging es am nächsten Tag direkt weiter nach Graz, ins Orpheum. Natürlich auch ausverkauft. In ihren Texten mögen sie sich mit der Sinnlosigkeit des Lebens auseinandersetzen, in der harten Realität sind sie aber zielgerichtet auf Erfolgskurs. Mittelbayerische Zeitung, 11.12.2017

 

 

Der Mensch in der Welt: ein Panoptikum
Verzaubernd und verstörend: Zum Abschluss der Tanztage zeigte das „Balé Teatro Guaíra“ Stücke deutscher Choreografen.


Von Michael Scheiner
Regensburg.Sie rempeln, treten, schlagen einander. Zwei Männer, Tänzer, boxen, knuffen, umkreisen sich wie Jungs, die nur im spielerischen Ernst – hier dem Tanz – zugeben können, dass sie sich hingezogen fühlen zueinander, vielleicht sogar insgeheim verliebt sind. Es ist der Charme, der die Attraktivität eines Menschen ausmacht. Ihm erliegen wir alle – außer vielleicht auf ausgesprochene Misanthropen. Beim letzten Abend der 20. Regensburger Tanztage mit dem brasilianischen Ensemble „Balé Teatro Guaíra“ macht die Choreografie des Ulmers Roberto Scafati deutlich, welche Kraft und emotionale Intelligenz diesem Phänomen innewohnt.
„Charme“ ist während eines künstlerischen Austauschs drei deutscher Choreografen mit der Tanztruppe im brasilianischen Curitiba entstanden. Neben Scafati waren daran Katja Wachter aus München mit „I Share“ und der Berliner Christoph Winkler mit dem programmatischen Stück „Lost My Choreographer on My Way to the Dressing Room“ („Auf dem Weg zum Umkleideraum bin ich meines Choreografen verlustig gegangen“) beteiligt. Daraus ist der Tanzabend „Balé Teatro Guaíra tanzt Wachter – Winkler – Scafati“ entstanden, mit dem das Ensemble erstmals tourt. Ihr Auftritt im voll besetzten Uni-Theater war ein letzter Höhepunkt des Tanz-Festivals.
Ein tapsiger Tango
Der dicke Nebel, der die Bühne anfänglich einhüllt und eher uncharmant an London mit seinen gruseligen Ripper-Mythen erinnert, verzieht sich wie die Tänzer, die scheinbar planlos aneinander vorbeihasten. Angelockt von unwiderstehlicher Anziehung, dem Charme Einzelner, treten dann Tänzer mal als Paar auf, wo sich ein spröder Teil eher widersetzt, nachgibt und wieder verhärtet. Bei einem anderen wird charmant antichambriert, ein Charmebolzen gewinnt die Herzen mit strahlendem Leuchten, und eine Männergruppe zelebriert die Verehrung einer Diva in einem zeremoniellen Ritual. Auch wunderbar komische Situationen leuchtet ein Paar beim Tango aus, wenn „seine“ tapsigen Annäherungsversuche von „ihr“ brüsk abgewehrt werden. Insgesamt etwas langatmig, überzeugte „Charme“ mit raumgreifendem Ensembletanz, Duetten und Kleingruppen. Ausdrucksstark und mit emotionaler Vehemenz getanzt, strotzt es einmal von kraftsprühender Energie, um dann wieder in eine ironisch-distanzierte Leichtigkeit zu wechseln.
Teilen bis zur Ausbeutung
Einem bitterbösen Kommentar übers „Teilen“ im digitalen Zeitalter gleicht Wachters manchmal etwas plakative Tanzerzählung „I share“. Geteilt wird heute vieles. Manchen Anhängern gilt „sharing“ als Heilsversprechen. Auf Facebook im Netz und anderen Plattformen geteiltwerden Gefühle und Klamotten. Meist ist es kein Teilen wie von Graswurzelbewegungen propagiert, sondern es stecken neue Formen der Ausbeutung und Ausnutzung dahinter.
Sie führen zu zwanghaftem Verhalten und einem Verlust an Individualität, wunderbar dargestellt durch kollektives Daumen rauf, Daumen runter. Tänzer hängen mit Klebeband aneinander fest – und wer vom Teilen mit anderen genug hat, wird mit zunehmender Gewalt gefüttert oder bedrängt. Diese ambivalente gesellschaftliche Entwicklung wird über elektronischer Musik und düsteren Sounds mit deftigem Witz in Szene gesetzt und tänzerisch mitreißend erzählt.
Spürbar abstrakter entfaltet sich anschließend Winklers Choreografie, die „von der veränderten Beziehung zwischen Tänzern und Choreografen handelt“, wie nachzulesen ist. Über brachialen basslastigen Klängen, welche die Lautsprecher und manche Zuhörer an ihre Grenzen bringen, entwickeln fünf Tänzer skulpturale Figurationen und surreal anmutende Abläufe. Von spröden insektenhaften Formen zu kühlen Begegnungen, bis hin zu improvisiert wirkenden Tanzbildern entsteht ein eigenartiges, beziehungsloses Panoptikum. Es ist ein kalter und vielfach auch ratloser Blick, der auf die Protagonisten gerichtet ist und zaudernd um Verständnis ringt – so wie die Tänzer um Verständigung.

