PRESSE/TEXTE

 

Konzert des Jahres 2017
Nach MOOP MAMA im letzten Jahr bieten wir für 2017 zur Auswahl: Gankino Circus - The Ruffcats - Kofelgschroa - Tex - Baba Zula - Young Chinese Dogs - BBou - Nick Woodland - Mondo Fumatore - Schmutzki - Sarah Lesch - Ganes - Rainer von Vielen - Swain - Dr. Will & The Wizards - Whi Killed Bruce Lee - Matze Rossi & Band - Sportfreunde Stiller -  HGich.T - Jamaram - Eläkeläiset - San2 & His Soul Patrol - Sookee - Dub Spencer & Trance Hill - The Diamond Road Show - Schnipo Schranke - John Lee Hooker Jr - The Kellner Band - Sage Francis - Peter Tosh Birthday Bash - Egotronic - Impala Ray - Liedfett - Slowcoaches - Popa Chubby - The Whiskey Foundation - Liquid & Maniac/Rfg Rap Sqd - Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi - Mälze Song Slam-Finale - The Prosecution, u.v.a. Unter den Meldungen KONZERT DES JAHRES 2016 per email info@alte-maelzerei.de verlosen wir wieder
Freikarten (Wunschveranstaltung angeben), CDs, etc.

Konzerte des Jahres 1996 bis 2016:
Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King’s X (2000), Maceo Parker (2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor The Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013), La Brass Banda (2014),
Fiva & Band (2015), Moop Mama (2016)

 

Rappen über Tolstoi und Mathe
Käptn Peng besingt ein sinnloses Leben in ausverkauften Sälen. Der „Sockosoph“ trifft in Regensburg begeisterte Fans.


Von Daniel Pfeifer Oh Käptn, mein Käptn! Wie gut kann Hip Hop schon sein, wenn man ein abgeschlossenes Literatur- und Philosophie-Studium braucht, um zu verstehen, worum es in den Texten geht? Nun ja, die Berliner Band Käptn Peng & die Tentakel von Delphi ist erst fünf Jahre alt, hat es aber geschafft, aus dem Stand heraus eine unglaubliche Fangemeinde aufzubauen. Am Donnerstagabend spielte die Formation im ausverkauften Antoniushaus Regensburg. Zu erleben war ein gewaltiges zweieinhalbstündiges Konzert voller Existenzialismus und Nonsens.

Um jetzt mal die Musik der Band mit dem sehr langen Namen zusammenzufassen, vier Zeilen aus „Sockosophie“ aus ihrem Durchbruchalbum 2013: „Identität ist etwas Überpersönliches, Ja und Nein sind nichts Unversöhnliches. Schwarz und Weiß sind beide Licht und die Nonexistenz, die gibt es nicht.“ Gut, um den Kontext zu verstehen, muss man wissen, dass der Song ein Streitgespräch von Frontmann Robert Gwisdek mit einer Socke auf seiner Hand ist, über den Ursprung allen Seins und die Relativität der menschlichen Wahrnehmung.

Für den Deutschen Filmpreis nominiert
Zu den Dada-Texten passte die abgefahrene Bühnenshow der Band: Allein das Instrumente-Arrangement der beiden Perkussionisten erstreckt sich über Kuchenbleche und Töpfe, Triangeln, Glöckchen und eigentlich alles, was ungewöhnliche Sounds erzeugen kann. Und so komplex die Texte von Frontmann Gwisdek auch sind, warf er immer wieder Freestyles zwischen die Songs, in denen er auch mal über Tolstoi und Mathematik rappt. Nicht schlecht die Impro-Fähigkeiten, aber eigentlich ist Gwisdek ja auch studierter Schauspieler und er war sogar schon einmal für den Deutschen Filmpreis nominiert. Dass so etwas in der Studentenstadt Regensburg phänomenal ankommt, kann man sich denken. Und tatsächlich hätte man das Publikum im Antoniushaus auch mit einer Studenten-Fachschaftssitzung verwechseln können.

Vor einigen Monaten brachte die fünfköpfige Band um die Gwisdek-Brüder Robert (Käptn Peng) und Johannes (Shaban) auf ihrem eigenen Label ihr aktuelles Album heraus: „Das Nullte Kapitel“. Seitdem touren sie durch den ganzen deutschsprachigen Raum. Von Regensburg aus ging es am nächsten Tag direkt weiter nach Graz, ins Orpheum. Natürlich auch ausverkauft. In ihren Texten mögen sie sich mit der Sinnlosigkeit des Lebens auseinandersetzen, in der harten Realität sind sie aber zielgerichtet auf Erfolgskurs. Mittelbayerische Zeitung, 11.12.2017

 

 

Der Mensch in der Welt: ein Panoptikum
Verzaubernd und verstörend: Zum Abschluss der Tanztage zeigte das „Balé Teatro Guaíra“ Stücke deutscher Choreografen.


Von Michael Scheiner
Regensburg.Sie rempeln, treten, schlagen einander. Zwei Männer, Tänzer, boxen, knuffen, umkreisen sich wie Jungs, die nur im spielerischen Ernst – hier dem Tanz – zugeben können, dass sie sich hingezogen fühlen zueinander, vielleicht sogar insgeheim verliebt sind. Es ist der Charme, der die Attraktivität eines Menschen ausmacht. Ihm erliegen wir alle – außer vielleicht auf ausgesprochene Misanthropen. Beim letzten Abend der 20. Regensburger Tanztage mit dem brasilianischen Ensemble „Balé Teatro Guaíra“ macht die Choreografie des Ulmers Roberto Scafati deutlich, welche Kraft und emotionale Intelligenz diesem Phänomen innewohnt.
„Charme“ ist während eines künstlerischen Austauschs drei deutscher Choreografen mit der Tanztruppe im brasilianischen Curitiba entstanden. Neben Scafati waren daran Katja Wachter aus München mit „I Share“ und der Berliner Christoph Winkler mit dem programmatischen Stück „Lost My Choreographer on My Way to the Dressing Room“ („Auf dem Weg zum Umkleideraum bin ich meines Choreografen verlustig gegangen“) beteiligt. Daraus ist der Tanzabend „Balé Teatro Guaíra tanzt Wachter – Winkler – Scafati“ entstanden, mit dem das Ensemble erstmals tourt. Ihr Auftritt im voll besetzten Uni-Theater war ein letzter Höhepunkt des Tanz-Festivals.
Ein tapsiger Tango
Der dicke Nebel, der die Bühne anfänglich einhüllt und eher uncharmant an London mit seinen gruseligen Ripper-Mythen erinnert, verzieht sich wie die Tänzer, die scheinbar planlos aneinander vorbeihasten. Angelockt von unwiderstehlicher Anziehung, dem Charme Einzelner, treten dann Tänzer mal als Paar auf, wo sich ein spröder Teil eher widersetzt, nachgibt und wieder verhärtet. Bei einem anderen wird charmant antichambriert, ein Charmebolzen gewinnt die Herzen mit strahlendem Leuchten, und eine Männergruppe zelebriert die Verehrung einer Diva in einem zeremoniellen Ritual. Auch wunderbar komische Situationen leuchtet ein Paar beim Tango aus, wenn „seine“ tapsigen Annäherungsversuche von „ihr“ brüsk abgewehrt werden. Insgesamt etwas langatmig, überzeugte „Charme“ mit raumgreifendem Ensembletanz, Duetten und Kleingruppen. Ausdrucksstark und mit emotionaler Vehemenz getanzt, strotzt es einmal von kraftsprühender Energie, um dann wieder in eine ironisch-distanzierte Leichtigkeit zu wechseln.
Teilen bis zur Ausbeutung
Einem bitterbösen Kommentar übers „Teilen“ im digitalen Zeitalter gleicht Wachters manchmal etwas plakative Tanzerzählung „I share“. Geteilt wird heute vieles. Manchen Anhängern gilt „sharing“ als Heilsversprechen. Auf Facebook im Netz und anderen Plattformen geteiltwerden Gefühle und Klamotten. Meist ist es kein Teilen wie von Graswurzelbewegungen propagiert, sondern es stecken neue Formen der Ausbeutung und Ausnutzung dahinter.
Sie führen zu zwanghaftem Verhalten und einem Verlust an Individualität, wunderbar dargestellt durch kollektives Daumen rauf, Daumen runter. Tänzer hängen mit Klebeband aneinander fest – und wer vom Teilen mit anderen genug hat, wird mit zunehmender Gewalt gefüttert oder bedrängt. Diese ambivalente gesellschaftliche Entwicklung wird über elektronischer Musik und düsteren Sounds mit deftigem Witz in Szene gesetzt und tänzerisch mitreißend erzählt.
Spürbar abstrakter entfaltet sich anschließend Winklers Choreografie, die „von der veränderten Beziehung zwischen Tänzern und Choreografen handelt“, wie nachzulesen ist. Über brachialen basslastigen Klängen, welche die Lautsprecher und manche Zuhörer an ihre Grenzen bringen, entwickeln fünf Tänzer skulpturale Figurationen und surreal anmutende Abläufe. Von spröden insektenhaften Formen zu kühlen Begegnungen, bis hin zu improvisiert wirkenden Tanzbildern entsteht ein eigenartiges, beziehungsloses Panoptikum. Es ist ein kalter und vielfach auch ratloser Blick, der auf die Protagonisten gerichtet ist und zaudernd um Verständnis ringt – so wie die Tänzer um Verständigung.

Alle acht Vorstellungen der diesjährigen Jubiläumsausgabe der 20. Regensburger Tanztage waren komplett ausverkauft.
Höhepunkt war das Gastspiel von Wim Vandekeybus/ Ultima Vez mit „In Spite of Wishing and Wanting“ im ausverkauften Velodrom.
In den letzten 20 Jahren waren über 200 Vorstellungen mit Künstlern aus 40 Ländern zu erleben.
Die Regensburger Tanztage 2018 werden voraussichtlich im Zeitraum zwischen 9. und 25. November stattfinden. Die Sommertanztage sind für Juli 2018 in Planung.

Mittelbayerische Zeitung, 5.12.2017

 

Sie zeigen, dass es anders geht
Die Demograffics aus Regensburg machen gemeinsam mit Flüchtlingen Hip Hop. Nun erhalten sie den Bayerischen Popkulturpreis.


Von Daniel Peifer
Regensburg.„Das Herz von Hiphop ist, dass man alles mit allem verbinden kann. Sämtliche Kulturen, Backgrounds, egal wo man herkommt, egal was für eine Sprache man spricht. Hiphop bringt Leute zusammen, um eine Message zu feiern.“ Das sagt nicht irgendwer, sondern Maniac, der Motor der Regensburger Hip-Hop-Szene. Zusammen mit Ralph Mild alias DJ Rufflow bekommt der Rapper mit dem bürgerlichen Namen Achim Schneemann am Dienstag in München den Bayerischen Popkulturpreis 2017 in der Kategorie Inklusion verliehen.
Maniac und DJ Rufflow bilden das erfolgreiche Duo Demograffics und haben in den letzten zwei Jahren die Refugee Rap Quad aufgebaut, in der sie Hip Hop, die Sprache der sozial Benachteiligten, Vergessenen und Abgeschriebenen, solchen Menschen beibringen, die noch nicht einmal die deutsche Sprache richtig beherrschen. Mit vier geflüchteten Jungs aus Afghanistan, Syrien und dem Senegal schreiben, produzieren und performen sie auf professionellem Niveau und helfen ihnen dadurch zu einem besseren Stand im neuen Leben und einer musikalischen Berufung.
Angefangen hat das 2015 bei einem Schul-Workshop, den Maniac und Rufflow in Kelheim gaben. Der inzwischen 23-jährige Ousmane aus dem Senegal kann sich genau erinnern. „Er kam her: ‚Ich sehe dich, ich mag deinen Style, ich glaube, du kannst Hip Hop machen‘“, erzählt Ousmane. Im Senegal hatte er den Hiphop für sich entdeckt, beugte sich dann aber dem Willen seines Vaters, der dagegen war. Nun sitzt er in der Alten Mälzerei in Regensburg, kurz bevor es beim Benefit#2-Konzert auf die Bühne geht, mit schneeweißem Cap und einem breitem Lächeln, in dem aber auch immer der Ernst seiner Vergangenheit mitschwingt. „Ich schreibe Texte darüber, was ich war, über Politik, vor was ich Angst habe,“ schildert er. Und seine Texte sind ehrlich und direkt, egal ob auf Deutsch, Englisch, Französisch oder in seiner Muttersprache Wollof.
Jede Woche wird gearbeitet
Ein paar Schritte entfernt, in einem kleinen Probenraum im dritten Stock der Mälze, liegt das Studio der Demograffics. Vollgeräumt mit Kisten, Instrumenten, einem Sofa und uralten Bürostühlen. Dort trifft sich die Refugee Rap Squad jede Woche. Maniac selbst ist quasi jeden Tag dort, an dem er nicht irgendwo auf der Bühne steht. „Uns geht es darum, den Jungs eine Plattform zu geben und zu zeigen, dass es auch anders geht. Dass man etwas machen kann und mit der Musik etwas bewegen kann“, erklärt Maniac den Hintergrundgedanken des Projekts. Nicht nur als Beschäftigungstherapie, sondern absolut professionell, mit ausgefeilten Tracks, Musikvideos und Live-Auftritten. „Integration gelingt da nebenbei. Nebenbei wird Deutsch gelernt, Selbstwertgefühl aufgebaut, Selbstständigkeit aufgebaut.“ So weit soll es gehen, dass die vier Jungs als eigenständige Rap Crew existieren können. Am 15. Dezember spielen sie auf dem Stage-for-Peace-Festival in Nürnberg, komplett allein ohne die Rückendeckung der Demograffics.
Samstag Abend, zwei Stunden vor dem Benefit#2-Konzert sitzt auf einem Barstuhl neben Ousmane der 22-jährige Timo. Er kommt gerade von der Arbeit. Nun bereitet er sich auf den Soundcheck vor. Denn das Konzert nimmt er sehr ernst, er will wieder und wieder daran feilen, dass später alles perfekt läuft.
Kennengelernt hat er die Demograffics am selben Tag wie Klassenkamerad Ousmane. Eigentlich stammt Timo aus Afghanistan, lebte aber nach einer Flucht seit seiner Jugend im Iran. „Da ist sowas verboten. Pop und Klassik geht, aber Rap nicht“, erzählt er über das Land, aus dem er kommt.
Einfach tun, was man liebt
Kunstfreiheit gebe es dort nicht. Lieder über Mädchen schreiben: keine Chance. Genauso wenig übers Feiern oder generell ein befreites Leben. Wer sich damit auf die Bühne stellen wolle, habe schlimmstenfalls zu fürchten, im Knast zu landen. Hier in Deutschland, mit Hilfe der Demograffics, habe er jetzt die Freiheit zu tun, was er liebt und über die Themen zu schreiben, die ihn bewegen. Letzte Woche bekam Timo nun aber Post. Abschiebung. Sein Blick senkt sich, die breite Brust vom Soundcheck auf der Bühne sinkt in sich zusammen. Wie es jetzt weitergeht, weiß er nicht.
Das sind die Schattenseiten, auch für Maniac. „Das ist für uns natürlich richtig scheiße, weil der Timo uns ans Herz gewachsen ist“, sagt er: „Denn Timo ist das perfekte Beispiel für Integration: Er hat einen festen Job als Friseur, er hat seinen Nebenjob bei Refugee Rap Squad, der macht sein Ding, der hat hier seine Freunde, der hat ein Leben aufgebaut. Und darum macht’s das umso schwerer für uns, wenn dann so eine Nachricht kommt.“ Mittelbayerische Zeitung, 4.12.2017

 

Emotionale Wucht, mutige Antigrazie
Fünf Tänzer stellten preisgekrönte Choreografien und Performances am Universitätstheater in Regensburg vor.

Von Michael Scheiner
Regensburg. Befreit und fast verächtlich wirft er die Maske beiseite. Steht und schaut herausfordernd ins Publikum. Dieses fokussiert im voll besetzten Theaterraum der Universität mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Tänzer, der sich aus dem Dunkel hervorgearbeitet hat. Mit seiner Choreografie „Kifwebe.01“ eröffnete Miguel Mavatiko aus dem Kongo die diesjährige Solotanznacht. Hinter der hölzernen Maske kommt kein schwarzes, wie erwartet, sondern ein weißes Gesicht zum Vorschein. Geschminkt wie bei traditionellen Ritualen mancher afrikanischer Völker, provoziert diese Konfrontation weitere assoziative Vorstellungen. Mit Ausdrucksmitteln des Breakdance und Hip-Hop-Formen beschwört der Tänzer Geister von Verstorbenen, denn „Kifwebe ist der Geist des Tanzes“. Neben der abgelegten Maske und dem ausdrucksstarken Tanz spielt auch die Musik eine wesentliche Rolle. Eine Jazznummer stellt die Verbindung zur afroamerikanischen Kultur her, bevor Mavatiko seine Choreografie mit der souligen Selbstbehauptung „Every Nigger is a Star“ des jamaikanischen Sängers Boris Gardiner triumphal abschließt.

Schmerz, Wut, Ratlosigkeit
Für seine Performance von „Separation Among Us“ ist der slowenische Tänzer Jernej Bizjak ausgezeichnet worden. Emrecan Tanis setzt mit seiner schnellen, von Bizjak mit emotionaler Wucht getanzten Choreografie dem „im Irak verschwundenen Tänzer Adil Faraj ein Denkmal“, wie es im Programm heißt. Angetrieben von einem hartnäckigen, maschinellen Groove bringt Bizjak mit nacktem Oberkörper und bodenlangem Rock eine ganze Palette von Schmerz, Wut bis zur Ratlosigkeit packend zum Ausdruck. Auch hier spielt, wie bei weiteren Tanzstücken die Musik eine bedeutende Rolle, ohne dass im Programm darauf hingewiesen wird. Als Leiter eines Musikclubs sollte Hans Krottenthaler von der Mälzerei eigentlich klar sein, dass solche Informationen in das auch sonst eher dürftig gehaltene Programm-Info gehören.
Musikalisch fast bedrohlich tastet sich der Franzose Benoit Couchot in seine eigene Choreografie „Mutiko ala Neska“. Spinnenartig tupfen seine Beine den schwarzen Tanzbelag ab, verbiegt sich sein Körper in grotesken Formen und schüttelfrostartigen Schaudern, als wolle ein kampfbereites Insekt seine Gegner einschüchtern.

Abenteuerliche Verbiegungen
Obwohl durchaus muskulös, wirkt der schlanke, fast nackte Mann mit dem hochgesteckten Haar manchmal wie ein ausgezehrter Hungerkünstler. Das machen die extreme Überdehnung des Oberkörpers und Verbiegungen der Gliedmaßen aus, die einem fast den Atem stocken lassen. Mit beeindruckender Antigrazie hinterfragt der mit Publikumspreisen bedachte Franzose auf diese Weise das zu Unrecht bei uns in Verruf geratene Genderthema: „Welcher Gedanke steckt eigentlich hinter den Geschlechtern?“
Witz bringt der Finne Samuli Emery mit seiner verblüffend originellen Performance von „We Do This. We Don’t Talk“ von Barnaby Booth ins Spiel. Wie bei kleinen Videoschnipseln, tausendfach auf Facebook verbreitet, in denen eine Geste oder eine kurzer Bewegungsablauf mehrfach oder gar endlos hintereinander abgespielt wird, produziert Emery alltägliche Verlegenheitsmuster und Bewegungen. Als hänge eine altmodische Schallplatte immer wieder, bis die Nadel ein Stück weiterspringt, spiegeln sich in Mimik und Gestik des hinreißenden Tänzers Gefühlszustände, die wir an uns normalerweise kaum bewusst wahrnehmen. Ein wunderbar vergnüglicher und zugleich reflexiv angelegter Tanzspaß zu Diskosounds und Atemgeräuschen.
„? I mA“ interpretiert die Italienerin Erika Silgoner rückwärts verschoben mit ihrer Choreografie Identitätsfragen. Zu elektronisch sägenden und bohrenden Geräuschen, teilweise auch still von Gloria Ferrari kraftvoll getanzt, pocht sie auf darauf, wahrgenommen zu werden, dann geht ihr wieder die Luft aus. Ausdehnung und ein mutloses Zusammensacken liegen hier eng beinander – überzeugen aber nur teilweise. Dennoch ein faszinierender Tanzabend voller Überraschungen und starker Eindrücke. Mittelbayerische Zeitung, 27.11.2017

 

Magisches Spiel mit Bildern
Das Sosani Tanztheater überzeugte im Regensburger Kunstforum nur bedingt mit seinem „Captured in motion“.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg.„Captured in motion“, in der Bewegung festgehalten, nennt Thea Sosani die Variation einer Choreografie, mit der sie und ihre Company im Kunstforum im Stadtpark reüssierten. Im Sommer hatte sie das Ensemble damit im Historischen Museum den Kreuzgang und die Minoritenkirche tanzend erschlossen. Im Rahmen der Regensburger Tanztage passte es sich den räumlichen Gegebenheiten des Grafiksaals mit einem abgewandelten Konzept an. In dem architektonisch heiklen Raum waren an drei Seiten Bildtafeln mit Motiven der Tanzperformance aufgebaut. Gemacht hat sie Fotograf Hubert Lankes.
Tänzer verschmolzen mit den Bildern
Den anfänglichen Ausstellungscharakter verloren die Bilder, als sie nach und nach in die aktuelle Performance mit einbezogen wurden. Ana Hauck, Tänzerin und Hohepriesterin, bugsierte die beweglichen Tafeln in den Tanzraum und verknüpfte auf diese Weise das zweidimensionale Bild der Fotografie mit der Dreidimensionalität des realen Tanzes. Sie selbst tauchte hinter ihrem Bild auf, das sie mit einem Papagei zeigt. In einzelnen Bildern verschmolzen die Tänzerinnen Ramona Reißaus und Julia Koderer, wie auch der beeindruckende Pasha Darouiche mit ihren eigenen Abbildern. Ein verblüffendes und schönes Spiel, das einerseits Spaß machte und bei dem die Wahrnehmung herausgefordert war.
Dennoch war die Performance im Kunstforum nur bedingt ein Erfolg. Zum einen boten die historisch und architektonisch anders gelagerten Räume am Dachauplatz mehr realen und imaginativen Raum. Dadurch war die Choreografie deutlich dynamischer, tänzerisch spannender und konnte sich ganz anders entfalten. Zudem boten sie mit anderen Licht- und Dunkeleffekten, Steinfiguren und unterschiedlichen Ebenen spielerisch und szenisch mehr Möglichkeiten.
Zerrbild eines militärischen Vorgangs
Im Kunstforum wirkte Hauck mit ihren Schritten, mit denen sie das Machtinsignium Vogel/Papagei herum trug, manchmal fast wie eine Parodie. An anderer Stelle erschien ihr Auftritt wie das Zerrbild eines militärischen Vorgangs. Die Tänzer selbst, allen voran Darouiche mit fliegendem Wams während eines beeindruckenden Solos, waren mit Leidenschaft bei der Sache. In ihren Duetten und einer hinreißenden „menage a droit“ entwickelten sie spielerische Freude und eine sinnlich-packende Energie, die zweitweise den Raum zu weiten schien. Bis auf kleinere Ungenauigkeiten in der Synchronizität überzeugte das Ensemble von der geräuschhaften Begrüßung in knisternden Plastikröcken bis zu den dramatischen Gruppenszenen. Bringt man noch die eigenen Erwartungen mit ins Spiel, ist „Captured in motion“ besser gelungen, als vorab befürchtet. Dennoch ist der Eindruck eines lückenhaften Resultats entstanden, wobei der komische Vogel dabei kaum eine Rolle spielt. Mittelbayerische Zeitung, 21.11.2017

 

Mit Orangenhälften zum Speed-Dating
Freiheit, Eigenständigkeit und Autonomie: Ultima Vez zeigte bei den Regensburger Tanztagen eine beeindruckende Choreographie.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Wie ungebärdige junge Hengste fegen Tänzer in Straßenkleidung über die von hinten und seitlich beleuchtete Bühne. Die Enden ihrer Hemdkragen halten sie wie Trensen mit den Zähnen fest. Mit Riesensprüngen, Hufe scharren und bocksbeinigen Hüpfern nehmen sie den durchgehend bis an die hintere Mauer offenen Raum voll in Anspruch. Bis auf wenige Zentimeter galoppieren sie vorn an die Rampe, um bedrohlich nahe vor den Zuschauern mitten im Lauf zu stoppen. Es ist eines von vielen starken Bildern, welche die Choreographie „In Spite of Wishing and Wanting“ von Wim Vandekeybus zu einem der aufregendsten und zugleich spektakulärsten Eindrücke der Regensburger Tanztage zeit ihres Bestehens macht.
Sie verkörpern Freiheit, Eigenständigkeit und Autonomie. Pferde sind in Filmen und Geschichten Symbol für die Unterwerfung des Ungezähmten – sei es mit Gewalt oder Einfühlungsvermögen. Beides bricht sich auch in dem rasanten Tanzstück Bahn. Einmal ohrfeigt eine Gruppe im Kollektiv zwei streitende Tänzer im Wechsel, von denen einer dem anderen Worte streitig macht, die „ich gekauft habe“. Es sind allerdings nicht die „letzten Worte“, die ein fliegender Händler in einem der beiden Kurzfilme, die den Tanz auf anderer Ebene fortführen und gliedern, an einen Gewaltherrscher verkaufen will. Diese slapstickartige Groteske setzt Assoziationen an die bitterböse Seite der Monty-Python-Truppe frei und kommentiert solchermaßen die Themen des Stücks auf ironisch gebrochene Weise. Strukturierend wirken Sprechszenen, die perspektivisch zwischen äußerer Hinwendung zum Publikum und Innenschau wechseln. Umspielt von traumverlorenen Tänzern hat sich die Bedeutung der Monologe, die hauptsächlich in italienisch, französisch und englisch erfolgten, nur bedingt erschlossen. Im Streit um den Anspruch auf eine (Vor-)Herrschaft unter den Tänzern spielen sie aber eine gewichtige Rolle.
Ungezähmtes Begehren
Geschaffen hat der belgische Choreograf und Fotograf sein spektakuläres Tanzstück für elf Männer vor knapp zwei Jahrzehnten. David Byrne, Frontmann der einstigen New-Wave-Band „Talking Heads“, hat dazu eine phänomenale Musik geschrieben. Vandekeybus, der weltweit als Choreograf Ansehen genießt, hat das Aufsehen erregende Stück jüngst wieder aufgenommen und neu einstudiert. Das zeitweise ungemein schnelle Tempo, die starke physische Präsenz der Tanzenden, deren Schweiß und maskuline Ausstrahlung man fast zu riechen glaubt, und atemberaubende Sprünge und Gruppenaktionen, die eine hohes Maß an Risiko beinhalten, geben dem Stück auch heute noch eine radikale Aktualität. Zwischen Vertrauen und Angst, Eleganz und testosterongeschwängerter Wucht durchlaufen die Tänzer vom Straßenanzug bis zur völligen Nacktheit viele Stadien und transportieren wechselnde kulturelle Codes.
Es ist eine von Leidenschaft und Energie durchdrungene, berstende Erzählung „über die Instinkte der Liebe und die Macht des Begehrens“, wie es im Programmheft dazu heißt. Sinnlich und fordernd zeigt sie sich, im Versuch eines nackten „Ungezähmten“ zu onanieren ebenso, wie im elegant gehaltenen Speed-Dating mit Orangenhälften. Während einer großartigen Tanzszene mit wechselnden Konstellationen hatte ein manipulativer „Obertänzer“ Orangen kunstvoll zerschnitten. Anschließend haben nur die Tänzer mit den jeweils passenden Hälften zueinandergefunden und sind in einen zärtlichen Reigen versunken. Einige anekdotenhafte Szenen, wie der Flohdirektor mit seinen „drei Freundinnen“, von denen Annemarie ins Publikum ausbüchste und wieder gefunden werden musste, verknüpften sich lose mit den Fäden von Macht, Dominanz und bildstarken Fantasien.
Als würden sie gleich losfliegen
„I fly, I fly“, ich fliege, jubeln gegen Ende die am Boden liegenden Tänzer im Velodrom. Ein weiteres Motiv von Freiheit und Selbstbestimmung. Heftig schlagen sie mit Armen und Händen, verlängert mit flatternden Papierblättern. Die Bühne ist mit Federn bedeckt, von oben regnet es ununterbrochen weitere Federflocken. Aus der Bäuchlingshaltung schnellen die Männer in Shorts und Hemden wie von Katapulten geschleudert immer wieder hoch, hängen sekundenlang fast waagrecht in der Luft und erwecken den Anschein, als würden sie gleich über die Zuschauer hinweg davonfliegen.
Es ist das letzte intensive Bild des berauschenden Tanzstücks. Es ist dominiert von sinnlichen Bildern der Anziehung und Begierden, fantastischen Momenten, befreiend komischen Einfällen und aufwühlenden Eindrücken heftiger Angstausbrüche oder drastischen Dominanzgehabes. Die Schlussszene knüpfte wieder an den Anfang an, danach gab es nur noch tosenden Applaus. Mittelbayerische Zeitung, 15.11.2017

 

Bundespreis für die Alte Mälzerei
Der APPLAUS wurde in Dresden für „herausragende Livemusikprogramme vergeben“. Auch das Regensburger Kulturzentrum ist dabei.


Der APPLAUS wurde in Dresden für „herausragende Livemusikprogramme vergeben“. Auch das Regensburger Kulturzentrum ist dabei.
Regensburg. Mit dem Musikpreis „APPLAUS – Auszeichnung der Programmplanung unabhängiger Spielstätten“ prämierte die Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters im Alten Schlachthof in Dresden insgesamt 86 Clubbetreiber und Veranstalter. Ausgezeichnet wurden kulturell herausragende Livemusikprogramme, die maßgeblich zum Erhalt der kulturellen Vielfalt in Deutschland beitragen. Zu den Preisträgern gehörte auch das Kulturzentrum Alte Mälzerei in Regensburg.
Der Spielstättenprogrammpreis APPLAUS ist der höchstdotierte Bundesmusikpreis in Deutschland. Eine unabhängige Jury, bestehend aus fachkundigen Mitgliedern der deutschen Musikbranche, wählt deutschlandweit Veranstalter aus, die für ihr Programm ausgezeichnet und gefördert werden. Kriterien bei der Vergabe dieses Preises sind unter anderem "eine qualitativ anspruchsvolle, trendsetzende und kreative Programmkonzeption und -realisation“, des Weiteren „angemessene Konditionen für die ausübenden Künstlerinnen und Künstler sowie „ein hoher Anteil lokaler Bands und Nachwuchskünstler“. Alle diese Punkte erfüllt das Programm der Alten Mälzerei nach Meinung der Jury im besonderen Maße.
„Wir freuen uns natürlich sehr über diese Auszeichnung, Eine großartige Bestätigung unserer Arbeit. Das unterstreicht die Bedeutung und den Stellenwert der Mälzerei für Regensburg und den gesamten ostbayerischen Raum“, freut sich Geschäftsführer Hans Krottenthaler.
Der Spielstättenprogrammpreis ist nicht nur eine Würdigung der kreativen Programmplanung. Er ist mit 20 000 Euro auch mit einer konkreten finanziellen Förderung verbunden. „Das gibt uns die Möglichkeit, unsere verschiedenen Projekte und Veranstaltungsreihen insbesondere zur Förderung regionaler Musiktalente fortzuführen bzw. noch weiter auszubauen.“ Der Spielstättenprogrammpreis verbindet diese Auszeichnung mit mehr öffentlicher Aufmerksamkeit für die musikalischen Angebote der Clubs. Mittelbayerische Zeitung, 3.11.2017

 

Gute Laune am Indie-Lagerfeuer
Impala Ray fallen durch die Instrumentierung ihrer Songs aus dem Rahmen. In der Mälze mischten sie sich auch unters Publikum.


Von Paul Bockholt, MZ
Wenn man abends frisch aus Arbeit oder Uni kommt, kann man schon mal mies gelaunt sein. Die Sonne macht sich rar, der Winter naht mit düsteren Tagen. Doch in der Alten Mälzerei gab es am Donnerstagabend hochwirksame musikalische Gute-Laune-Pillen.
Im fast ausverkauften Haus, darunter überraschend viele ältere Semester, läutet die Vorband The Red Aerostat mit einem musikalischen Faustschlag den Abend ein. Mit ihrem härteren Musikstil und technisch besserer Darbietung stehlen sie der Hauptband – im Nachhinein betrachtet – fast die Show. The Red Aerostat verkaufen sich als Vorband unter Wert. Unter ihren vielen gut geschriebenen Songs finden sich einige mit Hitpotenzial. Nicht oft erlebt man die Forderung des Publikums nach einer Zugabe noch vor dem Main-Act.
Jedenfalls ist der Menge schon gut eingeheizt, als Impala Ray die Bühne betreten. Doch was ist das? Sie steigen gleich wieder runter! Allerdings in Richtung Zuschauerraum. Die ersten beiden Songs spielen sie inmitten von gespannt lauschenden und beeindruckend stillen Zuschauern bei regelrechter Lagerfeueratmosphäre. Das ist cool, bodenständig und kommt gut an.
In der Interaktion mit den Fans zeigt sich bei Frontmann Rainer Gärtner, Sänger und Gitarrist, was der Zyniker an ihm argwöhnisch beäugt: Er scheint unglaublich gut gelaunt zu sein. Er und Drummer Dominik Haider strahlen auf der Bühne geradezu um die Wette, wenn letzterer nicht gerade bei seinen Vollblut-Drum-Passagen die Zähne fletscht.
Mit Hackbrett und Tuba
Hackbrettspielerin Carmen Unterhofer und Tubistin Nicola Missel wirken neben all der Energie, die von ihren männlichen Band-Kollegen ausgeht, fast ein wenig lethargisch beim Lächeln. Allerdings sind die beiden auch durch das Gewicht beziehungsweise die stationäre Natur ihrer Instrumente eingeschränkt.
Die Tuba fällt leider im Laufe des Abends immer wieder einmal durch den Mix. Das ist besonders deshalb schade, weil sie als Bassersatz dient. Das Hackbrett gibt deutlich mehr Pepp zum soliden Sound von Impala Ray. In der Welt der verwechselbaren Indie-Bands, die alle einen ähnlichen Sound und noch ähnlicheres Songwriting haben – und Impala Ray muss dazu gezählt werden –, gibt die einzigartige Instrumentierung ihrer Songs einen echten Wiedererkennungswert.
Den findet man auch in den noch unveröffentlichten Songs wieder, die sie an diesem Abend spielen. Nach der „From the Valley to the Sea“-Tour will die Band wieder ins Studio gehen. Es wird, das ist heute zu hören, wohl ein gutes „Bay-Folk“-Album. So nennen Impala Ray ihren Stil. Das steht doppeldeutig für den Lebensstil der Bay-Area von San Francisco, aber auch für die bayerische Tradition, in der sich die Musiker aus München sehen.
Der Brückenschlag zwischen den Kulturen macht Spaß. Da ist es es auch nicht schlimm, wenn im Lauf des Abends einzelne Töne und Schläge danebengehen. Die Stimmung ist einfach viel zu gut. Impala Ray wissen, wie man Party macht und haben den passenden Feel-Good-Indie-Folk im Gepäck.
Der Zyniker findet das Gehabe dann vielleicht ein wenig aufgesetzt und ein bisschen zu „Hippie“, aber selbst der größte Miesmacher kann sich der guten Stimmung, die von der Bühne aufs Publikum überschwappt, nicht erwehren. Wo man auch hinsieht: Alle im Raum haben ein leicht verträumtes Lächeln im Gesicht, gerade dann, wenn der Leadsänger eine seiner zwar stellenweise belanglosen, aber liebevoll und mit seinem zutiefst sympathischen Lachen vorgetragenen Zwischengeschichten erzählt.
Atmosphäre der Verbundenheit
Impala Ray scheinen vor allem eine große Mission zu haben: eine Atmosphäre der Verbundenheit zu schaffen. Das mag vor einem Jahr in der Mälze, damals vor halb so großem Publikum noch einfacher gewesen sein. Aber auch die größere Menge erliegt schnell dem Charme der Band. Ganz zum Schluss steigen die Musiker noch einmal von der Bühne runter und spielen mitten im Publikum. Hier endet der Bogen, der zu Beginn des Abends gespannt wurde. Ein herzerwärmender Abschluss. Mittelbayerische Zeitung, 6.11.2017

 

 

Elf Männer tanzen „Instinkte der Liebe“
Die Regensburger Tanztage bieten zum Jubiläum ein geballtes Programm mit hochklassigen Ensembles und Choreografien.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. In den Wäldern um Regensburg herum wurde schon vor Jahrtausenden Göttern, Dämonen und Wetterphänomenen tanzend gehuldigt. Nun kann man höchstens mit viel geistiger Verrenkung behaupten, dass die „Regensburger Tanztage“ daran anknüpfen. Dennoch steckt auch im heutigen Tanz und Tanztheater noch ein wenig von der DNA früher Tanzrituale. Beschworen werden heute andere Sujets, die Liebe, das Gewissen, gesellschaftliche Kälte. Auch die Formen haben sich geändert und sich mit neuen Ausdrucksmitteln und technischen Möglichkeiten verbündet. Gleich geblieben sind Leidenschaft und ekstatische Glut, mit der getanzt wird und manchmal auch die Berauschtheit, die versucht wird zu erreichen.
Heuer jährt sich das spannende Tanzspektakel zum 20. Mal. Vom 3. November bis Anfang Dezember stehen acht internationale und regionale Ensembles und Themenabende auf dem Programm. Zudem bietet das Sosani Tanztheater einen Intensiv-Workshop an. Kaum jemand hätte 1998 damit gerechnet, dass die Tanztage einmal ein solches Jubiläum feiern würden. Möglich geworden ist es, weil Hans Krottenthaler und sein Mälze-Team engagierte Kooperationspartner und Sponsoren gefunden haben, die die Tanztage seit langem unterstützen.
Als Krottenthaler Ende der 90er Jahre loslegte, glich das Ganze einem Experiment. Ein Versuchsballon, der praktisch aus dem Stand auf ein großes Interesse beim Publikum stieß. Der Versuchsballon hob ab und die Tanztage konnten sich schon nach kurzer Zeit einen festen Platz im Kulturleben der Stadt sichern.
Eine weltweite Tanzsensation
Getrieben von einem noch immer wachsenden Interesse, einer ständigen Lust am Experiment und Auseinandersetzen mit aktuellen Themen, haben sie sich über die Region hinaus zu einem Fixpunkt entwickelt. Mit der Verbindung von regionaler Szene und internationalen Positionen haben sich die Regensburger Tanztage auch überregional einen Namen gemacht.
Herausragend im Programm zum 20-jährigen Jubiläum dürfte der Auftritt des Ensembles „Ultima Vez“ mit der Choreografie „In Spite of Wishing and Wanting“ des belgischen Choreografen Wim Vandekeybus werden. Vor knapp 20 Jahren hat der Belgier diesen Tanz über die Instinkte der Liebe und die Macht des Begehrens für elf Männer geschaffen. Es wurde eine weltweite Tanzsensation.
Nun hat der Star-Choreograf dieses erregende Stück wieder aufgenommen und bringt es am Sonntag, 12. November (20 Uhr), ins Velodrom. Das Vertraute und das Befremdliche des Maskulinen werden in einer organischen Symbiose aus Tanz, Theater und Film sichtbar gemacht.
Und das alles zur grandiosen Musik von David Byrne, dem Mastermind der einstigen Kultband „Talking Heads“. Nicht weniger spannend dürften die Tanzabende „Shakespeare Dreams“ von Yuki Mori und Alessio Burani (3. November, 19.30 Uhr) im Velodrom und der Auftritt des brasilianischen Ensembles „Balé Teatro Guaira“ am Freitag, 1. Dezember (20 Uhr) im Uni- Theater sein.
Drei Bewegungssprachen
Der dreiteilige Tanzabend, an dem die Tanztage als Koproduzent beteiligt sind, ist in Zusammenarbeit mit den Choreografen Katja Wachter, Christoph Winkler und Roberto Scafati entstanden. Drei Bewegungssprachen, drei Sujets, verbunden durch die tänzerische Brillanz eines erstklassigen Ensembles. Eine neue Produktion stellt das Sosani Tanztheater im Kunstforum Ostdeutsche Galerie vor. „Captured in Motion“ ist eine Choreografie von Thea Sosani, in der sie die Bewegungskunst des Tanzes mit der den Augenblick fixierenden Kunst der Fotografie verbindet (19. November). Ein dreitägiger Workshop, der Start einer Tanz-Akademie und die beliebte Worldbeat Festival-Party im Theater der Alten Mälzerei vervollständigen das Programm der Tanztage.
Zudem wird auch wieder ein neuer Tanzfilm gezeigt. „El Septimo Sentido – I Am A Dancer“ ist ein Film über Migration im Kunstsektor (27. und 28. November, Filmgalerie). Mittelbayerische Zeitung, 24.10.2017

 

 

Eine Messe mit dreckigem Bluesrock
Der faszinierende Reverend John Lee Hooker zelebrierte seine Frohbotschaft in der Alten Mälzerei in Regensburg.


Von Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg.Gebt mir ein Halleluja! Populäre Kirchenmusik hat in Deutschland immer ein bisschen den Anschluss an populäre Musik verloren. Zeit, dass da mal einer kommt aus dem Land, in dem die Worte Kirchenmusik und cool keine Gegensätze sein müssen. Am Mittwochabend kam er dann. Hebt die Hände für den ehrwürdigen Reverend John Lee Hooker Jr. und seine Bluesband! Bei seinem Konzert in der Alten Mälzerei brachte der mehrfach Grammy-nominierte Blues- und Gospelsänger und Sohn des legendären John Lee Hooker die frohe Botschaft in Form von gutem alten dreckigen Bluesrock, knalligem Funk und Soul.
Der Weg nach ganz, ganz unten und die Errettung durch frommen Glauben – diese frohe Botschaft ist für den 65-Jährigen aus der ehemals prächtigen und heute verfallenden US-Stadt Detroit nicht sehr weit hergeholt. Mit 15 Jahren fing er an, harte Drogen zu nehmen, verbrachte viele Jahre seines Lebens dafür im Gefängnis, wurde zweimal angeschossen, wandelte sich zum Alkoholiker, verlor Frau und Haus. Genug Stoff also für mehr Blues-Songs, als jemand je schreiben könnte. Wäre da nicht der dramatische Lebenswandel vom drogenabhängigen John Lee Hooker Jr. zum erzchristlichen und geweihten Prediger Reverend John Lee Hooker Jr.
Auf Tuchfühlung zum Publikum
Heute ist er seit knapp 20 Jahren trocken und verschiebt die Gospel-Messen von Kirchen wieder auf Bühnen weltweit. Die gewaltige Power und die Fähigkeit, das Publikum zum Mitsingen, zum Mitklatschen und zum „Halleluja“-Rufen zu bringen, besitzt er wie kaum ein anderer. Bei jedem Lied lief er von einer Ecke der (zugegeben sehr kleinen) Mälzerei-Bühne zur anderen lehnte sich bis auf Tuchfühlung in die Zuschauermassen hinein. Zusätzlich zu dieser mitreißenden Show machen er und seine Musiker nebenbei auch noch verdammt gute Musik. Schlagzeuger, Bassist und E-Organist kommen aus Berlin, nur den Gitarristen als zweifellos wichtigsten instrumentellen Teil der Bluesmusik hat er aus den USA mitgebracht: Jeffrey James Horan. Der junge Musiker ist auf der Bühne eine Wucht und so etwas wie die Reinkarnation von Stevie Ray Vaughn.
Eineinhalb Stunden dauerte die Mittwochsmesse des Reverend John Lee Hooker Jr. in der Alten Mälzerei insgesamt. Darin enthalten waren Songs aus seinem Grammy-nominierten Album „The Healer“, Cover von Bluessongs seines Vaters John Lee Hooker und der Inbegriff des Gospelsongs als emotionales Highlight: Amazing Grace. Ein Lied, geschrieben von einem Sklavenhändler, der in einem Sturm auf See nahe an der schmalen Grenze zum Jenseits stand und durch diese Nahtod-Erfahrung zu Gott fand. Ein Lied wie maßgeschneidert für den faszinierenden Prediger des Blues, John Lee Hooker Jr. Mittelbayerische Zeitung, 13.10.2017

 

Mälze tickt zu Schnipo Schranke aus
Das in Hamburg angesiedelte Mädchen-Duo bietet im „Underground“ der Alten Mälzerei in Regensburg musikalische Liebesakte.


Von Peter Geiger, MZ
Regensburg. Es gibt eine uralte Weisheit im Pop, die besagt: Hüte Dich vor Musikern und Bands mit lustigen Namen! Beispiele wie Gottlieb Wendehals oder Geier Sturzflug dürften schon genügen, um der Argumentationskette die nötige Feuerfestigkeit zu verleihen. Aber, wie immer im Leben: Es gibt auch Ausnahmen von der Regel. Und die heißt Schnipo Schranke.
Um die Sache mit dem Namen in gebotener Kürze abzuhandeln: Geprägt wurde diese kofferwortartige Abkürzung wohl an Imbissständen und bedeutet so viel wie Schnitzel mit Pommes, die ihrerseits mit Ketchup und Majo (früher mal Rotweiß – und dieser Signalfarben wegen eben Schranke) angerichtet sind. Eingespeist in den komischen Diskurs hat den Begriff Kurt Krömer (für die jüngeren Leser: war ganz am Anfang mal lustig und auch bei der ARD), und so gelangte er zu Fritzi Ernst und Daniela Reis. Die hatten gerade gemeinsam ihr Musikstudium in Frankfurt am Main – Flöte die eine, Cello die andere – geschmissen und sich entschieden, freiberuflich nach „irgendwas mit Fame“ zu trachten. Und gründeten deshalb 2014 ihr Duo. Wurden sodann vom Hamburger Alt-Punk Rocko Schamoni entdeckt. Der soll sie, so besagt‘s die Legende, via Facebook kontaktiert und in Hamburg erfolgreich ans Label „Buback“ weiterempfohlen haben.
Verschleppte Drum-Beats
In Regensburg ist der Underground, also der Keller der Alten Mälzerei, bis auf den allerletzten Stehplatz gefüllt, bei einem gefühlten Frauenanteil von rund Zweidritteln. Für Neulinge in Sachen Schnipo Schranke ist zunächst nicht ganz klar, weshalb die Hütte von Beginn an brennt und die Anwesenden so austicken. Denn musikalisch ist das Gebotene eher pointen- und abwechslungsarm. Zwei Keyboards, ein Schlagzeug, die Instrumente werden im fliegenden Wechsel bedient.
Richtig, wer jetzt im Kopf mitgerechnet hat, hat’s schon bemerkt: Mit Ente Schulz (kein Witz, der heißt wirklich so und ist im echten Leben mit Daniela Reis verheiratet) ist ein Gastmusiker an Bord. Am interessantesten sind noch die verschleppten Drum-Beats; ansonsten dominieren Klavier- und Synthesizerklänge – und die beiden kaum unterscheidbaren weiblichen Gesangsstimmen.
Aber diese Kritik läuft deshalb völlig ins Leere, weil Schnipo Schranke viel mehr gelingt als das, was mit herkömmlichen Muckertums-Maßstäben zu messen wäre: Die beiden ganz in Weiß gekleideten (dazu: jeweils schwarzer Lippenstift) repräsentieren auch als Live-Band eine Art von Lebensgefühl, das sofort zum Vorbild und zum Role-Model taugt. Ihre Texte zeichnen sich dabei durch so viel Offenheit, Witz und auch Originalität in den Reimen aus, dass einzelne Passagen das Zeug dazu haben, den idiomatischen Haushalt unserer Alltagssprache zu bereichern. Allein, was sie in ihrem programmatischen „Schnipo-Song“ zum Besten geben, zeugt von großer Virtuosität im Umgang mit Sprache: „Wir sind Schnipo Schranke / Lieblingsschulfach Tanke / Körbchengröße Schlafsackfutter / Gewicht zu zweit wie deine Mutter / Lebensmotto: Drauf geschissen / Lieblingssportart: Zungenküssen / Und sorgt es auch für Augendrehen / Berufswunsch: Irgendwas mit Fame.“
Jenseits der Gürtellinie
Dass die beiden gleichzeitig eine Affinität zum Fäkalen auszeichnet, kann man als problematisch empfinden. Muss man aber auch nicht, wenn man bedenkt, dass die beiden sich heutzutage in einer Pop-Welt bewegen, in der die Zone unter der Gürtellinie sich zum wahrscheinlich meist beackerten Feld entwickelt hat. Insofern stehen sie mit ihrem Hang zu selbstironischen Bekenntnissen eher in einer Tradition der Unbekümmertheit und der adoleszenten Frechheit, deren Ursprünge ins Kabarett der 1920er Jahre zurückreichen – und die auch im Pop Nachfolgerinnen gefunden hat. Namen wie Nina Hagen, Ideal, Die Braut haut ins Auge oder die Lassie-Singers bürgen diesbezüglich für eine ebenso weibliche wie alltagsnahe Songpoetik.
Schnipo Schranke nutzen die Kräfte, die Gefühle wie Melancholie oder Frust entfalten – und segeln so quer zu Wohlfühllyrics, wie sie kürzlich Jan Böhmermann mit „Menschen Leben Tanzen Welt“ demaskiert hat. Schnipo Schranke aber leisten mehr als das: Sie bieten gleichzeitig prima und großflächige Identifikationsmöglichkeiten. Mittelbayerische Zeitung, 9.10.2017

 

 

Düstere Songs voll Zerbrechlichkeit
Cherilyn MacNeil stellte in der Alten Mälze Songs aus ihrem neuen Album vor. Den Text der Zugabe vergaß sie.


Michael Scheiner, MZ
Regensburg. „Sorry“, kichert Cherilyn MacNeil auf der Bühne halb belustigt, halb selbst ungläubig, sie habe die erste Zeile des Songs vergessen. Die Musikerin, Sängerin und Komponistin von Dear Reader klampfte mehrmals die Akkordfolgen, mit denen das Lied von Joni Mitchell beginnt. Es ist die letzte von mehreren Zugaben, mit denen sich die Band bei ihrem Gig in der Alten Mälzerei in Regensburg von einem hellauf begeisterten Publikum verabschiedet. Beim dritten oder vierten Anlauf auf der akustischen Gitarre schließlich lachte MacNeil erleichtert auf: „I got it!“ – und sang mit ihrer markanten Stimme „Both Sides Now“ ihrer Lieblings-Singer-Songwriterin.
Die Verehrung für die große kanadische Musikerin bricht sich immer wieder – oft ein wenig versteckt – in Songs von MacNeil Bahn. Vor allem wenn sie selbst zur akustischen Gitarre greift, klingt das häufig an. Überwiegend allerdings stand sie während des Konzertes hinter dem Keyboard und nutzte zwei Mikrofone zum Singen. Eines für die Solostimme und das andere, mit einem dunkleren, weicheren Klangbild, wenn sie mit den Bandmitgliedern zusammen im Chor gesungen hat.
Songs sind von Texten dominiert
Das kam immer wieder vor, denn trotz ausgefeilter und manchmal artifiziell schräger Arrangements, sind die Songs dominiert von den Texten und dem Gesang. Bei ihrem ersten Auftritt vor drei Jahren hat die in Berlin lebende Frontfrau das Album „Rivonia“ vorgestellt. Aus diesem hatte sie diesmal den pathetischen Mini-Hit „Down Under, Mining“ und das sozialkritische „City of Gold“ in leicht variierten Fassungen mit im Programm.
Den Einstieg machte sie diesmal allerdings mit dem ersten Song des neuen Albums „Day Fever“ (Hysterie), das im Frühjahr erschienen ist. „Oh, The Sky“ beginnt mit einer mehrstimmigen, vokalen Einlage aus Leadstimme und vokalen Lauten. Da hinein platzte ein verstörend grelles „Ping“ vom Keyboard, das sich wie der Ton einer Überwachungsmaschine im Zimmer eines schwerkranken Patienten anhört. Mit einem starren, aber kräftigen Groove begann das Schlagzeug einen beunruhigenden Akzent zu setzen, der ebenso unerwartet wieder abbrach wie die Stimmen. Es ist eine etwas düstere, deprimierende Stimmung, die der Song vermittelt. Diese herrscht auch in anderen Songs, wie dem trauernden Rückblick „(‚Cos you know me) Then, Not Now“, vor, in welchem MacNeil mit kritischer Distanz eine verflossene Liebe besingt.
Schwebend und geheimnisvoll
Musikalisch sind diese zarten und zugleich kantigen Popperlen dagegen keineswegs schwer oder gar niederdrückend. Im Gegenteil wirken die kargen, reduzierten Arrangements oft leicht, schwebend und geheimnisvoll. So als spiele das, was in den poetisch-elegischen Texten ausgedrückt wird, wie in einem leichten Nebel – unwirklich bis zu einem gewissen Grad. Dann aber wieder erschreckend nah, wenn die Singer-Songwriterin mit ihrer einprägsamen und hohen Stimme vom Kind singt, das in ihr sitzt und sein Verlangen verzweifelt nach außen schreit – „Tie Me To The Ground“.
Die gläserne Zerbrechlichkeit des Songs gewinnt in ihrem Gesang eine Wucht, die fast den Atem stocken lässt. Das überwiegend junge und weibliche Publikum saugt diese ambivalenten Stimmungen begeistert auf. Darin kommt auch etwas vom (süd-)afrikanischen Erbe der gebürtigen Johannisburgerin zum Vorschein. In Popsongs im südlichen Afrika werden ernste Themen häufig mit einer rhythmisch beschwingten Leichtigkeit verknüpft, die wie ein Tanz daherkommt.
MacNeil nutzt dieses Erbe in den Tiefenschichten ihrer Songs, die vordergründig deutlich stärker im aktuellen Popgeschehen angesiedelt sind. Ihren manchmal verstörend schönen Melodien verpasst sie oft kantige Rhythmen, von der russischen Drummerin Olga Nosova mit Verve und klanglichen Finessen hervorragend umgesetzt. Melodische und klangliche Akzente setzten die New Yorkerin Evelyn Saylor am Keyboard und auf der Mandoline und der androgyne Bassist Stellan Veloce auf einem elektronischen Cello. Alle drei Bandmitglieder sangen zudem a capella und als Background die jeweiligen Refrains. Mittelbayerische Zeitung, 7.10.2017

 

Kunst mit Affinität zum Kitsch
Die extravagante Tanzperformance„Sculpture in Motion“ geriet zu einer Show abseits aller gängigen Standards.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg.Es war ein wenig spektakulär und extravagant – die Tanzperformance „Sculpture in Motion“. Manchmal tauchte sie ab in eine somnambule Stimmung oder schrammte gnadenlos am Kitsch entlang, wenn Ana Hauck hocherhobenen Hauptes über den Steinfußboden des Kirchenraums schritt und einen Papagei wie eine Monstranz über ihrer feuerroten Perücke trug. Dann wusste man nicht, ob man lauthals loslachen oder sich doch lieber wieder aufs Gesamtbild konzentrieren sollte. Das enthielt immer auch etwas Erhabenes, Majestätisches, das die Albernheit des Plüschvogels weit in den Hintergrund rückte.
Mit ihrem neuen Projekt hat die Choreografin Thea Sosani eine aufregende Tanzerkundung geschaffen, die konzeptionell ein wenig an die getanzte Eröffnung der Elbphilharmonie von Sasha Waltz erinnerte. Bei den Sommertanztagen der Alten Mälzerei erlebte sie ihre Premiere im Historischen Museum. Mit den Tänzern des Sosani-Tanztheaters, Musikern, Schauspielerin Ana Hauck und Gasttänzerin Natia Bunturi aus Georgien erfuhren die Zuschauer eine Museumsführung der besonderen Art.
Ausgehend von der Eingangshalle, wo Ramona Reißaus und Julia Koderer den Treppenaufgang heruntertanzten, lockte Hauck das Publikum durch den Kreuzgang und Teile des ehemaligen Klosters bis in den Altarraum und schließlich den Hauptraum der unbestuhlten Minoritenkirche. Über die Steinfußböden, zwischen Säulen und steinernen Skulpturen bewegten sich die Tänzerinnen mit ihren steifen, raschelnden Röcken. Sie machen Halt, ein Metronom, Cello (Tina Molle) und eine Bratsche (Martina Spörl) brachten die zwischen Traum, geronnener Geschichte und Ermächtigungsvorstellungen oszillierende Szenerie klanglich in Schwingung.
Eine an einer Säule festgekettete Tänzerin (Bunturi) befreite sich mit Hilfe des Vogels, bevor der kraftvoll-geschmeidige Pasha Darouiche die wandernden Menschen in Empfang nahm. Zwischen den Bildern des Kulturpreisträgers Paul Schinner hindurch lockte er sie mit einem hinreißenden Solo über die Stufen hinunter in den weiträumigen Kirchenraum, wo sich nach und nach die anderen Tänzerinnen dazu gesellten.
Zu live gespielten Klängen von Heinz Grobmeier und Helmut C. Kaiser und Musik von Arvo Pärt entfalteten sie hier ein zeremonielles Szenario aus Bewegung, Tanz und Ritualen, die manchmal an Beschwörungen oder religiöse Riten erinnerten. In Solos, Duetten und Gruppentänzen entfaltete sich ein ermutigendes, mitreißendes energetisches Potenzial, das dem riesigen Raum eine ungewohnte Atmosphäre verlieh.
Der Vogel, erklärte Thea Sosani anschließend, stehe für sie „für Weiblichkeit und Selbstermächtigung“. Vielleicht hätte sie statt des plappernden Papageis aber besser einen Falken, der zur mittelalterlichen Adelswelt passt, oder einen Raben genommen. Mittelbayerische Zeitung, 1.8.2017

 

Fünf Mal zeitgenössischer Tanz im Sommer
Aufführung Die Sommertanztage starten in der Alten Mälzerei, im Velodrom und im Historischen Museum Regensburg


Regensburg. Der zeitgenössische Tanz hat in den zurückliegenden Jahren in Regensburg eine sehr positive Entwicklung genommen. Als spannende und aktuelle Kunstform ist der Tanz inzwischen fester Bestandteil des kulturellen Lebens der Stadt. Insbesondere die Regensburger Tanztage setzen seit vielen Jahren im Herbst immer wieder Glanzlichter des Genres. Nach dem Erfolg der ersten "Sommertanztage" im letzten Jahr, wird nun auch in diesem Sommer an fünf Veranstaltungstagen eine kleine Auswahl an neuen Tanzproduktionen zu erleben sein.
Unter dem Titel "Tanz Hoch X" sind am 8. Juli (20 Uhr) im Theater der Alten Mälzerei mehrere Produktionen der Tanzszene Bayern zu sehen. Mit dabei sein werden an diesem Abend Tanzkompanie VierArt, Tanztheater Annette Vogel, Martina Feiertag und Dian Nova Saputra, Laura Meißauer, Andreas Schlögl und Sophia Ebenbichler.
Am 15 und 16. Juli (jeweils 19.30 Uhr im Velodrom) gibt die "Tanz.Fabrik!Fünf" den Tänzern am Theater Regensburg die Möglichkeit eigene Choreografien zu zeigen. Die Stücke von  Tsung-Hsien Chen, Simone Elliott, Tiana Lara Hogan, Louisa Poletti, eine Gemeinschaftsarbeit von Simone Elliott, Alessio Burani und Simonefrederick Scacchetti, sowie   die Arbeit der Gastchoreografin Natalia Rodina, beschäftigen sich u.a. mit dem Einfluss der sozialen Medien auf unser Bild von der Welt.
In einem spannenden neuen Projekt bringt das Historische Museum Regensburg Meisterwerke aus der Kunst des Mittelalters und der Renaissance mit zeitgemäßen Formaten, wie dem zeitgenössischen Tanz, zusammen. Am 28. Juli (20 Uhr) und 29. Juli (16 und 20 Uhr) spürt das Sosani Tanztheater in seiner Performance "Sculpture in Motion" (Choreografie Thea Sosani) der einzigartigen Energie und Atmosphäre der historischen Räume und Skulpturen in Minoritenkirche und angrenzendem Kreuzgang nach.
Die "Sommertanztage" sind Teil der "Tanzinitiative Regensburg", veranstaltet vom Kulturzentrum Alte Mälzerei mit Unterstützung der Stadt Regensburg/Kulturreferat. Tickets gibt es an den jeweiligen Spielorten und unter Telefon 0941-788810. Mittelbayerische Zeitung, 7.7.2017

 

Seelenqualen als Kammerspiel vertanzt
„Du in Mir“ von Alexandra Karabelas erzählt von tiefen Verletzungen und wirkt zeitweise bedrohlich wie ein Thriller.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Es macht ein wenig den Anschein einer Versuchsanordnung: Über die metallene Feuerleiter steigt man bis in die luftige Höhe des zweiten Stocks. Durch den Notausgang betreten die Besucher den ins Dunkel getauchten Theaterraum. Von unten aus dem Keller der Alten Mälzerei wummert die Bassdrum eines Schlagzeugs. Mit dichten Schlagfolgen wird es auch noch die bevorstehende Performance immer wieder unfreiwillig dumpf unterfüttern. Innen steht in der Mitte ein Mikrofon, etwas entfernt ein Stuhl, noch weiter weg eine Matratze mit aufgeschlagenem Bettzeug. Davor am Kopfende liegt ein aufgerissenes Päckchen mit hellem Sand. Drumherum an den Wänden lose verteilt ein paar wenige Stühle.
Eine offene Anordnung, die Zuschauer sollen sich frei bewegen während der gut halbstündigen Tanzperformance „Du in Mir“ von Alexandra Karabelas. Die Choreografin nennt es „ein getanztes Kammerspiel über den Missbrauch von Körper, Seele und Geist“. Der Passauer Tänzer Andreas Schlögl und die Performerin und Choreografin Katrin Hofreiter aus Regensburg sind die Akteure, die ohne klare Begrenzung den Theatersaal in eine Bühne verwandeln. Sie folgen einer Dramaturgie, die ihren Ausgang in einem literarischen Text hat, einem mehrseitigen Gedicht des Autors und Opernlibrettisten Christoph Klimke.
Das Gedicht endet in Hundegebell
Anfänglich zitiert Schlögl aus dem Gedicht, wobei im verwaschenen Gemurmel der Inhalt nur bruchstückhaft zu verstehen ist: „Leben … Träume … allein … das Fenster ist zu … Dschungel.“ Wütendes Hundegebell in einer Videosequenz beendet den rezitierenden Monolog. Klappe, Dunkel. Die nächste Sequenz spielt am Boden. Schlögl quält sich ab, sein Körper bäumt sich auf, wirft sich herum, kämpft, krümmt sich und rollt sich in Embryonalhaltung zusammen, während die Frau scheinbar völlig teilnahmslos herumsteht oder desinteressiert auf einem Stuhl hängt.
Ein Programm mit dem Text Klimkes gibt es nicht, so dass nicht nachvollzogen werden kann, inwieweit die Körperperformance einen direkten oder „übersetzten“ Bezug zu dessen Inhalten nimmt. Eine Antwort Karabelas’ im anschließenden Gespräch, dass sie vom ursprünglichen Gedicht immer mehr reduziert, „weggelassen und in den Körper des Tänzers verlagert“ habe, wirft letztlich mehr Fragen auf, als sie offenlegt.
„Du in Mir“ weist eine oberflächliche Parallele zu einem frühen Werk Klimkes auf – „Du mein Ich“. Die Verschmelzung zweier Menschen und die aus einer solchen Konstellation resultierenden Qualen, Verletzungen und inneren Blessuren zeigen sich in Karabelas’ Inszenierung in verschiedener Weise. Eine weitere Videosequenz zeigt kreischende Vögel, die unwillkürlich an die bedrohliche Stimmung in Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ denken lässt. Hofreiter, die fast nur passiv als an- oder abwesende Figur präsent ist, nimmt dennoch maximalen Raum ein, sie ist steter Bezugspunkt. In den wenigen Szenen, wo sie als Person im knallroten Bademantel die Bewegungen Schlögls imitiert oder die Säule im Raum – statt den Partner – umarmt, wirkt sie nachgerade affig.
Ein Gespinst mit losen Fäden
Starke Eindrücke hinterlassen Sequenzen, in denen sich Schlögl minutenlang völlig ungelenk und wackelig auf Knien fortbewegt. Schwankend und unsicher ist auch sein Stand auf dem Rand der Matratze, währenddessen er Sand durch seine Finger gleiten lässt. Das Leben zerrinnt, zurück bleibt Staub. Die Inszenierung von „Du in Mir“ wirkt fragmentarisch, wie ein Gespinst mit losen Fäden, bei dem unklar ist, wie sie zu verknüpfen sind. Eine echte Herausforderung – mit vollem Körpereinsatz und leidenschaftlicher Ausstrahlung zur Aufführung gebracht. Mittelbayerische Zeitung, 29.5.2017

 

 

Großstadtprosa vom bösen Märchenonkel
Max Goldt seziert deutsch-deutsche Befindlichkeiten und hinterfragt befremdliche Episoden in der arabischen Wüste.


Von Flortian Sendtner
Regensburg. Mit dem nach wie vor quicklebendigen Ressentiment der Wessis, speziell der Bayern, gegenüber den Ossis ist es so eine Sache. Der konservative Patriot müsste es sich ja von Rechts wegen verbieten, er müsste seine Landsleute in Sachsen und Thüringen von Herzen lieben, doch er schafft es ums Verrecken nicht. Ein Ergebnis dieses Dilemmas sind verdrucksten Wallungen wie die gerade mal wieder erhobene Forderung nach der Abschaffung des Solidaritätsbeitrages.
Was für ein göttliches Gelächter geht demgegenüber durch den Saal der Alten Mälzerei, wenn Max Goldt ebendieses Ressentiment eiskalt ausbuchstabiert, wenn auch im Modus des „Was wäre, wenn?“. Bei Goldt klingt das kurz und schmerzlos so: „Wenn zum Beispiel Kohl gesagt hätte: ‚Der Osten stinkt. Den Osten nehmen wir nicht. Den Osten kriegt General Jaruzelski.‘“
Schenkelklopfer vor Erkenntnislust
Wenn es Sache des Schriftstellers ist, die klandestin herumwabernden kollektiven Gedanken zu lesen und sie zur Belehrung und Belustigung des Lesers auszuformulieren und offen auszusprechen, dann ist Max Goldt – man kann es nicht anders sagen – Gold wert. Ganz gleich, ob es sich um die größte Banalität und den hinterletzten Schnickschnack handelt oder eben um des Vaterlandes höchstes Gut: Goldt kennt kein Erbarmen, Goldt insistiert, nimmt das Geschnatter und Geplapper beim Wort, dreht jeden Buchstaben um, schüttelt die Besinnungslosigkeit so lange durch, bis das Publikum wiehert vor Erkenntnislust.
In Regensburg schaut Max Goldt ziemlich regelmäßig vorbei, erst vor eineinhalb Jahren war er hier. Und das Erstaunliche ist: Max Goldt, der vielfach preisgekrönte Dichter, ist trotz allem ein Mensch und wird als solcher von Jahr zu Jahr älter. Allein sein Auditorium scheint immer gleich jung zu bleiben. Nur vereinzelt sieht man in der ausverkauften Mälzerei ältere Semester, die vermutlich schon in den 90er-Jahren „Onkel Max’ Kulturtagebuch“ in der Satirezeitschrift „Titanic“ gelesen haben.
Aber es ist ja auch kein Wunder. Denn niemand betreibt die Kunst der permanenten Grenzüberschreitung zwischen Plauderei und Tiefsinn, zwischen U- und E-Musik der Sprache so konsequent und so elegant wie Max Goldt. Im einlullenden Tonfall des Märchenonkels verliest er einen einzigen, nichtendenwollenden Erlebnis- bzw. gerne auch Besinnungsaufsatz, der in jedem Nebensatz blitzschnell das Thema wechselt, stets sprungbereit zur Attacke.
Der aufgeschlitzte Falke aus Katar
Es beginnt mit dem Abenteuer „Charlies Tante in der Wüste“, einem Trip ins arabische Emirat Katar, wo sich Max Goldt u.a. fassungslos zeigen lässt, wie mal eben ein Falke aufgeschlitzt wird – nur um sicherzugehen, dass das lebende Millionärsspielzeug auch wirklich kerngesund und seinen Preis wert ist, anschließend wird der Vogel wieder zugenäht. Die von Goldt ungerührt mitgeteilten Assoziationen bei dieser Prozedur würde jeder andere noch nicht mal seinem Psychoanalytiker erzählen, so peinlich wären sie ihm, doch Goldt kennt da gar nichts. Er spuckt buchstäblich alles aus, aber eben so charmant und gleichzeitig fulminant, dass er sich am Ende glänzend aus der Affäre zieht.
„Charlies Tante in der Wüste“ ist ein Beispiel für Goldts permanente Eigenbearbeitung. Die 2005 veröffentlichte Geschichte ist nun, hübsch aufgemöbelt, in das fünfhundertseitige „Lippen abwischen und lächeln“ (2016) aufgenommen worden, verfeinert durch den Hinweis, man müsse es dem Staat Katar zugutehalten, dass er den Besucher am Ende nicht an der Wiederausreise gehindert habe.
Stoff für eine mittlere Strafkolumne böte auch die Mälzerei. Da werden, noch während Max Goldt auf dem Podium sitzt und Bücher signiert, ohne Erbarmen bereits die Stühle gestapelt. Jeder Satz zwischen Leser und Autor muss dreimal brüllend wiederholt werden, Goldt verschreibt sich ob des ohrenbetäubenden Lärms beim Signieren und runzelt indigniert die Stirn. Man denkt an die Pianistin in Katar, die „mit hartem Anschlag und beschränktem Repertoire“ glänzt: „Alle fünfzehn Minuten wurde das Stück ‚Feelings‘ gespielt, und zwar mit der Zartheit eines Teppichklopfers.“ Mittelbayerische Zeitung, 13.5.2017

 

Kleine Hänger mit guter Laune überspielt
Die Sportfreunde Stiller wirken aber immer noch wie eine aufgeregte Schulband. In Regensburg jubeln ihnen die Fans zu.


Von Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg. Die Sportfreunde Stiller, Deutschlands liebste Poprock-Boyband, schaute am Freitag im Regensburger Antoniushaus vorbei. Mit einem lange im Voraus ausverkauften Haus voll treuer Fans im Rücken zogen die drei Oberbayern eine zweistündige Best-of-Show ihrer beliebtesten Hits ab. Ein bisschen „Applaus, Applaus“, ein bisschen „Zündet ein Leuchtsignal, in New York, Rio, Rosenheim“ und ganz zum Schluss noch Konfettiregen in den Farben des FC Bayern. Dazu ein bisschen aus ihrem neuen Album „Sturm & Stille“, das Ende 2016 herauskam. Das erreichte zwar kurzzeitig Platz eins der deutschen Albumcharts, kam aber bei Kritikern und vielen Fans nicht so gut an. Nur die Single „Das Geschenk“ schaffte es dann trotzdem noch in die eine oder andere Nachmittags-Radioshow.
Aber ein einziges verspottetes Album macht den „Sportis“ noch lange nichts aus. Die drei ewigen Lausbuben halten sich seit immerhin über 20 Jahren zäh auf der Bühne. Früher im kleinen Germering, heute europaweit. Viel verändert haben sie sich nicht. Dabei, und das schockiert jetzt vielleicht einige, sind die „Sportis“ alle schon gediegene Herren über 40. Dass sie auf der Bühne immer noch wirken wie eine aufgeregte Schulband, ist ihre Trumpfkarte.
Als die Band auf der Bühne im Antoniushaus steht, strahlt sie in einer Laune, als hätte sie sich schon das ganze Jahr nur auf das Konzert in Regensburg gefreut. Zwischen jedem Lied machen die Musiker Quatsch, reden über alte Zeiten oder schleimen, dass doch die Leute hier die aller-allerbesten überhaupt sind. Sie schaffen es, jedem Zuhörer das Gefühl zu geben, ein bisschen mit alten Kumpels abzuhängen. Damit überspielen sie clever, dass sie auch immer mal wieder den Text vergessen, der Sound aus den Lautsprechern manchmal ein bisschen breiig klingt und Leadsänger Peter Brugger halt auch kein Eric Clapton ist, der jedes Gitarren-Riff fehlerfrei und gefühlvoll hinbekommt. Stattdessen erzählt er leidenschaftlich die Geschichte, als er mit seinen Bandkollegen Florian Weber und Andi Erhard damals, 2001, das „heißeste Konzert unserer Karriere“ in der stickigen alten Mälzerei gespielt hatte.
Später macht die Band noch Werbung für das Geburtstagsfest des Kultclubs und promotet noch ein bisschen die Vorband „Kytes“: Eine blutjunge Indie-Band aus München, quasi die Mando Diao Oberbayerns.
Zusammengefasst: Obwohl es kaum eine Faschingsparty, Hochzeit oder Sportfeier im ganzen Land gibt, auf der eine Band oder der DJ nicht mindestens einmal „ein Kompliment“ oder einen anderen Gute-Laune-Hit der Münchner Jungs spielen, sind sie auf dem Boden und sympathisch geblieben. Wie sie sich selbst auf der Bühne des Antoniushaus nannten: „die bescheidenste Band der Welt“. Mittelbayerische Zeitung, 2.5.2017

 

Die Pfunde, das Alter, die Männer
Lizzy Aumeier teilt in ihrem Programm „Ja, ich will“ kräftig aus. Sie setzt sich dabei über alle Konventionen frech hinweg.


Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Wenn Lizzy Aumeier nach Regensburg kommt, dann füllen sich die Hallen. Allzu gerne hören die Menschen ihre Ansichten über das Leben, ihr Gewicht und die Männer. Wenn die Kabarettistin mit der Schönheit kokettiert, dann tut sie dies mit einer Penetranz, die bei feinfühligeren Zuschauern unweigerlich zum Fremdschämen führt. Lizzy Aumeiers fülliger Körper ist ihr Kapital, den sie einsetzt, um sich wieder und wieder coram publico selbst lächerlich zu machen. Sie macht auch im Antoniushaus den Männern im Publikum augenzwinkernd Avancen, die sowohl den 16-jährigen Marcel als auch den 38-jährigen David in Verlegenheit stürzen – sehr zum Vergnügen des Publikums. Mit lasziven Bewegungen zeigt sie sich provokant unangepasst an das geltende Schönheitsideal. Sie macht sich nicht nur über sich selbst lustig, sondern auch über das Diktat der Schönheit und des Ständig-erotisch-sein-müssens. Lizzy Aumeier gibt die aufdringliche, sexuell unbefriedigte Frau in den Wechseljahren, ständig auf der Suche nach männlichem Frischfleisch. So karikiert sie den Stereotyp des alternden Mannes, der sich mit jungen Mädchen schmückt.
Lizzy Aumeier setzt sich über alle Konventionen frech hinweg. Vordergründig macht sie sich über sich selbst lustig, doch tatsächlich hält sie die Fahne hoch für das Bewusstsein des „Normalen“ und „Menschlichen“ im Gegensatz zum Diktat eines „aufgetunten“ und selbstoptimierten Lebens.
Lizzy Aumeier steht in ihrem Programm „Ja, ich will“ mit der russischen Musikerin Svetlana Klimova auf der Bühne. Die Pianistin und Violinistin präsentierte dem Publikum faszinierende Musikeinlagen mit Klavier und Geige auf höchstem Niveau und absolut mitreißend. Die musikalischen Einlagen, die sie zusammen mit Aumeier am Kontrabass gab, zählten zu den Höhepunkten des Abends.
Lizzy Aumeier teilte auch Seitenhiebe auf die Politik aus. Den türkischen Präsidenten Erdogan setzt sie an erste Stelle ihrer Liste derjenigen, denen sie Ebola an den Hals wünscht. Alexander Dobrindt ist für sie der lebendige Beweis dafür, dass auf Gehirnversagen nicht unbedingt der Tod folge. Donald Trump werde zwar Zeit seines Lebens von der Intelligenz verfolgt, die ihn jedoch nie erreiche. Der AfD als Partei gesteht die Kabarettistin keinerlei Regierungskompetenz zu: „Die AfD kann das Land nicht regieren. Das wäre so, als würde das Ordnungsamt die Wohnung putzen!“
Die Kabarettistin grast das Feld der aktuellen Themen konsequent ab. Von grünen Smoothies, gesundheitsbewussten Joggern („Sterben mit Anlauf“), Veganern, Spargel („Öko-Dildo“) hin zu den Schweizern („deren Orgasmus endet mit ,Ricolaaa‘“) und Markus Söder, dem „fränkischen Chippendale“. Die wichtigste Erkenntnis des Abends ist: „Schokolade ist eine Art Gemüse, denn die Kakaobohnen wachsen schließlich an einem Strauch. Und was an einem Strauch hängt, ist Gemüse!“  Mittelbayerische Zeitung, 24.4.2017

 

Tampons heißen künftig „Wollberg(s)“
Beim Finale des T&T-Kleinkunstfestivals treffen unterschiedliche Kabarettistinnen aufeinander – mit unterschiedlichem Erfolg.


Von Michael Scheiner
Regensburg. Als „Gipfeltreffen der Powerfrauen“ ist im Vorfeld der Auftritt von Lisa Catena aus der Bern und Magda Leeb aus Wien beim Finale des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals in der Alten Mälzerei angekündigt worden. Sieht man mal großzügig über die Schräglage nie vorhandener „Powermänner“ hinweg, waren die Gipfel der beiden Kabarettistinnen einigermaßen überschaubar. Also so Mittelgebirge, ältere Mittelgebirge, Harz oder Rothaargebirge vielleicht, aber keineswegs Alpen, wie man aus der Herkunft der beiden Frauen schließen könnte.
Auf unterschiedliche Weise thematisierten beide ihre geografisch-nationale Herkunft. Wobei die Schweizerin insgesamt ihr Programm deutlich stärker auf das Verhältnis zum Nachbarland Deutschland und seinen Bewohnern ausgerichtet hat, als die Österreicherin. Die spielte mehr mit dem Publikum, reagierte auf Zurufe, improvisierte selbstironisch und präsentierte sich als gewiefte Stand-Up-Comedian, die auch mit unerwarteten Situationen gewitzt umgehen kann. Als sie auf die Frage nach einem „Ungemach“, das jemanden in letzter Zeit widerfahren sei, aus dem Zuschauerraum ein „Wolbergs“ hingeworfen bekam und Lacher aufkamen, hakte sie nach. Das sei wohl „eine Insiderg`schicht“ rätselte sie und fragte nach wer das sei. Dem knappen „OB“ setzte sie sich, nach einem kurzen Moment der Verwirrung, auf die Spur zu einem Monatshygiene-Artikel für Frauen, dem Tampon gleichen Namens. Künftig würden die „neuen o.b.“, spöttelte sie spontan, „Wollberg(s) heißen“ und brachte gleich noch folgsame Schafe ins nicht abgekartete Spiel. Unter Beifall und Gelächter mahnte sie, dass man „als Frau nie vorsichtig genug sein“ könne. Vielleicht hat sie hinterher noch jemand vom Mälze-Team über die Hintergründe ihrer seltsam passenden Witzelei aufgeklärt.
Trendige Babyoptimierung
Pointiert lästerte sich „das Bastardl“, wie sich Leeb ihrer „polnisch-kommunistischen-anarchistisch-österreichischen Abkommenschaft“ nach selbst bezeichnete, von der Multi-Tasking-Fähigkeit der Frauen über ein strunzlangweiliges Frühstück mit einer depperten Freundin bis zur trendigen Babyoptimierung. Immer wieder aufgelockert durch improvisierte Songs, die sie mit elektronischen Loops und kurzen Gesangsphrasen zu knackigen Beats frisierte. Wortspiele über Verlegenheitsbegriffe und „unsagbares bei Familienfeiern“ waren nun nicht die großen Brüller. Dennoch bekam Leeb verdientermaßen anhaltenden Beifall für ihre Spontanität und Lust am Spaß.
Diesen sieht Catena weit und breit bei keinem Extremisten, denen sie sich verbal zugewandt hatte. „Stellen sie sich einen lustigen Taliban vor“, ermunterte sie ihr Publikum im der zu zwei Drittel besetzten Mälze, und konstatierte, dass Extremisten alles können – „nur nicht lachen“. In ihrem für den Doppelauftritt abgespeckten aktuellen Programm – ein wenig politisch, ein wenig gesellschaftskritisch, ein wenig männerkritisch – hüpfte sie von bayerischer Bier(un)seligkeit, Fußballleidenschaft, den statistischen Merkmalen der Durchschnittsdeutschen bis zum „Bürger mit Frustrationshintergrund“ mal hierhin, mal dorthin. Mit launiger Pointenkette und milder Kritik schlendert sie von einem Gedanken zum nächsten, vom halb garen Ulk zum beiläufigen Spaß.
Satire, die nicht wehtut
Beim Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz erkennt sie einen veritablen „culture clash“. Deshalb würden die Deutschen das Wesen der direkten Demokratie, wie es die Eidgenossen in einem perfektionierten System austarieren, immer falsch verstehen. Das alles ist nicht schlecht, wenn auch manchmal wenig zusammenhängend und ausgesprochen milde zugespitzt – Satire, die nicht wehtut. Die aber auch nur selten einmal zum Nach- oder Um-die-Ecke-denken anregt. Angesichts von Catenas Leitspruch ist das wenig verwunderlich: „Satire darf alles – nur darf sie nicht unlustig sein!“ Sie darf aber auch gern mehr sein, als ein mittelschichtskritisches Bonmot im Stil von „wann wurde Essen zum sozialen Schwanzvergleich?“ Für den nächsten Gipfel darf sich die Schweizerin ein höheres Ziel mit steilerem Anstieg aussuchen. Mittelbayerische Zeitung, 10.4.2017

 

Festival
Gstanzel über Landeier und Zuagroaste
Martin Frank und Sebastian Daller & Bänd begeistern beim Thurn und Taxis-Kleinkunstfestival in der Alten Mälzerei.


Von Peter Geiger, MZ
Regensburg. Wenn an einem Abend Namen wie „Eichenseer“ oder „Blabl“ fallen und obendrein vom „Frauenbund“ die Rede ist, dann ist man wohl in einem Wirtshaus gelandet, wo der Pfarrgemeinderat gerade zusammentritt und seinen Vorstand wählt oder Ehrennadeln überreicht. Am Samstagabend in der Alten Mälzerei freilich signalisierten die immer wieder aufbrandenden Lachstürme, dass der Zweck der Zusammenkunft wesentlich heiterer war. Denn mit Martin Frank und seinem Gstanzl-Kollegen Sebastian Daller enterten zwei Träger des "Thurn und Taxis kabarettpreies" die Bühne.  Und die leisten das, was sich einst die „Dorfgeschichte“ auf die (Druck-)Fahnen geschrieben hatte: Nämlich das Landleben einer Reflexion zu unterziehen. Dazu sind, auch im 21. Jahrhundert, Begriffe wie „Blabl“ oder „Frauenbund“ unverzichtbar.
Dreh- und Angelpunkt beim 24-jährigen Wahlmünchener Martin Frank ist die Oma. Die hat ihn, den Landwirtssohn, nämlich groß gezogen. Und hat ihm beigebracht, dass man überall, wo man hinkommt, „Grüß Gott“ sagen muss. Diese im Schatten des Hutthurmer Misthaufens ausgesprochene großmütterliche Ermahnung freilich offenbart im urbanen U-Bahn-Dschungel ihre praktischen Grenzen: Nicht nur, weil man auf grüßunwillige Zuagroaste trifft, sondern auch, weil mit dieser Art von Naivität selbst in einer „Weltstadt mit Herz“ kein Staat zu machen ist. Weshalb der Singlestatus von Martin, dem Landei, Longplayer-Ausmaße erreicht hat. Was wiederum die Eichenseer Hildegard, die Frauenbundvorsitzende, dazu motiviert hat, Gebetskerzen anzuzünden. Für den Martin. Sehr, sehr lustig.
Wenn Sebastian Daller mit seinen beiden „Bänd“-Musikern die Bühne betritt, dann freilich wird nicht nur der dialektale Akzent verschoben. Teugn gehört schon zu Niederbayern, die dort praktizierten gestürzten Diphthonge aber offenbaren, dass der Gstanzlsänger noch zur Sprachfamilie der Oberpfälzer gehört. Auch inhaltlich wechselt die Gangart: Daller stellt sich, im wahrsten Wortsinne, mit seiner Ziehharmonika in die Tradition bayerischer Spottsänger und intoniert mit kraftvoller Stimme Schnadahüpfeln genauso wie Balladen. In denen geht es um Garagenfeiern zum 60. Geburtstag vom Reitmeier Toni, bei der ein Rollbraten eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Oder um den Beerdigungszug zu Ehren vom Blabl Fritz, an dem Schützenverein wie Frauenbund teilnehmen. Aber weil der Pfarrer über den Toten nichts Böses sagen darf, raspelt er stattdessen Süßholz und dichtet dem zeitlebens in der NPD Aktiven an, er sei ein „Liebhaber der Heimat“ gewesen. Resümee: Der romantisierende wie auch der kritische Blick auf das eigene Herkommen bergen ein großes Quantum an Potenzial. Und garantieren dem Publikum einen lachmuskelaktivierenden Abend, mit regional hochgezogenen Pointen. Mittelbayerische Zeitung, 27.3.2017

 

 

Festival
Mit Auster im Mund den Aufstand ausrufen
Matthias Egersdörfer und Martin Puntigam eröffneten das Kleinkunstfestival der Alten Mälzerei – vollkommen ungeniert.


Von Daniel Pfeiffer, MZ
Regensburg. Die Kabarettisten Martin Puntigam und Matthias Egersdörfer eröffneten am Dienstagabend in der Alten Mälzerei das 22. Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival United Comedy. Mit trockenem, rassigem Humor, mit ungewöhnlichen Sketches und tausendundeiner grantigen Beschimpfung zerbröselten sie die Grenzen dessen, über was man sich in aller Öffentlichkeit zu lachen traut.
Dicke, Frauen, Katholiken? – Klar! Massenmord, Vergewaltigung, Kannibalismus? – Warum nicht! Schon bezeichnend, dass das einzige Raunen erst dann durch das Publikum ging, als es Matthias Egersdörfer wagte, Regensburger Bier zu beleidigen. Irgendwo hat der Spaß ja auch mal ein Loch.
Aber damit konnte man rechnen. Wenn der „Franken-Tatort“-Darsteller Egersdörfer und der Kabarettist Puntigam aus Graz loslegen, bleibt kein Stein auf dem anderen. „Ich hab sowas wie heut’ eigentlich gar nimmer nötig“, startete Egersdörfer nach hoheitsvollem Einzug zur 1980er-Jahre-Ballade „Power of Love“ frech, „in so einem voll verwanzten Jugendzentrum hier zu spielen.“ Auch das Publikum bekam sein Fett weg. Dabei stand das Programm auf einem schmalen Grat. Dass die Sticheleien harmlos und witzig blieben, lag auch daran, dass sich beide Künstler vor allem über sich selbst lustig machten.
Das Publikum vergaß, dass hier nur Rollen gespielt wurden
Im ersten Sketch ging es über die absurden Interaktionen zwischen einem aalglatt geschleckten Flirt-Trainer und einem leicht debilen Angler, der mit Hang zur Psychose und einer gesunden Skepsis gegenüber Genitalhygiene ausgestattet war. Auch eine Frau aus dem Publikum musste da als Opfer fragwürdiger Anbandl-Versuche herhalten. Die Dynamik zwischen dem bedächtigen Wiener und dem cholerischen, laut fränkelnden Nürnberger machte aus jedem sinnfreien Wortwechsel ein komödiantisches Kunststückchen. Beide agierten so überzeugend, dass man schnell vergaß, dass sie nur Rollen spielten.
Egersdörfer und Puntigam versuchten nicht krampfhaft, zu aktuellen oder politischen Themen Stellung zu nehmen. Ihr Programm kam zeitlos und so richtig politisch inkorrekt daher. Erst in der zweiten Hälfte kommentierten sie gesellschaftspolitische Zustände – zum Beispiel, als das Duo während eines netten Austern-Abendessens einen großflächigen Aufruf zur kommunistischen Volksrevolution proklamierte. Leider diskutierten Egersdörfer und Puntigam die Ideale des Kampfs „Proletariat gegen das Großkapital“ kaputt – aber eines muss man den beiden lassen: Halbe Sachen machen sie nicht. Denn das Austern-Essen war nicht nur so eine pantomimisch dargestellte Metapher für die Bourgeoisie. Eine halbe Stunde lang schaufelten die beiden Kabarettisten tatsächlich Austern, gebuttertes Weißbrot und Schaumwein auf der Bühne in sich hinein.
Die beste Antwort auf einen fiesen Witz: mitlachen
Die „Erlösung“, wie Puntigam/Egersdörfer ihr Programm genannt haben, konnte am Ende wohl weder der Franke, noch der Wiener bringen. Aber stattdessen vielleicht die Erkenntnis, dass Humor eben doch nicht vor den Grenzen des Anstands Halt machen muss. Und dass es die wohl beste Antwort auf einen fiesen Witz auf die eigenen Kosten ist, einfach über sich selbst mitzulachen.
Das Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival United Comedy läuft noch bis 8. April in der Alten Mälzerei, Info: www.alte-maelzerei.de Mittelbayerische Zeitung, 9.3.2017

 

Es wird wieder lustig in Regensburg
Das 22. Thurn und Taxis Kleinkunstfestival in der Alten Mälzerei setzt heuer auf Duos, Doppelabende und Gipfeltreffen.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Seit der ersten Ausgabe 1996 waren beim Thurn und Taxis Kleinkunstfestival mehr als 500 Künstlerinnen und Künstler aus 16 Ländern zu Gast. Dabei bringt das Festival nicht nur nationale und internationale Größen auf die Bühne. Es präsentiert auch immer wieder neue Veranstaltungsformen und junge Talente aus den Bereichen Kabarett, Comedy, Slapstick, Satire, Improvisationstheater und Musik. Im 22. Jahr seines Bestehens setzt das Festival nun einen Schwerpunkt auf Duos und Doppelabende.
Den Anfang machen am 7. März der Fürther Ober-Grantler Matthias Egersdörfer, der sich auch als Leiter der fränkischen „Tatort“-Spurensicherung einen Namen machte, und der österreichische Autor, Schauspieler und Kabarettist Martin Puntigam. Der gebürtige Grazer ist Mitbegründer von „Science Busters“, einer Veranstaltungsreihe in Wien, die Wissenschaft auf hohem humoristischen Niveau zu erklären versucht. Das gemeinsame Programm „Erlösung“, für das das Duo 2015 mit dem Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet wurde, verspricht nichts weniger als „eine Wiedergutmachung für alle Kränkungen der Vergangenheit“. Die Wiener „Presse“ urteilte darüber: „herrlich hinterfotzig!“
Die Abgründe der Provinz
Nicht nur für diesen Auftritt, sondern immer zu zweit sind „Ohne Rolf“ aus der Schweiz. Statt zu sprechen, blättern die Luzerner Kabarettisten Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg in Plakaten, auf denen Wörter oder ganze Sätze stehen, mit denen sie in einen witzigen Dialog treten. Die passende kabarettistische Kommunikationsform in Zeiten von Kurznachrichtendiensten und Chatrooms. 2014 ging das Duo sogar mit einer chinesischen Fassung auf Gastspiel-Reise nach Fernost. Mit ihrem Programm „Schreibhals“ gastieren sie am 11. März in der Mälzerei.
Hagen Rether steht am 17. März ganz alleine auf der großen Bühne des Antoniushauses. Sein Soloprogramm „Liebe“, das er seit vielen Jahren immer wieder runderneuert, bietet scharfzüngiges, politisches Kabarett mit gesellschaftspolitischen Themen wie Religion, Massenmedien, Kapitalismus, Konsumgesellschaft und Globalisierung. Wichtiger Bestandteil seiner Auftritte sind seine musikalischen Ausflüge ans Piano. Rether ist regelmäßiger TV-Gast in „Neues aus der Anstalt“ und dem „Satire Gipfel“.
Nach Egersdörfer und Puntigam kommt es am 18. März zum erneuten Schlagabtausch zwischen Österreich und Deutschland. Die Improtheater-Helden aus Wien, Improvista Social Club, treffen auf Deutschlands erfolgreiches Impro-Team Fastfood-Theater. Beim Gipfeltreffen wird aber traditionell mehr mit- als gegeneinander gespielt. Die Teams fordern sich gegenseitig zu improvisierten Sketchen, Parodien und Schmonzetten heraus. Das Publikum bestimmt, wohin der Impro-Hase läuft. Überraschende Wendungen und Stehgreif-Gags sorgen für Spontan-Comedy auf hohem Niveau.
Der Musikkabarettist Sebastian Daller aus Teugn im Landkreis Kelheim kennt die Abgründe der niederbayerischen Provinz, er lebt dort schließlich auch. Daller ist Lehrer für Deutsch und Latein am Mainburger Gymnasium.
Ein weiterer Doppelabend steht am 25. März an. Die Träger des Thurn-und-Taxis-Kabarettpreises Martin Frank (2016) und Sebastian Daller (2014) eint ihre Herkunft aus Niederbayern. Aufgewachsen auf dem elterlichen Hof in der Nähe von Passau, debütierte Frank als 19-Jähriger mit seinem Soloprogramm „Ich pubertiere!“ Inzwischen studiert er Schauspiel in München, nimmt Gesangsunterricht und macht mit seinen Landbuben-Geschichten von sich Reden. Sebastian Daller kennt man aus Helmut Schleichs „SchleichFernsehen“. Seine Texte blicken in die Abgründe der niederbayerischen Provinz. Über die Tagespolitik macht er sich in spöttischen Gstanzln lustig. Begleitet wird er von Hanna Hampel an der Geige und Sebastian Meier an der Tuba.
Gipfeltreffen folgt Gipfeltreffen
Der Poetry Super Slam am 7. April gilt als Höhepunkt im süddeutschen Wortsport-Jahreskalender und vereint nationale wie internationale Champions aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Mit dabei sind dieses Mal Meister aus Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen, Österreich und Mecklenburg-Vorpommern.
Am 8. April biegt das diesjährige Thurn und Taxis Kleinkunstfestival in die letzte Runde. Wieder heißt es Gipfeltreffen, dieses Mal Österreich versus Schweiz. Die Wienerin Magda Leeb ist nicht nur eine großartige Kabarettistin, sie wurde im vergangenen Jahr auch zur „Besten deutschsprachigen Impro-Spielerin“ gewählt. Bei ihrem letztjährigen Kurzauftritt beim Austria-Abend entfachte sie Begeisterungsstürme.
Ebenbürtig ist ihr die Schweizerin Lisa Catena, die in ihrem Heimatland sämtliche Preise abräumte. Von der Schweizer Warte aus kommentiert sie die politische Großwetterlage in Deutschland. Catena ist auch eine begnadete Musikerin. Ein lustvoller Biss in die Wade der Tagespolitik, ausgeführt von zwei außergewöhnlichen Künstlerinnen. Mittelbayerische Zeitung, 7.3.2017

 

Die ganz große Song-Slam-Vielfalt
Humor und Melancholie: Auf dem Siegerpodest in der Mälze trafen sich mit Otto Schellinger und KLIMT die Gegensätze.

Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg. Musik ist ja schon eine ziemliche Geschmackssache. Der eine steht auf Pop, der andere auf Jazz und der nächste ist nur zufrieden, wenn der Blues mitschwingt. Ernsthaft zu sagen, dass ein Musiker besser ist oder schlechter als ein anderer, ist meistens höchst umstritten. Während gerade die Entscheidungen bei Grammy-Verleihung und „Deutschland sucht den Superstar“ gewohnt von allen Seiten kritisiert werden, setzt Regensburg dagegen. Mit weniger Ernst und mehr purer Freude an der Musik.

Großer Besucherandrang
Der Songwriter-Wettbewerb „Mälze Song Slam“ ging am Donnerstagabend in die zweite Runde. Acht Musiker traten dort gegeneinander an, immer im Kampf eins gegen eins. Die Regeln sind die selben wie beim klassischen Poetry-Slam. Jeder hat streng begrenzte Zeit auf der Bühne: Acht Minuten. Die Lieder müssen selbst geschrieben sein, und am Ende entscheidet das Publikum per Applaus-Lautstärke. Von den vier Vorrundensiegern wählen die Zuschauer am Ende die zwei Sieger aus. Für die geht es dann im Dezember zum Jahresfinale. Zur zweiten Auflage des Song Slam war die Mälze mit 200 Zuhörern ziemlich voll. „Das erste Mal im Dezember letztes Jahr war schon super. Und jetzt war’s sogar noch besser“, freut sich Yannick Twelkmeyer, der den Slam ins Leben gerufen hat.
Auch dieses Mal war die Vielfalt der Musiker wieder groß. Das ging von Helga Brunninger aus Landshut, die luftig-lockeren Pop auf Bairisch sang, bis zu Om Hari Lasar, dem bayrischen Jimi Hendrix, der mit E-Gitarre, englischen Texten und viel Soul auf die Bühne ging.

Bunte Geschichten aus dem Leben
Die beiden Sieger lassen wir selbst erzählen: Otto Schellinger aus München, der an der Gitarre mit humorvollen und temperamentvollen Liedern die Zuhörer begeisterte, und KLIMT aus der Regensburger Region, als einzige mit Piano und mit den wohl gefühlvollsten Songs.
„Das finde ich das tolle an Song Slams: die Vielfalt“, erzählt KLIMT, „man trifft hier so coole Leute. Wir verstehen uns alle super. Eigentlich hassen wir alle dieses Konkurrenzding.“ Da stimmt ihr auch Otto Schellinger zu. Der Song Slam habe Spaß gemacht, aber das einzig schlimme sei, dass eben so viele gute Musiker rausfliegen, stellt er fest. Deshalb versuchte er sich auch nicht zu verstellen oder zu sehr auf Konkurrenzkampf einzustellen: „Aber ich habe mit schon Gedanken gemacht, welche Stücke ich auswähle. Stücke, die nicht zu ernst oder zu witzig sind. Aber ich schreibe ja meine Lieder nicht mit so einem Wettbewerb im Hinterkopf.“ Die Texte des Münchners sind sprachlich clever und erzählen bunte Geschichten aus dem ganz normalen Leben. „Man muss einfach im Alltag sensibel sein. Eigentlich sind Liedtexte überall. Beim Flaschensammler oder im Altersheim, wo Menschen vor sich hinvegetieren. Für soetwas habe ich meine Sinne geschärft“, erklärt er den Schreibprozess für seine Sieger-Songs.
Zu KLIMT kommen die Stücke ganz organisch beim Klimpern am Klavier, manchmal in der Küche, manchmal nachts im Bett: „Bei mir ist es immer ein Gefühl, das da passiert. Und das muss ich dann sofort einfangen.“ Auch die Entscheidung, auf Englisch zu singen, traf sie aus dem Herz heraus. „Ich hab’s auf Bairisch probiert, aber da klingt es immer so cheesy, über Gefühle zu singen“, lacht sie. Umso mehr freute sie sich, beim Publikum so gut angekommen zu sein. „Und in der Mälze spielt doch einfach jeder gerne. Ich freue mich voll!“
Der nächste Song Slam findet am 26. Mai statt. Voraussichtlich gibt es dann noch einen weiteren Wettbewerb im September, bevor im Dezember dann die Sieger der einzelnen Slams zum große Finale zusammenkommen. Mittelbayerische Zeitung, 19.2.2017

 

KONZERT DES JAHRES 2016

Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2016 in der Mälze ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2016 heißt: MOOP MAMA Gratulation nach München. Vielen Dank an die vielen Teilnehmer, die sich bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2016 beteiligt haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.

Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013), La Brass Banda (2014), Fiva & Band (2015), Moop Mama (2016)


Bejubelter Striptease am Schlagzeug
Die fränkische Band Gankino Circus begeistert in der Mälze mit einer speedigen Mischung aus Dialekt und Balkanbeats.


Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Im westmittelfränkischen Dietenhofen verläuft das Leben nach klaren Regeln und einfachen Werten. Einmal im Jahr ist „Sexy Kerwa“ und das Musikmachen wird von einer Generation zur nächsten vererbt. „In der 5. Generation“ schließlich, beteuerte Gitarrist und Vielschwafler Ralf Wieland mit treuem Augenaufschlag, sei Gankino Circus rausgekommen. Die wohl krudeste Mischung aus Folk, Klezmer, dreimal gedrechselten Erzählungen und fränkischer Mundart, gepaart mit nostalgischem Charme, die sich ein Nichtfranke vorstellen kann. In der Alten Mälze mischten die vier musizierenden und gelegentlich tobenden Mannsbilder ein zunächst freundlich-abwartendes, bunt gemischtes Publikum auf. Mit einem Striptease, einer zeremoniellen Inszenierung und musikalischem Mischmasch aus der halben Welt gelang ihnen das so gut, dass der Beifall am Ende kein Ende nehmen wollte.
Tratsch und ein rülpsender Werwolf
Das Kabarett im Musikkabarett, wie die erfrischende Band verkauft wird, erschöpfte sich weitgehend in den vergnüglichen, mehr abstrusen denn absurden Moderationen des Bühnenderwisch Wieland. In langen, mäandernden Erzählungen erging er sich in dorfgeschichtlichem Tratsch, zur Tante Irene aus Oberschlesien, einem Werwolf der die Bayernhymne rülpst und Rock’n’Roll-Stories vom Großvater. Mit dem Opa gelang dem hervorragenden, wandlungsfähigen Musiker – selbiges Lob trifft auf alle vier Instrumentalisten zu – die Kurve von der finno-bulgarisch-rumänisch-alpenländischen Folklore hin zur modernen Tanzmusik (Mehr unter www.gankinocircus.de). Unter dem Einfluss amerikanischer GIs aus Memphis habe der Opa nämlich in den 50er Jahren den „westmittelfränggischen Rock’n’Roll“ erfunden – was die Band unverzüglich unter Beweis stellte.
Unruhe kam im gut besetzten Saal auf, als eine Gruppe angeheiterter Jungspunde den tänzerischen Schwung der Musik aufnahmen und der Band die Show zu stehlen begannen. Letztlich setzten sich die Franken mit nachhaltiger Leidenschaft und verdoppelter Geschwindigkeit durch. Vor allem Schlagzeuger Johannes Sens tobte zeitweise auf seinem reduzierten Instrumentarium, dass man Angst haben konnte, die Besen mit denen er über die Snare und ein kleines Becken hinwegfegte fliegen einem demnächst um die Ohren. Es kam anders.
Dadaistisches Solo
Zunächst zelebrierte Akkordeonspieler Maximilian Eder ein dadaistisches Solo auf der in die Bühnenmitte gerückten Snare-Trommel. Das gipfelte darin, dass er mit seinem langen Kinnbart, den er mit den Fingern bündelte, das Fell der Trommel wie mit einem Besen rhythmisch bearbeitete. Zum Schießen komisch! Damit gebührt den Franken ohne Zweifel die bayerische Humorkrone.
Weil sein bartloser Bandkollege Sens da nicht mithalten konnte, drehte der die Geschwindigkeit seiner speedigen Schlagzeugstöcke immer höher. An die Schlagrate eines Martin Grubinger kam er allerdings trotz hysterisch stürmischer Soli auf der Cajòn, einer hölzernen Kiste, nicht ganz heran. Das glich der schweißglänzende Berserker mit einem Striptease hinter seinem Drumset aus. Währenddessen spielte er munter weiter. Nach vielen Verrenkungen um aus Hose und schweißnassem Hemd zu schlüpfen, wurde deutlich, dass hier keine spezifische Humorvariante der Chippendales praktiziert wurde. Sens kämpfte sich triumphierend in ein dunkelrotes Trikot des SV Dietenhofen 09 – und ließ sich vom begeisterten Publikum feiern.
Nostalgisch gewendet, sang Klarinettist Simon Schorndanner als Zugabe Freddie Quinns Hymne „Heimweh (brennend heißer Wüstensand)“ mit einer dialektgefärbten Leidenschaft, die an Freddie Mercury erinnerte, dem der „Sohn des Dietenhofener Arztes“ erheblich ähnelt. Mittelbayerische Zeitung, 16.1.2016

 

Möge der Bessere gewinnen
Die Mälze ruft eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben: Beim Song Slam treten ab 15. Dezember jeweils acht Solokünstler mit ihren Songs gegeneinander an.