Alle acht Vorstellungen der diesjährigen Jubiläumsausgabe der 20. Regensburger Tanztage waren komplett ausverkauft.
Höhepunkt war das Gastspiel von Wim Vandekeybus/ Ultima Vez mit „In Spite of Wishing and Wanting“ im ausverkauften Velodrom.
In den letzten 20 Jahren waren über 200 Vorstellungen mit Künstlern aus 40 Ländern zu erleben.
Die Regensburger Tanztage 2018 werden voraussichtlich im Zeitraum zwischen 9. und 25. November stattfinden. Die Sommertanztage sind für Juli 2018 in Planung.

Mittelbayerische Zeitung, 5.12.2017

 

Sie zeigen, dass es anders geht
Die Demograffics aus Regensburg machen gemeinsam mit Flüchtlingen Hip Hop. Nun erhalten sie den Bayerischen Popkulturpreis.


Von Daniel Peifer
Regensburg.„Das Herz von Hiphop ist, dass man alles mit allem verbinden kann. Sämtliche Kulturen, Backgrounds, egal wo man herkommt, egal was für eine Sprache man spricht. Hiphop bringt Leute zusammen, um eine Message zu feiern.“ Das sagt nicht irgendwer, sondern Maniac, der Motor der Regensburger Hip-Hop-Szene. Zusammen mit Ralph Mild alias DJ Rufflow bekommt der Rapper mit dem bürgerlichen Namen Achim Schneemann am Dienstag in München den Bayerischen Popkulturpreis 2017 in der Kategorie Inklusion verliehen.
Maniac und DJ Rufflow bilden das erfolgreiche Duo Demograffics und haben in den letzten zwei Jahren die Refugee Rap Quad aufgebaut, in der sie Hip Hop, die Sprache der sozial Benachteiligten, Vergessenen und Abgeschriebenen, solchen Menschen beibringen, die noch nicht einmal die deutsche Sprache richtig beherrschen. Mit vier geflüchteten Jungs aus Afghanistan, Syrien und dem Senegal schreiben, produzieren und performen sie auf professionellem Niveau und helfen ihnen dadurch zu einem besseren Stand im neuen Leben und einer musikalischen Berufung.
Angefangen hat das 2015 bei einem Schul-Workshop, den Maniac und Rufflow in Kelheim gaben. Der inzwischen 23-jährige Ousmane aus dem Senegal kann sich genau erinnern. „Er kam her: ‚Ich sehe dich, ich mag deinen Style, ich glaube, du kannst Hip Hop machen‘“, erzählt Ousmane. Im Senegal hatte er den Hiphop für sich entdeckt, beugte sich dann aber dem Willen seines Vaters, der dagegen war. Nun sitzt er in der Alten Mälzerei in Regensburg, kurz bevor es beim Benefit#2-Konzert auf die Bühne geht, mit schneeweißem Cap und einem breitem Lächeln, in dem aber auch immer der Ernst seiner Vergangenheit mitschwingt. „Ich schreibe Texte darüber, was ich war, über Politik, vor was ich Angst habe,“ schildert er. Und seine Texte sind ehrlich und direkt, egal ob auf Deutsch, Englisch, Französisch oder in seiner Muttersprache Wollof.
Jede Woche wird gearbeitet
Ein paar Schritte entfernt, in einem kleinen Probenraum im dritten Stock der Mälze, liegt das Studio der Demograffics. Vollgeräumt mit Kisten, Instrumenten, einem Sofa und uralten Bürostühlen. Dort trifft sich die Refugee Rap Squad jede Woche. Maniac selbst ist quasi jeden Tag dort, an dem er nicht irgendwo auf der Bühne steht. „Uns geht es darum, den Jungs eine Plattform zu geben und zu zeigen, dass es auch anders geht. Dass man etwas machen kann und mit der Musik etwas bewegen kann“, erklärt Maniac den Hintergrundgedanken des Projekts. Nicht nur als Beschäftigungstherapie, sondern absolut professionell, mit ausgefeilten Tracks, Musikvideos und Live-Auftritten. „Integration gelingt da nebenbei. Nebenbei wird Deutsch gelernt, Selbstwertgefühl aufgebaut, Selbstständigkeit aufgebaut.“ So weit soll es gehen, dass die vier Jungs als eigenständige Rap Crew existieren können. Am 15. Dezember spielen sie auf dem Stage-for-Peace-Festival in Nürnberg, komplett allein ohne die Rückendeckung der Demograffics.