Datum: 11. Dezember 2016
Text: Maria Stich 

Acht Songwriter, jeweils acht Minuten Zeit – mit den Song Slams bringt die Mälze im Dezember eine neue Veranstaltungsreihe nach Regensburg, die sich in Metropolen bereits fest etabliert hat. Hans Krottenthaler ist sich sicher, dass das in Regensburg ebenfalls gut funktionieren wird. „Auch Regensburg verfügt über eine breite Musikszene mit vielen großartigen Talenten, das hat nicht nur das Popkultur Festival bewiesen“, so der Geschäftsführer der Mälze.
Das Konzept ist einfach: Ähnlich wie bei den beliebten Poetry Slams messen sich bei den Song Slams Künstler untereinander und wetteifern um die Gunst des Publikums. Antreten dürfen nur einzelne Liedermacher oder Singer-Songwriter, die für die Darbietung selbstgeschriebener Lieder jeweils acht Minuten Zeit haben – begleitet auf Gitarre, Klavier, Kazoo oder anderen Instrumenten, für die man die Bühne nicht aufwändig umbauen muss. Das Publikum entscheidet durch seinen Applaus über die Gewinner – erst in schnell getakteten K.O.-Vorrunden und dann im großen Finale. In der ersten Runde des Regensburger Song Slams treten sowohl diverse überregionale Song-Slam-Gewinner als auch regionale Künstler auf. „Der Song Slam in der Mälze ist in erster Linie als Plattform für Nachwuchskünstler gedacht. Er soll talentierte Songschreiber motivieren und ihnen als Sprungbrett dienen“, erklärt Krottenthaler.
Auf die Frage, ob es denn eher ein Wettbewerb für Hobbykünstler oder für Professionelle ist, antwortet er aber, der Slam sei grundsätzlich für alle offen: „Egal ob jung oder alt, ob jemand gerade seinen ersten Song geschrieben hat oder sich gar nicht mehr daran erinnern kann. Möglich sind alle Arten von akustischer Musik, Songs in beliebiger Sprache, egal ob ernst oder eher lustig.“ Interessierte Teilnehmer können sich per Mail für den 15. Dezember anmelden, es sind noch Plätze frei. Moderiert wird das Ganze vom Regensburger Allround-Talent Johannes Molz, der selbst schon an vielen Song Slams teilgenommen hat. In Zukunft soll es alle zwei Monate Song Slams geben, aus denen jeweils zwei Gewinner hervorgehen, die sich alle Ende 2017 beim Battle um den Jahressieg wieder gegenüber treten werden. „Es wird eine sehr authentische, natürliche und emotionale Form der künstlerischen Darbietung. Das Publikum ist im Gegensatz zu normalen Konzerten unmittelbar beteiligt, weil es über den Gewinner des Abends entscheidet“, fasst Krottenthaler das Besondere der neuen Veranstaltungsreihe zusammen.
Los geht’s am 15. Dezember um 20 Uhr, Tickets gibt’s an der Abendkasse. Anmeldungen sind per E-Mail an songslamregensburg@gmail.com möglich. www.kult.de

 

Bairisch, düster und voller Energie
„Dreiviertelblut“ ernten vom Publikum in der Mälze Jubelstürme. Ihre Musik klingt wie ein Novembermorgen im Donaunebel.


Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg.Tief unter unserem Bayernland, weitab der idyllischen Fluren, und noch weiter ab unseres weiß-blauen Himmel, da lebt der Grottenolm. Ein melancholisches Tierchen, das sich nirgends wohler fühlt, als in der kühlen Dunkelheit tiefer Höhlen, in wohliger Finsternis. Ob der Grottenolm gerne Musik hört, kann die Wissenschaft bislang nicht abschließend klären. Aber eines ist sicher: Würde uns der Grottenolm eine Band empfehlen, dann wäre das mit großer Sicherheit die Band Dreiviertelblut.
Die außergewöhnliche Gruppe um „Bananafishbones“-Sänger Sebastian Horn und Filmkomponist Gerd Baumann hat vor zwei Monaten ihre neue Platte „Finsterlieder“ herausgebracht, und begeisterte am späten Mittwochabend die Zuhörer in der restlos ausverkauften alten Mälze in Regensburg.
Wie der Name ihres neuen Albums vermuten lässt, fühlt sich die Musik von Dreiviertelblut am wohlsten in der Dunkelheit, oder zumindest im düsteren Zwielicht. Eine wilde musikalische Mischung aus tieftraurigen Gedanken über Tod, Verlust und Reue, melancholischem, sanften Walzer und auf der anderen Seite bombastische Fanfaren, absurd-komische Texte und pressender Blasmusik zwischen Stubenmusik, Mariachi und Ska.
Die Geheimwaffe von Dreiviertelblut sind dabei nicht nur die tiefgründigen Texte von Sebastian Horn, allesamt geschrieben auf Bairisch. Sondern vor allem die Virtuosität der restlichen Musiker und die einzigartigen Klang-Atmosphären, die sie dort auf der Bühne erschaffen. Das musikalische Äquivalent zu einem Novembermorgen im Donaunebel: Ein warmer, heimatlicher Sound aus dumpfen Kontrabass, dem sanften Flügelhorn von Dominic Glöbl, der virtuosen Klarinette von Florian Riedl, zart gezupfter Nylongitarre und dem weinenden Wehklagen der Slide-Gitarre. Dazwischen immer wieder fetziger Folk-Pop, rassige Zigeunermusik mit elektrischer Gitarre, treibendem Schlagzeug und Jazztrompete, bei dem man am liebsten mittanzen möchte.
All das hört sich nicht nach einem sehr angenehmen Mittwoch Abend an. Eher so, als müsste man sich Gedanken über das Innenleben der sieben Musiker von Dreiviertelblut machen. Wer sich auf Dreiviertelblut einlässt, versinkt aber nicht in Depression, sondern lernt vielleicht am ehesten, das Leben wieder zu schätzen. Man macht es einfach wie der Grottenolm und verbündet sich mit der Dunkelheit. Mittelbayerische Zeitung, 16.12.2016

 

 

Moop Mama machen zünftige Blasmusik sexy
Die Münchner „Urban Brass“-Band spielte im lange ausverkauften Antoniushaus in Regensburg: Das Fazit lautet: Es war cool!

Von Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg. Das Programm der urigen Gaststätte Antoniushaus in Regensburg letzte Woche: Schafkopf-Treff, Politik-Stammtisch, Weihnachtsfeier des Seniorenkreises – und am Donnerstag Abend zünftige Blasmusik. Auf der Bühne steht der nette Münchner Bub Keno Langbein. Er springt in die Luft, ihm fliegen die Schweißperlen von der Backe. Daneben pfeffert Markus Kesselbauer in sein Saxophon, bis die Adern auf der Stirn hervorploppen. Höchstens eine Armlänge entfernt reißen hunderte schwitzige aneinandergepresste Körper ihre Hände in die Luft. Unter einem Heiligenschein von Stroboskop-Scheinwerfern, umhüllt von klebrigem Dampf und eingerahmt von Verstärkertürmen stehen sie: Moop Mama – die zarteste Versuchung, seit sich Hip-Hop und Bläsermusik in Liebe gepaart haben.
„Urban Brass“ nennen sie die Mischung aus Rap auf einem akustisch eingespielten Beat von Trompete, Posaune, Marschtrommel, Sousaphon und Saxophon. Im Mai veröffentlichten sie ihr drittes Album: „M.O.O.P.Topia“. Bei ihrer Tournee durch Deutschland und Österreich kamen sie nach langer Zeit auch wieder in Regensburg vorbei, diesmal mit Support-Rapper Roger Rekless. Beim letzten Auftritt noch in der der Alten Mälze, füllten sie nun die größere Halle des Antoniushaus im Kasernenviertel. Ausverkauft.
„Es war cool! Man hat den Leuten angesehen, dass sie echt Bock hatten. Aber es ist schon eine recht eigene Location“, meint Rapper MC Keno später. „Es war heute echt ein bisschen absurd: Da waren drei Weihnachtsfeiern parallel zu unserem Konzert. Denen sind wahrscheinlich die Lebkuchen vom Teller gerutscht“, lacht er.
Eine ungewohnte Location
Ein katholisches Pfarrzentrum zwischen einer katholischen Kirche und einem katholischen Friedhof: tatsächlich eine ungewöhnliche Bühne für eine der wohl heißesten Livebands Bayerns, die sonst mehr auf Festivals und in Clubs unterwegs ist. Und deren Texte nicht zimperlich mit der Kirche umgehen. „Alle Kinder lieben einfach, wen sie woll’n. Bis auf Piet. Der is‘ Katholik“, startet die zweite Strophe der neuen Ohrwurm-Single „Alle Kinder“, die sie mit Alt-Hiphopper Jan Delay aufgenommen haben.
Denn auf der einen Seite haben Moop Mama die Mission, Bläsermusik wieder sexy zu machen. So nennt es zumindest Mama-Gründer Marcus Kesselbauer vor kurzem im MDR-Interview. (Den Satz „Make Blasmusik great again“ hat uns Sänger MC Keno persönlich verboten). Auf der anderen Seite finden sich in fast allen Songs auch politische Statements. Den Vorwurf einiger Kritiker, es damit manchmal zu übertreiben, kommentiert Keno gelassen: „Wir haben mit den Texten auf jeden Fall den Anspruch, ein bisschen die Gesellschaft mit zu kommentieren. Ob das jetzt weltverbesserisch ist, nur weil andere das nicht tun... Mei: Wenn wir etwas verbessern können, find ich’s auch gut.“ Ein kraftvolles Statement war da auch, dass die Band, deren Konzerte von heißer, aufgeladener Stimmung und pressendem Bass leben, ihren Auftritt sehr still begannen. Mit „Meermenschen“, einer gefühlvollen und genial scharfzüngigen Ballade zur Tragödie und politischer Schlammschlacht rund um Kriegsflüchtlinge.
Darauf folgten über zwei Stunden Frontal-Brassmusik. Die zehnköpfige Truppe, meist studierte Profimusiker, hielt ein Tempo und musikalisches Niveau, bei dem jedem normalen Menschen die Lunge schlapp gemacht hätte. Sie schafften es so locker, dass sie auch einfach mal für einen Song durch das Publikumsmeer marschierten. Selbst Peter Laib, heimlicher Star von Moop Mama mit seinem gewaltigen Sousaphon, eine Variation der Tuba und mindestens 100 Prozent cooler als jeder E-Bass aus dem DJ-Pult.
Auf der Bühne „einfach geil“
Die Power-Auftritte von Moop Mama sind härtere Arbeit, als man meint, gibt MC Keno später zu, der auf der Bühne trotz fieser Erkältung alles gegeben hat: „Touren ist sehr anstrengend, aber der Spaßfaktor ist halt sehr hoch. Man hält das alles gern aus, weil’s einfach richtig geil ist. Wenn man krank ist, macht Touren sofort überhaupt keinen Spaß mehr. Alles wird anstrengender. Man merkt plötzlich, dass man in einem wackelnden Bett schläft, dass man jeden Tag eine andere Dusche benutzen muss und nie in einem richtigen Bett schlafen kann und nie seine Ruhe hat. Aber man steht’s durch und steht wieder auf der Bühne und es ist einfach geil.“ Mittelbayerische Zeitung, 11.12.2016

 

 

Schwere Kost bei packender Solotanznacht
Fünf Preisträger vom Stuttgarter Festival stellten ihre preisgekrönten Choreografien im Regensburger Uni-Theater vor.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. „Das ist immer das Beste,“ strahlt ein älterer Besucher im Foyer des Uni-Theaters und zieht anerkennend die Luft zwischen den Zähnen. „Bei der Solotanznacht siehst du, was international los ist“, erklärt er seine Wahl für die ausverkaufte Veranstaltung, „so verschiedene Tänzer – auch wenn ich nicht alles verstanden habe.“ Die Tänzerinnen und zwei Tänzer stellten bei den diesjährigen Regensburger Tanztagen ihre Choreografien aus fünf Ländern vor. Alle sind Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals in Stuttgart, das im März stattgefunden hat.
Es ist eine Herausforderung für – oft junge – Tänzer, sich allein auf die Bühne vor das neugierige, wissbegierige und oft auch kritische Publikum zu stellen – eine körperlich ungeheuer fordernde, aber auch mentale und psychische Anstrengung. Nimmt man den Applaus des vorwiegend jungen Publikums im Theatersaal als Gradmesser, überzeugten alle fünf Tanzenden, sie wurden lauthals gefeiert.
Zwischen Göttin und Teufelsbrut
Exzessiv und begeistert hat es bei der kanadischen Tänzerin Sarah Murphy geklungen. Mit leuchtendroten Lippen und hochgestecktem Haarschopf schlüpfte sie in der Choreografie „Enfant“ des Niederländers Joeri Dubbe in die Rolle eines Kindes, auf welches vielfältige äußere Einflüsse einstürmen. Zwischen indischer Göttin und kindlicher Teufelsbrut entfaltete sie in einer Art Strampelanzug eine Fülle an tapsigen, krabbelnden, stürmischen Bewegungen. Sie stand versunken und lauschte, während sich die Bewegung in die Mimik und wenige Gesten verlagerte, trotzte Bedrängungen, spielte mit Klängen oder verkrümmte sich ängstlich. Damit gewann Murphy mit ihrem hinreißenden Ausdruck den ersten Preis in den Kategorien Tanz und Choreografie, zusätzlich noch den speziellen Videodance Preis.
Kindliche Ausdrucksformen kamen auch in Hoor Malas selbst geschaffener Choreografie „Regression“ zum Vorschein. Die syrische Künstlerin geht - in halb zerrissener Kleidung – - der Frage nach, was der Krieg mit dem Menschen anstellt. Ein ätzend sägender Sound unterstreicht das bedrohliche Szenario, bei dem Malas im kalten Licht an der hinteren Betonwand des Theaters hochgeht – und vergeblich zu fliehen versucht. Unsicherheit, Angst und Schrecken sind in ihren abwehrenden und später aggressiv-tobenden Bewegungen eingeschrieben. Manchmal kann sie einem damit fast den Atem nehmen. Beim Wettbewerb gelang der Syrerin damit der Sprung ins Finale.
Etwas leichtere Kost bot der bunt gekleidete belgische Tänzer Louis Thuriot mit der Choreografie „Balance“, ebenfalls eine Eigenarbeit. In einer Hockehaltung nahm er mit weit schwingenden Armen mit wenigen Schritten die gesamte Bühne für sich ein. Schwungvoll ging es auch weiter, wenn der große schlanke Tänzer-Choreograf mit exzentrisch-ironischen Bewegungen und Ausdrucksformen um Selbstkontrolle rang. Gesellschaftlicher Erwartungsdruck war das Thema, dem er sich in seiner immer wieder ins clownesk-komödiantische kippenden Performance beschäftigte. Direkt erkennbar oder als narratives Element nachvollziehbar war das nicht unbedingt gleich, aber Thuriots tänzerisches Gespür und spielerische Groteske machten die abstrakte Materie wenigstens vergnüglich – auch in Verbindung mit wunderbarer Musik.
An die Schattenrisse expressionistischer Filme, wie Wegeners „Der Golem“, erinnerte gelegentlich Ravid Abarbanels bizarr-verknäuelter Tanz „Underneath“. Die hochgewachsene Israelin beschäftigte sich in ihrer Choreografie in ekstatisch-packender Weise mit den Abwehrmechanismen des menschlichen Körpers bei Angst und Stress. Berührend und stark, werden in ihren zwischen Zittern und Lachen pendelnden emotionalen Bewegungen und Formen Assoziationen zum Ausdruckstanz der 20er Jahre wach.
Derwischmönche in Trance
In eine ganze andere Richtungen gehen die Vorstellungen bei dem Ägypter Mounir Ali, der mit „What about Dante“ den dritten Preis im Bereich Tanz gewonnen hat. Aus einer Lichtgasse kommend, drehte er sich in einem wie Derwischmönche in spiritueller Trance. Begleitet von heftigen Atemgeräuschen sang der mit Pluderhose und Anzugweste gekleidete Tänzer ein arabisches Lied dazu. Erweitert zum gesamten Bühnenraum erlebt der 29-Jährige in dieser anrührend persönlichen Performance die Berührung von Himmel und Hölle - eine Art Fegefeuer also, durch das er muss, bis er den Schritt hinaus machen kann.
Inhaltlich kein einfacher oder einfach abzuhakender Abend, barg die Solotanznacht auch heuer wieder starke Überraschungen und bewegende Eindrücke. Was allerdings nicht zwingend notwendig erscheint, ist die Lautstärke im Theater. Die erreicht immer wieder einmal Dimensionen, die an die körperliche Schmerzgrenze reicht. Mittelbayerische Zeitung, 22.11.2016

 

 

 

Regensburger Tanztage  
Hubbard Street II auf Höhenflug bei den Tanztagen


Von Raimund Meisenberger
Ein ausverkauftes Haus im Regensburger Velodrom, ein Publikum mit Altersschnitt unter 50, sachkundig und schier grenzenlos begeisterungsfähig, wenn man ihm entsprechende Angebote macht. Das tun die Regensburger Tanztage seit 19 Jahren, indem sie die regionale Szene stärken und den Blick in die internationale Tanzwelt öffnen. Mit Engagements wie diesem: Je drei Tänzerinnen und drei Tänzer der Nachwuchsabteilung der Compagnie Hubbard Street aus Chicago stellten dem bayerischen Publikum am Sonntagabend fünf Stücke zeitgenössischer US-Choreografen vor − und wurden dafür am Ende in vielen Vorhängen euphorisch bejubelt.
Ganz anders als das Bayerische Staatsballett II im Vorjahr geht es Hubbard Street II nicht darum, ein Kaleidoskop der tänzerischen Stile und Möglichkeiten aufzufächern, die Compagnie aus Chicago fokussiert sich voll auf die Bewegungssprache des zeitgenössischen Tanzes. Sei es als poetisch fließendes Pas-de-deux in Alejandro Cerrudos "Never was" oder als gruppenchoreografische Versuchsanordnung in Bryan Arias "Changed Its Affection" zum Thema Individuum gegen Masse. Die Tanztage werden abgeschlossen am Samstag und Sonntag im Theater der Regensburger Universität mit der Solotanznacht von internationalen Preisträgern.
Mehr zum Thema lesen Sie am 15. November im Feuilleton der Passauer Neuen Presse.
Passauer Neue Presse, 15.11.2016

 

 

Im Hippieoutfit zum Voodoo-Dance
Das Juniorensemble der renommierten Company Hubbard Street Dance Chicago (HSDC) gibt sich im Regensburger Velodrom die Ehre.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Kurze Vorstellungsrunde in sieben Minuten. Im ausverkauften Velodrom sagen sechs junge Tänzer der amerikanischen Compagnie „Hubbard Street 2“ im fleischfarbenen Bühnendress „Hello“. Die Stimme, die Wilson, Andy, Natalie, Yue Ru, Nicole und Isaac vorstellt und erklärt, was derjenige gerade tänzerisch macht, kommt aus dem Off. Die Tänzer tun das zur gewitzten Choreografie ihres künstlerischen Leiters Terence Marling, was sie können – tanzen.
Das Juniorensemble ist die Nachwuchschmiede der renommierten Company Hubbard Street Dance Chicago (HSDC), in der die späteren HSDC-Tänzer weiter ausgebildet werden. Zwischen 17 und 25 Jahren alt, kommen die Talente bereits mit einer klassischen Ausbildung in die bedeutende Theaterstadt am Michigansee, wo sie im Bereich das modernen Tanz mit all seinen Facetten weitermachen – vom Hip-Hop über Street Dance bis hin zu Contemporary Dance.
Schwere Schläge, die wie rhythmischer Donner oder Kanonen ein bedrohliches Szenario abstecken, entwickeln im nachfolgenden Duett „Never was“ von Hauschoreograf Alejandor Cerruda eine düstere Stimmung. Wenig Licht, das die Tänzer zunächst nur in Konturen zeichnet, unterstreicht dieses Gefühl noch. Einer tanzt synchron dem anderen hinterher, bevor sie im lauten Fanfarenklang barocker Musik von Händel und Purcell als Paar zu einem Duett zusammenfinden.
Zelebrierte Magie
Langsam, wie mehrere der präsentierten Stücke, kriecht auch „Floating after times“ von Peter Chu über die nur von einer großartigen Lichtführung eingehegten Bühne. In einem fesselnden Reigen formiert sich die rot gewandete Gruppe in wechselnden Konstellationen – Duos, Trios, Solos bis zum Ensembletanz – zu immer neuen Bildern. Die Tänzer verbinden sich, übersteigen sich, lösen sich und schleifen sich gegen Widerstände über den Boden, bis ihnen am Schluss das Leben wie Sand durch die Finger rinnt. Ein erhabener, schneller Reigen, voller Pathos, der seine Weltpremiere in Regensburg erlebt – und entfernt an an Stravinskys Frühlingsopfer denken lässt.
Auch in die beiden längeren Choreografien nach der Pause, „Clan(device)“ von Alice Klock und „Changed in its Affection“ von Bryan Arias, bilden Langsamkeit bis zum temporären Stillstand und bedächtige Bewegungen häufig genutzte Mittel. In Klocks Stück, zu dem sie selbst auch Musik beigesteuert hat, ziehen heftige Luftgeräusche die Aufmerksamkeit auf den Menschen als solchen. Leidet jemand? Strengt sich jemand übermäßig an? Der Tanz des hippiesk bunt gekleideten Völkchens wird zum Voodoo-, zum Tempel-, zum spirituellen Tanz, Anleihen bei indischen und javanischen Einflüssen inklusive. Magie wird zelebriert, selbst der große Zauberer wird zum Leben erweckt. Auf die realen gesellschaftlichen Verhältnisse will man das gar nicht übertragen wissen.
Bob Dylans „The Times They Are a-Changin’“ liefert den Soundtrack für einen gewitzten Ausklang von Arias selbstkritischer Choreografie über die eigene Identität. Ironisch und süffisant spießt er die Beweihräucherung – und wahrscheinliche Selbstbeweihräucherung – vermeintlicher und echter Größen auf und lässt sie im Lachen der Zuschauer untergehen.
Ein faszinierendes Erlebnis
Die Idee von sich selbst, die man daraus ableitet, welchen Einfluss man selbst auf Menschen um sich herum hat, wirkt in der Produktion allerdings etwas zu sehr ausgewalzt. Die Leichtigkeit und unbedingte Beweglichkeit, mit der diese junge Truppe die verschiedenen choreografischen Handschriften integriert, ist ein faszinierendes Erlebnis. Das ebenfalls weit überwiegend junge Publikum, ein toller Erfolg für die Veranstalter von der Mälzerei, honoriert es mit heftigem Trampeln und stürmischen Beifall. Mittelbayerische Zeitung, 15.11.2016

 

Bonbönchen und weibliche Blues Brothers
Die 14. Internationale Aids-Tanzgala im Velodrom ist spannend und kurzweilig, mit viel Witz, Erotik und sehr Persönlichem.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. „Das ist noch einmal ein Bonbönchen für die Damen“, kündigte Ivica Novakovic das letzte Ensemble der Aids-Tanzgala im komplett ausverkauften Velodrom an. Bei der niederländischen Gruppe „Introdans“ und ihrer Choreografie „Three“ gehe es um Präzision, Physis und Kraft – um alles eben, „was Männer so ausmacht“. Dem Überschwang des Moderators schlossen sich wenig später die Zuschauer mit Trampeln und Hochrufen an. Die für den niederländischen Tanzpreis „The Swan“ nominierte Choreografie des Amerikaners Robert Battle war eine der witzigsten und mitreißendsten Produktionen des an guten Tanzstücken reichen Abends. Die Tänzer Lucas Donner, Gijs Hanegraaf und Tiago Barreiros sind einfach zum Niederknien. Im knappen blauen Turndress plusterten sie sich wie spätpubertierende Jungs auf, überboten sich an kraftstrotzender Männlichkeit und zeigten sich verspielt zärtlich.
Hocherotisch, wenn auch konventionell beim Objekt gegenseitigen Begehrens, war auch das kurze Stück „Callas“ der chilenischen Choreografin Estefania Miranda. Zu einer Arie aus „La Traviata“ tanzten Olive Lopez und Winston Ricardo Arnon aus Surinam sehr geschmeidig die Begegnung der Diva mit dem reichen Reeder Aristoteles Onassis. Sie zelebrierten die Episode mit muskulöser Leichtigkeit – doch fehlte noch etwas knisternde Anziehungskraft, die zweifellos zwischen diesen Figuren geherrscht hat.
Ein latent gefährliches Spiel
Ein weiteres Männerstück zeigten Landerer & Company mit „Play“: Felix Landerers Choreografie pendelte zwischen männlich konnotierter Aggression und Groteske. Da wird sich aufgemandelt, in die Brust geworfen, der eine zurechtgerückt, der andere beiseite geschoben. Sie schmiegen sich aneinander, betteln um Zuwendung. Es ist ein teils weiches, teils latent gefährliches Spiel voller schöner Bewegungsabläufe und stolzer Haltungen, in Alltagskleidung zu spannend designtem Sound elegant und mit durchdringender Klarheit getanzt. Als Uraufführung stellte der in New York lebende Norweger Jon Ole Olstad sein stark autobiografisch gefärbtes Solo „Container Ship“ vor. Der große Künstler scheint über mehr Gelenke zu verfügen als jeder normale Mensch. Wie eine Raupe, die sich ver- und gleich wieder entpuppt, tanzte, schlängelte, wand er sich am Boden, schnellte hoch in die Luft und wirbelte um sich, dass einem schwindelig werden konnte. Es war eines der eigenwilligsten tänzerischen Statements des Abends, krass in seiner ungewohnten Ausdrucksweise, unter die Haut gehend.
Tanz und Sprache kombiniert
Demgegenüber bestach Jutta Leidholds Soloperformance „Me plus X“ in einem Kostüm, das von zwei Windmaschinen in flatternde Formen gebracht wurde, durch ihr poetisches Spiel. Durch Licht und Bewegung ist es in einem ständigen Fluss und erzeugt effektvoll-leuchtende Bilder.
Selbstreflexiv formulierten Brit Rodemund und Ami Shulman die Bewegungen und inneren Vorgänge in „7 Dialogues“ parallel zum Tanz in einer sprachlichen Beschreibung. Die Tänzerinnen der erst Anfang des Jahres neu gegründeten Berliner Compagnie „Dance On Ensemble“ zeigten einen Ausschnitt dieser Choreografie über eigene Haltungen und Erfahrungen.
Ebenfalls zwei Frauen, Veronica Bracaccini und Maria Focaraccio von der „Lablanca Movement Factory“, läuteten den großartigen und ziemlich kurzweiligen Abend mit einem knackigen Groove ein. Angeregt von Videospielen und modernen Medien stiefelten sie in einer Mischung aus weiblichen Blues Brothers und erotisch aufgeladener Discobraut durch die originelle Choreografie „Mensch“ des Spaniers Julio C. Quintanilla.
Aus Dunkelheit und Stille heraus beginnt Simone Elliotts Stück „Jarred“ („Durchgeschüttelt“), das sie für Ensemblekollegen vom Theater Regensburg choreografiert hat. Dabei geht es um das Verhältnis von Gruppe und Einzelnem. Wie ein vielgliedriges Wesen versucht die Gruppe alle, die ihren eigenen Weg gehen, wieder zurückzuholen, sich einzuverleiben. Das geschieht schmeichelnd, zerrend und ist – auch über einsam-klagende Flötenmusik – ein schmerzhaftes und melancholisches Unterfangen. Großartig getanzt, geht das Ensemble zurück in die Stille. Mittelbayerische Zeitung, 12. November 2016

 

Ein Happy End fürs Publikum
Beziehung ist nicht nur Schmusen, sondern macht richtig Arbeit: „Sweat Baby Sweat“ des Belgiers Jan Martens tanzt es vor.


Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Beziehung ist harte Arbeit. Niemals nur verliebte Tändelei, sondern auch hartnäckiges Ringen zwischen Dominanz und Nachgiebigkeit, ein immerwährendes Austarieren der partnerschaftlichen Balance, nie endendes Nachjustieren des eigenen und des gemeinsamen Schwerpunkts. Nachlesen kann man das in den Büchern von Paartherapeuten – sehen und hautnah miterleben konnte man es beim enthusiastisch beklatschten Auftakt der Regensburger Tanztage.
„Sweat Baby Sweat“ heißt voller Ironie die Choreografie des Belgiers Jan Martens, die seit Jahren bei Festivals und als Gastspiel auf internationalen Bühnen gezeigt wird. Die verschwitzte Erotik, die der Titel suggeriert, wird schon durch die unspektakuläre Unterwäsche der Tänzer konterkariert: Steven Michel in leicht verwaschenen Boxers, Kimmy Ligtvoegt in rosa Baumwollschlüpfer und Alletage-BH.
Natürlich geht es in diesem rund einstündigen Tanzstück auch um Sexualität. Doch die körperliche Nähe ist vor allem ein Kraft- und Balanceakt. Was die Leiber miteinander anstellen, erinnert mitunter an die Hochleistungsakrobatik chinesischer Staatscircusse, weit entfernt vom romantischen Verschmelzen in Weichzeichner, das uns der Liebeskitsch in Literatur und Film als einzig erstrebenswertes Glück suggeriert. Wie in Zeitlupe und hochkonzentriert arbeiten sich Mann und Frau aneinander und miteinander ab. Im Slo-Mo-Purzelbaum ist kaum noch erkennbar, welches Bein, welcher Arm zu wem gehört. Die Gliedmaßen greifen ineinander, bewegen sich wie ein lebender Mechanismus. Dazu passt die anschwellende Musik, ein lauter werdender, stampfender Rhythmus wie von gut geölten Kolben.
Die Evolution einer Beziehung nimmt Fahrt auf, die Frau mit den kupferroten Haaren und der bärtige Naturbursche zeigen Bewegungsserien mit kleinen Varianten, Anziehung und Abstoßung, Anspannung und Entspannung. Sie hängt an seinen Lippen, er kann den Blick nicht von ihr lassen. Er trägt sie auf Händen, sie klammert sich an ihn. Klischees werden zitiert und gleich wieder aufgelöst. Jetzt hängt der Mann sich der Frau an den Hals, sucht Schutz und Geborgenheit.

Die Regensburger Tanztage 2016

Die Regensburger Tanztage dauern noch bis zum 19. November und enden mit einer Solotanznacht internationaler Preisträger. Die Internationale Aids-Tanzgala findet am Samstag, 12. November, um 19.30 Uhr im Velodrom statt. Hubbard Street II tritt am Sonntag 13. November, um 19.30 Uhr im Velodrom auf. Die Solotanznacht findet am Freitag, 18. November, und Samstag, 19. November, jeweils um 20 Uhr im Theater der Universität statt.

Der Tanzfilm „Mr. Gaga“ ist am 15. und 16. November jeweils um 18.45 Uhr in der Filmgalerie zu sehen. Der Jalla Worldbeat Club macht am Fr., 18. November, um 21.30 Uhr in der Alten Mälzerei Party.


So geht es fort, zwischendurch ein minutenlanger Kuss. Nach 40 Minuten glänzt der Rücken des Tänzers doch schweißnass. Das hypnotisch monotone Finale leitet die 18-Minuten-Version von Cat Powers einschmeichelndem Nu-Folk-Song „Willie Deadwilder“ ein. Im Hintergrund erscheinen bekannte Liebes-Verse der Popmusik-Geschichte: „You Give Me Fever“, „You Make Me Feel Like A Natural Woman“, „You And Me Baby Ain’t Nothing But Mammals“: Die wiederholten Bewegungsabfolgen gehen über in ein stoßendes Pulsieren, wie im Porno, nur ohne Sex. Am Ende kriechen Mann und Frau wie Einzeller aus der Ursuppe zuckend ins Dunkel der Bühne – getrennt.
Die ganze Mühe umsonst? Oder beginnt der Kreislauf des (Liebes-)Lebens einfach von vorne? Ein ordentliches Happy End erlebt es an diesem Abend nur das tanzbegeisterte Publikum. Mittelbayerische Zeitung, 9.11.2016

 

 

Das Drama einer Liebe liegt in der Form
Tanztage: „My Everlasting“ – ein hervorragendes Tanz-Stück des Choreographen Stephen Shropshire


Von Gabriele Mayer, MZ Regensburg.
Jede Generation ist stolz auf manche Erfindungen, obwohl sie doch oft die Wiederholung von längst Dagewesenem sind, das dem Vergessen, der Abgetanheit, der Suche nach Abwechslung anheimgefallen ist – und den Neuerungen wird es irgendwann genauso gehen. Ballett war, nachdem er sich aus Adelstraditionen und dem Opernhaften befreit hat, Tanz pur auf großer Bühne.
Dann kam der vielfältige freie Tanz, als Abstreifen der Konvention der Formen, es kam das Tanz-Theater, wobei die Symbiose von Theater und Tanz bisweilen zur beidseitigen Verflachung führte. Und das andere, das technisch brillante, schwerelose Ballett europäischer Tradition zelebriert oft nur noch abgehobene Formen und wurde ersetzt durch betont Rhythmisches, Körperbetontes, Erdverhaftetes. Ein neuer Purismus hat sich daraus entwickelt, der sich auch schon erschöpft und oft nicht mehr recht auf Inhalte und Gefühle beziehen kann.
Das Interessante der exzellenten Choreographie „My Everlasting“ von Stephen Shropshire ist nun, dass er all diese Ausdrucksweisen und konträren Entwicklungen nicht als veraltet hinter sich lassen will, aber auch nicht verflacht oder als leere Hüllen anbietet. Sondern, dass sein Stück für eine Tänzerin und einen Tänzer den Verlust bedauert, und etwas wiederherstellen will, aber sich nur mit Trümmern konfrontiert sieht. So wie auch eine frühere Intaktheit der Beziehungen zwischen Mann und Frau sich heute nicht einfach wiederherstellen lassen will.
Diffizile Haltungen und Schritte
Neue Formen und Inhalte – und Form und Inhalt gehören zusammen – werden zwar reichlich ausprobiert, aber schwer gefunden, oder verlieren sich unerkannt. Und auch hergebrachte Formen werden von dem beispielhaften Paar auf der Bühne herbeizitiert und als untauglich verworfen und finden keinen Halt in einem als tragfähig akzeptierten Gefühl. In dem Stück drücken sie sich durch diffizile Bewegungen, Haltungen, Schritte und Gesten aus, die vielerlei Tanz- und Kultur-Traditionen aufgreifen. Die Tragödie, die dabei erzählt wird: Dass sich aus der Einstellung von Ablehnung und Konflikt kein konstruktiver, dauerhafter Sinn ergibt.
Vom Ende her betrachtet ist dieses Stück der zerrissenen Gesten und Haltungen eine Liebesgeschichte, die nicht glücken will, egal welche Formen, Regeln und Versatzstücke eingesetzt werden, weil die Frau sich die Führungsvorschläge des Mannes zwar immer wieder ein Stück weit gefallen lässt, um sich dann aber auf sich selbst zu besinnen und sich dagegen zu wehren, frei und eigen sein will, und ihn zurückstößt, aber beiden dann nichts weiter einfällt.
Später tauschen sie die Rollen und sie diktiert dem Mann die Haltungen, der sie nachahmt. Doch noch weniger an konstruktivem Austausch kommt zustande, höchstens Hampelmännisches, und er dreht ihr außerdem den Rücken zu. In ihrem Widerpart erschöpft sich die Frau, der Mann ist traurig, einsam und weint. Alles was an Bewegungs-Beziehungs-Formen versucht wird, ist ungemein reichhaltig und reflektiert, nützt dem Paar aber nichts, und das Erzählerische wird gesprengt. Auf brillante Weise bringt dies die Choreographie im Detail und in der Gesamtkonzeption zum Ausdruck.
Und am Beginn? Tritt die Frau solo auf. Es ist auch ein Ausprobieren und Verinnerlichen der Bewegungen, des Repertoires, die die Tradition und die Gegenwart ihr anbieten. Sie scheint zu fragen: Wie passen bestimmte Formen mit bestimmten Gefühlen, Empfindungen und Bedeutungen zusammen? Zu einem Ergebnis kommt sie nicht so recht, vielleicht weil sie allein ist, aber man den Anderen zur Ausbildung bestimmter Gefühle braucht.
Am Ende steht eine Art Einklang
Was wir auf der Bühne des Uni-Theaters sehen, ist auch möglich geworden durch die Präzision und Ausdruckskraft der Französin Aimee Lagrange und des Finnen Jussi Noussiainen. Es ist das Drama zwischen dem wackeligen Neuen und dem Hergebrachten, das nicht mehr tragfähig scheint, aber Verlust und zudem Preisgabe von Kontinuität bedeutet. Es ist das Drama zwischen Formen und Konventionen und den Bedeutungen, die sie automatisch aus sich heraus verfestigen und die sich gegen das Lebendige verselbständigen. Aber ohne Formen geht es auch nicht.
Am Ende des Stücks gelingt eine Art moderater Einklang zwischen Mann und Frau: aus Erschöpfung, und nur aus einer gewissen Entfernung zueinander. Erst hier setzt tastend und erlösend auf der von Anfang bis Ende kulissenlosen Bühne eine sehr leise Begleit-Melodie ein. Mittelbayerische Zeitung, 8.11.2016

 

 

 

Die Kunst wurde am Wochenende gepusht
Beim Popkultur-Festival präsentierte sich die Kreativszene vielseitig. Die 60 Veranstaltungen stießen auf großes Interesse.

Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Das Popkultur-Festival am Wochenende in Regensburg zog unter dem Titel „Push2016“ viele Menschen an 20 verschiedene Veranstaltungsorte. Mehr als 60 Veranstaltungen aus den Bereichen Musik, Kleinkunst, Theater, Literatur, Tanz, Film und bildende Kunst gaben einen hervorragenden Überblick über das Schaffen der jungen Künstler und Kreativen. Das Festival bildete ein über die ganze Stadt verankertes Forum der „jungen Kunstszene“ Regensburg, auf dem sich die Kunstschaffenden ebenso wie die Kunstinteressierten und auch die Zufallsrezipienten tummelten.

Kunstwerk zerstört
Die „junge“ Kreativszene? „Die älteren künstlerisch Tätigen betrifft das doch genauso. Kunst ist unabhängig vom Alter. Kunst kann jeder machen“, sagt Künstler Sigurd Roscher, der zusammen mit Vincent Pollak am Viereimer Platz eine „Kleinstadt“ aus alten Pappkartons baute. Diese Installation fiel den Passanten ins Auge, regte zu Diskussionen und zu Fragen an. „Wir haben viel positive Resonanz, aber ich bin mir nicht sicher, ob alle Passanten verstehen, dass das Kunst ist, was wir hier machen.

Künstler bauten am Viereimer Platz eine „Kleinstadt“ aus Pappkartons. Foto: altrofoto.de
Wenn man so etwas öfter machen würde, dann wären die Menschen auch sicher aufgeschlossener. Ich finde das ziemlich spannend“, sagt der Künstler Roscher. Tatsächlich scheint es auch einige Menschen zu geben, denen Roschers und Pollaks Installation gar nicht gefallen hat. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurde sie zerstört.

Nicht so leicht kaputt zu machen war das Upcycle-Projekt mit alten Autoreifen, aus denen Möbel „gebaut“ wurden. Spontan machten die Passanten mit und freuten sich darüber, teilhaben zu können. Laura, eine der Akteurinnen dieses Kunstprojektes, bestätigte: „Viele Leute, die vorbeikommen, bleiben stehen und nehmen es an. Sie sind froh darüber, dass man aus alten Sachen wieder etwas Neues macht. Die Stimmung ist positiv. Ich persönlich würde es gut finden, wenn man so etwas wie das Popkulturfestival öfter in Regensburg machen würde, schließlich ist Regensburg doch sehr künstlerisch geprägt. Mit solchen Veranstaltungen kann man Menschen inspirieren!“

24 Stunden Instagram-Regensburg
Während des Festivals konnten die Besucher drei Tage lang von Veranstaltung zu Veranstaltung pilgern, ohne an ein Ende zu kommen, zum Beispiel zur Instagram-Ausstellung in das Künstlerhaus Andreasstadel. Eva Karl (Schauspielerin, Autorin, Bloggerin) hatte zusammen mit dem Fotografen Florian Hammerich eine Ausstellung aus über 1300 eingesandten Instagram-Fotos zum Thema #regensburg 0-24 Uhr zusammengestellt. 130 Fotos wurden im Künstlerhaus aufgehängt. Diejenigen, deren Instagram-Foto ausgewählt worden war, freuten sich: „Ich bin sehr glücklich, dass mein Foto dabei ist“, sagte Dani Rosenhammer.

Für Eva Karl ist das Popkulturfestival eine tolle Sache: „Ich finde es total spannend und komme aus dem Herumrennen von Veranstaltung zu Veranstaltung gar nicht raus. Es macht viel Spaß, weil man ganz niederschwellig mit vielen Leuten ins Gespräch kommt. Allerdings hätte ich mir mehr Studenten erwartet. Vielleicht muss man in Zukunft die Universität noch mehr mit einbeziehen.“

Auch Künstler Florian Toperngpong, der an der Organisation des Festivals beteiligt war, zeigte sich zufrieden. „Die Leute kommen, die Veranstaltungen werden besucht, die Resonanz ist groß, auch bei solchen Leuten, die durch Zufall irgendwo hängen bleiben, wie bei der Installation am Viereimer Platz.“ Schauspieler und Autor Lars Smekal war mit mehreren Veranstaltungen beim Popkulturfestival vertreten. „Die Leute haben sehr positiv auf die Veranstaltungen reagiert, denn es ist für jeden etwas dabei.“ Er bezeichnet das Festival als eine Art „Werkschau, was Regensburg im Kreativbereich zu bieten hat. Durch das Zusammentreffen kann und soll auch Neues entstehen. Mit dem Festival geht Regensburg einen guten Schritt in die richtige Richtung. Allerdings würde ich mir wünschen, dass die Wertschätzung, die man als Kunstschaffender beim Popkulturfestival bekommt, auch an den anderen Tagen im Jahr besteht.“

Im Andreasstadel ließen sich Fabelwesen und Freaks zeichnen.
Lars Smekal erzählte am Rande der „Lesung anonym“, die er im Café Couch durchgeführt hat und bei der anonyme Texte von Schauspielern vorgetragen werden, über eine andere Kunstaktion in Regensburg: „Wir haben Thesen über das Künstlerdasein in Regensburg formuliert. Doch anstatt sich auf den Diskurs einzulassen, den wir anregen wollten, wurde unsere Aktion von bestimmten Leuten, ohne überhaupt zu wissen, was die Inhalte unserer Aktion waren, als Quatsch ab getan. Ich glaube aber, dass dieser Dialog unglaublich wichtig wäre für eine Weiterentwicklung.“ Das Popkultur-Festival jedenfalls findet er „großartig. Man hat die Möglichkeit, als Besucher viel zu entdecken und kennen zu lernen. Von meiner Seite als Künstler aus ist das aber ähnlich. Man lernt neue Kollegen aus der Szene kennen, neue Besucher, denen ich vielleicht bisher noch kein Begriff war, werden auf meine Kunst aufmerksam.“

Diskussionen über die Förderung der Kunstszene
Ob die Stadt Regensburg noch mehr für die Förderung der Kunstszene tun könnte, darüber herrschten bei den jungen Kreativen in Regensburg während Festivals durchaus unterschiedliche Meinungen. Toperngpong sagt: „Beim Popkultur-Festival in Regensburg sind ziemlich alle kreativen Köpfe aus Regensburg mit dabei. Man kennt sich. In Regensburg hat sich auch viel Positives entwickelt, was die Kreativszene anbelangt. Das Deggingerhaus finde ich sehr positiv, auch das Popkultur-Festival. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Es nützt meiner Meinung auch nach auch nichts, künstlich da jetzt Geld rein zu pumpen und zu erwarten, dass dann exponenziell mehr gute Kultur und Kunst dabei rauskommt. Es muss einfach der entsprechende Nährboden da sein und hier müsste man ansetzen. Dazu bräuchte es, wenn man wirklich Regensburg zu einer kulturell und künstlerisch interessanteren Stadt machen will, eine Kunsthochschule oder eine Gestaltungshochschule.“

Künstlerkollege Sigurd Roscher sieht das Thema relativ entspannt: „Ich glaube nicht, dass die Regensburger Kunstszene noch mehr Förderung braucht. Ich bin eigentlich zufrieden. Man muss halt selber was machen! Netzwerken, fragen: Wo kann ich?, Wie läuft das? Und dann geht sich immer was aus! Eine gewisse Grundherausforderung muss sein, es darf auch nicht zu leicht sein! Sonst ist irgendwann alles voll mit Zeug!“

Auch im Transition-Laden hat Fränze Weber ihre eigene Meinung: „Ich finde es super, wenn so etwas wie das Popkultur-Festival in Regensburg passiert. Man sieht, was alles so möglich ist und was alles in der Stadt kreativ ist und wie sich das vernetzt. Ich würde es allerdings schon gut finden, wenn in Regensburg noch mehr für die kreative junge Szene gemacht würde, vor allem im Bereich der Ressourcenschonung. Da kann man noch ganz viel machen und ich würde mir wünschen, dass da die Stadt noch rühriger wird und die Leute mehr in Kontakt treten können. Das Popkultur-Festival hilft schon sehr viel, aber es könnten noch mehr solche Aktionen stattfinden. Für mich kann es da gar nicht genug geben.“
Mittelbayerische Zeitung, 30.10.2016

 

Selbstironische Köpfe auf der Bühne
Das Popkultur-Festival präsentiert ab Freitagabend junge Kultur in Regensburg. Es gibt mehr als 60 Veranstaltungen.


Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Wer etwas über die junge, kreative Szene in Regensburg erfahren will, sollte sich das Wochenende freihalten. Beim zweiten Popkultur-Festival Push2016 präsentieren sich junge Künstler und Kreative aus der Region in mehr als 60 Veranstaltungen. Das Festivalgeschehen verteilt sich über die ganze Stadt an 20 Spielorten.
In einer einzigartigen Verbindung aus Jugendkultur, Popkultur und Kreativwirtschaft wird am Wochenende in Regensburg ein bunter und auch avantgardistischer Kulturteppich gewebt, der ein Abbild der jungen Kreativszene in Regensburg werden soll. Nach dem Erfolg des ersten Popkultur-Festivals im Jahr 2014 hatte die Stadt im Mai 2015 beschlossen, in diesem Jahr eine Neuauflage in Kooperation mit dem Kulturzeltzentrum Alte Mälzerei (Leitung Hans Krottenthaler) zu starten.

Aktuelle Kunst der Stadt

Mit dem Festival sollen zeitgenössische künstlerische Positionen aus Regensburg vorgestellt werden. Neben Konzerten und Performances werden partizipative Projekte und auch einige völlig neu entwickelte Formate präsentiert. Push2016 lockt auch mit Veranstaltungen für spezielle Spielorte und mit Aktionen im öffentlichen Raum. Die Veranstalter versprechen „inhaltliche und ästhetische Vielfalt“.
Der Besucher des Popkultur-Festivals hat am Wochenende die Qual der Wahl. Es gibt allein 16 Musikveranstaltungen, die die verschiedensten Ausprägungen moderner Musik vorstellen. Von Trash-Metal über Dreampop und Psychedelic Pop bis hin zu Raddamadadda Funk, Melancholy Rave oder audiovisuellen Kunstwerken und vielem mehr ist bei Push 2016 alles geboten, was jung und neu ist und die Palette der modernen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten darstellt. ist bei Push 2016 alles geboten, was jung und neu ist und die Palette der modernen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten darstellt.
Eva Karl (Bloggerin, Schauspielerin und Autorin) ist eine der Kreativen des Festivals. Am Donnerstagabend hat sie die Instagram-Ausstellung „Regensburg 24“ im Künstlerhaus Andreasstadel (4. Stock) aufgehängt. „Ich bin wirklich gespannt, ob sich alles zu einer spannenden und gleichzeitig harmonische Sache fügen wird.“

Noch kurz’n Foto für Instagram

„Wir haben daran seit April gearbeitet und sind extrem zappelig, aber auch überwältigt vom Aufwand! Die Vernissage wird mit DJ Arok auf jeden Fall funky!“, sagt Eva Karl. Auch auf die Podiumsdiskussion „Warte, noch kurz’n Foto für Instagram“ mit Holger Schellkopf, Dani Rosenhammer, Gerd Hecht und Julia Sperber warten sie und ihr Kreativ-Kollege Florian Hammerich gespannt. „Wir holen nicht nur einen fachkundigen Mix an Gesprächspartnern, sondern auch schlagfertige, lustige, selbstironische Regensburger Köpfe auf die Bühne. Wir freuen uns schon besonders auf die Bilderanalyse am Schluss!“ Die junge Regensburger Kreative kann den Beginn des Festivals kaum erwarten: „Hans Krottenthaler hat da wirklich ein hervorragendes Programm hingelegt. Wenn ich nicht selber Teil des Programms wäre, würde ich komplett ausflippen und von einem Ort zum andern rennen, um alles mitzuerleben. Wir hatten im Social Media Bereich wirklich viel Response und super Zuspruch – auch was den Blog betrifft. Hoffentlich geht das bei der Live-Berichterstattung auf Snapchat, Facebook und Instagram so weiter! Ich bin total nervös, kann´s kaum erwarten und werde am Montag in ein tiefes Post-Popkultur-Loch fallen…".

Das Festival
Programm
Das Programm liegt im Deggingerhaus aus, kann aber auch unter www.regensburg-popkuturfestival.de und www.facebook.com/regensburgpopkulturfestival/ eingesehen werden.
Eintritt
Ein Eintrittsbändchen kostet fünf Euro und berechtigt zu allen nicht ausverkauften Veranstaltungen. Die Festival-Bändchen gibt es an allen Spielstätten beim Einlass. Workshops und Nachmittagsveranstaltungen sind frei.
Mittelbayerische Zeitung, 27.10.2016

 

 

Die Tanztage und eine intime Beziehung
Regensburg bringt internationalen Tanz auf die Bühne. Von 4. bis 19. November zeigen die Regensburger Tanztage an vier Orten aktuelle Strömungen des zeitgenössischen Tanzes.

Leidenschaftliche Stücke zur Mann-Frau-Beziehung
Am Anfang dieser Tanztage stehen zwei grandiose Duette: Jan Martens aus Belgien und Stephen Shropshire aus den USA haben zwei so unterschiedliche wie leidenschaftliche Stücke zur Mann-Frau-Beziehung geschaffen, für die sie vom Publikum und den Medien gleichermaßen gefeiert und mit Preisen ausgezeichnet wurden. Jan Martens gilt als der Shooting-Star der belgischen Tanzszene. „Sweat Baby Sweat“ wurde auf den größten internationalen Tanzfestivals bejubelt (Freitag, 4. November, 20 Uhr, im Theater der Universität). Der amerikanische Choreograf Stephen Shropshire zählt zu den Vertretern einer puren und äußerst körperlichen Tanzkunst. „My Everlasting“ (Sonntag, 6. Novmeber, um 20 Uhr, im Theater der Univeristät) ist das zweite international gefeierte Duett dieses Festivals.

Preisträger aus Ägypten und Syrien zu Gast
Die Solotanznacht vereint an zwei Abenden internationale Preisträger aus mehreren Ländern (Freitag, 18. November, und Samstag, 19. November, jeweils 20 Uhr, im Theater der Universität). Diese zwei Veranstaltungen zeigen herausragende junge Tänzer und Tänzerinnen mit ihren prämierten Stücken und bieten einen Einblick in die neuesten Entwicklungen der internationalen Tanzszene. Zu erleben sind: Louis Thuriot (Belgien) mit seiner Choreographie „Balance, Sarah Murphy (Kanada) mit „Enfant“, Ravid Abarbanel (Israel) mit „Underneath“. Daneben sind in diesem Jahr auch zwei Preisträger aus Ägypten und Syrien mit ihren bewegenden Arbeiten zu erleben: Mounir Ali (Ägypten) mit „What about Dante“ und Hoor Malas (Syrien) mit „Regression“.

Regensburg trifft auf Italien: Schönheiten des Lebens
Das Theater Regensburg Tanz unter der Leitung von Yuki Mori – aktuell mit seiner Produktion „The House“ für den Theaterpreis Faust nominiert – hat den Gastchoreografen Giuseppe Spota aus Italien eingeladen, um mit ihm die Tanzspielzeit zu eröffnen (Motag, 7. November, 19.30 Uhr, im Velodrom). Wie „Loops“, der Titel des Abends, andeutet, nehmen sowohl Spota als auch Mori die Bilder des Kreisens und des Strömens als Ausgangspunkt ihrer Kreationen. Spota lässt sein Stück am Nullpunkt beginnen: Wenige Farben, minimale Bewegungen. Erst allmählich kommen Vielfalt und Dynamik ins Spiel, um in einem andauernden Strömen die Schönheiten des Lebens zu feiern.

Aids-Tanzgala mit renommierten Ensembles und Solotänzern
Die internationale Aids-Tanzgala findet in diesem Jahr bereits zum 14. Mal statt (Samstag, 12. November, 19.30 Uhr im Velodrom). Sie bietet wieder ein hochkarätiges Programm aus international renommierten Tanzensembles, Solotänzern und Tänzerinnen. Eingeladen sind unter anderem Landerer&Company aus Hannover, die Tanzcompagnie Konzert Theater Bern und das Dance on Ensemble aus Berlin. Natürlich wird auch das Theater Regensburg Tanz mit speziellen Beiträgen an diesem Abend dabei sein.

Kult-Company mit jungen Tänzern aus allen Teilen der USA
Weiterer Höhepunkt der Tanztage 2016: das Gastspiel der Hubbard Street II aus Chicago (Sonntag, 13. November, 19.30 Uhr, im Velodrom). Die jungen Tänzer der Kult-Company kommen aus allen Teilen Amerikas und begeistern mit ihrer Vielseitigkeit und Dynamik. Ihr Repertoire umfasst prämierte Arbeiten der vielversprechendsten Choreographen des Landes. Nach Regensburg kommen sie mit ihrem neuen Programm und einer Weltpremiere.

Party mit Arabic-Pop, Afrohouse und groovigem Latin
Fernab aller konventionellen Party-Konzepte bietet der Jalla Worldbeat Club die besondere Mischung aus Weltmusik und Clubkultur, wie sie aktuell in allen Großstädten Europas angesagt ist. Begeisterte Musikfans lassen sich mitreißen und tanzen zu Ethnoklängen mit Clubcharakter: treibende Balkan-Beats, griechische Pop-Perlen, ausgewählter Arabic-Pop, Afrohouse und grooviger Latin, gepaart mit zeitgenössischem Clubsound, HipHop und Dancehall. Die Musikauswahl der Jalla-DJs bringt die Tanzflächen zum Kochen (Freitag, 18. November, 21.30 Uhr, im Theater Regensburg).

Film und Workshop
Mr. Gaga
Am Dienstag, 11. November, und Mittwoch, 16. November, (jeweils 18.45 Uhr) läuft in der Filmgalerie der Tanzfilm Mr. Gaga. Der Film gewährt intime Einblicke in das Leben und Arbeiten des Ausnahme-Choreografen Ohad Naharin.
Tanztheater
Von Dienstag, 1. November, bis Samstag 5. November, findet in der Alte Mälzerei der Intensiv-Workshop Sosani Tanztheater statt. Der Kurs bietet Einblick in die Arbeitsweisen des zeitgenössischen Tanztheaters.
Mittelbayerische Zeitung, 27.10.2016

 

Abschied in der Mälze
Acht Jahre lang haben Simeon Soul Charger aus Ohio ihr Publikum weltweit begeistert. Im November soll dann endgültig Schluss sein. Am Donnerstag gaben sie ihr letztes Konzert in Regensburg.

Datum: 14. Oktober 2016
Text: Ulrike Ammer
www.kult.de

Zu dritt rocken Simeon Soul Charger ein letztes Mal in der Alten Mälzerei.
Es hat alles wie im Märchen begonnen, aber jedes Märchen hat nun auch mal sein Ende. In diesem Fall ein lautes mit ordentlich Wumms. Über 600 Konzerte haben Simeon Soul Charger auf dem Buckel. Nach Deutschland kamen die vier Jungs eher zufällig und waren doch seit 2011 nicht mehr aus der Konzertlandschaft wegzudenken – nur selten schaffen es Bands ein so vielschichtiges Publikum zu begeistern und immer wieder neue Leute für sich zu begeistern.
Beim ihrem letzten Besuch in der Mälze im Januar hat man es Sänger Aaron schon ein bisschen angesehen, dass da was nicht stimmt… kurze Zeit darauf wurde bekannt, dass die laufende Tour ihre letzte sein wird und nur noch mit Gitarrist Rick Phillips, Bassist Spider Monkey und Drummer Joe Kidd abgerockt wird. Ein waghalsiges Vorhaben – hat doch ein Sänger und Frontmann meist die tragende Rolle. Doch das Trio konnte ihre Klasse beibehalten. Zwar wurde bei den ein oder anderen Songs etwas rumgetrickst und abgespeckt, doch wer hätte ahnen können, welche Stimmgewalten sich hinter den Instrumenten versteckt hatten? Und das kommt an. Die Alte Mälzerei war am Donnerstag gesteckt voll und das Publikum begeistert. Die Wehmut konnte man ihnen ansehen – nach zwei Stunden voller Leistung mit eigenen Liedern und Coversongs fiel die Zugabe dann doch etwas länger aus und jede Note der Gitarrensoli musste voll ausgekostet werden.
Nach den Konzerten in Bamberg, Triftern und Landshut, das vielleicht sogar live im Internet gestreamt werden kann, ist dann auch für die letzten drei Bandmitglieder Schluss mit dem Projekt „Simeon Soul Charger“. In Regensburg hätten sie am liebsten nie aufgehört zu spielen, aber mit einer letzten Verbeugung und einer Einladung an alle, zu ihrem aller-aller letzten Auftritt im November zu kommen, war es dann doch Zeit sich zu verabschieden. Die Brüder Rick und Spider wollen weiterhin die Musikszene in Europa unsicher machen. Ein Hauch von psychedelischem Rock wird uns also erhalten bleiben.

 

Das Tor zum Pop-Paradies war offen
Heißer Auftritt von „Element Of Crime“ – und die erfrischende Erkenntnis, dass es Spaß macht, wenn alles scheißegal ist.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Nein, nein! Hier geht es nicht um die Musik. Jedenfalls nicht in erster Linie. Hier geht es um die Inhalte. Um schön-traurige Lieder, um Gefühle. Nach drei Tagen Jazz aus allen Rohren dauert es einige Momente, bis man sich umgestellt hat. Da steht einer im Rampenlicht und fragt „Wo ist die Flasche, die wärmt? Ist der Mensch, der uns treibt?“ Sven Regener braucht keine Aufwärmphase, kein „Hoppla, jetzt komme ich“. Pünktlicher als jeder Maurer steht er mit den Jungs von „Element Of Crime“ auf der Bühne im Antoniushaus. Demokratisch schwitzend, wie alle in dem Saal mit dem Charme einer pubertätsverseuchten Sporthalle. Die heftigen Gewitter vor Beginn des Konzertes haben die Luft im Gebäude auf gepflegtes Saunaniveau gebracht. „Ja, großartig“, verschaffte sich hinterher eine Besucherin Luft, „aber sehr, sehr heiß!“
Selbst der gut gelaunte Regener, Gitarrist, Trompeter und genialer Texter der Band, meinte irgendwann befriedigt, dass „wir oft bei Veranstaltungen mit schlechtem Gewissen auf der geschützten und überdachten Bühne stehen“. Diesmal wären sie gleichermaßen alle in Schweiß gebadet. Das aber hielt weder die Band vom Spielen ab, noch das Publikum davon, fast jeden Song begeistert aufzunehmen. „Immer so weiter“, „Zu oft allein“, „Du hast die Wahl“ – kaum erklangen die ersten Akkorde, jubelten entzückte Anhänger, als stünden die „Fab Four“ da oben. Hier war offensichtlich eine völlig ausgehungerte, generationenübergreifende Element-Of-Crime-Gemeinde versammelt. Dieser hatte sich mit dem lange vorher ausverkauften Konzert – durchfeuchtete Schwüle hin oder her – ein Tor zum (Pop-)Paradies geöffnet.
In einer seiner knappen Moderationen sinnierte Sänger Regener bestätigend, dass es definitiv „vor 1994 gewesen sein muss“, dass die Band zuletzt – und zum einzigen Mal – in der Donaustadt zu Gast war. „Damals spielten wir“, soweit reichte die Erinnerung noch zurück, „in einer Diskothek!“ Möglicherweise hat der Doyen der Band damals noch englisch gesungen, denn erst nach einigen wenig erfolgreichen Alben begann die Band ab Anfang der 90er Jahre Songs auf deutsch aufzunehmen.
Songs in gemächlichem Tempo
Aus dieser frühen Phase sang Regener das tragische Liebeslied „Weißes Papier“, das gut und gern auch als Anti-Liebeslied durchgehen könnte. Zuhörer hängten sich einfach ein und sangen Textzeile für Textzeile der Ballade mit. Da es bei Regener selten einen richtigen Refrain gibt, kennen viele Anhänger ganze Lieder von Anfang bis Ende auswendig. Eifrig schmettern sie „Sag nicht, dass das gar nicht nötig wär / Denn schmerzhaft wird es erst hinterher / Wenn wieder hochkommt, was früher mal war / dann lieber so rein und so dumm sein wie weißes Papier“.
Ernüchternd lapidare Schilderungen aus dem alltäglichen Leben, den miesen, einfachen oder belanglosen Erfahrungen sind das Markenzeichen Regeners und der Band. Da passt es nur zu gut, dass sie auch ein Lied mit Bezug zu Rainer Werner Fassbinders Film „Liebe ist kälter als der Tod“ geschrieben und auf dem Album „Lieblingsfarben und Tiere“ veröffentlicht haben. Wie viele Songs der Band hat es einen Dreiviertel-Rhythmus und schiebt in eher gemächlichem Tempo eine melancholisch-deprimierte Stimmung vor sich her. „Wenn du sie siehst, grüss sie von mir. / Sag ihr, hier sei alles im Lot (…)“. Im Grunde weiß natürlich jeder, dass nichts, aber auch gar nichts im Lot ist, „(…) denn irgendwas ist immer, irgendwas ist immer und Liebe ist kälter als der Tod“.
Diese völlig unromantische, scheinbar leidenschaftslose Haltung, die auch den überwältigenden Erfolg vom Roman „Herr Lehman“ ausgemacht hat, hat Regener nur einmal öffentlich durchbrochen. Ein Interview mit Zündfunk-Autor Erich Renz vom Bayerischen Rundfunk über das Urheberrecht und die Auswirkungen kostenlosen Streamens gipfelte im Vorwurf, dass „man uns (den Künstlern, Anm. d. Red.) ins Gesicht pinkelt!“ Regener redete sich derart in Rage, dass sein „Wutausbruch“ damals eine bundesweite Diskussion über die Beteiligung von Künstlern an der Verwertung ihrer Kunst ausgelöst hatte.
„Delmenhorst“ durfte nicht fehlen
Von der Missachtung von „Werten, die von uns Künstlern geschaffen werden“, wie er damals schimpfte, war bei seinem Auftritt im Antoniushaus natürlich nichts zu spüren. Im Gegenteil, hier ließ ihn das dicht gedrängt stehende Publikum hochleben. Es feierte jedes Lied, selbst wenn manches an die Schlager der Flippers oder den auf europäisch gebürsteten Country eines Gunter Gabriel klang. Und Regener ließ sich von der Euphorie mittragen, warf mehrfach seine Arme euphorisch in die Luft. Musikalisch liegt die Stärke der Band weniger bei einer besonderen Originalität, wichtig ist eine gute Wiedererkennbarkeit.
Dafür kommt die Band seit jeher mit einem guten Dutzend Akkorden aus. Ein überaus beachtlicher Erfolg für eine mehr als drei Jahrzehnte währende Karriere. Dass da immer wieder Assoziationen zu diesem oder jenen Popsong auftauchen – geschenkt. Das abrupte Ende ihres lang erwarteten Gigs milderten „Element Of Crime“ mit drei Zugaben. Da durfte der einzige wirkliche Hit „Delmenhorst“ nicht fehlen. Die Zeile „Erst wenn alles scheißegal ist“, gestand eine Freundin während des Konzerts, habe sie einst elementar getröstet. Denn dann „…macht das Leben wieder Spaß.“ Yes! Mittelbayerische Zeitung, 13.7.2016

 

 

Festival
Knallbunte Körper im Stadtraum
Die Regensburger Tanztage gibt’s erstmals als Sommerspecial. Star der Reihe ist eine Truppe, die leibhaftige Bilder kreiert.


Von Marianne Sperb, MZ
Regensburg. Willi Dorner und seiner Truppe ist mit einer an sich simplen Idee ein Kunststück gelungen. Die Formation besetzt Stadträume mit choreografierten Bildern. Die Tänzer, Performer und Parkour-Läufer setzen sich in Fensternischen, belegen Treppen, gruppieren sich an Brunnen, türmen sich auf Sockeln. Die Körper in knallbunten Trikots erstarren jeweils für wenige Minuten zum tableau vivant, zum leibhaftigen Bild, das sich in die Köpfe der Betrachter brennt, bevor sich die Szene auflöst und die Truppe zur nächsten Station weiter zieht.
Willi Dorner hatte seinem Projekt „Bodies in Urban Spaces“ anfangs selbst keine großen Erfolgschancen gegeben. Heute ist er klüger: Das Kunstprojekt wird weltweit gefeiert, in rund 100 Metropolen, von Paris bis New York, war „Cie. Willi Dorner“ bereits zu Gast. Jetzt kommt die Truppe nach Regensburg. Der Auftritt, zu den Tanztagen der Alten Mälzerei Ende 2015 angekündigt, gab den Anstoß für mehr: Rund um das Gastspiel der Österreicher hat Alte-Mälzerei-Chef Hans Krottenthaler ein gar nicht so kleines Sommerfestival gestrickt.
Die Alte Mälzerei, längst ein Hotspot für zeitgenössischen Tanz, entwickelt sich zum Tanz-Zentrum. 2015 gab es eine Reihe von Gesprächen über die Förderung der Regensburger Szene, es ging etwa um Probenräume und Ausstattung. Daraus entstand die „Tanzinitiative Regensburg 2016“. Im Konzept, erarbeitet von Alter Mälzerei, freier Szene und Kulturamt, sind zum Beispiel feste Zeiten für Tanzensembles verankert. Künftig sollen pro Jahr zwei oder drei Zeitfenster von je fünf bis sechs Tagen in der Alten Mälzerei reserviert sein. Choreografen können dann en bloc neue Produktionen entwickeln und dabei auch auf Beratung und Equipment der Mälzerei zurückgreifen. Die Stadt unterstützt die Initiative finanziell.
Neues von angesagten Tänzern
Die Tanztage, heiß geliebtes Highlight im Kulturkalender, erobern den Sommer. In der siebenteiligen Reihe präsentieren junge Regensburger Choreografen aktuelle Produktionen. Angesagte Protagonisten der Szene und einige Tänzer des Theaters Regensburg zeigen Tanz am Puls der Zeit. Auftakt ist mit „Kammerspiele“. Vier Choreografinnen erforschen Möglichkeiten des Raums: Amalia Darie und Eva Eger („Hypostase“), Helma Ebkemeier („Glückstage“) und Berenika Kmiec mit ihrer Company Raum B („The Screaming Chair“). Sie hinterfragen den Menschen als vermeintlich dauernde Einheit, definieren den Körper als Ort von Glück und untersuchen, wie die Anwesenheit von Körper auf den Raum wirkt.
Thea Sosani zeigt radikale und schonungslose Bilder. In „Gegenwärtiger Mensch – 5 Stationen“ führt sie an Abgründe der menschlichen Psyche, nimmt dem Stoff durch Humor aber auch die Schwere. Die Zuschauer wandern mit dem Stück im Leeren Beutel von Raum zu Raum.
Das Konfident Kollektiv vereint Tänzer der freien Szene mit Tänzern des Theaters. Martina Feiertag, Tine Schmid und Dominic Braunersreuther haben mit Alessio Burani, Simonefrederick Scacchetti und Yosuke Kusano „Inmotion“ erarbeitet, einen mehrteiligen Tanzabend.
Die Sommertanztage 2016
„Bodies in Urban Spaces“ ist das Herzstück der Sommertanztage. Choreografin Esther Steinkogel sondierte drei Tage lang mit Hans Krottenthaler 50 potentielle Schauplätze für die Performance – die Brunnen am Bismarckplatz oder die Freitreppe am Alten Rathaus. „Für Regensburg kann ich mir das Projekt gut vorstellen“, sagt Krottenthaler. Der Blick hat sich ans Welterbe gewöhnt. In der stark frequentierten Altstadt nimmt man Schönheiten und Besonderheiten kaum noch wahr. Die Performance schenkt überraschende Perspektiven, öffnet die Augen für die Stadt und produziert Bilder, sich festhaken.
Unvergesslicher Blick auf die Stadt
20 Regensburger wirken mit: Parkour-Läufer, Tänzer, Menschen, die fit und beweglich sind. Sie investieren viel Aufwand in die Sache und trainieren ab 18. Juli täglich sechs Stunden für den Parcours. Die Stadt wird am 23. Juli zu zwei Terminen bespielt; Start ist voraussichtlich am Neupfarrplatz. Viele Passanten dürften sich als Zuschauer spontan anschließen. So, wie am 23. Juli, werden sie Regensburg nie wieder sehen. Krottenthaler ist überzeugt: „Wer zum Beispiel die Rathaustreppe mit den Körpern gesehen hat, wird das nicht mehr vergessen. Er wird die Szene immer, wenn er am Rathaus vorbei geht, wieder vor sich sehen.“ Mittelbayerische Zeitung, 5.7.2016

 

 

Countrymusik
Kinky Friedman, der Menschenfreund
Auf der Bühne der Alten Mälzerei gibt sich der 71-jährige Künstler und Aktivist aus Texas als cooler Hund.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Texaner sind harte Hunde! Das weiß man(n) nicht erst seit „Dallas“. Doch in der Seifenoper verkörperte J. R. Ewing diesen Männertyp so exzellent wie kaum ein anderer vor oder nach diesem grandiosen Bösewicht – allerdings ohne zu bemerken, dass er sich mit seinen Auftritten öfter zum Affen machte. Davor ist auch Kinky Friedman, Countrymusiker und Autor aus Texas, zeitlebens nie zurückgeschreckt.
Als unabhängiger Kandidat für das Amt des Gouverneurs von Texas setzte sich der „politische Amateur“, wie er sich selbst bezeichnet, selbstbewusst dem Scheitern aus. Darin liegt Größe, denn „der letzte jüdische Troubadour“ – auch eine seiner vielen Eigencharakterisierungen – ist trotz der Ernsthaftigkeit seiner politischen und auch künstlerischen Ambitionen nie dem Volk oder anderen in den sprichwörtlichen Hintern gekrochen. Wie er in seinen Songs und Krimiromanen kein Blatt vor den Mund nimmt, hält er es offenkundig auch in seinem Leben.
Auf der Bühne der Alten Mälzerei legt der 71-jährige Künstler und Aktivist aus Texas den coolen Hund mit dicker Zigarre, voller Whiskeyflasche und Armyjacke an den Tag. Das gehört zum Image und zur Show. Die Zigarre ist längst kalt und vom Whiskey wird eher genippt, als getrunken. Nüchtern ist Friedman dennoch nicht auf der Bühne gestanden. In der direkten Begegnung zeigt er sich dann aber, wie in seinen Songs, als freundlicher Kerl, mitfühlender Beobachter und – im Grunde seines Herzens verzweifelter – Menschenfreund.
Schattenseite des „american way of life“
Mit knorriger Sprechstimme singt er von Abgehängten, Outsidern und den Tränen in den Augen von Kindern. Melancholisch und trüb tropft die Tragik des Lebens gewissermaßen aus „Mama’s Hungry Eyes“. Mit seinen alten und einigen ganz neuen Liedern, bei der er sogar noch Texthänger produziert, erzählt der Kinkster Geschichten, als würden sie sich eben vor seinen Augen abspielen. Wie bei Folklegende Pete Seeger oder Hank Williams singt er über reale Begebenheiten. Über Beobachtungen aus dem Alltag und vom Leben der Menschen, die sich auf der dunkleren, der Schattenseite des „american way of life“ abstrampeln müssen.
Der heisere Schrei einer kropfkranken Möve
Das macht er mal mit sarkastischem Humor und pointierter Ironie in starken Sprüchen, doch die neueren Songs wirken meist schwermütig. Man wundert sich, dass Friedman kaum seufzt zwischen den Strophen, die er in leicht melodischem Sprechgesang vor sich hin brummt. Schwierig wird’s, wenn er mal mit der Stimme in die Höhe muss. Das hört sich dann eher wie der heisere Schrei einer kropfkranken Möve an.
Trotzdem: Ein beeindruckendes Konzert eines alternden Entertainers mit wackliger Stimme, musikalischen Schwächen, bärbeißigem Humor – und einer riesigen Ausstrahlung. Mittelbayerische Zeitung, 13.5.2016

 

Der Kabarettpreis geht nach Passau
Martin Frank schlägt aus den Unterschieden von Stadt und Land kräftig Humorfunken – und siegt beim Regensburger Festival.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg.Ein Schwarzer, der sich endlich als Neger fühlen möchte. Zwei „Laddshosen“ in Wadlstrümpfen beim Heislbau’n. Und ein volltrunkener Feuerwehrkommandant aus Alteglofsheim, der mehr Durst als Brände löscht: Beim Wettstreit um den Thurn-und-Taxis-Kabarettpreis landeten der Münchner Simon Pierce, „De Laddshosen“ und Lokalmatador „Bobbe“ Robert Ehlis gemeinsam auf dem ungeliebten dritten Platz.
Die drei Finalisten überzeugten die vierköpfige Jury (Susanne Wiedamann von der Mittelbayerischen Zeitung, Franz Schoppe als Vertreter des Preisstifters, Kulturamtschefin Christiana Schmidbauer und Mälzerei-Manager Hans Krottenthaler) mit ihren engagierten Vorstellungen nicht ganz. Dennoch konnten die Comedians und Mundart-Volksmusik-Kabarettisten, wie sich das oberbayerische Laddshosen-Duo bezeichnet, mit je 300 Euro, Bierseidl und Blumensträußen nach Hause fahren.
Einen kräftigen Aufschlag bekam der Würzburger Robert Alan für den zweiten Platz bei der „Nacht der Sieger“. „Was hast du nur aus deinem Leben gemacht?“ fragte sich der Schiffermützeträger selbstkritisch. „Dein Opa war Nazi, dein Vater Hippie und du? Du bist vegan!“ Alan beherrscht das Spiel mit angedeuteten Pointen und Unausgesprochenem. Er schildert treffliche Erlebnisse beim Ostseeurlaub mit den Eltern und gießt er feinen Spott über jugendlich-großspuriges Gehabe.
„Politik ist mir egal!“
Im „Titten-Song“ bekennt sich Alan unverfroren zu männlich-verfänglicher Einseitigkeit: „Politik ist mir egal!“ Sein Spott macht nicht vor Rentnern an der Supermarktkasse halt und entlädt sich frech und ungeniert im „perfekten Lovesong“. 2015 gewann der jungenhafte Spötter, dessen Ähnlichkeit mit Michel von Lönneberga durch die für einen Franken unpassend wirkende Schiffermütze verstärkt wird, in Passau das Scharfrichterbeil. Diesmal reichten die Doppeldeutigkeiten des musikalischen Kleinkünstlers nur für den zweiten Preis.
Einige waren sich Jury und Publikum über den 23-jährigen Schauspielschüler Martin Frank aus Hutthurm bei Passau. Für seine treuherzigen Auslassungen über die Unterschiede zwischen Land- und Stadtleben sprach ihm die Jury den mit 1200 Euro dotierten ersten Preis zu.
Begeisterte Zuhörer setzten mit ihrem Votum für den Niederbayern noch eins drauf. Damit konnte Frank auch den Publikumspreis mit nach Hause nehmen. Wobei nicht ganz klar ist, wo sein Zuhause ist: Ist es noch der Misthaufen mit Bauernhof und erzieherisch tätiger Oma im Bayerischen Wald oder schon die Großstadt München, wo er als wohlerzogenes Landei ununterbrochen aneckt?
Aus diesem Gegensatz, den er mit zutraulichem Augenaufschlag und naiv-arglosem Auftreten großartig in Szene setzt, schlägt Frank jede Menge Humorfunken. Die lassen das entzückte Publikum kaum zu Atem kommen, wenn er in der U-Bahn auf Gucci-Frau, suspekte Turbanträger und andere Großstadtverdächtige trifft. Bei seiner Abschiedsarie von Händel für das – tote – Hendl, die er singt, um einem Feriengast aus Duisburg zu Gefallen zu sein, lagen ihm die Zuhörer zu Füssen. Damit sicherte er sich den undotierten Publikumspreis.
Die lautesten Fans hat Robert Ehlis
Landleben in unverhohlen derber Schlawiner-Pose inszenierte auch der Alteglofsheimer, der – gemessen am Beifall – der heimliche Favorit des Abends war, für den „wichtigsten Nachwuchspreis in Bayern“: Robert Ehlis hatte die lautesten Fans im Auditorium. Mit einer klamaukigen Parodie über Integrationsschwierigkeiten eines Preiß’n in einem oberpfälzischen Nest erhielt er viel Sympathie –und 2015 bereits mehrere regionale Kabarettpreise als unterhaltsames Nachwuchstalent. Mittelbayerische Zeitung, 21.3.2016

Das Finale beim Festival
Das Festival: Das Thurn und Taxis Kleinkunstfestival in der Alten Mälzerei ging zum 21. Mal über die Bühne. Zwischen 19. Februar und 20. März waren an sieben Abenden internationale Kabarett-Größen zu erleben.
Das Finale: Bei der Nacht der Sieger konkurrierten fünf Kandidaten aus Bayern um den ersten Platz: Robert „Bobbe“ Ehlis (Oberpfalz), Simon Pearce (Oberbayern), De Laddshosen (Oberbayern), Robert Alan (Unterfranken) und Martin Frank (Niederbayern).

 

 

Kleinkunst
Doppelsieg der Slampoeten aus Berlin
United Comedy: Die Österreicherin Lisa Eckhart und Felix Lobrecht gewinnen den Super Slam in der Alten Mälze in Regensburg.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Ein beliebtes Thema des Berliner Zeichners Tom für seine herzerfrischenden „Touché“-Strips ist die alterslose Esoterikerin, die Bäume umarmt. Beim Poetry Super Slam stellte ein junger Mann in zeittypischer Kapuzenkleidung eine eigene Variante zur Schau: In der Pause umarmte er innig eine der Säulen in der Alten Mälze. Inmitten der dicht gedrängten Zuhörer umschlang er verträumt das kühl gestrichene Objekt. Ob er durch das atemlose Gedicht „Der Baum“ des Offenbacher Slampoeten Samuel Kramer oder die Tagträumereien von „Captain-Not-Gonna-Happen“ inspiriert wurde, ließ sich nicht eruieren.
Jippie und Yeah vor vollem Haus
Wie beliebt das nach strengen Regeln ablaufende Poetry-Schauspiel nach wie vor ist, zeigte sich bereits vor Beginn an der Schlange, die sich die halbe Galgenbergstraße hinunterzog. Hemdsärmelig routiniert musste Moderator Ko Bylanzky einige Mühe darauf verwenden, Ruhe in den vollbesetzten Raum zu bringen, um die Begrüßungsrituale für die elf Teilnehmenden einüben zu können: „Jippie für die Neuen, die noch nie hier waren – und Yeah!!! für alte Bekannte!“
Als bereits Eingeführte stellte er die Bambergerin Jasmin Reithmeier vor, die aus ihrer Kladde vergnügt Erinnerungen an ihre Schulzeit vortrug. „Früher war alles besser“, zitierte sie halbironisch ihre Großmutter, denn „die letzte, richtig geile Generation sind wir!“ Einen rapartigen, drakonischen Ritt durch die Menschheits- und Weltgeschichte absolvierte anschließend Kramer mit seinem atemlosen Baum-Gedicht. Bei ihm sind es vom romantischen Makro- zum nüchternen Mikrokosmos nur wenige Wörter.
Bitterböses Schüttelgereimtes
Mit einem etwas holprig vorgetragenen Text über eine unappetitliche Lesung – „Literatur muss aufwühlen…“ – erntete der Münchner Wolfram Heinrich als Oldie des Super Slam nur mäßig Anerkennung. Weit besser kam der berlin-brandenburgische Landesmeister Felix Lobrecht mit seiner lakonischen Selbstironie an. Mit entlarvenden Pointen über öde Studentenpartys ging er als Sieger der ersten Hälfte mit der androgynen Lisa Eckhart ins Rennen um die Endauswahl. Diese punktete nach einer gewitzten Reimerei der Regensburgerin Theresa Reichel übers eigene Leben mit einem bitterbösen, schüttelgereimten Text über die Jesusgeschichte. Derb Anstößiges wechselte mit sarkastischer Niederträchtigkeit und genüsslich ausgekosteter Gemeinheit.
Im Finale mit Lobrecht setzte die in Berlin lebende Wienerin, die perfekt gestylt an David Bowie erinnerte, noch eins drauf. Süffisant zerlegte sie mit ihrem „3-Punkte-Plan“, einem hochpolitischen Rundumschlag, jeglichen gesellschaftlichen und religiösen Konsens. Mit charmant eingesetztem Akzent scheint die Österreicherin die Großmeister ihrer Heimat, von Helmut Qualtinger bis Josef Hader nicht nur beerben, sondern gleich übertreffen zu wollen. Ihre Schüttelreime hören sich an wie lebendig gewordene schwarz-gallige Karikaturen von Manfred Deix. Das Lachen blieb dennoch keinem der Zuhörer in der Mälze im Hals stecken, wenn die österreichische Slam-Meisterin lustvoll vom Leder zog.
Dagegen wirkte ihr Konkurrent Lobrecht mit seiner trockenen Berliner Schnauze beinahe gemütlich. Dennoch forderte das Publikum den tendenziell überforderten Moderator Bylanzky lautstark auf, „beide, beide…!!“ zu Siegern zu erklären. Der beugte sich dem Votum, was mit einem Beifallsturm quittiert wurde.
Siegerverdächtig war auch, das sei noch nachgetragen, die neu erzählte Wilhelm-Busch-Geschichte von den bösen Buben Max und Moritz. Der Münchner Alex Burkhardt packte jede Menge aktuelle politische Themen und gesellschaftliche Missstände in seine gelungene, scharfzüngige Nachreimerei. Konziliant der grimmige Schluss: „Ach ein Glück ist‘s jetzt vorbei / mit der Übertäterei!“ Bis zum nächsten Poetry Slam im April am gleichen Ort. Mittelbayerische Zeitung, 7.3.2016

 

 

Kleinkunst
Österreichs Humor: Das ist der Gipfel!
Die Alte Mälzerei Regensburg zeigt großartigen Kabarett-Import. Der Austria-Abend wurde zum Höhenflug.

Von Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg. Eigentlich haben wir unsere südöstlichen Nachbarn ja ganz lieb. Auch wenn sie uns Piefkes nennen, und wir ihnen den noch uncharmanteren Spitznamen Schluchtenscheißer verpasst haben. Trotz, oder vielleicht sogar wegen dieser freundschaftlichen Sticheleien ist der wunderbar einzigartige österreichische Humor das wohl beliebteste Exportgut aus Österreich, nach Mozartkugeln und Rainhard Fendrich.
Zum 21. Internationalen Thurn und Taxis Kleinkunstfestival importierte die Alte Mälzerei zum Austria-Abend am Freitagabend drei großartige Kabarettisten: Das Duo Kaufmann-Herberstein, den „Soko Wien“-Star Gregor Seberg und, in Vertretung für den Erkrankten Otto Jaus, die Wiener Powerfrau Magda Leeb.

Lust auf Kleinkunst? Hier das Programm des Festivals
Um die respektvolle Begrüßung der Gäste kümmerte sich Hannes Ringlstetter: indem er dem „Liedermachertrauma“ seiner Jugend musikalisch an der Gitarre Luft machte und gehörig Österreichs Nationalhelden – Falci, STS und Josef Hader – durch den Kakao zog. Nach einigen Anekdoten über die kulturellen Schluchten zwischen Deutschen und Österreichern durfte Ringlstetter als Moderator dann die ersten Gäste ankündigen:
Das junge Duo Kaufmann-Herberstein war einzig und allein für den Auftritt in Regensburg angereist. Zu ihrer Deutschland-Premiere spielte das Duo in der bis auf den allerletzten Platz ausverkauften Alten Mälzerei aus ihrem neuen Programm „Stadt. Land. Flucht.“ Darin geht es vor allem um die Stereotypen, die einem in den Großstädten Austrias so über den Weg laufen. Und natürlich um Liebe auf Österreichisch: vom ganz normalen Wahnsinn mit den Schwiegereltern bis zum Sex im Steirisch G’red, der so unerotisch ist, wie Sex nur sein kann.

Die Überraschung des Abends: Magda Leeb
Nach der aufgedrehten, musikalischen ersten Hälfte kam für den erkrankten Otto Jaus kurzfristig die Wienerin Magda Leeb auf die Bühne. Die Kabarettistin, die selbst in ihrer Heimat eher unbekannt ist, war die große Überraschung des Abends. Selbstironisch arbeitete sie die österreichische „Ah geh“-Mentalität auf und die gravierende Unterschiede zwischen Kronen-Zeitung und der Süddeutschen. Für ihren lockeren, energiegeladenen Auftritt erntete sie donnernden Applaus.
Zum Grande Finale kam Gregor Seberg auf die Bühne, bei uns vor allem bekannt dank seiner Hauptrolle in der „Soko Wien“. Auch als Kabarettist macht sich der Schauspieler aus Graz großartig. Er brachte das typische Granteln mit, und den dunkelschwarzen Humor aus Wien, auch wenn der typischerweise in Deutschland nicht immer funktioniert.
Wenn es ans österreichische Politkabarett ging, machte es sich Gregor Seberg leicht: Auf einer Leinwand zeigte er wortlos die abstrusen Facebook-Wahlwerbeslogans von Richard Lugner und seiner 57 Jahre jüngeren Ehefrau, sowie Ausschnitte aus dem österreichischen Parlament. Wer solche Politiker hat, braucht eigentlich gar keine Kabarettisten mehr. Immerhin: In Regensburg sind sie immer willkommen. Mittelbayerische Zeitung, 29.2.2016

 

Kleinkunstfestival: Götterfunken blitzen vom Matterhorn
This Maag und das Duo Christoph & Lollo: ein prachtvolles Gipfeltreffen zum Auftakt von United Comedy 2016 in Regensburg.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Das war voller Einsatz, mit Händen, Füßen, Kopf und Mund – oder anders gesehen: körperlich, klanglich und mental. Von der Spitze des Matterhorns dirigierte der Kabarettist This Maag sein Publikum beim Absingen der Europahymne, Schillers „Ode an die Freude“. Mit gestimmten Glocken zwischen den Zehen, in den Händen und im Mund schellte sich der Wahlberliner durch den schönen Götterfunken zum Elysium. Sein eigenwilliges schwyzerisches Arrangement endete in einem lärmenden Glöckchen-Crescendo. Selbiges ging allerdings im tobenden Beifall und Gelächter der Besucher unter. Verschwitzt hangelte sich der gebürtige Luzerner von der kleinen Leiter hinter der Bergspitze hinunter und sammelte freudestrahlend seine löchrigen Socken – „Reverenz an Emmental“ – und Wanderschuhe ein, derer er sich vor der hochmusikalischen Klettertour entledigt hatte.
Das Alphorn aus dem Rucksäckli
Als dominantes Requisit diente der berühmte Alpengipfel dem Kabarettisten als multiples Mittel bei der Integration der EU-Bevölkerung in die Großschweiz. Beim Gipfeltreffen auf der kleinen Bühne der Alten Mälzerei war sogar noch Platz für einen überdimensionierten Rucksack. An dessen Inhalt – „Wie nennt man den kleineren… richtig: ein Rucksäckli!“ – entzündeten sich im Verlauf des ausnehmend vergnüglichen Abends noch etliche Pointen.
So zog oder besser schob This Maag nach einem Kopfüber-Stunt in den Riesentornister ein Alphorn 2.0 daraus hervor. Dem „Scheißhorn“ aus zusammengesteckten Kunststoffrohren folgte die „Schweizer Edition“ einer „Melodica mit Euter“. Entwickelt von Bergbauern in der dünnen Alpenluft. Der Integrationskurs des blauäugigen Strahlemannes für die eingebürgerten Neu-Schweizer, „Brüssel hat den Beitritt eben entschieden“, umfasste mehrere Schritte.
Dem Sprachkurs folgten eine „Humorintegration“ mit köstlich gespielten Bilderrätseln, ein Sportkurs im „neutralen Schwingen“ unter Publikumsbeteiligung und die gemeinsam gesungene Hymne. In seiner humorvoll pointierten Beschränkung auf kulturelle Unterschiede und sprachliche Untiefen klingt bei dem sympathischen Mittvierziger der alles über- und umragende Emil Steinberger wie das Echo über einem  tiefen Schweizer Bergsee an. Ein echtes Rundum-Vergnügen.
Danach war es für das österreichische Duo Christoph & Lollo nicht ganz einfach, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Die Wiener Musikkabarettisten eierten mit spitzfindigem Geplauder, politischen Songs, spontanem Witz und seichtem Quark durch ihr Programm. Lücken zwischen ihren Liedermacher-Songs, die sie wahlweise als „schlechtestes“ oder „bestes Lied“ ankündigten, füllten sie mit improvisierter Plauderei.
In boshaften Kommentaren bekam die eigene Regierung und Politkaste ihr Fett weg. „Wir (Österreicher) haben für Sie die Grenze dicht gemacht“, stichelten sie boshaft zur Entwicklung der deutsch-österreichischen Flüchtlingspolitik. „Wir sind die letzten Ausländer, die hereingelassen worden sind“. In einem schrägen „Rock’n’Roll“ jammerten sie über die Tristesse tingelnder Rockmusiker.
Eine Runde später präsentierte sich Sänger Christoph trotz scheinbarer Unbeholfenheit und Gehemmtheit als die „bessere Hälfte“ zu Hause. „Ich koche selber“ ist ein köstlicher, auf den Kopf gestellter Rundumschlag gegen das perfektionistische Dasein als Lifestyle-(Haus-)Frau. Im lässig-bösen „Wenn wir Polizisten wären“ kommen all die Ausflüchte und menschlichen Bequemlichkeiten zum Ausdruck, mit denen man sich die Arbeit möglichst einfach und stressfrei gestalten möchte.
Zwischen Wader und Qualtinger
In einer eigenwilligen Mischung aus loser Direktheit, der Bösartigkeit des Qualtingerschen Humors und der staubtrockenen Politernsthaftigkeit eines Hannes Wader hat sich das Duo eine kreative Nische geschaffen. Da wird schon mal mit groben Politparolen um sich geschmissen und kräftig ironisch überzeichnet. Aber erst im Runterschlucken des sanft vor sich hinschwappenden Geklampfes werden die groben Spitzen und Pointen richtig erfasst. Die sind meist gut zwischen romantischen Melodien und Lagerfeuerharmonien versteckt.
Dann gehen die zwei aber auch wieder aus der Deckung und poltern über verbreitete Fantasien einer „gemäßigten Diktatur“ oder die „Möglichkeiten der Lebensführung“ zwischen „Fenchelrohkost und Bierdurchfall“. Ein prachtvolles Gipfeltreffen zum Auftakt des Kleinkunstfestivals United Comedy 2016 – weiter so!

 

 

 

Kleinkunstfestival:
Newcomer Bobbe neben der Kinseher

Das Internationale T&T-Kleinkunstfestival United Comedy kürt am 19. März einen Preisträger. Vorher geht es Schlag auf Schlag.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Der Weg zum Ruhm“, könnte man die strapazierte Metapher von der steinigen Mühsal abwandeln, „ist mit Preisen gepflastert“. Im Bereich kabarettistischer Kleinkunst gibt es besonders viele davon. Gut 100 Siegerkränze suchen in Deutschland Jahr für Jahr preiswürdige Häupter. Aus diesem Feld hat sich der Regensburger Thurn und Taxis Kabarettpreis neben den bekannten Platzhirschen Deutscher Kleinkunstpreis, Passauer Scharfrichterbeil und Salzburger Stier nach vorne gekämpft und zwischenzeitlich einen gewichtigen Platz erobert.
Im Rahmen des diesjährigen Kleinkunstfestivals „United Comedy“ in der Alten Mälzerei wird der Thurn und Taxis Kabarettpreis zum elften Mal vergeben. Aus 28 Bewerbungen haben sich fünf Teilnehmer für den Wettbewerb in der großen „Nacht der Sieger“ (19. März, 20 Uhr) in der Alten Mälzerei qualifiziert. Moderiert von Jörg Schur vom Münchner Fastfood Improtheater treten zwei Oberbayern, Simon Pearce und das Duo De Laddshosen, der Standesbeamte Martin Frank aus dem niederbayerischen Hutthurm, Robert Alan aus Unterfranken und Robert „Da Bobbe“ Ehlis gegeneinander an.
Lokalmatador aus Alteglofsheim
Lokalmatador des Abends ist ohne Zweifel Da Bobbe. Er kommt aus Alteglofsheim im östlichen Landkreis Regensburg und stellt sich mit Ausschnitten aus seinem ersten eigenen Kabarettprogramm vor. „Facklfotz’n“ feierte im März 2015 Premiere.
Der Alteglofsheimer spielt auf der Steirischen Harmonika und erzählt Geschichten aus dem Leben – urig, deftig, garniert mit schauspielerischem Talent. Mit seinem volksnahen Humor begeistert er auf zahlreichen Dorffesten. Vergangenes Jahr konnte er den Ostbayerischen Kabarettpreis und den Publikumspreis des Oberpfälzer Kabarettpreises einheimsen.
Eröffnet wird das 21. Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival United Comedy 2016 mit einem kabarettistischen Gipfeltreffen. Den Doppelabend am Samstag, 20. Februar (20.30 Uhr), teilen sich der mehrfach ausgezeichnete Schweizer Kabarettist This Maag und Christoph & Lollo, „Österreichs schrägstes Komiker-Duo“. Während der Eidgenosse dem Publikum die Lebensgewohnheiten seiner Landsleute näher bringen will, gehören abgründiger Humor und Protestlieder zum Markenzeichen der Austro-Kabarettisten. Letztes Jahr wurden sie dafür mit dem renommierten „Salzburger Stier“ ausgezeichnet.
Gipfeltreffen der Slammer
Insgesamt bietet das Festival zwischen dem 20. Februar und der „Nacht der Sieger“ wieder viele spannende Neuentdeckungen und absolute Stars der internationalen Szene. Neben der Eröffnungsshow gehören ein großer Austria-Kabarettabend (26. Februar, 20 Uhr, Mälze) mit Otto Jaus, Greger Seberg, dem jungen Duo Kaufmann-Herberstein und Hannes Ringelstetter als Moderator, ein Impro-Ländermatch (27. Februar, 20 Uhr, Mälze) und ein Poetry Super Slam (4. März, 20 Uhr, Mälze) zum Programm. Mit Künstlern aus mehreren deutschsprachigen Ländern ist der edle Dichterwettstreit international besetzt. Überhaupt gehört die Poetry Slam, eine rasante Darbietung zeitgenössischer Literatur, längst zu den beliebtesten Veranstaltungen dieser Art im süddeutschen Raum. Saison-Höhepunkt ist der Poetry Super Slam mit mehreren internationalen Preisträgern.
Zu den Höhepunkten der sieben Festivalabende gehören auch Auftritte des österreichischen Kabarettpreisträgers Severin Groebner  am 5. März (20.30 Uhr, Mälze) und der Nockherberg-Bavaria Luise Kinseher. Die Münchnerin aus Geiselhöring ist Bayerische Kabarettpreisträgerin und hat auch sonst einige Auszeichnungen, eine stattliche Filmographie und mehrere Soloprogramme vorzuweisen. Damit arbeitet sie regelmäßig ihre To-do-Liste ab: Publikum unterhalten, saumäßig lustig sein, Klimawandel aufhalten, Mama anrufen, Klopapier kaufen, neuen passenden Mann finden, fürs Alter vorsorgen. Da hilft nur eins: „Ruhe bewahren!“, wie sie mit ihrem aktuellen Programm durchzuatmen versucht. Mittelbayerische Zeitung, 6.2.2016

 

 

Kosmonaut in schwarzer Ewigkeit
„Das Leben ist (k)eine Kunst“: Wladimir Kaminer doziert in Regensburg über die Zumutungen des realexistierenden Alltags.



Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. 1971 wartet ein kleiner Junge in einem Moskauer Kindergarten auf den groß angekündigten Fotografen, der die Kinder „für die Ewigkeit“ ablichten soll. Der Fotograf kommt zuerst ewig nicht, man mutmaßt schon, er sei ein Trinker, aber als er dann drei Tage später, als sich die extra herausgeputzten Kinder längst wieder schmutzig gemacht haben, doch noch auftaucht und jedes Kindergartenkind fotografiert – die Mädchen als Ballerina, die Jungs als Kosmonaut – da wird das Versprechen mit der Ewigkeit doch noch eingelöst. Denn 2015, also einen Wimpernschlag später, erinnert sich der Kosmonaut Wladimir Kaminer an die Kosmonauten-Ballerina-Prozedur von damals – jedes Kind steckte den Kopf durch eine Papierwand, die entsprechend bemalt war – und schreibt eine Glosse darüber, die unter der Überschrift „Jede Ewigkeit ist schnell vorbei“ das letzte Kapitel seines neuen Buchs „Das Leben ist (k)eine Kunst“ wird. Im ausverkauften Regensburger Antoniussaal, dessen sowjetischer Charme für eine solche Veranstaltung wie geschaffen ist, las Kaminer nun aus dem Buch – jedenfalls: wenn er nicht gerade abschweifte, und das tat er die meiste Zeit. „Das erzähl’ ich später! Ich verzettel mich!“ Neben frei erzählten Moritaten von seiner Mutter, die seit 23 Jahren bei der Volkshochschule Englisch lernt, einem kurzen Exkurs zum Thema „Es gab keinen Sex im Sozialismus“, einem kleinen Abstecher in die allzu „spontane Vegetation“, wegen der Kaminer seinen Schrebergarten abgeben musste, sowie noch zig anderen Neben- und Untergeschichten, ist das Kapitel „Jede Ewigkeit ist schnell vorbei“ dann das einzige aus dem neuen Buch, das Kaminer wirklich vorliest.
Blitzartig stürzt die Story ins Absurde
Aber diese vier Seiten haben es in sichIn Sekundenbruchteilen dreht er alles ins Absurde. Gibt es irgendwas, was der Mann vielleicht mal ernst nehmen kann? Doch, gibt es. Mitten in der aberwitzigsten Satire jubelt er einem kurz aufblitzende, wie nebenbei erwähnte ewige Wahrheiten unter, um die anderswo ein Mordsaufhebens. Man muss bei Wladimir Kaminer ja schon lachen, bevor er den ersten Satz zu Ende gelesen hat. gemacht würde.In der Ewigkeitsglosse ist das zuerst die Feststellung, dass Kinder sich für die Ewigkeit gar nicht begeistern können. Denn als Vierjähriger habe man „stets mit Ewigkeiten aller Art zu kämpfen“, die nichts als „anstrengende, lästige Angelegenheiten“ seien. Jeder Erwachsene, der noch einen Rest an Erinnerung an seine Kindheit hat, kann das nur bestätigen. „Wir rasen in einer komischen eiförmigen Rakete durch eine schwarze Ewigkeit, von einem betrunkenen Fotografen auf eine Papierwand gepinselt.“ Wladimir Kaminer Und am Ende mündet die so banal daherkommende Kindergartengeschichte auf einmal in einen Satz, der die ganze Sowjetunion geschichtsphilosophisch auf den Punkt bringt: „Unsere kommunistische Zukunft ist im Handumdrehen Vergangenheit geworden, ohne auch nur für eine Sekunde Gegenwart gewesen zu sein.“ Aber keine Angst, die Kapitalismusfans, die jetzt gerade losjubeln wollen, bekommen auch noch kurz Bescheid: „Die kapitalistische Vergangenheit wird heute als begehrtes Ziel, als bestmöglichstes Zukunftsmodell gepriesen.“ Aber was ist denn nun bitte die Gegenwart? „Und wir selbst rasen in einer komischen eiförmigen Rakete durch eine schwarze Ewigkeit, von einem betrunkenen Fotografen auf eine Papierwand gepinselt.“ Wusch! Plötzlich findet man sich in einer Shakespeare-Tragödie wieder.
Tragödien voller humoristischem Potenzial
Selbstverständlich geht es im nächsten Moment (wie bei Shakespeare) wieder satirisch und komödiantisch weiter. Die Geschichte „Die Syrer packen aus“ handelt von einem Paket, das aufgrund der Abwesenheit der Adressatin bei den neuen syrischen Nachbarn abgegeben wird – die es sofort auspacken. Sie denken, es sei eine Spende, und die Kindersachen, die in dem Paket sind, passen den Kleinen ja auch wie angegossen. Kaminer kann sich einen kurzen Kommentar zu dieser Geschichte nicht verkneifen: „Tragödien haben ein großes humoristisches Potenzial.“ Tragödien? Kaminer meint die Flüchtlingstragödie, die hierzulande flugs zur „Flüchtlingskrise“ umgelogen wird (als läge die unerträgliche Belastung auf Seiten der Europäer). Es habe keinen Sinn, angesichts einer Tragödie nur zu weinen. „Von hinten“ betrachtet, sei eine Tragödie „gar nicht tragisch“. Sondern oft saukomisch. Wohl wahr. Ein befreiendes Lachen erfüllt den Antoniussaal. Mittelbayerische Zeitung, 29.1.2016

 

Misantrophie aus Mittelfranken
Mit spontaner Publikumsbeschimpfung erntet Matthias Egersdörfer in Regensburg Applaus. So richtig böse wird er leider nie.



Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Am Anfang stehen Rotz und Schleim. Aus der Trachea oder Luftröhre – wie der gemeine Frangge sächdd – hochgezogen, gern auch hin- und hergeschoben, nie ausgespuckt. Es reicht, wenn Matthias Egersdörfer die zugehörigen Geräusche imitiert. Leicht schief steht er auf der Bühne. Dem Publikum in der Alten Mälze halb zugewandt, den leicht abschätzigen Blick von schräg links auf eine niesende Zuhörerin gerichtet. Sie kommt dem Kabarettisten aus dem mittelfränkischen Lauf an der Pegnitz gerade recht: „Hast wohl gedacht, bevor ich sterb’ will ich mich noch mal bled anredn lassen?“ Das tut Egersdörfer jedenfalls genüsslich.
Sein Publikum? „G’schwaddel!“
Er hat die Lacher auch auf seiner Seite, als er danach über einen größeren Teil seines Publikums herfällt: „Beim Simon Räddel in Berlin (…) sitz’n andere drin“, lässt er seinem Frust über den Auftritt in Regensburg freien Lauf. „Kein so’n G’schwaddel!“ Mehr oder weniger angewidert lässt er den Blick über den voll besetzten Clubraum schweifen. Sein Glück, dass die humorbegabten Oberpfälzer dem übellaunigen Misanthropen nichts krumm nehmen. Sie lachen über die grobschlächtigen Possen, die Egersdörfer auf ihre Kosten reißt ebenso vergnügt und mit lustvoller Schadenfreude, wie über seine derben Sprüche, die er über sich, seine Frau, seine „zwei bitterbösen Schwestern“ und das übrige Personal seiner aktuellen Show „Vom Ding her“ ablästert.
Etwas schmierig und schräg
Diese haut er den erwartungsvollen Zuhörern regelrecht um die Ohren. Fränggisch schräg, in breitem Dialekt, wie dereinst auch der urfränkische Humorist und Komiker Herbert Hisel, mit dem er durchaus manches gemeinsam hat. Viele seiner oft flachen Pointen zünden erst durch die exzessiv ausgelebte Mundart. Die gehört so untrennbar zur etwas schmierigen Figur des schrägen Witzbolds wie seine schlechte Laune und seine dosiert eingesetzten Wutausbrüche.Die sind gelebte Sozialisation, erklärt Egersdörfer. Er sei in einem Frauenhaushalt aufgewachsen, in dem „permanent geschrien wurde“. Von der Mutter nach unten zur Großmutter, von dieser nach oben und von den hinterhältigen Schwestern, die ganz oben im Haus gewohnt hätten, zu allen anderen. Wie er auf die familiären Verhältnisse und von dort zum Kaufhausdetektiv, in die Sauna-Badeanstalt und durch „einen psychedelischen Farbstrudel“ mit einem Zeitsprung wie einst bei den legendären „Time Bandits“ der Python-Komiker Terry Gilliam und Michael Palin in die eigene Kindheit kommt, hat fast humoristische Größe.
Schlagfertigkeit hat er drauf
Von der lebensnotwendigen morgendlichen Tasse Kaffee ausgehend, auf die ihm speiübel wird, mäandert Egersdörfer in einem ungehobelten Strudel durch die Widrigkeiten des – eigenen – Lebens. Genießerisch breitet er aus, wie er als Siebenjähriger in „brauner Strumpfhose und gelbem Hemd“ – auf der Bühne trägt er Knallrot und altmodischen Anzug – Ameisen und andere Insekten zu Tode gequält hat. Solange, bis „der kalte Wind des Imperialismus“ in Form von Kriegsspielen „durch unsere Kindheit geweht ist!“Seine Stärke ist es, spontan auf Äußerungen aus dem Publikum reagieren zu können. Als sein Mikrofon streikt und er seinen Wortschwall unterbrechen muss, damit „Dieter – einen Applaus!“ die Batterien wechseln kann, beginnen einige Zuhörer zu buhen. „Es ist schon erniedrigend“, nimmt er die gespielten Unmutsäußerungen auf, „wenn Männer bei einem zu pfeifen beginnen!“ Mitten im johlenden Gelächter tauchte er wieder im Sauna-Tauchbecken ab und zwischen üppigen Nixen im Waldsee wieder auf.
Das Programm selbst gibt insgesamt außer einigen drolligen Pointen, bedröppelter Selbstbezichtigung und einem kindischen Gebrauch von Fäkalausdrücken wenig her. Manchmal kratzt Egersdörfer mit seinem derben Humor an der Tür zum dadaistischen Blödsinn, ohne diese aber wirklich aufzustoßen. Letztlich bleibt er mit leichten Knalleffekten, unappetitlichen Geschichten und halbgarem Witz im Vorraum zur wirklich packenden Bosheit stehen. Mittelbayerische Zeitung, 24.1.2016

 

Die Realität überholt auch böseste Raps
Ziemlich laut und extrem cool, bei nahezu 40 Grad: die angesagten Rapper der „Antilopengang“ in der Regensburger Mälzerei.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Ein Löwe liegt mitten auf dem Weg zum Häuschen im Grünen. Von hinten spaziert händchenhaltend eine Multikultifamilie heran. Ein kleines Mädchen liebkost den mächtigen König der Tiere, neben dem sich ein Kaninchen kuschelt. Über allem – ein Regenbogen. Harmonie pur, garantiert nicht von Helene Fischer. Denn durch die einträchtige Bilderbuch-Idylle zieht sich in bedenklicher Frakturschrift „antilopengang“ und „aversion“. Auch ohne die aggressive Wucht des Titels müsste jedem Betrachter außerhalb eines frommen Bibelkreises sofort klar sein, dass bei der Gestaltung des aktuellen Albums der Band vom Niederrhein nur handfeste Satire am Werk gewesen sein kann.
Vor etwa einem Jahr konnte man auf vielen Kanälen, gelegentlich auch im Radio, einen Rapsong hören, der elektrisierte. „Und Günter Grass schreibt ein neues Gedicht / und Beate Zschäpe hört U2 (…) Und aus dem Jenseits lacht Jürgen Möllemann / Und der Holger Apfel fällt nicht weit Stamm / Und Max Mustermann zündet ein Flüchtlingsheim an (…)“.
Ohne Aufforderung gehen Hunderte Arme hoch
Inzwischen ist das böse Lied zur Hymne für die Antifa und die linksalternative Szene geworden. Bis in etablierte grüne Kreise hinein wird es verzückt mitgesummt, erinnert es doch manch ergraute Granden an die eigene rebellische Jugend. Beim ausverkauften Auftritt in der Alten Mälzerei hoben sich die Rapper aus Aachen und Düsseldorf ihren Szenehit selbstredend bis zum Schluss auf. Doch kaum hatten Koljah, Danger Dan, Panik Panzer und DJ Müllmann Moses Cool den Rapsong angestimmt, gingen auch ohne Aufforderung Hunderte Arme hoch und wippten locker im entspannten Groove. Gleichzeitig schmetterte ein Chor aus eben so vielen Kehlen den Refrain lautstark mit.
Wenn auch viele im enthusiastischen Publikum erst einmal bei Wikipedia nachschauen müssen, wer denn dieser „Möllemann“ gewesen ist, ist jedem klar, dass mit einem „Apfel“ namens Holger der zurückgetretene Vorsitzende der rechtsradikalen Partei NPD gemeint ist.
Ironie ist ein bevorzugtes Stilmittel
„Als wir das Lied geschrieben haben“, kündigte Panik Panzer den letzten Song an, sei es schlimm in Deutschland gewesen. „Heute, nach einem Jahr, ist es noch viel schrecklicher“, schimpft der musikalische Aktivist von der Bühne. Tatsächlich ging in den letzten Tagen eine Meldung vom Bundeskriminalamt durch die Medien, dass von über 220 Brandanschlägen auf Unterkünfte für Flüchtlinge alleine in diesem Jahr lediglich vier aufgeklärt worden sind.
In vielen ihrer oft knallharten und kritischen Texte weist die Antilopen Gang auf gesellschaftliche und politische Missstände hin. Es geht um Schule, um Images – das eigene und das der zuhörenden Kids – um Drogen, „Aschenbecher“ und die Gefühlslagen der Jungen von heute. Manchmal auch um krude Ideen, wie im „Enkeltrick“. Ironie ist ein bevorzugtes Stilmittel, das die Songpoeten gewitzt einsetzen, ohne damit ihre zugespitzten „messages“, die Aussagen zu verwässern. Dass sie einen Nerv treffen, wird deutlich, wenn viele im Publikum fast jeden Song mitsingen. Das tröstete ein wenig über die zeitweise miserable Tonqualität in der Alten Mälzerei und die aufgerissenen Lautstärkeregler hinweg, die das Konzert stellenweise arg anstrengend machten. Mittelbayerische Zeitung, 7.12.2015

 

King Rocko: Unser Mann für Stockholm
Wir wollen eine Mauer bauen, eine Mauer der Liebe: Rocko Schamoni singt in Regensburg von den wahren Dingen des Lebens.


Von Florian Sendtner
Regensburg. 1964, als die gesamte westliche Welt auf die Berliner Mauer starrte, machte Joseph Beuys den Vorschlag, die Mauer aus ästhetischen Gründen um fünf Zentimeter zu erhöhen. Mit dem deutschen Schlager ist es im Prinzip genauso: Man müsste oft nur eine Schippe drauflegen, eine Schippe Schmelz, Schmalz und Schmonzes, und schon würde die Sache erträglich, ja geradezu angenehm. Mit anderen Worten: Man braucht sich nicht zu wundern, dass das Publikum scharenweise Rocko Schamoni zuläuft und musikalische Scharlatane wie Xavier Naidoo zunehmend auf Ablehnung stoßen. Am Freitag rockte Rocko die ausverkaufte Mälzerei und hinterließ ein tiefbeglücktes Auditorium, dem er, zusammen mit seinem Bühnenpartner Tex Matthias Strzoda (Gitarre und Gesang), einen Höhepunkt nach dem anderen bescherte.
Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Niemand außer Rocko Schamoni. „Wir wollen eine Mauer bauen!“ ist das umjubelte Highlight am Ende der ersten Halbzeit seiner ausgefeilten Bühnenshow. Eher meditative Leseelemente, die Rocko allein bestreitet, wechseln sich mit fetzigen Rockblöcken ab, zu denen Herr Strzoda die Bühne erklimmt.
Und schließlich, als Knaller vor der Pause: der „Mauer“-Hit, mit dem Rocko Schamoni seit zehn Jahren Furore macht. Sie hat ein notorisch schlechtes Image, die Mauer, dabei ist das ganz falsch, denn: „Die meisten Menschen haben Probleme, die Gründe dafür sind immer gleich, sie leiden unter zuviel Nähe, und irgendwann bricht dann der Deich.“ Doch die Lösung liegt auf der Hand: „Wir wollen eine Mauer bauen, wir brauchen eine Mauer im Kopf“, beschwört Rocko Schamoni im Duett mit Tex Matthias Strzoda eindringlich das Publikum, zu der unwiderstehlichen Melodie, die man aus dem Werbespot „Hoffentlich Allianz versichert“ kennt.
Die Mälzerei ist kurz vor der Raserei. Die Mauer, das ist allen Zuhörern augenblicklich klar, ist sowohl individualpsychologisch als auch politisch die Lösung aller Probleme. Man hat sofort die Losung von Chlodwig Poth vor Augen, die das Impressum der Titanic ziert: „Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag.“ Mut zur Mauer! Und das nächste Mal bitte fünf Zentimeter höher!
Zwischendurch referiert Rocko Schamoni über Sinn und Zweck von Brückenschlössern, das richtige Einsenden brillanter Manuskripte an renommierte Verlage und die verschiedenen Arten der Dummheit. Dumm ist ja nicht gleich dumm. Männer sind z.B. eher sprachdumm, Frauen meist mehr raumdumm. Wenn also eine Frau, die sich in einem Raum nicht auskennt, einen Mann um Auskunft bittet, so ergibt sich „die klassische lose-lose-Situation“. Und zwischendurch werden Songs gecovert, z.B. von den Lassie Singers, bei denen Rocko Schamoni ja auch mit von der Partie war: „Ist das wieder so ’ne Phase“. Und, pünktlich zum zehnten Amtsjubiläum, der Hammerblues „Angela, was hat die Macht aus dir gemacht?“, mit eingespieltem Streichorchester, Pauken und Trompeten.
Der Abend steuert dem Finale entgegen: „Ein richtiges Leben – ich kann es nicht finden in einer falschen Welt!“ Adorno, mit dem ganzen Eigentlichkeitspathos des Schlagers hinausgesungen in die Welt – das ist mehr als eine Schippe obendraufgelegt. Die Mauer steht, sie wankt nicht, und die Proportionen nähern sich dem goldenen Schnitt.
Nach der dritten Zugabe wird im Publikum mit leuchtenden Handys gewinkt, gewankt, gewunken. Wie wohl ein Leben aussehen müsste, das jederzeit vom letzten Schlager sich leiten ließe, fragt sich Herr Keuner bei Brecht. Rocko Schamoni kommt der Antwort verdammt nahe, zumindest was den letzten Schlager angeht. Wenn Deutschland noch einen Rest an Verstand hat, dann schickt es Rocko Schamoni zum Grand Prix, und nicht diesen Nichtskönner und Totalversager von Naidoo. Adorno, soviel steht fest, würde für Schamoni stimmen. Diese Frage aber, und das wird jetzt mit erschreckender Deutlichkeit klar, hat man sich bei der Grand-Prix-Vorauswahl noch nie gestellt: Für wen würde Adorno stimmen? Mittelbayerische Zeitung, 23.11.2015

 

 

Konzert des Jahres 2015
Nach LA BRASS BANDA im letzten Jahr bieten wir für 2015 zur Auswahl: Schmidbauer & Kälberer,  Willy Michl, Senore Matze Rossi, Monobo Son, Rootz Radicals, Ten Years After, Boppin' B, Simeon Soul Charger, Egotronic, Dicht & Ergreifend, Dub Spencer & Trance Gill, Kinky Friedman, Keller Steff, American Songbirds, Mitch Ryder, Attwenger, Jamaram, Francoise Castello, Heimspiel-Festival, Poison Idea, Naked Lunch, Big John Bates, Grand Slam, Subhumans, Hendrik Röver Y Los Miticos, G. Rag Y Los Hermanos Patchekos, Tram des Balkans, Ohrbooten, Fanfara Kalashnikov, Takano Ukichi To Chichibu-Shachu, Eläkeläiset, Die Orsons, Sternschnuppe(r)nnacht, Joris, The Hirsch Effekt,  Akua Naru, Ganes, Digger Barnes, Young Chinese Dogs, Fiva, Demograffics, Strayin' Sparrows, Egersdörfer & Fast Zu Fürth, Rock'n'Roses, Steaming Satellites, Randy Hansen, Bernadette La Hengst, Vait, King Rocko Schamoni, Ecco Di Lorenzo, Ringsgwandl, Antilopen Gang ... und viele andere. Unter den Meldungen KONZERT DES JAHRES 2015 per email info@alte-maelzerei.de verlosen wir wieder Freikarten, CDs, etc.

Konzerte des Jahres 1996 bis 2014:
Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King’s X (2000), Maceo Parker (2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor The Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), Thew Notwist (2013), La Brass Banda (2014)

 

 

Ein Sog aus Emotion und Bewegung
Mit der wieder ausverkauften Solotanznacht vor einem begeisterten Publikum gingen die Regensburger Tanztage 2015 zu Ende.


Von Gabriele Pinkert, MZ
Regensburg. In Regensburg gibt es mittlerweile eine große tanzbegeisterte Szene, und die Regensburger Tanztage haben zu dieser Entwicklung einen großen Teil beigetragen. Bester Beweis sind stets die Wartenden, die trotz ausverkaufter Vorstellung bis zuletzt hartnäckig hoffen. So auch am vergangenen Samstag, als die Solotanznacht die diesjährigen Tanztage im Uni-Theater beschloss.
Von Beginn an wurde das Publikum in einen Strudel von Faszination und Emotion gesaugt: Ein berauschender Mix aus Bewegung, Geräuschkulissen und Geschichten, ein Abend, der gewaltige Bilder hinterließ. Da war Veronika Akopova, die sich schon zu Beginn aus ihrem Strickkostüm fädelte, das der Darstellung aufeinanderfolgender Bewegungsabläufe sich bewegender Körper diente.
Ein komischer Dialog mit Gott
In der Choreografie von Beatrice Panero packte Pasquale Lombardi das begeisterte Publikum mit animalischen Kräften: ausladende, formschön vereinnahmende Bewegungen wechselten sich mit ruckartig zuckender Körpersprache zu zerstörerischen Beats ab und verbildlichten den Jäger, der zum Gejagten wird, den Herrscher, der beherrscht wird.
Die Israelin Tamar Grosz stellte in ihrer Tanzkomödie klar, dass sie keinesfalls auf Begriffe wie Jüdin, Veganerin, Frau oder Lesbe reduziert werden möchte; stark und selbstbewusst trotzte sie in einem Zwiegespräch Gott, der ihr zunächst aus innerer Beklemmnis, aus Zweifeln und Ängsten über sich und die Welt zu helfen versprach – und sie dann doch als hoffnungslosen Fall mit sich alleine ließ.
So manchem stockte der Atem bei der Choreografie „Note for him“. Mit unfassbarer Beweglichkeit und betörender Präsenz beherrschte Simona Machovicová einen Koffer, der für kurze Sequenzen im übertragenen Sinne die kleinen Geheimnisse von Frauen preisgab. Wenn es eine Verschmelzung von Spinnenfrau, Superwoman und clownesker Feengestalt gibt – dann konnte sie an diesem Abend in einer herausragenden slowakischen Tänzerin entdeckt werden.
Erinnerungen an die erste Liebe
Auf ganz andere Weise fesselte Jon Ole Olstad das Publikum: Mit seinen improvisierten Bewegungsabläufen zu Pianomusik gab er tiefe Emotionen preis und nahm das Publikum in die Erinnerungswelt seiner ersten großen Liebe mit. Einer einleitenden Fragerunde an die Zuschauer folgte seine eigene Antwort: Seine Sprache – ganz natürlich und rein – zog wohl jeden in den Bann und schaffte es, eigene Erinnerungen aufleben zu lassen, mindestens aber Erinnerung an die Erinnerung – und damit bedingungsloses Verständnis zu entfachen.
Veranstalter Hans Krottenthaler freut sich über die wachsende Nachfrage bei den Tanzabenden, sieht aber auch Verbesserungsbedarf: „So schön es ist, eine solche Begeisterung zu erfahren, so schade ist es, doch viele Kartenwünsche absagen zu müssen, weil der Platz begrenzt ist“. Ein gutes Zeichen für den Tanz. Und ein Appell an die Stadt und ihre Veranstalter, mehr daraus zu machen. Mittelbayerische Zeitung, 23.11.2015

 

 

 

Ein weltüberwuchernder Rausch
Die 605 Collectice Dance Company aus Vancouver verdrehte dem Publikum bei den Regensburger Tanztagen völlig den Kopf.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Tempo, Dynamik, Stopp und (E)Motion. Die kanadische 605 Collective Dance Company hat bei den Regensburger Tanztagen im Uni-Theater einer Menge Menschen den Kopf verdreht. Entweder war den Besuchern schwindelig von der enormen Beschleunigung, der sie über eine Stunde ausgesetzt waren. Einige waren von den tiefen Frequenzen und unerbittlich pochenden elektronischen Klängen körperlich durchgerüttelt worden. Und viele wussten erst einmal nicht wohin mit ihrer Faszination, den wirbelnden Bildern und wilden Emotionen.
Die sechsköpfige Truppe aus Vancouver, der ganz im Südwesten des riesigen Landes liegenden Multikulti-Stadt, gehört ohne Zweifel zu den Glanzlichtern der diesjährigen, bereits 18. Ausgabe des internationalen Tanzfestivals. In vier Abschnitten blätterte die Gruppe ihr innovatives „Inheritor Album“ auf. Beklemmende Raum- und Machtsituationen wurden sichtbar. Animalische Bewegungsmuster und wilde Emotionen brachen hervor. Rätselhafte Schwächeanfälle, kollektive motorische Rituale und rasend schnelle Abläufe.
Dieser jede Sekunde neu entstehende Tanz aus unerbittlichem Wettbewerb, nicht-intellektuellem körperlichen Begreifen und unbedingtem Vertrauen riss so gut wie jeden Beobachter fort. Neben Formen und Abläufen, die an eine musikalische Struktur gekoppelt sind, folgte er einer inneren Choreografie, die bis ins vormenschliche Erdzeitalter zurückzugehen schien. Es war ein faszinierendes und erschütterndes Erlebnis, das durch moderne Licht- und Videotechnik und zeitgemäße Musik zwischen Geräusch und Klang keineswegs auf den Kopf gestellt wurde. Im Gegenteil: Grell bohrende Klänge und durchdringend schwere Rhythmen trugen mit animierten Video- und Lichtprojektionen zum berauschenden Eindruck bei.
Moderne und klassische Elemente
Von Anfang an zeigten die drei Tänzerinnen und Tänzer deutlich woher sie kommen und wo sie sich zugehörig fühlen. Ihr Auftritt in T-Shirts und Alltagsklamotten verweist auf eine junge kreative Szene, die Straßenkünste wie Breakdance und Hip-Hop gleichermaßen in ihr künstlerisches Konzept verwebt wie modernes Tanztheater und klassische Elemente. Choreografien und eine eigene Tanzsprache werden gemeinsam im Kollektiv entwickelt. Darin spielt auch die Improvisation eine wichtige Rolle. Erkennbar wird das am ständigen Augenkontakt und blitzschnellen Reaktionen auf die Sprünge, Sprints, Bewegungen und urplötzliche Stopps der jeweils anderen. Manchmal schienen die Tänzer regelrecht zu fliegen, wurden mitten im Sprung von den anderen aufgefangen. In einem anderen Abschnitt des Albums verbanden sie sich zu Gliederfüßlern, während ein unterirdisches Grollen körperlich fassbare Erdbewegungen suggerierte.
Querverbindungen zur Comic-Art, zur SF-Animation und zu östlichen Meditationstechniken ließen diesen Tanzabend zu einer Art Weltüberwucherung werden. Ordnung stellt sich zufällig – manchmal – ein, emotionales Mit- und Durcheinander und körperhaftes Erleben sind die eigentliche Essenz des Lebens. Hinreißend: Das Kollektiv mit Laura Avery, Justine Chambers, Lisa Gelley, Shay Kuebler, Josh Martin, David Raymond (Tanzende), Miwa Matreyek (Video-Animation) und Jason Dubois (Lichtdesign).
Die Regensburger Tanztage enden am Wochenende mit der Solotanznacht internationaler Preisträger am 20. und 21. November, jeweils 20 Uhr, im Theater an der Universität. Mittelbayerische Zeitung, 20.11.2015

 

Verspielte Lolitas und ekstatische Paare
Talente aus München, Linz und Regensburg tippten in der Alten Mälzerei große Themen an: ausdrucksstark und mit jeder Faser.

Von Gabriele Pinkert, MZ
Regensburg. Eine eigene Sparte im Rahmen der Regensburger Tanztage ist speziell den Nachwuchskünstlern gewidmet. In der Rubrik „Junger Tanz“ lag am vergangenen Sonntagabend der Schwerpunkt auf drei Orten und vier Schulen: Mit dabei im Theatersaal der Alten Mälzerei, wo die „Publikumslieblinge“ das Programm bestritten, waren diesmal Tänzer der Iwanson Schule aus München, vom IDA-Institute der Anton Bruckner Universität Linz sowie von den Regensburger Tanzakademien von Helene Krippner und Bonivento Dazzi.
Vor den Worten Rainer-Maria Rilkes „Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag, den reinen Raum vor uns, in den die Blumen unendlich aufgehn. Immer ist es Welt und niemals Nirgends ohne Nicht...“ bewegte sich Amalia Darie zu volkstümlich anmutenden Klängen wie ein Pflänzchen, das sich nach dem Licht reckt. Irgendwann tauchte ein Mann auf, der in einer Parallelwelt zu leben schien.
Zwischen Nähe und Distanz
Die Choreographie stieß philosophische Gedanken an: Wie eine Pflanze, die blühen und sich entwickeln will – so ist es mit der Begegnung zwischen Menschen: die Verbindungen sind da, aber jeder durchlebt stets auch eigene Phasen, weshalb der andere unerkannt bleibt. Darin kann man die Unvollkommenheit genauso wie Schutz vor Übergriffigkeit, vor Vereinnahmung und Verlust der eigenen Persönlichkeit sehen. Es bleibt die Frage: Ist es wert zu leben, wenn man nichts riskiert und deshalb nichts zu verlieren hat?
Mit Jens Trachsel und Francesca Merolla kam dann reinste, fast kindlich anmutende und absolut überzeugende Tanzfreude auf die Bühne, die durchweg begeisterte: Mit ihrem Spiel um einen – teilweise imaginären – Ball stellten sie klar, dass es immer verschiedene Sichtweisen auf die unterschiedlichen Dinge im Leben gibt und jeder individuelle Ansprüche darauf geltend macht.
In „C’est la vie“ ließ Martina Feiertag lauter verspielte Lolitas wie Puppen tanzen und gewährte einen köstlich humorvollen Blick in die Herzenswelt frisch verliebter junger Mädchen. Sie können genauso aufgedreht durch die Gegend quietschen wie unsicher am kurzen Rocksaum nesteln. Sie versuchen sich ladylike auf dem großen Parkett und zerren anschließend im Überschwang der Gefühle aus der schicken Handtasche wie aus einer Brotbox alles erdenklich Essbare, um es in sich hineinzustopfen und endlich völlig erschöpft zu Boden zu sinken.
Ekstase in pixelhaften Sequenzen
Franziska Hillerbrand tastete in ihrem Stück „Moving Unsouth“ den uns zur Verfügung stehenden Raum ab, um zu fragen ob es wirklich die tatsächlich messbare Strecke sein muss, die echte Bewegung ermöglicht.
Leidenschaftlich getanzte Leidenschaft lieferte das Stück „The Purge“ von der Iwanson Schule München: Mit Sprachfetzen und Taschenlampen beleuchtete die Choreografie von Bui Rouch in pixelhaften Ausschnitten Sequenzen ekstatischer Partnerschaft. Und während Enyer Ruiz und Jerca Roznik einen Erklärungsversuch zum Thema Anziehung zwischen zwei Menschen ablieferten, elektrisierten Martina Feiertag und Alessio Burani „Mit jeder Faser“ (so der Titel des Stücks) im wahrsten Sinne des Wortes das Publikum und lieferten aufregende Bilder mit ihren spannungsgeladenen Körpern.
Insgesamt gestattete der gelungene Abend erfrischende Einblicke in den aktuellen jungen Tanz und gab neue Denkanstöße zu großen Themen – in einer Bandbreite und mit so viel Ausdrucksstärke präsentiert, wie man sie gern häufiger auf der Bühne sehen würde. Mittelbayerische Zeitung, 17.11.2015

 

Tanztage starten mit Standing Ovations
Die Deutschlandpremiere der Choreografie „Numb“ von Thea Sosani wird im Regensburger Uni-Theater stürmisch gefeiert.

Von Michael Scheiner
Regensburg.„Es war bombastisch! Vielen Dank.“ Garniert mit einem kleinen Herz hat der erste Facebook-Eintrag bei Thea Sosani die Stimmung des Publikums nach der Deutschlandpremiere von „Numb – Erstarrt“ auf den Punkt gebracht. Es dauerte stockend lange Sekunden, bis die gefangenen Zuschauer im Theater der Universität Luft geholt hatten. Dann brachen sich stürmischer Applaus und Beifallsrufe aber richtiggehend Bahn, begeisterte Jubler sprangen aus ihren Sitzen.
Knapp eineinhalb Stunden dauert das Tanzstück, mit dem die neu formierte Gruppe der georgische Choreografin Thea Sosani vor wenigen Wochen Weltpremiere in Tiflis hatte. Es ist das erste abendfüllende Bühnenwerk Sosanis. Mit einer Videoprojektion verloren wehender Gardinenstores und dreier Mädchen, die unter diffusen schwierigen Bedingungen leben, skizziert sie die Ausgangsbasis. Den durch Lichtkegel markierten Kreisen der isolierten, nunmehr erwachsenen jungen Frauen nähert sich ein junger Mann im Michael-Jackson-Stil. Untermalt und angetrieben von mal heftig groovender moderner Musik, mal geistlichen Chorgesängen beginnt ein heftiges Werben.
Wie Motten umschwirren und umgarnen die Frauen aufgeregt den schicken Adonis (Pasha Darouiche), spannen ihn sich gegenseitig aus, plustern sich auf, werfen sich leidenschaftlich ins Rennen. Bei diesem intensiven Buhlen und tänzerisch ungeheuer emotional, mit viel Witz und mimischer Expression gezeichneten Liebesleben treffen herkömmliche Rollenbilder auf feminines Selbstbewusstsein, schwache auf starke Charaktere, Hysterie auf Dominanz. Auf einmal ist es vorbei. Alles nur eine Illusion? Zerbröselt unter alten Mustern und Konflikten? Bevor sich Depression breit macht, zerrt eine der Frauen – vermutlich Schwestern – zwei Männer aus den Vorhanggängen und wirft sie den anderen vor die Füße. Ein noch intensiveres Spiel um Glück und Leidenschaften beginnt, durchsetzt mit slapstickartigen Bildern, groteskem Gehabe und tänzerisch wie schauspielerisch formulierter Gier nach Lust und Liebe. Auch wenn am Ende wieder Gardinen im Wind wehen: Es bleibt in einem letztlich undurchschaubaren Beziehungsgeflecht offen.
Spannungsreiches Zusammenspiel
Sosani sind Bilder von enormer Eindringlichkeit gelungen. Dem steht die gänzlich unabstrakte, kraftvolle Choreografie, die sie in jederzeit nachvollziehbaren, fesselnden Bewegungen erzählt, in nichts nach. Das Ensemble agiert wie aus einem Guss und geht jede Sekunde voll im spannungsreichen Zusammenspiel auf. Selbst wenn man einige Längen konstatiert – tänzerische Regungen und Ausformulierungen des fünfköpfigen Ensembles machen alles wett.
Den Anfang beim Eröffnungsabend der Regensburger Tanztage machte „Henro Boke – Das Erreichen eines eigentümlichen Gemütszustands“ von und mit Ute Steinberger, dem Leiter der Passauer Tanztage Andy Schlögl und Volker Michl. Inhaltlich orientiert sich die Gemeinschaftsproduktion an Gerald Knolls Reisebericht „Pilgern auf Japanisch“. Unter einer Wäscheleine mit japanischen Schriftzeichen schlüpfen die Tanzenden in (Pilger-)Schuhe, die nicht recht passen wollen. Dieser tänzerische Eindruck prägt am Ende auch die Choreografie als Ganzes. Die verheddert sich trotz interessanter Einfälle und schöner Sololeistungen in tänzerischem Gefälle, Momenten gefährdender Unsicherheit und undurchsichtiger Ideen.
Was völlig fehlte: Ein Begrüßung durch Veranstalter oder einen prominenten Vertreter der Stadt. Das wirkt – ganz anders als die Tanzdarbietungen – etwas stoffelig und unprofessionell. Mittelbayerische Zeitung, 9.11.2015

 

 

Regensburger Tanztage auf dem Höhenflug

FESTIVAL Die Reihe ist regelmäßig ausverkauft. Am 6. November startet Ausgabe 18 - mit vollem Haus. Hans Krottenthaler hat schon mal Nachsachlag organisiert.

Von Marianne Sperb (MZ)
Regensburg. Regensburg ist tanzverliebt. Hans Krottenthaler, Initiator und Organisator der Regensburger Tanztage, merkt das immer im Herbst: Die Tickets für Vorstellungen sind ruckzuck weg. 2014 waren alle acht Termine ausgebucht, selbst á la longue gesehen ist die Quote ähnlich hoch. Am 6. November startet die 18. Auflage mit – genau: einem ausverkauften Abend.
Zwei Teams bestreiten mit außergewöhnlichen Premieren die Eröffnung. Das Trio Ute Steinberger (Regensburg), Volker Michl (München) und Andy Schlögl (Passau) tauchen in „Henro Boke, oder: Das Erreichen eines eigentümlichen Gemütszustands“ in fremde Sitten und Rituale ein. Das Sosani Tanztheater aus Georgien, seit 2009 in Regensburg daheim, umkreist in „Numb – Erstarrt“ die großen Fragen zu Liebe und Leidenschaft an Hand von drei Frauenfiguren. Der Abend markiert eines der Ziele der Reihe: der regionalen Szene eine Plattform zu schenken. „Da sind wir gerne Komplizen und gehen mit Premieren oder Uraufführungen ins Risiko“, sagt Krottenthaler. Er hat schon Nachschlag organisiert: einen Zusatztermin am 8. November.

Neuer, urbaner Tanzstil
Einen zweiten Blick richtet das Tanztage-Team auf den großen Horizont, auf hochklassige nationale oder internationale Produktionen, die den Maßstab setzen und auch die überregionale Resonanz von Publikum und Kritik garantieren. 2015 ist die Aids-Tanzgala ein Zugpferd aus dieser Klasse, unter Leitung von Yuki Mori vom Theater Regensburg und mit Stars etwa aus Italien und der Schweiz. An der Gala lässt sich auch ganz gut der Wandel im Tanz ablesen: Bei der ersten Gala waren noch neun von zehn Choreografien auf Spitze getanzt. Glanzlichter aus der Schublade „international“ setzt außerdem die Solotanznacht der Preisträger, die aus Norwegen, Israel, Russland, Italien und der Slowakei kommen. Der Abend gibt einen Überblick über aktuelle Trends im Tanz und ist „tänzerisch ein Hochgenuss“, so Krottenthaler. Einen eigenen Abend bestreitet die 605 Collective Dance Company aus Kanada mit „Inheritor Album“. Das Ensemble vertritt eine neue Generation, erarbeitet seine Stücke im Kollektiv und greift auf, was sich an neuen, urbanen Tanzstilen entwickelt.
Die Tanztage arbeiten mit einer Reihe Regensburger Einrichtungen. Yuki Moris neuer Tanzkrimi „The House“ vom Theater Regensburg reiht sich in die Tanztage ein. Unter dem Titel „Junger Tanz – Publikumslieblinge“ präsentieren sich Talente etwa aus den Tanzakademien Helene Krippner oder Bonivento-Dazzi. Und in Kooperation mit der Filmgalerie sind 2015 „choreographic captures“ zu sehen, ein neues Format, das Video, Choreografie, Film und Kunst mixt. Die filmischen Miniaturen in Werbeclip-Länge dauern maximal 60 Sekunden. 40 prämierte Kurzstreifen sind in ein Abendpaket geschnürt; im bildstarken Schnelldurchlauf geht’s um politische Themen und Gefühlswelten.

Körperskulpturen in der Altstadt
Erstmals machen die Tanztage einen Ausfallschritt in die Sommersaison hinein: Cie. Willi Dorner aus Österreich besetzen Orte, Plätze, Nischen in der Altstadt, biegen sich zu Körperskulpturen und pflanzen uns neue Bilder von der Welterbestadt in die Köpfe. Das rund um den Globus gefeierte Projekt „Bodies in Urban Spaces“ wurde in Paris, Linz oder auch schon in New York verwirklicht und ist nicht etwa eine Art Tanz-Flashmob: Der Parcours ist vorab festgelegt und sorgsam choreografiert. Witterungsbedingt kommt Willi Dorner erst Ende Juli – und beschert uns unlöschbare Blicke auf die eigene Stadt. Mittelbayerische Zeitung, 24.10.2015

 

Max Goldt: Im Grandhotel der Sprache
Alles eine Frage des Stils: Der Wort-Dandy sucht in Regensburg Schönheit und Wahrheit abseits des großen Flusses.


Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Max Goldt war schon immer eine Diva. Als er vor fünf Jahren in der Mälze signierte, verweigerte er sich leicht indigniert der Bitte, auf der Vorderseite des Booklets seiner neuen CD zu unterschreiben. Der Grafiker habe sich schließlich nicht die ganze Mühe gemacht, damit er nun mit dem dicken schwarzen Edding drübermale. Der Autor blätterte ein Weilchen nach einer in seinen Augen geeigneteren Stelle. Dort erst platzierte er langsam und sorgfältig seine weiten Schnörkel.
Max Goldts über die Jahrzehnte gepflegtes und verfeinertes Stilempfinden verbietet auch das übliche Lesungsfoto, auf dem der Autor sein neues Buch in die Kamera hält. Darum gebeten, schüttelt der 56-Jährige kaum merklich den Kopf. „Nein“, sagt er und lächelt fein und überlegen. Das ist ihm dann doch zu billig. Ohne Buch aber gerne. Goldt ist ein Snob. Er darf das.
Lesungen des Berliners sind Messen des guten Geschmacks, Inseln des klugen, vornehmen Denkens inmitten einer – nicht nur sprachlich – immer verrohteren Welt. Der Witz des langjährigen „Titanic“-Kolumnisten beruht häufig – Eckhard Henscheid nicht unähnlich – auf der enormen Fallhöhe zwischen altmodisch verschraubter, gehobener Sprache und Banalität oder Derbheit des Gegenstands. Seine Sprache ist wie ein elegantes Grandhotel, sein weicher Bariton der weiche, hochflorige Teppich im Foyer, der alles Laute dämpft und in dem man fast versinkt.
Der Spießer schnappt nach Luft
Genießerisch zitiert Goldt die rohen Gesellen und Grobiane, die ihm mehr bellend als sprechend in Bahnabteilen und Supermärkten unterkommen, äfft schnippisch Girlies nach, deren Wortschatz aus kaum mehr als „super“ besteht, wickelt Satzgirlanden um den deutschen Spießer, bis der nach Luft schnappt.
Großes Gelächter ruft in der – überraschenderweise nicht vollständig ausverkauften – Mälze sein Text „Ein Querulant hört was knarren“ hervor, in dem er sich über freizeitgeplagte ältere Herren auslässt, die früher Leserbriefe mit „querulatorischen Interpunktionsexzessen“ verfassten und nun vorzugsweise als Klimabezweifler das Internet zumüllen und die Medien als Lügenpresse beschimpfen. Dabei, so Goldt, sei das Problem der heutigen Medien keineswegs, dass sie lügen, sondern dass sie geschwätzig seien und viel zu viel digitalen Speicherraum zur Verfügung haben.
Ein Kommentar zu Pegida, wie bereits vermutet wurde, ist der Text über das „vagabundierende Oppositionsbedürfnis“ nicht. Goldt hat ihn bereits 2008 verfasst. Er ist eben wirklich, bei aller Komik, ein sehr genauer Beobachter des gesellschaftlichen Alltags – und deshalb vielleicht auch ihr Seismograf.
Ein undogmatischer Oberlehrer
„Räusper“ heißt das nagelneue Buch von Max Goldt, in dem er als Doppelseiten in der Titanic erschienene Comics von Katz & Goldt in Dramolette umgewandelt hat. Darin finden sich wieder schön absurde Gespräche, die eigentlich erst in Goldts Lesung ihre volle Pracht entfalten. Da wird nachts um zwei auf dem Waldkäuzchensteig über Genderfragen diskutiert und ein „lockerer Typ“ pirscht sich in einer „anti-heteronormativen Gaststätte“ an ein Ehepaar heran.
„Keine Lesung ohne Sprachkritik“, sagt Goldt, obwohl er selbst lieber von „Spracherörterung“ spricht. Dumme Angewohnheiten lässt er uns nicht durchgehen. Es gebe Menschen, die einen Kausalzusammenhang gar nicht mehr anders gestalten können als mit der Floskel „von daher“ und es schaffen, sie in nur zwei Minuten fünf Mal zu verwenden, mahnt Goldt. Gleich prüft der schuldbewusste Deutschsprecher still das eigene Vokabular.
Zu lernen gibt es bei Goldt immer allerhand. Zum Beispiel, dass ein Vize immer ein Stellvertreter und ein „Vize-Weltmeister“ deshalb blanker Unsinn ist. Denn seit wann ist der Gescheiterte der Stellvertreter des Siegers? Und altmodisch kann nur etwas sein, das auch wirklich einmal in Mode gewesen ist. Eierstichbrühe zum Beispiel.
Goldt ist Moralist und nicht nur vom Habitus her ein Oberlehrer, ein undogmatischer allerdings. Welche Richtung seine mäandernden Texte einschlagen, ist nie vorhersehbar. Gewiss ist nur: Goldt macht sich mit nichts und niemandem gemein. In das allseitige Gewitzel über die „Schakelines“ aus dem Osten stimmt er nicht ein. „Es grenzt ans Piepegale, wie jemand sein Kind nennt.“ Und der Kaltduscher Goldt wundert sich, warum ein Volk von Warmduschern ausgerechnet diese Vokabel als Beschimpfung verwendet. Der Mainstream plätschert eben häufig in die falsche Richtung.
Mit Goldt lässt man sich in die Nebenflüsse und Umleitungen locken. Und kehrt mit Schätzen zurück: mit „Lebenszähigkeit“, der „grammatischen Todestranssexualität“ und der schönsten aller Aufwachfragen: „Habe ich interessant geträumt oder interessant gelebt?“. Diva kommt eben doch von „göttlich“. Mittelbayerische Zeitung, 30.10.2015

 

Einsamer Held mit rotem Luftballon
„Herz über Kopf“ und mit offenen Armen wird Senkrechtstarter Joris im Regensburger Antoniushaus von seinen Fans empfangen.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Mit dem Liebes- und Kummerlied „Herz über Kopf“ hat Joris Buchholz, der sich auf der Bühne Joris nennt, einen Hit gelandet. Aus dem Stand marrschierte er im Frühjahr mit dem Album „Hoffnungslos hoffnungsvoll“ und der Singleauskoppelung in die Charts deutschsprachiger Länder. Sein Konzert in Regensburg musste also wegen der großen Nachfrage von der Mälze ins Antoniushaus verlegt werden. Dort startete der smarte Popmusiker mit „Schnee“ – ein leiser nachdenklicher Song, der mit poetischen Bildern die Widersprüche und wechselhaften Stimmungen auf dem Weg ins Erwachsensein offenlegt. Dass er darin vom Ich zum Du springt und imaginierte „Schneeglocken anlegt“ – geschenkt. Sein leicht angerauter, eindringlicher Gesang entschädigt für manche textliche Unebenheit.
Immerhin ist der Multiinstrumentalist, er spielt neben Gitarre auch Klavier und Schlagzeug, erst 25 und muss noch seine Bachelorarbeit für die Popakademie Mannheim abliefern. Dort hat der Musiker auch alle Mitglieder seiner Band kennengelernt, die er beim Konzert kurz mit Vornamen vorstellt. Auf Facebook und der Homepage werden die vier Jungs dagegen ignoriert. Dabei liefern sie den mal flächig-flockigen Indie-Popsound mit der gleichen Leidenschaft, wie sie es bei „Hollywood“ in soulig-ekstatischen Solobeiträgen krachen lassen.
Im Unterschied zu Alexander Lys, der als Support seine anschaulich gehaltenen Songs – „1 Million Dollar Kampf“, „schrei so lauf du kannst“ – über eine Loop-Station mit elektronischen Grooves und Patterns begleitete, präsentiert sich Joris altmodisch. Viele Autoren faseln verzückt von „handgemachter, ehrlicher Musik“, wenn Bands mit Schlagzeug, Gitarren und richtigen Keyboards auftreten – wie Joris und seine exzellente Band.
Natürlich hat die Elektronik auch bei einem so leidenschaftlich auftretenden Musiker ihren Platz. So sampelt Joris Sequenzen seines trunkenen Gesangs und verlängert das Pathos damit in die Unendlichkeit. In der Show vermischt sich unbekümmerter Jungs-Charme mit dem Kitsch eines roten Herz-Luftballons, wüstem instrumentalen Getöse und dem Pathos des einsamen Helden, der mit Hingabe eine sehr einfache Ballade im Walzerrhythmus auf dem Klavier zum Besten gibt. Einige Texte stecken voller schablonenhafter Allgemeinplätze. Aber der Texter, Komponist und angehende Popstar steht ja auch erst am Anfang einer vermutlich steilen Karriere.
Mittelbayerische Zeitung, 7.10.2015

 

U20Slam: Appenzell kann nicht nur Käse
Erste spannende Vorrunden beim U20Slam2015 in der Regensburger Mälze: Die leiseren Texte haben es beim Publikum schwerer.

Regensburg. Nach monatelanger Vorfreude ist der Poetry Slam in Regensburg eingezogen. Die U20-Meisterschaft verwandelt die Stadt in eine Metropole für Sprachkünstler, ein Zentrum junger Poesie. In der Mälze, dem Kulturtempel an den Hängen des Galgenbergs, startete am Donnerstagabend die Vorrunde. 66 Slammer unter 20 Jahren standen gegeneinander an und mussten versuchen, das Publikum auf ihre Seite zu bringen, nur mit der Macht ihrer Worte.
Fünf Jurymitglieder, fünf Paar strenge Augen, die dem Text nach dem Auftritt die entscheidende Wertung zwischen einem und zehn Punkten geben. Fünf Minuten Zeit bleibt den Poeten dazu. Fünf Minuten müssen reichen, dem Publikum das Herz auszuschütten. Danach bleibt nur noch Hoffen, dass es reicht. Im Keller der Mälze war das Licht gedimmt, die Zuhörer saßen auf dem Boden. Die zufällig unter den Gästen ausgewählte Jury mitten unter ihnen. Auf der Bühne machten die Moderatoren Temye Tesfu und Stefan Dörsing, seines Zeichens Vize-„Master of the Uni-Vers“ der Uni Regensburg, Stimmung. Teilnehmer aus dem ganzen deutschsprachigen Raum standen gespannt bereit.
Die Performance kann noch retten
Einen Stock höher liefen die Vorrunden bereits. Unter den elf Teilnehmern im Club der alten Mälzerei waren Slammer aus Berlin, Österreich, und auch aus Regensburg. Sheila Glück, eine der wenigen Hoffnungen für die Regensburger Szene, schaffte den Sprung unter die besten vier, mit 26,3 von 30 möglichen Punkten (Die höchste und niedrigste Wertung der Juroren wird traditionell gestrichen). Die Qualifikation für das Halbfinale am Freitagabend.
Mit ihr wird der Schweizer Joel Perrin auf der Bühne stehen. Er zeigte, dass Appenzeller nicht nur weltbekannten Käse fabrizieren können, sondern auch clevere Sprachkunst. Den knappen Einzug ins Halbfinale hätte er nie erwartet, schließlich hatte er erst Tage zuvor seinen Text geschrieben. Am Ende überzeugte er mit seiner lockeren, ausschweifenden Geschichte über die Armee seiner Heimat Schweiz. „Es geht um die Geschichte, die man erzählt, aber mit der Performance kann man noch viel rausreißen“, gibt er als Tipp weiter.
Unter der deutschen Gürtellinie
Das junge Publikum, von dem zum Teil ein Drittel noch nie auf einem Poetry Slam war, ist laut dem Schweizer Fluch und Segen zugleich. Es ist zum einen sehr unberechenbar und deshalb spannend, auf der anderen Seite gibt es ernster Poesie und künstlerischer Lyrik oft keine Chance. „Leise Texte haben es grundsätzlich schwerer“, erzählt Joel Perrin. Er hat sich für eine lustige Geschichte entschieden, mit vielen Lachern. Wie die meisten Sieger der Vorrunden. Ob Joel den Sprung ins Finale schafft? Er ist skeptisch. Die Konkurrenz ist hart, aber herzlich. „Mir hat vorhin eine Deutsche gesagt, wir Schweizer sind alle so berechnend“, ­­scherzt er. „Ich finde, wir haben einfach einen derberen Humor. Wir gehen auch mal unter die deutsche Gürtellinie.“ Mittelbayersiche Zeitung, 12.6.2015

 

 

Bei Humorlosigkeit hört der Spaß auf
Der Schweizer Schnellsprecher Andreas Thiel lieferte das Finale furioso des Regensburger Comedy-Festivals in der Mälzerei.


Von Stephan Grotz, MZ
Regensburg.Das Outfit von Andreas Thiel ist Programm. Der Schweizer Satiriker betritt die Bühne stets wie aus dem Ei gepellt: im hellen Dreiteiler, mit Schlips – und knallrotem Irokesenschnitt. Die ungewöhnliche Kombination hat ihm bereits zum Titel „Anarchist im Anzug“ verholfen. Eine explosive Mischung war daher beim Regensburger Thurn und Taxis Kleinkunstfestival in der Alten Mälzerei zu erwarten. Am Freitag setzte Thiel dort den Schlusspunkt mit seinem Soloprogramm „Macht, Politsatire 4“.
Die erste Überraschung: Thiel, geboren in Bern, der Hauptstadt des Langsam-Sprechens, beherrscht akzentfreies Hochdeutsch, und zwar in einem Tempo, dass man Mühe hat, dem Satiriker durch den Dschungel seiner Themen zu folgen. Daher lautet sein Tipp: „Bayern ist ein katholischer Kanton. Sie müssen nicht verstehen, sondern nur glauben, was ich sage.“
Wenn man nicht lachen darf, war es kein Witz
Thiel liebt es, mit Tabus zu spielen und Grenzen, auch die des guten Geschmacks, auszuloten. Die Frage ist für ihn nicht, ob man bei einem rassistischen Witz lachen darf – man muss sogar, denn es ist ja ein Witz. Er probiert es gleich aus: „Warum sind Italiener so klein? Weil die Mütter ihren Söhnen immer sagen: Wenn du mal groß bist, musst du arbeiten“. Das Publikum kugelt sich, Experiment gelungen. Das ist übrigens auch der Unterschied zum einem Terroristen: Der Satiriker zielt auf das Zwerchfell seiner Opfer und hat getroffen, wenn das Publikum lacht. Beim Terroristen kann das Opfer nur lachen, wenn der daneben schießt.
Er lacht nicht nur über andere
Humorlosigkeit ist etwas, bei dem Thiel keinen Spaß versteht: „Sie ist die Schwester der Intoleranz und die Tante des Rassismus“. Es gebe mittlerweile so viele Bereiche des täglichen Lebens, die von heiligem Ernst umzäunt sind, die Ernährungsgewohnheiten etwa. Seine entwaffnende Frage an Vegetarier: „Wenn man Tiere nicht essen darf – warum sind sie dann aus Fleisch?“
Am schlimmsten sind Satiriker, wenn sie alles und jeden durch den Kakao ziehen, nur nicht sich selbst. Anders bei Thiel, der seine Grenzen kennt: „Gestern träumte ich elitäres Zeug, was selbst mir zu hoch war. Ich war bei einer Quizshow auf ,arte‘. Habe mich in meinen Träumen wieder einmal übernommen.“ Der Umgang mit der eigenen Beschränktheit ist reine Ansichtssache: „Früher hielt ich mich für gescheiter als die anderen. Nach einem Intelligenztest mußte ich diese Idee aufgeben. Jetzt denke ich: Die meisten sind dümmer als ich.“
Mit Dada auf Island
So richtig überdreht wird Thiels Potpourri mit einer minutenlangen, unglaublich gekonnt vorgetragenen Suada über Island. Der Reisebericht driftet ins Absurde ab: Ein Bauchnabel wird zum See, um den ein Zug herumfährt. Im ersten Waggon sitzt ein Flamingo auf einem Marmeladenglas. Am Endpunkt der Reise „sitze ich und rede mit dem Salat, weil der sein Herz im Kopf hat“. Das ist dadaistische Sprachartistik vom Feinsten. Die Zuschauer quittieren sie mit Gelächter, aber auch mit staunend offenem Mund. „Unglaublich, was man sich mit dieser Frisur alles erlauben darf“, sagt Thiel und grinst ins Publikum. Wenn es wirklich an der Frisur liegt, sollte Andreas Thiel den nächsten Friseurtermin noch etwas hinauszögern. Mittelbayerische Zeitung, 30.3.2015

Alphornblues und Plastiktütenrap
Der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn feiert in Regensburg Wiederauferstehung – mit starker Musik, aber teils mauen Texten.


Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg.In den Anfangsjahren des Bairisch Diatonischen Jodelwahnsinns vor bald 30 Jahren gab es ein Programm mit dem Titel „Phönix aus der Asche“. Bewahrheiten sollte sich das erst viel später. Die Asche, das war die Zeit seit 2002: das Trio löste sich auf, jeder ging seiner Wege. Wer hätte gedacht, dass 2015 immer noch soviel Glut da ist, dass der Jodelwahnsinn sich noch einmal erhebt? Zwar ohne das Markenzeichen, die rothaarige Monika Drasch mit ihrer grünen Geige. Aber trotzdem wiedererkennbar. Dafür sorgt Petra Amasreiter mit ihrem mühelos vollendeten Geigenspiel. Die beiden Herren, Josef Brustmann und Otto Göttler, sind sowieso noch ganz die Alten.
Und gute Gründe, einen Zwiefachen auf McDonald’s zu singen, gibt es heute höchstens noch mehr als in den 80er, als Dagegensein noch kein Fremdwort war. Und an Abgründen, die sich in der Zwischenzeit aufgetan haben und die besungen sein wollen, fehlt es auch nicht. Der wiedergeborene Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn legt los mit einem atemlosen Facebook-Song („Sie hats gwusst, und er hats gwusst, und du möchst es gern wissen“), spielt zwischendurch einen Nonsenseschweinereiwalzer und landet schließlich bei einem wüsten Schneekanonenrock, der den Irrsinn der Beschneiungsanlagen angemessen in Musik umsetzt.
Die Zuschauer musizieren mit
Jeder der Drei spielt mindestens fünf Instrumente, darunter so ausgefallene wie die Singende Säge, die von Otto Göttler mit dem Geigenbogen gestrichen wird und jaulend-jammernde Töne von sich gibt. Und als ob das noch nicht genug wäre, muss das Publikum auch noch herhalten. Mit Plastiktüten, deren Rascheln sich als astreines Rhythmusinstrument erweist, gern auch als Alphornstütze: Josef Brustmann hievt ein fünf Meter langes Alphorn über die Köpfe der Zuschauer und bittet einen Mann, aufzustehen und das Ende des Alphorns auf seiner Schulter aufruhen zu lassen. Brustmann bläst derweil fast stereo abwechselnd in das Alphorn und in eine Trompete.
Die Sprüch, die vor allem Josef Brustmann zwischendurch zum Besten gibt, hauen einen nicht direkt um („De Dummen moana allerweil, de andern san aa bläd“), und auch die Texte sind nicht immer der Knaller. Da ist ein Gstanzl auf Gustl Mollath schon obere Preisklasse: „Sieben Jahr unschuldig eigsperrt, des is a Sauerei / Aber der Typ von Seitenbacher Müsli is immer no frei!“ Oft muss man sich zufriedengeben mit Versen wie dem auf Sigmund Freud: „Was wär das Leben ohne ihn / Den Mann aus Wien“. Manchmal kommen sie schon sehr harmlos und nett daher.
Es muss gar nicht immer witzig sein
Dabei ist das Trio gesanglich ziemlich klasse. Wie Petra Amasreiter die zweite Stimme zu Josef Brustmann singt und Otto Göttler den Bass dazu, das ergibt einen satten, runden Klang. Aber die Highlights sind dennoch die Instrumentalstücke. Da bleibt der Phönix nicht an irgendwelchen mehr oder weniger gelungenen Textzeilen hängen, sondern hebt wirklich ab, befreit vom Zwang, immer witzig sein zu müssen.
Das Glanzstück des Abends ist der Maxglaner Zigeunerfaschingsmarsch. Wie die Drei diesen melancholisch-munteren Antimarsch (kein Mensch kann auf die Melodie marschieren!) mit zwei Hörnern und der gezupften Geige hinlegen, das ist richtig stark. Und dazu noch die kurze Erläuterung, dass Tobi Reiser, der Erfinder der Stubenmusi und begeisterte Nazi, heute noch als Urheber dieses Stücks gilt und seine Erben immer noch Gema-Gebühren dafür einstreichen.
Ein den Opfern gestohlener Marsch
Die Wahrheit aber ist, dass Tobi Reiser den „Marsch“ von Musikanten des Zigeunerlagers des Salzburger Stadtteils Maxglan abgestaubt hat. Von 1940 bis 1943 waren mehrere hundert Sinti dort interniert. Leni Riefenstahl rekrutierte aus diesem Zwangsarbeitslager ihre Komparsen. 1943 wurden die Gefangenen nach Auschwitz deportiert und ermordet. Mittelbayerische Zeitung, 28.3.2015

 

Lacht kaputt, was euch kaputt macht
Hagen Rether erteilt dem unmündigen Staatsbürger in Regensburg eine bitterböse Lektion. Da bleibt wenig Unterhaltungswert.


Von Stephan Grotz, MZ
Regensburg. Kaum jemand macht so anstrengendes Kabarett wie Hagen Rether. Dabei macht der TV-bekannte Künstler von seiner äußeren Erscheinung her einen ganz entspannenden Eindruck: Anzug, die Haare akkurat zum Pferdeschwanz gekämmt, eine sanfte Stimme, die mit leise vorgetragenem rheinischem Singsang spricht. Am Freitagabend konnten die Zuschauer im ausverkauften Regensburger Antoniushaus erleben, wie schnell sich ein Rheinländer überall zu Hause fühlt. Rether erzählte anfangs jovial von seinen Eindrücken in der Domstadt: „Herrliches Wetter, tolle Cafés – ich war dann noch ein bisschen am Rhein spazieren.“
Doch Hagen Rether ist nicht gekommen, um beim Thurn und Taxis Kleinkunstfestival ein paar hinterfotzige Nettigkeiten zu verbreiten. Sogleich ist er bei seinem Thema: „Und sonst? Wie ist die Freiheit?“ Rethers Tipp: Die Freiheit genießen, solange es noch geht. „So satt und so sicher waren wir noch nie. Besser wird’s nicht mehr.“ Das verdeutlicht Rether mit einer Litanei der geschundenen Staaten von Syrien über Sierra Leone, von der Ukraine bis zum Jemen. Obwohl: So richtig umgehen mit unserer Freiheit können wir eigentlich auch nicht.
Statt entspannter Gelassenheit gibt es überall Druck und unnötigen Zwang in unserer Gesellschaft: Möglichst jung das Abitur machen! Dabei werden die Menschen heute 90 Jahre alt, und so stehen die Jungen erst mal „rum im Leben“. Kaum können sie dann was, werden sie mit 61 Jahren aus dem Berufsleben gekegelt. Das Ergebnis: Die händeringend gesuchten Fachkräfte sind dann „noch 30 Jahre lang mit den Stöcken im Wald unterwegs“.
Wir rennen den falschen Ideologien hinterher
Das Schlimmste bei dieser Fixierung auf die Frühe ist: sie macht aggressiv und uns zu Wutbürgern. Eine Wurzel des Übels ist der viel zu frühe Schulbeginn am Morgen. Aber Rether weiß: „Der frühe Vogel fängt höchstens den frühen Wurm. Den späten bekommt er gar nicht zu sehen.“ Doch statt zu relaxen, rennen wir den falschen Ideologien hinterher, die die Medien in den Talkshows verkünden und die sie in den Politmagazinen dann auseinandernehmen. Kein Wunder, dass jetzt ein paar Redliche Ernst machen in der Blockupy-Bewegung. Was sind da schon ein paar brennende Autos in Frankfurt gegenüber Getreidespekulationen an den Börsen, die ganze Landstriche dem Hungertod preisgeben? „Linke Gewalt“ markiert daher für Rether einen Qualitätsunterschied gegenüber der „rechten Gewalt“. Das demolierte Schaufenster bei einem Juwelier ist nur Sachbeschädigung; ein farbiges Kind aus der U-Bahn zu werfen, ist Mord. Wer den Unterschied nicht bemerkt, hat einen „Jägerzaun im Kopf“.
Doch den Zaun hat niemand anderer aufgestellt als wir selbst: Wir haben uns nach Rethers Diagnose selbst stillgestellt in der Komfortzone, saturiert sind wir in die Selbstentmündigung geglitten. Für unsere Bequemlichkeit ist uns nichts zu schade, auch nicht unsere Freiheit. Ironie des Ganzen: Wir wissen das alle längst, wir regen uns auch auf – und wir machen weiter wie bisher.
Zu viel Ernst und Zorn schaden
Gift und Galle spuckt Hagen Rether im sanften Ton. Er möchte nicht beitragen zur wohlfeilen kabarettistischen Veräppelung von gerade angesagten Politikern und Medienstars. Dafür ist Rether das Kabarett viel zu heilig, als dass er es in die Niederungen einer konsensfähigen Comedy zerren möchte. Humor darf nicht den Untertanengeist befördern – sonst belächelt man die Politiker bloß , anstatt sie zu bekämpfen. Der Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse darf aber auch nichts Verkrampftes und Pedantisches an sich haben. Zu viel Ernst und Zorn schaden auch: „Was reg’ ich mich auf?!“, fragt sich Hagen Rether immer wieder selbst.
Es ist eine Art Gesinnungshumor mit gesellschaftlichem Auftrag, den Hagen Rether seinem Publikum präsentiert. Lachen, weil es lustig ist, wäre viel zu einfach. Amüsement geht hier nur mit der richtigen – politischen und sozialkritischen – Einstellung. Lacht kaputt, was euch kaputt macht. Das kann auf die Dauer sehr anstrengend sein. Mittelbayerische Zeitung, 23.3.2015


Hagen Rether und United Comedy

Hagen Rether, 1969 in Bukarest geboren, lebt in Essen. Er hat zahlreiche Preise erhalten. Seit 2002 ist er Mitglied des Netzwerks attac, der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und unterstützt Medica mondiale. Markante Requisiten seiner Auftritte sind ein Konzertflügel, den er „gelangweilt“ und akribisch reinigt, Putzlappen, Reinigungsspray und Bananen. Hagen Rether ist regelmäßig Gast in Sendungen wie „Mitternachtsspitzen“, Neues aus der Anstalt“ und „Satire Gipfel“.

Beim 20. Internationalen Thurn und Taxis Kleinkunstfestival „United Comedy 2015“ feiert der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn sein Comeback: am Donnerstag, 26. März, 20 Uhr, in der Alten Mälzerei Regensburg. Finale: Andreas Thiel, Schweizer Satiriker und Anarchist im Anzug, präsentiert sein tiefschwarzes Programm „Macht, Politsatire 4“: am Freitag, 27. März, 20.30 Uhr, in der Alten Mälzerei. Karten: Alte Mälzerei, (09 41) 78 88 10 und www.alte-maelzerei.de. Mittelbayerische Zeitung, 23.3.2015

 

 

Ein virtuoser Hofnarr mit Flügeln
Der Blonde Engel aus Linz beim Kleinkunstfestival in der Alten Mälzerei Regensburg: Er singt um sein Leben – und gewinnt.


Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. Immerhin: wenn man bei Google „Blonder Engel“ eingibt, spuckt die Internetkrake fünf Bilder aus, und drei davon sind ein Treffer. Sie zeigen einen sehr schlanken jungen Mann mit entblößtem Oberkörper, langen blonden Haaren und aerodynamischer Brille, der zur Gitarre singt. Ach ja, und Flügel hat er auch noch. Mit anderen Worten: das, was der Mann als solcher in den letzten 100 000 Jahren mit dem Begriff blonder Engel verbunden hat, ist auf dem absteigenden Ast. Und der Blonde Engel aus Linz ist auf dem Vormarsch. Am Donnerstagabend hat er die Alte Mälzerei geentert, beim Thurn und Taxis Kleinkunstfestival 2015. Mit links.
„Griaßeich“, sagt der Blonde Engel, und ab da redet er ungelogen drei Stunden in einem atemberaubenden Tempo auf seine Zuhörer ein. Also wenn er nicht gerade singt. Genauer gesagt: Dann, wenn er gerade singt, ganz besonders, denn der Blonde Engel unterbricht sich andauernd selbst, erklärt diese Textzeile, übersetzt jenes österreichische Dialektwort, erzählt zwischen dritter und vierter Strophe noch schnell einen kleinen Roman. Und kommt kurz auf das Klischee vom morbiden Wien und den hypochondrischen Wienern zu sprechen. Warum Klischee? Naja, wenn man sich Angela Merkels Mundwinkel anschaut, müsste die eigentlich eine Wienerin sein.
Er erinnert an eine Figur von Woody Allen
Irgendwie erinnert der Blonde Engel an den Hofnarren, den Woody Allen in seinem Film „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“ 1972 gespielt hat: ein Unterhaltungskünstler, der eigentlich mit der Königin anbandelt, aber an deren Keuschheitsgürtel scheitert, und im übrigen um sein Leben singt und feixt. Denn wenn der König bei einem Scherz nicht lachen sollte, wird der Hofnarr geköpft, vielmehr: Der Hofnarr wird so und so geköpft, zu offensichtlich sind seine Absichten, den Keuschheitsgürtel der Königin zu überwinden. Hofnarr ist natürlich die altertümliche Bezeichnung. Heute heißt das Comedian. Enthauptet wird er am Schluss trotzdem. So also ist das zu verstehen mit dem Passauer Scharfrichterbeil. Der Blonde Engel hat den Kabarett-Preis 2013 schon mal gewonnen.
Gleichzeitig lässt der Blonde Engel immer wieder Ludwig Hirsch anklingen, die leisen, dunkelgrauen Lieder, die indes jeden Moment umkippen können zur Parodie ihrer selbst. Und auf einmal meint man, Heino zu hören, wie er Rammstein rauf und runter rammentert. Das tiefe C schafft der Blonde Engel locker. Und das entsprechende Metal-Rock-Begleitgewummer würde er auch jederzeit hinkriegen, allein mit seiner exzellent beherrschten Gitarre. Die wiederum tauscht er schon mal flugs mit einem Banjo und singt flott von seiner Sehnsucht, ein Countryboy zu sein – nur, dass ihm seine Gräserallergie einen Strich durch die Rechnung macht.
Manchmal verliert er sich in billige Kalauer
Leider verliert sich der Blonde Barde mehr als einmal in billige Kalauer. Manche sind so trist („I bin der Liederschreibermafioso, in meim Gitarrenkoffer drin, da liegt a Gwehr“), dass man unwillkürlich Troubadix beim Festbankett vor Augen hat, gefesselt und geknebelt: Nein, du wirst nicht singen! Aber dann entschädigt er einen wieder mit einer traurigen Ballade in D-Dur, in der er das deutsch-österreichische Verhältnis auf den Punkt bringt: „Die gemeinsame Sprache ist letztendlich, was uns trennt.“ Wohl wahr! Wieviel einfacher wäre es, wenn in Wien Chinesisch gesprochen würde! Man würde sich gegenseitig mit Respekt gegenübertreten. Kein bayerischer Finanzminister würde auf die Idee kommen, gegenüber der österreichischen Bundesregierung einen überheblichen Ton anzuschlagen.
Sagenhaft des Blonden Engels Talent, aus ein paar vom Publikum zugerufenen Stichwörtern einen Blues zu komponieren. Friedhof, Klimawandel, Alufelge, Sandkasten, Kakteen, Lufthansa-Streik – der blonde Engel macht sich auf der Stelle einen Reim drauf. Und als Zugabe erscheint er dann tatsächlich noch mit nacktem Oberkörper und weißen Federflügeln. Singt den „Ismus-Boogie“, analysiert gleich Josef Hader den deutschen Schlager und vollendet zu guter Letzt Schlauhard Karpfendeal mit einer Hymne auf den Radldynamo: „Dynamo-dy-na-mo“ Das Publikum leuchtet auf wie hundert Radllichter. Mittelbayerische Zeitung, 21.3.2015


United Comedy 2015

Beim 20. Internationalen Thurn und Taxis Kleinkunstfestival „United Comedy 2015“ feiert der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn sein Comeback. Im Programm „Die Zeit ist reif!“ bewegt sich das Trio auf dem Pfad der anarchischen Volksmusik: etwa mit Zither, Diatonischer Harmonika, Konzertina, Geige, Gitarre, Ukulele, Trompete und Tuba: am Donnerstag, 26. März, 20 Uhr, in der Alten Mälzerei.

Andreas Thiel, Schweizer Satiriker und Anarchist im Anzug, präsentiert sein tiefschwarzes Programm „Macht, Politsatire 4“. Darin geht es um Politik, Tod und Champagner – ein Abend voller Intellekt, Geist, Hinter- und Wahnsinn. Thiel erhielt den Salzburger Stier, den Schweizer KleinKunstPreis und den Deutschen Kabarettpreis. Er gastiert am Freitag, 27. März, 20.30 Uhr,

 

 

 

Raum für eine bunte, junge Stadtkultur
Ein Film vom ersten Popkultur Festival Regensburgs zeigt, was eine lebendige Kultur braucht. Und was Kreative machen müssen: sich Freiheiten nehmen.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Vor nicht allzu langer Zeit machte Regensburg nach außen hin einen spießigen, piefigen, konservativen Eindruck, schildert der Popmusikbeauftragte der Stadt, Säm Wagner, vor laufender Kamera seinen Eindruck von der scheinbar in der Stadt vorherrschenden Haltung: „Ja nicht irgendwie zu viel erlauben!“. „Doch ich glaube, dass sich das in letzter Zeit wieder ein bisschen ändert“, liefert Wagner den optimalen Einstieg für einen Film, in dem die Weltkulturerbestadt nur so strotzt vor kreativer Potenz, Buntheit und Vielgestaltigkeit.
Drei Tage dauerte im Oktober 2014 das erste Regensburger Popkultur Festival „Push 2014“. Drei Kameraleute bannten die Ereignisse auf Film, führten 26 Interviews, und schufen so mit ihrem Streifen nicht nur das Bild eines mehr als erfolgreichen Festivaldebüts, sondern fassten Statements der jungen Generation von Kulturschaffenden und Kreativen in Wort und Bild. Der Film „Popkultur in Regensburg – Freiheiten muss man sich nehmen“ ist somit weit mehr als eine Dokumentation. Er ist, wie Kulturamtsleiterin Christiana Schmidbauer bei der Presse-Preview des Films in Bezug auf das von Stadt und Kulturzentrum Alte Mälzerei veranstalteten Festivals sagt, „ein Spiegelbild dessen, was junge Kultur selbst ermöglichen kann.“
Das Lebensgefühl in Regensburg
Die Idee zu dem Film hatten Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei und Regisseur Werner Damböck. „Das Festival sollte zeigen, was die junge Kulturszene in der Stadt zu bieten hat.“ Doch über all die Konzerte, Theateracts, Kleinkunst-, Tanz- und Literaturveranstaltungen, Partys, Kunstaktionen, Workshops, Kreativmesse und Vernetzungsangebote hinaus, die „Push 2014“ geboten hat, wollten die Veranstalter auch wissen, was die jungen Kreativen bewegt, was sie denken. „Welche Probleme, welche Träume, Wünsche und Vorstellungen haben sie. Wie ist ihr Lebensgefühl in Regensburg?“, fragte Hans Krottenthaler. Dem spürt der Film nach. „Er ist eine Momentaufnahme des jungen Kulturlebens in dieser Stadt.“
22 Stunden Material wurden an den drei Festivaltagen gedreht, erzählt Damböck, und zu 45 Minuten verdichtet. Gekonnt schlägt der Film den Bogen von anfänglichen Vorstellungen über Reaktionen während der Veranstaltungen bis hin zu Ausblicken, welche neuen Kontakte und welch neues Selbstbewusstsein der Szene durch das Festival entstanden sind, und schließlich: was Kreative in Regensburg brauchen. Wer meint, hier mit einem platten Image-Film konfrontiert zu werden, der irrt gewaltig. Zu ernsthaft ist der Zugriff, zu wenig lobhudelnd und vielmehr analytisch der Blick der sich äußernden Künstler, Besucher und Kuratoren. Der Dokumentarfilm, der am Sonntag um 17 Uhr im Leeren Beutel der Öffentlichkeit präsentiert wird, ist gut als eigenständiger Beitrag eines Film- oder Kulturfestivals denkbar.
Wer den Film über das Festival sieht, bekommt die ganze Bandbreite kreativer Ausdrucksmöglichkeiten vor Augen geführt. Und versteht sofort – auch dank der Bilder schlangestehender Festivalbesucher, die gerne noch Einlass in einen der Spielorte bekommen hätten –, dass der Event nach einer Neuauflage schreit. Die Schmidbauer im Pressegespräch gerne ankündigte.
Demnach planen die Veranstalter ein zweites „Push“-Festival 2016 und dann alle zwei Jahre eine Fortsetzung. In der nächsten Kulturausschusssitzung soll darüber beraten werden. Welches Budget für „Pushµ“ zu veranschlagen sein wird, hängt von der Konzeption ab. Das Debütfestival kostete laut Schmidbauer 89 000 Euro.
Eine schöne Community
Gut investiertes Geld, wenn man Künstler und Besucher fragt. „Ja, darauf hat Regensburg gewartet,“ sagt Kontrabassistin Ulrike Dirschl von den „Diamond Dogs“ im Film, und meint damit nicht nur die Bühne, die das Festival bietet, sondern auch die Möglichkeiten der Kreativen, sich zu vernetzen: „Es entsteht eine schöne Community“.
„Es ist ein Netzwerk“, bestätigt Insa Wiese von der Kurzfilmwoche: „Die Leute verstehen sich unter einander, weil sie wissen, in welcher Situation der andere jeweils ist, und das ist dann wieder so eine kleine Entschädigung, für das, was man macht. Aber natürlich kann man sich dafür kein Brot kaufen.“ Erik Grun macht trotzdem Filme: „Wenn ich warten würde wie alle Leute in München oder Berlin, bis es Filmförderung gibt, würde ich dasitzen und gar nichts machen.“
Der Film zeichnet in unzähligen Interviews die Beweggründe nach, warum die Kreativen Kultur machen, warum der „Einstiegsdroge Popkultur“, wie Mitorganisator Wagner sie nennt, ein eigenes Festival gewidmet wird. Warum es gar nicht so leicht ist, für Popkultur zu begeistern, „an der Schraube zu drehen“, wie Slamer Thomas Spitzer sagt. Kritisch wird beleuchtet, welche Bedingungen Kreative in der Mittelaltermetropole heute vorfinden. Und warum die Altstadt nicht nur für Tourismus Platz haben sollte. Gefragt wird nach Stärken und Defiziten dieser Stadt aus Sicht der Kulturschaffenden.
Mangelnder Raum für Probentätigkeit und Aufführungen, für Jonglagen oder die Aktivitäten des Parkour e.V. wird als ein Hauptproblem genannt. Aber auch der mangelnde Freiraum für neues Denken, das Infragestellen und gesellschaftliche Reflexion, den Florian Gmeiner vom Verein Scants of Grace anmahnt. OB Joachim Wolbergs wird mit dem Satz zitiert: „Wir wollen in dieser Stadt in Zukunft wieder etwas freier werden.“ Die treibende Kraft hierzu muss vom Volk ausgehen, ist Architekt und Designer Van Bo Le-Mentzel überzeugt. Und Künstler Jörg Haala sorgt für den Untertitel des Films, indem er resümiert: „Das Schöne an Regensburg ist, dass es viel Freiheit gibt, man muss sie sich nur nehmen!“ Mittelbayerische Zeitung, 11.3.2015

 

Der Wahnsinn hat Methode
Heinz Strunk bläut den Regensburgern sein Strunk-Prinzip ein wie ein übermotivierter Motivationstrainer – nur viel lustiger.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg 1758 veröffentlichte Benjamin Franklin seine verhängnisvolle Schrift „Der Weg zum Reichtum“, die Blaupause aller Motivationsgurus bis zum heutigen Tag. Die Botschaft des Gründervaters der USA: Mit der richtigen Einstellung und ununterbrochen harter Arbeit kann jeder alles erreichen. Gottes Segen ruht auf den Wuseligen und den Emsigen, so sie nur an sich selbst glauben.
Doch Gott sah, dass es gar nicht gut war. Er beobachtete das schändliche Treiben der Motivationstrainer mit Missfallen, er langte sich an den Kopf angesichts der Bereitschaft des Publikums, ihnen auch noch den letzten Bullshit abzukaufen. Und nach 250 Jahren hatte Gott ein Einsehen und schickte Heinz
Strunk auf die Erde, auf dass zumindest den Deutschen die Augen aufgingen über all die Schlawiner und Scharlatane, die ihnen das Blaue vom Himmel versprachen, sobald sie nur hart genug an sich arbeiten würden.
Irrsinn bis zum Anschlag
Also kam Heinz Strunk am Sonntagabend in die Mälzerei und wusch der vollzählig versammelten Gemeinde gehörig den Kopf. „Aufnehmen – bewerten – handeln!“ wiederholt eine Stimme aus dem Lautsprecher ohne Unterlass, und sie duldet keinen Widerspruch. Auftritt Heinz Strunk: schwarzes Sakko, schwarze Weste, schwarze Krawatte, schwarze Schuhe, strenges Gesicht – das Publikum pariert. „Ich war traurig, weil ich keine Schuhe hatte – bis ich einen sah, der keine Beine hatte!“ Unglück? Armut? Verwahrlosung? Zählt alles nicht! Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!
Die Heinz-Strunk-Show hämmert einem das Strunk-Prinzip ein, bis es einem aus den Ohren wieder rauskommt. Erst dann hat der Mann ein Einsehen und fällt kurz aus der Rolle: „Wie fanden Sie das jetzt: peinlich oder unsympathisch? Oder beides?“ Erlöstes Lachen im Saal, allzu echt wirkte der Teufelstrip. So mancher reale Guru ist nicht so gut wie Strunk. Strunk lässt es richtig krachen, lässt nicht locker, treibt den Irrsinn bis zum Anschlag, verzieht keine Miene.
Auch das Nuscheln hat Methode
Und dabei kriegt man bei Heinz Strunk wenigstens was für sein Geld. Welcher Motivationstrainer spielt schon zwischendurch auf der Querflöte auf, und zwar durchaus virtuos? Und viel lustiger als bei den originalen Lebenshilfeheinis ist es auch. Ohne Strunks Tiernummer zu kennen, wird man nie erfahren, warum ein Pferd dumm wie ein Pferd ist. Oder dass die Dinosaurier wegen ihrer langen Leitung ausgestorben sind – der Hals war entschieden zu lang. Bis die Signale vom Hirn im Rumpf und in den Beinen ankamen, war die anvisierte Beute längst über alle Berge. Auf jeden Fall waren es nicht die Hämorrhoideneinschläge, die den Dinosauriern den Garaus machten.
Hämorrhoideneinschläge? Vermutlich hätte das Meteoriten- oder Asteroideneinschläge heißen sollen, Heinz Strunk nuschelt wie die Sau. Irgendwann entschuldigt er sich dafür, aber das ist der blanke Hohn, denn das Nuscheln ist natürlich reine Absicht. In der Nummer „Alarmstufe Rahmstufe“ ist seine Artikulation am Ende völlig in Auflösung begriffen. Es ist alles haarfein ausgezirkelt: das Entscheidende versteht man eben doch. Zum Beispiel, dass der gebürtige Hamburger seit einem halben Jahr „Fruktarier“ ist, sprich: er isst „Nur das, was der Baum freiwillig hergibt“. Man ahnt, worauf das hinausläuft: „Veganer sind für mich Mörder! Pflanzen haben keinen Mund zu schreien!“
Mit Knarre und Querflöte
Heinz Strunk engagiert sich auch für die Verbrechensbekämpfung. Die beste Prävention besteht darin, nach Möglichkeit das Haus nicht zu verlassen. Und: „Sprechen Sie niemals mit Fremden! Falls Sie von einer unbekannten Person angesprochen werden sollten, stechen Sie ihr sofort mit den Fingern in die Augen, um sie kampfunfähig zu machen!“ Zu diesem Verbrecher-Rap zwängt sich Strunk eigens in einen purpurroten Kapuzenpulli mit Häftlingsnummer auf der Brust, streift Ganovenkappe und Augenmaske über und fuchtelt mit Knarre und Querflöte den Takt dazu. Als er den roten Kapuzenpulli wieder auszieht, sieht er einen Moment lang aus wie ein Richter des Bundesverfassungsgerichts, der seine rote Robe abstreift. Später, als er Roger Whittaker mit „Albany“ und „Eloisa“ wiederaufleben lässt, erinnert er auf einmal an Otto Schily. „Ein Gentleman ist jemand, der Akkordeon spielen kann, aber es nicht tut.“ Sagt Heinz Strunk, als er das Akkordeon wieder ablegt. Und lässt nach zwei Stunden paradoxer Intervention (inklusive zwei Zugaben) von seinem Publikum ab, das sich zerzaust, aber glücklich aus den Stühlen hochrappelt. Mittelbayerische Zeitung, 9.3.2015

 

 

Mitten ins schwarze Herz Niederbayerns
Sebastian Daller und Band begeistern die ausverkaufte Mälzerei zum Auftakt des 20. Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg „Des is mei Kommunionanzug, der passt ma recht schee. Wer a Lederhosn braucht zum Bayerischsei, soll aufs Oktoberfest geh!“ Sebastian Daller macht gleich zur Begrüßung klar, was hier gespielt wird. Der Publikumsliebling des letzten Internationalen Kleinkunstfestivals in der Alten Mälzerei eröffnete am Samstag die Jubiläumsausgabe: 20 Jahre Kabarett, über 500 Künstler aus 16 Ländern! Dieses Jahr kommen sie aus Großbritannien, Belgien, Österreich, der Schweiz und Deutschland. Und zum Auftakt – ein Niederbayer: Sebastian Daller aus Teugn, einem Bauerndorf südwestlich von Regensburg.
Genau so gehört es sich, und Sebastian Daller und seine Band, die Geigerin Sophie Meier und der Tubabläser Sebastian Meier, werden dem internationalen Anspruch mühelos gerecht. Da sitzt jeder Ton, und die Texte treffen buchstäblich ins Schwarze – ins schwarze Herz Niederbayerns. Aus dem Teil Bayerns, der als der dumpfbackigste gilt, kommt der galligste und sarkastischste Widerstand, und nebenbei die schönste Musik.
Doch zurück zum Oktoberfest. Sebastian Daller hat es ins Bierzelt geschafft, vor sich „eine soachwarme Mass Bier“, aber das ist eh schon egal, denn er sitzt so eingekeilt am Biertisch, dass er die Hand gar nicht zum Krug bringt. Links und rechts „zwei stinkende, besoffene Australier“, von denen sich am Schluss rausstellt: „Des warn Oberpfälzer, de ham nur so undeutlich gredt.“
Käfighaltung im Bierzelt
Da schweift sein Blick zum Hendlgrill, und neidisch sieht er: Die toten Hühner haben im Vergleich zu ihm deutlich mehr Platz! Es folgt der Perspektivwechsel, die sich drehenden Hendl schauen auf die Massen an den Biertischen. Die Welt aus der Sicht eines Grillhendls: „Zammpfercht sitzens da, eahna Arsch schaut hinten naus, ja für mich schaut des verdächtig nach Käfighaltung aus!“
Sebastian Daller, bekannt auch aus dem SchleichFernsehen, hat das Publikum von Anfang an im Griff, und er lässt es zwei Stunden lang nicht mehr aus. Zwischendurch appelliert er schon mal an die niederen Instinkte seiner Zuhörer, aber gerade, wenn dann die ersten losprusten, kriegen sie gleich wieder eine kalte Dusche ab: So war das nicht gemeint! So haarfein austariert zwischen gschert und kultiviert, zwischen subtil und saugrob kommen seine Moritaten daher, und immer in feinstem Niederbayerisch – wer traut sich das schon! Oberbayerisch ist hipp, Oberpfälzisch immerhin exotisch, von Schwäbisch und Fränkisch zu schweigen: damit kommt jeder Kabarettist gut an – aber niederbayerisch? Sebastian Daller singt und spricht es bis in die letzten Nuancen derart perfekt, dass es eine wahre Lust ist, ihm zuzuhören.
Ein Regensburger Totentanz
Und zwischendurch immer wieder Instrumentalstücke: Zwiefache, Walzer, Polka, mit so schönen Titeln wie: „Wem ghört denn des Kraut?“ Und genauso, wie Dallers Texte das Gegenteil von handelsüblicher Comedy sind, ist die Musik dieses Trios das Gegenteil von Volksmusik à la Hansi Hinterseer. Nur Geigerin Sophie Meier geht gegenüber Dallers Akkordeon ein bisschen unter, Wastl Meiers flotte Tuba dagegen treibt die Gstanzl und Schnaderhüpfl munter voran.
Nie wird so viel gelogen, wie vor einer Wahl, während einer Beerdigung und nach einer Jagd. Entlang dieser alten Weisheit hangelt sich Sebastian Daller, im Zivilberuf Lehrer für Deutsch und Latein, durch die Widrigkeiten der Welt im Großen und im Kleinen. „In Regensburg is heut Ü-30-Party, da tanzen die, die glaubn, jetz is dann aus!“ Daraus entspinnt sich ein „Regensburger Totentanz“ auf die Melodie von „Sentimental Journey“, eingeleitet von Rilkes Totentanz-Gedicht und mit einem schauerlichen Finale.
Die Welt wird wieder zurechtgerückt
Da kann sich Sebastian Daller nicht recht entscheiden: Sein berechtigter Spott auf den ewigen Jugendwahn und sein allzu gnadenloser Blick auf die Vergänglichkeit beißen sich naturgemäß. Aber das verzeiht man ihm genauso wie so manchen Ausrutscher und billigen Kalauer mit Bart („Egal, wie dicht du warst, Goethe war dichter“). Denn dieser Sebastian Daller und seine Band rücken die Welt auf eine so unbekümmerte und unverfrorene Art und Weise wieder zurecht, dass sie vom Publikum erst nach der dritten Zugabe (u.a. „Jambalaya“ auf niederbayerisch) entlassen werden. Mittelbayerische Zeitung, 23.2.2015

 

 

Lachen auf höchstem Niveau
United Comedy feiert Geburtstag: Seit 1995 bietet die Regensburger Reihe exzellenten Humor. Und oft war sie ein Sprungbrett.



Von Flora Jädicke, MZ
Regensburg. Das Konzept war auch vor 20 Jahren gut. Aber dass das „Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival“ so ein Erfolg würde, hätten seine Initiatoren kaum vermutet. Als Hans Krottenthaler, Joachim Wolbergs und die Brauerei-Vertriebsgesellschaft Thurn und Taxis die Reihe 1995 aus der Taufe hoben, wollten sie vor allem eines: ein Kleinkunstfestival, das anders ist als die anderen. International sollte es sein, vielseitig und ausgestattet mit Spitzenkünstlern und Newcomern, erinnerte sich der künstlerische Leiter Hans Krottenthaler am Freitag in der Alten Mälzerei, wo er das Jubiläumsprogramm vorstellte.
„Humor kennt keine Grenzen“, sagt Krottenthaler. „Wir laden international ein und fördern regional.“ Vor 20 Jahren wurde der erste Thurn und Taxis Kabarettpreis verliehen. Alle zwei Jahre wird die Auszeichnung vergeben, bisher etwa an Cracks wie Lizzy Aumeier, Hannes Ringlstetter oder Max Uthoff. Oft war Regensburg das Sprungbrett auf die große Bühne.

Comedy gegen Nebelwetter
„United Comedy findet statt, wenn in Regensburg der Nebel die Gemüter drückt“, scherzt Krottenthaler, also zwischen Fasching und Ostern, heuer von 21. Februar bis 27. März. Das Festival ist weit mehr als eine Reihe Kabarettabende: Es ist die konzentrierte und hoch dosierte Melange komödiantischer Kulturen. Musikkabarett hat ebenso seinen Platz wie die US-Stand-up-Comedy-Tradition, Wort-Satire, politisches Kabarett oder Theatralisch-Komödiantisches. Dazu kommen seit Jahren der stets ausverkaufte Poetry-Super-Slam und das Kräftemessen der „Improtheater Großmächte“.
In 20 Jahren haben gut 500 Künstler aus 16 Ländern für Unterhaltung pur gesorgt und das auf unbestritten hohem Niveau. „Wir haben uns einen Namen gemacht“, sagt Krottenthaler. „Das Publikum weiß genau, die Künstler sind hervorragend, selbst wenn ihm die Namen unbekannt sind.“ Umgekehrt schätzten auch die Künstler die Atmosphäre der Spielstätte. „Die Alte Mälzerei ist ja eher eine Wirtshausbühne mit sehr viel Nähe zum Publikum“, sagt Krottenthaler.

Auftakt mit Daller und Bänd
Alle Vorstellungen 2015 sind in der Alten Mälzerei zu erleben, die Ausnahme ist Hagen Rether: Er weicht am 20. März wegen großer Nachfrage ins Antoniushaus aus. Den Auftakt am 21. Februar bestreiten Daller und Bänd. Sebastian Daller führt musikalisch in die Abgründe der niederbayerischen Provinz.
Das Festival versammelt eine Reihe von Kabarett-Größen: Rebecca Carrington und Colin Brown reisen mit britischem Musikkabarett vom Feinsten an, außerdem sind Heinz Strunk, das Improtheater Fastfood, das Theater im Bahnhof, der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn und Nobel-Punk Andreas Thiel aus der Schweiz dabei. Als Neuentdeckungen präsentiert United Comedy 2015 den Stand-up-Comedian Oliver Sanrey (Belgien) und „Blonder Engel“ aus Linz.
United Comedy startet am Samstag, 21. Februar, 20.30 Uhr, in der Alten Mälzerei, Telefon (09 41) 78 88 10, www.alte-maelzerei.de. Mittelbayeriche Zeitung, 7.2.2015

 

 

Heinz Strunk und der Jodelwahnsinn
Das Internationale T&T-Kleinkunstfestival in Regensburg feiert 20. Geburtstag, etwa mit Hagen Rether und einem Blondem Engel.

Regensburg. Zwischen Fasching und Ostern wird Regensburg traditionell zum Schauplatz feiner Unterhaltung: Das Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival der Alten Mälzerei hat sich zum Ziel gesetzt, die Vielfalt internationaler Komik auf die Bühne zu bringen. Unter dem Titel „United Comedy“ bringt das Festival in diesem Jahr – zum 20. Mal – eine Auswahl herausragender Künstler aus mehreren Ländern zu einem einzigartigen Lachprogramm aus Kabarett, Comedy, Slapstick, Satire, Improvisationstheater und Musik auf die Bühne.

Seit der Premiere 1996 waren weit mehr als 500 Künstler aus 16 Ländern zu erleben. Auch das diesjährige Jubiläumsfestival bietet vom 21. Februar bis zum 27. März spannende Neuentdeckungen und Stars der Szene.

Heinz Strunk mit neuer Show
Den Eröffnungsabend am 21. Februar bestreiten die Lokalmatadoren Sebastian Daller und Bänd, gefolgt vom international gefeierten britischen Music-Comedy-Duo Carrington-Brown (28. Februar) und dem belgischen Senkrechtstarter der Stand Up-Comedy Olivier Sanrey (7. März). Weiter geht es mit der neuen Show des Entertainers Heinz Strunk (8. März) und dem Gipfeltreffen der beiden besten deutschsprachigen Improtheater-Teams Fastfood aus München und Theater im Bahnhof aus Graz (14. März).

Andreas Thiel zum Abschluss
Mit von der Partie ist Österreichs Comedy-Überflieger Blonder Engel (19. März) und einer der unzweifelbar größten Kabarettisten unserer Zeit, Hagen Rether (20. März). Auf dem Programm steht wieder der internationale Dichterwettstreit Poetry Super Slam (21. März), dazu das Comeback der Volksmusik-Anarchisten Bairisch Diatonischer Jodelwahnsinn (26. März) sowie der mehrfach ausgezeichnete Schweizer Polit-Satiriker Andreas Thiel (27. März) zum Abschluss des Festivals.

Ausführliche Programm-Informationen gibt es unter www.alte-maelzerei.de; Kartenvorverkauf an den bekannten Vorverkaufsstellen und in der Alten Mälzerei, Telefon (09 41) 78 88 10. Mittelbayerische Zeitung, 14.1.2015

 

Wohnzimmerabend mit zwei guten Kumpels
Das Regensburger Publikum bedankt sich bei Werner Schmidbauer und Martin Kälberer stehend für musikalische Glücksmomente.

Von Ralf Strasser, MZ

Regensburg. Was alles entstehen kann, wenn der Kopf mal ganz frei ist. „Nach der Süden-Tour wollte ich raus aus der Musik, einfach nur weg“: Werner Schmidbauer hatte gerade vor 10 000 Menschen mit seinem musikalischen Weggefährten Martin Kälberer und Pippo Pollina in Verona gespielt. Danach war er auf der Flucht. Keine Lieder, keine Musik. Gelandet ist er in Istanbul, im Mekka der Kulturen und – natürlich – der Musik. Dort zwischen Asien und Europa, erzählt er, ist er eingetaucht, hat vier Tage lang musikalische Momente gesammelt, neue Ideen für neue Songs. Zuhause fragt er sich: „Wo bleibt die Musik?“ Er setzt sich hin – und produziert die Scheibe mit der Frage im Titel, sein vielleicht bestes Album.
Diese Geschichte erzählt Schmidbauer im Audimax, vor knapp 1000 Zuhörern. „Griaß eich“, sagt der verschmitzt lächelnde und gut gelaunte Schmidbauer, der auch mit weißem Haar und ein paar Pfund mehr auf den Hüften nichts von seinem pfiffigen Charme verloren hat. Und schon gar nichts an der unverwechselbaren Stimme, ebensowenig wie den von Martin Kälberer mitgeprägtem Sound.

„Dahoam“ in Regensburg
Der Münchner ist wieder „dahoam“ und meint damit auch Regensburg, wo er seine erste Live-CD aufgenommen hat, in der Mälze, vor noch überschaubarem Publikum. Jetzt spielt er in großen Hallen wie dem Audimax. „Schwer zu beschallen“, meint er lächelnd. Auch wenn eine intimere Stimmung besser zu Blues, Folk und den musikalischen Geschichten Schmidbauers passen würde: Es gelingt, die gute Stimmung von der Bühne ins Auditorium zu vermitteln.Mit „Ois is guat“ beginnt ein Abend, der auch einen Querschnitt aus 30 Jahren musikalischen Schaffens bietet. Das Hallengefühl verschwindet schnell, irgendwann fühlt man sich wie im Wohnzimmer und genießt die Poesie, den Humor und den Optimismus, den Schmidbauer mit seinem kongenialen Kumpel Kälberer auf der Bühne auslebt. Mit musikalischen Momenten, die einem guten Wein ähneln: je älter desto besser. Aber die jungen Augenblicke reifen zu Klassikern heran und werden genossen.

Ein Seelenstreichler
Schmidbauer ist ein Seelenstreichler, seine Handmade-Lieder eine Wohlfühlsammlung von schönen, poetischen, optimistischen und spaßigen Augenblicken. Er singt vom Süden, seiner Begegnung mit sich selbst („I bin dahi“), kramt in seinen Erinnerungen („Glück g’habt“), fordert dazu auf, den Refrain seiner Hommage an Nelson Mandela auf Suaheli zu singen. Auch Istanbul bekommt seine Liebeserklärung, und Schmidbauer erinnert mit seinem „Strandlied“ an die Zeit, als er, 21 Jahre jung, als Surflehrer im fernen Afrika unterwegs war. Multiinstrumentalist Martin Kälberer steuert magische Momente bei. Etwa mit seinem Hang, das an einen zusammengeschweißten Doppel-Wok in d-Moll erinnert. Zwischen den Noten plaudert Schmidbauer, etwa über seinen Kassettenrekorder, auf dem sein Lieblingshit „One“ von U2 bis zum finalen Bandsalat lief. Klare Sache, dass er ihn auf Bairisch vertont hat.
Toller Auftritt von Valerie McCleary
Das Beste zum Schluss: Valerie McCleary, in Belfast geboren, des Bairischen mächtig und schon Ende der 1970er Jahre mit Schmidbauer und Ecco Meineke als Trio Folksfest auf Tour, später mit den SchmidbauerS auch in Regensburg. Sie feiert am Konzertabend ihren 68. Geburtstag. Ihr Wunsch: Zuhören im Audimax. Der Wunsch ging in Erfüllung, allerdings auf der Bühne. Da stand sie nun zwischen Kälberer und Schmidbauer, sang wie in alten Zeiten mit einer Bluesstimme zum Niederknien. Das taten die Zuhörer in Regensburg allerdings nicht. Sie standen lieber auf. Am Ende gab es Standing Ovations für Werner Schmidbauer und Martin Kälberer (und Valerie), die das mit einem „Wow“ kommentierten. Mittelbayerische Zeitung, 12.1.2015

 

 

KONZERT DES JAHRES 2014

Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2014 in der Mälze ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2014 heißt: LA BRASS BANDA (zum zweiten Mal nach 2009) - vor FIVA & BAND, DEAR READER, JAMARAM und HENRIK FREISCHLADER. Gratulation in den Chiemgau. Vielen Dank an die vielen Teilnehmer, die sich bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2013 beteiligt haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.

Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013), La Brass Banda (2014)

 

 

Ein Punker in Nadelstreifen
Vielen Dank für die Blümeranz: Herr Nagel sieht harmlos aus. Das täuscht, wie jetzt in Regensburg zu erleben war.

Von Florian Sendtner, MZ

Regensburg Woran erkennt man einen Punk? Am giftgrünen Hahnenkamm? An den akkurat zerrissenen Klamotten, am Anarcho-A? Alles falsch! Punk ist eine innere Haltung.
Es gibt astreine Punks in Nadelstreifen, es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass der derzeitige Papst in seiner weißen Soutane ein heimlicher Punk ist, während so mancher, der im perfekten Punk-Dresscode daherkommt, in Wahrheit eine Spießer- und Krämerseele ist. Und es gibt Ausschlusskriterien: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass eine Milliardärin, die sich die Haare blau färbt, ins Punkerparadies eingeht.
Das muss man wissen, wenn man auf eine Lesung von Herrn Nagel geht. Der Mann ist nämlich konventionell gekleidet: Anzug und Hemd, und er gebärdet sich auch nicht irgendwie rebellisch. Sondern sitzt ruhig da in der Kellerbar der Alten Mälzerei, zeigt Fotos von seinen Reisen auf der Leinwand und erzählt und liest selbst erlebte Geschichten dazu. Die Geschichten fangen teilweise auch noch harmlos an, wie die Story aus dem Wiener Nobelhotel, in dem alles so bemüht auf „jung-vital-individuell-vernetzt“ getrimmt ist, dass Herrn Nagel allmählich dämmert, in welcher Falle er hier gelandet ist: in der Jetset-Business-Punk-Falle. Selbst im Aufzug steht auf der Fußmatte noch der umwerfende Gag: „claustrophobic therapy center“. Die natürliche Reaktion eines echten Punks – nicht auf den Aufzug, sondern auf die Fußmatte – ist der Fluchtreflex: Wo ist denn hier der Notausgang?
Subtile Töne statt knalliger Pointen
Ein Punk ist jemand, der spürt, wenn eine Umarmung in Wirklichkeit ein Schwitzkasten ist. Ein schreibender Punk wird misstrauisch, wenn er in der Presse als „Anarchoautor“ bezeichnet wird. Herr Nagel wirft den Zeitungsausschnitt belustigt an die Wand. Davon wird ihm eher blümerant. Der Sänger und Gitarrist der Punkband Muff Potter (seligen Angedenkens), der mit „Wo die wilden Maden graben“ (2007) und „Was kostet die Welt“ (2010) bereits zwei Romane vorgelegt hat, ist in seinen Texten nicht auf knallige Pointen aus. Er pflegt die leisen, subtilen Töne. Nagel erzählt von der Studentin, die ihn in Vancouver auf der Straße anspricht und ihm als erstes ihre Spiegelreflexkamera schenkt. Vorsicht, denkt er sich, die hat einen Hau. Aber er rennt nicht gleich davon, und es stellt sich raus: die Frau hat Gründe für ihr seltsames Verhalten. Auch in Kiew, Istanbul und New Orleans betreibt Herr Nagel ethnologische Studien. Doch der definitive Abschuss ist Gießen.
„Hessen is a place on earth“ ist eine göttlich-gottlose Abrechnung mit den evangelikalen Kleinstadtfundamentalisten, die es jederzeit mit der Scharia-Polizei aufnehmen können. Der wunderbare Text wird im März in Herrn Nagels neuem Buch erscheinen, Info: www.nagel2000.de. Mittelbayerische Zeitung, 19.12.2014

 

 

Und noch ein Lebenshilfewalzer in Moll
Die am meisten überschätzte Band Bayerns: „Kofelgschroa“ in der Alten Mälzerei in Regensburg. Die Fans jubeln. Warum nur?


Von Florian Sendtner, MZ

Regensburg Kofelgschroa ist „die hinreißendste Band Bayerns“, schwärmt die Muh jetzt wieder. Die vier jungen Musikanten aus Oberammergau „verkörpern so etwas wie die samtene Revolution in der Volksmusik“, jubelte die Zeitschrift für „bayerische Aspekte“ bereits 2012: „Die Schöngeister der modernen Volksmusik könnten schon lange viel mehr sein als der ewig heiße Tipp“ – wenn sie nur wollten. Nachdem soeben ihre zweite Platte erschienen ist („Zaun“, Trikont), spielten sie am Sonntag auf Einladung der Buchhandlung Dombrowsky in der ausverkauften Mälzerei.
Anselm Grün im Tourbus
Doch was im mollig warmen Muh-Milieu gleich als „Oberland und Underground“ gehandelt wird, als „musikalische Ursuppe zwischen dem Existenzialismus des Montmartre und der Lebensfreude Südosteuropas“, entpuppt sich bei näherem Hinhören als bodenständige Blaskapelle von vier kreuzbraven Burschen, die sich für jedes halbwegs flottere Stück umgehend mit zwei tranigen, ziagerten und vor allem: schwerphilosophischen Liedern bestrafen müssen.
Da spielen sie zur Begrüßung gleich das beste Stück von der neuen Platte, dessen Text nur immer das Lamento „Und dann warn wieda Leit do / und dann hat’s ma wieda leid do“ wiederholt, und das in einem zündenden Drive, angetrieben von Martin von Mückes unermüdlicher Basstuba. Aber wie das so ist in Oberammergau – die Buße für jede noch so unschuldige Ausschweifung folgt auf dem Fuß, hier in Gestalt der Songs „Mainzelmo“ und „Blume“, bei denen einem musikalisch die Füße einschlafen, vom Text ganz zu schweigen. „Und jeda Dog sollt a Gschenk sei, / aber ned oiwei sieg i’s ei – ob’s war a Rucksack oder Gschenk, / seng ma nach wenn ma gstorbn sen.“ Existenzialismus des Montmartre? Naja, im Tourbus von Kofelgschroa liegt, wie in dem Dokumentarfilm mit dem aufgeblasenen Titel „Frei.Sein.Wollen“ zu sehen ist, Erbauungsliteratur von Anselm Grün.
Ein Lebenshilfewalzer
Oder der wunderbar kirremachende Rap „I sog ned aso, und i sog ned aso, ned dass irgendwer song kunnt, i sog so oder so“. Und dann wie die Faust aufs Auge der Titelsong der neuen CD: ein moralisch triefender Lebenshilfewalzer in Moll, ein Klagelied über Zäune und Mauern, die Menschen voneinander trennen, dass einem die Tränen kommen – geht’s noch angepasster? Von wegen samtene Revolution – in Oberammergau gilt man halt schon als umstürzlerisch, wenn man im Trachtenverein vorschriftswidrig ohne Wadlstrümpf erscheint oder statt dem braunkarierten Einheitshemd ein hellblaukariertes trägt. Mittelbayerische Zeitung, 8.12.2014

 

Konzert des Jahres 2014
Nach THE NOTWIST im letzten Jahr bieten wir für 2014 zur Auswahl: Die Goldenen Zitronen, Hans Söllner, Willy Michl, Dear Reader, Jahcoustix, Käptn Peng, Mathias Kellner, Che Sudaka, Peter Pan Speedrock, Manel, König Leopold, Iriepathie, Rhino Bucket , Tram Des Balkans, Phrasenmäher, Bratsch, Rainer Von Vielen, GlasBlasSing Quntett, Adjiri Odametey, Monsters Of Liedermaching, Simeon Soul Charger, Jamaram, Mothers Finest, AMI, Jens Friebe, Chris Columbus, Judith Holofernes, Henrik Freischlader, MarieMarie, The Aggrolites, Die Nerven, Young Chinese Dogs, The Ex, Dota & Band, Ganes, La Brass Banda, Fiva & Band, Kofelgschroa, Kellner, und viele andere. Unter den Meldungen KONZERT DES JAHRES 2014 per email info@alte-maelzerei.de verlosen wir wieder Freikarten, CDs, etc.

Konzerte des Jahres 1996 bis 2013:
Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King’s X (2000), Maceo Parker (2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor The Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013)

 

Kraftvoll und federleicht
Die Junior Company des Bayerischen Staatsballetts zeigte beim Finale der Regensburger Tanztage absolute Perfektion.


Von Thomas Göttinger, MZ

Regensburg „Ein glücklicher Tänzer ist ein tanzender Tänzer.“ Münchens Ballettdirektor Ivan Liška brauchte am Sonntagabend im Velodrom nicht viele Worte, um den Zweck der Junior Company seines Bayerischen Staatsballetts auf den Punkt zu bringen. Den hoch talentierten und handverlesenen Nachwuchs vorzubereiten auf die Spitzen-Compagnien dieser Welt, ihn „einsatzbereit“ zu machen, wie Liška sagte, und ihn gleichzeitig Bühnenerfahrung sammeln zu lassen, darum geht es. Dass die jungen Damen und Herren zwischen 18 und 21 Jahren schon jetzt auf verdammt hohem Niveau unterwegs sind, reicht eben nicht – absolute Perfektion ist das Ziel!
Na ja, viel fehlt da nicht mehr. Die gerne auch mal mit „Staatsballett II“ betitelte Truppe hat zum Abschluss der Tanztage in Regensburg jedenfalls ein tänzerisches Feuerwerk sondergleichen abgebrannt. Ein funkensprühender Streifzug durch den Choreografien-Kanon war’s, zwei Stunden wie aus dem Lehrbuch, nur deutlich unterhaltsamer, aufregender, faszinierender.
Spiel von Anziehung und Abstoßung
Schon der Auftakt mit Hans van Manens „Concertante“ machte Staunen. Die der Choreographie eigene Mischung aus Humor und Aggressivität, vor allem aber die feine Ironisierung der Geschlechterrollen, mit der van Manen, immerhin Mitbegründer des „Nederlands Dans Theaters“, jongliert, gelang bis in kleinste Gesten hinein vorzüglich. Eine wunderbare Mischung aus Kraft, ja Gewalt, und Leichtigkeit tat sich da auf, ein hoch virtuoses Spiel aus Anziehung und Abstoßung, das federleicht serviert wurde und immer wieder auch die Vergänglichkeit tänzerischer Momentaufnahmen erfahrbar machte.
Mussorgskys Zyklus „Bilder einer Ausstellung“ geht natürlich da in eine ganz andere Richtung, erst recht, wenn, wie in der Gemeinschaftschoreographie von Norbert Graf, Ayman Harper und Ivan Liška, die Gemälde und Zeichnungen von Viktor Hartmann, die Mussorgsky im Kopf hatte, durch Werke aus dem 20. Jahrhundert ersetzt werden. Roy Liechtenstein, Joseph Beuys, Yves Klein, Pablo Picasso, Jackson Pollock oder Jeff Koons getanzt – auch das funktionierte am Sonntag ganz ausgezeichnet. Bissig, witzig, mitunter auch brachial oder exaltiert arbeitete sich das Ensemble durch die Bewegung gewordenen Bilderwelten, bewies, dass selbst im „Fat Suit“ oder im Raumanzug Tanz nicht nur möglich, sondern auch eindrucksvoll ist.
Schwanensee verhohnepiepelt
Nach so viel Zeitgenössischem gab’s nach der Pause einen Abstecher in den Neoklassizismus George Balanchines. Seine berühmte Kurzchoreographie „Valse Fantaisie“, ein Hochfest puren Tanzes, noch ganz in der Tradition verhaftet, aber das Bewegungsrepertoire schon deutlich öffnend, wurde da einmal mehr mit bezwingender Schwerelosigkeit und grandioser Akkuratesse auf die Bühne gebracht. Als scharfer Kontrast dazu schließlich Nacho Duatos „Jardi Tancat“ nach katalanischen Liedern von Maria del Mar Bonet, archaisch, kraftvoll und ohne jede folkloristische Anwandlung umgesetzt.
Das Publikum zum Rasen gebracht hatte kurz zuvor freilich die kultivierte Verhohnepiepelung des Balletts aller Ballette, Tschaikowskys „Schwanensee“ nämlich. In seiner Choreographie „Intuition Blast“ entwickelt Ralf Jaroschinski nämlich aus dem Walzer des ersten Aktes einen verdammt verzwickten „Pass de deux“ für zwei Kerle, der längst weltweit zum Renner wurde. Derart verschmitzt, ja lausbubenhaft, wie ihn Alexander Bennett und Simon Jones im Velodrom zelebriert haben, in dieser köstlichen Mischung aus jugendlicher Überheblichkeit und Unsicherheit, aus Prahlerei und Peinlichberührtsein bekommt man ihn freilich nur selten zu sehen.
Kein Wunder also, dass die Zuschauer am Sonntag aus dem Häuschen waren, als schlussendlich auch noch der zur Choreographie gehörende „Tanz der vier kleinen Schwäne“ aus dem zweiten Akt drauf gesetzt wurde. Ach ja, kleine Schwäne – was für ein schönes Bild für diese Junior Company! Mittelbayerische Zeitung, 1.12.2014

Resümee 2014: Acht Veranstaltungen und alle acht ausverkauft – das muss den „Regensburger Tanztagen“ erst mal ein anderes Festival nachmachen. Organisator Hans Krottenthaler zeigte sich im Gespräch mit der MZ denn auch hoch erfreut über die Resonanz und zog eine rundweg positive Bilanz der Tanztage 2014. Was Krottenthaler besonders begeistert: das Publikum. „Es gibt in Regensburg ein großartiges Publikum für Tanz“, sagt er. „Es ist ein unglaublich tanzbegeistertes Publikum, wie es sehr selten vorkommt.“ Und das sei etwas, dass auch die Gast-Compagnien von außerhalb spürten. Vor allem aber sei es ein sehr heterogenes Publikum, nicht die üblichen Verdächtigen eben, darf man schlussfolgern, eines, das laut Krottenthaler auch schon mal bis aus Passau, Landshut oder Neumarkt anreist.

Die Tanztage 2015: Bei dem enormen Zuspruch den die Tanztage erfahre drängt sich für den Mälze-Chef nun die Überlegung auf, mit Veranstaltungen auch über das Festival hinaus zu gehen. Das ist natürlich zuallererst eine finanzielle Frage, jedoch kann Krottenthaler sich vorstellen, dass große Compagnien bei Lücken im Tourneeplan auch für etwas kleineres Geld zu haben seien. Ein erstes Gespräch dazu hat es offenbar schon gegeben. (ttg)

Köstliches Spiel mit Kopfkondom
Ein reicher Abend: Die Aids-Tanzgala in Regensburg präsentierte mitreißende Produktionen. Der Beifall wollte kaum enden.


Von Michael Scheiner, MZ

Regensburg Von Pas de deux zu Pas de deux, von Kompanie zu Kompanie, bei der Aids-Tanzgala konnte sich das hellauf begeisterte Publikum kaum mehr entscheiden, wie der Beifall noch zu steigern wäre. Auch Moderator Ivica Novakovic wiederholte ein ums andere Mal: „Einfach toll, oder?!“.
Die 12. Ausgabe des Spendenevents war bis zum Rand prall gefüllt mit mitreißenden Choreografien, packenden Emotionen, sinnlichen und humorvollen Eindrücken und von einer tänzerischen Qualität, bei der man sich zeitweise kaum vorstellen konnte, dass sie zu toppen wäre.
Dabei fiel gleich das erste Duo, eine Uraufführung von Yuki Mori, ins Wasser, weil die Tänzerin Pauline Torzuoli krankheitsbedingt ausfiel. Statt das Duo einfach zu streichen, fühlte sich der Regensburger Ballettchef herausfordert. Innerhalb von nur vier Tagen entwickelte er eine neue, fesselnde Choreografie zu Mozarts Klavierkonzert Nr. 21, die er auch noch selbst mittanzte. Zwischen heftig wirbelnder Exaltiertheit und zarten Momente voller Innigkeit überwältigte der Pas de deux mit emotionaler Wucht. Zwar merkte man dem Tanz hie und da an, dass er mit heißer Nadel gestrickt worden war, doch das wertet die unglaubliche künstlerische und tänzerische Leistung um kein Jota ab.
Solo zu kühler Tropfenmusik
Der musikalisch-klangliche Kontrast zu „The Memory of Water“ war enorm. Zur novemberkühlen elektronischen Tropfenmusik „Miss You“ von Trentemollar tanzte die 41-jährige Kroatin Masa Kolar, die auch die Choreografie entwickelt hat, ein athletisches Solo. Zwischen introspektiven Traumfiguren und kraftvoller Tugendhaftigkeit setzte sie Akzente mit traditionellen Ballettschritten. „Keine Fuge gleicht der anderen…“ erschien als Textprojektion zur „Kunst der Fuge“ von Bach, zu der Alexandra Karabelas „A.s Round Dance“ choreografiert hat. Marie Lykkemark und Tina Essel tanzten den Pas de deux, der spannungsvoll um Anziehung und Abstoßung, Selbstdarstellung und Identitätsfindung kreist. Mit Karabelas war erstmals eine regionale Künstlerin eingeladen, um den Blick in die Ferne zurück zu lenken. „Zudem passt es zum Thema Partnerschaft, unter dem das Theaterjahr steht“, unterstrich Novakovic in seiner Ansage.
Packend und voller Dramatik waren die drei Duette aus „Peer Gynt“, einer Choreografie von Stijn Celis für das Tanzensemble des Saarländischen Staatstheaters. Begeistert wurde auch ein Ausschnitt aus Yuki Moris „Don Quijote“ aufgenommen. Zur minimalartigen Klaviermusik von Ludovico Einaudi zog das Regensburger Tanzensemble die Zuschauer unwiderstehlich in eine grau-blaue Traumwelt des verliebten Singles Don Quijote.
Leichtfüßig und verträumt
Nach der Pause schossen Fabien Prioville, der bei Pina Bausch getanzt hat, und Pascal Merighi mit ihrem umwerfend komischen „Experiment on Chatting Bodies“ den Vogel ab. Zwischen plakativer Machoattitüde und einem köstlichen Spiel mit Kopfkondom – über den Kopf gezogenen und aufgeblasenen Plastiktüten – entfalteten die großartigen Tänzer eine fast stofflich spürbare, mitreißende Präsenz.
Dagegen hatte es die nicht weniger beeindruckende Iratxe Ansa aus Barcelona mit der Uraufführung von „El Sonido de mi Cuerpo en la Quietud“ (Der Klang meines Körpers in der Stille) etwas schwer. Zu elegischer Musik von Max Richter ging die gebürtige Baskin mit kunstvoller Ungelenkheit, rasend-manischen Gesten und grotesker Überzeichnung bis an die Grenze einer schmerzhaften Beklemmung: eine tief beeindruckende Auseinandersetzung mit Schizophrenie.
Leichtfüßig, heiter und verträumt schwebend tanzte das bunt gekleidete Paar Tamako Akiyma und Dimo Kirilov Milev (Choreografie „Aimless“) zu einer wunderbaren Rumba des Gitarristen Marc Ribot. Köstlich war das aus dem Off trocken und pointiert kommentierte Duett aus „Cacti“ (Choreografie: Xin Peng Wang) zu Musik von Joseph Haydn, absolut hinreißend getanzt von Risa Tateishi und Arsen Azatyan vom Ballett Dortmund.
Den Abschluss des reichen Tanzabends im Velodrom bestritt die Schweizerin Olive Lopez mit dem Solo „Slapdash“ des Niederländers und Forsythe-Schülers Maurice Causey – eine weitere Uraufführung. Mittelbayerische Zeitung, 1.12.2014

 

Uthoffs Munition sind knallharte Fakten
„Der Anwalt“ teilt in Regensburg aus. Mit Präzision und gnadenlos zugespitzt entlarvt er Politikerphrasen und Propaganda.
Von Flora Jädicke, MZ

Regensburg Im Dunkel des Antoniushauses quäkt nerventötend ein Megafon. Der Mann, der es hält, klopft Sprüche, einer hohler als der Andere. „Der soziale Friede ist ein hohes Gut“ oder: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Das Wesentliche ist unsichtbar, ist nicht Teil der Straßenverkehrsordnung, sagt Max Uthoff.
In kurzer, knapper Folge knattern die Phrasen schrill durch den Saal. Fast hat man das Gefühl, überrollt zu werden von einem Schwall weichgespülter vermeintlicher Wahrheiten, die Politiker, Wirtschaftsbosse und Medien jahraus, jahrein in deutsche Köpfe trichtern. „Wer immer dasselbe sagt, hat Recht“, sagt Uthoff im voll besetzten Saal. Wirklich? Das bedarf dringend einer Gegendarstellung. Unter diesem Titel tritt Max Uthoff, vielen bekannt als Anwalt aus der ZDF-Show „Die Anstalt“, in seinem neuen Soloprogramm in Regensburg an.
Leise, scharf und knallhart brillant
Für die „Gegendarstellung“ greift der Jurist und ehemalige Rechtsanwalt auf Fakten zurück, die Politiker und Medien nur allzu oft vorenthalten. Der smarte Endvierziger im schwarzen Anzug, der so aussieht, als habe er den Gerichtssaal eben erst verlassen, klagt an. Dabei macht er vor nichts halt: nicht vor den medialen Entgleisungen sogenannter Qualitätsmedien, nicht vor gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und auch nicht vor den Auswüchsen in der politischen Kaste.
Dabei könnte die Welt so einfach sein. „Welch hopfenumrankte Freude könnten wir täglich in den Nachrichten erleben, würden sich nicht immer die schwächlichen Rhesusäffchen anderer Parteien dem natürlichen Führungsanspruch des Silberrückens aus Ingolstadt entgegenwerfen?!“ Uthoff will aufklären, sich gemeinsam mit dem Publikum den „Obszönitäten der herrschenden Klasse“ entgegenstellen und Zweifel säen am Diktat der falschen Harmonie.
Der Kabarettist macht seine Sache leise. Das große Tamtam der Comedy ist nicht sein Stil, wohl aber knallharte Analyse und die scharfe Zuspitzung in fein geschliffenen Worten. Messerscharf seziert er die deutsche Parteienlandschaft. Uthoff nennt die Grünen die zurzeit größte Kriegstreiberpartei Deutschlands, die SPD eine „Sammelbewegung zur Proletarier-Demütigung, Sigmar Gabriel „to big to fail“, und Angela Merkel eine Concierge in einer Bundesregierung, die zwar noch so heiße, aber längst in eine Stiftung überführt worden sei. „Dort sorgt sie nun peinlich genau dafür, dass die in den oberen Etagen nicht gestört werden von denen in den unteren.“
Bei näherem Hinsehen wenig lustig
Auch Joachim Gauck, die alte „Präsidentenhaubitze aus Rostock“, bleibt nicht verschont. Im Gegenteil: Der preisgekrönte Kabarettist sorgt sich um die Debatte in der deutschen Außenpolitik und um Gaucks Forderung nach mehr Bundeswehreinsätzen. „Wieso ist es eigentlich normal, wenn wir wieder mitschießen?“, fragt Uthoff und legt schonungslos die Verstrickungen von Waffenexporten und Politik offen. Aber er sieht auch Licht am Ende des Tunnels. In der Anstellung des ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Dirk Niebel als Lobbyist bei Rheinmetall etwa: „So eine Pfeife in der Rüstungsindustrie, ist vielleicht die letzte Chance für den Pazifismus.“
Max Uthoffs Sarkasmus sorgt immer wieder für schallendes Gelächter. Aber vielen erstirbt das Lachen auch im Hals. Denn was Uthoff penibel recherchiert hat, ist bei näherem Hinsehen alles andere als lustig. Ausgerechnet ein Grüner Ministerpräsident (Winfried Kretschmann) habe die Menschenrechte (Sinti-und-Roma-Abschiebung) der Mülltrennung zugeführt und das Verständnis vieler Deutscher für Flüchtlinge in der Nachbarschaft halte sich in den Grenzen von 1937. Die Mini-Opposition der Linken im Bundestag müsse sich von Wolf Biermann ansingen lassen – „einst Regimekritiker, heute Regierungsbarde“. Und mancher würde Gerhard Schröders Wirtschaftsderegulierung und nachhaltigen Hartz-IV-Systemumbau gerne als Treppenwitz der Geschichte abtun. Aber Uthoffs Munition sind Fakten. Glasklar in der Sprache und hoch unterhaltsam katapultieren sie den Geist aus der Komfortzone des Denkens. Ein Kabarettabend mit Max Uthoff ist definitiv das Ende der Gemütlichkeit in deutschen Oberstübchen. Atemberaubend gut! Mittelbayerische Zeitung, 29.11.2014

 

Uthoffs Munition sind knallharte Fakten
„Der Anwalt“ teilt in Regensburg aus. Mit Präzision und gnadenlos zugespitzt entlarvt er Politikerphrasen und Propaganda.


Von Flora Jädicke, MZ

Regensburg Im Dunkel des Antoniushauses quäkt nerventötend ein Megafon. Der Mann, der es hält, klopft Sprüche, einer hohler als der Andere. „Der soziale Friede ist ein hohes Gut“ oder: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Das Wesentliche ist unsichtbar, ist nicht Teil der Straßenverkehrsordnung, sagt Max Uthoff.
In kurzer, knapper Folge knattern die Phrasen schrill durch den Saal. Fast hat man das Gefühl, überrollt zu werden von einem Schwall weichgespülter vermeintlicher Wahrheiten, die Politiker, Wirtschaftsbosse und Medien jahraus, jahrein in deutsche Köpfe trichtern. „Wer immer dasselbe sagt, hat Recht“, sagt Uthoff im voll besetzten Saal. Wirklich? Das bedarf dringend einer Gegendarstellung. Unter diesem Titel tritt Max Uthoff, vielen bekannt als Anwalt aus der ZDF-Show „Die Anstalt“, in seinem neuen Soloprogramm in Regensburg an.
Leise, scharf und knallhart brillant
Für die „Gegendarstellung“ greift der Jurist und ehemalige Rechtsanwalt auf Fakten zurück, die Politiker und Medien nur allzu oft vorenthalten. Der smarte Endvierziger im schwarzen Anzug, der so aussieht, als habe er den Gerichtssaal eben erst verlassen, klagt an. Dabei macht er vor nichts halt: nicht vor den medialen Entgleisungen sogenannter Qualitätsmedien, nicht vor gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und auch nicht vor den Auswüchsen in der politischen Kaste.
Dabei könnte die Welt so einfach sein. „Welch hopfenumrankte Freude könnten wir täglich in den Nachrichten erleben, würden sich nicht immer die schwächlichen Rhesusäffchen anderer Parteien dem natürlichen Führungsanspruch des Silberrückens aus Ingolstadt entgegenwerfen?!“ Uthoff will aufklären, sich gemeinsam mit dem Publikum den „Obszönitäten der herrschenden Klasse“ entgegenstellen und Zweifel säen am Diktat der falschen Harmonie.
Der Kabarettist macht seine Sache leise. Das große Tamtam der Comedy ist nicht sein Stil, wohl aber knallharte Analyse und die scharfe Zuspitzung in fein geschliffenen Worten. Messerscharf seziert er die deutsche Parteienlandschaft. Uthoff nennt die Grünen die zurzeit größte Kriegstreiberpartei Deutschlands, die SPD eine „Sammelbewegung zur Proletarier-Demütigung, Sigmar Gabriel „to big to fail“, und Angela Merkel eine Concierge in einer Bundesregierung, die zwar noch so heiße, aber längst in eine Stiftung überführt worden sei. „Dort sorgt sie nun peinlich genau dafür, dass die in den oberen Etagen nicht gestört werden von denen in den unteren.“
Bei näherem Hinsehen wenig lustig
Auch Joachim Gauck, die alte „Präsidentenhaubitze aus Rostock“, bleibt nicht verschont. Im Gegenteil: Der preisgekrönte Kabarettist sorgt sich um die Debatte in der deutschen Außenpolitik und um Gaucks Forderung nach mehr Bundeswehreinsätzen. „Wieso ist es eigentlich normal, wenn wir wieder mitschießen?“, fragt Uthoff und legt schonungslos die Verstrickungen von Waffenexporten und Politik offen. Aber er sieht auch Licht am Ende des Tunnels. In der Anstellung des ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Dirk Niebel als Lobbyist bei Rheinmetall etwa: „So eine Pfeife in der Rüstungsindustrie, ist vielleicht die letzte Chance für den Pazifismus.“
Max Uthoffs Sarkasmus sorgt immer wieder für schallendes Gelächter. Aber vielen erstirbt das Lachen auch im Hals. Denn was Uthoff penibel recherchiert hat, ist bei näherem Hinsehen alles andere als lustig. Ausgerechnet ein Grüner Ministerpräsident (Winfried Kretschmann) habe die Menschenrechte (Sinti-und-Roma-Abschiebung) der Mülltrennung zugeführt und das Verständnis vieler Deutscher für Flüchtlinge in der Nachbarschaft halte sich in den Grenzen von 1937. Die Mini-Opposition der Linken im Bundestag müsse sich von Wolf Biermann ansingen lassen – „einst Regimekritiker, heute Regierungsbarde“. Und mancher würde Gerhard Schröders Wirtschaftsderegulierung und nachhaltigen Hartz-IV-Systemumbau gerne als Treppenwitz der Geschichte abtun. Aber Uthoffs Munition sind Fakten. Glasklar in der Sprache und hoch unterhaltsam katapultieren sie den Geist aus der Komfortzone des Denkens. Ein Kabarettabend mit Max Uthoff ist definitiv das Ende der Gemütlichkeit in deutschen Oberstübchen. Atemberaubend gut! Mittelbayerische Zeitung, 29.11.2014

 

 

Körperpoesie zum Niederknien
Preisträger des Festivals Stuttgart überzeugen am Regensburger Uni-Theater: sinnlich, verspielt und schwerelos.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Weit aufgerissene Augen, Entsetzensschreie, mindestens ein Blutbad – und wenn es gut geht, sinkt die gejagte Frau am Ende blutverschmiert in die Arme ihres Retters. Ein großer Teil konventioneller Horrorfilme läuft nach ähnlichem Muster ab. In jüngster Zeit tauchen häufiger Frauen entweder als „final girls“ auf, die über ihre Peiniger triumphieren, oder gar als weibliche Bösewichte. Die finnische Tänzerin Annamari Keskinen knüpft in „Cold Bright She“ (Choreografie: Shannon Gillen) immer wieder an diese Rollenverteilung an. Unterlegt von Gänsehaut evozierenden Klängen tanzt sie gehetzt über die Bühne im Uni-Theater, stürzt, hält mitten in der Bewegung inne und wechselt blitzschnell in eine Zeitlupenbewegung. Das ist der Moment im Horrorkino zwischen dem Entdecken des Verfolgers und dem Realisieren, wie ausweglos die Lage ist. Die Frau, das Opfer, sitzt in der Falle.
Annamari Keskinen stellt solche Szenarien, herbeigeführt durch eingeblendete Textabschnitte, die auf Filme wie „Psycho“ hinweisen, oft ganz explizit dar. Bewegung, Ausdruck, mimische und gestische Darstellung verbinden sich zu einem Moment der Pein und des Grauens. Mit zwei Schritten löst die Tänzerin solche szenischen Spots auf. Sie geht raus und dreht sich mit einer Pirouette erneut in einen Wirbel schneller, abstrakter Abläufe, Stürze und Erhebungen und unvermuteter derb-schamloser Posen. Im Zusammenspiel von Text und Tanz werden typische Muster und damit letztlich strukturelle Machtverhältnisse deutlich und bewusst gemacht.
Zerbrechlich und deftig
Neben der mit einem dritten Preis ausgezeichneten Annamari Keskinen präsentierte die Solo-Tanznacht der Regensburger Tanztage weitere Preisträger – Choreografie und Tanz – des Stuttgarter Solo-Tanz-Theater-Festivals vom Frühjahr. Zwischen hochsensiblem Slapstick und pantomimischer Körperpoesie changierte das Solo „Nemek“ des israelischen Tänzers und Choreografen Tom Weinberger. Feiner Humor spielt mit, wenn er, auf Strümpfen und mit einer knielangen Hose bekleidet, kraftstrotzende, ängstliche, schüchterne Posen oder das Aus-der-Haut-Fahren ausprobiert. Er jongliert auf Zehenspitzen oder stapft wütend auf, um sich am Ende mit dem Oberarmen laut klatschend links und rechts ins Gesicht zu schlagen. „Nemek“ ist eine irrlichternde Reise durch emotionale Zustände, zerbrechlich, ausdrucksstark, deftig und hinreißend getanzt.
Eine Geschichte der Evolution
Dieses Fazit gilt im Grunde für alle Beteiligte des Abends, wobei die Französin Jann Gallois mit ihrem an Einsteins Formel erinnerndem Solo „P=mg“ und Jain Souleymane Kone aus Burkina Faso zu Recht den stürmischsten Beifall einfuhren. Gallois’ beeindruckende Vorstellung, wie sie sich abmüht, die nach unten zerrende Schwerkraft zu überwinden, um am Ende wacklig in der Senkrechten zu stehen, brachte ihr gleich zwei Preise ein. Den Publikumspreis – der ihr auch bei den Regensburgern Zuschauern sicher gewesen wäre – und den dritten Preis für die plastische und mitreißende Choreografie. „P=mg“ lässt sich als Geschichte der Evolution lesen, vom Bauchkriecher über die seitlich laufende Krabbe bis zum Zweibeiner, aber auch als individuelle Entwicklung vom Baby zum Erwachsenen. Elemente von Hiphop und Street Dance bringt der afrikanische Tänzer mit Formen traditioneller Tänze und ritueller Beschwörungen zusammen. Dabei beeindruckt Kone mit gleichermaßen kraftvollen wie sanftmütig-langsamen Bewegungen, die an einen buddhistischen Mönch denken lassen.
Hypnotisierende Magie
Musikalisch heftig ist der Einstieg des Kanadiers Josh Martin zwischen Noise, Punk und wuchtigem Metal in seinem Solo „Leftovers“. Bewegungen werden in lauter einzelne Abschnitte zergliedert und ruckartig-rhythmisch wieder zusammengesetzt. Es ist tatsächlich eine Performance von „hypnotisierender Magie“, wie die Stuttgarter Jury unter künstlerischer Leitung von Marcelo Santos geschrieben hatte. Die Jury hatte Martin ebenfalls zwei Preise – 1. Preis Choreografie, 2. Preis Tanz – zuerkannt. Eine gelungene Lichtregie und mystische Musik stützen die Vorstellung perfekt ab.
Dagegen fiel die ausgezeichnete griechische Tänzerin Loukiani Papadaki mit ihrem romantischen „Before panic, rest.“ fast ein wenig ab. Obwohl eindrucksvoll getanzt, wirkte die Adaption von Mythen aus der griechischen Sagenwelt mit Hirtenflöte, Trommel und „heilendem Wasserrieseln“ etwas folkloristisch. Dennoch – ein insgesamt enorm beeindruckender und bewegender Abend. Erste Sahne! Mittelbayerische Zeitung, 24.11.2014

 

 

Die Alte Mälzerei rockte inklusiv
Bei Rock’n Roses heizten Maria Reiser und Werkstattexpress, ein integratives Bandprojekt der Lebenshilfe, mächtig ein.

Regensburg „Kein Mensch ist perfekt“: Basierend auf dem Motto der Caritas-Kampagne aus dem Jahr 2011 entwickelten die Caritas und die Katholische Jugendfürsorge Regensburg ein Musikprojekt, bei dem junge und alte Musiker mit und ohne Behinderung mitwirken sollten. Zum vierten Mal fand nun am Freitag in der Alten Mälze ein Konzert von „Rock’n Roses“ statt. Der Name lehnt sich an die Heilige Elisabeth, die Patronin der Nächstenliebe, an, deren Namenstag der 19. November ist und die als Attribut eine Rose bei sich trägt. Daher findet auch das Konzert immer Mitte November statt. Die Bands kommen aus den unterschiedlichsten Stilrichtungen wie Soul, Funk, Rock und Pop, Hard Rock sowie Ska und Rock’n Roll. In den letzten Jahren spielten bereits Regensburger Vorzeige-Bands wie Michael Jackts Net und Sacco & Mancetti sowie Power Pack, die Band der offenen Behindertenarbeit der Caritas.
Nach den großen Erfolgen in den letzten Jahren heizten heuer Maria Reiser & Band sowie Werkstattexpress, ein integratives Bandprojekt der Lebenshilfe, und die Pater Rup Percussion Group vom Pater-Rupert-Mayer-Zentrum dem Publikum mächtig ein. Mit „Mia san guat drauf“ konnte der Werkstattexpress vor zwei Jahren einen viel beachteten Hit landen und sorgte mit seiner fetzigen Gute-Laune-Musik auch in der Alten Mälze für ordentlich Stimmung. „Man merkt die Lebensfreude und die Spontanität“, so eine Besucherin. „Es macht einfach unheimlich viel Spaß hier zu sein.“ Erst nach ordentlichem Beifall und einer Zugabe konnten die Musiker von Werkstattexpress die Bühne wieder verlassen.
„Musik bringt die Menschen zusammen“, erklärt Robert Seitz von der Caritas das Ziel von „Rock’n Roses“. Berührungsängste gab es hier nicht. Bei der Veranstaltung begegneten sich alle völlig unkompliziert und ungezwungen. Dazu kommt die hohe Qualität der Musik. „Das wird geschätzt. Die Hälfte der Leute kommt extra wegen der Bands und ist auch bereit dafür Eintritt zu zahlen“, so Konrad Kett von der Caritas. 2013 wurde das Projekt mit dem Integrationspreis des Bezirks Oberpfalz ausgezeichnet. Für die Zukunft hat man sich noch ein weiteres Ziel gesteckt: „Ich habe die Wunschvorstellung, dass alle „Rock’n Roses“ kennen. Das wäre toll“, so Bertin Abbenhues von der Katholischen Jugendfürsorge. (msc) 19.11.2014

 

 

Optimistisch-mitreißende Anamnese
Beim Jungen Tanz ragt Martina Feiertag mit ihrem Solo einsam heraus. Es ist regelrecht ansteckend, wie sie sich freitanzt.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. Ausgerechnet beim einzigen Pas de deux des Abends fangen die Tänzer mitten im Tanz auf einmal an zu sprechen, brechen einen Smalltalk über Weihnachten vom Zaun. Und dabei lässt sich der Zweikampf zwischen Antonia Cop und Daniele Varallo bis dahin sehr vielversprechend an. Doch mit dem Gequatsche diskreditiert sich ihr Pas de deux selbst, mit dem ersten Wort ist der Tanz tot.
Es ist schlimmer, als wenn ein Pantomime seine Bewegungen erklären würde. Die Münchner Iwanson Schule kann von Glück sprechen, dass sie mit ihrem zweiten Beitrag, dem Solo von Elien Rodarel, an diesem Abend ihre Ehre halbwegs retten kann.
„Junger Tanz – Publikumslieblinge“ – auch die beiden Darbietungen der Regensburger Tanzakademie Helene Krippner sind gerade mal was zum Aufwärmen. Sowohl das Trio Sina Ranker, Sophie-Charlotte Tilly, Amalia Darie als auch das Solo der letzteren warten mit ein paar witzigen Ideen auf, die auch gut umgesetzt sind, bleiben aber letztlich gefällig.
Und selbst die Salzburg Experimental Academy of Dance kommt trotz ihrer Truppenstärke (drei Tänzerinnen, vier Tänzer) und der epischen Länge ihres Stücks über einen Achtungserfolg nicht hinaus. Das Stück von Matija Ferlin ist eine ausgefeilte Tanzstudie über das Verhältnis von Individuum und Kollektiv und besticht durch geniale Einfälle: Die ganze Gruppe baut sich vor dem Publikum auf, jeder Tänzer hat zwei Pfauenfedern in der Hand und hält sich die Pfauenaugen vor die Augen – ein umwerfender Maskeneffekt. Auch wenn alle einer Vortänzerin nachtanzen, dabei aber keine synchrone Homogenität zustandebringen, sondern nur eine versetzte, von Synkopen durchsetzte Harmonie, das ist wunderbar. Letztlich aber ist „students of harmony“ zu erzählerisch, es fehlt die tänzerische Abstraktion.
Die konkurrenzlose Siegerin heißt Martina Feiertag von der Ballett-Tanz-Akademie Bonivento Dazzi in Regensburg, die mit ihrem Solo „Anamnese“ den Abend mühelos für sich entscheidet. Staksig-durchgedreht kommt sie auf die Bühne gestolpert, gehetzt von einer unsichtbaren Macht und einer hysterischen Musik, ein Hamster im Laufrad, ein Wrack von einem Menschen. Doch dann entledigt sie sich ihrer Schuhe, schmeißt die Handtasche weg, findet zu sich selbst, zu unvermutet sicheren und schönen Bewegungen. Vielleicht ist das Stück deshalb so unmittelbar überzeugend, weil es von keinem Choreographen stammt, sondern von Feiertag selbst. Der Tanz des Individuums gegen den Zwang von außen – es ist regelrecht ansteckend, wie Feiertag sich freitanzt. Mittelbayerische Zeitung, 18.11.2014

 

 

45 Minuten Glückseligkeit
Die Anton Lachky Company bei den Regensburger Tanztagen: Was die Belgier im Theater der Universität zeigten, war brillant.

Von Thomas Göttinger, MZ
Regensburg 45 Minuten können locker abendfüllend sein. 45 Minuten reichen mitunter zur Glückseligkeit. 45 Minuten – länger hat der Auftritt der „Anton Lachky Company“ am Sonntag bei den „Regensburger Tanztagen“ nicht gedauert.
Mehr war auch gar nicht nötig. Denn was die Truppe aus Belgien da im mal wieder ausverkauften Theater der Universität abgezogen hat, war von einer tänzerisch-choreografischen Brillanz, die manch anderer auch in drei Produktionen nicht zustande kriegt. Dabei war der Rahmen, in dem sich „Mind a Gap“ bewegte, äußerst reduziert: Eine leere Bühne, ein paar herabhängende Lampen, etwas Mozart, Verdi und Tschaikowsky sowie vier Tänzer (drei Männer, eine Frau) außer Rand und Band – fertig.
Halsbrecherisch und elegant
Das fabelhafte „Tonoland“, das sich da freilich auftat, strotzte geradezu vor Einfällen und Überraschungen. Angeregt vom Slapstick der frühen Stummfilme und/oder den halsbrecherischen Verrenkungen, Verbiegungen oder welchen körperlichen Unmöglichkeiten auch immer, die Mensch und Tier in einer ganzen Armada von Zeichentrickfilmen erstaunlicherweise regelmäßig überleben, kreierte Lachky einen nachgerade artistischen Tanzabend.
Natürlich waren da viel Klamauk und Albernheiten drin. Weil die aber gewissermaßen zum Konzept gehörten, weil sie zudem von einer phänomenalen tänzerischen Virtuosität getragen wurden und nicht zuletzt auch, weil Lachky eine feine Balance zwischen vollkommen überdrehten und poetischen Sequenzen hielt, spielte das schlichtweg keine Rolle. Im Gegenteil: Dieses rasante Wechselspiel aus kindlicher Unbekümmertheit und verdammt viel Professionalität bezog gerade daraus seinen ganz besonderen Zauber.
Rundweg begeistertes Publikum
Lachky ließ seinen Tänzern innerhalb klar abgezirkelter Grenzen darüber hinaus reichlich Freiheiten, die die unter anderem dazu nutzten, ihren Figuren Kontur und Seele zu geben. Ein paar kleine Sticheleien in Richtung klassisches Ballett durften schlussendlich in dem Ganzen auch nicht fehlen.
Am Ende wollte ein rundweg begeistertes Publikum das Ensemble zwar kaum mehr von der Bühne lassen, klar war aber auch: Mehr kann man einfach von einem Tanzabend kaum erwarten. 45 Minuten sind im Idealfall etwas für immer. Mittelbayerische Zeitung, 11.11.2014

 

 

Schwierige Wahl unter Kampf-Paaren
Die Regensburger Tanztage zeigten fünf neue Choreographien. Alexandra Karabelas stand am Ende als Preisträgerin fest.

Von Thomas Göttinger, MZ
Regensburg Am Ende ging die Entscheidung schon in Ordnung. Denn letztlich hat sich mit Alexandra Karabelas Choreographie „Hungry Butterflies 4“ genau jene Produktion durchgesetzt, die noch am ehesten bereit war, etwas zu riskieren, die über den eigenen Tellerrand blickte und das gute alte Paarbeziehungsthema in einen größeren politisch-gesellschaftlichen Kontext stellte. Kurzum: Am Ende hat es die Richtige getroffen, auch wenn in dieser Choreographie nicht alles preiswürdig war.
Die Regensburger Tanztage begannen am Freitag im ausverkauften Theater der Universität mit einem Live-Wettbewerb. Fünf Finalisten aus der Region bewarben sich um den erstmals in der Sparte Tanz vergebenen Kulturpreis der Rewag-Kulturstiftung – „ein Novum“, wie Stiftungsvorsitzender Dr. Klaus Schulz in seiner Begrüßung betonte.
Eine Expertenjury – Anke Hellmann, München, Anna Beke, München, Thomas Reher, Fürth, und die Regensburger MZ-Redakteurin Susanne Wiedamann – hatte die undankbare Aufgabe, im Anschluss den Sieger zu küren. Wichtig dabei: Es musste vor allem um die Qualität der Choreographie gehen und nicht primär um die der Tänzer. Der Preis verstand sich ausdrücklich als Choreographie- und nicht als Tanzpreis. So hatte es jedenfalls Organisator Hans Krottenthaler bereits im Vorfeld im Gespräch mit der MZ angekündigt.
Stark: „Leaving Traslooth 1-42“
Wäre das anders gewesen, man hätte wohl auch einen anderen Sieger gehabt. Unter rein tänzerischen Gesichtspunkten hätte nämlich das Choreografenkollektiv Nylea Mata Castilla und Eva Eger aus Regensburg mit „Leaving Traslooth 1-42“ die Nase vorn haben müssen. Deren Hauptprotagonisten loteten mit einem faszinierenden Ausdrucks- und Bewegungsrepertoire die Möglichkeiten menschlichen Seins zwischen Traum und Realität aus. Dumm nur, dass das Ganze abseits aller tänzerischen Qualitäten schon sehr im Abstrakt-Assoziativen stecken blieb. Konkreter, vor allem narrativer ging es da eindeutig bei den vier anderen Produktionen zu. Nicht nur die spätere Siegerin hatte sich ja für das doch schon etwas ausgelutschte Beziehungsthema entschieden. Bei Thea Sosanis Arbeit „Numb – Erstarrt“ waren es gleich drei Frauen und ein Mann, deren Beziehungen durchdekliniert und durchaus geschickt miteinander verwoben wurden, ohne einen freilich wirklich zu packen.
Das Kollektiv Claudia Kellnberger und Erik Grun setzte mit „In your head“ hingegen ganz auf die Zweierbeziehung und lieferte sicherlich die kompakteste, am meisten runde Choreografie des Abends ab, die allerdings auch viel zu gefällig, zu harmlos, ja – Verzeihung! – zu kleinmädchenhaft geriet.
Dankbar durfte man schließlich sein, dass bei Elisabeth Herrmanns und Ute Steingrebers „Flussbezüge“ ausnahmsweise kein Paar, sondern die Donau im Mittelpunkt stand. Was für ein grandioses Thema, dachte man, und war schließlich doch enttäuscht darüber, wie grandios es verschenkt wurde. Aus dem vielschichtigen Wechselspiel zwischen Mensch und Fluss wäre sicherlich mehr herauszuholen gewesen als ein paar nett-harmlose Uferszenen oder wenig eindringliche Bedrohungsszenarien. Stichwort Hochwasser und so.
Sperrig und kraftvoll
Bleibt also Alexandra Karabelas, die Preisträgerin. Multimedial ist ihr Ansatz, stark in Richtung Performance tendierend. Irritierend, ja sperrig kommt das daher. Die Choreographie macht es dem Zuschauer nicht leicht, wirklich Zugang zu finden, fordert einen und zieht doch gerade daraus ihre Stärke. Die zentrale Frage darin: Was geschieht mit einem Paar, mit Liebe und Lust, in einer Gesellschaft, in der Konsum und Teilnahmslosigkeit regieren, in einer Welt voller Gewalt und Unterdrückung? Das macht nicht unbedingt Spaß, trifft aber ins Schwarze, auch wenn ein höheres tänzerisches Niveau sicherlich genauso wenig geschadet hätte wie mitunter ein bisserl mehr Eindeutigkeit in den Bewegungen. Egal: Am Ende hat die spannendste und aufregendste Choreographie dieses Abends gewonnen. Mittelbayerische Zeitung, 10.11.2014

 

 

Karabelas gewinnt Kunstpreis Tanz
Die Regensburger Choreografin Alexandra Karabelas überzeugte die Jury bei der Tanzpreis-Endausscheidung mit „Butterflies 4“.

Regensburg. Zum ersten Mal vergibt die Regensburger Kulturstiftung der Rewag ihren mit 5000 Euro dotierten Kunstpreis in der Sparte zeitgenössischer Tanz. Nach einem aufregenden Tanzabend stand am Freitag kurz vor Mitternacht die Gewinnerin 2014 fest: Die Regensburger Choreografin Alexandra Karabelas hatte die vierköpfige Jury mit ihrem Tanzstück „Hungry Butterflies 4“ am meisten überzeugt. Der Tanzabend der fünf Finalisten des von der Rewag-Kulturstiftung ausgelobten Wettbewerbs fand als Eröffnung der 17. Regensburger Tanztage 2014 im ausverkauften Theater der Universität statt.
Die fünf Arbeiten von Thea Sosani, dem Choreografenkollektiv Elisabeth Herrmann und Ute Steinberger, dem Kollektiv Nylea Mata Castilla und Eva Eger, dem Kollektiv Claudia Kellnberger und Erik Grun sowie der Preisträgerin Alexandra Karabelas wurden von dem Publikum heftig gefeiert. Die Jury lobte die Vielseitigkeit der Arbeiten und des Tanzabends. Die überregionalen Experten Anke Hellmann (München), Anna Beke (München) und Thomas Reher (Fürth) sowie die Regensburger Journalistin Susanne Wiedamann hatten sich nach eigener Aussage die Entscheidung nicht leicht gemacht und lange kontrovers diskutiert.
Sie hätten sich nach langem Ringen für die Choreografie von Alexandra Karabelas entschieden, weil sie in „Hungry Butterflies 4“ das Beziehungsthema auf eine sehr andere und eigenständige Art aufgegriffen habe. Das multimedial aufbereitete Stück sei intelligent konstruiert, komplex und ermögliche durch seine Interdisziplinarität den Betrachtern viele Zugänge, fasste Anke Hellmann die Jurybegründung zusammen. Die Choreografin habe eine mutige Herangehensweise gezeigt, indem sie den Tanz in den aktuellen gesellschaftspolitischen Kontext stellte. Für die Kulturstiftung gratulierte Dr. Klaus Schulz. Der Preis wird am Mittwoch offiziell verliehen.
Alexandra Karabelas absolvierte die tanzwissenschaftlichen Diplom- und Masterstudiengänge in Weiterbildung („Tanzkulturen“) an der Universität Bern mit Schwerpunkt auf Narrativen Tanz. Von 2000 bis 2004 war sie beim Stuttgarter Ballett tätig. 2005 entstanden die ersten eigenen Choreografien. Bis heute entstanden mehrere Soli und Ensemblearbeiten sowohl für die Bühne als auch museale und andere öffentliche Räume. 2010 wurde ihr Solo „landscape, three of them“ ausgewählt für das „Secret Solo“-Programm in München.
„Hungry Butterflies 4“ ist der Epilog einer 2011 begonnenen Duett-Serie über das Paar. Karabelas’ neues Stück hat die aktuellen Kriege in der Welt zum Inhalt, zeigt Verstörung und Gewalt. Mittelbayerische Zeitung, 9.11.2014

 

 

Zum Abheben: Die Tanztage starten
Mehr als 30 Produktionen an zehn Tagen: Die Regensburger Reihe präsentiert ab 7. November junge, aufregende und hochkarätige Choreografien.


Von Thomas Göttinger, MZ
Regensburg. Es sei ein „sehr tänzerisches Festival“, ein „sehr tanzbetontes“, sagt Hans Krottenthaler und ist im nächsten Satz auch schon mittendrin im Programm der „Regensburger Tanztage 2014“. In einer Woche, am 7. November, starten sie. Mehr als 30 regionale, nationale und internationale Tanzproduktionen warten dann auf ihr Publikum, verteilt auf zehn Veranstaltungstage und vier Spielorte. Glaubt man Organisator Krottenthaler, dann gibt es gleich am Eröffnungswochenende zwei Highlights – ein regionales und ein internationales.
Tatsächlich beginnen die Tanztage in diesem Jahr mit einem Novum, mit etwas, dass es so bisher noch nicht gegeben hat und wohl auch nicht mehr so schnell geben wird. Die Kulturstiftung der REWAG verleiht ihren Kulturpreis heuer nämlich in der Kategorie Tanz. Bewerben konnten sich dafür Choreographen, „deren Produktionen freischaffend entstanden sind und die ihren Wohnsitz und Arbeitsmittelpunkt in Regensburg oder in unmittelbarer Umgebung haben“. Unter fünf Finalisten wird dann in einer Art „Live-Wettbewerb“ am 7. November von einer Fachjury der Preisträger gekürt. „Wenn man sich die fünf Finalisten anschaut, spiegelt sich da schon die Regensburger Tanzszene gut wieder“, verspricht Hans Krottenthaler.
Überhaupt die lokale Szene! Man den Tanztagen habe sich in den letzten Jahren auch die freie Tanzszene in der Stadt entfaltet, da ist sich Krottenthaler sicher. „Der Tanz läuft in Regensburg sehr gut“, sagt er. Mehr noch: In Regensburg gebe es tatsächlich ein Publikum für den Tanz, und das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft.

Einblick in die belgische Tanzszene
Lokal und regional ist zwar gut, der Blick über den Tellerrand hinaus auf das, was sich in Sachen Tanz weltweit so tut, darf andererseits aber nicht fehlen. Krottenthalers zweites Highlight ist denn auch am 9. November der erneute Zwischenstopp der „Anton Lachky Company“ in Regensburg. Lachky hat bereits im vergangenen Jahr das Publikum mit „Les Slovaks“ für sich eingenommen. Nun bietet er mit seiner Truppe einen tiefen Einblick in die ebenso aufregende wie lebendige belgische Szene.
Hans Krottenthaler gerät jedenfalls ins Schwärmen, wenn er von der Produktion spricht. Von einer „Supergruppe der belgischen Tanzszene“ erzählt er, von „lustigen Stücken voller Humor und Leidenschaft“. Lachky vereine in seiner Produktion „Tonoland“ gezielt „verschiedene Tänzer aus verschiedenen Compagnien“ und biete jedem einzelnen von ihnen „viel Spielraum für Improvisationen“. Ja, keine Frage, einem den Mund wässrig machen kann Hans Krottenthaler. Während also zu Beginn der Tanztage eher das Außergewöhnliche dominiert, folgen mit den Programmpunkten „Junger Tanz – Publikumslieblinge“ am 16. November und „Solotanznacht – Internationale Preisträger“ am 22. und 23. November zwei Klassiker der „Regensburger Tanztage“. Kurz zuvor gibt es am 14. und 15. November mit dem Film „Gardenia - Bis der letzte Vorhang fällt“ zwar „keinen Tanzfilm im eigentlichen Sinne“, wie Krottenthaler sagt, aber doch eine berührende Geschichte über alternde Travestiestars, die zumindest mittelbar mit Tanz zu tun hat. Am 29. November schließlich lädt die „Internationale Aids-Tanzgala“ wieder ins Velodrom ein.

„Temperament auf 32 Beinen“
Den Abschluss aber bildet noch einmal eines von Krottenthalers zwischenzeitlich drei Highlights. Am 30. November nämlich gibt die die „Junior Company“ des „Bayerischen Staatsballetts“ die Ehre in Regensburg, 16 junge, bestens ausgebildete und hoch talentierte Tänzerinnen und Tänzer im Alter zwischen 16 und 23 Jahren. Das Staatsballett wandelt damit offenbar ein wenig auf den Spuren des „Nederlands Dans Theaters“, dessen Junior-Truppe zwischenzeitlich selbst zur Weltklasse gehört.
Die Kritik urteilt über die Jung-Bayern schon mal: „Temperament auf 32 Beinen.“ Und Hans Krottenthaler verspricht „eine unglaubliche Technik und Energie“. Für ihn steht fest, dass die Compagnie „absolut beeindruckend“ ist. Es ist halt eben ein sehr tänzerisches Tanzfestival.
Informationen und Tickets gibt es unter www.alte-maelzerei.de oder unter Telefon (09 41) 78 88 10. Mittelbayerische Zeitung, 31.10.2014

 

Kreative Szene mischt Regensburg auf
Ende Oktober steigt das erste Regensburger Popkultur-Festival. Nicht nur die Besucher bekommen viel geboten, sondern auch der Nachwuchs selbst.

Von Norbert Lösch, MZ

Regensburg. Die hochklassigen Veranstaltungsreihen in der Stadt bekommen Nachwuchs – im wahrsten Sinn des Wortes. In nur vier Monaten haben die Macher des ersten Regensburg Popkultur Festival  ein Programm aus dem Boden gestampft, mit dem sich die junge kreative Szene einem breiten Publikum präsentieren will. Vom 24. bis 26. Oktober gibt es mehr als 60 Veranstaltungen an 15 Spielorten – von Konzerten über darstellende und bildende Kunst, Film und Tanz bis hin zu Mitmach-Workshops und der Präsentation frischer Ideen für Leben, Gesellschaft und Konsum.
Oberbürgermeister Joachim Wolbergs zeigte sich bei der Vorstellung des Programms begeistert von der Vielfalt und versprach, sich davon am letzten Oktober-Wochenende ebenfalls durch die Stadt treiben zu lassen. „Regensburg ist eine junge Stadt und hat entsprechend viel zeitgenössische Jugendkultur zu bieten“, sagte der OB und lobte die Macher des Festivals. Analog zum Regensburger Jazz-Weekend im Sommer sei die Stadt auch hier Veranstalter.
Gesamtleiter und damit so etwas wie ein Intendant ist Hans Krottenthaler, Geschäftsführer der Alten Mälzerei, der zusammen mit dem städtischen Popmusikbeauftragten und MZ-Redakteur Mathias Wagner weite Teile des Programms entwickelt hat. Das städtische Kulturamt sitzt mit Kulturreferent Klemens Unger und Amtsleiterin Christina Schmidbauer mit im Boot und ist vor allem für Organisation und Werbung zuständig. „Gut ein Drittel aller Regensburger ist jünger als 30 Jahre – da gibt es nicht nur viele kreative Menschen, sondern auch eine große Zielgruppe“, so Klemens Unger. Die Premiere des Festivals solle „eine Momentaufnahme der Jugendkulturszene im Jahr 2014“ sein.
Christina Schmidbauer verwies auf die lange Liste der Mitwirkenden: „Mehr als 20 Kooperationspartner aus der freien Szene machen mit.“ Laut Hans Krottenhaler war dafür keine große Überredungskunst gefragt. „Niemand, den wir gefragt haben, hat uns gesagt: Nein, wir wollen da nicht mitmachen“, bestätigt der Mälze-Chef die „nicht überraschende, aber dennoch erfreuliche Resonanz“ auf die Idee des Festivals. Zu den Locations, die sich dafür begeistern ließen, gehören etwa der Jazzclub Leerer Beutel, die Filmgalerie, Kneipen wie die Heimat oder das Büro, die Musikakademie sowie – natürlich – das W1-Zentrum für junge Kultur und die Alte Mälzerei. Mitwirkende sind außerdem etablierte Kulturschaffende in Kinos, Galerien oder dem Kunstverein Graz.
„Das Festival verbindet Jugendkultur, Popkultur und Kreativszene. Es ermöglicht die Teilnahme bei Workshops und Fortbildungsangeboten und unterstützt Künstler sowie Kulturschaffende durch Information, Beratung und Vernetzung“, beschrieb Krottenthaler das Konzept. Die Veranstaltungen bieten also auch für die Szene selbst etwas, vor allem für weitgehend Unerfahrene. „Das Angebot an Workshops reicht von Stopp-Trick-Filmen über Parkour und Street Art bis High-Tech-Do-It-Yourself-Kultur, von verschiedenen Spielformen des Neuen Zirkus, wie Jonglieren, Schauspielen und Bühnenchoreografie, über Musikproduktion im Tonstudio oder als Homerecording bis hin zu Fragen des modernen Bandmanagements.“
Mit einem einmal für fünf Euro erworbenen Eintrittsbändchen haben die Besucher Zugang zu allen Veranstaltungen, solange der Platz ausreicht. Festival-Bändchen gibt es an allen Spielstätten beim Einlass. Bei den Workshops und Nachmittagsveranstaltungen ist der Eintritt frei. Mittelbayerische Zeitung, 8.10.2014

 

Eine Plattform für die junge Kulturszene
Regensburgs Szene präsentiert sich bei einem Popkulturfestival. Drei Tage lang locken Konzerten, Film, Poetry Slam, Theater, Streetart und Tanz.

Von Jasmin Kohl, MZ

Regensburg. Oberbürgermeister Joachim Wolbergs stellte im Alten Rathaus zusammen mit Hans Krottenthaler, Geschäftsführer der Alten Mälzerei, und der Leiterin des Kulturamts, Christiana Schmidbauer, das vorläufige Programm des 1. Regensburger Popkulturfestivals vor.
Vom 24. bis 26. Oktober soll die facettenreiche Indoor-Veranstaltung in verschiedenen Spielorten in der Regensburger Altstadt stattfinden. Als Verbindung von Jugend-, Popkultur und Kreativwirtschaft steht das vielschichtige Kulturleben Regensburgs dabei im Mittelpunkt. Auf dem Programm stehen Konzerte, Tanz- und Theateraufführungen, Poetry Slam, Performancekunst, Kurzfilmpräsentationen, Streetart und ein großer Kleinkunstmarkt. Bei der Teilnahme an Workshops können Besucher außerdem selbst kreativ werden. Das Ziel: Eine Plattform für die Regensburger Künstlerszene, auf der die sich präsentieren, aber auch vernetzen kann. So sind auch Beratung und Austausch von Kulturschaffenden ein wichtiger Teil des Festivals.
„Die Idee entstand in mehreren Gesprächen mit dem Musikbeauftragten der Stadt Regensburg, Säm Wagner, so Hans Krottenthaler. Zusammen mit dem Kulturamt erarbeiteten die beiden Kulturschaffenden ein Konzept, das bereits über 20 Regensburger Vereine und Organisationen zur Teilnahme überzeugte und in die Projekterarbeitung einbezog. „Diese positive Rückmeldung und das Hand-in-Hand-Arbeiten mit verschiedensten Regensburger Initiativen gibt uns die Bestätigung, dass das Festival gut aufgenommen wird“, erklärt Krottenthaler. Unter den bisher beteiligten Organisationen finden sich unter anderem das W1 – Zentrum für junge Kultur, der Leere Beutel, der Kunstverein Graz und Transition Regensburg e.V. „Die Teilnehmerliste steht jedoch weiterhin offen für weitere Initiativen“, betont Christiana Schmidbauer. OB Joachim Wolbergs zeigte sich von dem Festival begeistert und sieht in ihm das Ziel, Regensburgs Profil der Musikstadt zu stärken, umgesetzt. „Ich hoffe, dass sich dadurch die Live-Kultur als Qualitätsmerkmal in Regensburg etabliert und daraus neue Impulse entstehen.“
Das ambitionierte Projekt befindet sich noch in der Entstehungsphase, so soll beispielsweise noch prägnanter Festival-Name gefunden werden. Die Organisatoren befürchten, dass der Name „Popkulturfestival“ beim Publikum den Eindruck erwecken könne, es handele sich um ein reines Musikfestival. Auch das Veranstaltungsprogramm wird noch deutlich erweitert. Kostenlos wird das Festival nicht sein, jedoch hat der Betrag von fünf Euro für die gesamten drei Festivaltage vor allem symbolischen Charakter: Auf diesem Wege soll der Regensburger Künstlerszene Wertschätzung entgegengebracht werden. Der Festivaltermin wurde bewusst auf Ende Oktober – pünktlich zum Semesterstart – gelegt. auf die Frage, mit wie vielen Besuchern man rechne, antwortete Wolbergs entschieden, dass es den Veranstaltern nicht um Masse, sondern um Qualität gehe.
Termin Das Popkulturfestival findet vom 23. bis 26. Oktober in Regensburg statt.
Orte Neben der Alten Mälzerei, dem W1-Zentrum für junge Kultur, dem Leeren Beutel und der Filmgalerie finden die verschiedenen Programmpunkte auch in Bars und Kneipen statt, die bereits kulturelle Veranstaltungen beherbergt haben.
Wo noch? Dabei sind unter anderem auch die Tiki Beat Bar am Arnulfsplatz, das Büro in der Keplerstraße, das Sofa in der Spiegelgasse und die Couch in der Fröhlichen-Türken-Straße.
Ticket Als Eintrittskarte wird es ein Festivalarmband geben, mit dem man für fünf Euro die gesamten drei Tage Zutritt zu allen Veranstaltungen hat.
Workshops An den angebotenen Workshops kann man voraussichtlich kostenlos teilnehmen, lediglich eine vorherige Anmeldung ist erwünscht.
Mitmachen Kulturelle Vereine und Initiativen, die am Festival mitwirken möchten, können sich weiterhin an die Haupt-Organisatoren Hans Krottenthaler und Christiana Schmidbauer wenden.
Mittelbayerische Zeitung, 18.6.2014

 

 

Eine Art höherer Durchgeknalltheit
Constanze Lindner holt den ersten Platz beim Thurn und Taxis Kleinkunst-Festival und Alan Neumayer bringt den Polizeipräsidenten zum Schlucken.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. Wenn man Sebastian Daller heißt und aus Teugn im Landkreis Kelheim stammt, hat man zwei Möglichkeiten: man wird CSU-Kreisrat, wird alle sechs Jahre wiedergewählt und darf irgendwann als Krönung des Lebens dem Ministerpräsidenten die Hand schütteln und sich dabei fotografieren lassen. Oder man verzichtet dankend auf die Parteikarriere, wird Gstanzlsänger und holt sich den Publikumspreis des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals. Soweit die Vorgeschichte von Sebastian Daller, der am Samstag mit seiner „Bänd“, bestehend aus Sophie und Sebastian Meier (Geige und Tuba) der restlos ausverkauften Mälzerei klar machte, dass Regensburg im Prinzip von Niederbayern umzingelt ist.
Nur wer des Niederbayerischen mächtig ist, versteht den Unterschied zwischen Blutsverwandtschaft und Bluatsverwandtschaft. Letztere hat man zum Beispiel am Hals beim 60. vom Onkel Kare, für den der Rollbraten bei einem Chinesen über ebay bestellt wird. Sebastian Daller hat die seltene Gabe, das traditionelle Spotthandwerk mit dem 21. Jahrhundert in Einklang zu bringen. Nicht zuletzt besticht seine musikalische Virtuosität – und die seiner Geigerin und seines Tubabläsers. Wenn eins seiner Schnaderhüpfl mal harmlos daherkommt, heißt es aufpassen. Das nächste ist dafür umso giftiger. Dallers Vorschlag für die Werbung im Bayerischen Fernsehen: „I bin da Sepp. I hob zehn Leit umbracht. Und do bin i dahoam.“
„Die Frau schlug mit der Niere zu“
Bei Alan Neumayer, einem anderen der insgesamt fünf Finalisten am Samstag in der Alten Mälzerei, ist es ganz ähnlich: Er beginnt mit komödienstadelkompatiblen Witzchen und mimt den Deppen vom Land, der Schwierigkeiten mit der Artikulation hat, das kommt immer gut an. Und als man die Hoffnung längst aufgegeben hat, liefert er auf einmal eine Nummer ab, dass der Herr Landespolizeipräsident in der zweiten Reihe froh ist, dass ihn kaum jemand erkennt. Denn Alan Neumayer verkündet als Pappnase – pardon: Pressesprecher der Rosenheimer Polizei –, dass der „Tathergang nun endgültig geklärt“ ist. Als die Polizei die Familie in der Nähe von Rosenheim in ebenso fürsorglicher wie freundlicher Absicht aufsuchte, habe die junge Frau „mit ihrer Niere nach dem Knie des Einsatzleiters geschlagen“. Die Beamten, die trotz derart perfider Attacken mit leichten Blessuren davonkamen, wurden mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.
Werner Schmidbauer, der einen ganz ähnlich gelagerten polizeilichen Gewaltausbruch als Münchner Polizeipräsident 2013 reflexartig verteidigt hat und dafür zum Landespolizeipräsidenten befördert wurde, sitzt da und schluckt. Manchmal trifft Kabarett eben doch das richtige Publikum. Und wenn es nur eine einzige Person ist.
PauL besingt fröhliche Arglosigkeit
Auch die Original Bauernsfünfer aus Sulzbach-Rosenberg, die sich mit Alan Neumayer den dritten Preis teilen, genehmigen sich einen langen Anlauf, bevor sie mit ihrem Apres-Ski-Hit endlich den perfekten Musikantenstadldrive erreichen: „Super, super Gaudi, super, super, super, hey!“ Das Publikum wird zum Mitklatschen animiert. Das ist natürlich nicht ernst gemeint, aber die Leute klatschen sofort selig mit, immer auf die Eins, gnadenlos. Ist das jetzt noch Kabarett? Oder doch schon Hansi Hinterseer?
Bei den drei Herren namens PauL („Poesie aus Leidenschaft“) geht das gottseidank nicht, dass man rhythmisch mitklatscht. Das singende Trio kommt daher wie frisch aus den 50er oder 60er Jahren aufgetaut. Und widmet sich den NSA-transparenten I-Phone-Besitzern und all den „Gefällt-mir!“-Daumenlutschern: „Wir wollen euch scannen lernen!“ Nie wurde die fröhliche Arglosigkeit, mit der eine ganze Generation ihr komplettes Privatleben internationalen Konzernen und Geheimdiensten zur Auswertung überlässt, schauriger besungen. Der zweite Preis an PauL geht voll in Ordnung.
Den ersten Preis aber holt die wandlungsfähigste und originellste Finalistin: Constanze Lindner. In verschiedenen Rollen geht sie auf das Publikum los, immer ist sie die völlig distanzlose Person mit Aufmerksamkeitsdefizitjetztsofortbehebungssyndrom.
In ihrer unbeirrbaren Naivität schafft sie es am Ende mühelos, von einem Zuschauer, den sie auf die Bühne der Alten Mälzerei geholt hat, buchstäblich auf Händen getragen zu werden. Eine Art höherer Durchgeknalltheit, gegen die der Rest der Welt machtlos ist. Constanze Lindners plakative Verkleidung ist vermutlich ein Zugeständnis ans Publikum: In dem Moment, wo sie sich flugs eine grüne Wollmütze und eine große Brille aufgesetzt und lange, schiefe Zähne eingesetzt hat, hat sie schon gewonnen. Schade, denn ohne die Maskerade müsste man sie direkt ernst nehmen. Ohne den Klamauk käme sie fast in die Nähe einer Maria Hofstätter.

Die Fürstliche Brauerei Thurn und Taxis Vertriebsgesellschaft richtet seit 1996 mit dem Preis alle zwei Jahre einen wichtigen Nachwuchswettbewerb für junges Kabarett in Bayern aus. Preisträger der vergangenen Jahre waren unter anderem Lizzy Aumeier, Martina Schwarzmann, Mathias Tretter, Dahuawadameierundi, Nepo Fitz und Max Uthoff.
Der Förderpreis des Internationalen Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals United Comedy wird alle zwei Jahre vergeben. Voraussetzung für die Bewerbung ist, dass es sich jeweils um das erste oder maximal zweite Programm der Künstler handelt und die Teilnehmer nicht älter als 35 Jahre alt sind.
Der erste Platz bei dem von der Jury ausgewählten Förderpreis ging an Constanze Lindner aus München (1200 Euro), der zweite an das oberbayerische Trio PAUL - Poesie aus Leidenschaft (600 Euro). Die drei Drittplatzierten waren Daller und Bänd aus Teugn im Landkreis Kelheim, das Duo Bauernsfünfer aus Sulzbach-Rosenberg und Alan Neumayer aus Mühldorf am Inn (jeweils 300 Euro). Das Publikum kürte Daller und Bänd zu seinem Favoriten beim Publikumspreis.
Beim diesjährigen Festival wurde der Thurn und Taxis Kabarettpreis zum zehnten Mal vergeben. Aus einer bayernweiten Ausschreibung wurden in einer Vorauswahl fünf Teilnehmer ausgewählt. Für die Sieger ergeben sich in der Regel weitere Gastspiele in der Alten Mälzerei. Mittelbayerische Zeitung, 14.4.2014

 

 

Mit Nachbars Mops, Brust-OPs und Öko-Mütze
Thurn-und-Taxis-Kabarettpreis: Constanze Lindner setzt sich mit herzhaftem Auftritt durch

Regensburg. (gib) Constanze Lindner hatte das Publikum vom Anfang an in Griff - im wahrsten Sinne des Wortes. Der Wirbelwind aus München sprang von der Bühne, um einzelne Zuschauer zu umarmen, reichte eine Wurstplatte herum, "für Vegetarier mit Petersilie". Der Einsatz zahlte sich aus: Lindner gewann den zehnten Thurn-und-Taxis-Kabarettpreis in Regensburg.

Fünf Einzelkünstler und Gruppen hatten am Samstagabend in der Alten Mälzerei je 20 Minuten Zeit, um sich zu präsentieren. Neben der Jury durfte auch das Publikum den Sieger mit Zettel und Bleistift mitbestimmen. Es war ein kleines Jubiläum: Der Preis, der seit 1996 alle zwei Jahre talentierte Nachwuchs-Kabarettisten aus Bayern auszeichnet, wurde zum 10. Mal verliehen. Die Veranstaltung diente bereits einigen Kabarettisten als Sprungbrett: Lizzy Aumeier, Martina Schwarzmann und Nepo Fitz haben ihn in der Vergangenheit gewonnen.
Der glühendste Funke sprang am Samstag bei Constanze Lindner, bekannt aus der BR-Serie "Die Komiker", über. Als Tierfreundin im fortgeschrittenen Alter wunderte sie sich über den Mops des Nachbarn, der vorne und hinten genau gleich ausschaue.
"Da weiß ich gar nicht, wo ich das Leckerli reinstecken soll." In der Rolle der pelzbemützten Osteuropäerin warnte sie vor den Tücken der Brustvergrößerung: "Wenn du warst bei Arzt in Mongolei, hast du oben drei." Und als die alternative Cordula mit Öko-Mütze auf Männersuche griff sie sich einen Mann aus dem Publikum: "Ist es in Ordnung, wenn ich dich jetzt bespringe?"

Daller und Bänd bekommen den Publikumspreis

Nicht ganz so offensiv, dafür mit ausgeklügeltem Wortwitz trat die Gruppe PauL ("Poesie aus Leidenschaft") auf, die den zweiten Platz belegte. Die drei Kabarettisten aus Oberbayern, die es als Solokünstler zusammen auf mehr als 120 Poetry-Slam-Siege bringen, philosophierten in ihrem A-capella-Song "Jetzt ist alles in der Cloud" über die Macht des Internets. Gekonnt nahm das Trio den Fitnesswahn auf die Schippe: Mit Schweißband und Lätzchen mampften sie zum Techno-Beat Pommes mit Ketchup.
Den Publikumspreis räumte Sebastian Daller aus dem Landkreis Kelheim mit "Daller und Bänd" ab. Der gebürtige Regensburger war lange Jahre als Gstanzlsänger durch die Lande gezogen, bis Ottfried Fischer seine rotzfrechen Vierzeiler in den Schlachthof holte. Genussvoll-böse blickte Daller auf seinen Lehrerberuf. "Deutschlehrer" sei er, erklärte er im tiefsten Dialekt: "Ich wollte was machen, was ich nicht kann - mein eigentliches Berufsziel ist nämlich Kultusminister." Und auch dem obersten Chef in Bayern gab er reimend eine mit: "Der Seehofer freut sich über 48 Prozent - dafür hätte sich der Strauß am Türstock erhängt." Im Gesamturteil landete "Daller und Bänd" auf dem dritten Platz - zusammen mit dem Oberbayern Alan Neumayer und den "Original Bauernsfünfern" aus Sulzbach-Rosenberg. Neumayer hatte den Wahnsinn des Alltags im Blick und punktete mit erstklassigen Stimmenimitationen: Auf dem Anrufbeantworter von "Elite.de" ließ er Nachrichten von Jogi Löw bis Tebartz-van Elst abspielen.

Der Hutzawackl kommt die frechen Kinder holen

Den musikalischsten Auftritt lieferten "Die Original Bauernsfünfer" ab. Mit Gitarre, Klarinette, Saxophon, Percussion und Gesang warfen Uli Radl und Dominik Niklas, unterstützt vom "Weberknecht" Bernd Pirner, einen abgründig-kritischen Blick aufs Oberpfälzer Landleben. Nun weiß man auch in Regensburg, wer der "Hutzawackl" ist: Die Phantasiegestalt, die ihr Unwesen treibt, wenn die Kinder auf dem Dorf nicht um 7 Uhr abends im Bett sind. Donaupost, 15.4.2014

 

 

Schmeichelnde Stimme, scharfer Witz
Max Moor powert sich in der Alten Mälzerei in Regensburg aus und unterhält seine Fans mit

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Der Moor hat seine Schuldigkeit getan. Gehen kann er aber noch nicht. Ausgepumpt steht Max, ehemals Dieter Moor in der Alten Mälzerei zwischen Garderobe und Büchertisch und signiert. Nach seiner begeistert aufgenommenen Lesung hat sich vor dem Stehtisch eine Schlange weiblicher und weniger männlicher Bewunderer gebildet. Jeder Fan hat ein, zwei oder gar mehreren Bücher in der Hand. Eines nach dem anderen schlägt der Autor auf. Ein kurzer Blick, ein freundliches Lächeln – und im Buchdeckel zeugt das schwungvolle Autogramm vom Dabeigewesensein. „Für Herbert, viel Spaß vom Gartenbau- und Blumenzuchtverein“, bittet ein Mann im 68er Retro-Style. Aber ja doch: „Ich schreibe lieber ,viel Vergnügen…‘, einverstanden?!“ „Bitte mit Widmung“, flötet auch der nächste Fan. „Wenn Sie sich etwas einfallen lassen, gern. Mir fällt heute nichts mehr ein.“
Bange vor den Bayern
Immerhin hatte der 55-jährige Schauspieler und Fernsehmoderator vor der Signierrunde schon eine Geburt eingeleitet und mit nahezu authentischem Gebrüll durchgezogen, den schwer verletzten Hund Iwan geröchelt und mindestens ein halbes Dutzend Schweizer und Brandenburger sprachlich nachgeahmt.
Dieter Moor, der sich seit 2013 Max nennt, weil er seinen Vornamen „noch nie leiden konnte“, bestritt auf Einladung von Buchhandlung Bücherwurm und Alter Mälzerei seine erste Lesung in Regensburg. Anfangs hatte er Vorurteile, nimmt man sein Bekenntnis ernst, mit dem er auf die Bühne spurtet. „Größte Sorgen“ habe er gehabt, gestand Moor, denn die Bayern seien so schwer zu knacken. Er habe keine Tanzpuppe dabei und sei sicher der erste Kulturmoderator, der als Comedian vermarktet werde. „Das ist nicht lustig“, verbat sich Moor erbost die ersten Lacher im Publikum.
Die Mälzerei hatte die Lesung im Rahmen ihres Kleinkunstfestivals „United Comedy“ angekündigt. Dabei habe Bayern sowieso die größten Comedian-Talente, betonte der Wahl-Brandenburger und nahm „Horst Seehofer“ fest ins Visier. Lange hielt er sich aber bei der bayerischen Tagespolitik nicht auf. Er gönnte sich lediglich einen süffisanten Seitenhieb auf das bayerische Wahlverhalten: „Den Bayern ist scheinbar alles wurst!“ Am Ende der zweieinhalbstündigen Lesung revidierte Moor dann seine weiß-blauen Vorbehalte. Wortreich lobte er das „aufmerksame Publikum“ als eines der besten, das er so nie erwartet habe.
Blendender Unterhalter
Der gebürtige Schweizer erzählte über seine Auswanderung aus dem Zürcher Oberland nach Brandenburg. Dort siedelte er sich vor gut zehn Jahren mit seiner Frau Sonja, einer früheren Produzentin, auf einem alten Bauernhof an. Das Paar betreibt den Hof seither gemeinsam, nach biologisch-dynamischen Grundlagen. Darüber hat Moor, der selbst auch als Produzent tätig ist, vor einigen Jahren sein erstes Buch veröffentlicht („Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone“) und kürzlich auch sein zweites.
„Lieber einmal mehr als mehrmals weniger, Lügengeschichten aus der arschlochfreien Zone“ enthält unterhaltsame und vergnügliche Geschichten aus der Zeit nach der Niederlassung im ehemaligen LPG-Dorf Amerika. Dort schenkte Wirtin „Babuschka“ früher kräftig Wodka an russische Soldaten aus. Weil einer seinen versoffenen Sold zurück haben wollte, erlitt der grimmige Wirtshund Iwan eine Stichwunde. Dorfschwester Alma musste das Tier wieder zusammenflicken, schildert Moor und taucht mit seiner bemerkenswert tiefen und warmen Stimme in die Figuren ein.
Moor lässt seine Figuren regelrecht auf der Bühne erstehen, gibt ihnen mit Gesten, wilden oder verletzten Blicken Kontur, Charakter und Gestalt. Hinreißend ahmt der gelernte Schauspieler die Niederkunft von Schwester Almas Tochter nach, schreiend und mit gepresstem Geheul. Genüsslich lässt er seiner Verachtung für Männer, die einen Tanzkurs machen, freien Lauf und versprüht hochnäsigen Ingrimm: „Die haben alle resigniert und outen sich selbst als Looser.“
Wenn sich Max Moor von seinem Text löst, zeigt sich, welch blendender und höchst charmanter Unterhalter er ist. Seit sieben Jahren macht er das sonntags im Kulturmagazin „ttt“ (titel thesen temperamente) der ARD vor. Am Ende verabschiedet er sich jeweils in „Schluss mit Moor“ mit pointierten Überlegungen zu aktuellen Themen. Dieser Witz, gepaart mit seiner einschmeichelnden Stimme, Selbstironie und der gekonnten Geste, mit der er hundertmal am Abend eine Strähne seines silbergrauen Haarschopfs aus der Stirn nach hinten streicht, machen den Abend zu einem höchst kurzweiligen und ergötzlichen Vergnügen. Mittelbnayerische Zeitung, 16.4.2014

 

 

Immer da, wo’s richtig wehtut
Eine Tour de Force durch das alltäglich Absurde: Das Erste Deutsche Zwangsensemble lief im Regensburger Antoniushaus zu saukomischer Form auf.

Von Thomas Göttinger, MZ
Regensburg. Ja, es ist nicht leicht gegen die Komplexität auf die Straße zu gehen, dagegen zu protestieren, aufzustehen. Gegen die Komplexität der Finanzkrise zum Beispiel oder gegen die des transatlantischen Freihandelsabkommens. Da hat Claus von Wagner einfach Recht. Es ist auch nicht leicht, gegen die Komplexität Kabarett zu machen, möchte man ergänzen, aber es hilft ja nix, es muss halt trotzdem, na ja: wenigstens mal wieder versucht werden.
Genau das hat das „Erste deutsche Zwangsensemble“ – neben von Wagner gehören Mathias Tretter und Phillip Weber zu der Dreierbande – am Samstag im Antoniushaus überaus erfolgreich getan. Sein Programm mit dem etwas kryptischen Titel „Die letzte Tour“ kam dabei als wilde, vor allem aber als saukomische Tour de Force durch die Abgründe und Absurditäten des Alltags daher.
Hiebe gegen die katholische Kirche
Egal, ob drei fränggische Buddhisten da auf offener Bühne die durchaus spannende Frage diskutieren, ob das Grillen einer Spanferkels nicht auch als Beschleunigung der Reinkarnation desselben zu verstehen sei, eine Art Geronto-RAF („Rentner Armee Fraktion“) einen Anschlag auf die Heimleiterin plant, dabei aber vor allem mit der Demenz des Attentäters zu kämpfen hat, oder sich auf der Toilette im Reichstag eine politische Grundsatzdiskussion übers Klopapier entspinnt – zwischen perfekt getimtem Comedy-Klamauk und messerscharfer Analyse schien sich das Trio immer dort am wohlsten zu fühlen, wo es nun wirklich richtig wehtut.
Da durften deftige Seitenhiebe auf Katholizismus und Christentum natürlich nicht fehlen. Der weiße Rauch nach dem Konklave verwandelt sich mal kurz zum „Aufguss in der Schwulensauna“, das Gemächt des Papstes wird munter im besten Latein thematisiert („Habet duos testiculos et bene pendentes“) und endlich auch geklärt, warum Jesus nach der Kreuzigung nicht mehr übers Wasser läuft – „Löcher in den Füßen“.
Zu richtiger Größe aber liefen die Drei immer dann auf, wenn sich zwischen all den intelligenten Späßen so etwas wie heiliger Furor über die Zustände in der Welt seine Bahn brach, wenn tatsächlich angerannt wurde gegen die tatsächliche oder vermeintliche Komplexität der Dinge – und einem bei der Analyse des Freihandelsabkommens mit den USA durch Herrn von Wagner nicht nur das Chlorhühnchen im Halse steckenblieb.
Zu den schönsten Bildern des Abends gehörte denn auch jenes von dem abstürzenden Flugzeug, in dem die Passagiere zwar von der einen oder anderen schlechten Nachricht aus dem Cockpit belästigt werden, sich aber durch das wohlige Dröhnen der Turbinen nach wie vor in Sicherheit wiegen. Motto: Wird schon alles nicht so schlimm werden! Dass sich dabei die 1. Klasse längst durch „Rettungsschirme“ abgesetzt hat, ist nicht nur eine bittere Pointe, sondern wohl auch Teil der Komplexität, wegen der es gerade ein von allen Zwängen befreites Zwangsensemble braucht. Mittelbayerische Zeitung, 7.4.2014

 

 

Süße Französin verrät Ühnchen-Wort
Das 19. Thurn und Taxis-Kleinkunstfestival ist gestartet: mit einer entzückenden Mademoiselle Mirabelle – und einer kracherten Franziska Wanninger.


Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. „Allein daheim? Candletime!“ Es ist zu befürchten, dass sich Kabarettistin Franziska Wanninger diesen Scherz nicht selbst ausgedacht, sondern aus der Realität übernommen hat. Dass also Bauern- oder Frauenfänger vereinsamte Frauen dazu animieren, ihre verzweifelte Sehnsucht nach Zweisamkeit mit „Kerzenparties“ zu kompensieren: einer „Party“ mit Kerzen statt mit Menschen. Halt einfach Teelichter in der Wohnung verteilen. Und dann irgendwie positiv esoterisch herumphantasieren.
Franziska Wanninger bringt das Elend des Landlebens zum Auftakt des 19. Thurn & Taxis-Kleinkunstfestivals in der Alten Mälzerei gnadenlos auf die Bühne. Da, wo man noch zu Fuß beim Bäcker die Frühstückssemmeln holen kann – und zum Abendessen auch schon wieder zurück ist: „Do kum i her“. Alles klar. Da, wo Frauen, gefragt nach ihrem Freund, antworten: „Zwida isa net!“ Und Männer, angesprochen auf ihre Frau, die Auskunft geben: „Mi stört’s net.“
Das ist genial, weil erstens wahr, zweitens unendlich traurig und drittens umwerfend komisch. Man hat sofort Gerhard Polt und Gisela Schneeberger vor Augen. Nur leider schießt Franziska Wanninger permanent übers Ziel hinaus. Sie dreht zu laut auf. Sie muss andauernd die Augen verdrehen, damit’s auch der letzte Heuler kapiert, dass das jetzt nicht ernst gemeint ist. Sie lallt unartikuliert daher, weil sonst womöglich eine Zuschauerin nicht sofort checkt, dass das jetzt der glatte Depp ist, den sie grad spielt.
Eigentlich sind bei Franziska Wanninger sowieso praktisch alle am Land die glatten Deppen. Und das ist natürlich Blödsinn, Klamauk, Komödienstadel. Was sehr schade ist. Denn die Frau könnt’s. Wenn sie sich ein bisserl zurücknehmen tät. Das Kracherte tut ihr gar nicht gut. Auch wenn es Lachsalven bringt. Aber eigentlich ist grad das ein Alarmzeichen. Eine leisere Franziska Wanninger wär schneidender, treffender, tödlicher. Es gäbe ja genug zu schneiden und zu treffen. Das Landleben, das jetzt schon in Spezialzeitschriften verherrlicht wird, kann die Hölle sein.
Kaiserschnitt? Wenn er mir steht
Aber was ist schon das Elend des bayerischen Landlebens gegenüber der Barbarei in Belgien! „Bombardiert Belgien!“ forderte Wiglaf Droste. So weit geht Olivier Sanrey natürlich nicht, schließlich ist er Belgier. Dennoch liefert der drahtige Kabarett-Kaktus-Preisträger 2013, der als Hahn im Korb den Mittelteil des Abends bestreitet, ein apokalyptisch-desaströses Bild seines Landes ab. Er erweist sich als Meister des absurden Dialogs. Ein Mann vereinbart in einem Friseurladen einen Termin. Fragt nochmal nach: Wann ist der Termin? Die Friseurin ist schwanger und bezieht die Frage auf sich: Am 24.12.! Der Mann: Ich weiß nicht, ob ich da kommen kann! Die Friseurin: Sie wollen kommen? – Wie soll das sonst funktionieren? – Sind Sie Dr. Müller, der den Kaiserschnitt macht? – Wenn er mir steht?
Dieser Witz missglückt
Noch unwiderstehlicher als der französische Akzent von Olivier Sanrey ist nur noch der von Mademoiselle Mirabelle. Und ihr türkisgrüner Fummel, vom türkisgrünen Rüschenhöschen zu schweigen. Nicht nötig eigentlich, dass sie zwei Männer aus der ersten Reihe auf die Bühne holt und sie anweist, sich mit dem Rücken zum Publikum hinzustellen: „Isch abe noch immer zwei Männer rumgekriegt!“ Niemand hätte das bezweifelt. Mademoiselle Mirabelle trällert zwei, drei Liedchen zur Gitarre, fast noch schöner als Madame Bruni, sie sagt hinreißende Sätze wie: „Isch beginne mit die Anfang“, und sie verrät den Teutonen ein neues „Ühnchen- nein: Geflügelwort“. Immer wenn jemand sehr traurig ist, sagt man in Frankreich: „Er lächelt wie Madame Merkel.“
Bis hierher wäre es ein ganz netter Abend gewesen. Dann kam die Zugabe, eine Parodie auf Rainhard Fendrich: „Weilst a Herz hast wia a Bergwerk und 50 Tagwerk und an BMW, steh i auf di!“ Da kreischen die Landfrauen vor Begeisterung. Und Franziska Wanninger ist genau da angelangt, worüber sie sich vorher so treffend lustig gemacht hat. Schon mal gehört, dass Frauen für die gleiche Arbeit im Schnitt 25 Prozent weniger Geld kriegen? Wenn man Kabarett macht, sollte man vielleicht mal Zeitung lesen! Eine Frau, die einen Mann zwengs am Geld heirat: Kolossaler Witz! Das Gegacker nimmt kein Ende. Es ist Erich Kästner, der den Kommentar zum Weltfrauentag spricht, aber den hören die Weiber vor lauter Gegacker nicht: „Nie dürft ihr so tief sinken, aus dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!“ Mittelbayerische Zeitung, 10.3.2014

 

 

Die Kleinkunst hat ihren großen Auftritt
Viele Newcomer und große Namen beim T&T Kleinkunstfestival, unter anderem mit Klaus von Wagner, Max Moor, Keller Steff und dem GlasBlasSing Quintett

Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Ein kleines Gipfeltreffen der globalen Komik ist „United Comedy“, das alljährliche Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival. Es findet heuer zum 19. Mal in der Alten Mälzerei statt. „Um die Vielfalt geht es, nicht um die publikumsstärksten Künstler“, betont Programmchef Hans Krottenthaler. Kabarett, Comedy und Musik vereint bereits der Eröffnungsabend am 8. März: Die T&T-Kleinkunstpreis-Gewinnerin 2012, Franziska Wanninger, macht klassisches Typenkabarett, Standup-Comedy der belgische Wahldeutsche Olivier Sanrey und eine Mischung aus Theater und Parodie die chice Französin Mademoiselle Mirabelle.
Drei nackte Männer mit Gitarren vor ihrem Allerheiligsten werben auf den Mälze-Plakaten für einen Musikkabarettabend: Am 13. März stehen die bayerischen Liedermacher Keller Steff, Michi Dietmayr und Roland Hefter mit Highlights aus ihren Programmen auf der Bühne. Gemeinsam sind sie „Drei Männer nur mit Gitarre“.
Feinstes Politkabarett mit dem „Zwangsensemble“
Neben den Festival-Klassikern Poetry Super Slam (14.3.) und Improtheater-Ländermatch (22.3.) kommen musikkabarettistische Senkrechtstarter aus Berlin in die Mälze. Das GlasBlasSing Quintett begann 2003 in Fußgängerzonen Musik zu machen – auf Glas- und Plastikflaschen aller Art. Mittlerweile tritt es im Fernsehen auf und hat sein Instrumentarium um Wasserspender-Bassdrum, Flachmanninoff und Cokecaster erweitert. Die Altglas-Kreativen treten am 29. März auf.
Am 5. April steht feinstes politisches Kabarett auf dem Programm, dann im Antoniushaus: Matthias Tretter, Klaus von Wagner und Philipp Weber sind das „Erste Deutsche Zwangsensemble“. Gemeinsam haben sie den Salzburger Stier und den Deutschen Kleinkunstpreis gewonnen, mit ihren Soloprogrammen kamen mehr als 30 weitere Preise hinzu. Claus von Wagner, regelmäßig in der ZDF-Satire „heute-show“ zu sehen, hat gerade erst mit Max Uthoff die Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“ übernommen.
Max Moor schreibt live aus der Provinz
Der letzte Solokünstler des Festivals ist am 14. April der „Titel, Thesen, Temperamente“-Moderator Max Moor. Er liest unter anderem aus seinem Buch „Lieber einmal mehr als mehrmals weniger. Frisches aus der arschlochfreien Zone“, in dem der Bio-Bauer seine Notizen aus der brandenburgischen Provinz zusammengefasst hat.
2014 wird wieder der T&T-Kabarettpreis vergeben, der schon für viele Sprungbrett war: Martina Schwarzmann, Mathias Tretter und Max Uthoff sind nur einige derer, die seither Karriere gemacht haben. Am 12. April stehen in der aus 30 Bewerbungen ermittelten Endrunde fünf förderwürdige Künstler auf der Bühne: der oberbayerische Kabarettist Alan Neumayer, die Verwandlungskünstlerin Constanze Lindner, bekannt aus der BR-Serie „Die Komiker“, das Sulzbach-Rosenberger Musikkabarettduo „Die Original Bauernsfünfer“, die Scharfrichterbeil-Gewinner „Paul – Poesie aus Leidenschaft“ und der zeitgenössische Gstanzlsänger Sebastian Daller aus Teugn. Für Jury und Publikum wird es „schwer sein, einen Sieger zu ermitteln“, prophezeit Krottenthaler. „Auf jeden Fall wird es ein toller Abend.“
Karten und Infos in der Alten Mälzerei unter Tel. (09 41) 78 88 10 und www.alte-maelzerei.de
Mittelbayerische Zeitung, 11.2.2014

 

„Hass im Stromkabel“ führte zum Sieg
Beim FameLab traten acht junge Wissenschaftler mit witzigen Kurzvorträgen gegeneinander an. Zwei dürfen nun zum Deutschland-Finale nach Bielefeld.


Von Louisa Knobloch, MZ
Regensburg. Sture Roboter, kopflose Fruchtfliegen und Elektronen, die sich nicht leiden können – mit diesen Themen begeisterten acht junge Wissenschaftler am Mittwochabend das Publikum in der proppenvollen Alten Mälzerei. Beim Regionalentscheid des Wettbewerbs FameLab hatten die Teilnehmer jeweils nur drei Minuten Zeit, ihr Thema zu präsentieren. Im Gegensatz zu Poetry Slams, die das Publikum ebenfalls scharenweise in die Alte Mälzerei locken, durften die Wissenschaftler aber Hilfsmittel benutzen, um ihren Vortrag anschaulich und witzig zu gestalten.
Davon machten die Kandidaten reichlich Gebrauch: So schnallte sich Jorg Körner einen durchsichtigen Flügel an den linken Arm, mit dem er den Balzgesang der Fruchtfliegen imitierte. Der gebürtige Slowake Michal Poznik pustete zu Beginn seines auf Englisch gehaltenen Vortrags über Membranen Seifenblasen in die Luft und der Biochemie-Doktorand Matthias Stahl aus München erklärte mit Hilfe einer Papiertüte und einer Käsestange, wie sich der „Staubsauger der Bakterienzelle“ austricksen lässt. „Damit ist die Veranstaltung Lungenentzündung erst einmal abgeblasen.“
Schlagabtausch mit der Jury
Tim Weber, der am Labor Biomechanik der OTH Regensburg promoviert, hatte einen Oberschenkelknochen aus Kunststoff mitgebracht, um eine Studie zur Verbesserung von Hüftoperationen vorzustellen. Und Johannes Höcherl verdeutlichte mit zwei Mini-Robotern und einer Playmobil-Figur die Entwicklung der Mensch-Roboter-Kooperation in der Produktion. Wer bei der Arbeit eher der Machttyp oder der Harmonietyp ist, erfuhren die Zuhörer im Vortrag von Josef Merk.
Von „Hass im Stromkabel“ erzählte Robert Frielinghaus. Die Elektronen Paul und Paula könnten sich nämlich nicht leiden und würden bei ihrem Weg durch das Kabel die ganze Zeit drängeln und schubsen. „Das ist der elektrische Widerstand.“ Viel einfacher sei es dagegen, wenn die Elektronen frisch verliebt seien – in Supraleitern gehe keine Energie verloren. Als letzter Kandidat stellte der Physiker Andreas Einwanger neue Entwicklungen für Halbleiterchips vor – mit einer Klopapierrolle und Luftballons, die verschiedene Metalle symbolisierten.
Moderator Christian Lang, sonst beim Radiosender gong fm zu hören, stellte die Kandidaten vor und lieferte sich einen verbalen Schlagabtausch mit der Jury – allen voran Continental-Personalleiter Michael Staab und Meike Fabian von der Akademie für Darstellende Kunst Regensburg. Komplettiert wurde die Jury von Wirtschafts- und Wissenschaftsreferent Dieter Daminger, dem Präsidenten der Uni Regensburg, Prof. Dr. Udo Hebel, und der Vizepräsidentin der OTH Regensburg, Prof. Dr. Klaudia Winkler.
Zum deutschen Finale nach Bielefeld
Den ersten Platz vergab die Jury an Robert Frielinghaus, der bereits einige Erfahrung mit Science Slams gesammelt hat. Der lauteste Applaus des Publikums sicherte dem 29-Jährigen zudem den Publikumspreis – ein Jahresabo der Zeitschrift „Geo“. Das passe gut, weil sein Abo demnächst auslaufe, hatte Frielinghaus zuvor gesagt. Als Zweitplatzierter darf auch Andreas Einwanger zum Deutschland-Finale am 10. Mai nach Bielefeld fahren. Für den 32-Jährigen war es der erste Science Slam. „Bis vor ein paar Wochen wusste ich nicht einmal, dass es so etwas gibt.“ Mittelbayerische Zeitung, 20.2.2014

 

 

Geschichten aus dem Kleingarten
Der Erzähler Wladimir Kaminer hat sich beim Gärtnern zu seinem neuen Buch „Diesseits von Eden. Neues aus dem Garten“ inspirieren lassen.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Vom eigenen Garten über die Fahrschule zu Pilzen und von da zum Elefantenpfleger: Hört man dem Lieblingsrussen der Deutschen, Wladimir Kaminer, eine Weile zu, kann man sich keinen ansprechenderen, umgänglicheren und netteren Gartennachbarn vorstellen. In Brandenburg, 70 Kilometer nördlich von Berlin, hat sich der Erfinder von „Russendisko“ und vielen weiteren unterhaltsamen Geschichten erneut ein grünes Stück Erde gepachtet. Aus dem Schrebergarten in Berlin, den Kaminer zunächst sein eigen genannt hatte, musste er vor einer „Prüfungskommission, bei der alle Gärten genau gleich auszusehen hatten“ wegen „spontaner Vegetation“ flüchten. Noch bevor das erste Gartenbuch vollendet war.
Zunächst habe er „den Garten abgehakt“ und sich auf ein Leben ohne eingestellt. Aber „Russen können gar nicht ohne Garten leben.“ Und so zieht es Kaminer mit Familie und einer lebensfrohen Runde von Grillfreunden nach Glücklitz. Dort trifft er Menschen wie Eierverkäufer Helmut, dessen merkwürdige Erlebnisse bei der Eiererzeugung er launig zum Besten gibt. Damit ist der in Moskau geborene Schriftsteller bei seinem neuen, zweiten Gartenbuch „Diesseits von Eden. Neues aus dem Garten“, das im Mittelpunkt seiner Lesung steht.
Kaminer wäre aber nicht Kaminer, wenn er mit süßem russischen Akzent und rollendem „rrr“, das Buch vor der Nase, eine komische Geschichte nach der anderen runterlesen würde. Das tut er zwar auch: Über den „Kulturbürgermeister“ Matthias, der früher Elefantenpfleger in Cottbus war. Dieser lädt zu Ehren des prominenten Neugartenbesitzers die Glücklitzer zur Russendisko ein. Den früheren Schulunterricht noch irgendwo in den Ganglien vergraben, lässt er – „dawaj“ und „Drushba“ – die deutsch-sowjetische Freundschaft wieder aufleben.
Meist aber denkt Kaminer kurz nach, „ach ja“, und landet „als Vertreter der deutschen Kultur mit der Russendisko (!) in Brasilien.“ Dorthin war er nach der letzten Buchmesse eingeladen worden, wenig später nach Finnland. Kaum dort angelangt, räsoniert der 46-jährige zweifache Vater über seine pubertierende Tochter. „Wir hatten keine Freiräume in der Sowjetunion um hineinzupubertieren“, greint er, „deshalb pubertiere ich jetzt mit meiner Tochter“.
Im gut besuchten Antoniussaal hat er die Lacher schnell auf seiner Seite. Treue Fans hängen regelrecht an den Lippen des ausschweifenden Erzählers. Ob es um die Abschaffung der Winterzeit in Russland, den verstorbenen Vater, der Katze und Ehefrau terrorisiert oder die „windellose Erziehung“ geht: Der Berliner Autor seziert das Zusammenleben von Deutschen und Russen im schnöden Alltag und findet überall Absurditäten, Seltsamkeiten, Kurioses. Mit scheinbar naivem Erstaunen, hinter dem ein vergnügter Ironiker steckt, nimmt er Alltägliches aufs Korn und hält uns den Narrenspiegel von Voreingenommenheiten, nutzlosen Gewohnheiten und Ungereimtheiten vor. Mittelbayerische Zeitung, 17.2.2014

 

KONZERT DES JAHRES 2013

Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2013 in der Mälze ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2013 heißt: THE NOTWIST - vor Thees Uhlmann, Vdelli, Moop Mama und Milky Chance. Gratulation nach Weilheim. Vielen Dank an die vielen Teilnehmer, die sich bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2013 beteiligt haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.

Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), THE NOTWIST (2013)

 

Mit Kellner auf dem bayerischen Highway
Der Regensburger Mathias Kellner hat sein erstes Soloalbum produziert. Er singt erstmals bairisch – und klingt doch amerikanisch wie selten zuvor.

Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Mathias Kellners erstes Solo-Album ist ein Hybrid. Der Regensburger Singer-Songwriter singt zum ersten Mal auf Bairisch – doch das klingt so straight amerikanisch, dass man den Staub texanischer Wüsten in Nase und Ohren hat. „Amerikanisch“, sagt der 29-Jährige, „ist der Sound, der mir taugt“. Er habe immer schon das Gefühl gehabt, dass es Ähnlichkeiten gibt: „Texaner sind so eigen wie die Bayern: etwas verschroben, man bleibt gern unter sich, die Uhren ticken langsamer“. Und gute bayerische Blasmusik, nicht zu perfekt und sauber gespielt, sei dem New-Orleans-Jazz nicht unähnlich.
Das hört man im Song „Du Drahst Di“, in dem Kellner mit Kamil Müller (Django 3000) und Sebastian Horn (Bananafishbones) ein wunderbares, lakonisches Lebewohl aufs Leben singt, in leichtem Trab, mit Steel-Guitar und einem Trauermarsch zum Schluss, der im French Quarter so gut wie in Hintertupfing erklingen könnte.
Kellner lässt den Melancholiker raus
Eine optimistisch grundierte Traurigkeit durchweht das ganze Album „Hädidadiwari“. Kellner gibt zu: „Es ist das erste Mal, dass ich den Melancholiker rauskehre. Ich hab’ zum ersten Mal sehr tief in mich reingeschaut. Und das musste auch raus.“ Auf Englisch könne man beschönigen, „aber Bairisch ist unglaublich ehrlich“. Er sei beim Schreiben weiter gegangen, als er wollte – zurückgenommen hat er nichts. Seine „Gesungenen Geschichten“, so der Untertitel des Albums, erzählen von Rückschlägen, verpassten Gelegenheiten, von Selbstzweifeln, Scham und Lebenslügen. Mit „Hädidadiwari“ lässt Kellner die Hosen runter.
Die Reaktionen auf das freimütige Solo-Album bestätigen ihn: „Ich hab’ noch nie so viele positive Rückmeldungen bekommen“, erzählt Kellner. Beim ersten Konzert der „Hädidadiwari“-Tour in Burghausen, nur mit Gitarre und Banjo auf der Bühne, wurden auch die letzten Zweifel zerstreut. Den Fans habe gerade die neue Intimität, die Konzentration aufs Wesentliche sehr gefallen.
„Hauptsach’ ich bin Musiker“
Die bairischen Songs lagen schon lange in Kellners Schublade. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er auf den noch immer unter Volldampf fahrenden Pop-&-Rock-auf Bairisch-Zug aufgesprungen wäre. Das Material sei zum Teil schon sechs oder sieben Jahre alt. Er habe halt die künstlerische Abwechslung gesucht. Und das erste Album ohne seine Band Kellner wollte er auch nutzen, um eine Platte zu machen, die mehr an seine großen Idole angelehnt ist. Neil Young zum Beispiel, der mit Crazy Horse krachenden Rock fabriziert und solo folkige Balladen singt. Ein anderes Idol ist der Brite Robert Palmer – „einer der besten Sänger und ein begnadeter Songschreiber – dessen 1980er-Hit „Johnny and Mary“ Kellner von Synthie-Beats befreit und in eine bairische Akustikrock-Ballade verwandelt hat.
Der Song hat ihn jahrelang begleitet, auf einem „Hardcore-Oldschool-Mixtape“, noch vom Radio aufgenommen, das der Kassettenspieler seines alten Autos irgendwann nicht mehr ausspucken wollte. Mathias Kellner scheint wohltuend aus der Zeit gefallen. Dazu passt, dass ihn sein biologisches Alter herzlich wenig interessiert. Heuer wird er 30. Doch er sagt, er habe sich schon mit 14 älter gefühlt, als er wirklich war. Er hält‘s mit Ringsgwandl: „Wurscht, ob jung oder alt – Hauptsach’ ich bin Musiker“.
Die MZ verlost CDs
Die MZ verlost drei von Mathias Kellner signierte Exemplare der neuen CD „Hädidadiwari“. Wer gewinnen will, schreibt bis 26. Januar eine E-Mail mit dem Stichwort „Kellner“ an ...
Wer Mathias Kellner live erleben will, kann das unter anderem am 25. Januar in der Alten Mälzerei in Regensburg, am 28. März in Postbauer-Heng, am 11. April in Parsberg, am 12. April in Riedenburg, am 18. April in Regenstauf und am 31. Mai (gemeinsam mit Claudia Koreck) beim Zeltfestival in Lappersdorf. Mittelbayerische Zeitung, 22.1.2014

 

Pop-Perlen, die Zeitgeschichte erzählen
Berlins interessantester Popimport Cherilyn MacNeil begeistert in Regensburg mit ihrem „Dear Reader“-Projekt das junge Publikum.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg „Goodness, what a wonderful whirlwind“. „Meine Güte, was für ein toller Wirbelwind“, schreibt die Berliner Sängerin und Komponistin Cherilyn MacNeil auf ihrer Facebookseite über ihren Auftritt mit „Dear Reader“ in der Alten Mälzerei. Nach anfänglich etwas flauem Eindruck, füllte sich das Regensburger Pop-Eldorado nach dem Duo „Lost Lander“ aus Portland, das als Vorband einen etwas schwachen Eindruck hinterlassen hat, doch ordentlich. Und die jungen Leute ließen keinen Zweifel aufkommen, was sie von der eigenwilligen Musikerin halten. Vorwiegend der weibliche Teil des Publikums sang die letzte Zugabe, Bruce Springsteens „Dancing in the Dark“, in einer langsamen Version als einfühlsame Ballade Zeile für Zeile voller Andacht mit.
Schon bei der ersten Zugabe machte die im schwingenden Retrokleid ein wenig matronenhaft wirkende Sängerin, getragen von einer heißen Sympathiewelle, kleine Luftsprünge auf dem Weg zurück auf die Bühne. Ihr Programm mit Songs hauptsächlich aus dem aktuellen Album „Rivonia“ ließ das nicht von vorneherein erwarten. Basierend auf oft sehr einfachen, dabei keineswegs unbedingt eingängigen Melodien, sprengen die Arrangements herkömmliche Erwartungen durch rhythmische Fallstricke und plötzliche Wechsel von orchestraler Fülle und karger Instrumentalbegleitung der Stimme. Die Songs selbst, kleine, glitzernde Kostbarkeiten, sind ebenfalls alles andere als leichte, schnell konsumierbare Kost. Cherilyn MacNeil lässt darin immer wieder Geschichte, Weltgeschichte gar aufblitzen. Was auf den ersten Blick reichlich überspannt erscheinen mag, entpuppte sich als spannender, erfrischender Streifzug durch aktuellen Indie-Pop. Einer Musik, der deutlich mehr zu sagen hat, als die sonst übliche Nabelschau oder pubertäre Posen. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, dass die junge Musikerin Südafrikanerin ist.
Lieder von Bedeutung
Sehr wohl von Bedeutung ist es aber, dass sie in vielen Liedern die Geschichte ihres Landes, ihrer Leute, ihrer eigenen Familie zum Thema macht. Also Zeigefinger-Pop, Vehikel für beklagenswerten Schulunterricht, musikalischer Erziehungsdiskurs? Weit davon entfernt, singt MacNeil von ihrem frommen Ur-Ur-Großvater (Man Of the Book), einem Baptisten, der den Rechtsanwalt Mahatma Gandhi in seinem Bett übernachten lässt, weil er als Farbiger kein Zimmer im Hotel bekommen hat. In „Down Under, Mining“ beklagt sie mit pathetischem Backgroundstimmen und abgehacktem Auf-und-ab, das dem mühsamen Untertageabbau nachempfunden ist, den Tod des Bruders. Eindringlich besingt sie die elenden Arbeitsbedingungen der schwarzen Bergleute, die der „City of Gold“, MacNeils Heimatstadt Johannisburg, zu Reichtum verholfen haben. Auch der Albumtitel beinhaltet einen starken zeitgeschichtlichen Bezug. 1963 sind im „Rivonia-Prozess“ Nelson Mandela und acht weitere ANC-Führer vom Apartheid-Regime jahrzehntelang auf die Gefängnisinsel Robben Island verbannt worden. Klug meidet MacNeil es politische Statements oder allzu öffentliche Meinungsbekundungen abzugeben. Vielmehr schildert sie in „Took them Away“ die Rivonia-Geschehnisse aus der Sicht eines kleinen Jungen, der vermutlich die geheime ANC-Riege versehentlich verraten hat. Eine Empathie, die sich auch in MacNeils kraftvoller Stimme fängt und tief anrührt, selbst wenn man den - englischen - Text nur ausschnittsweise versteht.
Vorzügliche Musiker begleiten sie
Aber nicht nur Schwergewichtiges hat die äußerst kreative Songwriterin auf dem Notenständer ihres Keyboards liegen, selbiges sie auch mal wüst malträtiert und aufjaulen lässt. Im heiter-versponnenen „Mole“ macht sie sich Gedanken, wie denn der blinde Maulwurf zum Sex, sprich zur Fortpflanzung, kommt. Begleitet wird MacNeil, die das Projekt „Dear Reader“ seit der Trennung von ihrem Partner und Toningenieur Daryl Torr alleine weiterführt, von vier vorzüglichen Musikern an Trompete und Stimme, Schlagzeug und Perkussion, Geige und Akkordeon und E-Bass. Das macht die wundervollen Arrangements ungemein farbig, oft überraschend und mit sparsam eingesetzten elektronischen Loops oder Effekten zu Popperlen mit Seltenheitswert. Und über allem immer wieder diese oft volle, manchmal mädchenhaft zarte Stimme mit ganz eigenem Duktus, der ihr einen hohen Wiedererkennungswert verleiht. Vergangenen Herbst hat die Cherilyn MacNeil Rivonia-Songs mit dem Filmorchester Babelsberg neu arrangiert und in einer gelungenen Aufführung präsentiert. Ein Zeichen, dass das „Pop-Musical“, wie die Autorin ihr Album auch versteht, in anderen Zusammenhängen gleichermaßen gut funktionieren. „Dear Reader“ wird voraussichtlich noch öfter von sich reden machen – und hoffentlich wieder in die Mälzerei kommen. Mittelbayerische Zeitung, 20.1.2014

 

Mit Kampf-Liedern gegen „die da oben“
Der „Hasch-Rebell“ Hans Söllner wettert im Antoniussaal wie eh und je gegen Staatsgewalt und beschwört die andächtige Zuhörerschaft: „Traut´s eich!“


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Vor zwei Jahrhunderten wäre er ausgewandert. Nach Amerika, in den Wilden Westen, wo bockige Individualisten und Gegner staatlicher Bevormundung wie Hans Söllner ihre Träume von Freiheit, Autonomie und Gerechtigkeit haben ausleben können. Vielleicht sind sie dabei verreckt, umgekommen oder an ihren Träumen zugrunde gegangen - aber es waren ihre Träume, ihre Entscheidungen, ihre Enttäuschungen. Und davon hat der mittlerweile 58-jährige Liedermacher, Songpoet und Gitarreklampfer auch im fortgeschrittenen Alter noch eine ganze Menge.
Wo andere milder werden in ihren Ansichten, vorsichtiger und weiser, mehr abwägen, bedenken und dann möglicherweise zu ausgewogeneren Haltungen tendieren, ist der Bad Reichenhaller „Hasch-Rebell“ unnachgiebig festbetoniert. Keinen Fußbreit, keinen Millimeter „denen da oben“, den Politikern, Staatsmännern und gierigen Wirtschaftslenkern, die uns kaputtmachen, zerstören und gängeln. Für die hält Söllner mehr Schimpfworte und Verachtung parat, als auf jede bayerische oder fremde Kuhhaut gehen.
Im voll besetzten Antoniussaal grantelte der aufrechte Oberbayer halb belustigt über den eifrigen Beifall, der ihm entgegenschlägt, als er die Bühne betritt. „In der letzten Zeit fallt mir auf, dass die Leute schon klatschen, wenn i aussi kumm…, dabei hob i no koan Ton g’sagt!“ Dann könne er ja wieder gehen, greint Söllner kichernd, ohne Anstalten zu machen, die Drohung auch umzusetzen
Die erste halbe Stunde gerät zu einem verbalen Rundumschlag aufs Landratsamt, das seinen Führerschein einziehen will, auf Politiker und Facebooknutzer, die ihn wüst beschimpfen. Für die User im Netz kann er sich sogar erwärmen. Statt ihren Frust zu schlucken und neurotisch zu werden, könnten sie sich austoben. Wenig Verständnis bringt er für das Landratsamt auf: Der Behörde bietet er als Ersatz für den Führerschein, den er wegen seines Marihuanakonsums - „selbst angebaut, alles bio!“ - abgeben soll, seine Spülmaschine an.
Zwischen einzelnen Liedern und langen, manchmal langatmigen Auslassungen beschwört Hans Söllner seine andächtige Zuhörerschaft immer wieder sich „heute Nacht“ zu trauen: „Sagt’s ,Ich liebe dich‘ zu dem Polizisten, sagt’s des!“ Jeder neue Appell wird mit freudigem Beifall, Johlen und Zustimmung begrüßt. Man spürt beinahe das innere Aufbäumen im Saal, den verzweifelten Herzenswunsch, dem unbeugsamen Vorbild auf der Bühne nachzueifern, der auf diese Weise einen Richter umarmt und außer Gefecht gesetzt hat. Gleichzeitig weiß jeder, dass diese Sehnsucht nach der rebellischen Geste ungestillt bleiben wird. Keiner wird im Zickzack nach Hause fahren, um die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu lenken und sie an der Nase herumzuführen.
Der Grantler und Freiheitskämpfer kämpft, stellvertretend für seine Anhänger und Fans, seit mehr als 30 Jahren gegen Staatsgewalt – mit bissigen Liedern, streitbaren Attacken und Aktionen jenseits von Legalität, die er aber für sein ureigenstes, persönliches Recht hält, wie das Rauchen von Cannabisprodukten. Betrachtet man die Entwicklung im Land der verbissensten Drogenbekämpfer, den USA, wo in Colorado zu Jahresbeginn der Verkauf freigegeben worden ist, kann man schon ins Nachdenken kommen, ob der „Hasch-Rebell“ denn so verkehrt liegt. Seine Inszenierung als widerständiger Dissident und stolzer Gerechtigkeitsapostel hat Söllner im Laufe der Jahre schon viel Geld in Form von Strafen gekostet. Eigentlich hätte er dafür längst den höchsten Bayerischen Verdienstorden verdient, als „Anerkennung für hervorragende Verdienste um das bayerische Volk“, könnte man denken. Verkörpert Hans Söllner doch wie sonst kaum einer im Freistaat urbayerische Tugenden: Er lässt sich bis heute nicht unterkriegen, ist unangepasst, schimpft und grantelt mit Genuss, steht unbeugsam für seine Meinung(en) ein. Und er verteidigt sein Recht auf Unangepasstheit mit Liedern wie „SoSoSo“, dem „Lied für Joschka Fischer“ („der größte Verräter in der deutschen Nachkriegsgeschichte“) und dem deftigen „A Drecksau Is A Drecksau“.
Das ironische Sehnsuchtslied „Mei Voda (hot an Marihuanabaum)“ gerät als Zugabe zur stehend mitgesungenen Mitklatschhymne und damit in gefährliche Nähe zur Verehrung a la Helene Fischer.
Schade nur, dass Hans Söllner solo unterwegs war, die beiden neuen mit seiner Band „Bayaman Sissdem“ eingespielten Alben „Mei Zuastand 1 + 2“ geben endlich auch musikalisch mehr her, als das bisschen einfache Geklampfe mit zwei Akkorden.
Mittelbayerische Zeitung, 16.1.2014

 

Super-Woman trägt zu dick auf
Lizzy Aumeier erlebt mit der Premiere ihres neuen Programms eine Bauchlandung. Die Lacher im Antoniushaus in Regensburg fielen verdächtig dünn aus.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Als Nachtigall der Oberpfalz geht sie so wenig durch, wie als „Spatz von Sulzbürg“. Obwohl…?! Eine Analogie zum lärmenden, schimpfenden Rohrspatz ist bei Lizzy Aumeier keineswegs von vornherein von der Hand zu weisen. Immerhin ist das vorromantische Volkslied „Wenn ich ein Vöglein wär’“ das musikalische Leitmotiv in der neuen Comedy-Show Superlizzy, mit der Aumeier am Samstag im Antoniushaus in Regensburg Premiere hatte. „Ohne Vorpremiere“, wie Lizzy Aumeier sichtlich erleichtert am Ende des mit anstelligem Wohlwollen aufgenommenen Programms bekannte.
Nach kurzer Verschnaufpause durfte Tatjana Shapiro, die Begleiterin der vielfach ausgezeichneten Komödiantin am Klavier, ihre Lieblingsnummer „Hollywood-Show“ (Aumeier streng: „Du kannst doch kein Englisch!“, „Yes, I am!“) als Zugabe spielen. Die körperbetonte „Chefin“, wie Aumeier von der nur unwesentlich schlankeren russischstämmigen Pianistin betitelt wurde, schmetterte Bluessongs zur eigenen Begleitung am Bass und Shapiro mühte sich mit möglichst drolligen Übersetzungen. „Nottingham“ wurde zu „Nicht Ding Schinken“ und „in my eyes“ zu „in meine Eier“.
Veganer bekommen ihr Fett weg
Lizzy Aumeier, die Bassistin und Musikkabarettistin aus dem westlichen Zipfel der Oberpfalz, war noch nie die Frau fürs Feine, Spitzfindige, Subtile. Seit mehr als 20 Jahren fightet sie mit Krummsäbel und Morgenstern und wenn es einen Lacher gibt, haut sie auch schon mal mit dem verbalen Vorschlaghammer aufs Zwerchfell. Als Superlizzy legt sie – noch hinterm Vorhang – eine krachende Bruchlandung hin und steckt nach diversen Kraftausdrücken gleich mitten in ihrem Lieblingsthema, der eigenen Körperfülle.
Das Thema zieht sich durchs ganze Programm, durch eine nicht wirklich durchschaubare Abfolge von Nummern, Gags, Witzen und Witzchen, immer wieder durchbrochen durch eine erfrischende Schlagfertigkeit im spontanen Austausch mit dem Publikum.
Das Einbeziehen einzelner Zuhörer – zwei Mal holte sich die derbe Oberpfälzerin Besucher auf die Bühne – gehörte zu den stärksten Momenten der ein wenig holprigen und gelegentlich gar stockenden Premiere. Vielleicht war die Probezeit zu kurz, aber einige Hänger hemmten, vor allem anfänglich. Pointen zündeten nicht, Knalleffekte verpufften. Das Publikum ließ sich nicht verdrießen und gab sein Bestes, wobei der freigiebig gespendete Beifall und reichlich Lacher zwischendrin auch mal verdächtig dünn ausfielen.
In der ersten Hälfte in ein blitzblaues Superwoman-Kostüm und in eine offene Latzhose gewandet, erklärt die ein wenig ramponiert wirkende Superlizzy, dank ihrer Fähigkeit durch Raum und Zeit zu reisen. Die Fetten werden kurzerhand zu „den Allerallerbesten“ der vergangenen zwei Jahrtausende ernannt und vor „dünnen Frauen“ wie Ursula von der Leyen wird gewarnt. Verknüpft durch immer neue stilistische und sprachlich akzentuierte Variationen des sehnsuchtsschwangeren Vöglein-Lieds hackt die „Anti-Diva und Sexgöttin aus der Oberpfalz“ mit spürbarem Genuss auf Vegetarier, Veganer, Ovo-Lacto-Vegetarier, Ovo-Lacto-Pesco-Vegetarier und andere Gruppen von Fleischverweigerern ein.
Ermüdende Scherze über Sex
Dass es ihr dabei, wie auch bei der Dresche für „political correctness“ und andere Themen, nicht in erster Linie um berechtigten Spott oder um die zugespitzte Bloßstellung einer ideologiegesättigten Auseinandersetzung geht, sondern leider allzu oft um platten Populismus, das lässt die Show zu einem schrillen, streckenweise dumpfbackigen Hau-drauf-Spektakel verkümmern. Daran ändern bedauerlicherweise auch der spontane Wortwitz und die geschärfte Schlagfertigkeit der oft wunderbar kraftmeiernden Musikkabarettistin nur wenig; ihre großartigen Fähigkeiten lassen vielmehr die inhaltliche Dürftigkeit vieler mühsam erarbeiteter Texte noch stärker hervortreten.
Die unverblümten und ungenierten Späße über Sex, Unterleib und Begierden – ein weiteres Markenzeichen der Endvierzigerin – sind auf Dauer eher ermüdend denn erheiternd. Zwei, drei Anläufe zu pfiffiger feministischer und süffisanter politischer Kritik (Dobrindts Maut-Dummheiten!) versanden schneller, als sie zum Vorschein gekommen sind, zwischen witzelndem Klamauk und populistischen Gags, mit denen Superlizzy gesellschaftliche Klischees und Dummheiten willig bedient. Zudem klebt Aumeier noch zu oft und zu lange an ihren Manuskripten.
Vielleicht hätten mehr Proben und einige ausgewählte kleinere Clubauftritte der Comedy-Frau gut getan, die dann das Programm überarbeiten und stellenweise hätte verbessern können. So wird der Abend fast vollständig zur Bruchlandung. Mittelbayerische Zeitung, 13.1.2014

 

Konzert des Jahres 2013
Nach SPORTFREUNDE STILLER im letzten Jahr bieten wir für 2013 zur Auswahl: Rhino Bucket, Das Blaue Einhorn, MachOne, Moop Mama, Steve Wynn & Chris Cacavas, Claudia Koreck, Firewater, Killerpilze, Kellner & Band, Mitch Ryder, Dr. Ring Ding, Vdelli, Simeon Soul Charger, The Kings of Dub Rock, Faun, Akkordeonale, Rocko Schamoni, Jamaram, Attwenger, Bauchklang, Eläkeläiset, Palo Santo, Root Missionmit Mad Professor, Milky Chance, G. Rag Y Los Hermanos Patchekos, The Notwist, Little Caesar, Fiva & Das Phantom Orchester, The Aggrolites, Karamelo Santo, Mardi Gras BB, Akua Naru & The Digflo Band, Turbostaat, Stefan Dettl Band, The Brew, Django 3000, Herrenmagazin, Ohrbooten, Francis International Airport, Zehn Jahre : Ohne Schnupftabak, Popa Chubby, The Slackers, Kofelgschroa, Sham 69, Al Andaluz Project ... und viele andere. Unter den Meldungen KONZERT DES JAHRES 2013 per email info@alte-maelzerei.de verlosen wir wieder Freikarten, CDs, etc.

Konzerte des Jahres 1996 bis 2012:
Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King’s X (2000), Maceo Parker (2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor The Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012)

 

 

Der leise Krawallmacher
Martin Sonneborn, Ex-„Titanic“-Chef und Mitarbeiter der „heute show“, drehte in der Alten Mälzerei in Regensburg die Daumenschrauben ganz sanft zu.


Von Flora Jädicke, MZ
Regensburg. chNiemand macht so leise Krawall wie er. Martin Sonneborn ist Deutschlands härtester Satiriker und gleichzeitig sein freundlichster. Fast unscheinbar hockt er da oben auf der Bühne. Vor sich das Laptop. An der Wand der Schriftzug des Satiremagazins „Titanic“, dessen Chefredakteur er von 2000 bis 2005 war. Vor ihm ein Publikum, das selten so jung war und selten so begeisterungsfähig wie an diesem Abend.
Aber er warnt sie: „Sie werden nicht alles verstehen, was ich hier sage. Das ist ein Vortrag, der eigentlich für Großstädte konzipiert wurde.“ Schallendes Gelächter. Wer Sonneborn etwas übel nimmt, der will oder kann ihn nicht verstehen. Oder er hat etwas zu verbergen. Auf der Leinwand wechseln die Titelblätter der „Titanic“. Hitler ist zu sehen. „Wer ist dieser Mann?“ Damit haben Parteianhänger Frankfurt am Main plakatiert. Die Reaktionen waren peinlich bis erschreckend.
Ein Taifun an einem Sommertag
„Wenn Hitler auf dem Titelblatt zu sehen ist, dann kann es nur der ,Spiegel‘ oder die ,Titanic‘ sein“, beruhigt er. Und wieder lachen sie. Mit seinem Spitzbuben-Lächeln stellt Sonneborn „Die Partei“ vor, die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, dessen Vorsitzender er ist. Schon das Programm liest sich wie eine einzige grandiose Kabarett-Nummer. Sie wollen die Machtübernahme und die Mauer zurück. Und sie fordern die Einführung der Faulenquote und das Fracking von Peter Altmaier. Obwohl Satirepartei, ist sie gleichzeitig eine ordentlich zugelassene Partei, die mit ihrer Parteienwerbung regelmäßig für mehr Aufregung sorgt, als säße sie im Bundestag.
Sonneborn ist wie ein Sommertag an dem plötzlich ein Taifun hereinbricht. Er ist der Satirewolf im Schafspelz. Wer ihm vor das Mikrofon oder die Kamera gerät, braucht Mut, Humor, politischen Durchblick und jede Menge verbale Schlagkraft. Den meisten fehlt alles. Und so kann Sonneborn im vermeintlichen Auftrag von „Google Home-view“ bis in deutsche Schlafzimmer vordringen und ungehindert herumfotografieren. Er lässt deutsche Rentner unterschreiben, dass sie Nazis sind, und Politikern wie Sigmar Gabriel fällt nicht mehr ein als latent aggressive Flucht. Weh tut‘s immer hinterher
Politiker, Wirtschaftsbosse und Pressesprecher machen einen Bogen um ihn. Und erwischt er sie doch, dann hebt er sie mit wenigen stillen freundlichen Fragen aus den Angeln oder hält sie Wochen lang in den Schlagzeilen. Die Deutsche Bank kann davon ein Lied singen. Das Interview, ein Meisterstück der Satire-Kunst war erst kürzlich in Oliver Welkes „heute-show“ (ZDF) zu sehen. Mehr als drei Millionen Menschen sahen, auf welche Weise PR-Strategen der Deutschen Bank Journalisten und Kunden für dumm verkaufen wollen.
Kaum einer spürt es, wenn Sonneborn ihm die Maske runterzieht. Und wenn doch, dann kann er sich nicht wehren. Der FDP-Politiker Joachim Günter soll nach einem Interview gesagt haben: „Irgendwie war das sehr seltsam, aber irgendwie kam ich da auch nicht mehr raus.“
Fragen an den „Herr Magister“
Und selbst das junge Publikum in der Alten Mälzerei folgt dem „Buster Keaton der deutschen Politik!“ wie die „taz“ ihn nannte, bereitwillig. Er habe Politik studiert. Das habe ihm noch nie im Leben genützt. Bei solchen Veranstaltungen aber wolle er mit „Herr Magister“ angeredet werden. Die Ansage für den Frageblock zeigt prompt Reaktion. Gut ein halbes Dutzend meldet sich zu Wort und beginnt die Frage artig mit „Herr Magister“. Lustig fanden sie es. Freilich. Irgendwie hat der Satiremeister sie dennoch am Kragen gepackt. Denn da war er wieder. Dieser Reflex. Dazugehören wollen, mitlaufen wollen, zu einem „GröVaz – Größter Vorsitzender aller Zeiten“ aufschauen wollen.
Sonneborns Agitationen und Worte sind der Katalysator zwischen unreflektierter Gefolgschaft und mündigem Denken. Manchmal ist es der Fackelmarsch der „Partei“ durchs Brandenburger Tor, manchmal sind es Plakate wie „CDU Wähler aufgepasst, Ole van Beust ist schwul“ und tags drauf „Schwule aufgepasst: Ole van Beust ist in der CDU“. Manchmal sind es Interviews und manchmal ist es der Scherz „Ich möchte mit Herr Magister angeredet werden“, der etwas von ganz unten in der Seele hervorholt ins Licht des Verstandes.
Sonneborn dreht oft nur Millimeter an den satirischen Daumenschrauben. Der leise Schmerz reicht aus, um Oberstübchen und Zwerchfell ausreichend zu durchbluten. Dafür hassen ihn die Einen. Die anderen verehren ihn dafür, wie das Publikum in der Alten Mälzerei. Kein Handy, vor dem er nicht posieren musste. Martin Sonneborn ist Dieter Hildebrand 3.0. Großartig! Mittelbayerische Zeitung, 9.12.2013

 

Eure Mütter: Witz ohne Benimmregeln
Das Trio beleuchtete im vollbesetzten Antoniussaal die männliche Intimrasur, Rocker-Starallüren und den Blickwinkel von Jungbullen auf die Welt.


Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Der Antoniussaal war proppenvoll, die Stimmung angeheitert – im nichtalkoholischen Sinne – und die Luft vibrierte von Erwartungen. Jeder einzelne im Saal wollte am Samstagabend eine gehörige Dosis des Humors, für den Andreas Kraus, Donato Svezia und Matthias Weinmann alias Eure Mütter bekannt sind. Die Fans gierten nach Witz, der sich nicht an Benimmregeln hält, nach Blödeleien, die frei sind von Zynismus, und nach zum Weinen lustigen Gags, die zünden, ohne dass Tiefgang und Botschaft das herzhafte Lachen behindern.
Vorweg geschickt: Das Publikum bekam, was es wollte: Reinen, oftmals deftig-derben Humor, der getragen wurde von drei Männern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die „Wichtigkeiten“ des Lebens auf die Schippe zu nehmen und gemeinsam mit dem Publikum Spaß zu haben. Gleich zu Beginn der Show „Nix da, Leck mich! Auf geht’s!“, mit der Eure Mütter seit 2007 auf Tournee sind, ratterten sie in atemberaubendem Tempo alle gängigen Vornamen zu Begrüßung des Publikums herunter. Alle? Knut aus dem Publikum monierte, dass sein Name nicht genannt worden sei und machte sich damit unfreiwillig zur Zielscheibe des Comedy-Trios, das den Gag mit Knut bis zum Schluss ausschlachtete, denn „Knut, der gerne Punsch trinkt, war ja auch kein Wunschkind!“
Breitseite gegen Silbereisen & Co
Mit diebischem Vergnügen schossen Eure Mütter eine Breitseite gegen die volkstümelnde Welt von Florian Silbereisen. Man benötige lediglich „Urlaub plus Zärtlichkeit“, dann sei ein passender Song für Silbereisen fertig. Zum Beweis trug das Trio den nach diesem Rezept gestrickten Song „Sonne von Sorrent“ (… die mir komplett das Hirn verbrennt“) vor. Dabei imitierten sie die in diesem Genre gängige Körpersprache, ja sie überhöhten sie, indem sie sämtliche theatralischen Gesten in nur einen einzigen Song packten. Wirkliche Schlagersänger hätten daneben unecht gewirkt!
Von den Fans schon bei den ersten Tönen begeistert beklatscht wurde der Song über die schwierige Frage „Soll ich mir den Sack rasieren oder nicht?“ Eine Reihe von skurrilen Ideen, wie zum Beispiel die siamesische Drillingsgitarre oder die grundsätzlichen Überlegungen dreier Jungbullen, durchzog die Show wie ein roter Faden. Auch der Song „Ich hab Winterreifen drauf“, der im Refrain „Ich hab den Gummi schon seit letztem Winter drauf“ gipfelte, oder „Keine is(s)t wie du“ verfolgten in rotzfrecher Einfachheit nur das eine Ziel – das Publikum zum Lachen zu bringen.
Brüllkomischer Auftritt von Goldregen
Das Pinkel-Konzert, das so manche Geschmacksgrenze überschritt, bewies zweifelsfrei, dass Beethovens „Ode an die Freude“ keine „Wassermusik“ ist. Ein Höhepunkt der Show war unbestreitbar der Auftritt der Rockband Goldregen. Wie Eure Mütter das pseudo-martialische und unglaublich selbstverliebte Gegockel vieler Rockstars auf allen Bühnen der Welt imitierten, das war zum Brüllen komisch.
Als Lösung für alle Probleme des Lebens präsentierten „Eure Mütter“ den Rat ihres Agenten Hans Braun: „Tu’s mischen!“ Natürlich durfte auch der Gema-Song nicht fehlen und als Rapper zeigten Eure Mütter, wie man sogar aus Connie Francis’ Schlager „Die Liebe ist seltsames Spiel“ einen Rap-Song basteln kann. Viele Witze, Blödeleien und Gags später starteten „Eure Mütter“ das Finale mit der legendären Vorführung des „Synchron-Haarewaschens“, das an Absurdität und Witz kaum zu überbieten ist. Mit der adaptierten Version von „Tu t´en vas“ von Alain Barrière schickten Eure Mütter ihr begeistertes Publikum schließlich mit einem herzhaften „Geht doch fort!“ nach Hause. Mittelbayerische Zeitung, 9.12.2013

 

 

 

Furioses Finale der Regensburger Tanztage
Riesenbeifall gab es für die schwedische Compagnie Norrdans, die im Velodrom spannungsreiche Choreografien von Ohad Naharin und Thomas Noone zeigte.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Wie ein läufiger Hund schleicht er hinter ihr her. Oder fleht er nur? Bittet um ihre Aufmerksamkeit? Choreograf Ohad Naharin hat für seinen Tänzer, der im tiefen Entengang mit vorgestreckten Armen hinter der Frau herwatschelt und heftig mit verschränkten Händen wedelt, eine erfrischend freche Geste ausgesucht. Scheinbar eindeutig, verliert das offensichtliche Buhlen schon nach wenigen (Tanz-)Schritten seine so augenfällige Bestimmung. Es wird mehrdeutig, wenn auch keineswegs gänzlich missverständlich, und löst bei den Zuschauern im Velodrom Reflexe zwischen Grinsen und Mitleid aus. Über Musik von Vivaldi, gesungen von einem etwas schwermütigen Countertenor, tanzten die beiden Mitglieder der schwedischen Compagnie Noordans ein schnelles, deliziöses „Duett Mabul“ mit zarten Momenten, Zurechtweisungen und …
Zwischen Archaik und Travestie
Es war ein furioser, mitreißender Abschluss der diesjährigen Regensburger Tanztage, den das achtköpfige Ensemble mit fünf Choreografien in zwei Teilen bot. „Duos und Trios“ des israelischen Choreografen Ohad Naharin bildeten den ersten Teil. Wurde das erste Trio mit zwei Tänzerin und einer Tänzerin, ebenfalls über ein Lied eines Countertenors, noch ein wenig verhalten im etwa zu drei Viertel besetzten Velodrom aufgenommen, begleiteten das Duo und die anschließenden beiden Trios spitze Schreie und begeisterte Rufe.
„Park“ mit drei durch farbige T-Shirts klar unterscheidbaren Tänzern nimmt über elektronische, soundlastige Musik mechanisiert wirkende Showelemente und Unterhaltungsaffekte in den Blick. Ohne ins Persiflierende abzugleiten, fasziniert das Trio in praktisch völlig synchronen rasanten Tanzfolgen und Bewegungsabläufen, deren Attitüde zwischen Archaik und lustvoller Travestie balanciert. Es gipfelt in einem gesprochenen Kauderwelsch aus – vermutlich sinnlosen – Vokabeln und löst sich schließlich in einem wilden, scheinbar rein affektiv motivierten Veitstanz jedes Einzelnen für sich auf. Überraschend und einfach köstlich in einer Sprache aus halbdebilem Geschüttel, verhexter Imitation und einer räumlich-klanglichen Bewegungslust um der Bewegung willen, das Duo über einer grausam verunstalteten, zeitgenössischen Synthie-Version von Ravels „Bolero“. In der somnambulen Erotik der beiden Tänzerinnen schwang eine Pfiffigkeit mit, die einem den Kopf verdrehen konnte und über die musikalischen Abgründe hinwegtrug.
Atemberaubendes Spiel der Kräfte
Nach der Pause gehörte der zweite Teil des Abends "Beautiful Beast", einer Choreografie des englischen Tänzers Thomas Noone, in der das gesamte Ensemble gefordert war. Minimal ausgestattet mit einer Stuhlreihe, praktisch einer Art Ersatzbank, kommen die Plastikmöbel auch als Absperrgitter, zur Abwehr und um die „Bestie“ in Schach zu halten, zum Einsatz. Halblange Hosen der Tänzer und kurze, neckische Kleidchen der Tänzerinnen markieren ein jugendliches Outfit. Unglaublich rasant, perfekt bis in jede Drehung, jeden Sprung und jede Abfolge hinein, stürzt sich das Ensemble in dieses – musikalisch von Stücken der nordischen Folk-Pop-Gruppe Gjall-arhorn getragene – zündende Wechselspiel aus Vereinnahmung und Abstoßung, Zugehörigkeit und Ausgestoßensein. Da geht es um Macht und Angenommenwerden, um Halbstarke und entfernt auch die Mythenwelt nordischer Sagen mit bösen Trollen und Feen. Atemberaubend das Spiel der Kräfte, wie es sich ausbalanciert und wieder aufbricht, harsch und unversöhnlich im einen, offen und zugänglich im nächsten Moment – und alle Tänzer sich darin verausgaben, als sei das ganz und gar ihres. Fabelhaft – und der überbordende Beifall war mehr als verdient. Mittelbayerische Zeitung, 26.11.2013

 

 

Neue Bewegung: Der Tanz als Performance
Die Solotanznacht im Theater an der Universität präsentierte die exzellenten Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart.


Von Gabriele Mayer, MZ
Regensburg. Eine der heiß begehrten Veranstaltungen bei den Regensburger Tanztagen  ist die Solotanznacht. Hier präsentieren die aktuellen Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals-Stuttgart   ihre Stücke. Zu beobachten sind dabei auch neue und modische Tendenzen in Tanz und Tanztheater, gefiltert natürlich durch Ausrichtung und Geschmack der Juroren des Stuttgarter Wettbewerbs.
Dominierten jüngst kontemplative und konvulsivische Bewegungen und vorher eine auch aus fernöstlichen Traditionen gespeiste rasante Schnelligkeit, und stampfte man davor längere Zeit alle Energie in den Boden, so näherten sich in diesem Jahr die exzellenten Stücke auffallend der Performance an.
Zumindest bei drei Tänzern spielte das Wort eine bedeutende Rolle. Der Ungar Milan Ujvári las einen Text über graziösen Tanz vor und konterkarierte ihn zugleich augenzwinkernd mit Akrobatischem, Slapstickhaftem, Gegenläufigem. Der Publikumspreisträger von Stuttgart wurde auch in Regensburg fröhlich beklatscht.
Bei dem erst 17-jährigen Belgier Gilles Noel (Choreographie Min Hee Bervoets) rollten Äpfel auf den Boden und wurden von ihm beäugt, in Schach gehalten, gejagt: in einer Art synkopischer, fahriger, lauernder Bewegung in der Hocke, in Posen, die sich sofort wieder auflösten. Lässig und ver-rückt zugleich rennt der Tänzer den Obsessionen nach.
Sara Angius aus Italien lehnte in ihrer eigenen Choreographie mit den Füßen an der Betonwand und sah aus wie eine Spinne. Dann begann sie sich zu wassertropfenartigen Klängen zu rühren, eine Koordinierung zu suchen. Bis sich schließlich der Körper erhob, der freilich diesem merkwürdigen Wesen ebensowenig zu gehören und zu gehorchen schien, wie er auch sich selbst und der Welt fremd blieb. Eine faszinierende Bewegungs-Sprache hat diese Künstlerin gefunden.
Den ersten Preis für Tanz und Choreographie erhielt Andrea Constanzo Martini (Italien). Er zeigte Präzision und Brillanz im Zwielicht einer durchscheinend grauen Bühnenwelt. Dort trippelte er mit asketischem Körper, verrenkte sich wie ein Yogi, fand wie zufällig auch die schöne Form, schritt aus, suchte ein Ziel, hielt abrupt inne und versuchte es auf andere Art: ein Mann im Unreinen mit sich selbst, ein Kämpfer, ein permanent an Grenzen Stoßender.
Joachim Maudet aus Frankreich erzählte und tanzte „seine“ Geschichte (Choreographie Martin Harriague). Im wassergefüllten Plastikbeutel hielt er einen Goldfisch. Am Ende tropfte das Wasser aus dem Beutel und auch der Tänzer tropfte. Es war das Gegenteil eines Siegs, was hier zelebriert wurde.
Ob es Zufall ist, dass die Männer diesmal in der Überzahl waren? Festzuhalten bleibt, dass sie nicht Sieger, Helden oder Macher darstellten, und auch nicht allein dem freien Tanz frönten. Die Figuren, die sie aufleben ließen, wirkten alleingelassen, in Aufruhr, zersplittert, gehindert und (sich selbst) suchend. Mittelbayerische Zeitung, 25.11.2013

 

Ein Körper kreist um den Stern Reticuli
Junge Tänzer aus Salzburg, München und Regensburg zeigten bei den Regensburger Tanztagen 2013 neue, spannende und beeindruckende Choreografien.


Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Dass dies kein Tanzabend wie jeder andere ist, ist schon in den ersten Sekunden ersichtlich: Denn einem der sechs Tänzer des Bodhi Projects der Salzburg Experimental Academy of Dance, die gerade den Bühnenraum im Theater der Alten Mälzerei durchqueren, baumelt die Hose beim würdigen Schreiten um die Fesseln herum. Kurz darauf lassen alle grimassierend und protzend die Muskeln spielen, und wieder wenige Augenblicke später lässt ein Tänzer die anderen wie Marionetten an ihren Schnüren zappeln. Ein verrücktes, skurriles Figurentheater aus lebenden Körpern.
„sens interdit“ heißt diese Choreografie von Anton Lachky (Les Slovaks), in der die Tänzer unterschiedlichste Typen darstellen. Doch es sind keine ernst gemeinten Persönlichkeiten, die hier auf die Bühne kommen. Es geht nicht um Parodie, eher um Comiczitate. Durch fein ausgefeilte Bewegungsmuster werden hier Szenen vorgestellt, deren Figuren mit ihren Gesten und Handlungsweisen jederzeit einem Disney-Cartoon entsprungen sein könnten. Das ist witzig, kurzweilig und von den vier Künstlern und zwei Künstlerinnen – Chris Sta Maria, Kenan Dinkelmann, Luan de Lima da Silva, Luna Cenere, Mami Izumi und Patrik Kelemen – tänzerisch durchaus beeindruckend umgesetzt.
Verwerfungen und Verbindungen
Wie Lachkys Choreografie sind auch die folgenden Tanzstücke überraschend, unkonventionell, eigenständig im besten Sinn des Wortes. Absolventinnen der Iwanson Schule bringen im Duo und im Trio die nächsten beiden Stücke auf die Bühne, in denen es um Zusammengehörendes und Trennendes geht. Tanya Rydell Montan und Rikke Holm tanzen, singen und sprechen in ihrer Performance „Together“, in der die Entwicklung zweier Freundinnen nachvollzogen wird. Da gibt es – ausdrucksstark getanzt – Momente synchroner Übereinstimmung ebenso wie gegenläufige Bewegungen. Und doch bleibt das Paar über alle Verwerfungen hinweg verbunden.
Ein ähnliches Thema hat nach der Pause das Stück „Agreement“ von Marie Preußer in Zusammenarbeit mit den Tänzerinnen Cheri Isen und Micaela Kühn. Ausgehend von chorischen Bewegungen zeigen die drei fast identisch gekleideten Tänzerinnen, wie sich die Bewegungsformeln langsam verschieben und zeitlich versetzt ablaufen, schließlich wie in einem Wettstreit ausgeführt werden, wobei immer raumgreifender, wilder, emotionaler agiert wird. Es geht um Gleichheit und Verschiedenheit, Übereinstimmung und Vielfalt.
Regensburg kann gut mithalten
Waren bisher kleinere und größere Ensemblestücke zu sehen, so ist nun die Zeit für Soli. Und dabei zeigen die Regensburger Choreografen und Tänzerinnen, dass sie mit den Kollegen aus München und Salzburg sehr gut mithalten können. Amalia Darie und Elisabeth Ramoser von der tahk (Tanzakademie Helene Krippner ) beweisen in ihren Stücken Fantasie, Stilbewusstsein, ein hohes Maß an Kreativität und choreografisches Knowhow. Wie ein Ninja-Krieger ganz in Schwarz tritt Amalia Darie in „verBUNDen“ auf und lässt ihren Körper auf einer fantastischen Umlaufbahn um das 163 Lichtjahre entfernte Doppelsternsystem Reticuli kreisen, das in an die Wand geworfenene Lichtprojektionen erkennbar wird. Sich wiederholende, komplizierte Bewegungsabläufe auf geometrisch vertrackten Wegen. Das Publikum ist nicht nur wegen der Körperbeherrschung und Exaktheit des Tanzes fasziniert, sondern auch wegen der geradezu artistischen Elemente wie einem aus kniedender Position heraus geschlagenen Salto rückwärts.
Viel Applaus für die Tänzer
Elisabeth Ramoser zeigt in „Nebel“ ein pantomimisch begonnenes Solo mit anmutigem, ästhetisch feinen Bewegungsvokabular. Was aber von der Musik immer wieder kontrastiert wird. Da darf der Hilti-Schlagbohrer dazwischenfahren: „drücken Eisendaumen auf die Wunde“, heißt es in dem Gedicht in der Programminfo zum Stück. Mittelbayerische Zeitung, 19.11.2013

 

Das Leben besteht aus Bewegung
Sophie Hydes und Bryan Masons „Tanja - Life in Movement“. Ein bewegender Film über die tödlich verunglückte Tänzerin und Choreographin Tanja Liedtke.

Von Gabriele Mayer, MZ
Regensburg Der Maler steht allein in seinem Atelier. Die Theater- und Tanzkunst dagegen ist an Gemeinschaftlichkeit gebunden. Die Dokumentation "Tanja - Life in Movement" von Sophie Hyde und Bryan Mason blickt in mehrfacher Weise hinter die Kulissen dieses aufregenden und aufreibenden Bühnenbetriebs, wenn auch aus einem tragischen Anlass.
Tanz und Tanztheater sind international. Die in Stuttgart geborene Tanja Liedtke hat ihre Tanzausbildung in England und Spanien absolviert, dann ging sie nach Sydney. Sie choreographierte und baute mit Tänzerinnen und Tänzern, die mit ihr harmonierten, eine eigene kleine Kompanie auf. Als 29-Jährige wurde sie zur Leiterin der weltweit renommierten Sydney Dance Company berufen. Kurz danach kam sie 1977 bei einem Verkehrsunfall ums Leben.
Der Film beginnt und endet mit Interviews ihrer Kompanie-Mitglieder zu diesem tragischen Ereignis. Dazwischen bekommt der Zuschauer in einer Art Collage aus Videoaufzeichnungen von Interviews mit Tanja Liedtke, aus Proben- und Bühnenaufzeichnungen ein, wenn auch zerrissenes und naturgemäß unvollständiges Bild über die Arbeit dieser Tänzerin.
Als drahtig-muskulöses Springinsfeld erscheint Tanja Liedtke, wirkt wie ein ätherisches Energiebündel, dabei kritisch und selbstzweiflerisch. Dreijährig gab sie als Berufsziel an, eine Blume werden zu wollen, und sah dann bei einem Theaterbesuch eine menschliche Blume. Das war sozusagen der Beginn.
Man sieht sie auf Videoausschnitten bei Tanzimprovisationen im Badezimmer, man meint, das ganze Leben all dieser ruhelosen Theatermenschen bestehe in ihrem Beruf, und so ist es wohl auch, denn Privatleben, Beziehungen und Arbeit, das geht hier wie bei anderen Kompanien nahtlos ineinander über.
Man sieht die ultramodernen Skylines und Straßenschluchten der Städte und daneben Ausschnitte aus Tanja Liedtkes Choreographien „The twelfth floor“ und „Construct“, die sich mit sozialen und psychischen Aspekten des modernen Großstadtlebens befassen: der Gewalt, dem Gefangensein, der Beengtheit, der eruptiven Freiheitssuche und Kreativität in diesem Umfeld.
Ein wenig kann man die „Handschrift“ dieser jungen Ausnahme-Choreographin erkennen: biegsam, schnell, muskelspielerisch, enorm ausdifferenziert und aussagekräftig wird das, was die natürliche Umgebung bereithält, stilisiert, transformiert und deformiert. Dabei die Fähigkeit Tanja Liedtkes, mit den Körpern und Mentalitäten ihrer Tänzer zu arbeiten. Die Welttournee der Kompanie endet in Stuttgart. Die Tänzerinnen und Tänzer haben die Choreographien getreu wiedergegeben. Aber weiterzukommen, das ist ohne Tanja Liedtke schwierig.
Der Film „Tanja – Life in Movement“ wird noch bis 16. November im Rahmen des Festivals der Regensburger Tanztage in der Filmgalerie im Leeren Beutel gezeigt (Beginn 19 Uhr). Mittelbayerische Zeitung, 16.11.2013

 

 

Tanzen wie ein Groucho Marx
Ein traumhaft unkonventioneller und temperamentvoller Start: Les Slovaks Dance Collective liefert den mitreißenden Auftakt der Regensburger Tanztage.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Ein Tanzabend, bei dem aus dem Publikum anfeuernde Pfiffe losgelassen werden, die Zuschauer aufgepeitscht von der wild fiedelnden Balkan-Geige und den ausgelassenen Bewegungen der Tänzer im Rhythmus auf ihren Stühlen ruckeln, sie mal fassungslos dem rasanten Treiben auf dem Tanzfeld folgen, dann wieder lauthals lachen müssen und kurz darauf in fasziniertes Staunen versinken: Les Slovaks Dance Collective bereitet den Regensburger Tanztagen 2013 einen starken, mitreißenden Start.
Am selben Freitagabend, an dem der Regensburger Ballettdirektor Yuki Mori ins Velodrom zur Uraufführung von „Zwischen.Welten!“ lädt – erneut zwei Tage darauf als Teil der Tanztage zu genießen –, bekommt er charmant-freche Konkurrenz im Uni-Theater: Les Slovaks zeigen mit unglaublicher Leidenschaft und technischer Raffinesse, was Tanz alles sein kann.
„Journey Home“ heißt ihr Programm zur Musik von Simon Thierrée, in dem sie munter zur Musik ihrer Heimat das tänzerische Vokabular des zeitgenössischen Tanztheaters mit dem der Folklore mischen. Dabei drehen sie dem Anspruch von Hochklassik und Ästhetik eine Nase und öffnen dafür Komik und Comedy auf eine Weise die Tür, dass die Marx Brothers nur zu gerne durchgeschlüpft wären, um sich schelmisch gleitend unter die tanzenden Slovaken zu mischen.
Es sind wunderbare Typen, die hier ihre wild ausschlagenden Kreise ziehen oder sich eckig wie die Figuren auf einer Spieldose oder als Teil eines Glockenspiels drehen, die sich gegenseitig skurrile Wettkämpfe liefern. Während der eine im Vordergrund ernste Bewegungskunst zelebriert, schleicht sich im Hintergrund Anton Lachky liebesbedürftig und kindlich auf den Schoß von Peter Jasko. Lachky ist der Größte der Tänzer, der gerne mal kraftmeiert, um dann im nächsten Moment sichtlich in seinem Bewegungsbedürfnis beschnitten zuckend nur langsam vorwärtszukommen. Ein sensibler Hüne. Martin Kilvady dagegen ist der Spinginsfeld, der in Jeansanzug und mit Hut auf dem Kopf keine Grenze anerkennt, alles sprengt, der seinen Körper fliegen lässt.
Jeder der fünf Tänzer dieser hochkarätigen Truppe – die von Milan Herich und Milan Tomasik glänzend komplettiert wird – lässt Persönliches einfließen, verkörpert Menschen mit individuellen Zielen, einer persönlichen Bewegungssprache. Zusammen sind sie – manchmal auch noch lautstark singend – ein kunterbuntes und doch spürbar zusammengehöriges Quintett. Eine urkomische, groteske, zwischendurch auch mal sensibel und tragisch agierende Gemeinschaft, die zwar keine große Geschichte erzählt, dafür federleicht und wie improvisiert wirkend unendlich viele kleine.
„Journey Home“ ist eine fantastische Show von fünf großartigen Tänzern, die mit ihrer treibenden Energie dem Publikum Laune machen, sich zu erheben und mit der gleichen heftig pulsierenden Lebenslust den Körper sprechen zu lassen. Was für ein Glück, Les Slovaks zu erleben!
Mittelbayerische Zeitung, 11.11.2013

 

 

Fliegender Tanz zu Geschrammel
Zwei internationale Ensembles aus der Slowakei und Schweden zeigen eine erfrischende Mischung aus zeitgenössischem Tanz, Comedy und Folk-Musik.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Wer die Augen schließt und nur der Musik lauscht, der könnte meinen, er sei in eine Folklore-Veranstaltung geraten. Doch Augen auf! Denn die slowakische Tanzgruppe „Les Slovaks Dance Collective“ lässt dazu die Körper auf ganz ungewöhnliche Weise fliegen, entwickelt aus der musikalischen Tradition heraus zur Livemusik einer schrammelnden Geigen ein modernes Schelmenstück, das alles bietet, was das Herz begehrt: zeitgenössischen Tanz auf höchstem Niveau, feinsinnige Comedy, und ein poetisches Erzähltanztheater von mitreißendem Tempo, herrlichem Witz und spürbarer Lust. „Sie tanzen, als gäbe es kein Morgen mehr. Lebensfreude in Reinform“, schreiben die Dresdner Nachrichten über die kleine Compagnie, die am Freitag, 8. November, die Regensburger Tanztage im Uni-Theater eröffnen.
„Das ist osteuropäisches Feuer, großartiger Tanz und großartige Unterhaltung“, sagt Hans Krottenthaler, initiator und künstlerischer Leiter der Regensburger Tanztage. Ob beim Festival „Szene Salzburg“, beim Hellerau-Festival in Dresden oder bei „Dance“ in München – überall wurde der Tanzabend der Slowaken begeistert gefeiert. „Ihr Stück ,Journey Home‘ ist unheimlich temperamentvoll. Sie machen ihre Wurzeln zum Thema“, sagt Krottenthaler. Die fünf Männer tanzten schon als Kinder zusammen – in Folkloregruppen ihrer slowakischen Heimat. Später studierten sie an Anne Teresa De Keersmaekers Schule P.A.R.T.S. und trafen sich in namhaften Compagnien wie Ultima Vez wieder. Nun entwickelten sie ihren eigenen, von viel Improvisation bestimmten Stil: den ebenso vergnüglichen wie kunstvollen „new traditional dance“.
Die Regensburger Tanztage haben ein anspruchsvolles Konzept: Es sollen neue Impulse von dem Festival ausgehen, innovative Stücke zu sehen sein, die in Inhalt und Form überzeugen, der junge Tanz soll gefördert werden, die Region sich wiederfinden, und das Festival soll genreübergreifende Kunst präsentieren, erklärt Krottenthaler: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als „die Vielfalt und Kreativität des zeitgenössischen Tanzes aufzuzeigen“.
Knapp 30 Produktionen sind bei diesem Festival (21. Oktober bis 24. November) zu sehen, von den Stücken junger und regionaler Künstler am Abend „Junger Tanz – Publikumslieblinge“ über die „Solotanznächte“ mit internationalen Preisträgern bis zur Aidstanz-Gala. Und eben den zwei internationalen Highlights, der slowakischen Eröffnung und dem ebenso großartigen Finale der acht Tänzer der schwedischen Gruppe Norrdans.
Die Produktion der herausragenden Norrdans-Tänzer aus acht Ländern wurden von den Kritikern des Dance Europe als eine der weltbesten Premieren 2012/13 ausgezeichnet. In Regensburg zeigen sie am 24. November Stücke von Ohad Naharin, dem Leiter der legendären Batsheva Dance Company, und Thomas Noone, der 2012 mit eigener Company bei den Regensburger Tanztagen euphorisch gefeiert wurde.
Service
Das Les Slovaks Dance Collective (Slowakei) eröffnet am Freitag, 8. November, um 20 Uhr im Theater der Universität die Reihe der Tanzveranstaltungen der 16. Regensburger Tanztage.
„Zwischen.Welten!“: Nahezu zeitgleich findet im Velodrom die Premiere von Yuki Moris und Shumpei Nemotos Tanzabend „Zwischen.Welten!“ statt, der am Sonntag, 10. November, um 19.30 Uhr, im Velodrom als Teil des Festivals wiederholt wird.
Der Tanzfilm „Tanja – Life in Movement“ wird von 14. bis 16. November, um 19 Uhr, in der Filmgalerie im Leeren Beutel gezeigt.
„Junger Tanz – Publikumslieblinge“ stehen am So., 17. November, um 20 Uhr in der Alten Mälzerei auf dem Programm.
Die „Solotanznacht – Internationale Preisträger“ wird am Fr./Sa., 22./ 23. November, jeweils um 20 Uhr, im Uni-Theater gezeigt.
Festival-Party „Jalla Worldmusic Club“ ist am Fr., 22. November, ab 22 Uhr in der Alten Mälzerei.
Die Internationale Aids-Tanzgala lockt am Sa., 23. November, um 19.30 Uhr, das Publikum ins Velodrom.
Mit Norrdans aus Schweden enden die Tanztage am So., 24. November, im Velodrom.
Karten unter Tel. (09 41) 78 88 10; für Veranstaltungen im Velodrom nur unter Tel. (09 41) 507 24 24
Mittelbayerische Zeitung, 7.11.2013

 

 

PULS Lesereihe in Regensburg
Home is where the Mälze is


Ach, Regensburg. Mann, Mälze. Hier ist's einfach immer wieder schön. In Würzburg war's schon toll, aber hier war's noch mal toller. Und voller. Dementsprechend bombig war die Laune. Im Publikum, bei den Autoren und bei OK KID eh.

Puh, war das eng! In Regensburg lieferten sich unsere Lesereihe-Autoren ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Finaleinzug. Dabei machten sie auch vor den ganz großen Themen nicht halt: Liebe, Abschied und der Traum von der Revolution.
Ein Gewinner war in der Alten Mälze schnell gefunden: das Publikum. Das begrüßte Moderatorin Kaline Thyroff mit einem ohrenbetäubenden "Yeah!" auf der Bühne und hatte damit im inoffiziellen "Yeah!"-Contest zwischen den Lesereihen-Städten zumindest am zweiten Tag unserer Tour die Nase vorn – so voll war die Mälze in all den Lesereihe-Jahren wirklich noch nie! Bei den lesenden Autoren war die Entscheidung dann nicht ganz so einfach, aber der Reihe nach.
Für unseren ersten Autor Torben Dietrich war die PULS Lesereihe quasi ein Heimspiel. Den gebürtigen Regensburger hat es erst vor kurzem des Jobs wegen nach München verschlagen. Eine Reminiszenz an seine alte Heimat findet sich dann auch im Namen der Hauptfigur seiner Geschichte: Bobfried Galgenberger, wie der Regensburger Galgenberg, wo übrigens auch die Alte Mälze beheimatet ist. Und die fand ordentlich Gefallen an Torbens Story über einen frustrierten Lokalredakteur, der sich aufgrund einer Stellenanzeige der alles entscheidenden Frage stellen muss: "Was möchtest Du in Deinem Leben unbedingt noch einmal machen?" Torben hatte übrigens erst kurz vor knapp von der PULS Lesereihe erfahren und seinen Text innerhalb von zwei Tagen fertiggestellt. Allein dafür: Respekt!
Im Schnellschreiben übertraf Torben an diesem Abend nur Christina Weiß. Die einzige Dame in unserem Regensburger Autoren-Trio hatte ihren Lesereihe-Beitrag "Wie jeden Sommer" innerhalb von einem halben Tag aufs Papier gebracht – und das ist in diesem Fall wörtlich zu verstehen, denn Christina schreibt mit der Hand! Jedes Geräusch, sogar das Tippen auf der Tastatur, lenkt die 19-Jährige nämlich nur vom Thema ab. Deswegen waren alle mucksmäuschenstill, als die jüngste Autorin der diesjährigen Tour am Lesepult Platz nahm und zum ersten Mal überhaupt einen Text vor Publikum präsentierte. Ihre Geschichte, in der es um eine ungeklärte Liebesbeziehung geht, lag beim Onlinevoting klar vorn.
Ganz reichte es damit allerdings nicht für den Sprung ins Finale. Am Ende erntete der wohl vulgärste Beitrag der Lesereihe die meisten Stimmen. Sein Verfasser Benjamin Feiner bezeichnete seinen Text auf der Bühne auch als "klein und böse" und fügte kurz vor seinem Auftritt noch hinzu: "Minderjährige sollten sich jetzt am besten die Ohren zuhalten!" Zum Glück kam aber keiner der Anwesenden Benjamins Warnung nach. Wäre auch schade gewesen, denn der Regensburger Student überzeugte mit seiner Geschichte nicht nur inhaltlich, sondern auch in seiner Performance. Immerhin hat Benjamin zehn Jahre geschauspielert und konnte so seine Erzählung über Thoma und dessen verqueren Traum von der Revolution eindringlich rüberbringen.
Last but not least war dann unsere Tourband OK KID dran – genauer gesagt Sänger Jonas, der tags zuvor im bandinternen Schnick-Schnack-Schnuck zum Zweitlesenden gekürt wurde. Bis kurz vor Veranstaltungsbeginn hatte Jonas an seiner Geschichte gefeilt, die sich als eine bitterlustige Abrechnung mit dem Wörtchen "Yeah" entpuppte. Da sind wir doch gespannt, was uns Schlagzeuger und Beatbastler Raffi heute im Zeughaus in Passau präsentieren wird. Außerdem spekulieren wir auf ein weiteres OK KID-DJ-Set. Wie schon in Würzburg gab's das auch in Regensburg als besonderes Zuckerl nach dem Konzert. Und wer sagt bitteschön, dass man nach einer Lesung nicht auch tanzen kann?! www.br.de - 23.10.2013

 

 

Hingabe für Momente des Schwebens
Eine Ausstellung eröffnet die Regensburger Tanztage: Hubert Lankes’ brillante Fotografie ist im Leeren Beutel zu sehen – und in einem extra Kalender.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. „Das sind lauter so Lügen, Der Mensch ist kein Vogel, Es wird nie ein Mensch fliegen“, sagt der Bischof zum Schneider von Ulm in Brechts lakonischer Ballade. Und schon in der zweiten Strophe kriegt der Bischof prompt recht, der Schneider ist abgestürzt. „Seine Flügel sind zerspellet, Und er liegt zerschellet / Auf dem harten, harten Kirchenplatz.“
Das war in Ulm 1811, und es gab die Regensburger Tanztage noch nicht. Der Mensch kann nämlich doch fliegen, oder zumindest schweben, die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft setzen. Bei den Regensburger Tanztagen kann man das immer wieder mit eigenen Augen sehen. Das Problem ist nur: Die, die nicht dort waren, glauben es nicht. Und im Grunde können es die, die dort waren, hinterher auch nicht mehr so recht glauben.
Der Tanztage-Kalender
Aber jetzt gibt es den Fotobeweis: Der Regensburger Fotograf Hubert Lankes hat einen großformatigen Kalender für 2014 drucken lassen, dreizehn brillante Farbfotos, und zumindest auf dreien davon scheint es physikalisch irgendwie nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Da stützt sich Rodrigue Ousmane, ein vielfach preisgekrönter Tänzer aus dem Tschad, mit der rechten Hand am Boden ab, der Rest seines Körpers ist in der Luft, aber der Schwerpunkt scheint weit entfernt von dem Punkt, wo er sein müsste. Im Hintergrund türmt sich eine gelbe Lavawand auf. Das ist der August.
Im November ist es eine Tänzerin der Thomas-Noone-Dance-Kompagnie aus Barcelona, die in einem Pas-de-deux ähnlich Unglaubliches vollführt. Und im Dezember ist es gleich die halbe italienische Imperfect Dancers Company, die spaceshuttlemäßig synchron zu viert im Raum – ja: schwebt, den Gesetzen der Schwerkraft zum Trotz. Fragen sich die Zuschauer der Tanztage schon immer: Wie machen die das?, so kommt jetzt angesichts der Fotos von Hubert Lankes noch die Frage hinzu: Wie macht der das? Ein physisch nicht recht zu erklärendes, eigentlich mehr metaphysisches Phänomen fotografisch in schlichter Brillanz und umwerfend satten Farben einzufangen?
Foto-Tricks für Politiker
Dass der das ohne billige Tricks macht, versteht sich von selbst. Hubert Lankes hat für die schöne, neue Welt der Digital-Retouche nur Verachtung übrig. Nicht dass er das nicht beherrschen würde. Man muss dazu nur das Stadtratshandbuch aufschlagen. Lankes sitzt für die Freien Wähler im Stadtrat, und auf dem Foto, das er für das Handbuch abgegeben hat, blitzen einen seine Zähne an, als würde er Werbung für „Strahler 3000“ machen – ein knalliger Hinweis darauf, dass Fotos von Politikern gern am Computer aufgehübscht werden. Auch unter den Wahlplakaten der Liste Alz 1996 und 2002 waren Meisterwerke der Fotomontage – aus der Werkstatt von Hubert Lankes, versteht sich. Hans Schaidinger verwandelt sich in Dr. Josef Alzheimer (alias Karlheinz Mierswa) und erscheint gleichzeitig unendlich geklont. Satire im Wahlkampf – so mancher hat Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass Hubert Lankes nichtsdestotrotz ernsthaft Politik betreibt, ernsthafter als viele andere. Das ewige Missverständnis: Wenn einer mal als Spaßvogel daherkommt, braucht man ihn nicht mehr ernst zu nehmen.
Genauso in seinem eigentlichen Metier, der Fotografie. Zum Auftakt der 16. Regensburger Tanztage präsentiert Hubert Lankes eine Auswahl seiner Fotos der Tanztage 2010 bis 2012 als großformatiger Kalender im Querformat (47 mal 87 Zentimeter), und in diesen dreizehn Meisterwerken sucht man den Schalk vergeblich. Es ist die reine Hingabe an die Tänzer auf der Bühne, das Restlos-Hingerissensein, die diese Bilder zustandegebracht hat, neben der meisterhaften Beherrschung der fotografischen Technik, versteht sich, und nicht zuletzt dem Gespür für den rechten Augenblick. Den Moment des Schwebens festzuhalten, dafür hat man genau eine Hundertstelsekunde Zeit...
Hingerissensein zum Tanz
Dieses bildgewordene, selbst zum Kunstwerk geronnene Hingerissensein vom Tanz hat man in Regensburg zuletzt 1991 gesehen, in der Ausstellung „Expressionismus in Regensburg“. Da hing im Leeren Beutel das Ölgemälde „Tänzerin im Atelier“ von Conrad Felixmüller von 1919/20: eine Tänzerin mit ausgebreiteten Armen, sitzend daneben der Maler mit Stift und Papier auf den Knien und aufgerissenen Augen und offenem Mund. Die Extase der Tänzerin hat längst auf den Künstler übergegriffen. – Fast in der gleichen Pose, mit ausgebreiteten Armen, nur den Kopf nicht erhoben, sondern gesenkt, lädt die Tänzerin Verena Wilhelm auf dem Titel von Hubert Lankes’ Tanzkalender ganz in Ferrarirot dazu ein, das Jahr 2014 tänzerisch zu eröffnen. Links im Eck, wo sich Conrad Felixmüller selbst porträtierte, findet sich bei genauem Hinsehen der Hinweis: „Fotos: Hubert Lankes“.
Typisch Hubert Lankes! Kein Schnickschnack, kein Firlefanz, keine Eigenwerbung! „Dem Foto hat sich alles unterzuordnen, auch der Fotograf“, dekretiert der Meister trocken, und man meint, Papst Johannes XXIII. zu hören, wie er zu sich selbst sagt: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!“
Auch das Layout von Bärbl Peithner hält sich angenehm zurück, die Namen der Tänzer bzw. der Tanzcompagnie sind unten am Rand sehr diskret zu lesen, sonst nichts. Auch das Kartenhaus Kollektiv hätte einen Preis verdient, für den exzellenten Druck: leuchtende Farben, scharfe Konturen, tausend Zwischentöne.
Laudatio à la Valentin
Fehlte nur noch eins im überfüllten Restaurant im Leeren Beutel: eine anständige Laudatio. Die besorgten Mike Reisinger und Anka Draugelates im musikalisch-theatralischen Dialog. Eine „Valentiniade“ aus voller Kehle und unter Einsatz mysteriösester Instrumente (getrocknetes Seegras aus Südafrika), irgendwo zwischen tragischer Opernarie und Kasperltheater, und die schönste Parodie auf hochtrabende Ausstellungseröffnungsreden, die der Leere Beutel je gehört hat. „Genießer aller Länder! Kaufts am Hubert sein Kalender!“, da capo al fine. Die anregendste Verkaufsanimation seit dem Altöttinger Marktschrei: „Bauernschwanz, kaffts Rosenkranz!“, bestellt natürlich von Hubert Lankes. Denn ein Hubert-Lankes-Abend ganz ohne Witz und Ironie, das geht dann doch nicht.
Service
Hubert Lankes, Jahrgang 1959, fotografiert die Regensburger Tanztage seit über zehn Jahren. Seine Fotografien erscheinen in den großen Tanz-Magazinen, mit zweien gewann er 2012 den Wettbewerb Kunst am Bau des Zentrums Bayern Familie und Soziales in der Landshuter Str.55 in Regensburg. Die drei Meter großen Bilder sind dort im Gang zu sehen.
Die Originalabzüge der Tanzfotografien von Hubert Lankes sind noch bis Donnerstag, 22. November, im Restaurant im Leeren Beutel in Regensburg zu sehen. Die auf Aluminium aufgezogenen Abzüge im Format 80 x 120 cm sind für je 890 Euro käuflich zu erwerben.

 

Glückssucherin auf Abwegen
Höhepunkte und Durchhänger: Die österreichische Sängerin und Kabarettistin Nadja Maleh stellte in der Alten Mälzerei ihr Programm „Jackpot“ vor.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Mit einer suggestiv-einlullenden Fernsehansagerinnenstimme à la „Herzblatt“ begrüßt das kleine Teufelchen Nadja Maleh ihr überschaubares Publikum im „Tempel des Glücks“. Wir sind heute ja ständig auf der Suche nach unserem Glück. Wissenschaftler können es jetzt sogar quantitativ erfassen. Negative Empfindungen wie Trauer sind in unserem Gefühlshaushalt nicht mehr vorgesehen, sie sind irgendwie uncool geworden. Eigentlich hat sich die Preisträgerin des Österreichischen Kabarettförderpreises mit ihrem Programm „Jackpot“ also ein spannendes Thema ausgesucht – wenn sie nur nicht immer wieder vom Weg abkommen würde.
In der Rolle des aufgeplusterten Machos sinniert sie über den Niedergang des Mannes nach. Mit der Biene Maja hätte alles begonnen: Ihr Sidekick Willi wäre als debiler Volldepp dargestellt worden. Gar nicht unlustig, aber mit dem gestellten Thema hat das nichts zu tun. So verliert man als Zuschauer schnell den Überblick. Wo ist der rote Faden?
Keine Frage: Die 41-Jährige, die professionellen Schauspielunterricht genossen hat, ist eine grandiose Parodistin. Wie sie in die Rolle der russischen Sado-Masseuse Olga Sparowa („Facelifting für den Tag des Jüngsten Gesichts“) oder der tattergreisigen Professorin Huber schlüpft, die sich über den Einfallsreichtum der Pornoindustrie amüsiert („Das Besteigen der Lämmer“), ist beeindruckend.
Ihr Meisterstück liefert Maleh aber mit der naiv-unbeholfenen Kindergartentante Melanie ab, die glucksend, lachend und lispelnd mit dem Publikum wie mit Kindern spricht. Das junge Ding hält sich unsicher mit der rechten Hand am linken Oberarm fest und macht mit den Zuschauern lustige Spielchen: „Jetzt gib deinem linken Sitznachbarn ein Bussi.“ Als sie ein altes deutsches Kinderlied auf „Zehn kleine Islameser“ umtextet und die Fremdenfeindlichkeit in ihrem Heimatland thematisiert, kommt eine Bitterkeit auf, die der Freude einen Dämpfer verpasst. Maleh wird wissen, wovon sie singt: Sie ist die Tochter eines Syrers und einer Tirolerin.
Auch die darauf folgende glücksversprechende Inderin Mandala ist mit entsprechendem Akzent, Wackelkopf, gefalteten Händen und banaler indischer Küchenphilosophie ausgezeichnet getroffen.
Maleh hat aber auch eine fantastische Stimme. Aus Matt Biancos lounge-jazzigem „Half a Minute“ macht sie einen Vorzeitige-Ejakulations-Beziehungssong. In einer Version von „September“ von Kool & the Gang möchte Malehs Burgul das ganze Jahr nur tanzen. Als Lottogewinnerin wird sie von ihrer Tiroler Dorfgemeinschaft ausgegrenzt. Egal, was sie sagt und tut, es wird ihr alles negativ ausgelegt. Ein allzu braver Anti-Banken-Song kommt über eine Klage über die Bearbeitungsgebühren nicht hinaus.
So kann Maleh als Parodistin und Sängerin auf ganzer Linie überzeugen, ihrem Programm „Jackpot“ fehlt aber leider die Stringenz.Mittelbayerische Zeitung, 23.10.2013

 

 

Alles dreht sich um den Tanz
Am 21. Oktober beginnen die diesjährigen Regensburger Tanztage. Zum Auftakt gibt es eine Fotoausstellung und den Film „Verloren in Dolores“.

Regensburg. Seit vielen Jahren bereichern die Regensburger Tanztage das kulturelle Lebens Ostbayerns um eine höchst aktuelle Kunstform: An 14 Veranstaltungstagen und diesmal fünf Spielorten präsentieren die diesjährigen Tanztage vom 21. Oktober bis zum 24. November ein breites Spektrum zeitgenössischen Tanzes. Herausragende abendfüllende Produktionen stehen neben Soli und Kurzstücken, international gefeierte Künstler neben Nachwuchschoreografen und vielen jungen Tanztalenten, begleitet von einem Rahmenprogramm aus Tanzfilmen, Workshops und der beliebten Jallaclub-Festivalparty.
Ausstellung Tanzfotografie im Leeren Beutel
Eröffnet werden Tanztage in diesem Jahr mit einer Ausstellung Tanzfotografie am 21. Oktober (bis 22. November) in der Jazzclub-Galerie im Leeren Beutel. Auf den ersten Blick scheinen sie einander wesensfremd: die Bewegungskunst des Tanzes und die den Augenblick fixierende Kunst der Fotografie. Trotzdem sind es Bilder, die den Tanz für uns festhalten, die seine Ikonografie in unseren Köpfen bestimmen und eine ganz eigene Magie entfalten.
Seit mehreren Jahren begleitet der Regensburger Fotograf Hubert Lankes die Tanztage. Die Ausstellung zeigt Fotografien der Tanztage 2010 bis 2012 und bietet einen ebenso repräsentativen Querschnitt wie subjektiven Blick zwischen Dokumentation und künstlerischer Autonomie. Aus den ausgewählten Fotografien entstand auch der Tanzkalender „Tanz 2014 – Regensburger Tanztage/ Festival für zeitgenössischen Tanz“, der an diesem Abend im Leeren Beutel vorgestellt wird.
Tanzfilm: Verloren in Dolores
An den beiden darauf folgenden Tagen, 22. und 23. November, ist in der Filmgalerie der erste Regensburger Tanzfilm „Verloren in Dolores“ zu sehen, der in Koproduktion zwischen Regisseur und Drehbuchautor Erik Grun, Hubert Lankes (Kamera), einer Reihe Tänzer und den Tanztagen entstanden ist. Erzählt wird eine Geschichte von Liebe und Leidenschaft, von krisenhaften Verwicklungen, von sehnsüchtigem Begehren, dunkler Gier und großen Gefühlen.
Workshop Tanz und Körpersprache
Die von Thea und Georg Sosani gegründete Organisation Sosani Art Zone veranstaltet am 25. und 26. Oktober einen Workshop „Tanz und Körpersprache“ (jeweils 12 bis 16 Uhr, Theater der Alten Mälzerei).Er bietet einen spannenden Einblick in die Arbeitsweise des zeitgenössischen Tanztheaters. Wie entstehen Tanztheaterstücke? Wie werden Tanz, Körpersprache und persönlicher Ausdruck zu Szenen und Stücken? Körpersprache spielt dabei eine wichtige Rolle. Zum Abschluss des Workshops präsentieren die Teilnehmer eine kleine Performance als Lecture Demonstration. Die Teilnahme daran ist freiwillig. Zuschauer sind willkommen. Anmeldung unter www.sosani-artzone.de
Internationales Tanz-Highlight
Mit dem slowakischen Tanzkollektiv „Les SlovaKs“ und ihrem auf internationalen Festivals gefeierten Stück „Journey home“ steht am 8. November das erste große Tanz-Highlight dieser Tanztage auf dem Programm. In einem wirbelnden Furioso und der Schwerkraft trotzend wird hier slowakischer Volkstanz locker und unbekümmert mit zeitgenössischem Bewegungsvokabular verschmolzen. Tempo, Humor und unbändige Lust an der Bewegung prägen diesen Abend, der vor allem eine Gewissheit gibt: tanz(en) ist ein formidables Vergnügen.
Ausführliche Informationen zum gesamten Programm gibt es unter www.alte-maelzerei.de. Karten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen in Regensburg und in der Alten Mälzerei, Telefon (09 41) 78 88 10. Mittelbayerische Zeitung, 17.10.2013

 

 

Die Mälze geht in den Untergrund
In der zweiten Hälfte des Jubiläumsjahrs stehen im Kulturzentrum eine neue Konzertreihe, die Tanztage, Kabarett, Theater und Lesungen an.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Zum 25-jährigen Jubiläum der Alten Mälzerei haben im ersten Halbjahr bereits über 25 000 Besucher den Weg in das Kulturzentrum am Galgenberg gefunden. Für das Jubiläumsprogramm, das mit einem Auftritt der Weilheimer Supergroup The Notwist im Juni seinen Abschluss fand, habe es von verschiedenen Seiten viel Lob und Anerkennung gegeben, erklärt Hans Krottenthaler. „So gehen wir mit viel Schwung und Elan in die kommende Herbst- und Wintersaison. Insgesamt stehen bis zum Jahresende mehr als 70 Veranstaltungen auf dem Programm – mehr als in den Jahren zuvor“, so der Programmchef. Die Bandbreite reiche von spannenden Konzerten über Kabarett, Theater und Lesungen bis hin zum zeitgenössischen Tanz.
„Die Regensburger Tanztage gehören seit vielen Jahren zu den herausragenden Kulturereignissen der Stadt“, erläutert Krottenthaler. An vierzehn Veranstaltungstagen und fünf Spielorten präsentiert die diesjährige Ausgabe vom 21. Oktober bis zum 24. November ein breites Spektrum aktuellen zeitgenössischen Tanzes: Herausragende abendfüllende Produktionen stehen neben Soli- und Kurzstücken, international gefeierte Künstler neben Nachwuchschoreografen.
Eröffnet werden die Tanztage mit einer großen Tanzfotografie-Ausstellung im Leeren Beutel, in der benachbarten Filmgalerie ist der Tanzfilm „Verloren in Dolores“ zu sehen. Der Workshop „Tanz und Körpersprache“ bietet am 25. und 26. Oktober einen spannenden Einblick in die Arbeitsweise des zeitgenössischen Tanztheaters. Mit dem slowakischen Kollektiv „Les Slovaks“ und ihrem international gefeierten Stück „Journey Home“ steht am 8. November das erste große Highlight auf dem Programm.
Indierock-Hymnen von Hellsongs
Aktualität und Vielfalt zeichnen seit jeher das Programm der Mälzerei aus. Viele Künstler kommen mit neuen Veröffentlichungen ins Haus. Der österreichische Kabarettist Alf Poier etwa begibt sich am 25. Oktober hinter die Kulissen des Showbusiness und schaut, was Stars wie Madonna, Lady Gaga oder Bon Jovi „Backstage“ so treiben. Der fränkische Heavy-Metal-Comedian Bembers schert sich dagegen wenig um die Konventionen des Business und zeigt am 28. November deftig, was er von dem alltäglichen Irrsinn so hält.
Dem Schwermetall haben sich auch Hellsongs verschrieben. Das schwedische Trio verwandelt Hits von Metallica, Slayer oder AC/DC in feinperlende Indierock-Hymnen. Auf ihrer „These are Evil Times“-Tour, die sie am 12. November in die Mälzerei führt, stellen sie darüber hinaus einige Eigenkompositionen vor.
Eigenes steht auch bei Ringsgwandl auf dem Programm. Auf dem neuen Album „Mehr Glanz!“ verpasst er seinen alten Songs ein zeitgemäßes Gewand. Der „bayerische Bob Dylan“ steht am 13. Dezember auf der Bühne des Antoniushauses.
Aus Bayern kommen auch Kofelgschroa, die auf kongeniale Weise bairische Volksmusik und Mundart mit Popkultur verbinden. Die Oberammergauer zeigen am 30. November wie gut traditionelle Wirtshaus- und Marschmusik zu Balkan-Brass, Tango und amerikanischem Folk passt. Ihr selbstbetiteltes erstes Album ist beim renommierten Münchner Trikont-Label erschienen.
Noch ohne Plattenvertrag, aber mit großen Ambitionen, sind jene Bands, die in der „Heimspiel“-Reihe auftreten. „Die Förderung der regionalen Szene ist eines unserer wichtigsten Anliegen. Jungen Künstlern werden Auftrittsmöglichkeiten bei Veranstaltungsreihen, Festivals oder als Vorgruppe geboten“, so Krottenthaler. Ein echter Senkrechtstarter aus der Newcomerszene ist der 20-jährige Milky Chance, der noch vor seiner ersten Plattenveröffentlichung sämtliche Clubs ausverkaufte. Mit seiner Mischung aus Singer-Songwriter-Lässigkeit und elektronischen Reggae-Bässen scheint er den Nerv der Zeit zu treffen. Am 3. Oktober rockt er die Mälzerei.
Fokus auf Off- und Subkultur
Bands, die sich abseits ausgetrampelter Genrepfade bewegen, widmet die Mälze eine neue Konzertreihe: „Mit ,Notes from the Underground‘ wollen wir den Fokus auf Off- und Subkultur, auf experimentelle Musik und neue Trends richten“, erläutert Krottenthaler. Los geht die Reihe mit Torpus & The Art Directors, die mit ungewöhnlichem Instrumentarium und harmonischem Chorgesang einen angenehm warmen Folk-Pop zaubern, der Mumford & Sons echte Konkurrenz machen könnte. „Auch in der zweiten Jahreshälfte dürfen sich Musikfans auf Konzerte im intimen Rahmen und unvergleichlicher Club-Atmosphäre freuen“, so Krottenthaler.
Mittelbayerische Zeitung, 28.9.2013

 

Raum für junge Musik
Die Alte Mälzerei gibt im neuen Programm vor allem junger Musik ganz viel Raum


Von Andrea Deyerl
Regensburg. „Notes from the Underground“ heißt das Format,  das die Alte Mälzerei in diesem Herbst neu auflegt, um jungen Bands mit Potenzial mehr Raum zumSpielen zu geben. „Wir suchen da keinen Schmarrn aus“, sagte Mälze- Chef Hans Krottenthaler bei der Vorstellung des Herbstprogramms und fügte hinzu: „Man kann sich schon darauf verlassen, dass da gute Bands dabei sind.“ Zwar seien die frischen Klänge nicht immer leichte Kost und für die Masse auch schwierig, doch man hätte eine echte Chance, Musiktrends zu entdecken, wusste Stefan Glufke, mitverantwortlich für die Programmauswahl. „Schön wäre, wenn Musikinteressierte hingehen, auch ohne die Bands zu kennen und die Juwelen, die darunter sind, einfach entdeckten“, so Krottenthaler. Für „Notes from the Underground“ hat die Mälze zusammen mit der Gastronomie fleißig investiert, denn im Veranstaltungsraum Underground, in dem die Reihe stattfinden soll, war die Technik veraltet. „Es ist ein ambitionierter Versuch von uns“, so Krottenthaler, der sich freut, im Underground jetzt noch mehr unbekannte, kleinere Bands spielen lassen zu können. Auch über „Notes from the Unterground“ hinaus hat das neue Programm der Alten Mälzerei viel zu bieten.
70 Veranstaltungen wird es bis Jahresende geben. Ingesamt sei das Kulturzentrum noch breiter aufgestellt als vergangenes Jahr, sagt Hans Krottenthaler, der bei der Programmauswahl wieder die Entscheidungskriterien Vielfalt, Aktualität und Qualität anlegte und so eine Mischung aus interessanten Newcomern und nationalen und internationalen Größen in die Alte Mälzerei holt. In eine extra Kategorie fallen dabei die „Bayern Sounds“, wie Krottenthaler sie tauft. Im Herbst werden Stefan Dettl (10. Oktober), Django 3000 (16. Oktober), Kofelgschroa (30. November) und Ringsgwandl (13. Dezember) zu sehen und vor allem zu hören sein. Hellsongs (12. November), H.D.Q. (22. November), Sham 69 (10. Dezember) und Al Andaluz Projekt (15. Dezember) fallen in die Katagorie „International“.
Auch viele regionale Musiker werden wieder auf der Mälze-Bühne stehen. Bei der Reihe zum Beispiel, die jeden letzten Donnerstag im Monat gleich mehreren Bands aus der Region eine Auftrittsmöglichkeit gibt. Auch die Lokalhelden von Fuadadeimuada werden im Herbst auftreten. Am 14. November sind sie zu erleben. Doch Musik ist nicht alles, was die Mälze kann.
Schon immer liegt einer der Schwerpunkte auch auf Kabarett und Comedy und – nicht zuletzt durch die Tanztage, die in diesem Jahr am 21. Oktober starten – auch auf Tanz. Im Herbst werden Größen wie Max Uthoff (26. Oktober), Eure Mütter (7. Dezember), Fastfood (5. Oktober), Sosani Tanztheater (12. Oktober) oder Caveman (26. Oktober) diese Sparte hervorragend ausfüllen. ! Das vollständige Programm, Tickets und vor allem weitere Infos über die Band Notes from the Underground im Internet auf www.alte-maelzerei.de.
Rundschau Regensburg, 25.9.2013

 

Der Meister der Verwandlung
Parodist Matze Knop machte mit seiner Tour im Regensburger Antoniushaus Station. Seine Interaktion mit dem Publikum und Jahn-Fußballern überzeugte.


Von Philipp Zimmermann, MZ
Regensburg. Wer schon immer einmal Jürgen Klopp, Franz Beckenbauer und Jogi Löw an einem Abend auf der Bühne erleben wollte, der war am Wochenende im Antoniushaus goldrichtig. Zugegebenermaßen, die Promis aus der Welt des Fußballs waren nicht leibhaftig anwesend, doch man musste schon genau hinsehen, um das zu erkennen. Der Comedian Matze Knop gastierte mit seinem aktuellen Programm in Regensburg: „Platzhirsche – Männer, Machos, Muttersöhnchen“, so der Titel seiner Tour. Der deutschlandweit bekannte Parodist bot mehr als zwei Stunden gute Unterhaltung und imitierte gekonnt diverse Platzhirsche der Nation: Dieter Bohlen, Lothar Matthäus, Reiner Calmund – sie alle bekamen ihren Auftritt.
Unter den Gästen befand sich auch die Fußballmannschaft des SSV Jahn, inklusive Trainerstab und Betreuerteam. Knop nahm dies dankbar in seine Show auf. „Schaut euch mal den Laufstil an, der könnte auch beim Jahn spielen“, sagte er über seinen Assistenten Robert, einen Hirsch, der über die Bühne hoppelte. Natürlich ließ es sich der Entertainer nicht nehmen, den Fußballern auf ihren Plätzen einen Besuch abzustatten. Ob Oliver Hein oder Trainer Thomas Stratos, niemand wurde davon verschont, sich zum verloren Heimspiel zu äußern.
Zum unfreiwilligen Star des Abends wurde Sören aus der Marketingabteilung. Auf Knops Frage, auf welcher Position er spiele, antwortete dieser, er sei eigentlich immer nur hinter dem Team beschäftigt. Kurzerhand nahm der Comedian diese Vorlage auf und kam im Laufe des Programms immer wieder darauf zurück. Bei dieser Interaktion mit dem Publikum zeigte Knop seine Stärke, spontan auf seine Umgebung zu reagieren. Auch ein Pärchen bekam sein Fett weg. Einmal in die Fänge des Entertainers geraten, gab es kein Entkommen mehr. Unerbittlich nahm Knop die beiden aufs Korn und hatte besonders beim Parodieren des Oberpfälzer Dialektes merklich seine Freude.
Knops Vorstellung lebt von der Abwechslung, von seiner Fähigkeit, sich zu verwandeln und andere Charaktere anzunehmen. Doch seine einstudierten Vorträge offenbarten auch Längen. Viele Witze waren flach, andere derb, einige gingen an die Grenze des guten Geschmacks. So seien Guido Westerwelle und Klaus Wowereit keine Platzhirsche, sondern zwei Rehkitze, die sich gegenseitig am Waldrand das Eichhörnchen polieren.
Immer wieder wurde der Livevortrag von Filmeinspielern unterbrochen. Diese kurze Zeit nutzte der Comedian, um in eine neue Rolle zu schlüpfen. Jürgen „Kloppo“ Klopp und DJ Hacke animierten das Publikum zum Mitsingen und Tanzen. Doch nach der Pause dauerte es einige Minuten, bis Knop das kurzweilige Niveau wieder erreichte. Bei den Ausführungen über seine esoterische Ader oder das Zusammenleben von Mann und Frau ließ er kein Klischee aus – wirklich innovativ war das aber nicht.
Jubel brandete erst wieder auf, als der „Kaiser“ Franz Beckenbauer auf der Bühne erschien. Nun war Knop wieder ganz in seinem Element und offenbarte sein Ausnahmekönnen als Parodist. Als der Kaiser auch noch seinen vermeintlichen Sohn, der aus einer Weihnachtsfeier-Affäre hervorging, entdeckte, gab es im Publikum kein Halten mehr. Der singende Jogi Löw und „Supa Richie“, Matze Knops älteste Rolle, sorgten schließlich für das stimmungsvolle Ende eines gelungenen Abends.
Service
Thomas Stratos, der Trainer des SSV Jahn Regensburg, zeigte sich trotz der Heimniederlage kurz zuvor von der Vorstellung Matze Knops sehr angetan: „Das war wirklich sehr gute Unterhaltung. Er hat es geschafft, dass man nach so einem Spiel mal richtig abschalten und lachen kann“, sagte der Coach.
Der ungewöhnliche Ausflug der gesamten Mannschaft kam aufgrund eines persönlichen Kontakts zwischen dem Trainer und dem Comedian zustande: „Ich kenne den Matze schon länger. Als ich mitbekommen habe, dass er nach Regensburg kommt, habe ich sofort gesagt, da gehen wir hin“, so Stratos.
Immer wieder wurde der Livevortrag von Filmeinspielern unterbrochen. Diese kurze Zeit nutzte der Comedian, um in eine neue Rolle zu schlüpfen. Jürgen „Kloppo“ Klopp und DJ Hacke animierten das Publikum zum Mitsingen und Tanzen. Doch nach der Pause dauerte es einige Minuten, bis Knop das kurzweilige Niveau wieder erreichte. Bei den Ausführungen über seine esoterische Ader oder das Zusammenleben von Mann und Frau ließ er kein Klischee aus – wirklich innovativ war das aber nicht.
Jubel brandete erst wieder auf, als der „Kaiser“ Franz Beckenbauer auf der Bühne erschien. Nun war Knop wieder ganz in seinem Element und offenbarte sein Ausnahmekönnen als Parodist. Als der Kaiser auch noch seinen vermeintlichen Sohn, der aus einer Weihnachtsfeier-Affäre hervorging, entdeckte, gab es im Publikum kein Halten mehr. Der singende Jogi Löw und „Supa Richie“, Matze Knops älteste Rolle, sorgten schließlich für das stimmungsvolle Ende eines gelungenen Abends.
Mittelbayerische Zeitung, 25.9.2013

 

Traumfabrik startet neues Schuljahr
Neun Schüler haben die Theaterschule in der Alten Mälzerei erfolgreich absolviert. Im Oktober geht es in Regensburg mit einem Schnuppertag wieder los.

Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Im letzten Oktober öffnete die Traumfabrik-Theaterschule ihre Pforten, um all jenen – mit und ohne Vorkenntnis – diese ganz speziellen Künste zu vermitteln, die auch die Traumfabrik-Gala-Aufführungen so besonders machen. Schwarzes Theater, Pantomime, Bewegungskünste verschiedener Art und vieles mehr wird von den Kurs-und Ausbildungsleitern Maria Ruffing (Gründungsmitglied der Traumfabrik) und Gerd Sosani (Mimenkünstler und Traumfabrik-Choreograf) in den Kursen, die die Traumfabrik-Theaterschule anbietet, vermittelt.
Das Besondere daran: „Jeder wird dort abgeholt, wo er ist. Das Wichtigste bei der Teilnahme an der Theaterschule ist der Spaß, den man dabei haben sollte“, sagt der Gründer der Traumfabrik, Rainer Pawelke, und führt damit den pädagogischen Gedanken, den er schon seit den achtziger Jahren vertritt, auch in der Traumfabrikschule weiter.
Neun Schüler hatten die Ausbildung im letzten Schuljahr absolviert, vier davon sind nun auch Mitglieder des Traumfabrik-Ensembles geworden und werden bei den nächsten Galas nach Weihnachten auftreten. Die Traumfabrik-Theaterschule bietet nämlich neben der Möglichkeit, dass Laien ebenso mitmachen können wie bereits arrivierte Sportler und Künstler, auch noch die Chance, ins Ensemble aufgenommen zu werden und somit das Geheimnis der Traumfabrik von innen her zu erkunden und mitzuerleben. Gerade die Tatsache, meinen Ruffing und Sosani, dass Teilnehmer mit wenig oder gar keinen Vorkenntnissen neben solchen mit Bühnenerfahrung in der Theaterschule lernten, sei besonders spannend und, wie Ruffing sagte, „eine Bereicherung für beide Seiten“.
Was man in der Theaterschule alles lernen kann, zeigten bei der Pressevorführungen in der Alten Mälzerei vier Künstler, die eine lustige Szene ohne Worte mimisch ausdrückten. Gefragt nach dem Eindruck des abgelaufenen Theaterschuljahrs, meinte Absolventin Uta Keppler aus Kallmünz: „Es war spannend, zu bemerken, wie sich mein Körper veränderte und neue Bewegungsmuster entstanden. Ich habe hier gelernt aus der Entspannung heraus zu arbeiten“. Und Julia Koderer aus Regensburg, die bereits Tanzerfahrung mitbrachte, fügte ergänzend hinzu: „Es war für mich eine neue Bewegungs-und Körpererfahrung, die ich auch anderweitig gebrauchen kann.“
Das neue Schuljahr beginnt mit einem kostenlosen „Kennenlern-und Informations-Wochenende am 5. und 6. Oktober in der Alten Mälzerei. Hier können Interessierte sowohl die Inhalte als auch die Referenten „testen“ und sich danach entscheiden. Mittelbayerische Zeitung, 20.9.2013

 

Wütende Riffs und eine Prise Poesie
Thees Uhlmann gibt vor enthusiastischen Fans in Regensburg ein überwältigendes Konzert: Der Musiker verwandelt die Alte Mälzerei in ein kochendes Death Valley.

Von Helmut Hein, MZ
Regensburg. In seinem Bestseller „1913“ schreibt Florian Illies über den Sommer des Jahrhunderts, wie er es nennt: „Am 10. Juli wird im Death Valley in Kalifornien die höchste bis dahin dokumentierte Temperatur gemessen: 56,7 Grad. Am 10. Juli regnet es in Deutschland. Es ist kaum 11 Grad warm.“ So geht es dem Besucher des Thees-Uhlmann-Konzerts in der Mälze. Er kommt aus der Spätsommerabendkälte und landet im Death Valley. Drinnen brodelt es. Die Uhlmann-Aficionados stehen so dicht gedrängt, dass es heiß und heißer wird. Zumindest gefühlt werden wir Zeuge, wie die bis dahin höchste Temperatur im schwülen Gitarrensturm genommen wird. Das hat Folgen. Irgendwann beginnt Thees Uhlmann, sich auszuziehen. Und die Fans tun auch in diesem Fall, was der Meister tut.
Überhaupt: Thees Uhlmann und seine Fans, das ist ein Phänomen. Denn Uhlmann mag alles sein: ein begnadeter Songwriter, ein wuchtiger Sänger, ein rührender „Junge mit der Mundharmonika“. Eins ist er nicht: Ein begnadeter Performer. Er sagt: „Ich kann nicht tanzen“. Und man glaubt – Death Valleys sind schließlich prädestiniert für Fata Morganas – die Antwort des Publikums zu hören: „Wir können auch nicht tanzen“. Beides stimmt: Der Sänger ist voller Überschwang und vollkommen steif. Das Publikum wird immer euphorischer und enthusiastischer. Aber das, was wohl tanzen sein soll, erinnert an die ersten vorsichtigen Bewegungen einer Arthrose-Gruppe.
Verbindung zum Publikum steht
Aber aller Scheu und Verlegenheit zum Trotz funktioniert die Kommunikation bestens. Uhlmann ruft ins Publikum: „Wer kommt aus der Großstadt?“ Gespenstische Stille. „Und wer kommt aus dem Dorf?“ Plötzlich recken sich Hunderte von Fingern in die Höhe und alle schreien „Ich!“ Da ist eine verschworene Gemeinde am Werk. Und Uhlmann, der sich nach dem Vorbild Größerer auch als zäher Stand-up-Comedian und Lyriker versucht und selbst bei seinen Fans dafür auf eisiges Schweigen stößt – kein Witz, nirgends –, rettet sich in das „Stadt-Dorf“-Spiel. Das geht immer.
Thees Uhlmann, Jahrgang 1974, wurde sozialisiert im Umfeld der Hamburger Schule. Den ersten großen Auftritt hatte Tomte als Vorband der 1999er-Tour von Tocotronic. Thees Uhlmann war so begeistert über Tocotronic und über sich, dass er prompt seine aufgewühlten Gedanken zu Papier brachte unter dem vielsagenden Titel „Wir könnten Freunde werden. Die Tocotronic-Tourtagebücher.“ Wenn er von seinen frühesten Zeiten auf dem Gymnasium Warstedt in Hemmoor und (gewollt?) peinlich von seiner Zeit als Pubertäts-Weltmeister oder zumindest Halbfinalist erzählt, klingt er, was den Sound der Erinnerung angeht, wie Knarf Rellöm. Nur dass ihm das Bittere, Scharfe und auch das leicht Neurotische des verdrehten Frank Möller fehlt.
Meint er das wirklich ernst?
Thees Uhlmann ist ein biederer Musiker für eine biedere Zeit, der schreiben kann und das Geheimnis des einen oder anderen Gitarrenriffs kennt. Bieder? Nun ja, wenn Knarf Rellöm die „Wahrheit“ verspräche und dann in etwa so loslegte: „Ich habe ein Kind zu erziehen, einen Brief zu schreiben und ein Fußballteam zu supporten“, dann wüsste man, was das ist: bitterste Ironie; der grausame Hohn auf das falsche Bewusstsein, das man vorfindet, und das fürchterliche Leben oder eher Lebensende, das es zur Folge hat. Bei Uhlmann kann man sich nicht sicher sein. Oder doch, man kann. Nach einer kurzen repräsentativen Umfrage unter den Umstehenden: „Meint er das ernst?“, ergibt sich der eindeutige Trend: Thees Uhlmann meint es ernst.
Er hat einst Lehramt studiert – man muss unwillkürlich an den Bernd-Begemann-Hit „Judith, mach deinen Abschluss, sicher ist sicher“ denken – und den Sprung ins freie Künstlertum erst „gewagt“, als seine Konten überquollen. Aber in seinem Herzen ist er Lehrer geblieben: Er meint es gut und will das Beste für alle. Vor allem für sein Publikum. Das verwöhnt er mit einem Best-of. Wobei ja alle Uhlmann-Songs irgendwie „gut“ sind; und „wach“. Ob er nun das Mädchen von der Kasse zwei anschmachtet oder davon berichtet, dass ihn Amor mitten ins Herz getroffen habe.
Was bei ihm sofort merkwürdige Reflexe auslöst: „Triff mich an der Kirche/denn ich habe Lust zu schwören“. Und der Berichterstatter möchte schwören, dass Uhlmann-Fans dereinst weniger Scheidungskinder auf ihrem mit Leichen gepflasterten Weg zurücklassen werden. Und die Musik? Der merkt man noch an, wo sie herkommt. Dass der Pubertierende Metal mochte. Und dass der Adoleszente mit einem Mal begriff, was Blumfeld und Tocotronic groß machte.
Er schaut dem Volk aufs Maul
Also bekommt man mächtiges und doch melodisches Gitarrenwüten und dazwischen immer wieder mal die Stille eines anderen Instruments. Wobei Uhlmann nicht wählerisch ist. Nur mit dem Vorschlag, doch mal kollektiv durch die Zahnspangen zu pfeifen, stieß er auf Ablehnung. Das war einfach nicht korrekt. Aber seine Lyrics sind korrekt. Und sie verdanken ihre Lebensnähe und Anschaulichkeit einem Verfahren, das einst Distelmeyer Größeren abschaute: dos Passos nämlich, Döblin und Gottfried Benn. Man schaut dem Volk aufs Maul und den Plakaten ins Gesicht. Dann erkennt man, dass die Essenz des Daseins in all den Slogans verborgen ist, die uns umschwirren.
Auch Uhlmann ist also eine Zitat-Maschine und ein Montage-Maniac. Und in diesen uns umschwirrenden kollektiven Stimmen-Sound streut er genau die richtige Dosis an Poesie. Eine Dosis, die nicht tödlich ist, sondern bezaubert. Etwa in dem Lied, das in den Charts war und in der „heavy rotation“ der Rundfunkanstalten: „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf.“ Darin verbirgt sich eine tiefe Weisheit über unser aller Dasein: dass es ein Feuer gibt und dass dieses Feuer brennt und wärmt. Ich vermute, das soll ein Gegensatz sein. Und das „Brennen“ ist etwas Schlimmes, und „Wärmen“ etwas Schönes. Mittelbayerische Zeitung, 4.9.2013

 

 

Feurige „Salsa con Cumbia“
Höchst explosives Musikgemisch: Die Band Karamelo Santo aus Argentinien brachte mit mitreißendem Mestizo-Sound das Mälze-Publikum auf die Beine.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Es herrscht eine erwartungsfrohe Stimmung unter den sommerlich gekleideten Gästen der Alten Mälzerei. Eigentlich wäre es ja das ideale Biergartenwetter. Aber wenn die alten Bekannten von Karamelo Santo – was so viel wie „Heiliges Bonbon“ heißt – in der Stadt sind, kann man schon mal auf Kastanienbäume und Fassbier verzichten. Die argentinische Band tourt seit gut zehn Jahren regelmäßig durch Europa und hat sich eine große Fanbasis erspielt.
Konzertveranstalter Uli Eidenschink hat sie auch schon öfter nach Regensburg eingeladen. Bands aus Lateinamerika, die Mestizo-Sound machen, sind ein Schwerpunkt seiner Agentur „Das Gute Konzert“. Manu Chao, den großen Vorreiter der Bewegung, konnte er zwar noch nicht verpflichten. Dafür waren Panteón Rococó aus Mexiko, Abuela Coca aus Uruguay und Che Sudaka aus Barcelona – das europäische Drehkreuz für lateinamerikanische Musiker – schon da. Man kann „Latin-Ska-Punk-Cumbia-Reggae-HipHop-Salsa-Rock“ zu diesem explosivem Musikgemisch sagen oder eben „Mestizo“. Bevor Karamelo Santo die Bühne betritt, heizt der bandeigene DJ mit Cumbia und der neueren Variante Cumbia-Dancehall ein.
Als die neun Mannen die kleine Bühne betreten, muss man fast Angst haben, dass einer herunterfällt. Bassist Diego Aput schiebt sich mit freiem Oberkörper und verwegener Teufelsfrisur immer wieder zwischen Pedro Rosafa und Gody Corominas. Die beiden Sänger bilden frisurentechnisch einen schönen Kontrast: Rosafa hat lange Dreadlocks, Corominas eine scheinende Platte. Beide tragen Sonnenbrille.
Die Band muss nicht lange zum Tanze bitten, das Publikum ist sofort dabei. Kaum jemand, der sich zu den rhythmischen Klängen nicht bewegt. „Salsa con Cumbia“ verschmelzt ebenjene lateinamerikanischen Musikstile. Mit zackigem Ska, der seine rockigen Kanten hat, geht es nonstop weiter. Von oben wird das Kommando „Cho-Cho-Cho“ ausgegeben und zu fetten HipHop-Beats hüpft die Menge immer wieder in die Luft. Eine schweißtreibende Angelegenheit.
Zur Erholung spielt die Band ein traditionelles Cumbia-Stück im beschwingten 4/4-Takt. Keyboarder Lucas Villafañe greift dafür zum Akkordeon, Corominas raspelt rhythmisch über eine Metall-Güiro. Ebenfalls entspannt sind die basslastigen Reggaenummern. Richtig gut kommt eine spanischsprachige Version vom Seeed-Titel „Papa Noah“ an. Beim Cover vom Beastie Boys-Schocker „Sabotage“ fliegen die Fetzen. Das poppig-verschmuste „In Between Days“ von The Cure verwandeln sie in einen unwiderstehlichen Latin-Ska-Knaller.
Alles in allem eine mitreißende Show. Leider nur ist die Band breiig abgemischt worden, was den Konzertgenuss doch etwas eintrübte. Mittelbayerische Zeitung, 23.7.2013

 

 

Eine Schweineorgel-Extravaganza
The Aggrolites aus Los Angeles spielten in der Alten Mälzerei eine gutgelaunte Frühform des Reggae, die auch mit Funk- und Soulelementen nicht geizt.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. „Reggae got Soul“ wusste schon Toots Hibbert, eine der langlebigsten Figuren im jamaikanischen Musikgeschäft und Frontmann der Maytals. Der Sänger schenkte dem Genre 1968 mit der Single „Do the Reggay“ nicht nur seinen Namen, sondern steuerte mit „54-46, That’s my Number“, „Monkey Man“ und „Pressure Drop“ Stücke bei, die das Genre in seiner Anfangsphase definierten. 1973 folgte das erste Album „Funky Kingston“. Auch hier trifft – wie der Name verrät – schwarze amerikanische auf schwarze karibische Musik.
Warum ein Artikel über die amerikanische Reggaeband The Aggrolites mit einleitenden Worten über Toots Hibbert beginnt? Erstens hat Aggrolites-Sänger Jesse Wagner eine ähnlich kehlig-raue Stimme wie Hibbert. Zweitens spielen die Aggrolites genau jenen frühen Reggaestil, der sich Ende der 60er Jahre aus dem Rocksteady entwickelte. Rocksteady wiederum war ein Stil, der seinen charakteristischen mehrstimmigen Harmoniegesang vom US- Soul übernommen hatte.
Hammond-Orgel gibt den Ton an
Die gegenseitige musikalische Befruchtung von jamaikanischer und amerikanischer Musik geht sogar noch weiter zurück. Die Musiker der wegweisenden Ska-Supergroup The Skatalites waren ausgewiesene Jazzmusiker. 1963 erschien von ihnen auf dem legendären Studio One-Label „Jazz Jamaica From the Workshop“. Zwei Jahrzehnte später, in den Achtzigern, haben sich dann die Rapper aus den USA ihren Sprechgesang vom jamaikanischen Toasting abgeschaut. Der Begründer des Hip Hop, DJ Kool Herc, hat gar jamaikanische Wurzeln. Als aktuellstes und wohl auch skurrilstes Beispiel darf man Westcoast-Gangsterrapper Snoop Dogg nennen, der – wiedergeboren als Snoop Lion – sein neues Album „Reincarnated“ ganz dem Reggae gewidmet hat.
Eine wichtige musikhistorische Figur hat auch bei der Gründung der Aggrolites eine Rolle gespielt: Die fünf Jungs aus Los Angeles haben sich 2002 als Begleitmusiker für Derrick Morgan kennengelernt. Der jamaikanische Sänger leitete mit „Tougher than tough“ 1966 den Übergang vom Ska zum Rocksteady ein. Weitere Auftragsarbeiten folgten. So begleiteten die Aggrolites Phyllis Dillon, Prince Buster oder Joseph Hill von Culture. Auch mit ihrem Bandnamen zeigen die Amerikaner Traditionsbewusstsein: Es waren britische Skinheads, die in den späten 1960er Jahren zu jamaikanischer Musik tanzten. Schon immer rauflustig, aber noch unpolitisch, waren sie öfters mal „aggro“ drauf.
Das bestimmende Instrument des Early oder Skinhead Reggae, den die Aggrolites spielen, ist die Hammond-Orgel. Deren hüpfender, fröhlicher Sound lässt Jahrmarktassoziationen wach werden. Eine wahre Schweineorgel-Extravaganza sind die Medleys aus mehreren Instrumentalstücken. Da kommt Organist Roger Rivas seinen Vorbildern Jackie Mittoo und Lee Perry ganz nahe. Mit „Once upon a time“ covern die Aggrolites ein liebliches Rocksteady-Stück von Delroy Wilson, bei „Banana“ verneigen sie sich vor der britischen Skinhead-Reggaeband Symarip. „Hot Stuff“ frönt dem heißen Funky Reggae. Um ihre musikalische Rohheit zu betonen, nennt die Band ihren Sound auch „Dirty Reggae“. Wobei die heisere Stimme Wagners, die zu diesem Attribut irgendwie passt, nicht unbedingt jedermanns Sache ist.
Ein Tribut an Judge Dread
Als sehr angenehme Abwechslung erwies sich da der Spontanauftritt eines jungen Mannes, der langhaarig und mit Bart dem 1998 verstorbenen Skinhead-Reggae-König Judge Dread Tribut zollte. Wie Dread sang er im Ostlondoner Arbeiterviertel-Akzent dessen Kulthit „Big Seven“, der aufgrund seiner sexuellen Freizügigkeit jahrelang auf dem Index der BBC stand – und zauberte damit nicht nur den Aggrolites, die ihn begleiteten, ein verzücktes Lächeln aufs Gesicht.
Nach einigen schmissigen „Sing-along“-Mitsingnummern der Aggrolites, die die Zuhörer in der Alten Mälzerei begeistert aufnahmen, war dann leider viel zu früh Schluss. Mit einem euphorischen Cover von „Don’t let me down“ der Beatles entließen die „Aggro-Engel“ ihre Besucher in die Nacht. Mittelbayerische Zeitung, 10.7.2013

 

 

Rether versteht die Welt nicht mehr
Ein dauerempörtes Volk von Neurotikern: Im Antoniushaus fragt Rether sich und uns, warum wir eigentlich alles vor die Hunde gehen lassen.

Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Warum gewinnen immer die Doofen? Und warum ist die fünftreichste Nation der Welt so schlecht drauf? Warum werfen wir Spitzenpolitikern Populismus vor, Spitzensportlern aber nicht, dass sie schwitzen? Warum suchen wir die Ruhe, fürchten aber die Langeweile? Warum verurteilen wir Sodomie als Gewalt gegen Tiere, protestieren aber nicht gegen die Brutalität der Massenhaltung? Warum blasen wir im Ferienflieger CO2 in die Luft, obwohl wir schon 1986 im Erdkundeunterricht gelernt haben, dass die Polkappen schmelzen werden? Wir wissen doch längst alles. Warum tun wir nichts? Hagen Rether versteht die Welt nicht.
Einige Monate später als geplant absolviert Rether seinen „United Comedy“-Auftritt im ausverkauften Antoniushaus. Bandscheibe habe er gehabt, erzählt er, am Hals. Konnte nicht Klavierspielen und sich nicht rasieren. Nun sieht er aus, als habe er sich „einen Hamster in die Fresse getackert“ (Rether). Er streicht sich durchs neu gewonnene Gesichtshaar, fläzt im Schreibtischstuhl, dreht sich, fingert nach der Wasserflasche. „Ich weiß nix, ich red’ halt. Achten sie mal drauf“, konstatiert er in elegantem Understatement. Mit Balsamstimme, scharfem Verstand und ohne Schaum vor dem Mund analysiert er die Schieflage der deutschen Gesellschaft im Speziellen, der Welt im Allgemeinen, im Vatikan im Besonderen. Er reißt höchstens als Ausdruck größten Erstaunens über den ganzen Irrsinn die Augen weit auf.
„Haben sie Sommerreifen?“
Die großen philosophischen und die kleinen spießbürgerlichen Dinge lässt der Kabarettist wie am gedehnten Gummiband aufeinanderzuschnalzen und lächelt freundlich, wenn es rappelt. Weltreligionen und deutsche Blockwartmentalität, Klimakatastrophe und die Salsa-Kurse protestantischer Mittvierziger. Freiheit und Demokratie, Tatort und Volksmusik im TV („Also auf jeden Fall Gewalt“). Die neurotischen Deutschen, die sich wöchentlich eine neue Sau vorsetzen lassen, die sie unter Geschrei durchs Dorf treiben. Das „Rauseitern“ von Guttenberg: „Das war so deutsch. Was sagt das aus über eine Bevölkerung? Wir sind ja überhaupt nicht belastbar“. Merkels Brüste, Handhaltung, Hosenanzüge: „Man schämt sich, Kabarettist zu sein.“ Terrorwarnung, Zecken, Spargel, Klitschkos – mediale Wiederkehr des ewig Gleichen. Relevanz ist irrelevant. „Und sonst? Wie ist die Freiheit? Haben Sie Sommerreifen?“
Wundern über Hoeneß? Warum?
Rether ist die Stimme der Vernunft im Wutbürgergeplärre. „Warum wundern sich alle über Hoeneß? Das ist ein Viehhändler, ein Würsteloligarch: Wenn dir’s Steuersystem nicht passt, dann verhoeneß“. Er mahnt, die Sprache ernst zu nehmen. „Warum nennen wir die Armen sozial schwach? Meiner Erfahrung nach sind oft die ökonomisch Starken sozial schwach.“ Gutmensch und Frauenversteher sind in Deutschland Lästerwörter, „und wir wundern uns über soziale Kälte“. Das ganze Land ein einziger böser Loriot-Sketch. Rether zitiert den Porsche-Betriebsratschef aus einer TV-Talkrunde zum Thema Integration: „Der wo hier lebt muss auch Deutsch können“.
Ein Abend mit Hagen Rether ist wie ein langer Kneipenabend am Tresen, bei dem nur der Kumpel spricht. Man hört ihm, weil er klug und witzig ist, gerne zu. Musikalisch nimmt sich der ausgezeichnete Klavierspieler zurück. Der Steinway wird wie immer ausgiebig mit Glasreiniger besprüht und poliert. Doch nur für zwei kurze Intermezzi, darunter eine schräge Improvisation über Michael Jacksons Bombastkitsch „Earth Song“, werden auch die Tasten benötigt.
Das Regensburger Publikum ist von diesem Kabarettabend begeistert, es wird viel und laut gelacht. Zustimmung allein genügt dem Moralisten und Wanderplauderer aber nicht. Macht endlich was, fordert er. Wir brauchen keine Religionen. Einfach nett sein reicht völlig. Bleibt im Urlaub einfach mal zu Hause und entspannt euch dort. Das ging vor 20 Jahren schließlich auch noch. Hört auf, tonnenweise Fleisch von misshandelten Tieren in euch reinzustopfen. Rether zeigt, wie’s geht. Sechs Bananen isst er auf der Bühne, eine nach der anderen. Scheint gut fürs Gehirn zu sein. Und er praktiziert erfolgreiche Entschleunigung mit seinem dreieinhalbstündigen Programm, in dem nun wirklich keiner Angst vor Langeweile haben muss. Mittelbayerische Zeitung, 2.7.2013

 

Die Rache der Braut im Geschlechterkampf
Thea und Georg Sosani bezaubern im Stück „feMALE“ mit sechs Eleven ihrer „Art Zone“ mit Tanz, Theater und Pantomime in der Alten Mälzerei.

Von Uta von Maydell, MZ
Regensburg. Es kann schon mal vorkommen, dass eine Braut noch kurz vor Ultimo versetzt wird. Dann steht sie – logisch – ganz schön blöd rum und heult sich die Augen aus dem Kopf. Nicht so Thea Sosani, die in keuschen Weiß nur das leere Sacco ihres abwesenden Lovers anschmachten kann: Von Rumstehen keine Spur! Stattdessen tanzt sie sich schier die Seele aus dem geschmeidigen Leib, macht sich frei vom bräutlichen Habit; und ihre folgende Vorstellung - ganz in Schwarz nun – veheißt nichts Gutes für den Antrünnigen. Das geht ab im jüngsten Programm des Sosani-Tanztheaters, jetzt in der Alten Mälze vorgestellt. Und bei diesem Solo voller Herzschmerz und Wut bleibt es beileibe nicht.
Die Macher aus Georgien, Thea und Georg Sosani, haben sechs Eleven aus dem Zentrum ihrer noch jungen „Art Zone“ mit einbezogen, drei Frauen und drei Männer; und alle „vertanzen“ unter dem Stichwort „feMALE“ so ziemlich alles, was mit dem uralten Kampf der Geschlechter zu schaffen hat. Dabei trifft der Ausdruck „vertanzen“ nur bedingt. Thea Sosani kommt ursprünglich vom klassischen Ballet, ihr Angetrauter dagegen aus der Richtung Pantomime und Schwarzes Theater. Ein Miteinander dieser Stilrichtungen zu vermitteln haben sie sich zur Aufgabe gemacht und Anfang des Jahres ihre „Sosani Art Zone“ mit verschiedenen Sparten begründet. Der „Betrieb“ brummt schon jetzt.
Bekannt in der Regensburger Szene ist das Paar schon seit geraumer Zeit; er allein durch geschmeidige Auftritte bei der Traumfabrik, deren Herr und Meister Pawelke sich die Premiere jetzt nicht entgehenließ. Und beide spätestens seit ihrer köstlichen Performance „Das Runde muss ins Eckige“ im Turmtheater.
Dort wurde – vor lange ausverkauftem Haus – Rundes und Eckiges letztlich passend gemacht; bei „feMale“ dagegen knirscht es gewaltig Getriebe; Abgründe tun sich auf. Und bei aller Sprachlosigkeit geht dem Publikum schnell auf, dass zwischen den Geschlechtern nicht alles zum Besten steht, ganz zu schweigen von Rivalitäten in beiden Lagern. Zu einer begehrten Trophäe wird das mit der Zeit reichlich ramponierte Brautkleid; kein Frauenzimmer gönnt’s dem anderen, und auch die propperen Herren sind nicht zimperlich bei diesem permanenten Bäumchen-wechsle-dich-Spiel. Jeder will Hahn im Korb sein und die Hennen können schon mal Augen auskratzen. Virtuos und ausdrucksstark, dabei voller Witz und Leidenschaft ist die tänzerische Umsetzung, perfekt und kraftvoll souverän im Ausdruck. Da finden Elemente von Modern Dance und Klassik, Schauspiel und Pantomime tatsächlich zu überzeugenden Symbiosen. Was in Soli, Pas de Deux und großen Formationen scheinbar fast spielerisch anmutet, ist in Wahrheit kräftezehrende „Knochenarbeit“.
Kompliment für jede(n) Einzelne(n) ebenso wie für das Ensemble: Man versteht, ist fasziniert und obendrein bestens unterhalten, zumal die Bühne mit ihrer drei Fenster-Höhlen bestens ausgespielt wird. Schwarz-Weiß kann ganz schön farbig sein – zumal bei Unterstützung durch kongenialen akustischen Unterbau. Querbeet durch die Musik-Szene sind die Macher fündig geworden für einen manchmal reichlich kratzigen „Klangteppich“ unterschiedlichster Provenienz.
Ein Wermuts-Tropfen für alle, die es nicht ganz vorn in die erste Reihe geschafft haben – die meisten also – sei nicht unerwähnt: So Allerhand – nicht bloß bei vorgeblichem Liebesspiel – findet hier konsequent und stilgerecht „par terre“ statt. Und da helfen auch gestreckte Hälse nicht zu uneingeschränktem Kunstgenuss. Im Turmtheater, Herr Martin Hofer, könnte „feMALE“ für alle ein stress-freier Hingucker sein... Mittelbayerische Zeitung, 2.7.2013

 

 

 

Die Eule hinterm Drahtgeflecht
Friedrich Schreibers Bilder zwischen Realität und Poesie. Die Kunsthalle der Universität zeigt eine Retrospektive des ausgebildeten Monumentalmalers.

Von Sebastian Schmid, MZ
REGENSBURG. „Bild 1“ besteht aus einer Klobrille, die ein Foto des Künstlers rahmt. Daneben hängt eine Rolle Toilettenpapier, jedes einzelne Blatt ist mit dem Wort „Kunst“ beschriftet. So will Friedrich Schreiber provozieren und unsere schnelllebige Zeit verhöhnen. Er will kein Salonmaler sein, der sich zu sehr am Geschmack des Publikums orientiert.
Zeit ist auch das übergeordnete Thema der Retrospektive in der in der Kunsthalle der Universität, die sich seinen Werken widmet. Friedrich Schreiber rechnet mit dem digitalen Zeitalter ab: Die Geburt der Venus auf einem verpixelten Bildschirm. Das Meisterwerk steht Kopf und nur der Teil, der aus der digitalen Scheinwelt hinausragt ist klar zu erkennen. Darunter sind Hände, die über eine Tastatur die Anordnung manipulieren.
„Digitale Kunst ist Müll!“, sagt Schreiber. Der ehemalige Werkstattleiter des Instituts für Kunsterziehung wurde 1936 in Rumänien geboren. Nach einer Lehre zum Eisendreher absolvierte er die angesehene Kunstakademie in Bukarest und ließ sich zum Diplom-Monumentalmaler ausbilden, bevor er 1980 nach Deutschland übersiedelte. „Er ist als einziger seit der Gründung des Instituts für Kunsterziehung mit dabei“, sagt Professor Hans-Christoph Dittscheid. Dabei prägte er nicht nur Generationen von Kunststudenten, sondern auch das Institut selbst: „Als neuer Werkstattleiter wollte er eines Tages aufräumen und hat einen Stapel Examensunterlagen entsorgt“, berichtet Dittscheid.
Auch Joachim Wolbergs erinnert sich an Begegnungen mit Schreiber: „Wir wohnten Tür an Tür über der Alten Mälze. Seitdem habe ich große Hochachtung vor seiner Klugheit und Ehrlichkeit.“ Als Migrant und Grenzgänger begibt sich Schreiber fortwährend auf die Suche nach dem Unaussprechlichen und Ahnungsvollen, jenseits der Banalität der Gegenstände. Er macht sie zu symbolmächtigen Trägern seiner Botschaften. Dabei wandelt er stets auf dem schmalen Grat zwischen Diktatur und Freiheit, zwischen Realität und Poesie. Schon in seiner rumänischen Heimat widersetzte er sich dem Stildiktat des sozialistischen Realismus und ordnete sich selbst dem Surrealismus und Phantastismus zu.
Unter den Exponaten finden sich auch Selbstportraits. Eines davon zeigt Schreiber als Eule, die hinter einem Drahtgeflecht gefangen ist. Ein anderes greift das Leitmotiv Zeit auf und verdeutlicht sehr plastisch den Alterungsprozess, dem auch Künstler unterworfen sind. „In Rumänien hängen schon zahlreiche Gemälde Schreibers in bedeutenden Museen“, sagt Dittscheid. „In Deutschland ist er noch ein weithin unbekannter Schatz, dem wir diese Ausstellung widmen wollen.“ Mittelbayerisc he Zeitung, 2.7.2013

 

Schönes im wilden Eigensinn
„The Notwist“ begeistern in der ausverkauften Alten Mälzerei mit einer Exkursion durch Songs aus 20 Jahren ihr bunt gemischtes Publikum.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Warum, fragten sich in der sardinendosengemütlichen Mälze nicht nur Fans gesetzteren Alters, hat die Mälze-Crew das Konzert der Weilheimer Spitzencombo „The Notwist“ nicht in eine andere, größere Location verlegt. Nach einigem Grübeln landeten fast alle bei der resignierenden Erkenntnis: weil es keinen brauchbaren Saal entsprechender Größe in der Großstadt Regensburg gibt. Ein Appell an die Kulturpolitik, Bemühungen in diese Richtung zu forcieren.
Verdrießen ließ sich von dieser sozial und kommunikativ anregenden Situation im ausverkauften Konzert niemand. Sowenig wie von der in München beheimateten Vorband „Joasihno“. Aufgrund der sehr lebhaften Stimmung im hinteren Bereich der Mälze war dieses Einmannorchester, Christoph Beck (Gitarre, Electrics, Perkussion), ein gebürtiger Eichstätter, nur fetzenweise zu hören. Diverse Einflüsse ließen sich in dessen hippiesk anmutendem Indiesound raushören. Die reichen vom amerikanischen Experimentalmusiker und Produzenten Jim O’Rourke bis in die graue Rockvorzeit zu Pink Floyd. Auf dem Notwist-Label „Alien Transistor“ angesiedelt, macht der Performer mit seinen zwischen Wohlfühlstimmung und schräg geloopten Klangwelten angesiedelten Songs ganz sicher noch von sich reden.
Dann die Achers im Fünferpack – Notwist im 24. Jahr nach der Gründung. „I’m not afraid“ singt Markus Acher und servierte gleich zu Beginn mit „Hands“ einen neuen Song. Melancholisch, außerirdisch, unerwartet. Mit verhangener, manchmal ein wenig eintönig wirkender Stimme und flächigen Akkorden brach die Band zu einer überwältigenden Exkursion durch ihre genialen Soundlandschaften aus Punk, Brachialrock, Ambient und Noise der letzten 20 Jahre auf.
Songs der beiden letzten Alben, „The Devil, You & Me“ und dem überragenden „Neon Golden“ von 2002, standen dabei im Mittelpunkt. Immer wieder tauchen bei den lyrisch-melancholischen Anfängen von Songs ambivalente Traumlandschaften auf, die an den Zeichner Alfred Kubin oder die grell-düsteren Bezirke Edgar Allen Poes erinnern. Diese narrative Qualität der Musik setzte sich in den brachialen Gitarrenstürmen fort, in die sich vor allem Markus Acher immer wieder stürzte – dabei den Industrialvätern von den „Einstürzenden Neubauten“ durchaus Referenz erweisend – und die ganze Band mit(fort)riss. Es sind Lärmorgien über wuchtig rotierenden Rockrhythmen, geeignet, in der Bugwelle einer sich auftürmenden Ekstase zur Selbstauslöschung der ausführenden Musiker und des Publikums beizutragen. Musik als Rausch, als Medium der Entrückung. „The Notwist“ kommen dieser großen Verheißung jeglicher ernstgemeinter Popularmusik mit ihren repetitiven Mustern und minimalistischen Strukturen verdammt nahe. Es sind diese oft scharfen, schroffen und unvermittelten Kontraste – waidwunde Seelenklage und rohes In-die-Saiten-hämmern, lyrisch weich und knallhart, hingetupftes piano und lärmende Klangwände – womit die Indie-Ikone eine ungeheure Spannung aufbaut. Diese entlädt sich beim begeisterten Publikum in heiseren euphorischen Schreien und enthusiastischem Beifall. Das Publikum? Jung und alt, freakig und brav, gesettelt und alternativ, eine bunte heterogene Mischung, wie man sie selten erlebt. Geeint im Glauben an das Einzigartige und Schöne im wilden, ungezügelten Eigensinn. Mittelbayerische Zeitung, 6.6.2013

 

 

Das Leben: eine endlose Kolumne
„Die Chefin verzichtet“: Mit vor Ironie vibrierendem bildungsbürgerlich-geschwätzigem Schmäh amüsiert Max Goldt in der Mälze alte und jüngere Fans.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. Als Max Goldt vor fünf Jahren den Kleistpreis erhielt, rümpfte manches Feuilleton die Nase: einem Satiriker einen renommierten Literaturpreis! Ist Deutschland schon so tief gesunken? Gottseidank ist das dünkelhaft-weihevolle Literaturgewese, das die Expressionisten schon attackierten, das dann aber von den Nazis wieder in seine alten Rechte eingesetzt wurde und in den 50er und 60er Jahren erst so richtig fröhliche Urständ feierte - gottseidank ist das nach einigen Lockerungsübungen in den vergangenen 30, 40 Jahren mittlerweile endgültig beerdigt. Kleist selbst kannte die Unterscheidung zwischen U- und E-Literatur nicht. Und wenn, dann kam er aus der „niederen“ Abteilung, hatte keine Berührungsängste, redigierte Polizeiberichte für seine „Berliner Abendblätter“, eine täglich erscheinende Lokal- und Sensationszeitung im Miniformat, und formte aus manch kruder Meldung eine der heute berühmten „Kleistschen Anekdoten“.
„Spooning and snogging“ im Saunaclub
Womit wir wieder bei Max Goldt wären. Auf der Rückseite des Schutzumschlags seines jüngsten Buchs („Die Chefin verzichtet“, Rowohlt Berlin, 160 Seiten, 17,95 Euro) stehen die unsterblichen Sätze: „In Jülich kam es am vergangenen Wochenende zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen älteren Frauen. Das Kernkraftwerk sei aber zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen, teilten die Behörden mit“. Man muss nur zwei Sätze aus einer Zeitung aus ihrem Zusammenhang herauslösen und zusammenstellen – und schon ergibt das Ganze einen Sinn! Die Zeitung ist wirklich das, was die „Prawda“ ihren Lesern witzigerweise verhieß und was die letzte Seite der taz heute noch verspricht, schlicht: „Die Wahrheit“. Je mieser die Zeitung, umso besser die Voraussetzung für die Geburt der Literatur aus dem journalistischen Schund.
Okay, nicht alle Miniaturen in Max Goldts neuem Buch (und es besteht zum Großteil aus Miniaturen) sind direkt kleistkompatibel, manchmal überlagert der vor Ironie vibrierende bildungsbürgerlich-geschwätzige Schmäh (Goldts Markenzeichen) den genauen, lakonischen Zugriff, der Kleist auszeichnet. Andererseits bringt Goldt vieles auf den Punkt, wovon Kleist noch nicht mal träumen konnte, einfach weil es vor 200 Jahren in Hannover noch keinen Saunaclub gab, der auf Plakaten mit dem grandios kosmopolitisch daherkommenden Spruch geworben hätte: „Spooning and snogging is entirely standard here“. Max Goldt ungerührt: Eigentlich schade, dass nur ein einzelnes, wenn auch repräsentatives Hannoveraner Etablissement für sich reklamiert, quasi der Hort des Kuschelns und Knutschens zu sein. Wieso wirbt nicht gleich die Stadt Hannover damit? Beziehungsweise: Würde das im allgemeinen Wahnsinn des Stadtmarketings noch groß auffallen?
Studenten verehren ihn wie die Altvorderen
Wenn man Goldt zuhört, ist das Leben eine nichtendenwollende, vor sprungbereiter Intelligenz sprühende Kolumne ohne Titel. Selbst an einem lauen Maiabend ist da die Mälzerei fast voll, und es ist keineswegs nur seine eigene Generation, die ihm treu geblieben ist (Goldt ist Jahrgang 1958). Unter Studenten schlägt ihm die gleiche Verehrung entgegen wie vor 25 Jahren. Nach drei Stunden wird der Dichter entlassen, eigentlich hat das Publikum immer noch nicht genug. Mittelbayeriosche Zeitung, 18.5.2013

 

25-jähriges Bestehen der Alten Mälzerei e.V.
Grußwort von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Feier zum 25-jährigen Bestehen der Alten Mälzerei e.V. am 30. April 2013 um 18 Uhr in der Mälze

Anregend, unterhaltsam – innovativ und immer die Hand am Puls der Zeit.
Diese Beschreibung trifft in Regensburg wohl auf keinen Kulturverein mehr zu als auf den Alte Mälzerei e.V.
Ich freue mich sehr, heute mit Ihnen das 25-jährige Jubiläum der Alten Mälze feiern zu können.
Die Alte Mälzerei ist schon seit langem eines der großen kulturellen Aushängeschilder der Stadt und das Zentrum für alternative Kultur nicht nur in Regensburg, sondern weit darüber hinaus.
Zudem ist die Alte Mälze eines der vielen Beispiele dafür, dass große, alte Gebäude nach ihrer Sanierung eine neue kulturelle Nutzung gefunden haben.
Ich möchte da nur auf eine Reihe von alten Speichern und Stadeln verweisen, in die Bildende Kunst, Film und Musik eingezogen sind. Ganz ähnlich werden auch das Thon-Dittmer-Palais und das Runtingerhaus genutzt.
Die Alte Mälzerei ist ein kultureller Hotspot für fast alle Altersschichten. Das Programm der Mälze präsentiert nicht nur junge Bands für junge Zuschauer, sondern auch Auftritte von Gruppen, die schon In waren, als ich mich altersmäßig noch zu den Jungen rechnen durfte. Gerade diese Mischung von Neuem und etwas Älterem macht den großen Reiz des Mälze-Programms aus. Und die Zuschauerzahlen geben den Organisatoren auch eindrucksvoll recht.
Viele Bands, Kabarettisten und Comedians, die heute zu den Großen ihres Fachs zählen, haben hier ihre ersten Auftritte gehabt.
Die Mälze ist also auch eine Art Brutkasten, nicht nur für Künstler – auch für viele Regensburger Institutionen, Organisationen und kulturelle Einrichtungen, die über keine oder nur unzureichend große Veranstaltungsräume verfügen. Sie alle mieten immer wieder gerne die Mehrzweckräume der Mälzerei.
Für all das, was die Mälze zum Regensburger Stadt- und Kulturleben beigetragen hat und auch weiterhin beitragen wird, bedanke ich mich sehr herzlich bei den Machern.
Stellvertretend für alle Beteiligten zolle ich Hans Krottenthaler und seinem kreativen Team Respekt für das beispiellose, nun bereits mehr als 25 Jahre dauernde Engagement.
Die alte Mälzerei ist eine große Bereicherung für das kulturelle Leben unserer Stadt. Mit rund 160 Live-Veranstaltungen im Jahr verleiht sie Regensburg eine ganz eigene Kultur-Dynamik, die das ganze Spektrum umfasst: Musik, Literatur, Tanz, Theater und Kabarett.
Ich freue mich auf viele weitere Jahre mit vielen neuen und alten Highlights.
Und ich bin froh darüber, dass der Stadtrat auch während finanzieller Durststrecken – es ging der Stadt finanziell ja nicht immer so gut wie jetzt – diese wichtige sozio-kulturelle Begegnungsstätte immer unterstützt und gefördert hat.
1992 hat der Stadtrat einstimmig den Ausbau der Alten Mälzerei zum Kulturzentrum beschlossen.
Und seither stehen Stadt und Stadtrat fest zur Alten Mälze.
Ich freue mich, Ihnen jetzt schon verraten zu können, dass die Stadtverwaltung dem Stadtrat vorschlägt, den jährlichen Betriebskostenzuschuss an die Mälze deutlich zu erhöhen und diesen Zuschuss für die kommenden zehn Jahre festzuschreiben. Außerdem wollen wir dafür sorgen, dass der Mietvertrag vorerst bis zum Jahr 2023 verlängert wird.
Wenn der Stadtrat dieser Beschlussvorlage zustimmt – und das hoffe ich doch sehr! –, bedeutet das ein ganzes Jahrzehnt lang Planungssicherheit für die Mälze. Für uns, das Publikum, und für die Künstlerinnen und Künstler bedeutet dies noch viele, viele aufregende, anregende, unterhaltsame und anrührende Abende hier in der Mälze.
Dem Haus und seinen Machern wünsche ich alles Gute und weiterhin viel Erfolg.

 

 

Liebeserklärung an die Mälze
Das Kulturzentrum Alte Mälzerei wurde vor 25 Jahren eröffnet. Zeit für etwas Rückschau, etwas Zwischenbilanz, einen Film, ein Buch – ein Fest.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Undenkbar, wenn es die Mälze nicht gäbe. Diese riesige Burg für Kulturschaffende aller Art, diesen markanten Mittelpunkt für das Galgenberg-Viertel, in dem das ganze Jahr über das künstlerische Leben tobt. „Das ist so ein brodelnder Hexenkessel“, sagt Kabarettistin Lizzy Aumeier. „Wir haben ja ewig gebraucht, bis wir da mal auftreten durften. Immer haben sie ,nein‘ gesagt. Aber dann haben wir irgendwann den ,Thurn und Taxis Kabarettpreis‘ gewonnen, der von der Mälzerei ausgeschrieben war, und dann waren wir berühmt.“
Es sind Statements wie diese, Liebeserklärungen an diesen ganz besonderen Ort, die das Büchlein „25 Jahre Mälze“ zum absoluten Lesespaß machen. Am Dienstag vor 25 Jahren wurde die Kunst- und Kulturfabrik Alte Mälzerei eröffnet. Gründungsväter waren Alex Bolland und Walter Kotschate, die mit ihrem Nutzungskonzept bei der Fürstlichen Brauerei Thurn und Taxis punkten konnten. Aus dem Treffpunkt für Rock- und Popkultur wurde ein Wunschprojekt von vielen. Gekämpft wurde um den Ausbau des Gebäudekomplexes, der vom Stadtrat 1992 endlich beschlossen wurde. 1993 öffnete das Kulturzentrum Alte Mälzerei unter diesem Namen seine Pforten.
Die Mälze feiert ihren Werdegang mit einem eigenen Buch, einem eigenen Film, den Werner Damböck gedreht hat. Nachvollziehbar wird so sehr unterhaltsam die Entwicklung zum kulturellen Zentrum, aus dem das Thurn und Taxis Kleinkunstfestival, die Regensburger Tanztage, die Bayerische Poetry-Slam-Meisterschaft und das Heimspielfestival hervorgegangen sind, in dem aber auch die Improtheaterszene ein Forum fand, rund 45 Bands Probenräume und Künstler Ateliers. Am Abend des Geburtstags, am 30. April, werden das in einer Auflage von 1000 Stück gedruckte Buch und der Film bei der Feierstunde vorgestellt. Danach wird abgetanzt.
Wunderbar an dem unter Federführung von Hans Krottenthaler erarbeiteten Jubiläumsbuch ist gerade die Konzentration auf Gegenwart und Zukunft. Natürlich gibt es Rückblicke, werden beeindruckende Zahlen gewälzt: 45 000 Zuschauer jährlich, in 25 Jahren 1,2 Millionen Besucher bei 5300 Liveveranstaltungen, 20000 Zuschauer allein bei Caveman, diesem abgefahrenen Entwicklungsprogramm für den modernen Höhlenmann. Raúl Gonzales, seit 2005 Caveman im Auftrag der Alten Mälzerei, ist Mälze-Fan: „Regensburg gehört zu meinen absoluten ,favourite‘ Spielorten in Deutschland. Hier ist immer alles sehr menschlich und ruhig und Probleme werden einfach gelöst, da wird nicht lange diskutiert.“
Was aber vor allem auch rauskommt, in Film und Buch, ist die kreative Kraft, ist das Engagement, das junger Kunst wie dem zeitgenössischen Tanz ebenso gilt wie jungen Talenten. Die Sportfreunde Stiller gaben hier Konzerte als sie noch kaum jemand kannte, und kamen darum, obwohl sie mittlerweile problemlos Arenen füllen, für ein Clubkonzert zurück. Und für die Brüder Teichmann ist dies, wie sie im Filminterview bekennen, ein wichtiger, ein prägender Ort. „Hannes und Andi standen hier schon mit 11 und 13 Jahren auf der Bühne und haben ihre ersten großen Partys hier gefeiert“, erinnert sich Krottenthaler.
Bei aller Großartigkeit ist dieses Zentrum für Trommler, Tänzer, Theatervolk, Tonkünstler, Kabarettisten, Musiker aller Spielarten und Künstler jeglicher Couleur nicht nur ein prägender, sondern ein uriger, ein einzigartiger Ort. Wie es der Poetry-Slamer Christian Ritter im Buch beschreibt: „Als ich auch noch den Faden verlor und hilflos nach dem Textblatt in meinen Taschen suchte, war das einzige Geräusch, das zu hören war, das Gluckern des Waschbeckenabflusses an der Theke.“ Happy Birthday, liebe Mälze!
Service
In einer Feierstunde mit Ehren- und geladenen Gästen werden am Dienstag, 30. April, um 18 Uhr das in einer Auflage von 1000 Stück gedruckte Jubiläumsbuch „25 Jahre Mälze“ ausgegeben und der anlässlich des Jubiläums gedrehte Film von werda.net / Werner Damböck vorgestellt.
Feiern für alle: Ab 21 Uhr ist in der Alten Mälzerei, Galgenbergstraße 20, dann Party angesagt, mit Live-Acts und DJs auf drei Etagen. Mit dabei sind die Gebrüder Teichmann, DJ Säm, Organic Section, Sunny Bottom Boys, U-Cee and Deadly Hunta hosted by Mortal kombat Soundsystem.
Mittelbayerische Zeitung, 30.4.2013

 

Das kreative Power-Zentrum
Vier Fragen an Hans Krottenthaler, einen von zwei Geschäftsführern des Kulturzentrums Alte Mälzerei, eine künstlerische Hochburg Regensburgs

Was ist die wichtigste Entwicklung, die das Kulturzentrum Alte Mälzerei in Regensburg angestoßen hat?
Neben dem laufenden Veranstaltungsprogramm mit jährlich rund 150 Live-Veranstaltungen konzipiert und realisiert die Alte Mälzerei regelmäßig verschiedene Veranstaltungsreihen, Projekte und Festivals. Dazu gehören u.a. das Thurn und Taxis Kleinkunstfestival mit dem Kabarettpreis, die Heimspiel-Reihe für junge regionale Musiker, der regelmäßige Poetry Slam für junge Autoren und natürlich die Regensburger Tanztage für zeitgenössischen Tanz. In allen diesen Bereichen haben wir mit den jeweiligen Veranstaltungsschwerpunkten nicht nur Neues geschaffen, sondern auch wichtige Impulse gesetzt und eine nachhaltige Entwicklung in Gang gebracht.

Was war in Ihren fast 23 Jahren bei der Alten Mälzerei Ihr persönliches Mälze-Highlight?
Da gibt es so viele unvergessliche Erlebnisse und Begegnungen mit Künstlern ... schwer da eines ganz besonders hervorzuheben. Was ich unabhängig davon immer wieder großartig finde, ist die enorme Vielfalt und Lebendigkeit des Hauses: Die Mälzerei ist ja nicht nur Veranstaltungsstätte, sondern auch Produktionsstätte und Kreativzentrum für viele Bereiche. An manchen Wochenenden finden hier auf drei Etagen Veranstaltungen statt und in den verschiedenen Räumen sind gleichzeitig Musiker, Schauspieler, Maler, etc. aktiv. Später vermischen sich wieder alle im Cafe „Cartoon“ der Mälzerei. Wunderbar.

Hat die Mälze ausreichend Unterstützung durch die Stadt, durch Entscheidungsgremien wie die Bürger?
Die Zuschauerzahlen bei den Live-Veranstaltungen liegen bei jährlich rund 45000 Besuchern. Mehrere Publikumsbefragungen in den letzten Jahren haben der Alten Mälzerei ein interessantes, abwechslungsreiches Programm und einen Publikumseinzug weit über Regensburg hinaus bescheinigt. Rund die Hälfte der Besucher kommt direkt aus der Stadt, die andere Hälfte aus dem näheren und weiteren Einzugsgebiet. Knapp ein Drittel sind Studenten. Die Zusammenarbeit mit der Stadt, dem Kulturreferat und Kulturamt war, glaube ich, nie intensiver und besser als heute. Ich glaube schon, dass auch alle Verantwortlichen wissen, was sie an der Mälzerei haben.

Wenn Sie sich etwas für das Kulturzentrum Alte Mälzerei wünschen dürften, was wäre für Sie das Wichtigste?
Wer in die Kultur investiert, investiert in die geistige, in die kreative Kraft einer Stadt. Popkultur gewinnt dabei in verschiedener Hinsicht zunehmend an Bedeutung. Für viele Kommunen gilt schon heute: Eine Stadt mit einem lebendigen und kreativen Klima zieht wieder kreative Menschen an, etc. Es braucht aber Platz und Raum, damit sich das Potential an Kreativität entwickeln und entfalten kann. Glaubt man den Theorien über die Zukunftsfähigkeit der Städte, werden Einrichtungen wie die Mälzerei in Zukunft eher noch wichtiger werden. Ich wünsche mir, dass der Zuspruch und die Akzeptanz für die Mälzerei in diesem Zusammenhang auch weiterhin so hoch bleiben.
Mittelbayerische Zeitung, 30.4.2013

 

Hoch soll sie leben
Regensburgs Kulturzentrum "Alte Mälzerei" feiert seinen 25. Geburtstag

Hans Söllner, La Brass Banda, die Biermösl Blasn und eigentlich fast alle standen schon auf der Bühne der Alten Mälzerei. Über 5.000 Veranstaltungen haben hier bereits stattgefunden, über 40 Bands können Proberäume und Tonstudio nutzen und etwa 90 Konzerte finden pro Jahr in der Alten Mälzerei statt. Seit einem Viertel Jahrhundert ist sie Schauplatz für Tanz, Theater, Lesungen, Clubnächte und Konzerte. Ein Ort der Begegnung in dem sich jedermann, ob Künstler, Fußballfan, Student oder Literaturbegeisterter, wohlfühlt.
Im Erdgeschoss zaubern Schauspieler eines Improvisationstheaters unter Vorgaben des Publikums eine unterhaltsame Geschichte auf die Bühne. Der Proberaum zwei Stöcke darüber erzittert unter den ersten Versuchen einer Heavy-Metal-Band an einem neuen Stück, während nebenan die nächste Vorstellung einer zeitgenössischen Tanzgruppe geplant wird.
Klemens Unger hält Festrede
Die Alte Mälzerei empfängt Künstler jeder Art mit offenen Armen und das seit nunmehr 25 Jahren. Seit September feiert sie mit Vorstellungen von Künstlern, die eine besondere Verbundenheit zu ihr spüren, ihr Jubiläumsjahr: Am kommenden Dienstag, 30. April, findet die Geburtstagsfeier statt. Um 18 Uhr beginnt der Festakt mit einer Feierstunde, in der Kulturreferent Klemens Unger eine Festansprache halten wird.
Festschrift zieht Zwischenbilanz
In einem 45-minütigen Film von Werner Damböck und einem liebevoll gestalteten Heft wird das Kulturzentrum vorgestellt. Das Buch liefert eine Zwischenbilanz über den derzeitigen Standpunkt der Alten Mälze - Worin liegen die Schwerpunkte der Arbeit hier? Was hat sich geändert? Was ist das Besondere, das sie von anderen Kultureinrichtungen unterscheidet?
Zu den kulturellen Aktivitäten der Alten Mälze zählen verschiedene Veranstaltungen in den Bereichen Konzerte, Kabarett und Kleinkunst, Lesungen, Theater und Tanz. Auch Clubnächte mit stets wechselndem Angebot gehören in das Repertoire der Alten Mälze. Als Ort der Kommunikation und Begegnung treffen sich hier Gruppen und Initiativen zu Tanzabenden oder Studenten und Fans in Kneipe und Biergarten. In den zahlreichen Proberäumen haben aufstrebende Künstler die Möglichkeit, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen.
Der Geschäftsführer Hans Krottenthaler schwärmt, wie lebendig das Haus sei. Über 100 Leute gingen hier täglich ein und aus, ohne Schranken funktioniere das Nebeneinander so unterschiedlicher Menschen, die aber doch eines gemeinsam haben: die Liebe zur Kunst.
Ob zu Elektro, Reggae, Visuals, Indie oder Rock’n’Roll - im Anschluss an die Feststunde wird ab 21 Uhr eingeladen, auf der "Party auf drei Etagen" auf 25 harmonische Jahre Alte Mälze anzustoßen.
Donaupost, 29.4.2013

 

25 Jahre auf 94 Seiten
Ein umfangreiches Buch erinnert an das erste Vierteljahrhundert der Alten Mälzerei.


Säm Wagner. Über eine Million Besucher haben inzwischen Veranstaltungen in der alten Mälzerei besucht. Ein Buch und ein Film fassen die Geschichte des Kulturzentrums zusammen.
Nein, als die Idee entstand, hat man bei Weitem nicht geahnt, welches Ausmaß das Projekt annehmen wird, geben die beiden Mälze-Geschäftsführer zu. Hans Krottenthaler und Elke Straubinger, die beiden Geschäftsführer der Alten Mälzerei, halten stolz die Chronik „25 Jahre Mälze“ in der Hand, die zum Festakt in der Alten Mälzerei gemeinsam mit einem dreiviertelstündigen Film präsentiert wurde.
Auf 94 Seiten findet man im Buch einen Überblick über die vielen Sparten, die das Kulturzentrum am Galgenberg abdeckt und mit seiner Rolle im Kulturleben der Region auch ausmacht. „Es kommt durchaus vor, dass im Keller eine Punkband auftritt, während im Club eine Kabarettveranstaltung stattfindet und gleichzeitig im Theater Tango getanzt wird“, erzählt Hans Krottenthaler.
Nicht zu vergessen, die Übungsräume der Mälze, in denen rund 150 Musiker proben, oder auch das Tonstudio im Haus. „Das Buch soll aber bewusst keine Rückschau sein“, so der Mälze-Chef. Viel mehr hat man darauf geachtet, dass die umfangreichen Veranstaltungen und Reihen, die darin abgehandelt werden, aktuell sind. Auch zahlreiche Künstler kommen im Buch, wie auch im eigens produzierten Film, zu Wort – darunter die Gebrüder Teichmann und die Sportfreunde Stiller, die regelmäßig Gäste in der Mälze waren und natürlich nicht mit Lob sparen. Zu guter Letzt haben Weggefährten der Alten Mälze kurze Aufsätze über verschiedene Themen der Popkultur verfasst.
Das Buch und eine DVD mit dem Film zum Mälze-Jubiläum gibt es in den Büros der Alten Mälzerei. Rundschau Regensburg, 4.5.2013

 

 

Besessen von Franz Josef Strauß
Wahnsinnig witzig: Im Kabarettisten Helmut Schleich stecken viele Persönlichkeiten, von FJS über Seehofer bis zu Jopi Heesters Gesangslehrer

Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Helmut Schleich ist ein mit vielen Preisen bedachter Kabarettist. Berühmt ist er vor allem für seine Franz-Josef-Strauß-Parodie, die auch im neuen Programm „Nicht mit mir“, das er in der Alten Mälzerei zum Besten gab, eine tragende Rolle spielt. Schleich ist nur die körperliche Hülle für eine Vielzahl von Persönlichkeiten, die ihn besetzt halten. Immer wieder versucht Schleich, sie loszuwerden, allein: Es gibt keinen Exorzisten, der ihm FJS, Ex-Papst Benedikt XVI., Helmut Schmidt, Horst Seehofer oder den exzentrischen Heinrich von Horchen, Gesangslehrer von Marika Rökk und Jopi Heesters, austreiben könnte. Also schlüpft Helmut Schleich mal in den einen, mal in den anderen Charakter, lässt Franz Josef mit Benedikt debattieren und zwar beeindruckend lebensecht. Dass Schleich aber auch den an Parkinson erkrankten Ottfried Fischer karikiert, hat einen schlechten Beigeschmack.
Was hat Franz Josef Strauß eigentlich noch zu sagen, 25 Jahre nach seinem Tod? Eine ganze Menge! Da gibt es vor allem die saftigen Aneinanderreihungen von bayerischen Bezeichnungen, mit denen er heutige Politiker jeder Couleur bedenkt. Die Tatsache, dass Ministerin Christine Haderthauer erklärt habe, Strauß sei nicht ihr Vorbild, sei ja wohl genauso absurd, als wenn ein Pfarrer behaupten würde: „Mit Jesus habe ich es nicht so…“
Übers FDP-Personal sagt FJS: „Wenn Brüderle Hoffnung ist, wie sieht dann Verzweiflung aus?“ Und für Ex-Bundespräsident Wulff hat er eigentlich nur Verachtung übrig: „Wenn sich einer als Ministerpräsident 500000 Euro leihen muss, dann hat er was falsch gemacht. Die kriegt man doch geschenkt!“ Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt reduziert Schleich auf ein einziges Thema: die Zigarette. Auch Horst Seehofer hat wenig zu sagen. Er besticht vor allem durch sein typisches Lachen. Noch einige andere Figuren lässt Schleich recht zusammenhanglos auftreten. Als sächsischer Eremit treibt er Späße über das Alleinsein inmitten eines Eremiten-Kongresses, als Psychotherapeut erzählt er aus Schlagertiteln zusammengebastelte Geschichten, als echter Bierdimpfl philosophiert er bierschwanger darüber, dass das Bildungsfernsehen schwer im Kommen sei. Als manischer Wahrsager mit zuckenden Bewegungen erfindet er die „Kunst“, die Zukunft in die Vergangenheit zu legen und diese „vorauszusehen“. Das Publikum in der Alten Mälzerei amüsierte sich königlich über die parodistischen Künste des Kabarettisten und die wahnsinnig witzigen Gestalten, die in ihm hausen. Mittelbayerische Zeitung, 26.4.2013

 

Kellner schlägt härtere Gangart ein
In der Alten Mälzerei in Regensburg grooven die vier Jungs mächtig und lassen es mit dem neuen Album „Kinda Wild“ so richtig krachen.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. „Er macht einfach Musik, die alle anspricht. Und…“ zögert die junge Besucherin in der Mälze bei ihrer Beschreibung von Mathias Kellner, „…er singt nicht über die Liebe!“ Wenn das als hervorstechendes Unterscheidungsmerkmal zu anderen Songschreibern dienen muss, ist es entweder mit den Musikern die darüber singen nicht weit her oder es stimmt etwas mit der Liebe nicht.
Wie auch immer, natürlich kommt auch bei den Songs aus Kellners neuem Album „Kinda Wild“ der Herzschmerz mal vor, auch wenn man sich – was Titelsong und Albumtitel bereits durchblicken lassen – cooler, abgeklärter gibt.
Gereifter wirken die vier Jungs dadurch keineswegs. Vielmehr macht es den Anschein, als würden sie es jetzt endlich richtig krachen lassen. Kellners Auftritt in der knackig vollen Mälze funktioniert noch professioneller, die Jungs wirken entspannt, grooven mächtig und lassen sich vergnügt in die stabile Hängematte einer großen, liebenden Fangemeinde fallen.
Dieser wird dann einiges geboten mit einer Mischung aus alten und Songs des neuen Albums, die trotz ihres raueren, schnelleren und rockigeren Charakters mit viel Beifall und johlender Zustimmung aufgenommen werden. Auch wenn die sonore klangvolle Baritonstimme des Frontmannes im Mittelpunkt steht, funktioniert die Band als Ganzes vor allem durch ein sehr solides und instrumental federndes Netz.
Sprengers Soli versprechen mehr
An selbigem knüpfen Kellners drei Kompagnons – Johannes Molz am Bass, Florian Sprenger an der Gitarre und Andreas Schechinger am Schlagzeug – einfallsreich und kreativ herum. Dabei wechselt Molz des Öfteren vom herkömmlichen E-Bass zum elektrischen Stehbass, was der konventionellen geradlinigen Rockmusik eine größere räumliche Tiefe und einen geschmackvolleren Klang verpasst. Ein wenig schade ist die Zurückhaltung von Sprenger was Soli angeht. Das Wenige was von ihm zu hören war, lässt vermuten, dass er deutlich mehr auf der Pfanne hat, als was bei dem Konzert in der Mälze zu hören war.
Gut, da kamen auch noch andere zum Zuge. Kellner hatte einige befreundete Kollegen eingeladen gemeinsam ein paar Songs zu spielen, um die aufstrebenden Nachwuchsmusiker ein wenig zu promoten. Tat sich der auffallend mit Bowler gestylte junge Gitarrist und Sänger Markus Speer dabei mit dem Tom Petty Song „The Waiting“ ein wenig schwer mitzuhalten, lieferte Desmonds ungemein erfrischende und humorvolle Blues-Improvisation einen leuchtenden Höhepunkt des Abends.
Angedeuteter Reggaerhythmus
In einem spontanen Dialog wetteiferten Kellner und der Gitarrist aus North Carolina um die abstrusesten Ideen und Sprüche, musikalisch subtil untermalt von der Band. Mit einem angedeuteten Reggaerhythmus bot Kellner hier erstmals – vom Arrangement und rhythmisch betrachtet – auch musikalisch mehr Abwechslung. Denn bei allen Ideen und netten Geschichten aus dem persönlichen Umfeld und Erfahrungsschatz, die der Songschreiber in seinen Texten erzählt und mit einprägsamer Stimme eindrucksvoll vorträgt, musikalisch kommt nach einer gewissen Zeit Langeweile auf.
Vor allem rhythmisch sollten sich die Vier ein wenig umtun – von Steppenwolf bis zu den Kings of Leon gibt es genügend „wilde“ Vorbilder – um ihren Sound und die Show künftig noch abwechslungsreicher und damit interessanter zu machen. Dann steigen die Chancen, dass Kellner den Schritt in die nächste Liga nimmt.
Allerdings verfügt der „Dude“, wie sich der Regensburger nach seinem vorletzten Album „Hey Dude“ gern selbst sieht und bezeichnet, neben einer klangvollen Stimme und der Begabung als Songschreiber über ein weiteres Talent, das zumindest einen Teil seines beachtlichen Erfolgs auch beim weiblichen Publikum begründet – Entertainerfähgkeiten.
Gepaart mit einem Temperament, dem sich nichts in den Weg stellen darf, zieht Kellner immer wieder kleine Geschichten und Anekdoten hervor, mit denen er seine bunt gemischte Publikumsfamilie bestens unterhält. Im düster-schleppenden „Childrens Birthday“ erzählt er von einem Kindergeburtstag bei einer Horde elterlicher Heavy-Metal-Fans, denen er mit anderen Nachwuchs-Dudes eine Flasche „Jackie“ – Whiskey – gemopst hatte. Weil er als Kind nie bei Freunden oder Mitschülern eingeladen worden war, malte der mächtige Musiker mit feiner Ironie eine schwere Kindheit an die Mälze-Wand, habe er sich unter falscher Flagge immer selbst eingeladen. Ergebnis bei besagter „Childrens Birthday“-Party waren zehn junge Kröten in der Notaufnahme eines Krankenhauses, bei der die Sonde zum Magenauspumpen Überstunden leisten musste. Das ist heute vorbei – der kreative Kopf hatte neben seinem Mikroständer nur eine Flasche Wasser stehen, die er fleissig in Anspruch nahm, als Ausgleich zum schweißtreibenden Bühnenjob. Mittelbayerische Zeitung, 6.4.2013

 

Psychedelisch mit einer Prise Punk
Die kroatische Band Cojones und die US-amerikanischen Wahl-Bayern Simeon Soul Charger rockten die Alte Mälzerei mit Grunge und Prog-Rock.

Regensburg. Vor und zurück wippten die Oberkörper der hartgesottenen Fans, synchron zum groovend-wuchtigen Rock der kroatischen Band Cojones. Eine Bewegung irgendwo zwischen dem lässigen Kopfnicken der Hip-Hopper und dem heftigen Headbangen von Metallern. Laut Ankündigung spielen Cojones, "Stoner Rock“, ihre Musik könnte man aber ohne weiteres auch als Grunge bezeichnen. Die Übergänge sind fließend, zweifelsfrei berufen sich beide Musikstile auf den 70er-Jahre Rock à la Led Zeppelin. Nur dass hier die Gitarre keine dominante Position einnimmt und sich mit den anderen Instrumenten auf einer Ebene befindet. Der „Wall of Sound“ entsteht auch dadurch, dass die Gitarren auf Bassniveau heruntergestimmt und mit Effekten belegt sind. Das Ergebnis ist vereinnahmend, durchdringend, hart rockend tanzbar. Leicht psychedelischer 70er-Rock, aufgeladen mit der Energie von Punk.
Das Line-Up hatte sich in derAlten Mälzerei kurzfristig geändert. Nach den Regensburger Doomrockern Carrion Mother, die den Abend eröffneten, spielten nun nicht Simeon Soul Charger, sondern eben Cojones. Wohl auch deshalb, weil sich die amerikanischen Simeon Soul Charger– mit Zweitwohnsitz in Bayern – zur regionalen Rockgröße heraufgespielt haben. Und an einem Sonntagabend gehen die Besucher ganz gerne einmal früher nach Hause.
Die Band aus Ohio hört sich eigentümlich britisch an. Simeon Soul Charger klingen nach Progressive Rock der frühen 70er Jahre, nach frühen Genesis oder Yes. Gelangweilt vom immer Gleichen, wollte man damals die Grenzen des Rock-Genres sprengen und fügte Elemente aus Klassik, Jazz, Weltmusik oder Elektronik hinzu. Häufige Rhythmus-, Melodie- und Tempowechsel sollten die Musik spannender machen, was mitunter aber auch angestrengt konstruiert klingen kann. Im Gegensatz zu Cojones sind bei Simeon Soul Charger die Instrumente klar voneinander abgesetzt, die Gitarre in den Vordergrund gemischt. Die länglichen Songs münden nicht selten in eine psychedelische Phase, die zum gedankenversunkenen Wegdriften einlädt.
Die Antwort auf den überladenen und verkopften Prog-Rock war in den 70er Jahren dann Punk, der geradlinig in drei Minuten die Alltagsprobleme junger Menschen behandelte. 40 Jahre später ist Prog-Rock aus diesem historischen Kontext herausgelöst und kann von nachwachsenden Generationen „neu“ gehört werden. Von seiner Gespreiztheit hat er allerdings nichts verloren. Mittelbayerische Zeitung, 28.3.2013

 

Fabian Navarro gewinnt Super Slam
Beim großen Poetry Super Slam im Rahmen von „United Comedy“ macht der Hamburger mit einer Tiefseekrabbenliebesgeschichte das Rennen.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Ein in Flammen stehendes Mikrophon ist das Symbol der Slam-Poetry-Lesungen in der Alten Mälzerei. Rhythmisches Sprechen, Tempiwechsel und fantasievolle Satzkreationen entwickeln einen Drive, dem man sich nur schwer entziehen kann. Mancher Slammer verwandelt sich in einen Jungschauspieler beim Vorsprechen: Er schlüpft in verschiedene Rollen, moduliert die Stimme, geht komplett aus sich heraus. Viele der Geschichten – sie dürfen nicht länger als fünf Minuten sein – haben einen persönlichen Anstrich, erzählen vom Freud und Leid des Erwachsenwerdens.
Geschichten aus dem Uni-Alltag erfahren beim studentischen Publikum besonderen Anklang. Christian Ritters bitterböser Abrechnung mit zwei naiven Kommilitoninnen, die bei einem Referat „fun-facts über die DDR“ präsentieren, ist deshalb der Applaus sicher. Der Bayernslam-Meister des Jahres 2010 hat bereits vier Bücher veröffentlicht.
Der Super Slam im Rahmen des Thurn-und-Taxis-Kleinkunstfestivals vereint nationale und internationale Größen mit Newcomern. Wie Sarah Maria Nord etwa, die ihre Heimatstadt Augsburg bei der Bayerischen Ü-20-Meisterschaft vertrat. In ihrem Vortrag „belebt sie Partyleichen mit Poesie wieder“. Die österreichische Slam-Legende Mieze Medusa ist dem Partyalter längst entwachsen und berichtet wortgewandt von den Mühen des Mutterdaseins. Geschickt integriert die Wienerin das Publikum: Wenn sie die Hand hebt, müssen alle „Aber nicht nur“ sagen. „Mama macht meistens Liebe mit Papa“ – und sie hebt die Hand.
Konkurrentin Daniela Plösner hat sich die Arbeit gemacht und ihren Vortrag ausschließlich aus Sprichwörtern zusammengeschraubt. Der elaborierteste Beitrag kommt vom Schweizer Valerio Moser, der die Sprache selbst zum Thema macht und mit seiner rhythmisch-expressiven Ausdrucksweise in den Bann zieht. Einen entgegen gesetzten Weg, nämlich die Sinnfreiheit, wählte NRW-Meister Andi Strauß. Als Helge-Schneider-hafte Oberlehrerkarikatur begeistert er mit Schauspieltalent und absurden Nonsense-Sätzen wie „Du bist die dicke Oma, denn du bist dick.“
Ins Finale des elfköpfigen Teilnehmerfeldes schaffte es Pierre Jarawan aus München. Kurzweilig schildert der amtierende deutschsprachige Meister, was passiert, wenn man aus dem Fernsehen erlernte Phrasen im Alltag anwendet. Sein „kleines ABC eines Träumers“ unterlag dann im Zweierduell der poetischen Tiefseekrabben-Liebesgeschichte von Fabian Navarro.Der Hamburger Vizestadtmeister hatte sich mit einem Gedicht in die Endrunde gereimt, das einfallsreich die Liebe mit der Kartoffel verglich. Mittelbayerische Zeitung, 26.3.2013

 

Dieser Roman ist ein Gedicht
Hipsterhasser und Hippie-Jünger: Mit „Strawberry Fields Berlin“ gibt der erfolgreiche Poetry-Slammer Julian Heun sein schriftstellerisches Debüt.

Julia Sgolik, MZ
Er hat nur fünf Minuten: In 300 Sekunden muss jeder Poetry Slammer, sein Publikum gepackt haben. Julian Heun macht es auf der Bühne mit Witz und Tiefgang, wirbelt mit irren Metaphern und Vergleichen, dirigiert seinen eigenen Rhythmus mit kleinen, swingenden Handbewegungen. Dann ist es schon wieder vorbei. Der Moderator kommt auf die Bühne und platzt in die intime Spannung zwischen Dichter und Zuhörern.
Vielleicht haben Julian Heun diese fünf Minuten einfach nicht mehr gereicht: Der „Versverfertiger“, wie er sich selbst nennt, hat seinen ersten Roman geschrieben. Sein Debüt erzählt die Geschichte zweier Männer auf frische und neue Art, in Prosa, die stark vom Rhythmus des Poetry Slams geprägt ist. Satzfragmente und Sätze folgen schnell aufeinander, ein Bild jagt das nächste. Die Stimmung ist hämmernd und pochend, irgendwie aufgeregt. Und wenn man meint, den Rhythmus durchschaut zu haben, kommt schon ein Bruch: langsame Lautmalerei versprachlicht die Gedanken über das Leben.
Es wäre verwunderlich, würde Heun als Romanschriftsteller weniger Erfolg haben als bei Poetry Slams und als künstlerischer Leiter verschiedener Poesie-Events. Schon die Sprache macht „Strawberry Fields Berlin“ lesenswert. Und Heun packt noch eine gute Geschichte obendrauf. Sein Roman erzählt vom Scheitern auf der Suche nach Glück – in zwei Stadien, an zwei Orten. Robert ist gerade im Begriff zu scheitern, Schüttler hat es bereits hinter sich. Robert ist in Luca verliebt, weil sie so schön, temperamentvoll und poetisch ist. „Und suchst du das nicht auch, irgendein weitdadraußen [...] in einer noch nie gesehenen Farbe [...] ach, weißt du was ich meine?“ fragt sie Robert auf einer Party, einer von vielen, auf denen man herumhängt. „Ja“, sagt er nur und reist ihr wenig später nach Indien hinterher. Er folgt ihr nach Strawberry Island, eine der 204 Inseln der Andamanischen Inselgruppe im Indischen Ozean. Dort führt er mit Luca und anderen Aussteigern ein Hippieleben. Mittelbayerische Zeitung, 26.3.2013

 

Wie kommt das Ei in die Zitrone?
Ken Bardowicks verzaubert das Publikum in der Mälzerei mit Witz, Wortspielereien und verblüffenden Tricks. „Mann mit Eiern“ heißt sein Programm.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Als Zauberer hat man’s nicht leicht. Ständig fragen die Leute: „Kann man davon leben?“ Oder verlangen, eben mal so eine Million Euro herzuzaubern. Und wenn Ken Bardowicks dann nach Hause kommt, wartet auf ihn eine Freundin, die das alles für eine Lappalie hält. Schließlich arbeitet sie als Hebamme am Wunder des Lebens, tagtäglich: „Geburt, Geburt und Wiedergeburt.“
Charmant erzählt Bardowicks mit Witz und Wortwitz Geschichten, die aus dem (Beziehungs-)Leben schöpfen. Das können simple Eier-Witze sein oder eben clevere Wortspiele, die die eine oder andere Sekunde brauchen, bis sie angekommen sind. Und zwischendurch unterhält der Kölner mit Zauberstückchen, die nicht unbedingt neu, aber immer noch verblüffend sind. Da schält er eine Zitrone aus einer scheinbar unversehrten Pampelmuse, ein Ei aus der Zitrone und schließlich einen aus dem Publikum konfiszierten Ehering aus dem Ei, und man fragt sich: Wie macht er das bloß?
Bardowicks verbindet in seinem Programm „Mann mit Eiern“ Kunststücke mit Humor. Dass ein Zuschauer sich aus einem Stapel Spielkarten eine Karte merkt, und der Zauberer sie errät, ist ein alter Hut. Dass die richtige Karte dann aber ein langgezogenes Spielblatt ist, welches die neun Pik-Karten untereinander anordnet, hat man so noch nie gesehen. Und immer wieder unterlaufen dem Zauberer scheinbare Fehler. So wie der Zauberhut, der sich von Bardowicks beschwörendem „Hokuspokus“-Gesäusel so gar nicht beeindrucken lassen will.
Zu der gespielten Unbeholfenheit trägt bei, dass sich der Künstler gerne an seine ersten Gehversuche erinnert. Da trat er im Vorprogramm eines Bunten Abends in der Psychiatrie auf oder versuchte im Australien-Urlaub die Ureinwohner in Erstaunen zu versetzen. Seine ersten Anbaggerversuche bei der Zukünftigen – die hier von einem Besenstiel mit Kussmund und Sonnenbrille repräsentiert wird – waren ebenfalls böse zum Scheitern verurteilt.
Das spätere Zusammenleben gestaltete sich dann problematisch. Die Hinterhältigkeit der Katze beschreibt Bardowicks facettenreich. Wie sie ihr Katzengras isst, erinnert ihn an den „Genuss“ seiner ersten Vollkornpizza. Der allzu seltene gemeinsame Kinoabend wird von Gott und Petrus höchstpersönlich torpediert. Wer das nächste Fruchtwasserplatzen auslösen darf, wird beim Skat ermittelt.
Zum Abschluss hält der Comedy-Zauberer ein Loblied auf das Faulsein: „Je weniger sie erledigen, desto mehr Zeit haben sie. Viele Männer kennen das vom Haushalt her.“ Nicht zu duschen, kann Bardowicks nur empfehlen: „Dann bildet sich auf ihrer Haut ein vorteilhafter Faulpelz.“ Mittelbayerische Zeitung, 26.3.2013

 

Killerpilze rocken die Mälze
Die Teenagertage und der Hype um die „süßen Jungs“ ist vorbei. Die drei Musiker sind älter geworden – und zeigen, was sie wirklich draufhaben.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Um die Bühne hatte sich ein „cordon juvénile“ gelegt, ein Band aus Jugendlichen, das zu 99 Prozent aus jungen Mädchen bestand. Und für junge Menschen stellt ein Konzertbesuch ja noch etwas Besonderes dar. Deshalb musste Frontmann Johannes Halbig, der in einem Lookalike-Contest für August Diehls jüngeren Bruder den ersten Platz belegen würde, nicht lange darum bitten: Die Teenies sangen, klatschen und hüpften, was das Zeug hielt.
Halbigs Aufforderung, sich im Kreis zu drehen, war dann aber doch zu viel des Guten. Mit ironischen Ansagen wie „Ihr seid das beste Publikum auf der gesamten Tour“, schmeichelte er hinterlistig seinen Fans. Dies war der erste Gig auf der Killerpilze-Tournee. Sich über abgeschmackte Rockkonzert-Phrasen lustig zu machen, spricht aber für die Band.
Zu Beginn ihrer Karriere wurden die Killerpilze von Bravo und Konsorten als poppunkrockige Version von Tokyo Hotel verkauft. Ein Major-Deal bei Universal Music folgte. Ihr Alleinstellungsmerkmal war das kükenhafte Alter. Zum Zeitpunkt des kommerziellen Durchbruchs war Schlagzeuger Fabian Halbig gerade einmal 13 Jahre alt. Nach Unstimmigkeiten trennte sich die Band 2009 von Universal, gründete ein eigenes, unabhängiges Label und war fortan immer stärker in die Produktion der Songs involviert. Die Killerpilze hatten die künstlerische Kontrolle über ihre Arbeit zurückgewonnen.
„Wir haben zwei Jahre intensiv an dem neuen Album gearbeitet“, verkündet Jo Halbig. Und will damit auch sagen: Jetzt ist es an der Zeit, raus zu gehen und die neuen Stücke zu präsentieren. Punkiger Rock der melodischen, poppigen Sorte bildet weiterhin das Rückgrat der dynamischen Bühnenshow. Aber auch eine geschmeidige Feuerzeug-Ballade darf’s mal sein. Definitiv verstehen es die Killerpilze, deftig abzurocken. „Und das punktgenau“, wie ein Regensburger Heavy-Metal-Bassist verrät, der das Konzert besucht, um seiner Nichte ein Autogramm zu organisieren.
Dass die Veranstaltung in der Alten Mälzerei nicht sonderlich gut besucht war, hatte vermutlich Gründe, die mit dem jugendlichen Alter des Zielpublikums zusammenhängen: Die Osterferien haben noch nicht begonnen, im Fernsehen lief die Echo-Verleihung, der Eintrittspreis war mit 18 Euro relativ hoch.
Die vier Killerpilze hat es nicht großartig gestört. Mädchenschwarm Jo Halbig hat die anwesenden Teenies um die Bühne gescharrt und ausflippen lassen. Ein gelungener Testlauf für die weitere Tournee, die die Dillinger noch nach Ingolstadt, Augsburg und München führen wird. Mittelbayerische Zeitung, 22.3.2013

 

 

Kinsehers witzige Weiberwirtschaft
Die als „Bavaria“ auf dem Nockherberg bekannte Kabarettistin zeigt in ihrem Programm „Einfach reich“, wie unterschiedlich „frau“ mit Geld umgeht.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Immerfort schlägt sich der Mensch mit der Frage herum, ob Geld nun glücklich macht. Immerhin verspricht der schnöde Mammon Sicherheit, Freiheit, Anerkennung, Macht. Aber ist es nicht vielmehr umgekehrt? Das ständige Streben nach Reichtum macht uns unglücklich, weil wir keine Zeit mehr für anderes haben.
Beim Jodelyoga erkennt Luise Kinseher: Das Wirtschaftswachstum hat einmal ein Ende und der Hauseigentümer ist Sklave seiner eigenen vier Wände. Ständig verlangen sie „Putz mich“ oder „Repariere mich“. Dann pfropft der Deutsche sein Eigenheim mit „20000 Dingen voll“, die er nicht braucht. Vom elektrischen Mangoschäler über eine abenteuerliche Korkenzieherkonstruktion, die sich durch die gesamte Wohnung zieht bis zu einem Küchengerät, das seinen Zweck nicht verrät. Könnte eine Abtropfhilfe für den urinierenden Mann oder ein Diätlöffel für die Frau sein.
Nein, die Kabarettistin hat die Nase voll von dem Hecheln nach mehr und zieht auf eine Alm. In der Einsamkeit kann sie sich auf das Wesentliche konzentrieren. Die selbstgenügsame Kuh gilt ihr als Vorbild: der Wiederkäuer würgt seinen Mageninhalt empor und hat sogleich wieder etwas zu Essen. „Seid dankbar für das, was ihr habt“, fordert Kinseher.
Auf der anderen Seite ist das Tier vielseitig verwendbar. Das blutige Rindersteak liebt der Mann, die Kosmetikartikel auf Kuhbasis die Frau. Und wieder hat man eine ökonomische Entscheidung zu treffen. Auch das Sozialleben gestaltet sich nicht immer leicht in den Bergen. Ein Jodler rüber zur Heidi auf der benachbarten Alm bedeutet: „Ich komm schnell auf einen Espresso vorbei – übermorgen bin ich da.“
Die Männer in der ersten Reihe
Frau Lachner dagegen ist der leichtlebige Typus im Dispo-Minus. Beim Shoppen verfällt sie in einen regelrechten Schnäppchenrausch. Sie will sich einen reichen Mann mit dickem Auto angeln. Dafür inspiziert sie die Herren der ersten Sitzreihe. Beim ersten hat sie Pech, der ist zu Fuß da und hat zu Hause nur einen bulgarischen Kleinwagen stehen. Der zweite ist zwar mit einem respektablen Gefährt angereist, kommt aber aus dem wenig attraktiven Kulmain in der nördlichen Oberpfalz. Beide Herrschaften werden von der Kabarettistin fortan immer wieder aufs Korn genommen: „Die können so früh kommen und sich einen Platz in der ersten Reihe sichern, weil sie nichts zu tun haben.“
Improvisation ist ihr Ding
Die angetrunkene „famous Mary from Bavary“ hat den größten Unterhaltungswert. „Liebe Freunde der Nacht, als ehemalige Millionärin habe ich einmal in den Vereinigten Afrikanischen Staaten gelebt“, lallt sie. Mary hatte so viele Wohnsitze, dass sie um die ganze Welt jetten musste, um ein passendes Outfit für Prinz Alberts Schaumparty zusammen zu bekommen. Ein eigenes, ganzjähriges Oktoberfest in „Texas, California“ bringt es nicht, wenn der einzige weitere Gast der Espressoschnorrer George Clooney ist. So manches Wort versackt in der alkoholisierten Undeutlichkeit oder wird um einige Silben erweitert: „Weissagererer.“
Vierte im Bunde ist die kühl kalkulierende Norddeutsche Frau Frese, die mehr Bescheidenheit von jenen fordert, die es gewöhnt sind. Von ihrem Mann verlangt sie gar Eintritt, wenn er seinen eigenen Garten betreten möchte. Luise Kinseher und ihre vier Damen geben sich im raschen Wechsel die Klinke in die Hand. Manches Bonmots ist erinnerungswürdig. Zur Hochform läuft die niederbayrische Kabarettistin auf, wenn die Herren der ersten Reihe Grund zum Improvisieren geben. Manchmal bleiben die Zusammenhänge allerdings auf der Strecke. Und tiefergehende Erkenntnisse über die Finanzkrise darf man von Luise Kinseher auch nicht erwarten. Mittelbayerische Zeitung, 18.3.2013

 

Wie ein Sonnenuntergang auf Hawaii
Claudia Koreck und „Vorband“ Chris Columbus überzeugen in der Alten Mälzerei mit entspannten Songs um Selbstfindung, Aussteigen und Ankommen.

Von Katrin Wolf, MZ
Regensburg. Sommer, Sonne, Strand und Meer – wer lechzt angesichts des allzu trüben Regensburger Winters nicht nach Urlaub? Die vergangenen warmen Tage haben das Publikum schon eingestimmt, auf die Sonne und den Frühling und damit auf Claudia Koreck, deren neues Album „Honu Lani“ genau diese Stimmung verbreitet. Überhaupt hält sich der Bayer an sich gern für tiefenentspannt. Vielleicht ist auch das das Erfolgsgeheimnis der 26-jährigen Traunsteinerin, die nach vier Studioalben und einem Live-Album immer noch wirkt wie das nette Mädchen von nebenan. Und es ist zu einem großen Teil ihr Verdienst, dass die „bayerische Welle“, auf der auch LaBrassBanda oder Keller Steff schwimmen, derzeit so populär ist.
Chris Columbus geht auf Weltreise
In diese Kategorie fällt auch ihr Support Chris Columbus. Der Oberbayer „mit den salzwassergebleichten Locken“, wie es in einem Pressetext heißt, stellt sein brandneues Album „Augenblick“ vor. „Chris Columbus“ ist natürlich ein Spitzname, der allerdings gar nichts mit dem gleichnamigen Regisseur diverser Harry-Potter-Filme zu tun hat. Im Gegenteil, Columbus’ „Soundphilosophie“ (PR-Text) könnte nicht weiter vom Hollywood-Kommerz entfernt sein.
Er steht allein mit seiner Gitarre auf der Bühne und erzählt, dass er früher einen Gastronomiebetrieb besessen und immer nur gearbeitet habe. Irgendwann verkaufte er sein Hab und Gut und ging auf eine Reise zu sich selbst. Die führte ihn um die Welt – daher der Spitzname. Bezeichnenderweise entstand der erste Song auf Bairisch an einem Strand in Afrika. Chris Columbus singt von ganz besonderen Augenblicken und dem Aussteigen aus der täglichen Hektik.
Nur an einem Punkt ist dann Schluss mit der Entspannung: Wenn man in Bayern einer Frau in die Augen sieht, und sie fragt, „Wie wär’s mit uns beiden?“, heiße es erst mal „Wir können gern mal Kaffee trinken“. Und dann werde sechs Wochen Kaffee getrunken. Hier endet also die Tiefenentspannung. Aber Chris Columbus hat ein Gegenmittel, um die Sache zu beschleunigen, einen Mördersatz aus vier Worten, und der lautet nicht „I hob di liab“, wie von einigen Damen im Publikum vermutet, sondern „I wär so weit“.
Und dann ist auch die Frau bereit, wegen der alle hier sind: Claudia Koreck hüpft mit ihrem Team aus vier Männern auf die Bühne. Und schon erinnert die Alte Mälzerei an Hawaii: Allerdings eher wegen der tropisch-schwülen Hitze als der weiten Horizonte. „Da fällt einem ja die Decke auf den Kopf“, scherzt Koreck.
Los geht’s mit ihrem aktuellen Hit „Unter meiner Deckn“. Die neuen Songs sind komplett auf Hawaii entstanden. „Honu Lani“ ist der Name des Hauses, in dem sich Koreck mit Söhnchen Timmi und Ehemann und Produzent Gunnar Graewert drei Monate lang einquartiert hatte. Fernab von allem Stress habe sie pro Tag ein Lied geschrieben, erzählt Koreck. Erschienen sind die Songs auf ihrem eigenen Label, das ebenfalls „Honu Lani“ heißt. Der Druck der großen Plattenfirmen sei ihr einfach zu groß gewesen: Alles müsse immer schneller und mehr sein. Koreck will aber keine Stücke am Fließband schreiben, sondern nur dann, wenn sie auch was zu erzählen und die nötige Inspiration hat, sagt sie.
Und die hat sie auf der Insel Kauai offensichtlich gefunden: Auf „Honu Lani“ sind leichte, beschwingte Stücke in bester „Fliang“-Tradition, wie „Sommerdog“ oder „Bunter Vogel“ („Wenn die Welt dir an Vogel zeigt, lass ihn fliang“). Bei „Schuah aus“ aus „Fliang“ wird aber auf der Bühne richtig abgerockt. Bei „Danzn“ allerdings zeigt sich, dass der Bayer doch kein Hawaiianer ist: Selbstvergessen und in Trance bewegt sich an diesem Abend niemand. Die Mälzerei ist eben doch kein tropischer Strand.
Koreck kann auch ernste Töne
In einem Punkt aber ist Claudia Koreck dann doch nicht mehr das unbeschwerte Mädchen von nebenan: „Honu Lani“ enthält auch ein paar nachdenkliche Nummern. Dazu gehört „Wenn i moi oid bin“, in dem es um die Angst geht, allein zu sein, wenn im Alter die Kräfte nachlassen. Oder „Schweigen“, das ebenfalls von der Einsamkeit handelt – wenn auch nur von der temporären nach einem Streit mit einem geliebten Menschen. Korecks Großmutter hatte sie dazu inspiriert: Sie riet ihrer Enkelin, nie schlafen zu gehen, ohne sich nach einem Streit mit ihrem Mann versöhnt zu haben. Beziehungen und Familie spielen eine größere Rolle als zuvor: Koreck ist Mutter geworden, ihr Sohn ist zwei Jahre alt. Begeistert erzählt sie Anekdoten aus ihrem Familienleben, bevor sie „Kloaner Mo“ anstimmt.
Trotz aller Melancholie kommt als Zugabe „Beautiful“ aus dem Album „Menschsein“. Der Song ist ebenfalls auf Hawaii entstanden. Koreck begleitet den Song auf der Ukulele, Bandkollege Oscar Kraus schüttelt eine Ananasrassel für das Meeresrauschen. Tiefenentspannung eben. Mittelbayerische Zeitung, 9.3.2013

 

Kluger Irrsinn unter Bommelmützen
Zwischen Trash und Hochkultur bewegen sich Ulan & Bator. Beim Internationalen Kleinkunstfestival „United Comedy“ überzeugen sie durch Wandlungsfähigkeit und Improvisationstalent.

Von Flora Jädicke, MZ
Regensburg. Das Publikum hat in der Alten Mälzerei schon enger aufeinander gesessen. Mäßig besucht ging am Samstagabend die 3. Veranstaltung des 18. Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals „United Comedy“ an den Start. Mag sein, dass das noch nicht landläufig bekannte Programm der Grund für den überschaubaren Publikumsbesuch war. Mit Ulan & Bator hat sich das Kleinkunstfestival zwei echte Spezialisten ins Haus geholt. Wer Ulan und wer Bator ist, sei einmal dahin gestellt. Ohnehin handelt es sich um zwei Kunstfiguren. Sie erwachen immer dann zum Leben, wenn Sebastian Rüger und Frank Smilgies – in feinen, wenn auch alltagsgrauen Zwirn gehüllt – die grellbunten Strickmützen auf der Bühne finden und sich „neugierig“ über den Kopf ziehen. Unter ihnen mutieren die beiden ehemaligen Folkwang-Schauspielschüler zu jeder noch so absurden Persönlichkeit, die das moderne, und auch längst vergessen geglaubte, Dasein so bietet.
Vom Erbschleichern und Theaterkritikern
Da ist zum Beispiel der aalglatte Businessschnösel, der beim steinalten Veteranen um die Hand von dessen Tochter anhält. Wortgewaltig und überwältigt von der eigenen ausgesuchten Höflichkeit schwadroniert er minutenlang daher, bis der Alte fragt, ob er denn überhaupt wisse, wie alt seine „kleine Ulrike“ sei. „63 ist meine kleine Ulrike“, klärt ihn der Alten auf, den Sebastian Rüger mit Minimaleinsatz von Mimik und Stimme großartig trifft. 23 sei sie, habe sie ihm gesagt, jault der Junge und erleidet eine kurze Attacke von Atemnot. „Der alte Trick“, sagt der Alte. Doch schließlich bringt den Jungen das „herrliche Anwesen, Verzeihung, Wesen“ der Verehrten wieder zur Besinnung.
Die Szene endet in einem Sampler deutscher Volkslieder. Denn bevor der Alte die „kleine Ulrike“ und das beträchtliche Vermögen an den Waffenbruder herausrückt, muss der noch eine Prüfung ablegen. Ob er sich denn im deutschen Liedgut auskenne, will er wissen. Dass der Junge vorher dem Alten dabei zusehen muss, wie er sich geräuschvoll in den Zähnen hantiert und sabbert, gehört halt dazu. „So ist das Alter eben“, glaubt Ulan (oder Bator?). Frank Smilgies überzeugt als windiger Erbschleicher ebenso wie als vollends überspannter Theaterkritiker oder als Kioskbesitzer, der seinen alten Schulfreund „Odysseus“ (Sebastian Rüger) wieder trifft und schließlich in einem nicht enden wollendem „Ciao-ich-dich-auch-Telefonat“ mit der Freundin theatralisch zugrunde geht.
Blödsinn bis an die Schmerzgrenze
Rügers und Smilgies Figuren funktionieren in ihren krassen Gegensätzen. Bis an die Schmerzgrenze treiben Ulan und Bator ihren komödiantischen Blödsinn. Die Kunst der beiden kultivierten Trash-Comedians liegt weniger in ihren Kalauern, die sie am laufenden Band produzieren, als in ihrem schauspielerischem Können und der Improvisationskunst, mit der sie jeden Abend neu gestalten. Ohne jede Requisite schlüpfen sie von einem Irrsinn in den nächsten. Alles ist möglich. Tanzen, singen, trommeln. Sie moderieren und sie sinnieren. Ulan und Bator präsentieren ein Programm zwischen polterndem Slapstick und Hochkultur. Dazwischen kündigen „dadaistische Lautmalereien“ die nächste Szene an.
Und auch in der Alten Mälzerei geschieht, was immer geschieht, wenn die beiden großartigen Tänzer, Musiker und Schauspieler unter ihren schrägen Mützen alle kreativen Grenzen fahren lassen. Die eine Hälfte des Publikums amüsiert sich prächtig. Die andere ist irritiert und braucht eine Zeit der Gewöhnung. Für manchen sind schon die Mützen eine ästhetische Herausforderung. Am Ende aber überzeugt der Tiefgang hinter dieser Trash-Comedy. Mittelbayerische Zeitung, 5.3.2013

 

Kluger Irrsinn unter Bommelmützen
Zwischen Trash und Hochkultur bewegen sich Ulan & Bator. Beim Internationalen Kleinkunstfestival „United Comedy“ überzeugen sie durch Wandlungsfähigkeit und Improvisationstalent.

Von Flora Jädicke, MZ
Regensburg. Das Publikum hat in der Alten Mälzerei schon enger aufeinander gesessen. Mäßig besucht ging am Samstagabend die 3. Veranstaltung des 18. Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals "United Comedy"an den Start. Mag sein, dass das noch nicht landläufig bekannte Programm der Grund für den überschaubaren Publikumsbesuch war. Mit Ulan & Bator hat sich das Kleinkunstfestival zwei echte Spezialisten ins Haus geholt. Wer Ulan und wer Bator ist, sei einmal dahin gestellt. Ohnehin handelt es sich um zwei Kunstfiguren. Sie erwachen immer dann zum Leben, wenn Sebastian Rüger und Frank Smilgies – in feinen, wenn auch alltagsgrauen Zwirn gehüllt – die grellbunten Strickmützen auf der Bühne finden und sich „neugierig“ über den Kopf ziehen. Unter ihnen mutieren die beiden ehemaligen Folkwang-Schauspielschüler zu jeder noch so absurden Persönlichkeit, die das moderne, und auch längst vergessen geglaubte, Dasein so bietet.
Vom Erbschleichern und Theaterkritikern
Da ist zum Beispiel der aalglatte Businessschnösel, der beim steinalten Veteranen um die Hand von dessen Tochter anhält. Wortgewaltig und überwältigt von der eigenen ausgesuchten Höflichkeit schwadroniert er minutenlang daher, bis der Alte fragt, ob er denn überhaupt wisse, wie alt seine „kleine Ulrike“ sei. „63 ist meine kleine Ulrike“, klärt ihn der Alten auf, den Sebastian Rüger mit Minimaleinsatz von Mimik und Stimme großartig trifft. 23 sei sie, habe sie ihm gesagt, jault der Junge und erleidet eine kurze Attacke von Atemnot. „Der alte Trick“, sagt der Alte. Doch schließlich bringt den Jungen das „herrliche Anwesen, Verzeihung, Wesen“ der Verehrten wieder zur Besinnung.
Die Szene endet in einem Sampler deutscher Volkslieder. Denn bevor der Alte die „kleine Ulrike“ und das beträchtliche Vermögen an den Waffenbruder herausrückt, muss der noch eine Prüfung ablegen. Ob er sich denn im deutschen Liedgut auskenne, will er wissen. Dass der Junge vorher dem Alten dabei zusehen muss, wie er sich geräuschvoll in den Zähnen hantiert und sabbert, gehört halt dazu. „So ist das Alter eben“, glaubt Ulan (oder Bator?). Frank Smilgies überzeugt als windiger Erbschleicher ebenso wie als vollends überspannter Theaterkritiker oder als Kioskbesitzer, der seinen alten Schulfreund „Odysseus“ (Sebastian Rüger) wieder trifft und schließlich in einem nicht enden wollendem „Ciao-ich-dich-auch-Telefonat“ mit der Freundin theatralisch zugrunde geht.
Blödsinn bis an die Schmerzgrenze
Rügers und Smilgies Figuren funktionieren in ihren krassen Gegensätzen. Bis an die Schmerzgrenze treiben Ulan und Bator ihren komödiantischen Blödsinn. Die Kunst der beiden kultivierten Trash-Comedians liegt weniger in ihren Kalauern, die sie am laufenden Band produzieren, als in ihrem schauspielerischem Können und der Improvisationskunst, mit der sie jeden Abend neu gestalten. Ohne jede Requisite schlüpfen sie von einem Irrsinn in den nächsten. Alles ist möglich. Tanzen, singen, trommeln. Sie moderieren und sie sinnieren. Ulan und Bator präsentieren ein Programm zwischen polterndem Slapstick und Hochkultur. Dazwischen kündigen „dadaistische Lautmalereien“ die nächste Szene an.
Und auch in der Alten Mälzerei geschieht, was immer geschieht, wenn die beiden großartigen Tänzer, Musiker und Schauspieler unter ihren schrägen Mützen alle kreativen Grenzen fahren lassen. Die eine Hälfte des Publikums amüsiert sich prächtig. Die andere ist irritiert und braucht eine Zeit der Gewöhnung. Für manchen sind schon die Mützen eine ästhetische Herausforderung. Am Ende aber überzeugt der Tiefgang hinter dieser Trash-Comedy. Mittelbayerische Zeitung, 5.3.2013

 

90.000 Euro für Pop
Nach dem Kulturfest 2012 steigt Ende 2014 das nächste Regensburger Festival – mit Musik, Lesungen, Ausstellungen, Filmen und Poetry.

Von Marianne Sperb, MZ
Regensburg. Die Stadt wird im Oktober 2014, in Kooperation mit dem Kulturzentrum Alte Mälzerei e.V. und dem Musikbeauftragten der Stadt, ein PopKulturfestival veranstalten. An verschiedenen Orten in und um die Altstadt ist ein vielfältiges Programm geplant: mit jeder Menge Musik von Rock und Pop bis zu Jazz und HipHop, aber auch Poetry-Slam, Impro-Theater, Tanz, Kurzfilmen, Street-Art, Workshops, Lesungen, Ausstellungen, Vorträgen, Informationsveranstaltungen der Kultur- und Kreativwirtschaft und Workshops. Im Fokus steht aktuelle Popkultur, so Kulturreferent Klemens Unger am Dienstag vor dem Kulturausschuss – „nicht der Mainstream, sondern innovative Projekte, die nachhaltig wirken und zu Rezeption herausfordern“.
Nach dem Kulturfest im Stadtpark, das 2012 klassischer Musik eine Bühne bot, wird das PopKulturfestival nach dem Motto „von Regensburgern, für Regensburger“ die zweite Veranstaltung in der Reihe, die Regensburg alle zwei Jahre organisieren will. Der Kulturausschuss befürwortete das Projekt einstimmig. Den Anstoß für das junge Festival, das betonte Stadtrat Jürgen Huber (Bündnisgrüne), hatte ein Antrag von ihm gegeben.
Rund 90 000 Euro will sich die Stadt das Festival kosten lassen. Eine Reihe von Stadträten verschiedener Couleur fand das Budget 2014 eher dürftig – im Vergleich zum Kulturfest 2012, für das rund 300.000 Euro zur Verfügung standen. Bürgermeister Joachim Wolbergs klärte auf: „Dieses Konzept haben die Experten aus dem Pop-Bereich so vorgelegt.“ Der Vorwurf, die Stadt gewähre für Klassik ein üppiges Budget und halte die Popkultur kurz, ziehe nicht. Der vorgeschlagene Finanzrahmen von rund 90.000 Euro stamme von den Akteuren selbst.
Christa Meier (SPD) hakte bei den Eintrittsgeldern nach, in der Vorlage veranschlagt auf insgesamt 5000 Euro: In Anbetracht der relativ geringen Summe sollte man überlegen, auf Eintritt ganz zu verzichten. Wolbergs sagte zu, nach Rücksprache mit den Konzept-Verfassern auf deren Wunsch die 5000 Euro aus dem Finanzplan zu streichen.
Vor der Abstimmung über das PopKulturfestival hatte Unger seine Bilanz für das Kulturfest 2012 im Stadtpark vorgelegt. Der Kostenrahmen von rund 300.000 Euro wurde strikt eingehalten, betonte der Referent. Um entgangene Eintritts- und Sponsorengelder auszugleichen wurde rationalisiert und gespart und die Budget-Reserve des Kulturreferats erheblich reduziert, so Unger. Für die vierteilige Reihe, an der rund 700 Regensburger Musiker und Künstler mitwirkten und die ungefähr 8000 Besucher hatte, erhielt der Kulturreferent im Ausschuss viel Lob. Margot Neuner (SPD) betonte: „Dieses Fest war sein Geld wert.“ Mittelbayerische Zeitung, 27.2.2013

 

 

Kreative Kostüme und fetzige Musik
In den Mensen der Uni Regensburg steppte am Samstag der Bär. Vom „Pleitegeier“ bis zu den „Pusteblumen“ gab es aberwitzige Kostüme zu bestaunen.

Von Daniel Steffen, MZ
REGENSBURG. Die großen Filmstars und Serienhelden kamen am Samstagabend höchstpersönlich nach Regensburg: „Stars Wars“-Bösewicht Darth Maul unterhielt sich auf dem Flur mit Königin Amidala, „The Undertaker“ und „Hulk Hogan“ tauschten finstere Wrestler-Blicke aus – und „The Avengers“ machten gleich gruppenweise die Tanzfläche unsicher. Unterwegs trafen sie auf eine tanzende Rocher-Kugel und ein ebenso agiles „Ferrero Küsschen“, ließen sich von vier weiblichen Stehlampen beäugeln und scheuten selbst mit dem Höllenfürsten persönlich keine Konfrontation. Ja, so spielte das Leben in den Uni Mensen zu später Stunde, bei der Tausende von Gästen voll auf ihre Kosten kamen. Der Faschingsball hatte Regensburg wieder einmal fest im Griff.
Wer anständige Musik wollte, der machte auf keinem der drei Tanzflächen etwas verkehrt: Die Besucher hatten mit „Luis Trinkers Höhenrausch“, der „gong FM Band“ und „Erwin und den Heckflossen“ sicher eine angenehme Qual der Wahl und konnte zwischendurch auch mal den Bereich wechseln. Auch in der Sektlounge, in der man sonst eher gemütlichere Töne vernimmt, ging es richtig flott zur Sache: Da hatte DJ Andy die Platten-Hoheit und sorgte dafür, dass die Gäste auch ordentlich absteppten. Zudem heizten den Gästen die DJs Timo Killer und Juvvy und die Samba-Trommler von „Sarara“ ein.
Von tanzenden Pralinen
Das war zum Teil gar nicht so einfach, schließlich waren die Kostümierungen manchmal richtig platzraubend. Doch selbst die „Rocher“-Kugel und die ebenso kugelrunde „Raffaello“-Praline schlugen sich auf der Tanzfläche wacker. Im Trio mit dem „Ferrero Küsschen“, bestritten die Kostümbastler, im Auftrag der Süßwarenfirma unterwegs zu sein, gaben aber zu, die dargestellten Süßigkeiten „ganz gerne zu vernichten“.
Gut ein halbes Jahr machte sich Dennis Thau aus München an seinem Kostüm zu schaffen: Der bekennende „Star Wars“-Fan gab sich als „Shadow Stormtrooper“ und brachte einen lebensgroßen „Tie Fighter Pilot“ aus demselbigen Sciene-Fiction-Epos gleich mit. Erst letzte Woche sei sein Kostüm fertig geworden – nach unzähligen Stunden, in denen er fleißig gebastelt, geschraubt, lackiert und gespachtelt hatte.
Partygast Frederik Wimmer hatte eine andere originelle Idee: Aus „Nostalgiegründen“ verkleidete sich als alte Haltestelle Universität Mensa und stattete die Busstation mit einem Mülleimer, den er um die Hüfte band, aus. Wie er der MZ erzählte, sei er zu einem Faschings-Fan „aufgestiegen“, nach Jahren des Muffel-Daseins. Der Karneval in Köln habe ihn in seiner Meinung umstimmen können. Ein „Pleitegeier“ war ebenso mit von der Partie: Der war weiblich und arbeitete auch noch „zufällig“ in der Banken-Branche – in leitender Funktion, versteht sich. Wie der Geier verriet, hatte er das Kostüm bereits 2009 geschaffen – „in einer Zeit, wo die Bankenkrise so richtig eskalierte“.
Wer hat das beste Kostüm?
Damit die Kreativität nicht unbelohnt blieb, steig um Mitternacht die Masken-Prämierung. Hier schafften es das "Star Wars"-Duo und die drei Süßigkeiten ebenso wie der „Coca-Cola-Eisbär“ auf die vorderen Plätze, getoppt wurden sie aber noch von zwei „Pusteblumen“. Die Siegerinnen des Wettbewerbs heißen Corinna Karl und Claudia Lindner und stammen aus Hemau.
„Durch eine Fernsehserie sind wir auf die Idee gekommen “, verrieten die beiden. Namentlich „Pushing Daisies“, sorgte die Serie zunächst dafür, dass sei als Pusteblumen auf die Faschingsparty gehen wollten. Beim späteren Kostümbasteln war dann eine Menge Geschick gefragt: „Jede einzelne Feder der Pusteblume haben wir mit Heißkleber befestigt“, sagte Corinna Karl. Und das waren mehrere Hunderte, wie ein Blick auf die Blütenpracht unmissverständlich klar machte.
Auch nach der Siegerehrung waren die Gäste noch lange nicht müde, sondern feierten munter und tanzfreudig bis tief in die Nacht weiter. Mittelbayerische Zeitung, 11.2.2013

Lachprogramm gegen Winterfrust
Am 20. Februar startet „United Comedy“, das Regensburger Kleinkunstfestival. Dabei sind u.a. Hagen Rether, Luise Kinseher, Klaus Eckel und das Duo Ulan & Bator

Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Der Winter in Regensburg ist oft bis in den März hinein novembrig düster. Eine Zeit also, „in der Regensburg etwas Spaß vertragen kann“, wie Hans Krottenthaler, Geschäftsführer des Kulturzentrums Alte Mälzerei, findet. Und da kommt das 18. Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival gerade recht. „United Comedy“ bietet vom 20. Februar bis 23. März acht Veranstaltungen in einem „einzigartigen Lachprogramm“ – von Kabarett bis Zauberkunst, von Dada bis Impro, mit Künstlern aus Deutschland, Österreich und England.
Hagen Rether kommt zum dritten Mal nach Regensburg – wieder mit dem Programm „Liebe“, dessen Titel gewaltig in die Irre führt. Der 43-jährige Kabarettist geht nicht auf Kuschelkurs, sondern nimmt Politik, Gesellschaft und Mitmenschen mit sanftem Blick und scharfem Witz auseinander. Die Sprühflasche mit Putzmittel für sein Instrument gehört zur ständigen Requisite. Mit acht Jahren hat der in Bukarest geborene Rether begonnen, Klavier zu spielen. Auf der Bühne spielt er auch en passant virtuos.
Die Nachwuchsförderung liegt Hans Krottenthaler erklärtermaßen besonders am Herzen. Der Förderpreis für junge Kleinkünstler steht zwar erst im kommenden Jahr wieder auf dem Programm, dafür wird bei „United Comedy“ der Österreicher Klaus Eckel vorgestellt. Obwohl er 2008 den Österreichischen und 2010 den Deutschen Kabarettpreis erhalten hat, ist sein Name längst nicht allen Kabarettfreunden geläufig. In Regensburg stellt der 38-jährige Wiener sein Programm „Alles bestens, aber…“ vor, eine Liebeserklärung an die Unzufriedenheit.
Die Bavaria erklimmt die Alm
Nur wenige Wochen nach ihrem dritten Auftritt als mütterliche Bavaria am Nockherberg kommt Luise Kinseher nach regensburg. Liest sie in München ihren mehr oder weniger missratenen Kindern im Maximilianeum die Leviten, so knöpft sie sich in ihrem Programm „Einfach Reich“ das Streben des Menschen nach Maximierung vor. Selbst in der Askese will er alles. Kinseher lässt auf der Alm ein Panoptikum vorbeiflanieren, fünf (Frauen-)Typen, die sich dort oben zum Gipfel-Streitgespräch treffen. Es stellt sich heraus: Einfach leben ist ganz schön schwierig.
Einen Höhepunkt des Kleinkunstfestivals verspricht der Mälze-Chef mit dem Auftritt von Ulan & Bator, dem Dada-Duo, das Nonsense auf hohem Niveau praktiziert. Setzen die beiden Mittvierziger Sebastian Rüger und Frank Smilgies ihre Pudelmützen auf, verschwinden sie in einem irrwitzigen Kosmos, in dem Theater, Musik, Comedy, Tanz, Improvisation und Wortwitz zu einer einzigartigen „Wirrklichkeit“ – so der Titel des Programms – verschmelzen. Die ehemaligen Folkwang-Schüler wurden 2011 mit dem Deutschen Kabarettpreis ausgezeichnet.
Zaubern, slammen, improvisieren
Dass die Wirksamkeit britischen Humors nicht mit Monty Pythons aufgehört hat, beweist Stand-up-Kabarettist Mark Britton, der auf der Bühne eine rasante Mischung aus Kabarett und Slapstick, Pantomime und Situationskomik hinlegt. Sein Programm „Ohne Sex geht’s auch (nicht)!“ ist ein humoristischer Reisebericht aus dem Niemandsland zwischen Teenie-Disco und Seniorentreff. Der 1958 in Deutschland geborene Sohn eines englischen Psychoanalytikers und einer amerikanischen Schauspielerin greift schonungslos voll hinein ins Menschenleben der reiferen Jahrgänge.
Neben einem Gipfeltreffen der besten deutschsprachigen Improvisationstheater – von der „Champions League“ spricht Krottenthaler – und dem großen internationalen Poetry Super Slam, mit allem, was in der Szene Rang und Namen hat, steht auch noch eine Zaubershow auf dem Programm. In „Mann mit Eiern“ zeigt Ken Bardowicks Kabarett und Comedy mit einigen verblüffenden Spezialeffekten. Mittelbayerische Zeitung, 5.2.2013

 

Frl. Lachsröllchen und die Gutmenschen
Claus von Wagner steigt hinab in die Katakomben des Finanzkapitalismus und spinnt im Herzen der Zockergemeinde eine „Theorie der feinen Menschen“.