Samstag Abend, zwei Stunden vor dem Benefit#2-Konzert sitzt auf einem Barstuhl neben Ousmane der 22-jährige Timo. Er kommt gerade von der Arbeit. Nun bereitet er sich auf den Soundcheck vor. Denn das Konzert nimmt er sehr ernst, er will wieder und wieder daran feilen, dass später alles perfekt läuft.
Kennengelernt hat er die Demograffics am selben Tag wie Klassenkamerad Ousmane. Eigentlich stammt Timo aus Afghanistan, lebte aber nach einer Flucht seit seiner Jugend im Iran. „Da ist sowas verboten. Pop und Klassik geht, aber Rap nicht“, erzählt er über das Land, aus dem er kommt.
Einfach tun, was man liebt
Kunstfreiheit gebe es dort nicht. Lieder über Mädchen schreiben: keine Chance. Genauso wenig übers Feiern oder generell ein befreites Leben. Wer sich damit auf die Bühne stellen wolle, habe schlimmstenfalls zu fürchten, im Knast zu landen. Hier in Deutschland, mit Hilfe der Demograffics, habe er jetzt die Freiheit zu tun, was er liebt und über die Themen zu schreiben, die ihn bewegen. Letzte Woche bekam Timo nun aber Post. Abschiebung. Sein Blick senkt sich, die breite Brust vom Soundcheck auf der Bühne sinkt in sich zusammen. Wie es jetzt weitergeht, weiß er nicht.
Das sind die Schattenseiten, auch für Maniac. „Das ist für uns natürlich richtig scheiße, weil der Timo uns ans Herz gewachsen ist“, sagt er: „Denn Timo ist das perfekte Beispiel für Integration: Er hat einen festen Job als Friseur, er hat seinen Nebenjob bei Refugee Rap Squad, der macht sein Ding, der hat hier seine Freunde, der hat ein Leben aufgebaut. Und darum macht’s das umso schwerer für uns, wenn dann so eine Nachricht kommt.“ Mittelbayerische Zeitung, 4.12.2017

 

Emotionale Wucht, mutige Antigrazie
Fünf Tänzer stellten preisgekrönte Choreografien und Performances am Universitätstheater in Regensburg vor.

Von Michael Scheiner
Regensburg. Befreit und fast verächtlich wirft er die Maske beiseite. Steht und schaut herausfordernd ins Publikum. Dieses fokussiert im voll besetzten Theaterraum der Universität mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Tänzer, der sich aus dem Dunkel hervorgearbeitet hat. Mit seiner Choreografie „Kifwebe.01“ eröffnete Miguel Mavatiko aus dem Kongo die diesjährige Solotanznacht. Hinter der hölzernen Maske kommt kein schwarzes, wie erwartet, sondern ein weißes Gesicht zum Vorschein. Geschminkt wie bei traditionellen Ritualen mancher afrikanischer Völker, provoziert diese Konfrontation weitere assoziative Vorstellungen. Mit Ausdrucksmitteln des Breakdance und Hip-Hop-Formen beschwört der Tänzer Geister von Verstorbenen, denn „Kifwebe ist der Geist des Tanzes“. Neben der abgelegten Maske und dem ausdrucksstarken Tanz spielt auch die Musik eine wesentliche Rolle. Eine Jazznummer stellt die Verbindung zur afroamerikanischen Kultur her, bevor Mavatiko seine Choreografie mit der souligen Selbstbehauptung „Every Nigger is a Star“ des jamaikanischen Sängers Boris Gardiner triumphal abschließt.