Von Flora Jädicke, MZ
Regensburg. Sie zocken gern und sie wetten gern. „Mutti (Angela Merkel) verspricht, die Sparguthaben sind sicher.“ An den Börsen und in den Banken herrscht Partystimmung. Die Finanzkrise ist rentabel und Dr. Gump, der Finanzhai und Freund des Vaters spendet auch gerne, vor allem aber „auffällig“. Seine Schecks für die Charity-Events – „das ist, wenn Lachsröllchen auf parfümierte Menschen treffen“ – sind so groß, dass man sie noch im Weltall sehen kann. Und „Fräulein Lachsröllchen“? Die trägt rosa und ist genervt von all den Gutmenschen, die den Finanzkapitalismus so lästig kritisieren. Und er? Er ist „Klaus Neumann“ alias Claus von Wagner und betritt die Bühne, als das Licht angeht. Im alternativ-liberalen BWler-Look – Jeans, Jackett, Hemd und Krawatte.
„Politiker lügen nicht...“
Wer glaubt, der smarte Kabarettist aus München mit Norddeutschen Wurzeln sei in die drängend volle Alte Mälzerei gekommen, um Muttis Besten zu geben und mit ein paar artigen Witzen zur staubtrocknen Finanzwelt das Publikum bei Laune zu halten, der irrt. Leidenschaftlich, bitterböse und mit einer Trefferquote von 100 Prozent landet er seine Analysen über ein Bankensystem, in dem Geldinstitute „ihre Kunden an die Produkte anpassen- statt umgekehrt“.
In dem „Politiker nicht lügen, wenn sich das Volk nur richtig dazu verhält.“ Auch Christian Wulff hätte nicht gelogen, hätte ihn nicht dauernd jemand irgendetwas gefragt. Aber er will nicht auf alten Dingen herumreiten, sagt er . „Wir leben schließlich in Bayern und da sind wir ein ganz anderes kriminelles Niveau gewohnt. Wir hatten immerhin Franz-Josef Strauß.“
Eingesperrt in den fiktiven Tresorraum der Hausbank seines Vaters versucht der „Junior“ eine Ehrenrettung des alten Finanzjongleurs, der sich, er weiß nicht wie, im Zahlen-Wirr-Warr der Finanzwelt verstrickt hat und ein Freund von Dr. Gump wird. Einst hatte er Wirtschaftsethik studieren wollen. „Da müssen sie sich schon entscheiden. Wirtschaft oder Ethik“, hatte ihm der Professor geantwortet. Im Grunde aber reiche doch das Jahr Wirtschaft und Recht am Gymnasium, um Deutschland regierbar zu halten. Will man ihm da Herrschaftswissen vorenthalten, fragt sich der „Junior“. Allzu weit scheint es damit aber nicht zu sein, stellt er schließlich fest. „Es ist, als rasten wir in einem Auto mit 200 Stundenkilometern über die deutsche Autobahn. Hinten drin stizen die Wirtschaftswissenschaftler und blicken durch die Rückscheibe. Sie zählen jedes Auto, das wir überholt haben und entscheiden dann, ob wir rechts oder links abbiegen.“
Rede an Fräulein Lachsröllchen
Claus von Wagner ist eine rasante Neuauflage des guten alten politischen Kabaretts. Nur schneller, frecher und charmanter. Blitzgescheit analysiert von Wagner in seinem Einmannstück die Mechanismen des Finanzsystems. Erklärt wie das Bruttoinlandsprodukt alles Mögliche über dieses Land aussagt. Es wächst, auch und gerade wenn es Schaden nimmt. „Nichts aber sagt es darüber, warum es sich lohnt in diesem Land zu leben.“
„Hochkulturen gehen immer dann zugrunde, wenn Eliten nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden“, stellt von Wagner in einer verzweifelt anständigen „Rede an Fräulein Lachsröllchen“ fest. Man spüre das Ungestüm des jungen Tucholsky und den Witz und die Eleganz des jungen Shakespeare, schwärmen die Kritiker.
Mit einer intimen Liebe zu logischen Spitzfindigkeiten und subtilem Worteinsatz zerrt von Wagner ans Licht, worüber viele dann oft nicht lachen können. Die Personalpolitik bei Lidl, Aldi und Kik, die Kinderarbeit bei Ferrero. Aber: „Die schreiben wenigstens drauf: Kinderschokolade. Am Ende will er den Kapitalismus zur Rettung der Gesellschaft in ein Freigehege outsourcen. Da verkaufen FDP-Mitglieder Gedanken. Illegal, denn Leerverkäufe sind inzwischen verboten.“ Mittelbayerische Zeitung, 5.2.2013

 

Kaminers Welt des frohen Vegetierens
Er ist das Maskottchen des deutsch-russischen Kulturaustauschs. Niemand erklärt den Deutschen russische Kultur so amüsant wie Wladimir Kaminer.

Von Flora Jädicke, MZ
Regensburg. Nach langer Zeit ist Wladimir Kaminer wieder in Regensburg. Zuletzt war es 2007, so glaubt er. Aber sein Publikum weiß es besser. „2010 war es“, rufen sie. „2010!“ Er fasst sich an den Kopf, grinst spitzbübisch. Und schon ist er mittendrin in seiner Charme-Offensive. Mit dieser seltsamen Mischung aus liebenswürdiger Naivität und der Präzision eines Chirurgen seziert er zwei Stunden lang deutsch-russische Wirklichkeit.
Im schummrigen Schein einer Stehlampe mit Schweinslederschirm und Häkelbordüre tapst er scheinbar hilflos durch die deutsche Sprache und Kultur und trifft dabei doch immer den Punkt. Seine Gartenkarriere gehe weiter, verkündet er stolz und verschafft seiner Fangemeinde Erleichterung. Seinen Garten in Berlin habe er zwar aufgeben müssen, erzählt er. „Es gab Probleme mit spontaner Vegetation. Und natürlich wollten die deutschen Nachbarn, dass alle Gärten gleich aussehen.“ Er fügt sich. „Jetzt haben wir einen neuen Garten in Brandenburg. Da kann jeder spontan vegetieren, wie er will.“
Die Grimmigkeit der Russen
Mit dem Hang zur spontanen Vegetation schaffte er es sogar bis ins Fernsehen. „Diesseits von Eden – die schönsten Gärten seit der Aufklärung“, heißt der Film, den er für den Sender ARTE dreht. „In dem einen Garten schneiden sie seit 200 Jahren Sichtschneisen zurecht, damit alles so bleibt wie früher“, kommentiert er den Dreh. Der andere in der Nähe von St. Petersburg habe ihn zu einer Geschichte über „Die gut begründete Grimmigkeit der Russen“ inspiriert. Die nämlich verdanken sie dem Zwischenpräsidenten. Der wusste nicht womit er sich befassen darf. „Da hat er sich an die arme Winterzeit heran gemacht und sie einfach abgeschafft“, argwöhnt er und macht den nun dreistündigen Jetlag, unter dem die Russen seither bei ihren Reisen in den Westen litten, verantwortlich.
Man möchte ihn in eine Westentasche stecken und überall mit hinnehmen, angesichts solch herzerwärmenden Unfugs. Nie weiß man, soll man die Geschichte glauben. Ob wahr oder nicht, wunderbar erzählt sind sie allemal. Den schrillen Alltag der Mittelmäßigkeiten überzieht Kaminer mit einer solchen Liebenswürdigkeit, dass er glänzt wie ein wertvolles kulturelles Kleinod. Das zeigt Wirkung.
Ich werde immer öfter ins Ausland eingeladen“, wundert sich der Russe, „um dort Werbung zu machen, für deutsche Sprache und Kultur.“ Zu den Buchmessen in Brasilien und Finnland zum Beispiel, die Deutschland zum Schwerpunkt hätten. „Da haben sie mich eingeladen.“ Er berichtet von seiner Amerika-Reise in gleicher Mission. „Wir waren in Amerika, aber in nicht in dem, das Obama wählt, sondern im Herzen des Landes. Dort wo zahnlose Menschen leben, bewaffnete zahnlose Menschen“, sagt er, „die gegen die Gesundheitsreform kämpfen.“
Sein einziger Adjutant an diesem Abend ist ein Glas Wasser, das er nach der Pause gegen Wein tauscht. Nein, nein, wer jetzt an eine Wandlung denkt, der geht zu weit. Oder doch nicht? Wie kein anderer hat der Vater der Russendisko den Kulturaustausch der Nationen von seiner grenzenlosen Humorlosigkeit erlöst. Nur etwas Messianisches fehlt diesem Lieblingsrussen der Deutschen vollends. Denn wer außer Wladimir Kaminer darf über die Eigenheiten schwäbischer Bewohner im Berliner Stadtteil Prenzlauer-Berg schwadronieren, ohne Spätzle-Attacken befürchten zu müssen. Wolfgang Thierse jedenfalls nicht. „Die neuen Nachbarn aus Süd-Westdeutschland lieben ihre Kehrwoche, Excel-Tabellen und sie wollen alles organisieren“, erklärt er und der Saal liegt ihm zu Füßen.
In Regensburg gibt es wohl kaum einen besseren Ort für eine Lesung mit Wladimir Kaminer als den Festsaal im Antoniushaus mit seinem spröden 70er Jahre Charme. In der Pause gibt es stilecht Bier, Wurst- und Käsesemmeln, Snickers und Mars. Mittelbayerische Zeitung, 25.1.2013

 

Rausgehen und die Welt erkunden
Wladimir Kaminer liest in Regensburg – und sprach vorher mit MZ-Autor Fred Filkorn über Onkel Wanja, exilierte Schwaben und Berlins Stadtoberhaupt.

Berlin. Das Telefoninterview mit Wladimir Kaminer findet eine Stunde später als geplant statt. Sein Zug aus Bielefeld hatte Verspätung. Aber nicht nur wegen einer überlangen Zugfahrt wirkt der Autor etwas angeschlagen: „Nach der Lesung habe ich noch bis 6 Uhr morgens Musik aufgelegt.“ Seine belegte Stimme mit dem charmanten russischen Akzent lässt eine feucht-fröhliche Partynacht erahnen.

Herr Kaminer, worum geht es in Ihrem neuen Buch „Onkel Wanja kommt!“?

Ich habe tausend Geschichten in meinem Kopf. Es ist viel passiert in den vergangenen dreißig Jahren. Damit ich mich nicht verzettele, habe ich mich entschieden, einige davon aufzuschreiben. Die Vergangenheit wird eingeordnet, um Platz für die Gegenwart zu schaffen – und vielleicht sogar für einen Ausblick auf die Zukunft.
Im Buch laufe ich mit meinem Onkel Wanja, der zum ersten Mal in Berlin ist, vom Hauptbahnhof zum Prenzlauer Berg, wo ich wohne. Es ist ein nächtlicher Spaziergang voll eigentümlicher Begegnungen und philosophischer Betrachtungen. Auf der Suche nach einem Loch im Bauzaun, der unseren Weg verkürzt, verlaufen wir uns. Das ist halt die „Baustelle Berlin“.
Hat Ihr Onkel Wanja etwas mit dem gleichnamigen Drama von Anton Tschechow zu tun? Dem russischen Schriftsteller haben Sie 2009 in der Reihe „Berichte aus den Tiefen der Russischen Literatur“ ein Hörbuch gewidmet.
Wie der Protagonist in dem Tschechow-Stück, der unter der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit leidet, ist auch mein Onkel Wanja ein Träumer. Er träumte während des Sozialismus jahrzehntelang einen fremden Traum, der jetzt aber Realität werden konnte. In allen meinen Büchern geht es ja darum, rauszugehen, um die Welt zu erkunden, zu verstehen, was los ist.
Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat kürzlich Kritik an der „Schwabisierung“ des Prenzlauer Bergs geübt und dafür viel Kritik einstecken müssen. Sie wohnen seit 22 Jahren dort. Wie sehen Sie die Angelegenheit?
Die Schwaben sind definitiv eine Bereicherung für den Prenzlauer Berg! Ich habe selbst schwäbische Nachbarn, über die ich alle paar Wochen eine neue Geschichte schreibe. Und auch auf meinen Lesereisen habe ich einige kennen gelernt. Sie spielen eine wichtige Rolle im Kiez. Sie folgen ihrem protestantischen Drang und versuchen die Gegend zu verschönern und das Wohnumfeld zu verbessern. Bei der Bürgerinitiative zur Bepflanzung des Mauerparks, wo ich wohne, haben sie maßgeblich mitgewirkt und dazu beigetragen, einen Kompromiss zu finden. Generell ist es einfach falsch, gegen neu zugezogene Menschen zu sein. Erst durch die Vermischung ihrer Kultur mit dem Bestehenden kann an der Zukunft gebaut werden. Auch ich war vor 22 Jahren ein Neuankömmling. Der Prenzlauer Berg und ich – wir haben uns gegenseitig bereichert.
2006 haben Sie angekündigt, 2011 für das Amt des Regierenden Bürgermeisters zu kandidieren. Warum ist daraus nichts geworden, und schafft das Flughafen-Debakel nicht die Grundlage für einen erneuten Anlauf?
Ach, das war doch nur eine politische Provokation meinerseits. Ich habe doch niemals ernsthaft daran geglaubt, meinen tollen Job gegen so einen langweiligen Posten einzutauschen. Als politisch engagierter Bürger wollte ich das politische Leben der Stadt etwas aufmischen. In der Sowjetunion hatten wir früher keine Möglichkeiten, uns einzubringen. Der amtierende Bürgermeister interessiert sich doch vor allem dafür, wie die Stadt nach außen wirkt, wie sie bei Investoren und Touristen attraktiver wird. Er macht zu wenig für die, die hier wohnen.
Mit ihrem autobiografischen Debütroman „Russendisko“ gelang Ihnen im Jahre 2000 der große Durchbruch. Im vergangenen Jahr kam der Film zum Buch in die Kinos. Wie hat Ihnen der Film und Matthias Schweighöfer als Wladimir Kaminer gefallen?
Er war in Ordnung, er hätte schlimmer sein können. Er hat jedenfalls einiges bewegt. Ob jetzt mit oder ohne Schweighöfer – er zeigt, dass Integration funktionieren kann. Er zeigt jungen Russen, dass man hinausfahren kann, um eine neue Existenz aufzubauen. Dass man nicht im Abseits stehen muss. Sämtliche ehemalige Sowjetrepubliken haben übrigens den Film gekauft. Er läuft dort am 24. Januar an.
Seit jeher schreiben Sie Ihre Bücher auf Deutsch. Welche Vor- und Nachteile bietet das Deutsche gegenüber Ihrer Muttersprache Russisch?
Ich sehe nur Vorteile, in einer fremden Sprache zu schreiben. Ich gehe viel konzentrierter an jedes Wort, an jeden Satz heran. In meiner Muttersprache wären die Bücher viel dicker geworden. Angefangen habe ich ja als Erzähler auf Lesebühnen. Jeden Sonntagmorgen stand ich vor einem nicht mehr ganz nüchternen Publikum – und da musste jeder Satz sitzen. Aus der russischen Denkweise und der deutschen Sprache habe ich meine ureigene Literatur entwickelt.
Sie gehen seit vielen Jahren auf ausgiebige Lesereisen durch die gesamte Republik. Welches Bild von Bayern haben Sie dabei gewonnen?
Bayern ist ein sehr eigenständiges und vielfältiges Bundesland. Am liebsten würde ich dort einmal auf große Entdeckungsreise gehen.

Service
Wladimir Kaminer kommt am Mittwoch, 23.Januar, mit seinem neuen Buch „Onkel Wanda“ zur Lesung ins Antoniushaus, Mühlweg 13, Regensburg. Der selbst ernannte Rotwein-Russe kämpft wieder voller Leidenschaft gegen Vorurteile und Klischees, die seinen Landsmännern- und -frauen anhängen. Die Lesung beginnt um 20 Uhr.
Karten gibt es u.a. in der Alten Mälzerei unter Tel. (0941) 78881 sowie im Antoniushaus an der Abendkasse. Mittelbayeriche Zeitung, 21.1.2013

 

Bevor sich die Wege trennen
Das Blaue Einhorn gab sein Abschiedskonzert in der Alten Mälzerei in Regensburg mit einem Potpourri aus 23 Jahren erfolgreicher Bandgeschichte.

Von Bettina Griesbeck, MZ
Regensburg. Nachdem zugeschneite Wege und Bürgersteige der Domstadt den Konzertbesuchern kalte Füße wie Hände bereiteten, konnten sie sich in der Alten Mälzerei zur Musik der Dresdner Gruppe „Das Blaue Einhorn“ von innen heraus wieder aufwärmen lassen. Diesmal jedoch mit einem lachenden und einem weinendem Fan-Auge: Denn nicht ein neues Album war Anlass für die aktuelle Tour, sondern die Auflösung der Band nach mittlerweile 23 Jahren erfolgreicher Band-Geschichte.
Titel der Konzertreihe, die noch bis 23.November laufen wird, ist „Das Lied der Wege – Tänze und Gesänge aus 23 Jahren“. Eine Auswahl der schönsten Lieder der gemeinsamen Zeit des Musizierens war angekündigt für ihr Abschiedskonzert: La canzone delle vie, Song of the ways, A dal a módja, Shir ha nerechim … – so vielfältig wie die Sprachen, so gewohnt breitgefächert nahm das Blaue Einhorn sein Mälze-Publikum mit auf eine musikalische Reise von Kontinent zu Kontinent.
Die Musik erzählte vom Wachen und vom Träumen und immer wieder von der Liebe. Mal nachdenklich und melancholisch, dann wieder freudig von den Stühlen reißend und energetisch überschäumend. Eine Vielfalt der Gefühle und der instrumentalen Darbietung berichtete vom Spannungsfeld des Lebens. Die übersetzten poetischen bis kitschigen Texte brachten dabei nicht selten das Publikum zum Schmunzeln.
Gewohnt in schickem schwarzen Anzug betraten die zeitlos wirkenden vier Herren die Bühne, griffen zu ihren Instrumenten und unterhielten für die folgenden Stunden mit Liedern so unterschiedlich wie die Farben der Seele. Im Takt wippende und sich wiegende Körper, klatschende Hände und leuchtend bewegte Augenpaare waren die Antwort aus den Sitzreihen. Die Zuhörer ließen sich lauschend von Lied zu Lied treiben.
Zwischen den musikalischen Darbietungen gab es tosenden Applaus, in dem jedes Mal ein Gefühl des Dankeschön-Sagens seitens der Hörer mitschwang für die Klänge und die Poesie aus fernen Ländern. „Jeder macht etwas anderes – es ist auch an der Zeit“, kommentierte der Tenor der Bandmitglieder nach dem Konzert die geplante Auflösung der Band.
Der letzte Applaus nach zwei Zugaben blieb vom Blauen Einhorn unbeantwortet: Die Musiker kamen nicht zurück auf die Bühne und ließen die Freunde der Weltmusik allein – aus dem Hintergrund wurde das Akkordeon neben der Bar laut und rief die Hörer von den Plätzen. Eine Zeile aus Silvio Rodríuguez Lied in einer Blauen-Einhorn-Interpretation hallte nach: „Das blaue Einhorn ging und ließ mich ohne Trost zurück.“ Mittelbayerische Zeitung, 22.1.2012

 

 

KONZERT DES JAHRES 2012

Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2012 in der Mälze ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der klare Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2012 heißt: SPORTFREUNDE STILLER. Gratulation an die Sportis. Vielen Dank an die vielen Teilnehmer, die sich bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2012 beteiligt haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.

Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012)

 

Hohelied auf die Stille – extrem laut
Bei der Berliner Electro-Pop-Fricklerin Barbara Morgenstern im Konzert in der Alten Mälzerei in Regensburg zählt „nur der Blickwinkel“.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. „Die Wege des Herrn sind unergründlich“, heißt es über unerwartete Entwicklungen gelegentlich. Selbiges gilt auch für die Wege des Publikums. Unergründlicherweise hat es den Auftritt der Indie-Musikerin Barbara Morgenstern in der Mälze souverän ignoriert und die Sängerin mit einer Handvoll Unerschrockener sitzen lassen. Nach anfänglicher Verunsicherung, setzte sich die sympathische Berlinerin über die fehlende Neugier des jungen Regensburg hinweg und legte einen kurzen, aber intensiven Soloauftritt hin.
Dazu versammelte die Electro-Pop-Komponistin zunächst die verstreut Sitzenden vor der Bühne. Zwei fast geschlossene Reihen vor Augen, stieg sie mit einigen älteren, deutsch gesungenen Liedern über die Fragilität des Glücks und die Bedeutung von Perspektiven im Leben ein. „Es reicht ein Tag“, stellte sie mit lakonischem Ernst und zugleich leicht in sich hineinschmunzelnd fest, „…um es anders zu sehen“. Allgemein gesungen: „…nur der Blickwinkel zählt!“
Wo im deutschen Singer-Songwritertum kann man sonst noch eine derartige Souveränität erleben, alles in Frage zu stellen? Bevor gleich ideologische Wachhunde von Genrereinheit und disziplinierter Schubladeneinordnung aufjaulen und den fälschlichen Gebrauch des Singer-Songwriter-Begriffes anmahnen – die Frau mit dem mehrfach konnotierten, poetischen Namen schreibt Popsongs, ja. Und poetische noch dazu. Dennoch zeigen viele ihrer Songs einen Umgang mit eigenem Erleben und eigenwilligem Blick aufs Dasein, wie man es von Schreibern wie Funny van Dannen kennt.
Musikalisch lieferte Morgenstern kleine melodische Hymnen, zu denen sie sich auf einem scheinbar altersschwachen Casio-Keyboard mit gewöhnungsbedürftigem Sound selbst begleitete. Manchmal ganz reduziert mit wenigen repetitiven Akkorden. Oft aber legte sie elektronische Grooves und Loops darunter, schichtete Rhythmen übereinander, bis ein dichtes, kaum durchdringliches Geflecht aus starken Grooves und lärmigen Sounds entstand – wie in einigen ihrer Instrumentalstücke. Da können sich dann schon mal Assoziationen zu Depeche Mode oder den Krautrockern von Cluster (zuvor: Kluster) einstellen, deren frühe Elektronikfrickeleien Hans-Joachim Roedelius und später Michael Rother zu Urvätern des heutigen Electro-Pop machten.
Es ist ein popphänomenales Feld, das überwiegend Jungs unter sich aufteilen. Statt draufgängerischen Gitarrengedöns – wie beim Rock – drehen, tippen und bedienen heute blasse Electrohelden Laptops und Soundmaschinchen mit pathetischem Gehabe. Morgenstern besetzt dieses Feld mit einem ihr eigenen Gestus, dem durchaus auch Leidenschaft und Spaß an den treibenden Grooves anzumerken ist. Die theatralischen Gesten, das Buhlen um Bestätigung und Anerkennung aber gehen ihr ab. Der Beifall, den sie von dem kleinen Häuflein in der Mälze bekommen hat, tobte dennoch frenetisch durch den fast leeren Raum.
Ein Manko, das bei Konzerten in der Mälze nahezu immer auftritt, ist die Lautstärke, die irgendwann einfach auf die Ohren geht. Dabei schädigt dröhnende Lautstärke alte Ohren ebenso wie junge. Nur die Jungen bekommen es erst später zu spüren.
Von ihrem jüngsten Albums „Sweet Silence“, das erste welches ganz in englisch gehalten ist, stellte Morgenstern gleich mehr Songs vor, darunter auch das in Zusammenarbeit mit Robert Wyatt entstandene „Camouflage“. Ein Hohelied auf die Stille, welches an John Cage denken lässt, ist der melancholische Titelsong.
Stimmlich wirkte die in Hagen geborene Sängerin anfänglich etwas eng und belegt, kämpfte sich aber bald frei und klang vor allem in der zweiten Hälfte manchmal fast wie Annie Lennox. Den nächsten Auftritt der aufrechten und starken Berlinerin Barbara Morgenstern sollte kein Regensburger Indiefan verpassen, der ein bisschen auf sich hält. Mittelbayeriscghe Zeitung, 17.1.2013

 

 

Der abgedrehte Abgesang auf ein B-Leben
Matthias Egersdörfer in der Alten Mälzerei in Regensburg: ein feinsinniger Berserker, der die schönste Komik aus der tiefsten Tragik filtert.


Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Wenn der Himmel ganz blau ist, und die Sonne über Fürth strahlt wie ein Pfund Landbutter, wenn die Blumen jubeln, dann hängt der Franke seine Geschlechtsteile aus dem Fenster. Gundel brummt vorbei, die gewerkschaftlich organisierte Honigbiene. Sie hatte nie Flausen im Kopf, wollte nie in Hamburg Illustration studieren. Jetzt schwirrt sie mit einem Mordskater Richtung Freibad, um dort das Leben des Allergikers Matthias Karl Friedrich Egersdörfer zu beenden. Der Mann mit der geschmackssicher ausgewählten lindgrünen Schwimmbrille sinkt nach einem Stich in die Speiseröhre sanft und still den Kacheln entgegen…
Von der Wiege bis zur Bahre läuft alles einfach unglaublich mies im Leben dieses Matthias Egersdörfer. Die Bühnenfigur heißt genauso wie ihr Erfinder und hat einige Berührungspunkte mit dem Leben des Kabarettisten. Doch während der echte Egersdörfer wohl nicht mehr lange auf den Bayerischen Kabarettpreis warten muss, bleibt dem gespielten Matthias jeder Triumph versagt.
Sein Weg auf der Via Dolorosa
Geboren in eine Familie, in der der Vater in der Badewanne „Es zittern die morschen Knochen“ singt und dabei fröhlich aufs Wasser patscht. 13 lange, graue Jahre auf der Via Dolorosa des bayerischen Schulalltags. Gepeinigt von seiner Lehrerin, die die künstlerische Begabung des Knaben verkennt und pralle Brüste statt der geforderten bunten „Regenschirmla“ strikt ablehnt. Nie eine Urkunde bei den Bundesjugendspielen bekommen. Verheiratet mit einer Frau, die an Küchen-ADHS leidet.
Dass Komik und Tragik Blutsschwestern sind, zeigt die Erzählung vom kleinen Matthias, der so gern in den Wanderzirkus wollte. Staunend stand er vor dem Plakat mit den prächtig geschmückten „Pferdla“, der schönen Frau mit Peitsche, dem „Diecha“ und den lustigen Clowns. Was dann kam, kennen wir: traurige Männer in verblichenen Kostümen, klapprige Schindmähren, abgehalfterte Akrobaten. Egersdörfer zaubert bunte Bilder, bestes Kopfkino. Er ist ein essayistischer Kabarettist. Seine literarische Begabung belegen die Texte, aus denen er zwischendurch liest. „Der Brezelmann“ etwa, ein komisches Kleinod.
Egersdörfer vermengt Derbheit und Feinsinn, lässt viehisches Brüllen in ein breites, sardonisches Lächeln auslaufen. Wenn seiner Fantasie die Gäule durchgehen, gibt er ihnen die Sporen. Das Publikum, dessen „subtile Geilheit“ er längst erspürt hat, folgt dem fabulierenden, räsonierenden Franken vergnügt in ein absurdes Paralleluniversum und lässt sich von wüsten Beschimpfungen nicht aus dem Lachen bringen. „Zu 100 Prozent saublöde“ sei es, ohne Ausnahme, und er könnte genausogut vor 200 gelben Plastikeimern spielen. Eine Flasche klirrt, und Egersdörfer brüllt den Verursacher an: „Ja, klapper halt!“ Dem würde er doch gerne mit der Rosenschere zwei, drei Fingerkuppen abschneiden.
Nur das Männla kennt den Grund
Er ist eben einfach mies drauf. Als ihm gerade der Zug vor der Nase weggefahren ist, erscheint dem einsam am Bahnsteig stehenden Egersdörfer ein „Männla“ und erklärt, warum bei ihm „alles so defizitär abgeht“. Er sei eben B-Kategorie. Einer, der beim Obstkauf immer etwas Angeschimmeltes dabei hat. Schon traurig. Aber auch sehr, sehr komisch. Mittelbayerische Zeitung, 14.1.2013

 

 

Konzert des Jahres 2012
Nach FRISKA VILJOR im letzten Jahr bieten wir für 2012 zur Auswahl: Simeon Soul Charger, Astronautalis, Wishbone Ash, Justin Sullivan & Dean White, Al Andaluz Project, Che Sudaka, Leatherface, Keller Steff & Band, Jahcoustix & Band, UK Subs & TV Smith, Ana Popovich, Rainer von Vielen, Jamaram, Grand Slam feat. "Mudbone" Cooper, MXPX, Hellsongs, Eläkeläisaet, Weisswurschtis, The Sensational Skydrunk Heartbeat Orchestra, Fuadadeimuada, Zwielicht, Uwe Kaa & One Drop Band, Little Caesar, No Means No, Latterman, Sportfreunde Stiller, Slapbacks, Laura Gibson, Ganes, Tito Larriva & Tarantula, Stefan Dettl Band, Etta Scollo, Mono & Nikitaman, Randy Hansen, Rock'n'Roses mit Sacco & Mancetti, Ucee & Flavour Band, F.S.K., Henrik Freischlader Band, Kellerkommando, Scott Matthew ... und viele andere. Unter den Meldungen KONZERT DES JAHRES 2012 per email info@alte-maelzerei.de verlosen wir wieder Freikarten, CDs, etc.

Konzerte des Jahres 1996 bis 2011:
Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King’s X (2000), Maceo Parker (2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor The Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011)

 

 

 

Elektrisierende Wiederbelebung
Mit der „Henrik Freischlader Band“ ist der retrogewendete Bluesrock wieder zurückgekehrt.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Bei Peter Greens verträumter Ballade ist erstmals ein kollektiver Seufzer durchs Publikum in der Alten Mälze gegangen. Kurz zuvor hatte Henrik Freischlader von der fetter und flächiger klingenden Fender-Gitarre, die in Wahrheit gar keine solche ist, auf eine schlankere Gibson mit ihrem klaren und eleganten Ton gewechselt. Großer Beifall, begeisterte Pfiffe und wenn man im dichten Pulk vor der Bühne den Kopf ein wenig drehte, schien das eine oder andere Auge feucht zu schimmern. „Lauter alte Säcke“, greinte wenig später ein routinierter Techniker – wobei nicht klar wurde, ob er sich in diesen herzlich-rauen Spott mit einschloss oder nicht.
Kein Wunder, dass der sichtbar im höheren Bereich angesiedelte Altersschnitt bei dem Einen und Anderen Nostalgiegefühle wachrief. Knüpfte doch der jungenhaft wirkende Bluesgitarrist nicht nur mit ein paar prachtvollen Coverversionen an die Blütezeit des Bluesrock in den späten 60er und 70er Jahren an. Auch in seinem exquisiten Spiel und in eigenen Songs tauchten immer wieder Reminiszenzen an Vorbilder auf – Jimi Hendrix, der überragende Peter Green aus den frühen Fleewood-Mac-Jahren, Gary Moore. Selbst der bluesgetränkte Sound Pink Floyds und der Soulgeschmack Joe Cockers klangen hie und da durch und bilden somit die äußeren Referenzpunkte des Spätgeborenen.
Mit gerade 30 Jahren ist der Autodidakt in Sachen Musik ein Anachronismus. Unbeleckt von Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte bis hin zum aktuellen Elektropop knüpft Freischlader ganz Retro an B.B. King – für den er bereits als Support-Act auf Tour war – Johnny Winter und andere Altstars der Rockära an. Kompakt, griffig, leidenschaftlich – die Band klang vom ersten Akkord, vom ersten Schlag weg elektrisierend und fast schon irritierend geschlossen.
Dabei wirken versteckte Reggae- und spürbare Funkeinflüsse wie rote Blutkörperchen und frischen den Retrosound deutlich auf. Auch sonst gibt es Merkmale, mit denen sich der proletarisch gestylte Gitarrist von älteren Vorbildern unterscheidet. Während sich die frühen Meister in oft endlos langen Soli austobten – legendär war darin Rory Gallagher – fasst sich Freischlader häufig wenige Takte kurz und knackig. Natürlich steht sein von großer Souveränität und musikalischem Temperament geprägtes Spiel – und sein rauer drängender Gesang – im Mittelpunkt des Interesses. Dennoch ist die Band das Zentrum.
Moritz Fuhrhop an der herrlich quietschenden Orgel, leider manchmal schlecht zu hören, der mächtige Theofilos Fotiadis am E-Bass und Björn Krüger, Schlagzeug und Background-Gesang, schieben gleichermaßen voller Enthusiasmus an und machen richtig Dampf. Nur Fuhrhop schien nicht seinen besten Tag gehabt zu haben, wuchtig fährt ihm Freischlader bei einem solistischen Geplänkel in die Parade und reißt entschieden das Ruder herum. „Break Out“ aus dem „Recorded by Martin Meinschläfer“-Album, „She Ain’t Got the Blues“ und vor allem etliche Titel des aktuellen neuen Albums „House In The Woods“ mit dem ambivalenten Nachruf auf „1999“ bildeten umfassend das gehaltvolle Schaffen des musikalischen Workaholics und Shootingstars ab.
Dass der erfrischend freundliche Wuppertaler keineswegs nur „alte Säcke“ anspricht, zeigte sich in stürmischem Gejohle und vergnüglichen Mitmach-Huhus. Keine reine Retroveranstaltung – mit Freischlader ist der Bluesrock zurückgekehrt. Mittelbayerische Zeitung, 8.12.2012

 

 

Sympathische Chaos-Mischung
Klasse Auftakt für die neue Veranstaltungsreihe „Loop-Sessions“ in der Alten Mälzerei mit DJ Rufflow, Rapper Maniac und Gästen


Von Veronika Lintner, MZ
Regensburg. Es hatte ohnehin niemand damit gerechnet, dass die Session am Freitag wie angekündigt um 21 Uhr beginnen würde. Die Alte Mälzerei füllte sich in eineinhalb Stunden ganz gemächlich mit den obligatorischen Baseball-Caps und den Brillen mit breitem, schwarzen Rahmen. DJ Rufflow groovte sich indessen an den Plattentellern allmählich in den „Flow“ der Nacht.
Schnell war zu erkennen, dass sich hier die beschauliche alternative Hip-Hop-Szene von Regensburg trifft, um die erste Veranstaltung der neuen Reihe namens „Loop-Sessions“ zu feiern. DJ Rufflow und Rapper Maniac, die das Duo Demograffics bilden, sollen fester Bestandteil dieser neuen monatlichen Party werden.
Die musikalische Kategorie lautet „Hip-Hop-Neo-Soul“. DJ Rufflow und Rapper Maniac werden sich die Bühne mit verschiedenen Gästen teilen, so wie an diesem Abend mit der Combo Tribes of Jizu.
Sehr gekonnt kombinieren diese jungen Instrumentalisten jazzige Harmonien und improvisierte Soli mit scratchenden Turntables. Nach deren basslastigen, tanzbaren Intro begann die entspannte Zurückhaltung des Publikums zu schmelzen. Spätestens als das lockenköpfige Energiebündel Maniac wie ein Gummiball über die Bühne rappte und Snoop Doggs Klassiker „The Next Episode“ anstimmte, erreichte die Atmosphäre ihren ersten Siedepunkt.
Während Tribes of Jizu unermüdlich die musikalische Basis lieferte, gaben sich nun die Rapper und Sänger wechselweise das Mikrofon in die Hand. Der Berliner Hopper Simple One steuerte englischsprachige Zeilen bei und hatte sichtlich Spaß daran, sich mit Maniac die Reime zuzuspielen. Dabei begaben sich beide keinesfalls auf die Ebene der aggressiven Rap-Battles im deutschen, polemischen Stil à la Bushido, vielmehr produzierten sie eine chaotische, sympathische Mischung, die gute Laune verbreitete. Es wurde frei improvisiert mit viel Ironie, sprachlich wechselten die Texte zwischen englisch, deutsch und bairisch.
Stilistisch dominierte hingegen der Sound der amerikanischen Tradition, wie sie sich in den 1990er-Jahren etabliert hatte. Musikalische Zitate von Snoop Doggs „Drop It Like It’s Hot“ oder von „Fu-Gee-La“ der Fugees heizten die Atmosphäre an.
Zu vorgerückter Stunde gesellte sich dann Szene-Prominenz auf der Bühne hinzu: Keno Langbein, rappender Frontmann der Brass-Band Moop Mama, gab sich die Ehre. Und dessen Improvisationskünste, seine klaren, kantigen Worte, formten zweifelsohne das Sahnehäubchen des Abends. Ein kreatives Chaos auf ansprechendem Niveau, das bot die erste „Loop Session“. Und das darf sich das Publikum wohl auch von der Fortsetzung am 29. Dezember erhoffen. Mittelbayerische Zeitung, 4.12.2012

 

MZ-Kommentar: Das Tanzfieber nützen

Von Susanne Wiedamann, MZ
Die Regensburger Tanztage sind zu Ende. Zum 15. Mal setzte das Festival Akzente, gab mit mehr als 20 Produktionen Einblicke in das kreative Potenzial des aktuellen zeitgenössischen Tanzes und warb für eine Kunstform, die noch viele Überraschungen auf Lager hat.
In Regensburg haben die Tanztage ein wahres Fieber entfacht, was sich nicht nur an den fast durchgehend ausverkauften Tanz-Vorstellungen dieses Jahres und den 3000 Besuchern zeigt. Das Schleudertraum-Festival im Frühjahr ist im Grunde aus den Tanztagen hervorgegangen. Ein aufgeschlossenes Klima für dieses Genre hat zu einer deutlich belebten Tanzszene beigetragen – und mit einem steigenden Angebot an Ausbildungsstätten und Tanzprojekten auch zu einem ständig wachsenden Interesse der Zuschauer. „Um euer Publikum kann man euch nur beneiden“, lobte dieser Tage ein Münchner Tanzveranstalter.
Dieses Feuer gilt es am Brennen zu halten. Nicht nur die internationalen Acts der Tanztage, sondern auch die regionale Szene stößt auf Begeisterung. Was fehlt, ist ein kontinuierliches, über die Monate aufgefächertes Angebot an die Freunde des zeitgenössischen Tanzes auch außerhalb der Festivals. Vereinzelte Vorführungen haben es oft schwer, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Was Regensburg braucht, ist eine Heimstatt und eine gemeinsame Planung der Akteure, die in einen Spielplan der regionalen Szene münden kann. Das Kulturzentrum Alte Mälzerei, das die Tanztage veranstaltet, kann hier eine wichtige Rolle spielen.Mittelbayerische Zeitung, 28.11.2012

 

Sanfte Landung nach dem Höhenflug
Die italienischen Imperfect Dancers und der Regensburger Choreograf Olaf Schmidt sorgten für einen gelungenen Abschluss der Regensburger Tanztage.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Sie wurden sehnsüchtig erwartet, mit lautstarkem Applaus euphorisch gefeiert, doch der Höhepunkt dieses an hochrangigen Künstlern und Compagnien reichen Festivals waren sie für viele dann doch nicht: Walter Matteinis Imperfect Dancers Company aus Italien und der Regensburger Choreograf Olaf Schmidt gestalteten mit ihren Stücken einen anspruchsvollen, kurzweiligen und vielseitigen Abend, der auf charmante und leichte Art unterhielt, dabei den Tänzern aber höchste Kunstfertigkeit abverlangte. Vor allem von den Imperfect Dancers gab es viel hochartistische Bewegungskunst zum Staunen, auch zum Schmunzeln, Szenen von unbändiger Energie, aber wenig, was emotional anrührte oder erschütterte.
Zwei neue Tanzstücke präsentierte Walter Matteini dem Regensburger Publikum. „Vite di Cristallo“ beginnt in diffuses Licht getaucht. Im Hintergrund die Silhouetten vieler Menschen, im Vordergrund eine Frau, die sich wie unter Schmerzen zu bewegen beginnt, die es schlicht von den Füßen haut, so dass sie mit dem Rücken laut hörbar auf den Boden klatscht. Im Hintergrund schält sich ein Mann im Schatten aus der Menge. Wie er die Frau auf ihre Beine stellt, sie schließlich liegend an den Füßen hinter sich herzieht, ist bezeichnend für die Vorgänge im weiteren Verlauf der Choreografie. Die Frauen werden umworben, umschmeichelt, geliebt wie wertvolle, zerbrechliche „Kristalle“, aber auch herumgeschubst, dominiert, übergangen. Ihre Versuche sich zu behaupten und einen eigenen Weg zu gehen, ihre Aggression und ihre Kämpfe enden oft qualvoll, gekrümmt am Boden.
Kraftvoll und dynamisch sind die mit vielen Sprüngen, Drehungen und Hebungen durchsetzten Bewegungsabfolgen der kleinen Compagnie. Temperamentvoller, komischer und noch artistischer fällt Walter Matteinis gemeinsam mit Ina Broeckx erarbeitete Choreografie „Bolero“ aus. Wurde bei „Vite di Cristallo“ zu klassischer Musik von Händel, Vivaldi bis Arvo Pärt getanzt, so liefert bei diesem ebenfalls erstmalig aufgeführten Stück Maurice Ravels berühmtes Werk den Klangteppich für die Tänzer.
Poetisch und absurd, humoristisch und ernsthaft sind die Szenen, kämpferisch, wild und gewalttätig und kurz darauf wieder anschmiegsam und liebevoll die Personen in dieser grotesken Szenerie. Eine Art Wartezimmer ist aufgebaut, in der ein Mann und eine Frau warten. Und während in grüne Operationsmontur gekleidete Pfleger oder Ärzte heimlich die für einen imaginären Patienten gedachten Pralinen wegnaschen, entwickelt sich das Zimmer zum Tollhaus, zum Schauplatz tänzerischer Höhenflüge, auf die mehr oder weniger sanfte Landungen folgen. Ein (Alp-)Traum, der ein Liebesduett im Konfettiregen enden lässt.
Dazwischen hatte Olaf Schmidts Choreografie „Home Free!“ Premiere, die er gemeinsam mit Ina Broeckx von den Imperfect Dancers tanzte. Schmidt und Broeckx sitzen sich auf Kinderstühlchen gegenüber. Dazwischen ein altes Schaukelpferd. Zwei Kinder? Zwei Liebende? Beides. „Home Free!“ erzählt poetisch und irreführend heiter, quasi in kindlicher Diktion, die Geschichte einer Geschwisterliebe. Die Konstellation wirkt unbeschwert – die Musik darf swingen – , doch unterschwellig ist die Verbindung belastet, hat keine Zukunft. Tänzerisch vermittelt sich dieser Druck kaum. Schmidt zeigt in seiner schönen, witzigen Choreografie das Leben als eine Art Kinderspiel: ein Ringen zwischen Anziehung und Verdrängung. Das Publikum feierte die drei Premieren mit heftigem Applaus. Mittelbayerische Zeitung, 28.11.2012

 

 

Gemeinsam die Mälze gerockt
Bei „Rock’n Roses“ spielten Behinderte und Nichtbehinderte auf. „Sacco & Mancetti“ und Bands des Pater-Rupert-Mayer-Zentrums sorgten für Stimmung.

Von Dawina Lang, MZ
Regensburg. Eine Schülerband spielt in der alten Mälze den Song „We will rock you“. Die zahlreichen Zuschauer klatschen begeistert zum kultigen Taktschlag der Band „Queen“. Auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches, doch bei genauerem Hinsehen wird schnell klar: Diese Musikgruppe ist nicht ganz alltäglich. Es sind Schüler und Schülerinnen des Pater-Rupert-Mayer-Zentrums (PRMZ), die Bildungsstätte für körperbehinderte Menschen in Regensburg.
Die Lebensfreude der jungen Musiker und deren Leidenschaft für die Musik ist ansteckend und überträgt sich innerhalb von Sekunden auf alle Anwesenden in der alten Mälze. Das Publikum applaudiert, tanzt und freut sich mit den dreizehn Mitgliedern der Rockband. „Beim nächsten Lied können alle die Feuerzeuge rausholen“, ruft einer der beiden jungen Leadsänger der „Firebirds“. Nun beginnt die Band „Knocking on Heaven’s Door“ von der Band „Guns N‘ Roses“ zu spielen und tatsächlich: Die Feuerzeuge werden gezückt, die Arme in die Höhe gerissen und diese zur Melodie hin und her bewegt.
Es folgen selbstgeschriebene Stücke, die Titel tragen wie „Wir sind wir“ oder „Schöner Tag“. Als der letzte Song von den Jungs und Mädchen des PRMZ zu Ende gespielt wird, ist das Publikum begeistert: „Zugabe! Zugabe!“ fordert die Menge von den stolzen Tonkünstlern.
Die Menschen teilhaben lassen
„Rock’n Roses“ heißt das Projekt, das nach dem großen Erfolg im letzten Jahr erneut am vergangenen Freitag realisiert wurde. Ins Leben gerufen wurde die Veranstaltung von der Katholischen Jugendfürsorge und dem Caritasverband Regensburg. Es soll Menschen mit und ohne Behinderung durch Musik vereinen. „Musik verbindet Jung und Alt, Arm und Reich und verschiedene Nationen, genauso wie sie Menschen mit und ohne Behinderung verbindet“, erzählt Robert Seitz, Abteilungsleiter für Soziale Einrichtungen der Caritas Regensburg.
Am Abend des Konzerts sorgten drei Bands für gute Stimmung: die über Regensburg hinaus bekannte und seit über 25 Jahren erfolgreiche Gruppe „Sacco und Mancetti“ sowie die beiden Bands des Pater-Rupert-Mayer-Zentrums. Die Schüler-Rockband „Firebirds“ wurde vor etwa zehn Jahren von Sonderschul-Pädagoge Klaus Kracker am PRMZ gegründet. Sie soll jedes Schuljahr auf’s Neue interessierten Jugendlichen die Möglichkeit bieten, trotz körperlicher und geistiger Beeinträchtigung gemeinsam Musik zu machen.
Barrierefrei Musik machen
Während der Pause wird die Bühne umgebaut, Spezialinstrumente aufgestellt sowie kleinere Geräte an einige der Bandmitglieder verteilt. In den folgenden Minuten beginnt die Band „Electric apple“ richtig einzuheizen. Die Stimmung in den Räumlichkeiten der Alten Mälze ist ausgelassen und es wird bei jedem Titel kräftig mitgesungen. Der E-Pop verursacht sofort Gänsehaut. Nur wenige können noch still sitzen und fangen an, sich zur Musik zu bewegen – die Lebensfreude ist nun überall zu spüren.
Das Label „Rock’n Roses“ steht vor allem für ungezwungenen Spaß vor und auf der Bühne. Um dies auch barrierefrei für körperlich eingeschränkte Schüler möglich zu machen, bemüht sich Klaus Kracker seit Jahren um den Einsatz von besonderen Musikinstrumenten am PRMZ. Viele dieser Instrumente setzt auch die Band „Electric apple“ bei ihren Stücken ein. Die Band besteht aus Schülern sowie Pädagogen des Pater-Rupert-Mayer-Zentrums. Durch den Einsatz von Spezialinstrumenten wie dem „Kaosszilator“ oder einem „Samplingpad“, ist es auch Jugendlichen mit schwerer körperlicher Beeinträchtigung möglich, beeindruckende Klänge hervorzubringen. Gleiches gilt für das Musizieren mit den Geräten „Ipod“ oder „Ipad“.
Töne durch Bewegung erzeugen
Die Mitglieder der Band können durch einfachste Bewegungen Töne erzeugen, die unter die Haut gehen. „Einschränkungen machen menschlich und das Menschliche macht Musik eben aus“, sagt Mitveranstalter Robert Seitz vom Caritasverband Regensburg. Noch während die Mitglieder von „Electric apple“ bei ihrer letzten Nummer so richtig einheizen, gesellen sich Herbert Schwarzfischer und Jockl Peithner von „Sacco & Mancetti“ zu den jungen Musikern auf die Bühne. Die gemeinsame Session läutet den Auftritt der Band ein. Anschließend geben Peithner, seine beiden Background-Sängerinnen und der Rest der Band die Hits der „Saccos“ zum Besten. Drummer Reinhold Keck sorgt gegen Ende des Gigs mit einer gewaltigen Solo-Einlage für zusätzliche Stimmung in der alten Mälze.
Die Veranstalter wollen mit ihrer Aktion kein Mitleid erzeugen. Vielmehr sollen sich die musikalischen Interaktionsprozesse während des Konzerts über eine Behinderung hinwegsetzen. „Es geht um tatsächliche Inklusion der Menschen, indem man sie am Leben teilhaben lässt“, sagt Alexander Gotthardt, Mitarbeiter bei der Katholischen Jugendfürsorge und musikalischer Leiter von „Rock’n Roses“.
„Abseits von jeglichem Gutmenschsein, macht es einfach Spaß mit den Jungs und Mädchen Musik zu machen“, sagt „Saccos“-Leadsänger Jockl Peithner. Peithner, der mit seiner Band 1990 durch keinen geringeren als Thomas Gottschalk bekannt wurde, steht hinter dem Projekt. „Rock’n Roses“ bezieht die Menschen mit Handicap aktiv mit ein, was bei dem passionierten Musiker großen Anklang findet. „Es handelt sich hierbei nicht um eine typische Charity-Veranstaltung. Die Menschen, um die es geht, sind Teil des Geschehens, sie sind live dabei“, erzählt er. Und das ist es schließlich, was Inklusion bedeutet – in eigener Individualität Teil des Ganzen zu sein.Mittelbayerische Zeitung, 26.11.2012

 

Der Tanz öffnet sich wieder für die Welt
Sechs junge Preisträger zeigen spannende Tendenzen in ihrer Kunst.

von Gabriele Mayer, MZ
Regensburg. Die Gala der sechs Preisträger des internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart ist eine beliebte Einrichtung im jährlichen Programm der Tanztage. Studieren kann man in den kleinen, exzellenten Solo-Stücken zweierlei: die persönlichen Ausdrucksstärken der Tänzerinnen und Tänzer, die meist ihre eigenen Choreographien verwirklichen, außerdem allgemeine Trends, die sie aufgreifen und variieren. Prägte über Jahre hinweg die unermüdliche solipsistische Suche nach der eigenen bzw. der Gruppen-Identität die Choreographien, so ändert sich das allmählich. Der Tanz setzt sich mit der äußeren Welt auseinander.
Verena Wilhelm (Deutschland) unterlegt Geräusche eines Fliegerangriffs mit Bewegungen, die das bedrohlich Technische der Apparate und Abläufe simulieren. Ihr Tanz oszilliert zwischen mechanischer Starrheit und hysterischem Ausgreifen. Rodrigue Ousmane aus dem Tschad wurde bejubelt für seine Auseinandersetzung mit dem Industriemüll, der sein Land überdeckt. Wenn man sagen kann, die Kunst des 20. Jahrhunderts ist afrikanisch und erwuchs aus der „Negerplastik“, so ist das auch auf den Tanz als bewegte Plastik übertragbar. „Back to the roots“ scheint Ousmanes Programm zu sein, ohne dass hier etwas altmodisch wirkt. Tänzerische Verwandlungen: das Verschwinden und Wiedererscheinen, die Grimasse, das Beten, Arbeiten, die Aggression, die Verzweiflung, das Spiel, Metamorphosen auch hin zum Tierischen und Maskenhaften kennzeichnen einen tänzerischen Ausdruck, der aus reptilienartigen Bewegungen hervorzubrechen scheint.
Und mit Letzterem ist Ousmane nicht allein. Waren noch vor Kurzem virtuose Schnelligkeit, Kung-Fu-artiges Ausholen oder die Bodenhaftung wichtige Form-Elemente, so zeigt sich nun eine Art der Tanzformen, die u.a. vom Hip-Hop beeinflusst sind. Langsamkeit und Laszivität bestimmen jeden der Tänze, dazu Bewegungen, die sich aus dem Oberkörper entwickeln und wellenartig ausbreiten, sich selbst überholend, retardierend oder kippend.
Der Australier Cass Mortimer Eipper schwebt über den Boden wie ein Fred Astaire der Gegenwart. Virtuosität paart sich mit Leichtigkeit, Anmut und scheinbarer Spontaneität, Dissonanzen und ironische stilistische Zitate sind selbstverständlich eingearbeitet. Besonders eingängig wirkt diese Art bei Hugo Marmelada (Portugal) Er gewann in Stuttgart den Publikumspreis. Aus dem kindlich-lässigen Rollen der Arme entfaltet sich bei ihm ein spannendes Potpourri. Wie in Zeitlupe bewegt sich der Körper, wie ein Mondspaziergang wirkt der Tanz. Körper und Musik kommen sich ganz nah. Ohne Ton-Einspeisung von außen fällt der Tänzer plötzlich in sich zusammen.
Eran Gisin (Israel) tanzt zu einem Text, der technizistische Ratschläge zur Glücksmaximierung anbietet. Wie der Tanz die Worte rhythmisch aufgriff, das ist beachtlich. Mit scheinbar natürlichen, unstilisierten Alltagsbewegungen, die im Kontrast zu einer sehr getragen wirkenden Musik stehen, wandelt sich schließlich auch Eleesha Drennan (Kanada) dieser Musik auf frappierende Weise an. Mittelbayerische Zeitung, 26.11.2012

 

Von Glühwürmchen und Rebellion
Ein langer Tanzabend mit neun Compagnien und 24 Tänzern wurde im Velodrom begeistert gefeiert.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. „Ich lobe den Tanz/ denn er befreit den Menschen/ von der Schwere der Dinge…“: Ivica Novakovic, gewandter und kundiger Moderator der 10. Aids-Tanzgala, zitierte den Kirchenlehrer Augustinus und untermauerte damit poetisch und historisch die Bedeutung dieser existenziellen Lebensäußerung. Wirklich erforderlich war das nicht, ist doch die Benefizveranstaltung seit ihrem Beginn als künstlerisch anspruchsvolles Ereignis angelegt. Ein Rückblick in Bildern, mit dem Novakovic zusammen mit dem Leiter der Aids-Beratungsstelle für die Oberpfalz, Hans-Peter Dorsch, an Ensembles und Tänzer der vergangenen Jahre erinnerte, belegte das eindrucksvoll.
Auch mit dem diesjährigen, sehr umfangreichen Programm drehten die beteiligten Organisatoren – Stadttheater, Jazzclub Regensburg und Aids Beratungsstelle – die Qualitätsschraube wieder weiter und setzten Regensburg auf die europäische Landkarte des Tanzes. Dazu haben sowohl das Ballett Basel mit einem hinreißenden, teuflisch-faunischen Pas de deux, das Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz und die Forsythe Company mit Uraufführungen, das Tanzensemble des Theaters – Leiter Yuki Mori hatte das gesamte Programm zusammengestellt – wie alle anderen Beteiligten bei.
Ein Abend voller Höhepunkte
Die Qualität war durchgehend hoch. Marijn Rademaker vom Stuttgarter Ballett bot mit „Äffi“ ein absolut atemberaubendes Solo. Die Choreografie seines einstigen Lebenspartners Marco Goecke zur ergreifenden Musik von Johnny Cash war wie ein heftiger Schüttelk(r)ampf aus Weinen, Schmerz, Lachen, Verspieltheit und Trauer. Kühn, machohaft und ironisch ließ Rademaker seine Muskeln spielen, flog über die Bühne, zappelte in der Luft und zeigte voller erotischer Präsenz mit aufgestellten „Federn“ sein Hinterteil. Ein außergewöhnliches Erlebnis, nachhaltig gefeiert vom erfrischend tanzaffinen Publikum. Mit Applaus gingen die Zuschauer im ausverkauften Velodrom an keiner Stelle sparsam um. Ein Ausschnitt aus „Blaubarts Geheimnis“ des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden (Choreograf: Stephan Thoss), mit dem jungen Frank Fannar Pedersen als Macho und Verführer, der beinahe flehentlich um die Liebe seiner neuen Frau (Kihako Narisawa) buhlt, wurde ebenso bejubelt wie das heiter-anrührende Solo „Little Girl Blue“. Choreografiert von Shumpei Nemoto vom Cullberg Ballett, hat der Japaner die kleine Erzählung nach einem Lied von Nina Simone mit Purzelbäumen und warmer Herzlichkeit selbst getanzt. Thematisch in der jüngsten Popgeschichte verankert, stellte der Nürnberger Ivo Bärtsch als Teil des freien Ensembles „Cie. Satu“ mit provozierender Intensität „Quiet Riot“ als Uraufführung vor. Zu Musik von Radiohead war der Bezug zu „Pussy Riot“ unschwer an der übers Gesicht gezogenen farbigen Wollmütze zu erraten. Ein mit Fausthieben verdeutlichtes Statement gegen das mundtot machen.
Mensch, lerne tanzen…
Das Regensburger Ensemble beteiligte sich mit zwei starken, expressiven Choreografien Yuki Moris an dem fesselnden Abend. Mit dem düsteren „Schwarzer Regen“ aus „Zeit.Raum!“ und dem rasanten „Short Ride“, furios getanzt vom ganzen Ensemble nach Überwältigungsmusik von John Adams. Vergnüglich und unterhaltsam ist „Parafernalia“ des Gärtnerplatz-Theaters, das einen „Leuchtkäfer“ zu erhaschen versucht, dynamisch, dabei wenig spektakulär „Part II“, die Begegnung zweier Menschen mit Oliver Preiss (auch: Choreografie) und Romy Avemarg vom Leipziger Ballett. Ein Abend, eine Gala, die man sich gleich in nächster Zeit wieder wünscht. Oder, Um es mit Augustinus zu sehen: „O Mensch, lerne tanzen,/ sonst wissen die Engel im Himmel| mit dir nichts anzufangen.“Mittelbayerische Zeitung, 26.11.2012

 

Zeitgenössischer Tanz vom Feinsten

Am vergangenen Freitag und Samstag gab es im Rahmen der REGENSBURGER TANZTAGE 2012 am Theater der Universität ein ganz besonderes Highlight zu sehen: Die Solotanznacht, die die Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater Festivals Stuttgart 2012, präsentierte. Vier Tänzer und zwei Tänzerinnen begeisterten das Regensburger Publikum zwei Stunden lang mal mit bewegenden, mal mit erheiternden Darbietungen. Zum Schluss gab es noch zwei wunderbare Zugaben zu sehen, in denen die Tänzer zwischen dem Schlussapplaus gemeinsam erarbeitete Einlagen performten. Zu Beginn tanzte Rodrigue Ousmane, der den ersten Preis in der Kategorie Choreografie erhalten hatte. In “Leda” verarbeitet der Tänzer aus dem Tschad seine Befürchtungen im Zusammenhang mit dem Plastikproblem in seiner afrikanischen Heimat. Das Bühnenbild: ein von der Decke hängendes Seil mit daran befestigten Plastiktütchen, eine “Plastikbehausung”, aus der Ousmane sich zu Beginn schälte und in der er auch immer wieder verschwand und weitere Plastikbeutel und Gegenstände aus Kunststoff, die auf der Bühne verteilt waren. Mittendrin in dieser Plastikwelt ein Mensch, der mal hilflos, mal in wütendem Hiphop-Style zu überleben versucht. Ganz anders und ebenfalls großartig: Cass Mortimer Eipper, der in Stuttgart den 3. Preis in der Kategorie Tanz erhalten hatte. Zu modernem Jazz zeigte er, was den Menschen antreibt. Er brachte nicht nur das brodelnde der Leidenschaft auf den Punkt, sondern setzte auch witzige Akzente. Ebenso der in Israel geborene Eran Gisin, der das Glück tanzte. “Happiness is state - of mind…” Gisin zeigte eindrucksvoll, wie man eine Sprachklangfläche mit Leben füllen kann. Er hatte in Stuttgart den 2. Preis Choreografie verliehen bekommen. Nach der Pause zeigte Hugo Marmelada aus Portugal “Stepping over stones”. Auch hier konnte man Hiphop-Elemente ausmachen - und der Tänzer schaffte es, mit seinem ausdrucksstarken Tanz das Publikum zu verzaubern. In Stuttgart war er deshalb schon mit dem Publikumspreis und dem 2. Preis Tanz ausgezeichnet worden. Schließlich tanzte die Deutsche Verena Wilhelm “Fire and Forget I”, ein bedrückendes und bewegendes Tanzstück, in dem auf authentisches Tonmaterial eines Luftangriffs auf Bagdad zurückgegriffen wurde. Hier wurde viel mit Licht gearbeitet - und Verena Wilhelms präzise Performance im roten Bühnenoutfit nahm einem teilweise den Atem. In Stuttgart hatte sie dafür den 3. Preis in der Kategorie Choreografie erhalten. Zuletzt war die zauberhafte Szene “Whiskers” der überaus charismatischen Kanadierin Eleesha Drennan zu sehen. Angelehnt an Clarissa Pinkola Estes’ “Wolfsfrau” zeigt Drennan in einem einfachen weißen Kleid eine Transformation. Kraftvoll, pointiert und einfach zauberhaft war dieser Solotanz, der mit dem 1. Preis Tanz gewürdigt worden war.
Fazit: Die Solotanznacht war ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass auch in Regensburg zeitgenössischer Tanz vom Feinsten zu sehen ist. Steht zu hoffen, dass die nächsten Tanztage an diesen Erfolg anknüpfen können! Sigrid Grün, kultur-ostbayern, 27.11.2012

 

Hochartifizieller Kampf einer Tänzerin mit sich selbst
Jubel für Nelisiwe Xaba, Verstörung bei Anna Konjetzky

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. Hühnergegacker auf der Bühne des Studententheaters. Eine junge, dunkelhäutige Frau. Man ist sofort in einem afrikanischen Dorf. Die junge Frau setzt sich auf den Boden, andere junge Frauen gesellen sich zu ihr. Ihresgleichen. Sie ähneln sich sehr, nein: Es sind alle die gleichen. Mithilfe einer vor der Bühne aufgebauten kleinen Kamera reproduziert der Videokünstler Mocke van Veuren jede Bewegung der Tänzerin Nelisiwe Xaba mit einer kleinen Zeitverzögerung auf eine Leinwand. Die Reproduktion wird im Sekundenabstand noch etliche Male wiederholt, Nelisiwe Xaba tritt mit ihren Spiegelbildern in Interaktion – und es beginnt ein verblüffendes, dramatisches Schauspiel. Atemlos und gebannt verfolgt man, wie eine einzige Person in kurzen, konzentrierten Szenen ein derart opulentes Kaleidoskop auf die Bühne zaubert.
„Uncles and Angels“: Was die beiden Südafrikaner hier vorführen, knüpft an die berühmten Bewegungsstudien des Fotopioniers Eadweard Muybridge an, der in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts mithilfe der Serienfotografie die Bilder zum Laufen brachte. Allein mit welcher Leidenschaft und Raffinesse Mocke van Veuren diese Idee mit computertechnischen Mitteln fortführt, hat einen bezwingenden Charme. Wenn Nelisiwe Xaba in hochhackigen roten Schuhen vor eine geschwungene Treppe tritt, die auf der Leinwand erscheint, ist das zugleich eine Hommage an Muybridges Fotoserie „Woman walking down-stairs“, nur dass Nelisiwe Xaba am Ende die High Heels auszieht und sie auf die Treppe wirft, wo sie wundersamerweise die Stufen hochfallen.
Aber das Staunen und Lachen über die überreiche technische Trickkiste, die hier ausgepackt wird, ist beileibe nicht alles. Nelisiwe Xaba verwandelt sich in eine Kriegerin, die gegen eine ganze Truppe kämpft – und die Truppe ist sie selbst. Sie multipliziert sich selbst zu einer perfekt synchronisierten Revuegirlnummer, und sie erteilt ihren Alter Egos strengen Ballettunterricht – der unversehens in einen rüden, demütigenden Jungfräulichkeitstest mündet: eine sarkastische Attacke auf den südafrikanischen Reed Dance. Am Ende hält sie ihren mit einem knappen Perlenröckchen bedeckten Hintern so nah an die Kamera, dass sich das in Nahaufnahme simultan gefilmte Perlenröckchen wie ein beschützender Baldachin über ihre auf der Leinwand aufgereihten Zwillingsschwestern senkt. Unglaublich.
Großer Jubel. Anschließend großer Katzenjammer. Zwei ineinander verschlungene, gesichtslose Gestalten wälzen sich am Boden – auf zwei Spiegeln verdoppelt und verdreifacht. Zusätzlich wird auf zwei seitlichen Leinwänden mal das Publikum sichtbar, mal andere Menschenansammlungen, mal bewegt sich hinter der Leinwand eine Tänzerin und erzeugt ein Schattenspiel. Zu dem Menschenknäuel ertönt ein Stimmengewirr von hochtrabenden Politikerreden, von Martin Luther King bis Helmut Kohl.
Was auch immer die Choreographin Anna Konjetzky und ihre Tänzerinnen Sahra Huby, Mu-yi Kuo, Viviana Defazio und Katrin Schafitel mit ihrem Stück „Filter“ sagen wollen – der Mensch erhebt sich nicht aus dem Staub einer fatalen Weltgeschichte, während abgehobene Politiker hehre Worte über ihn hinwegschwallen? – das Publikum ist größtenteils entnervt. „Ein Albtraum!“ empört sich ein Zuschauer. „Widerlich verwöhntes Publikum!“ schnaubt dagegen eine Frau, die ganz begeistert ist von dieser Provokation. Mittelbayerische Zeitung, 22.11.2012

 

Musiker mit Handicap rocken
„Sacco und Mancetti“ geben mit Bands aus dem Pater-Rupert-Mayer-Zentrum ein Konzert in der Alten Mälzerei – und verpsrechen Lebensfreude pur.

Regensburg . Nach dem großen Erfolg 2011 lebt das Label „Rock’n Roses“ weiter. Es vereint Musiker mit und ohne Behinderung, Stilrichtungen sind Soul, Funk, Rock und Pop, Hard Rock, Ska und Rock’n’Roll. In diesem Jahr stehen die Bands „Sacco und Mancetti“, „Firebirds“ und „Electric Apple“ gemeinsam auf der Bühne. Das Konzert am Freitag (19.30 Uhr) in der Alten Mälzerei verspricht Lebensfreude pur.
Katholische Jugendfürsorge und Caritasverband hatten die Idee für „Rock’n Roses“ entwickelt. Die Mälzerei unterstützte das Projekt sofort. „Wir wollen mit Rock’n Roses zeigen, wie Kreativität und Musikalität die Grenzen von Behinderung überwinden“, bringt es Bertin Abbenhues, KJF-Abteilungsleiter für Teilhabeleistungen, auf den Punkt. „In der Session begegnen sich Musiker und Zuhörer völlig unkompliziert und ungezwungen.“ „Alle haben Spaß und empfinden echte Lebensfreude, auf und vor der Bühne. Das ist gelebte und frische Caritas“, sagt Robert Seitz, Caritas-Abteilungsleiter. Wenn das Konzert auch Einfluss nähme auf das Verständnis von Behinderung, habe man viel erreicht. Er erinnert an Musiker wie Gypsy-Gitarrist Django Reinhardt, dessen Hand nach einem Wohnwagenbrand verkrüppelt war, den blinden Soulmusiker Ray Charles und den tauben Beethoven. „Sie schufen nicht trotz, sondern mit Sicherheit gerade wegen ihrer Handicaps musikalische Meisterwerke“, ist Seitz überzeugt. „Nicht nur in der Musik ist das vermeintlich Perfekte oft steril und leblos.“
„Die Saccos“, weit über Regensburgs hinaus bekannte Spitzenband, haben eine riesige Fangemeinde. Die Rockband begeistert mit einem Schuss Country, wilder Spielfreude, unverwechselbarem Sound und Authentizität der Songs. Thomas Gottschalk wurde vor 25 Jahren auf die Band aufmerksam. So wurde „Rainbow’s End“ damals auch zu einem Radio-Hit.
Die „Firebirds“, Rockband des Pater-Rupert-Mayer-Zentrums (PRMZ), fingen vor zehn Jahren bei Null an. Die jungen Musiker machen durch Leidenschaft für Rhythmus und Melodie ihre körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen vergessen. Ihre Lebensfreude springt aufs Publikum über und ist förmlich greifbar. Klaus Kracker, Bandleader und Lehrer am PRMZ, legt darauf Wert, dass die Songs hauptsächlich von den Schülern selbst, ohne Playback gespielt werden.
„Electric apple“ setzt sich aus Jugendlichen verschiedener Klassen und Förderbereichen des PRMZ zusammen. Der Einsatz moderner elektronischer Instrumente macht „barrierefreies Musizieren“ möglich. Die Band bedient „Ipod“ oder „Ipad“ mit entsprechenden Applikationen, bis hin zu Spezialinstrumenten wie dem „Kaosszilator“ oder einem „Samplingpad“. Mit ihrem musikalischen Leiter Alexander Gotthardt studieren sie aktuelle Pop- und Rocknummern ein. Gänsehautfeeling garantiert! Mittelbayerische Zeitung, 21.11.2012

 

Verloren in Dolores, getanzt, gefilmt

Erik Grun, Regensburger Dauerfilmer und frisch dekorierter Kulturförderpreisträger geht wieder fremd, und das ist gut so. Ein Tanzfilm ist es dieses Mal geworden, gar ein Regensburg-Tanzfilm. Zwei Jahre schon ging er zusammen mit Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei und Fotograf Hubert Lankes mit dieser Idee schwanger. Zu den Tanztagen 2012 hat sich der Traum der tanzbegeisterten Akteure endlich erfüllt.

Basierend auf einem simplen Drehbuch Gruns um eine Vierer-Beziehung zwischen einem Mann und drei Frauen ist ein einstündiger Film entstanden, der in gewohnter grunscher Manier in sagenhaften drei Tagen abgedreht wurde. Der Plot ist denkbar dünn wie Grun selbst zugibt, dennoch ist dem Regisseur ohne Zweifel ein stimmiger, kurzweiliger und wahrhafter Tanzfilm gelungen. Ohne die Komik (also kaum) und den üblichen Darstellern (also fast) seiner bayerischen Komödien, ohne Dialoge - von einigen verzerrt gefluchten Sätzen auf Spanisch abgesehen - kommt Verloren in Dolores ganz gut aus, auch zur Überraschung seines Spielleiters. Das liegt zum einen an den vier Protagonisten, die durch ihre meist improvisierten und selbst choreografierten Tänzen den Film zu großen Teilen tragen. Die beiden Argentinier Carlos Osatinsky und Mercedes Appugliese, Silke Woschnjak aus Österreich und die in Regensburg lebende Berenika Kmiec sind die vier tanzenden Hauptdarsteller. Die wahren Stars des Filmes scheinen indes tatsächlich die Stadt Regensburg, und vor allem die Wohnung des Kameramanns Hubert Lankes zu sein. In diesem Interieur voller Kram und Kuriositäten, schweift das Auge gerne mal auf die Details im Hintergrund und am Rande. Selbstredend hat Herr Lankes seine Bude ins rechte Licht gesetzt, und fand dort sogar einen geeigneten Platz, um eine beeindruckende Gefängnisszene zur gestalten. Überhaupt kann die gesamte Fotografie, wie schon bei dem ersten gemeinsamen Grun-Lankes-Projekt Fleicheslust als hervorragend bezeichnet werden. Die Tanzszene auf dem Parkdeck ist, auch Dank der hervorragenden Witterung, ein echter Augenschmaus, ebenso wie die in einer Altstadt-Parfumerie. Die ganzen Drehorte, von den Klassikern Steinerne Brücke, Dom, Haidplatz usw. bis hin zu weniger ausgelutschten Locations wie Spitalkirche, Mälzerei-Keller, Sarchinger Weiher, Bayerwaldstraße und eben erwähnte Parkdeck und Parfümerie geben dem Film ein regensburger Antlitz, ohne in den üblichen Welterbe-Mittelalter-Klischees abzudriften. Im Kontext von getanzten Stadtführungen und Bewerbungscastings sehen die altbekannten Stadtwahrzeichen irgendwie schön seltsam verdreht aus.
Der einzig zu kritisierender Punkt ist die Musik von Jean Marc Toillon. Zwar passend zu den jeweiligen Szenen, jedoch nicht besonders originell und meist schrecklich arrangiert. Das klingt zu sehr nach Musik aus Werbespots oder nach furchtbarem Reisevideo-Soundtrack. Auch ein paar musikalische Pausen zwischendurch hätten dem Film sicher nicht geschadet. Aber zum Glück gibt’s auch noch Norbert Vollaths Bassklarinette für Liebhaber lieblicher Klänge und dröhnende Techno-Beats einer New Yorker Combo für Loveparade-Nostalgiker.
Wer also einen echten Grun, einen echten Tanzfilm und ein echtes Stadtportrait sehen möchte, hat ab Donnerstag, den 15. November um 19.00 Uhr in der Filmgalerie im Leeren Beutel die Möglichkeit hierzu. Die Premiere am 14. im Saal des Leeren Beutels ist eigentlich schon ausverkauft. Garbo-Kino-Betreiber Achim Hofbauer ließ auch schon durchblicken, dass er Verloren in Dolores um die Weihnachtszeit herum auch in seiner Spielstätte zeigen werde. Kultur Ostbayern, 13. November 2012

 

Tanzfilm ganz neu: Verloren in Dolores
Pilotprojekt und Vorbild: Der Film von Erik Grun und Hubert Lankes überrascht durch seine klare Entscheidung für die tänzerische Sprache.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Es gibt mehrere Arten von Tanzfilmen: die Dokumentation mit zahlreichen Mitschnitten choreografierten Tanzes, das Porträt, und all die Filme, in denen der Tanz eine vermeintliche Hauptrolle spielen darf, aber sich brav der Handlung unterordnet, den Spielfilm-Plot mehr illustriert als selbst transportiert und ausfüllt.
„Verloren in Dolores“, der interessante 60-Minuten-Streifen von Erik Grun und Hubert Lankes, ist ein anderes Kaliber, ein Film, der das Genre neu beflügeln könnte, ohne dass er sich eines großen Budgets oder Technik auf hohem Niveau hätte bedienen können. Den Zwang zum Purismus sieht man, und man sieht ihn nicht. Denn dieser Film ist so sehr Tanz pur wie kein anderer. In ihm und für ihn erzählen Tänzer mit ihren Körpern eine Geschichte –spontan, kreativ, mit ihren Ausdrucksmitteln, leidenschaftlich und voller Leben.
Die Geschichte selbst nennt Regisseur Erik Grun „dünn“: Ein Mann liebt drei Frauen. Mit einer (Silke Woschnjak) ist er verheiratet. Eine andere (Berenica Kmiec) läuft ihm nach und entwickelt in ihrer Enttäuschung Stalker- und Woodoo-Qualitäten. Sie bringt den Mann (Carlos Osatinsky) mit verräterischen Fotos in die Bredouille. Denn der Schöne hat auch noch mit einer dritten etwas laufen: mit ihr (Mercedes Appugliese) trifft er sich auf dem Parkdeck zu einem zauberhaften Duett, wälzt sich im Gras, umschmeichelt ihren Körper im See. Das kann nicht gut ausgehen: Seine Frau packt den Koffer. Und von Eifersucht gequält bringt der Mann den Bruder seiner Geliebten Dolores um. Er endet im Knast.
Packendes Spiel um die Liebe
Eine große, packende Tragödie also, die Hubert Lankes zu Jean Marc Toillons Musik mit seiner Kamera aus ungewohnten Blickwinkeln ins Bild setzt. Und die ganz ohne Worte auskommt –und darum auch von Argentinien bis Australien problemlos verstanden werden kann, wie Erik Grun, der sich als Kommissar einen brillanten Kurzauftritt gönnt, grinsend feststellt. Großartig, wie die Tänzer, die extra für dieses Projekt gewonnen wurden, die Charakter der Figuren herausspielen, heraustanzen, durch ihre individuelle tänzerische Sprache Persönlichkeiten besonderen Zuschnitts entstehen lassen.
Die Unmittelbarkeit, diese Authentizität, die Grun und sein Team an Schauplätzen in und um Regensburg erschaffen, ob auf der Steinernen Brücke, in der Mälze, am Sarchinger Weiher oder in der Kapelle des Spitals, das hat für den Zuschauer auch etwas befremdliches: Ästhetische Bewegungen aus dem Vokabular des zeitgenössischen Bühnentanzes auf knirschendem Kies – und nicht glattgeschliffenem Parkett, ein Duett im Wasser – eine der verblüffendsten Szenen – , das bringt die Sehgewohnheiten eines klassischen Ballettzuschauers gehörig durcheinander.
Tanz ohne Rampenlicht
Ungewohnt auch, dass die Tänzer nicht immer im Zentrum der Ausleuchtung stehen, dass kein Spot ein tanzendes Liebespaar herausholt, sondern ihre Kunst fast schon in Konkurrenz zur Kulisse wirken muss, auch im von Grun herrlich arrangierten Spiel von Licht und Schatten.
Der Regensburger Filmemacher ist ein begeisterter Tanzfan und wollte bereits vor zwei Jahren einen Tanzkurzfilm drehen, berichtet Hans Krottenthaler, Leiter der Regensburger Tanztage und Geschäftsführer des Kulturzentrums Alte Mälzerei, das nun auch die Co-Produktion des Films übernommen hat. Das Thema war schnell gefunden: „Krottenthaler hat gesagt: Alles, nur keine Beziehungsgeschichte“, erzählt Grun. Und prompt…
Drei Wochen wurde am Drehbuch gearbeitet. Die Tänzer wurden bundesweit gesucht. Schließich stand das Team fest: die in Berlin lebenden Argentinier Carlos Osatinsky und Mercedes Apugliese, die vom Theater Regensburg bekannte und nun in Wien lebende Sylke Woschnjak und die Regensburger Tänzerin Berenika Kmiec.

Nur vier Tage wurde gedreht. Die Tänzer hatten dabei enorme Freiheit, entwickelten die Dramaturgie ihrer Bewegungen selbst. Grun und Lankes sind zufrieden: „Wenn wir mehr Geld und Zeit gehabt hätten, es wäre nichts anderes herausgekommen“, sagt Grun. Und Tänzerin Kmiec ist begeistert: „Das war eines der besten Projekte, das ich je gemacht habe. So fantastisch!“ Mittelbayerische Zeitung, 14.11.2012

 

Getanzte Verunsicherungen der Körper
TANZTAGE Gute Ideen und pantomimische Ansätze bei den Publikumslieblingen in der Alten Mälzerei

Michael Scheiner, MZ
REGENSBURG. Wie Gänse oder Erdhörnchen recken sie ihre Hälse hierhin und dorthin, wenden sich – mit geschlossenen Augen – neugierig jedem Geräusch entgegen. Barbara Ebner und Eline van Ark eröffneten mit ihrer Choreografie „Radar“ den Junger-Tanz-Abend mit „Publikumslieblingen“ im Theatersaal der Alten Mälzerei. Ein origineller Einfall, der Raum für Unerwartetes und eine vergnügliche Interaktion mit dem Publikum geboten hätte. Dummerweise ging das Experiment ziemlich in die Hose. Anders gesagt es litt unter der ausbleibenden Dynamik, die eine rege Beteiligung der Zuschauer hätte hervorrufen können.
Publikum macht das Konzert
„In Hoilland sind die Zuschauer weniger zurückhaltend“, beschrieb die Abensbergerin Ebner später ihre Erfahrungen aus dem Nachbarland, wo die beiden Tänzerinnen in Arnheim studiert haben und ihr „getanztes Klangkonzert“ häufig aufführen. Das Konzert wird dabei vom Publikum gemacht, auf dessen beabsichtigte oder zufällige Geräusche die beiden tanzend reagieren. Die Einspiuelung von Natur- und Instrumentalklängen beendete nach zehn Minuten die im Ansatz steckengebliebene „überraschende Erfahrung des Moments“.
Sechs junge Nachwuchstänzer und –kompagnien stellten an dem vor allem bei einem jungen Publikum sehr beliebten Tanztageprogramm unterschiedlich spannende Choreografien vor. Kam in den ersten vier Produktionen der Tanz gegenüber rasenden und rotierenden Bewegungskonzepten etwas zu kurz, machten die Paare Dominic Braunersreuther und Elisabeth Ramoser mit „Kritische Zone“ und Natalie Farks und Mikael Orozco mit „Nous Deux“ dieses Defizit nach der Pause wieder wett – und den Abend für viele Besucher damit rund.
Wenig rund lief es für bei den fünf Tänzern des „Bodhi Project“ der „Salzburg Experimental Academy of Dance“. Zwischen pantomimischen Ansätzen und einber wunderbar stilisierten Robotik brachten sie die „Idee der Unsicherheit, der Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen“, höchst pointiert zum Ausdruck. Wie Krebse oder verunsicherte Viecher knäuelten sich die im sommerlichen Straßenoutfit auftretenden Tänzer scheinbar sinnentleert zusammen, separierten wieder, drehten sich immer schneller im Kreis. Vor und zurück, ruf und runter, bis sie kurz vor dem „Durchdrehen“ sind. Geräuschhafte Musik mit kurzen, heftigen Crescendi verstärkte den asozial wuselnden Charakter von „Centipede“, betitelt nach einer allegorischen Zen-Geschichte vom Hundertfüssler, dessen Laufkoordination durch eine Frage, wie er das mit den vielen Füßen mache, nachhaltig gestört wurde.
Schwingungen in den Körpern
Nicht gestört, aber ein wenig bemüht wirkte Johannes Härtls Choreografie „Pulsing“. Erarbeitet hat er die Idee, über musikalische Impulse Schwingungen in den Körpern zu erzeugen, gemeinsam mit den Tänzerinnen Cheri Isen, Marie Preußler und Therese Madeleine Thonfors, Absolventinnen der Münchner Iwanson Schule. Mit einem vielgestaltigen Repertoire, gespeist aus Ausdruckstanz und HipHop-Formen ließen sie Bewegungen durch sich hindurchwandern, fanden in fast synchronen Mustern zusammen, lösten Gemeinsamkeit wieder auf, zogen sich zurück und verfielen in schüttelfrostartige Zuckungen, die individuell je unterschiedlich zum Ausdruck kamen.
„Sehr anstrengend und mutig“ bezeichnete ein Sitznachbar Eva Egers Choreografie „The House of L.“, das sich entfernt an Edgar Allan Poes düstere Horrorgeschichte vom „Untergang des Hauses Usher“ (The fall of the house of Usher) anlehnt. Ihr von schwarzen Klebestreifen markierter Körper wirkte wie eine Chiffre für eine monsterhafte Ausgeburt, die verletzlich und hart zugleich, unbeholfen und unerbittlich durch eine Welt voller Schrecken stakst – und letztlich im Bemühen um Menschlichkeit scheitert. Heftige musikalische Attacken bringen dabei, wie oft bei Eger, eine tiefe Sehnsucht nach Ausbruch und Anerkennung ihrer Figuren zum Ausdruck.
Hinter schwarzen Gesichtsmasken
Versteckt hinter schwarzen Gesichtsstrümpfen und langen, schwarzen Röcken fanden die beiden Tanzschüler Braunersreuther und Ramoser als scheinbar weibliche – oder neutrale – Körper mit ihrer Choreografie einen überzeugenden Ansatz für eine spannende Begegnung. Erst am Schluss entpuppten sich die neutralen Körper durch die gegenseitige Sichtbarmachung als Mann und Frau – und wurden zu Recht mit dem meisten Beifall belohnt. Mittelbayerische Zeitung, 13.11.2012

 

 

Absonderliche Katastrophen austanzen
Thomas Noone Dance aus Barcelona zeigt an der Universität Regensburg eine der besten Vorstellungen der Regensburger Tanztage.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Geköpft, zertreten, ermattet. Rote Rosen, Ausdruck intensiver Liebe und Leidenschaft, zerstückelt über die Bühne verteilt. Ein desaströser Anblick. Erwachsen aus der Wut, der Rage der Tänzerin (Alba Barral) auf ihren verklemmten, verstockten, begehrten Mann (Javier Arozena), dem sie den Strauß und gleich noch einige andere zart blühende Liebesbeweise aus der Hand eines Anderen um die Ohren gehauen hat. Und gleichzeitig genüsslich ausgekostetes Klischee – auch der leuchtende Teppich, das Bett für die Hingabe, für erregende Aus- und Zusammenbrüche. Drei Tanzpaare der spanischen Kompanie Thomas Noone Dance haben diese mit furioser Eleganz, Geschmeidigkeit und beinahe atemberaubender Dynamik auf die Bühne des Regensburger Studententheaters gebracht.
„Lugares extranamente desastrosos“ – befremdliche bekannte Katastrophen – ist eine dichte, rasante Choreografie des Engländers Thomas Noone über Paare und ihre Beziehungen. Totlangweilig könnte man meinen. Ein Thema ausgelutscht und tausendfach abgegriffen. Was lässt sich da noch herauspressen, was man nicht selbst schon, bei Bekannten, im Freundeskreis oder den doofen Nebenleuten erlebt hat? Genau darum geht es dem britischen Katalanen und seiner nach ihm benannten Tanztruppe auch – dass sich Zuschauer identifizieren, sich selbst in der eigenen Extravaganz, Schrulligkeit und komischen Selbstüberschätzung sehen und erdulden können. Erkenntnis, Selbsterkenntnis im besten Fall und dennoch meilenweit entfernt, eine Lektion oder Parabel zu sein.
Verständliche Bewegungsabläufe
Die drei Paare, Typen wie man sie kennt und überall findet, tanzen die scheinbar universell verständlichen Katastrophen nicht nur grandios und in verblüffenden Einfällen aus. Mimisches und gestisches Spiel verbinden sich mit durchgängig verständlichen Bewegungsabläufen und -formen und einer abwechslungsreichen, modernen Musik zu einem komplexen Ganzen. Der hinter einer elektronischen Instrumentenkanzel, seitlich auf der Bühne verschanzte Musiker Jim Pinchen, ein Multitalent, setzt mit seinem stark rhythmisch betonten Spiel auf Cello, Gitarre, Trompete sowie elektronische Instrumente, und erzielt zudem singend immer wieder durchschlagende Impulse. Dynamisch manchmal an der Grenze, aber blubbernde Dancefloorrhythmen zu eindeutigen Stoß- und Kreisbewegungen – grell und komisch wie bei Pedro Almodovar – können einfach nicht leise säuselnd daherkommen.
In einer solchen, auch musikalisch romantisch gezeichneten Seite einer frischen, aufkeimenden Beziehung, gleitet das „junge“ Paar (Silvia Albanese, Jerónimo Forteza) neckisch verspielt, verträumt von einer Seite auf die andere, aneinander vorbei, touchiert sich, trollt sich. Die „prollige“, gewalttätige Leidenschaft, verkörpert vom athletischen Paar (aufregend Elena Montes und Arnau Castro), geht in einem entfesselten, erregenden Wirbel über Rücken, Brust und Hüften bis ans Messer. Die, wie „Frankensteins Braut“ aufgetakelte Tänzerin – ihr fehlt nur noch der Knochen im Haar zur blutschleckenden Kannibalin –, fuchtelt beidhändig die Mordwerkzeuge gegen sich und den grandios vom Obermacho zur Tunte variierenden Begehrten.
In seiner grotesken Komik genauso abstoßend wie anrührend-drollig, das „bürgerlich-konventionelle“ Paar (Barral, Arozena). Grässlich verzerrt eröffnet es mit lautlosen Schreien – schlagen und richtig laut werden ist verpönt in diesen Kreisen – den 75-minütigen Reigen von Anziehung und Abstoßung, Ignoranz und Unfähigkeit, wilder Ekstase und vergeblichem Bemühen. Ihr kindlich-böses Spiel hinterm Tisch/Schreibtisch und wie Sie sich in reizender Einfalt als süße Köstlichkeit auf dem Teller zum Vernaschen darbietet, gehört zum Umwerfendsten was dieser außergewöhnliche Abend zu bieten hatte.
Großartige Auswahl
Das spürbar mitgerissene Publikum, geschüttelt von Lachsalven und Heiterkeitsausbrüchen, schien das Ende der „absonderlichen Katastrophen“ gar nicht abwarten zu können. Ein Beifallssturm, jedes weniger klischeehafte Bild verbietet sich in diesem Fall, brach sich Bahn, bevor die letzten Tänzer im absinkenden Dunkel die Bühne verlassen hatten. Alles bleibt wie es war, bis hin zum lautlos aufbegehrenden Schrei, den am Ende alle gemeinsam ausstoßen. Bis dahin aber haben sich sattsam bekannte Erfahrungen und Eindrücke neu in Körper und Hirn eingeschrieben. Eine der besten und intensivsten Choreografien, die bei den Tanztagen zu sehen waren. Großartige Auswahl. Mittelbayerische Zeitung, 8.11.2012

 

 

Die Vermessung von Zeit und Raum
Vielversprechend begann mit zwei Uraufführungen und einer Regensburger Erstaufführung die Ballettsaison der neuen Compagnie am Theater Regensburg.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Wie zeigt ein Theater seiner Region seine neue Compagnie? Wie stellt der neue Ballettdirektor seine Tänzer vor? Am besten doch durch herausragende tänzerische Leistungen, durch eine Choreografie, die die Fähigkeiten aller Tänzer gleich betont, nicht sofort die Konzentration auf Stars lenkt, sondern das Kennenlernen der einzelnen Künstlerpersönlichkeiten befördert. Yuki Mori, der neue Ballettdirektor am Theater Regensburg, hat für seinen ersten Ballettabend „Zeit.Raum!“ mit dem Stück „Incantations“ eine Choreografie geschaffen, die dies ermöglicht, die Einblicke gibt in das technisch hohe Niveau des neuen Ballettensembles, sein Potenzial, seine Ausstrahlung und seine Power.
Zunächst ist Stille auf der Bühne im Velodrom. Ein übermannshoher Reifen oder Ring steht aufrecht links im Hintergrund, rechts eine Art silberne Stele. Vor diesem Rad spielt sich alles ab, laufen sich Tänzer wie in Zeitlupe warm oder scheinen von innen heraus zu explodieren, bis der ganze Körper in Aufruhr ist. Schreitend, laufend, springend, sich drehend und in sich verschränkend, mit allen Gliedmaßen erkunden die Tänzer – mal als Solisten, mal als Teil einer Gruppe – zur packenden Musik von Alexandre Rabinovitch den Raum. Höchst artistisch wirkt diese hervorragend getanzte Choreografie, die ebenso rasante Wettkampfszenen hat wie sanfte Momente.
Starker Tanz, schwache Aussage
Und doch, obwohl ständig etwas wuselt und sich das Rad der Zeit spürbar dreht, obwohl die Tänzer mit großer Perfektion ihre diffizilen Figuren und Bewegungsmuster vorführen und das Ensemble teils so viel zu schauen bietet, dass das Auge fast nicht mehr mitkommt, bleibt das Stück zu sehr an der Oberfläche. Tänzerisch beeindruckend, aber ohne fesselnde Aussage. Die „Incantations“, die Beschwörungen und Zauberformeln, verpuffen.
Ganz anders Yuki Moris zweite, ebenfalls an diesem Abend uraufgeführte Choreografie „Schwarzer Regen“, ebenfalls im von ihm minimalistisch karg, aber aussagekräftig entworfenen Bühnenbild, zu Max Richters atmosphärisch dichten und düsteren Klängen. Dieses Stück ist vom ersten Augenblick an voller Dramatik. Ein schwarz gekleidetes Paar ( Ina Brütting und Yuki Mori) sitzt auf einer Parkbank und ist spürbar ebenso stark verbunden wie getrennt. Von Anfang an schwingt etwas Schicksalhaftes mit. Man fühlt die Spannung, den Konflikt, noch bevor man durch das Auftauchen eines zweiten, in Grau gekleideten Paars (Ljuba Avvakumova und Alessio Burani) Ahnungen bekommt, welcher Pfeil sich zwischen die ehemals Liebenden bohrt, welcher Keil sie auseinandertreibt.
Yuki Mori erweist sich mit und in diesem Stück nicht nur als faszinierender, ästhetisch wie kreativ begeisternd formulierender Choreograf, sondern auch als Tänzer von außerordentlicher Klasse. Sein Tanz ist ebenso energiegeladen, machtvoll, gewaltig und kraftstrotzend wie emotional packend.
„Schwarzer Regen“ – und damit wie der radioaktive Fallout nach Hiroshima – heißt das Stück, in dem es um innere Zerrissenheit, um Beziehung unter neuen Vorzeichen bzw. Trennung geht, auch um die zeitlichen wie räumlichen, körperlich empfindbaren Zwischenräume nach einem (traumatischen) Augenblick. Die vier Tänzer setzen Yuki Moris sensibel gestaltete und mit großem Bewegungsvokabular erzählte Choreografie auf wunderbare Weise um. Ob Ina Brütting, Ljuba Avvakumova, Alessio Burani oder der Meister selbst, sie alle geben mit ihren höchst wandelbaren Körpern und ihrem enormen Ausdrucksvermögen den Figuren Gestalt und Persönlichkeit und dem Stoff Tiefe. Ein mitreißendes, (vor dem Hintergrund von Fukushima) auch sehr bewegendes und aktuelles Stück, das begeisterten Applaus des Premierenpublikums erntet.
Ein traumhaftes Schelmenstück
Ebenso stark kommt Stephan Thoss’ erstmals in Regensburg gezeigte Choreografie „Carmencita“ beim Publikum an – aber auf ganz andere Weise: Der Ballettdirektor am Hessischen Staatstheater Wiesbaden, bei dem Yuki Mori fünf Jahre lang Tänzer und Choreograf war, leistet sich ein charmantes Schelmenstück, prall voller Ironie, witziger Ideen und ebenso großartig inszeniertem wie ausgeführtem Tanz. Die gesamte Compagnie (außer den Genannten noch Caroline Fabre, Harumi Takeuchi, Andrea Vallescar, Claudio Costantino, Shota Inoue, Pablo Sansalvador und Riccardo Zandoná) macht daraus zu großen Arien von Verdi, Puccini, Bizet bis Zimmermann eine zauberhafte, hintersinnige Opern-Persiflage voller individueller Glanzleistungen.
In märchenhaftem Bühnenbild (Arne Walther) und Thoss’ traumhaften Kostümen lässt der Choreograf eine gelangweilte Gesellschaft wie Marionetten tanzen. Kräftig überzeichnet liegen sie mit ihrer Performance immer haargenau neben Tonfall und Intention der großen Oper. Eine Meisterleistung des Ensembles. Ein absolut hinreißender Spaß fürs Publikum, das sicher sein kann, dass dieser Abend nur der Anfang war, ein „Zeit.Raum!“ von hoffentlich vielen Glückszeiträumen mit Yuki Moris Compagnie. Mittelbayerische Zeitung, 5.11.2012

 

 

Dancehall gegen Ignoranz und üble Laune
Mit positiver Energie machte das deutsch-österreichische Reggae/Dancehall-Duo Mono & Nikitaman die Nacht zum Tag und den Winter zum Sommer.

Von Micha Matthes, MZ
Regensburg. Die Regensburger Straßen sind an diesem Montagabend menschenleer. Sternenklarer Himmel bei minus vier Grad, nur Wenige wagen sich raus in die Kälte. Chris Topper, der als Support-Act vor Mono & Nikitaman in der Alten Mälze auftritt, bringt es auf den Punkt. Mit einer Stimme, die an Gentleman erinnert, singt er „Walking Through a Ghost Town“. Genau so hat sich die Anreise angefühlt. Im Inneren des Kulturzentrums weht jedoch ein ganz anderer Wind. Die Mälze ist ausverkauft, es herrschen schon bei Konzertbeginn tropische Temperaturen. Alles, was ausgezogen werden kann, wird ausgezogen. Die Garderobe ist nur noch ein einziger Jackenberg. Schon bei Chris Topper zeigt sich das überwiegend junge Publikum mitsingstark. Als dann Mono & Nikitaman energiegeladen im künstlichen Blitzlichtgewitter auf die Bühne stürmen, kennt die bunte Zuschauermeute kein Halten mehr. „Wenn wir die Bühne betreten, dann nicht allein“, singen die beiden „Dancehallpunks“. Und das Publikum steht ihnen bei, singt und klatscht mit, springt, tanzt auf den Tischen. Immer wieder gehen alle Arme hoch.
Sommeranfang im Dezember
Auf der kleinen Holzbühne stehen die beiden Zeremonienmeister sehr dicht am Publikum, immer wieder suchen sie den Kontakt. Mono gibt High Fives an die erste Reihe, Nikitaman nimmt das ausgezogene T-Shirt eines Käppiträgers entgegen und wirbelt es wie ein Hubschrauberblatt im Kreis. Dazwischen immer wieder die Aufforderung: „Singt mit uns!“ Vor allem bei Klassikern wie „Außer Kontrolle“ oder dem Rio-Reiser-Remake „Das Alles“, folgt das Publikum dem Aufruf stimmgewaltig. Wären Mono & Nikitaman „König von Deutschland“, dann wäre künftig „Sommeranfang im Dezember“. Immer wieder besingen die beiden auf relaxte Grooves den Sommer als Idealzustand. Ihre Texte sind Waffen gegen Ignoranz und schlechte Laune: „Das ist Musik für Sommerkinder“. Sie geben positiv Hoffnung und liefern die Vision einer besseren Welt. Lediglich, wenn die Musiker zu breit tönende Hip-Hop-Beats gegen die Einfältigkeit und Dummheit von Neonazis wettern, geht es etwas aggressiver zu. Das deutsch-österreichische Reggae/Dancehall-Duo feiert sich dabei nie selbst, sondern immer seine Hörerschaft. Genau das macht die beiden so sympathisch und spricht die breite Masse an. Nur sporadisch tauchen im Publikum Reggae-Klischees wie Dreadlocks und Mützen in den Farben Jamaikas auf, das Gros ist eher alternativ-leger gekleidet.
Bekannt wurden Mono & Nikitaman vor allem durch ihre vielen Liveauftritte. Seit acht Jahren befinden sich die beiden Dancehall-MCs nun quasi auf Dauertournee. „Live“ heißt auch ihr aktuelles Album und dass sie eine gute Live-Band sind, beweisen sie an diesem Abend eindrucksvoll. Das Publikum gehört geschlossen ihnen. Der Schweiß tropft vom ersten bis zum letzten Tune von der Decke.
Den Kontrollverlust miterleben
Um diesen Kontrollverlust mitzuerleben, ist eine Fangruppe extra aus München angereist: „Das sind Mono & Nikitaman, für so ein Konzert fährt man gerne mal ne Stunde.“ Auch den Musikern gefällt es hier: „Wir bleiben mit euch für immer hier in der Alten Mälze“, rufen sie dem Publikum am Ende begeistert zu. Sie sind hier „unter Freunden“. Mittelbayerische Zeitung, 31.10.2012

 

 

Die bunte Welt des Ausdrucktanzes
FESTIVAL Mehr als 20 Produktionen werden bei den 15. Regensburger Tanztagenb gezeigt. Die Künstler kommen aus vier Kontinenten und bieten enorme Vielfalt.

Von Susanne Wiedamann, MZ
REGENSBURG. Wäre man Wirtschaftsexperte würde man von einer Marke sprechen und eine Gewinnwarnung ausgeben. Die Regensburger Tanztage, die vom 3. bis 25. November zum 15. Mal zeitgenössischen Tanz in unterschiedlicher Ausprägung auf Regensburger Bühnen bringen, haben sich ein festes Publikum weit über die Stadtgrenzen hinaus erobert. Über 90 Prozent Auslastung hatten die Veranstaltungen in den vergangenen Jahren.
Auch für das kommende Festivak hat Hans Krottenthaler von dm ausrichtenden Kulturzentrum Alte Mälzerei ein höchst interessantes Programm zusammengestellt. "Der Tanz hat in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen eine unglaubliche Vielfalt"", sagt Krottenthaler. Dies zeigen auch und gerade die Regensburger Tanztage 2012, die abendfüllende Choreografien ebenso präsentieren wie Kurzstücke und Soli, Tanz in Verbindung mit Live-Musik und Videokunst, experimentellen Tanz und unterhaltende Formate, junge Talente und gefeierte Preisträger.
Auftakt mit Yuki Moris "Zeit.Raum!"
Eröffnet wird das Festival am 3. November vom neunen Ballettdirektor des Theaters Regensburg, dem Choreografen Yuki Mori, mit seiner Compagnie. Der Chefchoreograf wird sich mit dem aus drei Stücken bestehenden Programm "Zeit.Raum!" vorstellen und laut Krottenthaler mit seinen "sehr, sehr spannenden" Arbeiten seine Visitenkarte abgeben. "Dabei ist eine ganz neue Compagnie zu erleben." Zum Abschluss der Tanztage wird dann der bisherige Ballettdirektor des Theaters Regensburg, Olaf Schmidt, noch einmal auf der Bühne zu erleben sein.
Gleich am ersten Abend des Festivals, das auch drei Konzerte umfasst, ist übrigens Party angesagt. Im Theatersaal der Alten Mälzerei tobt am 3.November ab 21 Uhr der Jalla Worldmusic Club mit DJ Rupen & DJ Dimitri. An den Wänden des Kulturzentrums ist auch Tanz zu sehen: "Angehaltene Zeit" heißt die Ausstellung des bekannten Regensburger Fotografen Hubert Lankes, der die Tanztage seit Jahren mit dem Fotoapparat begleitet und in diesem Jahr auch noch in anderer wichtiger Funktion beteiligt ist: Am 14.November wird im Leeren Beutel Erik Gruns Tanzfilm "Verloren in Dolores" vorgestellt. Kamera: Hubert Lankes.
"Der Film ist ein bisschen das Lieblingsprpjekt der Tanztage", erzählt Krottenthaler. "Wir wollen mit initiativ werden, etwas mit produzieren." Im vergangenen Jahr trat die Alte Mälzerei als Produzent eines zweiteiligen Tanzabends auf. Diesmal ist das Kulturzentrum Koproduzent und iNitiator eines Tanzspielfilms, der an nur drei Drehtagen mit Tänzern aus Deutschland, Österreich und ASrgentinien in der Alten Mälzerei gedreht wurde. "Einen Film über 60 Minuten zu machen, das muss man sich erst einmal trauen." Erzählt wird eine Geschichte von Liebe und Leidenschaft. Der Film (der von 14. bis 18.November jeweils in der Filmgalerie im Leeren Beutel gezeigt wird) ist gelichzeitig ein internationales wie regionales Projekt, schließlich sind Regisseur Erik Grun und Kameramann Hubert Lankes Regensburger. Gedreht wurde an besonderen Schauplätzen in der Region.
Seltsam vertraute Katastrophen
Nach Yuki Moris Eröffnung gehört der zweite Abend der Tanztage am 6.November der mehrfach mit internationalen Preisen bedachten Compagnie "Thomas Noone Dance" aus Barcelona. "Das ist eine große Produktion, fast schon zu große für das Uni-Theater", sagt Hans Krottenthaler. Auf die Bühne kommt kraftvoll und voller Dynamik ein Beziehuingsgewirr, das von sechs Tänzern zur Musik des live auftretenden Songwriters Jim Pinchen aufgeführt wird. "Seltsam vertraute Katastrophen" heißt das Stück.
Stzatt "Tnazszene Bayern - Punlikumslieblinge" heißt es in diesem Jahr (11.November) "Junger Tanz - Punlikumslieblinge", wobei die bayerische Szene erneut auch vertreten ist. Krottenthalker hat Tänzer einiger der bedeutendsten Ausbildungszentren Europas eingeladen. Mit dabei sind Eline van Ark und Barbara Ebner von der ArtEZ School of Dance in den Niederlanden, das Bodhi Project von Seag aus Salzburg, Tänzer der Iwanson-Schule in München sowie aus Regensburg Eva Eger und Dominic Braunersreuther.
Zwei internationale Tanzabende besondere Güte finden im Uni-Theater stzatt. Am 20.November gestalten Anna Konjetzky, eine der herausragenden jungen Choreographinnen aus DFeutschlan, und Nelisiwe Xaba aus Johannisburg, eine der bedeutendsten Choroegraphinnen und Tänzerinnen Afrikas einen Abend. Gemeinsam ist den beiden Frauen unter anderem ihre Arbeit mit dem Medium Video. Anna Konjetzky zeigt ihr Stück "Filter", Nelisiwe Xaba tanzt selbst ihr Programm "Uncles & Angels". Am 23. und 24.November präsentieren die Tanztage erneut in der Solotanznacht die Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals von Stuttgart, darunter Rodrigue Ousmane."Das ist beim Publikum besonders geeignet für Tanzeinsteiger, um sich mit Tanz zu infizieren", sagt Krottenthaler. Die beim Publiku überaus beliebte Solotanznacht wird im zehnten Jahr gezeigt.
Erstmals stellt der neue Ballettdirektor Yuki Mori das Programm für die Internationale Aids-Tanzgala am 24.November zusammen.
Mit der Imperfect Dancers Company kommt eine der derzeit spannedsten Gruppen der italienischen Tanzsze nach Regensburg und zeigt am 25.November drei Stücke, zuletzt "Home Free!", das Ina Broeckx, eine der Leiterinnen der Imperfect Dancers, und Olaf Schmidst gemeinsam choreografiert haben und auch gemeinsam tanzen. Ein spannender Abschluss.