Schmerz, Wut, Ratlosigkeit
Für seine Performance von „Separation Among Us“ ist der slowenische Tänzer Jernej Bizjak ausgezeichnet worden. Emrecan Tanis setzt mit seiner schnellen, von Bizjak mit emotionaler Wucht getanzten Choreografie dem „im Irak verschwundenen Tänzer Adil Faraj ein Denkmal“, wie es im Programm heißt. Angetrieben von einem hartnäckigen, maschinellen Groove bringt Bizjak mit nacktem Oberkörper und bodenlangem Rock eine ganze Palette von Schmerz, Wut bis zur Ratlosigkeit packend zum Ausdruck. Auch hier spielt, wie bei weiteren Tanzstücken die Musik eine bedeutende Rolle, ohne dass im Programm darauf hingewiesen wird. Als Leiter eines Musikclubs sollte Hans Krottenthaler von der Mälzerei eigentlich klar sein, dass solche Informationen in das auch sonst eher dürftig gehaltene Programm-Info gehören.
Musikalisch fast bedrohlich tastet sich der Franzose Benoit Couchot in seine eigene Choreografie „Mutiko ala Neska“. Spinnenartig tupfen seine Beine den schwarzen Tanzbelag ab, verbiegt sich sein Körper in grotesken Formen und schüttelfrostartigen Schaudern, als wolle ein kampfbereites Insekt seine Gegner einschüchtern.

Abenteuerliche Verbiegungen
Obwohl durchaus muskulös, wirkt der schlanke, fast nackte Mann mit dem hochgesteckten Haar manchmal wie ein ausgezehrter Hungerkünstler. Das machen die extreme Überdehnung des Oberkörpers und Verbiegungen der Gliedmaßen aus, die einem fast den Atem stocken lassen. Mit beeindruckender Antigrazie hinterfragt der mit Publikumspreisen bedachte Franzose auf diese Weise das zu Unrecht bei uns in Verruf geratene Genderthema: „Welcher Gedanke steckt eigentlich hinter den Geschlechtern?“
Witz bringt der Finne Samuli Emery mit seiner verblüffend originellen Performance von „We Do This. We Don’t Talk“ von Barnaby Booth ins Spiel. Wie bei kleinen Videoschnipseln, tausendfach auf Facebook verbreitet, in denen eine Geste oder eine kurzer Bewegungsablauf mehrfach oder gar endlos hintereinander abgespielt wird, produziert Emery alltägliche Verlegenheitsmuster und Bewegungen. Als hänge eine altmodische Schallplatte immer wieder, bis die Nadel ein Stück weiterspringt, spiegeln sich in Mimik und Gestik des hinreißenden Tänzers Gefühlszustände, die wir an uns normalerweise kaum bewusst wahrnehmen. Ein wunderbar vergnüglicher und zugleich reflexiv angelegter Tanzspaß zu Diskosounds und Atemgeräuschen.
„? I mA“ interpretiert die Italienerin Erika Silgoner rückwärts verschoben mit ihrer Choreografie Identitätsfragen. Zu elektronisch sägenden und bohrenden Geräuschen, teilweise auch still von Gloria Ferrari kraftvoll getanzt, pocht sie auf darauf, wahrgenommen zu werden, dann geht ihr wieder die Luft aus. Ausdehnung und ein mutloses Zusammensacken liegen hier eng beinander – überzeugen aber nur teilweise. Dennoch ein faszinierender Tanzabend voller Überraschungen und starker Eindrücke. Mittelbayerische Zeitung, 27.11.2017

 

Magisches Spiel mit Bildern
Das Sosani Tanztheater überzeugte im Regensburger Kunstforum nur bedingt mit seinem „Captured in motion“.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg.„Captured in motion“, in der Bewegung festgehalten, nennt Thea Sosani die Variation einer Choreografie, mit der sie und ihre Company im Kunstforum im Stadtpark reüssierten. Im Sommer hatte sie das Ensemble damit im Historischen Museum den Kreuzgang und die Minoritenkirche tanzend erschlossen. Im Rahmen der Regensburger Tanztage passte es sich den räumlichen Gegebenheiten des Grafiksaals mit einem abgewandelten Konzept an. In dem architektonisch heiklen Raum waren an drei Seiten Bildtafeln mit Motiven der Tanzperformance aufgebaut. Gemacht hat sie Fotograf Hubert Lankes.
Tänzer verschmolzen mit den Bildern
Den anfänglichen Ausstellungscharakter verloren die Bilder, als sie nach und nach in die aktuelle Performance mit einbezogen wurden. Ana Hauck, Tänzerin und Hohepriesterin, bugsierte die beweglichen Tafeln in den Tanzraum und verknüpfte auf diese Weise das zweidimensionale Bild der Fotografie mit der Dreidimensionalität des realen Tanzes. Sie selbst tauchte hinter ihrem Bild auf, das sie mit einem Papagei zeigt. In einzelnen Bildern verschmolzen die Tänzerinnen Ramona Reißaus und Julia Koderer, wie auch der beeindruckende Pasha Darouiche mit ihren eigenen Abbildern. Ein verblüffendes und schönes Spiel, das einerseits Spaß machte und bei dem die Wahrnehmung herausgefordert war.
Dennoch war die Performance im Kunstforum nur bedingt ein Erfolg. Zum einen boten die historisch und architektonisch anders gelagerten Räume am Dachauplatz mehr realen und imaginativen Raum. Dadurch war die Choreografie deutlich dynamischer, tänzerisch spannender und konnte sich ganz anders entfalten. Zudem boten sie mit anderen Licht- und Dunkeleffekten, Steinfiguren und unterschiedlichen Ebenen spielerisch und szenisch mehr Möglichkeiten.
Zerrbild eines militärischen Vorgangs
Im Kunstforum wirkte Hauck mit ihren Schritten, mit denen sie das Machtinsignium Vogel/Papagei herum trug, manchmal fast wie eine Parodie. An anderer Stelle erschien ihr Auftritt wie das Zerrbild eines militärischen Vorgangs. Die Tänzer selbst, allen voran Darouiche mit fliegendem Wams während eines beeindruckenden Solos, waren mit Leidenschaft bei der Sache. In ihren Duetten und einer hinreißenden „menage a droit“ entwickelten sie spielerische Freude und eine sinnlich-packende Energie, die zweitweise den Raum zu weiten schien. Bis auf kleinere Ungenauigkeiten in der Synchronizität überzeugte das Ensemble von der geräuschhaften Begrüßung in knisternden Plastikröcken bis zu den dramatischen Gruppenszenen. Bringt man noch die eigenen Erwartungen mit ins Spiel, ist „Captured in motion“ besser gelungen, als vorab befürchtet. Dennoch ist der Eindruck eines lückenhaften Resultats entstanden, wobei der komische Vogel dabei kaum eine Rolle spielt. Mittelbayerische Zeitung, 21.11.2017

 

Mit Orangenhälften zum Speed-Dating
Freiheit, Eigenständigkeit und Autonomie: Ultima Vez zeigte bei den Regensburger Tanztagen eine beeindruckende Choreographie.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Wie ungebärdige junge Hengste fegen Tänzer in Straßenkleidung über die von hinten und seitlich beleuchtete Bühne. Die Enden ihrer Hemdkragen halten sie wie Trensen mit den Zähnen fest. Mit Riesensprüngen, Hufe scharren und bocksbeinigen Hüpfern nehmen sie den durchgehend bis an die hintere Mauer offenen Raum voll in Anspruch. Bis auf wenige Zentimeter galoppieren sie vorn an die Rampe, um bedrohlich nahe vor den Zuschauern mitten im Lauf zu stoppen. Es ist eines von vielen starken Bildern, welche die Choreographie „In Spite of Wishing and Wanting“ von Wim Vandekeybus zu einem der aufregendsten und zugleich spektakulärsten Eindrücke der Regensburger Tanztage zeit ihres Bestehens macht.
Sie verkörpern Freiheit, Eigenständigkeit und Autonomie. Pferde sind in Filmen und Geschichten Symbol für die Unterwerfung des Ungezähmten – sei es mit Gewalt oder Einfühlungsvermögen. Beides bricht sich auch in dem rasanten Tanzstück Bahn. Einmal ohrfeigt eine Gruppe im Kollektiv zwei streitende Tänzer im Wechsel, von denen einer dem anderen Worte streitig macht, die „ich gekauft habe“. Es sind allerdings nicht die „letzten Worte“, die ein fliegender Händler in einem der beiden Kurzfilme, die den Tanz auf anderer Ebene fortführen und gliedern, an einen Gewaltherrscher verkaufen will. Diese slapstickartige Groteske setzt Assoziationen an die bitterböse Seite der Monty-Python-Truppe frei und kommentiert solchermaßen die Themen des Stücks auf ironisch gebrochene Weise. Strukturierend wirken Sprechszenen, die perspektivisch zwischen äußerer Hinwendung zum Publikum und Innenschau wechseln. Umspielt von traumverlorenen Tänzern hat sich die Bedeutung der Monologe, die hauptsächlich in italienisch, französisch und englisch erfolgten, nur bedingt erschlossen. Im Streit um den Anspruch auf eine (Vor-)Herrschaft unter den Tänzern spielen sie aber eine gewichtige Rolle.
Ungezähmtes Begehren
Geschaffen hat der belgische Choreograf und Fotograf sein spektakuläres Tanzstück für elf Männer vor knapp zwei Jahrzehnten. David Byrne, Frontmann der einstigen New-Wave-Band „Talking Heads“, hat dazu eine phänomenale Musik geschrieben. Vandekeybus, der weltweit als Choreograf Ansehen genießt, hat das Aufsehen erregende Stück jüngst wieder aufgenommen und neu einstudiert. Das zeitweise ungemein schnelle Tempo, die starke physische Präsenz der Tanzenden, deren Schweiß und maskuline Ausstrahlung man fast zu riechen glaubt, und atemberaubende Sprünge und Gruppenaktionen, die eine hohes Maß an Risiko beinhalten, geben dem Stück auch heute noch eine radikale Aktualität. Zwischen Vertrauen und Angst, Eleganz und testosterongeschwängerter Wucht durchlaufen die Tänzer vom Straßenanzug bis zur völligen Nacktheit viele Stadien und transportieren wechselnde kulturelle Codes.
Es ist eine von Leidenschaft und Energie durchdrungene, berstende Erzählung „über die Instinkte der Liebe und die Macht des Begehrens“, wie es im Programmheft dazu heißt. Sinnlich und fordernd zeigt sie sich, im Versuch eines nackten „Ungezähmten“ zu onanieren ebenso, wie im elegant gehaltenen Speed-Dating mit Orangenhälften. Während einer großartigen Tanzszene mit wechselnden Konstellationen hatte ein manipulativer „Obertänzer“ Orangen kunstvoll zerschnitten. Anschließend haben nur die Tänzer mit den jeweils passenden Hälften zueinandergefunden und sind in einen zärtlichen Reigen versunken. Einige anekdotenhafte Szenen, wie der Flohdirektor mit seinen „drei Freundinnen“, von denen Annemarie ins Publikum ausbüchste und wieder gefunden werden musste, verknüpften sich lose mit den Fäden von Macht, Dominanz und bildstarken Fantasien.
Als würden sie gleich losfliegen
„I fly, I fly“, ich fliege, jubeln gegen Ende die am Boden liegenden Tänzer im Velodrom. Ein weiteres Motiv von Freiheit und Selbstbestimmung. Heftig schlagen sie mit Armen und Händen, verlängert mit flatternden Papierblättern. Die Bühne ist mit Federn bedeckt, von oben regnet es ununterbrochen weitere Federflocken. Aus der Bäuchlingshaltung schnellen die Männer in Shorts und Hemden wie von Katapulten geschleudert immer wieder hoch, hängen sekundenlang fast waagrecht in der Luft und erwecken den Anschein, als würden sie gleich über die Zuschauer hinweg davonfliegen.
Es ist das letzte intensive Bild des berauschenden Tanzstücks. Es ist dominiert von sinnlichen Bildern der Anziehung und Begierden, fantastischen Momenten, befreiend komischen Einfällen und aufwühlenden Eindrücken heftiger Angstausbrüche oder drastischen Dominanzgehabes. Die Schlussszene knüpfte wieder an den Anfang an, danach gab es nur noch tosenden Applaus. Mittelbayerische Zeitung, 15.11.2017

 

Bundespreis für die Alte Mälzerei
Der APPLAUS wurde in Dresden für „herausragende Livemusikprogramme vergeben“. Auch das Regensburger Kulturzentrum ist dabei.


Der APPLAUS wurde in Dresden für „herausragende Livemusikprogramme vergeben“. Auch das Regensburger Kulturzentrum ist dabei.
Regensburg. Mit dem Musikpreis „APPLAUS – Auszeichnung der Programmplanung unabhängiger Spielstätten“ prämierte die Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters im Alten Schlachthof in Dresden insgesamt 86 Clubbetreiber und Veranstalter. Ausgezeichnet wurden kulturell herausragende Livemusikprogramme, die maßgeblich zum Erhalt der kulturellen Vielfalt in Deutschland beitragen. Zu den Preisträgern