TANZ IN REGENSBURG
Die Regensburger Tanztage erleben von 3. bis 25. November ihre 15. Auflage. Seit Beginn des Festivals hat sich in Regensburg in sachen Tanz viel getan, sagt Festivalleiter Hans Krottenthaler.
Die freie Tanzszene, die sich seit einiger Zeit mit dem eigenen Festival Schleudertraum präsentiert, aber auch bei den Tanztagen eine wichtige Rolle spielt, hat sich laut Krottenthaler stark vergrößert. Es gibt inzwischen viele Tanzuprojekte an öffentlichen Schulen und einige neue Tanzstudios, die teils bis zu dreijährigen Ausbildungen anbieten.
Der Tanz am Theater Regensburg stellte sich vor 20 jahren laut Krottenthaler doch noch sehr brav dar, als klassisches Ballett, während der zeitgenössische Tanz unter Frahm/Gössler, dann in der Weiterentwicklung des früheren Ballettdirektors Olfa Schmidt und seit dieser Spielzeit durch den neuen Ballettdirektor Yuki Mori und seine Compagnie einen immer höheren Stellenwert genießt.
Die Wahrnehmung des zeitgenössischen Tanzes habe sich verändert. "Wenn in Regensburg über Kultur gesprochen wird, wird in jedem fall auch über den Tanz gesprochen", sagt Krottenthaler. Die Tanztage hätten viel zu dieser positiven Entwicklung beigetragen.
Mittelbayerische Zeitung, 17.10.2012

 

 

Das ist pure Lust am Leben
Macht nachdenklich und begeistert: das Krüppeltheater in der Alten Mälze

Regensburg – „Schön, dass so viele Nicht-Krüppel gekommen sind.“ Mit klaren Worten begrüßte Regisseurin Ulrike Märzhäuser das Publikum beim zweiten Krüppeltheater in der Alten Mälze. Es war nicht die einzige Spitze, die am vergangenen Freitag serviert wurde.

Von Kathrin Kammermeier
Bei freier Platzwahl bricht im Publikum ja immer der Neid aus. Neid auf den besten Platz mit spitzen Sicht, nah an der Theke, nicht weit zu den Toiletten. Ein Problem, das die Darsteller des Krüppeltheaters nicht kennen. Sie sind Spastiker, Querschnittsgelähmte, an den Rollstuhl gebunden. Ihren Sitzplatz, den haben sie immer dabei. Und an dieser Stelle: Ja kein Mitleid! Denn das wollen sie nicht. Warum auch. Sie sind völlig normal. Das einzige, was sie wollen, ist Gleichberechtigung. Darum auch der Name des Programms: „Sit down for your rights – Enthinderung jetzt!“ Wie behindert sich die Gesellschaft in puncto Gleichberechtigung noch immer anstellt, zeigt die Kombo (musikalisch unterstützt von Ida Erdinger und Band) – schonungslos, ehrlich, mit einer dicken Portion Selbstironie. Skurril sind die Alltagsszenen, die dem Publikum vor Augen führen, wie mit Menschen mit Behinderung umgegangen wird. In der Arbeitsagentur. Beim Friseur. An der Bushaltestelle. Auf der Bühne, da spielen und singen zwei Stunden lang motivierte, blitzgescheite Menschen, denen so wenig Chancen geboten werden. Am Ende bleibt die Frage: warum eigentlich? Schon die Premiere im Mai war ein riesiger Erfolg. Mit Special-Guest Robert Rollinger, Kabarettist beim Bayerischen Rundfunk, setzte die zweite Auflage noch einen drauf. Und zum Ende die Bitte: Noch eine Dritte. Blitzaqktuell, 20.10.2012

 

 

Der Weg zum Sprachfeuerwerk
Lesung Sibylla Hirschhäuser liest bei der on3-Lesereihe in der Mälze und probt dafür seit Wochen ihre Performance. Ein Text, findet die junge Autorin, sollte unbedingt auch Spaß machen.

Sibylla Hirschhäuser ist eine der drei Autoren, die am Vorentscheid der on3-Lesereihe teilnehmen. Ein junges Mädchen will weg aus dem Alltag, auf der Stelle fort von dort, wo sie ist. Schließlich landet sie in einer Bar, die „Die Zukunft“ heißt, trifft einen Jungen und steigt in ein Taxi, das sie einfach nur wegbringen soll aus der schnöden Gegenwart – gelingt die Flucht?Ein Mädchen, das ausbrechen will, ist der Ausgangspunkt der Geschichte von Studentin Sibylla Hirschhäuser, die sich damit in den Vorentscheid der diesjährigen on3-Lesereihe katapultiert hat. Am Dienstag, 23. Oktober um 20 Uhr findet einer der insgesamt vier Vorentscheide in Regenburg statt und die 24-Jährige wird ihre Geschichte aus der „Zukunfts-Bar“ dem Publikum in der Alten Mälzerei präsentieren.Der Sieger des on3-Vorentscheids aus der Domstadt darf zum Finale nach Nürnberg, wo er auf die Stadtsieger aus München, Würzburg und Passau treffen wird. Dem Gewinner des Finales winkt ein Schreibworkshop in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Literaturinstitut, verbunden mit einem Wochenende auf der Leipziger Buchmesse – ein Traum für jeden Autor.„Kamikaze“, das Motto der diesjährigen on3-Lesereihe hat es in sich, findet Sibylla Hirschhäuser: „Die Vorgabe ist schon interessant, man schleicht darum herum. Was ich schwierig fand, war, dass es kein Thema mit Stimmung oder Motiv ist.“ Die Texte ihrer Mitbewerber zum selben Thema kennt sie noch nicht, für sie hat „Kamikaze“ aber auf jeden Fall ein „selbstzerstörerisches Element“. Wie die Figur ist auch sie vor einiger Zeit aus-, beziehungsweise aufgebrochen: Von München hat es sie nach Hildesheim verschlagen, nachdem sie bemerkt hat, dass Filmregisseurin nicht der richtige Job für sie ist. „Das ist einfach nicht meine Art zu erzählen, ich habe einfach gemerkt, dass das Schreiben mir mehr entspricht.“So hat sie ihr Theaterwissenschafts-Studium in München hinter sich gelassen und studiert nun „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ in Hildesheim. Ein Studiengang, der seit einigen Jahren einige der talentiertesten Jungautoren der BRD anzieht und sich durchaus schon einen Namen in der Literaturszene gemacht hat. In Regensburg wird beispielsweise auch Armin Wühle lesen; der junge Autor studiert dasselbe wie Sibylla Hirschhäuser – ein Talentschuppen der Kreativität also, dieses Hildesheim?Auf jeden Fall erlerne man das Handwerk, erklärt Sibylla, die schon seit ihrer Kindheit schreibt und sich nicht erinnern kann, jemals in etwas anderes als Geschichten gedacht zu haben. Über ihre Geschichten sagt sie, dass sie sich wünsche, dass sich jeder Leser darin wieder finden kann, auch eine andere Sicht auf etwas sollte der Leser bekommen. „Aber ein Text sollte auch einfach Spaß machen, sollte unterhaltsam sein und mit Tiefe. Eine Geschichte, die alles will“, fügt sie lachend hinzu. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass es vielleicht klappt, irgendwann mit dem Schreiben als Autorin ihr Geld zu verdienen.Sibylla Hirschhäuser hat schon einige Lesungen gemacht und weiß, was das heißt: üben, üben, üben. „Manchmal ist man bei einer Lesung und kann nicht zuhören, das liegt oft nicht am Text. Man muss einfach wissen, wann man sprechen muss und wann man Pause macht.“ Deshalb wird in Hildesheim gerade auch kräftig an der Sprache gefeilt – großer Vorteil: Sibyllas Mitbewohnerin ist Schauspielerin und hat wertvolle Tipps, die in Hildesheim Sibyllas „Kamikaze“-Text wahrscheinlich gerade in ein akustisches Sprachfeuerwerk verwandeln.Für die Domstadt ist Sibylla Hirschhäuser keine Unbekannte mehr, die Autorin war schon öfter in Regensburg und hat dort immer wieder das Regensburger Theater unsicher gemacht. Unterstützt werden die drei Poeten im Vorentscheid übrigens von der Ausnahmekünstlerin Gustav a.k.a. Eva Jantschitsch aus Wien. Auch sie präsentiert einen exklusiven Text zu „Kamikaze“ und wird den Abend mit ihrer satirischen Elektro-Pop-Lyrik untermalen, die garantiert gegen den Strich geht. Mittelbayerische Zeitung, 17.10.2012

 

Theater ohne Worte
KULTUR Die Alte Mälzerei öffnet ihre Türen für eine Schule der besonderen Art. Der neueste Traumfabrik-Zweig wird vom Georgier Georg Sosani geleitet.

REGENSBURG. Noch eine Theaterschule in der deutschen Theaterlandschaft? Nach dem Motto der Traumfabrik "anders als andere", ist auch die Theaterschule in der Mälze etwas Besonderes und durch die Kombination der Inhalte einzigartig - nicht nur im deutschsprachigen Raum.
Dabei geht es darum, sich ohne Worte in der internationalen Bühnensprache auszudrücken:über die Bewegung und Körpersprache. Dazu gehören Mime corporelle, Elemente aus der Pantomime, nonverbales Schauspiel, aber auch tänzerische und akrobatische Elemente. Zusätzlich werden auch Genres angeboten, die die Traumfabrik auch international bekannt gemacht haben: Schwarzes Theater und Schattentheater.
Angeboten wird ein wöchentlicher Unterricht von Oktober bis Juli. Wer noch mehr lernen will, kann diesen wöchentlichen Unterricht mit Intensiv-Wochenenden ergänzen und damit eine solide Grundausbildung absolvieren. Dieses Angebot richtet sich an Menschen ab 18 Jahren, mit Interesse an der Bewegung und mit Begeisterung am Theater. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Das Besondere an dieser Theaterschule ist auch die individuelle Förderung von offenen und "versteckten" Talenten. Dazu gibt es ein konkretes inhaltliches Konzept mit einem flexiblen Lehrplan, der auf die Bedürfnisse und Neigungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeht. Geeignete und interessierte Schüler haben auch die Chance ins Ensemble der Traumfabrik aufgenommen zu werden.
Alle Interessenten können am kommenden "Kennenlern- & Informations-Wochenende", dem 29./30. September, in der Alten Mälzerei sowohl die Inhalte als auch die Referenten "testen" - erst danach kann man sich entscheiden, ob man dabeibleiben will. Die Teilnahme an den Kursen ist völlig unverbindlich.
Geleitet wird die Theaterschule von einbem der weltbesten Mimenkünstler, Georg Sosani, einem Georgier, der nicht nur bei den Traumfabrik-Aufführungen mit Solo-Szenen begeistert, sondern auch mit eigenen Bühnenstücken auf verschiedenen Kleinkunstbühnen, u.a. in der Alten Mälzerei, das Regensburger Publikum in seinen Bann zieht.
In der Alten Mälzerei hat die Traumfabrik einen Ort gefunden, der ideale Voraussetzungen für dieses Vorhaben bietet. Rainer Pawelke, der Gründer und künstlerische Leiter der Traumfabrik freut sich sehr: "Mit dieser Kooperation und Vernetzung zweier Regensburger Kultureinrichtungen wird eine spannende Symbiose geschaffen, die neue Wege geht. Wir freuen uns darauf." Mittelbayerische Zeitung, 26.9.2012

 

Die Sportis beim „Wellenreiten“ in der Sauna
In der Alten Mälzerei gab es für 400 Zuhörer Clubfeeling und viele bewährte Songs mit den Sportfreunden Stiller.

Von Katrin Wolf, MZ
Regensburg. Es gibt nur wenige Bands, die riesige Hallen füllen und dann wieder in ganz kleinem Rahmen auftreten können, und bei beidem authentisch wirken. Es gibt die gigantomanischen Konzerte, bei denen man das Gefühl hat, man hätte sich eigentlich auch gleich viel Geld sparen und die DVD kaufen können. Keine Atmosphäre, keine Kommunikation mit dem Publikum – viele der ganz großen Bands scheinen ihre Anfänge vergessen zu haben. Oder kann sich jemand U2 auf einem kleinen, intimen Club-Konzert vorstellen?
Jetzt sind die Sportfreunde Stiller nicht U2, und Peter Brugger nicht Bono. Und den Sportfreunden kauft man jede Sekunde ab, dass es ihnen genau so viel Spaß macht, in der Alten Mälzerei vor 400 Zuhörern zu spielen wie in der Münchner Olympiahalle vor 10.000 oder beim Rocken mit der deutschen Fußballnationalmannschaft. Peter plaudert mit dem Publikum, Bassist Rüdiger Linhof springt zweieinhalb Stunden wie ein Verrückter über die Bühne, und auch Schlagzeuger Florian Weber gibt alles. „Als wir vor zwölf Jahren das letzte Mal hier waren, war die Luft sehr sehr dünn – ich hoffe, das wird dieses Mal auch so!“, begrüßt Peter die Fans. Da musste er sich aber keine Sorgen machen – schon nach den ersten Songs glich der Club einer finnischen Dampfsauna. Die Mälze ist eben nicht die Olympiahalle.
Die „Sportis“ hatten sich nach dem Erscheinen ihres Live-Albums „MTV Unplugged in New York“ rar gemacht. Neben ein paar Festival-Auftritten, wie beim Hurricane und Southside Open Air, standen vor allem Clubkonzerte auf dem Programm. „Back to the Roots“ also. In letzter Zeit waren die Bandmitglieder mit anderen Projekten beschäftigt – Florian Weber zum Beispiel hat gerade seinen zweiten Roman „Grimms Erben“ veröffentlicht und geht damit demnächst auf Lesetour.
In der Zwischenzeit sind aber einige neue Songs entstanden – und wo könnte man deren Wirkung besser testen als auf einer Clubtour, in intimer Atmosphäre in der „Dampfsauna“ Alte Mälzerei. Die neuen Songs klingen nach dem bewährten Sporti-Sound, aber auch weicher, runder und erwachsener.
Ansonsten gab es in der Mälzerei vor allem die guten alten Hits zu hören: „Wellenreiten“, „Ich, Roque“ und natürlich „Ein Kompliment“. Das erfreut die jüngeren Fans genauso wie die um die dreißig, für die „Wunderbare Jahre“ der Soundtrack der Abiparty war.
Nein, Peter Brugger ist nicht Bono. „Wir können auch nicht singen, haben wir auch nie gesagt“, heißt es in „1. Wahl“. Und das Gute an den Sportis ist: Das hat auch noch nie jemanden gestört. Denn es gibt eines, was die Sportfreunde können wie kaum eine andere deutsche Band: positive Stimmung verbreiten.
Und abgesehen von allen Hits und aller Professionalität – man würde den drei Musikern auch glauben, dass sie gerade erst gestern in dem Business gelandet sind, so unverbraucht und frisch wirken sie, wenn Peter mit Anlauf zum Stagediving in die Menge springt.
Nach etwa eineinhalb Stunden und zwei Zugaben verabschieden sich die Sportis. Ihre Fußballhymne „54, 74, 90...“, der sie eigentlich ihre bundesweite Popularität verdanken, bleiben Peter, Flo und „Rüde“ schuldig, auch wenn der Song vom Publikum kurz angestimmt wird. Schließlich ist aber auch gerade keine Fußball-WM. Am Ende heißt es dann in einem Lied „was hier passiert, passiert von allein“ – wie das halt so ist mit den großen Bands und ihrer Fanbase.
„Vielen Dank für die Sauna!“ verabschiedet sich Peter am Ende. Die Hoffnung hat sich erfüllt – alles noch wie vor zwölf Jahren. Mittelbayerische Zeitung, 25.9.2012

 

 

Und das alles ohne Whiskey
Die Lesung von Harry Rowohlt ist ein erstaunliches Erlebnis.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. „Und das alles mit Wasser!“ Ein Ausruf der Bewunderung eines Zuhörers in der Pause: Harry Rowohlt liest mit Wasser! Und ist dabei keinen Deut schlechter als ehedem mit einer Flasche Whiskey auf dem Tisch! Rowohlt hat’s nicht gehört, sonst hätte er den Mann womöglich umgehend gemaßregelt: „‚Man kann einen Satz nicht mit ‚Und‘ anfangen‘, sagte einst die sehr geliebte Deutschlehrerin Frl. Else Siems, ,und du fängst einen ganzen Aufsatz damit an.‘“ Mit dieser Invektive ruft sich Rowohlt selbst zur Ordnung, in einem Brief an Inge und Walter Jens aus dem Jahr 2007. Und beweist einmal mehr, was für ein Segen eine gestrenge Deutschlehrerin ist: Man erinnert sich noch ein halbes Jahrhundert später an sie, bei jedem Satz, der mit „Und“ beginnt.
Und welcher Satz würde nicht gern mit „Und“ beginnen wollen? Schon Homer verstieß gern gegen das Siemssche Verdikt – da soll ausgerechnet Harry Rowohlt sich ihm fügen? Hochkonzentriert sitzt der Mann am Tisch, auf dem sich Manuskripte stapeln, und ohne Punkt und Komma geht es dahin. Er ramentert, schwadroniert, extemporiert, memoriert, schweift ab, kommt wieder zurück, nein, schweift gleich nochmal ab, verliert sich in einer verästelten Nebengeschichte, die er freilich so flüssig und druckreif vorträgt, wie sie andere nicht vorlesen könnten, hat anschließend trotzdem nicht den Faden verloren, sondern macht genau da weiter, wo er vor 20 Minuten abgedriftet ist. Zwischendurch gibt’s eine kleine Gesangseinlage, und so geht das über dreieinhalb Stunden – und das ist eine eher kurze Harry-Rowohlt-Lesung.
Ausgangspunkt sind diesmal ein paar Mr.-Gum-Geschichten von Andy Stanton. Liest er gerade aus „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum!“ oder aus „Mr. Gum und der Mürbekeksmilliardär“? Rowohlt weiß es selber nicht, er hat sie alle übersetzt, die fantastischen und wenig korrekten Kinderbücher des Londoner Autors. Sie bieten aber auch eine wunderbare Ausgangsbasis für Exkurse aller Art. Etwa für einen Ratzingerwitz, den man hier gar nicht wiedergeben kann, so gut ist er. Oder für eine vergleichende Reminiszenz an die Staatsempfänge, die Rowohlt bisher absolviert hat: der erste 1985 in Havanna, wo er von Fidel Castro streng gemustert und wegen eines sprachlichen Lapsus’ für den Vertreter einer Schmuddelzeitschrift gehalten wurde, der zweite 2008 bei Horst Köhler, der die irische Präsidentin zu Gast hatte und sich mit dem „Ambassador of Irish Whiskey“ und Übersetzer des Gesamtwerks von Flann O’Brien schmücken wollte. Von Homer mutmaßt man ja, dass er seine Epen alle frei vorgetragen habe. Bei Harry Rowohlt beträgt der Anteil dessen, was er bei dieser „Lesung“ wirklich vorliest, vielleicht ein Fünftel. Der Rest ist frei erzählt. Selten, dass er mal wirklich vom Blatt liest, wie das unglaubliche Handydrama von Emil Wagner, das sich in den zehn Minuten vor Beginn eines Theaterstücks im Parkett abspielt. Sein Lieblingsgedicht von Shel Silverstein kann er sowieso auswendig, auf amerikanisch wie auf deutsch: „It’s all the same to the clam“. In der Übersetzung verfällt Rowohlt ins Bairische: „Des is doch der Auster so wurscht!“ Er ist der einzige Nichtbayer, der sich sowas locker erlauben kann. Mittelbayerische Zeitung, 21.9.2012

 

 

25 Jahre intensive Kulturarbeit
KULTUR Die Alte Mälzerei am Galgenberg stellt ihr neues Programm vor.


Von Max Kolbeck, MZ
REGENSBURG. Das Kulturzentrum Alte Mälzerei hat allen Grund zum Feiern: Mit ihrem aktuellen Programm startet die Mälze in ihre 25. Saison. Seit 1988 bereichert die Regensburger Institution die hiesige Kulturlandschaft mit Konzerten, Lesungen, Theateraufführungen und vielem mehr. „Vor allem die Nachwuchsarbeit und die Förderung regionaler Künstler liegt uns sehr am Herzen,“ sagt Geschäftsführer Hans Krottenthaler. So seien 2011 insgesamt 83 regionale Musikgruppen in der Galgenbergstraße 20 aufgetreten.
„Seit Anfang dieses Jahres haben wir mit Stefan Glufke sogar einen Ansprechpartner für junge Nachwuchsbands“, erklärt Krottenthaler. Besonders stolz ist der Geschäftsführer auf die Beteiligung der Alten Mälzerei bei der Produktion eines Regensburger Tanzfilms. Der Streifen wird bei den Regensburger Tanztagen im November erstmals gezeigt.

Morgen eröffnet Harry Rowohlt die Saison mit einer Lesung. Was genau gelesen und erzählt wird, das entscheidet Rowohlt spontan. Gute Unterhaltung ist aber garantiert. Ein Highlight der Saison ist das Konzert der Sportfreunde Stiller am Sonntag, das innerhalb kürzester zeit ausverkauft war. Die Sportis, die bei ihrem letzten Auftritt in der Domstadt in der Donauarena zu Gast waren, geben in  gemütlicher Club-Atmosphäre vor knapp 400 Besuchern ihre Hits zum Besten.

Ein fester Programmpunkt in der Mälze ist der Poetry Slam, der am 5. Oktober, 9. November und 7. Dezember veranstaltet wird. Freunde amerikanischer Folk-Musik kommen am 6.Oktober auf ihre Kosten, wenn Laura Gibson erstmals in Regensburg einen Eindruck ihres Könnens gibt. Stefan Dettl, der Mastermind hinter LaBrassBanda, stellt am 17.Oktober mit seiner Band sein mittlerweile zweites Soloalbum vor.

Schon am Tag darauf, am 18.Oktober, kommt ein echtes Kabarett-Schwergewicht in die Domstadt. Im Antoniushaus unterhält Olli Dittrich, den schon Loriot lobte, mit seiner Leseschau „Das wirklich wahre Leben“ die Zuschauer. Am 30.November treten die die Mad Caddies aus dem fernen Kalifornien zum ersten Mal in der Alten Mälze auf. Mit einer Mischung aus Punk, Reggae, Dixie und Jazz begeistert die Band schon seit 1995 ihre Fans.
Ein weiterer Höhepunkt im Veranstaltungskalender des Kulturzentrums sind die 15. Regensburger Tanztage 2012. An zehn Veranstaltungstagen zeigt die internationale Tanzszene ihre Kreativität und Vielseitigkeit. Mit dabei sind „Thomas Noone Dance“ aus Barcelona sowie Anna Konjetzky und Nelisiwe Xaba. Karten für alle Veranstaltungen gibt es unter Tel (0941) 78 88 10. Mittelbayerische Zeitung, 18.9.2012

 

Mälze feiert Jubiläum
Die Mälze startet in ihre 25. Spielzeit und füllt sie mit vielen Höhepunkten.

Von Andrea Deyerl
REGENSBURG.Lange Schlangen vor der Mälze sind kein unbekanntes Bild. Auch in der 25. Spielzeit soll das so weitergehen. Die Weichen für ein erfolgreiches Jubiläumsjahr sind bereits gestellt.
Ein Paukenschlag hat sich das Kulturzentrum Alte Mälzerei da eingetütet, um in die Jubiläums-Spielzeit zu starten. Am Sonntag treten die Sportfreunde Stiller dort vor weniger als 400 Fans auf. Karten gab es schon 25 Minuten nach Vorverkauf nicht mehr. Wer bei diesem Run leer ausgegangen ist, darf sich allerdings auf einen proppevollen Herbst freuen. 60 Live-Veranstaltungen kündigte Mälze-Chef Hans Krottenthaler für dieses Jahr an.
Vielfalt, Aktualität und Qualität seien die wichtigsten Kritikpunkte bei der Programmauswahl. Nach diesen Kriterien wurden wieder Künstler gebucht, die einen spannenden Herbst versprechen. Stefan Dettl beispielsweise, der am Mittwoch, 17. Oktober nach Regensburg kommt. Außerdem: F.S.K (28. November), Young Chinese Dogs (19. Dezember), Laura Gibson (6. Oktober), Botanica (14. November), Florian Zack (18. Oktober), Ganes (11. Oktober), Dona Rosa (13. November), das Improtheater Fastfood (29. September), Olli Dittrich (18. Oktober), Caveman (20. Oktober), die on3-Lesereihe mit Musik von Gustav (23. Oktober) und natürlich die Tanztage, die vom 3. bis zum 25. November stattfinden.
Der spannendste Monat der 25. Spielzeit wird der April werden, da der tatsächliche „Geburtstag“ am 30. April gefeiert wird. Doch Details verriet Krottenthaler bei der Programmvorstellung vor Journalisten noch nicht. Dafür gab’s einen Rückblick, bei dem er hervorhob, das der Nachwuchsarbeit in der Mälze eine große Rolle spielt. Von den 154 Liveveranstaltungen 2011 waren 56 mit regionaler Beteiligung. „Beachtliche 83 regionale Musikgruppen haben eine Auftrittsmöglichkeit bekommen.“ Ohnehin steht jungen Musikern die Tür immer offen. Es gibt sogar eigens einen Beauftragten. Stefan Glufke berät Newcomer und die, die es werden wollen, in allen musikalischen Fragen. Rundschau Regensburg, 19.9.2012

 

Mexikanische Ska-Punks singen Hans Albers
Viel Party und ein wenig Kritik: Die Band Panteón Rococó aus Mexiko ließ bei ihrem Konzert die Regensburger Mälze brodeln.

Von Ralf Pauli, MZ
Regensburg. Bei Bandsänger Luis Román Ibarra steht es auf dem T-Shirt, Felipe Bustamante hat es als große Fahne vor sein E-Piano gehängt, am Ende ist es in aller Munde: St. Pauli! Was eine mexikanische Punk-Ska-Band mit dem Hamburger Stadtteil am Hut hat und warum diese den tanzwütigen Regensburgern ausgerechnet die Fanhymne „Das Herz von St. Pauli“, des gleichnamigen Fußballclubs, als Zugabe mitbrachte, sollte sich erst am Ende des Konzerts herausstellen.
Bis dahin konnte das ikonografische Motiv – weißer Totenschädel mit gekreuzten Knochen auf schwarzem Grund – als visuelle Untermalung der gesellschaftskritischen Texte der zwölf Mexikaner verstanden werden, die in dem Mix aus karibischen Rhythmen der Conga- und Bongo-Trommeln, klassischen Ska-Bläser-Klängen und den harten Punk-Riffs der E-Gitarren allerdings beinahe untergingen. Dazwischen warf die Latin-Rockgruppe ruhigere Reggae und Dub-Stücke ein, in denen sie die Themen Gerechtigkeit und Kampf für Rechte und Freiheit besser zur Sprache bringen konnten. Die Texte der übrigen Lieder orientierten sich in bester Latino-Folklore-Tradition an Dauerbrennern wie Liebe und Tanz, Saufen und Revolution. Aber für die spanischen Liedtexte dürfte die Minderheit der überwiegend jungen Konzertbesucher in die Alte Mälzerei gekommen sein. Denn Panteón Rococó bedeutet vor allem eins: tanzen, tanzen, tanzen.
Wer die Konzerte lateinamerikanischer Bands des Veranstalters Uli Eidenschink kennt, der weiß, wie schnell sich die Mälze in einen subtropisch anmutenden, dampfend-explosiven Mikrokosmos verwandeln kann, in dem Bühne und Tanzsaal, Musiker und Zuhörer zu einem einzigen tanzwahnsinnigen Musikerlebnis verschmelzen.
Neben Panteón Rococó sind regelmäßig namhafte südamerikanische Rock-Gruppen in Regensburg zu Gast, darunter La Vela Puerca, Karamelo Santo oder Abuela Coca – Bands, die wie die Mexikaner in ihrer Heimat ganze Stadien mit ihrem unter „Rock Nacional“ zusammenfassbaren, energiegeladenen Stilmix füllen. Man muss deshalb die Leistung würdigen, Bands wie Panteón Rococó Jahr für Jahr nach Regensburg zu locken. Dass sei überhaupt nur deshalb möglich, weil die Mitarbeiter der Mälze auf einen Teil ihres Verdienstes verzichten, verrät Antonio Zarate, der ein Mischpult bedient, dass sich der Veranstalter sonst nicht leisten könnte. Mittelbayerische Zeitung, 16.8.2012

 

Liebestänze in Regensburger Badezimmer
Künstler aus ganz Europa drehen in Regensburg einen Tanzfilm. Im November feiert das anspruchsvolle Stück über eine Vierecksbeziehung Premiere.

Von Davina Lang und Jürgen Scharf, MZ
Regensburg. Ein athletischer junger Mann, bekleidet mit Hemd und Stoffhose, steht in einer Badewanne. Seinen Kopf hält er unter den Duschkopf. Das Wasser rinnt ihm über den Körper. Dazu läuft beruhigende Klaviermusik. „Bereit? Silke, Carlos, bereit? Hubert, bereit?“, fragt Regisseur Erik Grun. Alle nicken. Silke Woschnjak, eine blonde, zierliche Frau, beginnt langsam um die Badewanne herumzuschreiten. Hubert Lankes filmt alles mit seiner Handkamera. Als Woschnjak ihre Runde fertig gedreht hat, ist Grun zufrieden. „Wunderbar, das hat gepasst“, ruft er ihn den Raum. Und auch Lankes gibt grünes Licht: „Ja, ist alles im Kasten.“
„Painful“ ist der Arbeitstitel eines ungewöhnlichen Projekts, für das Künstler aus ganz Europa in Regensburg zusammen gekommen sind. „Painful“ – das wird der erste in Regensburg gedrehte Tanzfilm sein. Seit Jahren schon geisterte diese Idee durch die Köpfe von Regisseur Erik Grun und Fotograf Hubert Lankes. Nun fanden sie endlich einen gemeinsamen Termin, um die Sache anzugehen.
Mehrere Monate wurde alles vorbereitet. Grun feilte intensiv an seinem Drehbuch, Lankes kümmerte sich um die Technik. Ein Großteil des Films wird in Lankes’ Wohnung im Stadtnorden gedreht. Die schönen, kunstvoll gestalteten Räume bieten wahrlich eine passende Kulisse. Außenaufnahmen drehen sie unter anderem in einem Regensburger Parkhaus. Alles wurde penibel geplant – denn nur drei Tage können die vier Tänzer vor Ort sein. „Was wir dann nicht im Kasten haben, werden wir nie haben“, sagt Lankes.
Die vier Tänzer, das sind Silke Woschnjak aus Österreich, Mercedes Appugliese aus Argentinien, Berenika Kmiec aus Polen und Carlos Osatinsky aus Argentinien. Alle sind Profis, ausgebildete Tänzer, die schon viele Engagements hatten. Nur aufgrund ihrer Erfahrung ist der enge Zeitplan einzuhalten. Wie auf Knopfdruck setzen sie die kurzen Anweisungen von Grun spontan um – denn exakt durchchoreographiert sind die meisten Szenen nicht. Es geht darum, Stimmungen auszudrücken.
Mittelbayerische Zeitung, 9.8.2012

 

Vom Proberaum auf die Bühne
Beim Mälze-Hausband-Sommer-Festival am Samstag, 21. Juli zeigen zehn Newcomer ihr Können.

Von Andrea Deyerl. Regensburg. Den jungen Bands die Möglichkeit geben, aufzutreten, zeigen, wie vielfältig die Bands-Szene in Regensburg ist und wie kreativ die Musiker-Köpfe der Domstadt sind. Darauf zielt das Mälze-Hausband-Sommer-Festival ab. Vor dem Abschied in die Sommerpause sollen am Samstag, 21. Juli die Bands aus dem hauseigenen Proberäumen die Chance kriegen, ihre Töne erklingen zu lassen. Dabeisein wird alles von klassischem Songwriting über Street-Percussion bis zum Garagen- oder Latin-Rock. Die Mälze ist seit jeder nicht nur Veranstaltungsort, sondern auch Produktionsstätte für die verschiedenen Sparten. Insgesamt proben derzeit rund 40 Bands und Einzelmusiker in den Proberäumen der Mälze. Beim Sommerfest präsentieren sich zehn Bands unterschiedlicher Stilrichtungen. Mit dabei sind unter anderem Michael Krein, Rolli Bohnes und Franziska Kögl mit gefühlvollem, akustischem Songwriting. JUT interpretieren Jazz- und Swing-Klassiker und 35 Places machen tanzbare Rockmusik. Bei Move & Groove und ihre Street-Percussion trifft HipHop auf Samba und Stomp auf den Dschungel der Großstadt. Zarate präsentieren ihren feurigen Latin-Rock diesmal als Trio mit einer "Akustikshow" und die achtköpfige Formation Kräuterkur bringt mit Reggae, Roots und Ska die Musik für den Sommer. The Healing Process schließlich stehen für anspruchsvollen Progressive-Rock und Shotter gehören schon seit Jahren zu den interessantesten Rockbands in Regensburg. Im Mälze-Club spielen die Rock'n'Roller von Rattleneck und die Metal-Hardcore-Formation Reject The Truth. Erleben kann man die Musiker ab 15 Uhr auf der Open Air Bühne im Biergarten und später im Club der Mälzerei. Das Kulturzentrum setzt dabei statt auf Mega-Beschallung eher auf kultiviertes Gartenparty-Flair. Der Eintritt ist sowohl auf der Open Air Bühne als auch im Club frei. Bei schlechtem Wetter findet das gesamte Programm auf der Clubbühne statt.

Kreatives Zentrum am Galgenberg
Wenn Mälze-Chef Hans Krottenthaler durchzählen würde, käme er auf 150 Musiker, die im Kulturzentrum Alte Mälzerei ein- und ausgehen. Genauer beherbergt die Mälze 40 Bands (teilweise sogar überregional erfolgreich) und viele Einzelmusiker - damit ist die Mälze in Sachen Proberäume das Kreativzentrum der Stadt. Neun Räume stehen zur Verfügung. Der Run auf freie Plätze ist entsprechend riesig, die Warteliste entsprechend lang. Wer einen der Plätze ergattert hat, muss sich nicht nur mit den anderen Bands im gleichen Raum einigen und einen Belegungsplan erarbeiten, gemeinsam sind alle Bands auch für "ihren" Raum verantwortlich. Sauberkeit ist Pflicht. Und einigermaßen Ruhe auch: Geprobt werden darf nur mit geschlossenem Fenster. Wer die Regeln befolgt, hat mit der Mälze einen starken Partner. Erst kürzlich wurde Stefan Glufke als Ansprechpartner eingesetzt. Er unterstützt die jungen Musiker bei Fragen zu Bandbewerbung, Förderprojekten, Fortbildungen, Workshops und so weiter. Ein weiteres Plus sind die vielen Auftrittsmöglichkeiten, die die Mälze bietet. Bei der Veranstaltungsreihe "Heimspiel" zum Beispiel, als Vorband vor einem größeren Act oder eben beim Mälze-Hausband-Sommer-Festival. Mittelbayerische Zeitung, 18. Juli 2012

 

 

Irish Folk und neue Volksmusik in schönster Tradition
Bayrisch-Irish wurde in der Mälze gesungen, gespielt, gestichelt.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Starker Tobak: „Ein musikalisch noch nie dagewesenes Hörerlebnis“ reklamiert die Ankündigung eines Konzertes der Iren von Na Ciotogi und der Altbaiern von Da Huawa, da Meier und I selbstbewusst für sich. Dabei gab es schon in den 80ern ähnliche Begegnungen. Und geht man einige Jahrzehnte weiter zurück und geografisch weit weg, ins gelobte Amerika, standen solche Erlebnisse wohl des Öfteren auf den Programmtafeln ländlicher Kneipen im mittleren Westen. Am Land eben, bei den deutschstämmigen Bauern oder irischstämmigen Farmern, wie der einst ehrbare Berufsstand bei den Amis heißt.
In der Mälzerei absolvierten die Mitglieder der beiden Bands den letzten Gig ihrer gemeinsamen Tour. Vor weit über 200 Besuchern, die ganz narrisch darauf aus waren, dass der große Blonde, „Du Huawa“ Christian Meier, „sei Mei“ aufmacht und stichelt. Gegen Tölpel, die Nachbarn, Facebook-Nutzer, überspannte Niederbayern und protzige Bauern, gegen sich und die Männer im Publikum. (Fast) Jeder bekommt ein bisschen sein Fett weg. Standfestigkeit bringt man selbst genug mit, um sich ebenfalls ein wenig aufs Korn zu nehmen – sonst würd’s ja keinen Spaß machen. Nur wirklich weh tun darf es niemandem. Man gibt sich gewitzt, spöttelnd, grün und wertkonservativ, trinkfest und gestanden. Und man kommt mit seinen Fans zusammen, um ihnen um den Bart zu gehen und sie doch immer wieder ein wenig auf den Arm zu nehmen. Da Huawa, da Meier und I nie zu weit. Die drei flotten Ostbayern – zwei Niederbayern und einer aus der Oberpfalz – wissen nur zu genau, wo die Grenze zwischen einem derben, aber gutmütigen Scherz und einer bösen Satire ist. Allerdings muss der Geschmack schon gelegentlich darunter leiden und der eigenen Frau – „sie buchstabiert sich seit der Hochzeit vor drei Jahren B-O-S-S“ – darf man gern mal das älteste und beschränkteste Klischee überstülpen.
Vom „völkerverbindenden Abend“ war in der ersten Hälfte des Konzertes wenig zu spüren, sieht man einmal vom wiederholt deutlich herausgestellten und dick unterstrichenen Durst nach Bier ab. Da durfte dann gern auch ein bisschen geprahlt werden. Zeitweise konnte man gar den Eindruck eines Verbalkonzertes bekommen und wartete gespannt, ob die Männer, die da auf der Bühne rumsitzen und Witze reißen, überhaupt mit den Instrumenten umgehen können, die da vor ihnen stehen.
Natürlich können sie, keine Frage. Der irische Part – mit fünf Musikern – beschränkte sich aber weitgehend auf ein wenig Begleitung und farbiges Beiwerk für die Songs der frechen Oberniederpfälzerbayern. Knietief in der traditionellen Volksmusik verankert, wildern die Burschen gern auch auf modernen Stilweiden, grasen Reggae, Folk und rockiges Futter und motzen damit ihren gemütlichen Sound gelegentlich auf.
Nach der Pause durften dann auch die irisch-trinkfesten Kerle ran und einige ihrer richtig flotten Polkas und Slides zum Besten geben. Tatsächlich wagten sich dann sogar einige Tänzer aufs Parkett und gaben der Musik damit etwas vom ursprünglichen Sinn. An einem alten Arbeiterlied über einen erbitterten Bergarbeiterstreik im frühen 20. Jahrhundert wurde schließlich – auch musikalisch – deutlich, dass es trotz Ähnlichkeiten zwischen den Landsleuten auch deutliche kulturelle und soziale Unterschiede gibt. Zum Glück, möchte man seufzen. Sonst könnte man, wie ein Teil des Publikums, schon über die Witze lachen, bevor sie überhaupt aus dem losen Mundwerk der Meiers purzeln. S’ist eh’ alles gleich toll – oder unbedeutend. Hauptsache, es macht Spaß.
Mittelbayerische Zeitung, 10.6.2012

 

Bands spenden für Amnesty International
Musik. Beim Heimspiel-Festival in der Alten Mälzerei wurden 900 Euro eingenommen / Auf Gagen wurde verzichtet

REGFENSBURG Die Alte Mälzerei fördert seit vielen Jahren unter dem Titel "Heimspiel" junge Rock- und Poptalente aus Regensburg und der Region. Der 100. Heimspiel-Abend wurde mit einem Heimspiel-Festival gebührend gefeiert. Dabei wurden 900 Euro eiungenommen, die nun der Regensburger Ortsgruppe von Amnesty International übergeben wurden. Fünf der vielversprechendsten regionalen Bands unterschiedlicher Musikrichtungen und eine Gastband aus den Niederlanden rockten wieder für einen guten Zweck. Die Bands spielten ohne Gage und die Mälzerei stellte kostenlos die gesamte technische und personelle Infrastruktur zur Verfügung. Nach einem begeisternden Konzertabend konnten die Mälze-Organisatoren den Regensburger Amnesty-Gruppen einen Scheck über 900 Euro übergeben. Amnesty International Regensburg setzt sich unter anderem für die Freilassung des chinesischen Journalisten und Künstlers Shi Tao ein. Außerdem wird mit dem Betrag der Asyl-Arbeitskreis von Amnesty in Regensburg unterstützt. Mittelbayerische Zeitung, 12./13.5.2012

 

Wichtig ist, dass man jedes Wort sagen will
Beim ersten U-20 Poetry Slam in der Alten Mälzerei wagten sich zwölf Jung-Poeten - teilweise zum ersten Mal - mit ihren Texten auf die Bühne.


Von Andrea Deyerl.
Sven Hörmann aus Neumarkt war einer der Jung-Poeten, die sich beim ersten U-20 Slam in der Mälze ans Mikro trauten.
Nervös war Christoph nicht. Dafür ist er schon zu lange dabei. Klarer Vorteil gegenüber denen, die ganz frisch anfangen mit dem Dichten. Denn beim U-20 Poetry Slam in der Alten Mälze stehen neben Christoph Schwarzfischer ganz gewollt junge Poeten auf der Bühne, die ihr Lampenfieber das erste Mal überwinden.
Astrid Kötterl und David Häuser, die beiden Jüngsten im Mälze-Team, haben den U20-Slam auf die Beine gestellt. Im Vorfeld hatten sie unter anderem bei Poerty-Slam-Workshops die Werbetrommel gerührt (kult.de berichtete).
Am Donnerstag, 3. Mai trauten sich dann tatsächlich zwölf Jung-Slamer auf die Bühne in der Mälze. „Bei mir war der erste Auftritt ein komisches Gefühl“, erinnert sich der 20-jährige Christoph. „Zuerst habe ich mich nicht zurechtgefunden auf der Bühne.“ Doch Spaß gemacht hat es von Anfang an. Und als er dann das erste Lob einheimste, waren alle Zweifel vorbei.
Worüber er so schreibt? „Das Alter bestimmt die Themen. Es geht um Sachen, die einem durch den Kopf gehen.“ Und nach einer kleinen Pause fügt Christoph schmunzelnd hinzu: „Meine ersten Texte drehten sich um Alkohol.“ Von großen politischen Themen sollte man seiner Meinung nach die Finger lassen. Die nämlich könne man in den fünf Minuten, die man pro Auftritt Zeit hat, nicht abhandeln. Doch ansonsten kann jedes Thema funktionieren. Lustig, ernst, nachdenklich, mit viel Sinn oder mit weniger Sinn – egal. „Wichtig ist eigentlich nur, dass man jedes Wort, das man auf der Bühne sagt, auch wirklich sagen will.“
Die Texte der anderen Poeten handelten oft von der Zukunft, davon, zu sich selbst zu finden. Zwei davon waren auch Kabarett-Preis-verdächtig und sorgten für laute Lacher. Das honorierte auch die Jury. Fünf (Fach-)Leute aus dem Publikum wurden vorab von Moderator Ko Bylanzky mit Block und Stift ausgestattet und durften nach jedem Auftritt Punkte von null bis zehn vergeben.
Die meisten davon gingen tatsächlich an den Regensburger Christoph Schwarzfischer, der seinen Text, der immer noch ein bisschen von Alkohol, aber auch von großen Gefühlen handelte, perfekt durchdacht, vorbereitet und ausgefeilt hatte. Auf Platz zwei und drei Lena Hacker aus Bayreuth und Sven Hörmann aus Neumarkt mit ihren spaßigen Texten.
Der U-20 Poetry Slam soll, trotz der enormen Vorarbeit, die nötig ist, ab jetzt regelmäßig stattfinden. Mälze-Chef Hans Krottenthaler erhofft sich dadurch mehr Nachwuchs für und in Regensburg, das sich zur Poetry Slam-Hochburg gemausert hat.
Wer Lust bekommen hat, ist jederzeit herzlich willkommen in der Gemeinschaft der Poeten. „Am besten, man geht so ein, zweimal hin zu einem Slam und schaut es sich an“, rät Christoph. Außerdem solle man einfach den Kontakt zu den Anderen suchen. „Das sind auch nur Menschen.“ Und meistens sogar recht nette. Mittelbayerische Zeitung, 4.5.2012

 

Bayernslam 2012 vom 17. bis 19. Mai in Bamberg

Guten Tag! Ganz Bayern fiebert dem 19. Mai entgegen. Nicht etwa, weil dann ein großes Fußballspiel o.ä. stattfände, nein, am 19. Mai steigt das Finale des BAYERSLAM 2012 in Bamberg.
Zum zweiten Mal nach Regensburg 2010 werden die bayerischen Meisterschaften im Poetry Slam ausgetragen. 40 Teilnehmer werden ihr Bestes geben, um Bayernmeister in 2 Kategorien zu werden. Auf keinen Fall wird es einen Wiederholungssieger geben, denn der amtierende Bayernmeister Christian Ritter (Bamberg) tritt nicht an, organisiert stattdessen in Zusammenarbeit mit Nora Gomringer und der Landesgartenschau den BAYERNSLAM 2012. Dort, auf dem Gelände der Landesgartenschau, wird der Bayernslam tagsüber und abends stattfinden. Nachts steht der morph club als Anlaufstelle bereit. By critter on 23. April 2012

 

Klingende Münze: Investition in Musikwirtschaft lohnt
In Alteglofsheim diskutieren Fachleute, wie man Kreative unterstützen kann.


Von Claudia Bockholt, MZ
Alteglofsheim. Pop&Rock: Diesen Musikgattungen haftete – in strengem Gegensatz zur U-Musik – früher der Ruch biergetränkter Kellerbühnen und zugemüllter Festivalgelände an. Ein klarer Fall fürs Jugendreferat. Auch heute verstehen viele Verwaltungsleute unter repräsentativer Kultur noch etwas anderes: Schillers „Räuber“ und Beethovens „Eroica“ sowieso, Tanztheater vielleicht, bei Fusionjazz wird‘s schon eng. Doch: The times they are a-changin’…
Thomas Mütze sang früher in einer Westernhagen-Coverband. Wenn er heute ans Mikro geht, dann für die Grünen im Bayerischen Landtag. Dieter Gorny wurde bekannt als Geschäftsführer des hippen Musiksenders Viva. Heute ist er u.a. Professor für Kultur- und Medienwissenschaft und Aufsichtsratsvorsitzender der bundesweiten Initiative Musik gGmbH. Tim Humpe ist Gründungsmitglied der H-Blockx. Noch immer ist er als Gitarrist auf Tour, organisiert darüberhinaus jedoch als freiberuflicher Berater und Projektmanager unter anderem das Sommerfest des Bundespräsidenten.
Das sind nur drei von rund 180 Teilnehmern der Bundesfachkonferenz Popularmusikförderung, die heute in der Musikakademie Alteglofsheim beginnt. Zum zweiten Mal wird „Plan! Pop“ von der Initiative Musik, einer Fördereinrichtung der Bundesregierung, veranstaltet. Die Premiere fand 2009 in Rostock statt. Da ging es um Förderstrukturen, Medienkooperationen, Kreativquartiere oder die Musik als Standortfaktor. Sehr viel theoretischer Überbau, der unter anderem an der Musikakademie in Alteglofsheim ganz praktisch an den Mann gebracht wird. Nach wie vor finden dort Geigenkurse und Workshops junger bayerischer Orchestermusiker statt. Doch mittlerweile werden in dem spätbarocken Prachtbau auch junge Rockbands in Sachen Selbstvermarktung gecoacht, Andreas Donauer (Donikkl) bildet Lehrer fort und Reamonn-Gitarrist Uwe Bossert betreibt mit Nachwuchsmusikern „verstärkte“ Eliteförderung.
Schon seit 2003 beherbergt die Musikakademie das Rock.Büro Süd. Und Bayerns Rockintendant Bernd Schweinar ist seit Anfang 2011 auch künstlerischer Leiter des Hauses. So fusionieren im Schloss verstärkt Klassik und Rock, Pop und Volksmusik.
Die Künstler verschiedener Sparten gegeneinander auszuspielen, davon hält Schweinar grundsätzlich nichts. Dennoch gewinnt er der „Kulturinfarkt“-Polemik gegen die hochsubventionierte Hochkultur und der darum entbrannten Debatte etwas ab. „Das ist eine spannende Diskussion. In Hamburg zum Beispiel wird bei den Clubs gekürzt, um das finanzielle Desaster der Elbphilharmonie abzufedern“. Doch schon mit 10000 Euro, die allein ein Glaselement des kostspieligen Konzerthauses kostet, könnte ein kleiner Club „ganz, ganz viel machen“, sagt Schweinar. Und natürlich komme da die Frage auf, ob es nicht klüger wäre, ein einziges, sehr teures Flaggschiff zu opfern, um in der Breite sehr viel mehr zu erhalten. Sogar die Furcht vor der mittlerweile auch politisch etablierten Piraterie im Internet hält er für hilfreich. „Endlich wird darüber diskutiert, dass das Kreative eine Wertigkeit hat!“
Derzeit kann Schweinar niemandem zu einer Musikerlaufbahn raten. Erstmal eine Ausbildung machen, rät er jedem ambitionierten Nachwuchskünstler. Etwas Gscheits lernen also. Musik als einziges Standbein sei erst dann ratsam, wenn man weiß, dass man durch Auftritte sein Einkommen sichern kann. Das jedoch, weiß der Rockintendant, „gelingt nur etwa einem Prozent“.
Hart verdientes Brot also, zumal dann, wenn ein Künstler kein Händchen fürs Geschäftliche hat. Dass es sich lohnt, den kreativen Köpfen im Land beim Aufbau einer Existenz unter die Arme zu greifen, haben auch Politik und Wirtschaftsverbände erkannt. Kreativität und Innovationskraft sind die entscheidenden Wettbewerbsfaktoren der Zukunft, lautet die Erkenntnis. Bei guten Ratschlägen allein sollte es nicht bleiben. So unterstützt die Initiative Musik der Bundesregierung Musiker und Musikunternehmer in diesem Jahr mit 1,5 Millionen Euro Fördergeldern. Mittelbayerische Zeitung, 2.5.2012

 

Jubel für Stoiber in, äh, Schaidingsburg
Das Publikum tobt, wenn Wolfgang Krebs seine Paraderolle gibt und wenn Horst „Ha-ha-ha!“ Seehofer die Bühne betritt.


Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Mit einem jovialen lauten Lachen betritt Horst Seehofer alias Wolfgang Krebs die Bühne der voll besetzten Alten Mälze, die zum Deck eines auf Wa(h)lfang ausgerichteten Schiffes umgeformt wurde. „Ha-ha-ha-ha-ha!“ Horst Seehofers Lachen, seine Witze und das immer wieder dazwischen gestreute „Spaß!“, der strahlende Gesichtsausdruck und seine ganze Gestik und Mimik lassen Wolfgang Krebs auch noch die fehlenden 20 Zentimeter Körpergröße wettmachen, so echt bringt der Kabarettist die Charakteristika des Ministerpräsidenten rüber.
Er berichtet von den zahlreichen Veranstaltungen an Bord des „Schiffes“, wie zum Beispiel über den Vortrag von Christine Haderthauer zum Thema Kinderbetreuung. Thema: „Das Für und Wider eines Krippenplatzes am Beispiel Jesus Christus“. Krebs brilliert als gut gelaunter Seehofer mit den Worten: „Ich bin ein Regensburger!“ und er prahlt damit: „Ich kann Menschen so sehr ignorieren, dass sie an meiner Existenz zweifeln – Ha-ha-ha!“
Sein Weg sei „ein kompromissloser Zick-Zack-Kurs“ und seine Wahlparole laute „Entweder konsequent oder inkonsequent!“. Im Übrigen gibt Horst Seehofer allen Politikern wertvolle Tipps mit auf den Weg: „Man macht sich beliebt dort, wo man ist, und schimpft auf die, wo man schon war – das habe ich mir von Guttenberg abgeschaut – Ha-ha-ha!“ Zur Musik von „New York, New York“ intoniert Seehofer/Krebs als Schlussakkord frech: „…dass es so toll ist, auch wenn der Schaidinger regiert, ich steh’ auf Regensburg!“
Maggy Montana und Waldemarie
Seehofers Vorgänger Günther Beckstein lässt Krebs als kleines verhuschtes fränkisches Männlein auf die Bühne kommen, das dafür da ist, das Seemannsgarn zu entwirren, um daraus später „Knoten machen zu können“. Aber Beckstein ist hinterlistig. Er verkleidet sich als Pirat – „da brauch’ ich kein Programm, aber es ist lustig!“
Mit einer ordentlichen Portion Schmalz in Stimme und Gestik erklimmt schließlich der schwäbische Schnulzensänger Maggy Montana die Bühne und bringt das Publikum zum Weinen (vor Lachen!) mit seinem Hit „Wenn die Buzuki weint in Montepulciano!“ und „Bleib bei mir, wenn ich komme!“ Und auch Wolfgang Krebs kann der Versuchung nicht widerstehen: Er kommt als Frau verkleidet auf die Bühne, als Bestsellerautorin und Lebensberaterin Waldemarie Wammerl vertritt er die Interessen der „Bestager“ (gesprochen „Bästahga“) und verfängt sich in so manchem platten Comedy-Witz: „Ich kann jetzt auch schlechter einparken als früher, weil ich schlechter höre“ oder „Es gibt Frauen, die können anziehen, was sie wollen, denen steht nichts. Es gibt auch Männer …hm…“.
Am glaubwürdigsten und umwerfend echt ist Wolfgang Krebs als Edmund Stoiber. Schon beim Nennen des Ortes, an dem er sich befindet, gerät der fürs notorische Versprechen berühmte Stoiber ins Trudeln: „Ääääh…..Schaidingsburg…?“ Legendär auch seine wahllos ineinanderverdrechselten schiefen Metaphern: „Da lasse ich mir keinen Schuh draus drehen“ oder „wie aus der Zitrone gepfeffert“ und „dem komme ich schon – äääh – auf die Sprünge –äääh–“.
Als Stoiber einfach spitze
Als wahre halb besoffene Urgewalt erschreit sich der Wolfgang Krebs als Vereinsvorstand Schorsch Schöberl Gehör in der Mälze. Es geht ihm um den Waschbetontrog, der dem Franz Josef Strauß dereinst so gut gefallen hat und für den ein Förderverein gegründet wurde. Mit einem Wortschwall, derb, grob, bar jeglicher Argumente, aber vorgetragen in hoher Dezibelzahl und extrem hoher Dialektdichte wird Krebs als Schorsch zum Inbegriff des Wirtshaus- und Vereinspolitikers, so als hätte er sich zuhause ein Destillat aus echten Vorbildern zusammengebraut. Respekt – das klang fast wie im richtigen Leben!
Krebs beendet seinen Auftritt mit seiner Paradefigur Edmund Stoiber. Da stimmt jedes falsch angewandte Wort, da passt jeder halb ausgesprochene Satz, da sitzt das „Ääääh ……“ genau an der richtigen Stelle. Das Publikum in der Mälze tobt vor Lachen und lohnt dem Kabarettisten seine Kunst mit einem begeisterten Applaus. Mittelbayerische Zeitung, 26.4.2012

 

Ein Forum für den Nachwuchs
Wortsport: Beim U-20 Poetry Slam in der Mälze sollen junge Poeten auf die Bühne.



Regensburg. Die Großen machen’s vor. Der „normale“ Poetry Slam hat sich bereits über Regensburgs Grenzen hinweg einen Namen gemacht. Nun soll sich auch der Nachwuchs auf die Bühne wagen. Beim U20-Slam am Donnerstag, 3. Mai sind die jungen Poeten unter sich.
Von Andrea Deyerl. 66 Poetry Slams gab es bereits im Kulturzentrum Alte Mälzerei. Währenddessen standen rund 800 Poeten auf der Bühne, viele davon haben sich inzwischen in der Szene einen Namen gemacht. Seit der ersten Veranstaltung im April 2001 entwickelte sich der Poetry Slam in Regensburg mit durchschnittlich 300 Besuchern zu einem der größten Bayerns. Da kann es schon mal passieren, dass gerade junge, unerfahrene Talente kalte Füße bekommen.
Deswegen soll es nun am Donnerstag, 3. Mai einen U20-Slam geben, bei dem auch junge Poeten sich trauen dürfen, ihr Können aneinander zu messen. „Die Idee dazu hatten wir schon lange, aber die Umsetzung ist bisher immer an der enorm aufwendigen Vorarbeit gescheitert“, erzählt Mälze-Chef Hans Krottenthaler. Doch mit Astrid Kötterl, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, und dem neuen Auszubildenden David Häuser kamen im September vergangenen Jahres zwei junge Leute ins Team, die sich mit Vergnügen um dieses Projekt annahmen.
Um unter den unter 20-Jährigen Lust auf den Wortsport zu verbreiten, organisierten Kötterl und Häuser Poetry-Slam-Workshops an Regensburger Schulen. Unterstützung kam vom Münchner Verein Planet Slam e.V.
Auf diesem Weg erreichte das Orga-Team 30 Schüler. Das ist freilich keine Garantie für 30 Jung-Poeten, die beim ersten U20-Slam die Bühne stürmen, aber: „Es haben sich schon ein paar aus dem Workshop angemeldet“, erzählt Astrid Kötterl.
Kein Wunder, denn während der Workshops bekamen die Schüler nicht nur Denkanstöße für mögliche Themen, sondern ihnen wurden auch die Grundsteine des Texte Schreibens erklärt. „Mit kleinen Übungen brachten die Workshopleiter den Stein ins Rollen“, weiß Astrid Kötterl, „außerdem erklärten sie den Teilnehmern, dass Performance, Körperhaltung, Mimik und Lautstärke genauso wichtig sind wie der Text“. Und nach dem Workshop hatte jeder Schüler einen kleinen Teil vom ersten Meisterwerk, welches – nach dem Feinschliff – schon aufführungsreif wäre.
Ein paar Anmeldungen kann die Mälze schon verzeichnen, doch es müssen sich noch mehr trauen! Gerade, weil das Niveau des Poetry Slams in Regensburg so hoch ist, könnte es in ein paar Jahren am einheimischen Nachwuchs mangeln. Viele der Jung-Poeten haben Angst, neben den „großen“ Wortsportlern, die meist Mitte, Ende 20 sind, zu verblassen und wagen sich daher gar nicht auf die Bühne. „Wir wollen jetzt ein Forum für den Nachwuchs bieten“, unterstreicht Hans Krottenthaler.
Wem es nun in den Fingern juckt, der ist herzlich eingeladen, loszutexten und sich anzumelden. Erlaubt ist grundsätzlich alles. Es gibt nur wenige Regeln beim Poetry Slam: Die Texte müssen selbst verfasst werden und dürfen nicht länger als fünf Minuten sein.
Am Freitag, 27. April findet ein regulärer Poetry Slam statt. Vorher wird es einen Intensiv-Kurzworkshop geben, in dem die Jung-Poeten letzte Fragen stellen dürfen, ihnen Mut gemacht wird und sie sich schließlich auf den Auftritt am 3. Mai vorbereiten können.
Weitere Informationen erteilt die Alte Mälze unter der Telefonnummer: (0941) 78 88 10. Mittelbayerische Zeitung, 25.4.2012

 

 

Highway auf die Sonnenwiese
Die sympathischen Musiker der Gruppe „Hellsongs“ verwandeln Heavy Metal-Klassiker in fröhliche Popperlen.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Bereits um vier Uhr morgens sind sie im kalten Göteborg losgefahren, um vor dem abendlichen Auftritt in der Alten Mälzerei noch etwas vom schönen Regensburg mitzubekommen. Der Dom, die Donau, die historische Altstadt, alles wunderbar. Nur das Wetter behagt den vier sonnenhungrigen Schweden nicht: „Wir dachten, hier wäre es schon warm“, zeigt sich Gitarrist Kalle Karlsson enttäuscht.
Damit es den Zuschauern gleich warm ums Herz wird, haben Hellsongs den befreundeten Singer-Songwriter Leo Skaggmansson mitgebracht, der seine persönlich-poetischen Lieder über die Liebe und das Leben zum Besten gibt. Mit dem Tamburine am Fuß und der Mundharmonika um den Hals ist Skaggmansson seine eigene kleine Band. Karlsson sieht in ihm den „next rising star“, der Applaus des Publikums gibt ihm Recht.
Übrigens eine der wenigen Ansagen von Karlsson, die nicht ironisch gemeint sind: Es ist ein wahres Vergnügen, den launigen, deutsch-englischen Ausführungen des schlaksigen Bandleaders zuzuhören, der immer ziemlich genau das Gegenteil von dem meint, was er sagt.
Göteborg eine hässliche, dreckige Stadt, wo die Sünde auf der Straße tobt? Nur eine gelungene Überleitung zu „Sin City“ von AC/DC. Die Schweden ein Volk von Sexbesessenen? „Es sind die Norweger, die nichts anderes im Kopf haben“, rückt Karlsson – mit einem Augenzwinkern – einen Mythos zurecht. Und die Band spielt eine ausgelassene Version von „10000 Lovers“, das im Original von der norwegischen Hardrockband T.N.T. stammt.
Hellsongs sind seit 2004 für ihren „Lounge Metal“ bekannt. Die dreiköpfige Formation überträgt Heavy Metal- und Hardrock-Klassiker in rein akustische Pop- oder Balladenstücke. Da, wo im Original die nervenzerrende Stromgitarre regiert, klingt fröhlich und beschwingt Karlssons Rhythmus-Gitarre und das E-Piano von Matti Ollikainen. Der im Metal übliche schrille bis gruftige Gesang wird von My Engström Renmans sonnig-zarter Frauenstimme konterkariert. Und die fehlenden Drums durch gemeinsames Klatschen in einer „Trommelgenossenschaft“ ersetzt. So ist das Original manchmal nur am Text zu erkennen.
Hellsongs haben die Metalklassiker entschieden in etwas Eigenes verwandelt. „School’s Out“ von Alice Cooper wird so zur heiteren Powerfolknummer. Aus Ozzy Osbournes „War Pig“ arbeiten sie in einer nachdenklichen Ballade den antimilitaristischen Kern heraus. Metallicas „Seek and Destroy“ nutzt Karlsson, um die nationalistische Rechtsaußenpartei „Sweden Democrats“ abzuwatschen. Slayers „Skeletons of Society“ stimmt er zum euphorischen Loblied auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt um: „Maggie Thatcher was wrong.“
Nachdem sich die drei Schweden als grundsympathische und humorvolle Zeitgenossen erwiesen haben, könnte Karlssons Prophezeiung wirklich wahr werden: „Im Sommer werden alle Regensburger nach Göteborg kommen.“ Mittelbayerische Zeitung, 20.4.2012

 

 

Mit Würschtlkleid und High Heels aufs Treppchen
Jury und Publikum waren sich beim T&T Kabarettpreis einig: Platz eins für die Regensburgerin Franziska Wanninger

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Da hatte die sechsköpfige Jury – darunter MZ-Kulturredakteurin Claudia Bockholt und eine aus dem Publikum ausgewählte Besucherin – am Samstagabend die Qual der Wahl: Das Bewerberfeld des Thurn und Taxis Kabarettpreises war nahezu gleichwertig aufgestellt. Schließlich war es die „Nacht der Sieger“, wie Moderator Jörg Schur immer wieder betonte. Aus 21 Bewerbern hatte Mälze-Programmchef Hans Krottenthaler fünf Endfinalisten herausgefiltert.
Dass mit Franziska Wanninger (Regensburg) und Helmut A. Binser (Runding) Kabarettisten aus der Oberpfalz das Rennen unter sich ausmachten, ist nicht dem Heimvorteil zuzuschreiben. Wanninger, die den mit 1000 Euro dotierten 1.Platz und den Publikumspreis holte, überzeugte mit bestechender schauspielerischer Leistung, die die Absolventin der Lee-Strasberg-Schauspielschule für eine Rolle in einer bayerischen Filmkomödie empfiehlt. Marcus H. Rosenmüller sollte sich schon mal ihre Telefonnummer besorgen.
Auf wunderbar entlarvende Weise zerdeppert die 29-Jährige die Mythen der romantischen Liebe, denn am Ende zählt eben doch nur das Geld. „G’baut hat er“, erzählt ihr eine Freundin, die gerade noch die Torschlusspanikkurve gekriegt hat, und „z’widr ist er mir nicht.“ Um selbst auf dem Heiratsmarkt zu bestehen, hat sich Wanninger in ein blaues Kleid und High Heels gezwängt und erklärt detailliert, was ihr sexy Outfit, inklusive „Würschtlunterkleid“, gekostet hat.
Typen der typischen Landhochzeit
Die verschiedenen Schreckensgestalten, die Wanninger auf einer todlangweiligen Landhochzeit trifft, karikiert sie pointiert und lebensnah: Der hemdsärmelig-derbe Stammtischschwadronierer aus Rogglfing bei Wurmannsquick zeigt sich von der Grundanständigkeit seines pädophilien Freundes Etzlsberger überzeugt. Die schwäbelnde Powerpointpräsentatorin verliert sich bei der Lebensgeschichte der Braut in endlosen Belanglosigkeiten. Beide Figuren stammen aus Wanningers erstem Soloprogramm „Just und Margit“.
Den Kasten Bier für den Publikumspreis gab Wanninger an den Vize-Sieger Helmut A. Binser weiter, der beim Auftritt gewaltigen Bierdurst bewiesen hatte. In seinem Lied „27 Gründe sich volllaufen zu lassen“ (aus dem Zyklus „Durscht ist stärker als Heimweh“) benennt der 31-Jährige lauter schlimme Dinge, die einem so passieren können. Bitterböse bis makaber, hintersinnig bis politisch sind die Reime des Musikkabarettisten, der sich nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann in Regensburg vor vier Jahren ganz der Kleinkunst verschrieben hat. Mit seinem „Lied für die Mehrheit“ spricht er den Zuschauern aus dem Herzen – nicht jeder kann (oder will) ein Superstar sein. Authentisch, menschlich und witzig – ein Wunder, dass man vom „Jungen mit der Harmonika“ (so heißt sein Debütprogramm) bisher so wenig gehört hat.
Ziemlich reifer „Nachwuchs“
„Überstunden“, das erste gemeinsame Kabarettprogramm von Christine Eixenberger und Tobias Öller, konnte man hingegen schon im Regensburger Turmtheater bestaunen. Behände wechseln die Oberbayern Dialekte, Charaktere und Temperamente, schlüpfen in fliegendem Wechsel in die skurrilen Figuren, die die Bühne einer VHS-Podiumsdiskussion zum Thema Bildungspolitik bevölkern: vom angetrunkenen Ex-CSU-MdL Franz Pettenkofer über den Bürgermeister, der wie ein Roboter auf Stand-by aufs Stichwort Floskeln absondert, bis zur rheinischen Quasselstrippe von der VHS. Und doch: Das Thema Bildungspolitik ist für eine 20-minütige Performance dann vielleicht doch etwas zu schwer und komplex.
Creme Bavarese kommen ebenfalls aus Oberbayern und machen mit ihrem Programm „Organisiertes Versprechen“ politisches Musik- und Nummernkabarett. Dass sie Witze über die FDP machen müssen, dafür können sie nichts: „Ihr habt sie ja gewählt!“ Sebastian Schlagenhaufer gibt den eifernden Raucher, der klarmacht, was die Tabaksteuer in diesem Land alles bezahlt. Als Leopardenfellmantel tragender Künstlermanager referiert er über die Marktfähigkeit der Marke „Hitler“. Alles nicht übel, aber die beiden Kabarettisten könnten ruhig etwas mehr aus sich herausgehen.
Der 19-jährige Niederbayer Martin Frank, der sich am Ende mit den beiden oberbayerischen Kabarettduos den mit jeweils 250 Euro dotierten 3.Platz teilte, kommt mit hängenden Schultern und unterbelichtetem Schafsblick auf die Bühne. Angereichert mit eigenartigen Kieksern berichtet der Landwirtssohn vom Leben auf dem Lande. Papa hat sich einen Harem zugelegt, Onkel Helmut pieselt wegen eines Hüftleidens beständig daneben. Im Fäkalbereich bleibt Frank auch in seiner Rolle als Babysitter, der mit den Ausscheidungen des kleinen Jonas zu kämpfen hat. Um es mit den Worten des Künstlers zu sagen: „I bin halt no a bissl kindisch.“
Alles in allem war die „Nacht der Sieger“ wieder die perfekte Gelegenheit, sich einen Eindruck von Nachwuchskabarettisten zu machen, die dieser Kategorie eigentlich längst entwachsen sind. Letztlich konnten wohl jene Künstler am meisten überzeugen, die es schafften, 20 Minuten aus ihrem abendfüllenden Programm herauszulösen, ohne dass es zu Reibungsverlusten kam. Unterschiedslos bedankte sich das engagierte Publikum bei allen mit einem riesigen Applaus. Mittelbayerische Zeitung, 2.4.2012

 

Ein zünftiges Gemetzel am Goiskopf
Bayerisches Volksimprotheater in der Mälze: recht vergnüglich, doch das Publikum hat hier wenig mitzureden.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. „Es leben nur noch lauter ‚Zuagroaste‘ in München“, beschwert sich Karin Krug vom dortigen Fastfood Theater. Und die hätten keine Ahnung von der bayrischen Volkskultur. Um das zu ändern, haben sich die Theatersportler das Konzept „Bayerisches Volksimprotheater“ ausgedacht. Aus dem Stegreif entwickeln die drei Akteure ein bayrisches Lustspiel und ein Bergdrama à la „Geierwally“.
Den Titel „Das Gemetzel am Goiskopf“ geben die Zuschauer in der Alten Mälzerei vor. Doch Impro-Schauspieler Robert Lansing kennt den Goiskopf nicht, fragt gar: „Ist des überhaupt a richtiger Berg?“ Mit oberbayerischer Arroganz und listigen Sticheleien „verletzt“ Lansing, der aus Hallbergmoos bei Freising stammt, das Oberpfälzer Selbstwertgefühl. Das ist aber natürlich nur aufgesetzt und soll das Publikum aus der Reserve locken.
Auch im Mehrgenerationen-Lustspiel um das Thema Hauptbahnhof, wo der Altbauer und seine Frau einen lang gehegten Wusch realisieren wollen, schlägt Lansing wieder zu. Eine Bahnverbindung von ihrem Wohnort „Bimpflingen“ nach München soll ohne Zwischenstopp in Regensburg auskommen: „Da zeig mer nur den Finger raus.“ Dass die Fahrt nur zehn Minuten dauern soll, ist eine schöne Anspielung auf Stoibers legendäre Transrapid-Rede. Auch die Jungbäuerin (Krug) möchte das kleine Dorf verlassen und in die Stadt ziehen, nach München oder Regensburg. „Ah geh, Regensburg is doch koi Stadt“, frotzelt ihr Mann.
Absurd und leicht verwirrend
Die drei Schauspieler schlüpfen immer wieder in neue Rollen, drohen dabei aber manches Mal die Übersicht zu verlieren. „Wo bin i gerade?“, fragt Krug einmal – und die Frage ist nicht nur räumlich zu verstehen, sondern auch im Sinne von „In wessen Körper stecke ich gerade“? Auch für den Zuschauer ist es nicht immer leicht, der Handlung zu folgen, die an Absurdität zulegt.
Was ja im besten Fall für einen vergnüglichen Abend sorgen kann. Beim „Bayerischen Volksimprotheater“ sind es aber eher die vereinzelt vorgetragenen, witzigen Sprüche von Lansing, die humoristische Highlights setzen. Die Gesamthandlung dümpelt dagegen vor sich hin. Im Wirtshaus „Goiskopfalm“ hat der Bergsteiger sein Basislager errichtet. Für das Zoologische Institut Regensburg soll er den Beweis erbringen, dass auf dem Goiskopf Edelweiß blüht. Nach einem Gespräch mit Wirtsfrau Rosalinde (Maria Maschenka) vermerkt Lansing knochentrocken in seinem Tour-Logbuch: „Einheimische schwer zu verstehen.“ Rosalinde hat wie alle Frauen am Ort ihren Mann am Goiskopf verloren. Unheilschwanger lockt der Berg sie auf seinen Gipfel. Unvermittelt schnappt sich Karin Krug ein Mikro und imitiert säuselnd den Wind, der dem Bergsteiger lüstern zuflüstert: „Du darfst mich besteigen, Regensburger!“ Im turbulenten Finale klettern die drei Protagonisten auf dem Mobiliar herum, das so verschoben wird, wie man es gerade braucht.
Auch Schwandorf muss leiden
Im Gegensatz zum herkömmlichen Improvisationstheater, das Spielformate anbietet, die die Zuschauer mehrmals am Abend zum Mitmachen einladen, beschränken sich die Partizipationsmöglichkeiten beim Volksimprotheater auf das Ausgangssetting. Hat das Stück einmal begonnen, greift das Publikum nicht mehr ein. Doch Input von Außen würde sich in den Momenten anbieten, wo die Handlung in eine Sackgasse geraten ist.
Zum Schluss dürfen sich die Besucher noch ein Thema aussuchen, das die Improkünstler ad hoc zu einem Volkslied verarbeiten. „Irgendwas, was man hier nicht leiden kann“, sollte es sein. Heraus kam ein Gstanzl über Schwandorfer Autofahrer, gekrönt vom Refrain „S – A – D tut weh“. Beim Rausgehen hörte man Schwandorfer sich zuflüstern: „Da müssen wir uns jetzt wohl rausschleichen.“ Mittelbayerische Zeitung, 26.3.2012

 

Nur einer von vielen
Rainer von Vielen überzeugt die Fans, bietet musikalisch aber wenig.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. „Rainer von Vielen liebt die Alte Mälzerei zu Regensburg“, ist auf der Homepage der Allgäuer Band zu lesen. Und die Fans, die die Mälzerei etwa zu zwei Drittel füllen, lieben auch Rainer von Vielen. Von der ersten Minute an werden die Arme geschwenkt und die Texte mitgesungen. Inhalte sind dem 35-jährigen Songwriter aus Kempten wichtig. Sie kritisieren Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft – Sicherheit statt Freiheit, Konsumieren statt Selbermachen – und fordern die Hörer auf, das Leben selbst in die Hand zu nehmen: „Mach, was du für richtig hältst, und nicht, was andere von dir erwarten!“ Dass die Band „Die Gedanken sind frei“ covert, ist sicherlich kein Zufall.
Musikalisch treffen treibende Clubbeats auf Mundharmonikaklänge, die ein traditionelles Country-Blues-Gefühl ins Spiel bringen. Ein funky Basslauf à la Red Hot Chilli Peppers auf tiefergelegten Metal-Rock-Gesang. Abgehangene Hip-Hop-Rhythmen werden durch eine bluesige Slidegitarre ergänzt. Ein Mitsing-Reggae-Stück kann auf die gemütliche Begleitung einer Quetschkommode zählen. In einem vom Akkordeon getragenen Stubenmusi-Medley werden Rap-Klassiker verbraten, Zweitsänger und Gitarrist Mitsch Oko versichert ironisch: „I’m the tightest rapper on earth“, die Nummer endet in einer gejodelten Version von Sidos „Mein Block“.
Das ist alles nicht schlecht, aber auch nicht besonders originell. Bands, die verschiedene Musikstile vermischen, gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Alleinstellungsmerkmale werden damit immer wichtiger. So gut Rainer von Vielens Texte sind, so wenig kann sein Sprechgesang überzeugen. Die tiefe Rapstimme hat der Frankfurter Dancehall-Sänger D-Flame bedeutend besser hinbekommen.
Vielleicht lag es auch an der rohen Abmischung, aber in dieser Form ist Rainer von Vielen nicht mehr als eine solide Band fürs Jugendzentrum, die bei ihren Fans für Stimmung sorgt, musikalisch aber wenig zu bieten hat. Mittelbayerische Zeitung, 26.3.2012

 

Genialer Parodist von Plebs, Politik und Papsttum

Den FJS wird er nicht mehr los. Helmut Schleich wird im Antoniushaus aber auch als Bildungsfernsehen – und Bierkonsument bejubelt. Volles Haus für den großartigen Helmut Schleich.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Die Besucher im restlos ausverkauften Antoniushaus sind glücklich, als Helmut Schleich um 20 Uhr „endlich“ die Bühne betritt. Um einen guten Platz zu ergattern, warten manche schon seit geraumer Zeit. Mitgebracht hat der Münchner Kabarettist sein aktuelles Programm „Nicht mit mir“, in dem auch so mancher Charakter aus älteren Programmen eine Rolle spielt. Schleich klagt, dass er sich von „seinem“ Franz Josef Strauß mittlerweile verfolgt fühlt: „Nachdem ich ihn vor zwei Jahren zum ersten Mal auf dem Nockherberg gespielt habe, mischt er sich jetzt dauernd in mein Leben ein.“ Dass ein Kabarettist die eigene Arbeit und die Rolle, die ihm den Durchbruch bescherte, in einem späteren Bühnenprogramm reflektiert, kommt nicht alle Tage vor. Und spricht für Schleichs Klasse.
Ebenso wie sein unglaubliches Talent, sich ohne Verkleidung, allein mit wenigen Veränderungen in Körperhaltung, Gestik, Mimik und Stimme in eine andere Person zu verwandeln. Wird sein gegen die eigene Partei und die gesamte politische Klasse polternder Strauß noch bejubelt, löst seine plötzliche Verwandlung in Papst Benedikt oder Otti Fischer wahre Begeisterungsstürme aus. Diese perfekte Imitation von Stimmfarbe und Sprechweise macht ihm so schnell keiner nach.
„Ihnen einen fröhlichen Untergang“
In einem großen Showdown treten zu den drei genannten Edmund Stoiber, Horst Seehofer, Jochen Vogel und ein stets rauchender Helmut Schmidt hinzu, die sich im flotten Wechsel die Bälle zuspielen. Als murmelnder Papst Johannes Paul II. erteilt Schleich der versammelten Politikergemeinde mehrsprachig seinen Segen: „Ihnen allen einen fröhlichen Untergang.“ Auch sein an Jopi Heesters angelehnter Heinrich von Horchen ist wieder mit dabei. Mit Zylinder, weißem Schal und Gehstock lässt er sich sabbernd und räuspernd darüber aus, wie früher alles besser war. Einen Adeligen mit Doktortitel hätte es damals nicht gegeben: „Wir haben die Universitäten gegründet, nicht beschissen.“ Der steinalte Entertainer lässt Sätze versanden, verhaspelt sich heillos bei Fremdwörtern, kann sich aber noch gut an seine erste Dialogzeile erinnern: „Suuuuuumm“ – er spielte damals die 4. Fliege.
Dass ein Eremit durchaus ein Social Life hat, zeigt Schleich sächselnd anhand von Bruno Weissflog, der beim Eremitenkongress in Waldshut Solitär spielt, sehr gerne in einer anonymen Plattenbausiedlung wohnt und mit einer Frau zusammenlebt, der er von Anfang an nichts zu sagen hatte – was dem Einzelgänger natürlich gefällt.
Die deutsche Terroristentradition
Der hemdsärmelige bayerische Normalo ist eine weitere Paraderolle für Schleich. „I fernseh oft und gern“, gesteht etwa sein Freddie, der sich mit drei Halben Bier vom Kanapee aus den Bildungsinhalten von BR-alpha hingibt – dem einzigen Sender, den sein beschädigter Receiver noch empfangen kann. Tochter Mandy und ihre Freunde mit Migrationshintergrund – „Hey, Alter“ – dürfen ihre anspruchsvollen Geschichts-DVDs erst anschauen, wenn das „Telekolleg Altgriechisch“ zu Ende ist. Mit seinen Stammtischbrüdern wetteifert er, wer die Zeichnungen von Fernsehmaler Bob Ross zuerst identifiziert. Wie Schleich hier den durchschnittlichen Unterschichtenfernsehen-Gucker auf intellektuelle und hochkulturelle Bildungsinhalte stoßen lässt, ist grandios.
Bei seiner urbayerischen Stammtisch-Historikerrunde vermittelt Schleich dann zwischen dem linksradikalen „Luzzer, Revo“ und dem ehemaligen SA-Rottenführer Adi aus dem Allgäu: „Wir Deutsche haben halt eine schneidige Terroristentradition.“ Die „Tegernseer Laubbläser“ sorgen lärmend für das musikalische Rahmenprogramm. Nachdem sich sein Strauß mit Papst Benedikt darüber gestritten hat, wer der größte Bayer aller Zeiten ist, ist für den Kabarettisten aber endgültig der Zeitpunkt gekommen, sich vom CSU-Übervater zu trennen. Doch auch ein Besuch bei Dr. Anders bringt ihn nicht weiter: In einem einzigen – und einzigartigen – Monolog reiht der Psychiater sämtliche deutsche Schlagertitel aneinander, die man so kennt – freilich mit anderen Betonungen, aber immer in einem sinnvollen Zusammenhang. Durchdacht und voller Wortwitz beweist Helmut Schleich hier seine wahre Meisterschaft. Mittelbayeriusche Zeitung, 19.3.2012

 

Die „Familia“ und ihr schweißtreibender Sound
Die Exil-Lateinamerikaner von Che Sudaka singen über die Situation von Immigranten.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Zu Harry Belafontes Calypso-Klassiker „Banana Boat Song“ stellen sich die sechs Musiker von Che Sudaka im schmalen Seitengang vor der Bühne im Kreis auf, legen sich die Arme über die Schultern und schwören sich auf das bevorstehende Spiel, nein: Konzert, ein. Sie tragen bunte Fußballtrikots und knielange Shorts. Und bringen eine wirbelnde Energie auf die Spielfeldbühne, die an die geniale Kickertruppe vom FC Barcelona denken lässt. In der katalanischen Hauptstadt leben die Exil-Lateinamerikaner aus Argentinien und Kolumbien auch. Wie so viele andere Immigranten aus Südamerika haben auch sie eine Band gegründet, die verschiedene Musikstile in einer explosiven Mischung zusammenbringt.
Unter der Genrebezeichnung „Mestizo“ trifft bei Che Sudaka kolumbianischer Cumbia auf alternative Musikformen aus den hiesigen Breiten – Punkrock, Ska, Reggae, Dancehall und Rap. Durch diese Mixtur – häufig wird innerhalb eines Liedes mehrmals der Stil und auch das Tempo gewechselt – entsteht etwas Neues, das nun schon seit mehreren Jahren die deutschen Konzertsäle füllt.
Dass sie Anfang der 2000er Jahre als illegale Immigranten nach Europa kamen, haben die Mestizo-Rocker nicht vergessen. Ihre Texte sind politisch und beschäftigen sich mit der Lebenssituation von Einwanderern ohne Aufenthaltserlaubnis – „ohne Papiere“, wie es in ihrem Song „Sin Papeles“ heißt. Stings „Englishman in New York“ dichten sie, wie viele andere Künstler übrigens auch, zu einem Lied über illegale Einwanderer um. Ihr Publikum fordern sie auf, den deutschen Slogan „Kein Mensch ist illegal“ mitzuskandieren. Ihre energiegeladene Musik hat eine politische Botschaft, die in poetische Texte verpackt ist. Schade nur, dass es leichte Verständigungsprobleme zwischen Band und Publikum gibt: Es sind einfach zu wenige Konzertgänger da, die des Spanischen mächtig sind. Aber die wesentliche Botschaft kommt zweifellos an.
Che Sudaka präsentieren auf ihrer aktuellen Europatournee ihre brandneue CD „10“, die ihr zehnjähriges Bandjubiläum feiert. Als Geschenk an die Fans haben sie das Album auf ihrer Webseite kostenlos zum Download bereitgestellt. In Vorfreude auf drei Gigs in Japan im Juli tragen die beiden Sänger Leo und Kacha weiße Stirnbänder mit roten Sonnenscheiben – die im Laufe des schweißtreibenden Konzerts allerdings genauso weichen müssen wie die klatschnassen Trikots.
Und am Ende ihrer furiosen Show präsentieren sich die sympathischen Musiker wie bereits zu Beginn: die Arme um die Schultern geschlungen, als große „Familia“. Mittelbayerische Zeitung, 15.3.2012

 

Das Zeitgeschehen in Wiener Synchronisation
Das Trio Maschek liefert neue Töne zu Fernsehbildern: Das ist witzig, trägt aber nicht zwei Stunden.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Die drei Herren von Maschek kommen auf die Bühne, setzen sich bequem nebeneinander auf ein Ledersofa und schauen Fernsehen. Natürlich nicht das übliche samstagabendliche Unterhaltungsprogramm, das in jenem Moment gerade läuft. Nein, es ist ein Spezialprogramm, das sie aus 100 Stunden Fernsehmaterial zusammengeschnitten haben, das an einem bestimmten Tag im Jahr – der 10.10.2010 und in der zweiten Hälfte der Show der 9.9.2009 – weltweit gelaufen ist. Rechts von ihnen, auf einer großen Leinwand, können die Zuschauer das bunte Geschehen mitverfolgen. Bei ihrem „revolutionären Fernsehtag 2010“ führt die internationale Finanzmarktkrise zur Gründung der militanten Widerstandsbewegung „AFFE“ und zur Entwicklung des „Kosmischen Zischers“, der alle Computer zu vernichten droht. Die einzelnen kürzeren und längeren Episoden, die mitunter recht abrupt aufeinanderfolgen, nehmen immer wieder Bezug aufeinander und Peter Hörmanseder, Robert Stachel und Ulrich Salamun versehen sie live mit einem neuen Text.
Das passiert entweder in ihrer Muttersprache, was mitunter zu absurden Momenten führt, würde man doch nicht vermuten, dass der amerikanische Böse-Buben-Rapper Eminem oder ein japanischer Physiker Österreichisch sprechen. Oder in einem der vielen deutschen Dialekte, wie etwa beim sächselnden Planwirtschaftler, der die bayrische Stammtischrunde von Helmut Markwort bereichert.
Auf vielfältige Weise kommen auch ausländische Akzente zum Zuge: Venezuelas Präsident Hugo Chávez fordert in seinem spanisch eingefärbten Deutsch die Einführung der reifen Tomate als neue Leitwährung. Italiens Pornopremier Berlusconi möchte das von der „AFFE“ enteignete Geld am liebsten seinen Bunga-Bunga-Etablissements weiterreichen. Besonders witzig wirkt diese Neu-Synchronisation, wenn die gezeigten Personen (und deren Stimmen) bekannt sind. Wie beispielsweise bei Andrea Kiewel: Die penetrante Dampfplauderin aus dem ZDF-Fernsehgarten hat da plötzlich eine tiefe Männerstimme. Oder Papst Benedikt, der zur Abwechslung mal seinen Segen verweigert.
Besonders gut funktioniert das Konzept der Wiener Comedytruppe, wenn die gezeigten Bilder einen hohen Grad an Absurdität aufweisen. Wie bei den norwegischen FKKlern, die eingeölt auf einer Wiese herumtollen und die ein rollendes „R“ zu Nazis macht. Ermüdende Züge nimmt das Ganze jedoch an, wenn ein kaum verständlicher Ziegenbartträger nuschelnd durch die Gegend irrt und ein Wasserschlösschen sucht. Oder wenn ein CNN-Reporter im Eiltempo von einem Krisenort berichtet. Manche Episode ist zu beliebig gewählt, andere wiederum glänzen mit feinem Humor.
Insgesamt wirkt der zweite Teil der Show, der sich als „katastrophaler Fernsehtag 9.9.2009“ der globalen Erderwärmung widmet, doch weitaus durchdachter, witziger und – mit regelmäßig eingeblendeten Orts- und Zeitangaben – auch stringenter. Ein Inder in Sydney, der das Teleportieren erfunden hat, kommt nach dem Beamen in Mumbai im Körper seiner Schwester heraus. Ein Japaner erklärt mit simpelsten Worten das Kyoto-Protokoll. Chávez’ Ehefrau (eigentlich seine Dolmetscherin) quasselt beim Staatsbesuch in Russland ohne Unterlass. Ukrainische Diplomaten sitzen der Fehlübersetzung auf, dass Deutschland (wieder einmal) Polen überfallen hat.
Insgesamt ist die TV-Live-Synchronisation von Maschek nicht ohne Unterhaltungswert. Besser wäre es jedoch gewesen, hätte man die schwächeren Passagen einfach rausgelassen und die Tagesprogramme auf knackige 45 Minuten gestrafft. Die strenge Formatierung beim Kabarett – ein Programm hat zwei Stunden zu dauern – kann mitunter zur Langeweile führen. Mittelbayerische Zeitung, 14.3.2012

 

Wo Edith Piafs "La Vie en rose" wie Schafsmeckern klingt
Muikkabarett. Bei United Comedy begeisterten "Carrington & Brown" mit einer famosen Show.

Von Fred Filkorn, MZ.
Regensburg. "Kannst Du den Dudelsack spielen?" fragt Rebecca Carrington ihren Kompagnon Colin Brown. Das britische Künstlerpaar lebt seit vier Jahren in Berlin und spricht ein charmantes Deutsch mit englischem Einschlag. Und nach einigen - gewollten - Anlaufschwierigkeiten dudelt er, der "Bagpipe". Kein Wunder: der dunkelhäutige Brown - seine Eltern stammen aus Jamaika - steckt ja mittlerweilen auch in einem Schottenrock. Zuvor hatte man ihn als distinguierten Gentleman, steifen Dirigenten und arroganten Franzosen kennengelernt. Außerdem hatte ihm  seine Partnerin auf dem Cello vorgespielt, wie das schottische Tasteninstrument zu klingen hat. Aber Carrington interessiert noch eine ganz andere Frage: "Was trägst Du eigentlich unter deinem Kilt?" Die Antwort liefert Brown etwas später, als er beim Tanzen des irischen Jig - völlig überraschend - sein Röckchen lüpft. Und das war nicht das letzte Highlight in einem wahrlich unterhaltsamen Programm, das keine Wünsche offen und keine Augen trocken ließ.
Denn Rebecca Carrington und Colin Brown sind geborene Entertainer: Sie tanzen, singen und musizieren, als hätten sie noch nie etwas anderes getan. Und wirklich: In einer schönen und witzigen Passage zu Beginn, stellt stellt die rothaarige Britin nach, wie eintönig und mühsam das Cello-Proben und ihr musikalischer Werdegang anfangs war. Ihren späteren Lebenspartner Colin Brown lernte sie dann beim Edinburgh Festival kennen, wo er in einer A-capella-Gruppe die Basstimme sang, Solche persönlichen Informationen lassen das unkomplizierte Paar noch sympathischer erscheinen. Das Tolle an den Briten ist ja, dass sie sich selbst und andere nicht so bierernst nehmen. Und das kommt dem Programm von Carrington und Brown außerordentlich zugute. Etwa, wenn sie ihre Zuschauer auf eine musikalische Reise nach Brasilien, Indien, Kenia und Jamaika mitnehmen, um die Eigenheiten der dortigen Bewohner und deren englische Akzente liebevoll aufs Korn zu nehmen.
Außerordentlich gelungen ist etwa Carringtons Bollywood-Veralberung, als sie mit wackelndem Kopf und rollenden Augen sowohl die weibliche wie männliche Hauptrolle übernimmt und dem Cello perfekte Sitar- und Tabla-Klänge entlockt. Ihre meckernde "Schaf"-Version von Edith Piafs "La vie en rose" sorgt für erste Jubelstürme in der Mälzerei. Dass die Cellistin ihr Instrument richtig gut beherrscht, beweist sie in einigen besinnlichen Nummern, die sie teilweise selbst komponiert hat.
Brown schlüpft immer wieder in neue Kostüme. Sein tuntiger Sambatänzer mit roter Federboa, der bei einem ruhigen Bossa-Nova-Stück aus Langeweile anfängt, mit einem imaginären Zuschauer zu flirten, ist einfach grandios. Als er die verschiedenen britischen, englischen und Londoner Dialekte herunterrasselt, lernt man sogar noch etwas dazu. In einem geschickt eingefädelten Seitenhieb vergleicht er die abgemagerte Victoria Beckham mit einem Mikroständer. Und wen er das gesamte Publikum zum Mitsingen des alten irischen Trinkliedes "Wild Rover" oder des Südafrika-Klassikers "The lion sleeps tonight" animiert, kann es einem kalt über den Rücken hinunterlaufen.
Mit A-capella-Gesang, tiefem "Human Beat-Box"-Bassbrummen aus dem Brustbereich, legerem Fingerschnippen, dem Cello in allen Tonlagen und der Stimme als weiterem Instrument können sich Carrington und Brown noch den entlegensten musikalischen Genres annehmen. Ihre Version von Louis Armstrongs "What a wonderful world"  fügt Carringtons Stimme etwas elektronisch Frickelndes hinzu, ein extrem dynamisches Dancehall-Reggae-Stück könnte direkt von der Berliner Gruppe Seeed stammen.
So begeisterten Carrington und Brown mit toller Musik, feinem britischen Humor und einer darstellerischen Leistung, die einfach nur Spaß machte. Die beiden Künstler, die zum ersten Mal in Regensburg auftraten, waren selbst ganz begeistert - der Applaus wollte nicht enden - und versprachen wiederzukommen. Mittelbayertische Zeitung, 13.3.2012

 

Durch Fantasie fühlt er sich reich
Ferruccio Cainero nimmt seine Zuhörer mit auf eine nostalgische Reise ins Friaul


Von Fred Filkorn, MZ
Ferruccio Cainero ist ein Mann der alten Schule, 1953 in Udine geboren, hat er mit Armut und Hunger noch Ausläufer des Zweiten Weltkrieges kennengelernt. Die Väter sind wegen fehlender Verdienstmöglichkeit ins Ausland arbeiten gegangen. Der kleine Ferruccio war mit einer Kugel Eis oder einem 1-Lire-Bonbon glücklich und verbrachte die kalten Winterabende mit seiner Mama vor dem alten Transistorradio, wo er Nachrichten über die ersten sowjetischen Weltraummissionen, den Schlagerwettbewerb von San Remo und Berichte über spannende Polarexpeditionen hörte, Das regte Fantasie an. Durch das Hin- und Herdrehen des Radiosuchers nahm er selbst Kontakt mit dem Weltraum auf, die exaltierte Stimme Adriano Celentanos weckte in ihm den Wunsch, später Sänger zu werden und die Reise zur Antarktis spielte er unter der Bettdecke nach.
Die eigene Vorstellungskraft kann sich aber nur entfalten, wenn sie nicht von morgens bis abends mit fertigen Bildern zugekleistert wird. Bilder aus Fernsehen, Internet und Computerspiel, die mit der eigenen Lebensrealität oft wenig zu tun haben.
Der Italo-Schweizer Geschichtenerzähler nimmt seine Zuhörer deshalb mit auf eine nostalgische Reise in die eigene Kindheit im Friaul, die wie ein erzählter Roberto-Benigni-Film wirkt: warmherzig, verträumt, poetisch, lebendig, tiefgründig, lehrreich, komisch, tragisch- und eben immer fantasievoll. "Alle Geschichten sind wahr", versichert Cainero von Zeit zu Zeit. Nur, um damit anzudeuten, dass auch die Fantasie Teil unserer Realität ist. Und im Theater- auch wenn es offensichtlich nur gespielt ist- fließen eben echte Tränen, weil der Schauspieler Freude oder Kummer in jenem Moment wirklich empfindet.
Giovanni, der Eisverkäufer aus Caineros Jugend, nutzt die Straße als Bühne, um sich wie Rumpelstilzchen zu regieren- Cainero hüpft wild schreiend auf und ab. Der Alltag bietet uns viele Gelegenheiten, in eine Rolle zu schlüpfen, will uns der Künstler sagen. Oder kann mit purer Vorstellungskraft anderen diese Rollen zuweisen. So wie der 16-jährige Cainero beim Ferienjob: Er erkennt in seinem Maurermeister Othello einen Widergänger des tragikomischen Ritters Don Quijote, der trotz aller Missgeschicke optimistisch bleibt. Cainero zeigt sich auch überzeugt, dass sein Urgroßvater nicht im Ersten Weltkrieg fiel, sondern nach Lateinamerika auswanderte, wo er in Argentinien die Herzen der Frauen beim Tango eroberte und im revolutionären Mexiko Emiliano Zapata die Hand schüttelte.
Gesellschaftskritisch schneidet Cainero auch Themen wie Ausländerfeindlichkeit gegenüber afrikanischen Immigranten in Italien, Armut in einer globalisierten Welt, bedingungslosen Fortschrittsglauben  oder erbarmungsloses Effizienzdenken an. Und lässt an einem zu keinem Zeitpunkt Zweifel aufkommen: Wirklich reich ist nur derjenige, der mit einer lebhaften Fantasie ausgestattet ist. Mittelbayerische Zeitung, 5.3.2012

 

 

Auf der Suche nach dem Button „Gefällt mir nicht“
In seinem neuen Programm „Mathias Tretter möchte nicht dein Freund sein“ macht der fränkische Kabarettist klar, warum er das Internet nicht mag.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Mathias Tretter ist nicht gut auf die Errungenschaften der neuen Kommunikationswelt zu sprechen. Mobiltelefonierer zwingen ihm selbst auf der Toilette die intimsten Gespräche auf – „das Ohr hat schließlich keinen Schließmuskel.“ Es waren sozial isolierte Computer-Nerds, die Freundschaftsprogramme wie Facebook erfunden haben – bloß um den Begriff des „Freundes“ zu entwerten. Was ein wahrer Freund ist, wussten dagegen noch Gottfried Benn, Johann Wolfgang von Goethe und die Comedian Harmonists, die Tretter zitiert. Oder die Engländer, die im Pub solange trinken, bis am Tisch jeder „Freund“ eine Runde gezahlt hat.
Facebook sei dagegen nichts anderes als ein „vernetztes Sozialwerk für sexuell Benachteiligte“, versichert er seinen Zuhörern in der Alten Mälzerei. Die Zahl der Ü-30-Partys sei nach dem großen Börsencrash, der die IT-Branche besonders hart traf, sprunghaft angestiegen. Auch die im Internet omnipräsenten „Gefällt mir“-Buttons gehen dem gebürtigen Würzburger gehörig auf den Keks: „Für uns Franken sollte es eigentlich ‚Gefällt mir net‘ und ‚Gefällt mir gar net‘-Buttons geben“, fordert er trotzig.
Mit Twitter kam der Frühling...
Die Datensammelwut von Google erfreue die Werbefirmen, die sich endlich gezielt an ihre gläsernen Kunden wenden können. Die neu eingerichtete Google-Lifeline mache jedes romantische Kennenlern-Date zunichte, da jeder schon alles über den anderen wisse. Vor zwanzig Jahren hätte sich nur ein James Bond-Bösewicht eine solche Perfidität ausdenken können – mit entrücktem Tonfall imitiert Tretter den glatzköpfigen Dr. Blofeld ganz vorzüglich. Dem Mikroblogging-Dienst Twitter mit seiner 140-Zeichen-Begrenztheit werde zugute gehalten, die arabischen Revolutionen ausgelöst zu haben – gerade so, als seien es nicht die sozialen Missstände gewesen. Tretter malt das aberwitzige Bild eines bebrillten Vollbartstudenten, der im Rollkragenpullover auf bewehrtem Pick-up durch die Straßen Libyens rollt. In einer feurigen Ansprache, die an Martin Luther Kings „I have a Dream“-Rede erinnert, versetzt Tretter dem Internet schließlich den Gnadenstoß.
Revolution ist gerade total angesagt
Zwischendurch schlüpft der Kabarettist in die Rolle seines dauerbekifften Freundes Ansgar, der nach dem Scheitern aller Ideologien in lupenreinem Fränkisch die Einführung der „Relaxokratie“ fordert, denn im Entspannen liegt die Zukunft. Doch auch Ansgar ist Mitglied einer Facebook-Gruppe: „Bei ‚Adornoporno‘ treffen sich Studenten mit einer obszön hohen Anzahl von Semestern.“ Und auch Tretters zweiter Freund, der sächselnde Ricco, glaubt an die revolutionäre Kraft des Internets. Vom Klappradkurier einer Werbefirma ist er schnell zum Chef seiner eigenen Trendfirma „Quellcode“ aufgestiegen, die sich in sozialen Brennpunkten nach neuen Trends umschaut: „Oder was meinen sie, wie es sonst sein kann, dass Leggings und Ballarinas wieder modern geworden sind?“
Man müsse nur eine ausreichende Menge an Facebook-Freunden zu einem „Tag des Zorns“ vor dem Reichstag versammeln und schon habe man seine Revolution. Wie ein solches „Event“ von den unterschiedlichsten Twitter-Usern – Angela 54, Jesus Kinski, Hartz V, Munich Partymaus, Hubertus Heil – kommentiert wird, fasst Tretter in einer wunderbar absurden Szene zusammen.
Dass Revolution-machen total angesagt ist, glaubt auch der elitäre Schnösel Jan von Zobel, der soeben von der FDP zur grünen Gewinnerpartei gewechselt ist. Den Werbefuzzi begeistert der coole Eventcharakter der S21-Demos, die an „top-notch locations“ wie dem Stuttgarter Schlossgarten stattfinden. Im anglifiziert-arrogantem PR-Sprech verkündet er: „Consciousness und Action sind wieder in.“ Auch Mütter, die aufgrund ihres Internetstudiums die kindermedizinische Fachterminologie besser beherrschen als ihre Kinderärzte, oder kompliziert daherredende Professoren und Politiker – Tretter weiß in diesen Rollen zu glänzen. Genauso wie als fränkischer Bahnangestellter, der sich in englischen Lautsprecherdurchsagen versucht, oder als sächsischer Depeche Mode-Fan, der begeistert die Lieder seiner Lieblingsgruppe mitsingt.
Fazit: Mathias Tretter hat sich im nicht-virtuellen Raum der Alten Mälzerei viele neue Freunde gemacht.
Mittelbayerische Zeitung, 27.2.2012

 

 

Die Sprache des Humors kennt keine Grenzen
Das „17. Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival“ in der Alten Mälzerei wartet wieder mit einer großen Vielzahl an Spielformen auf.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Als das Thurn und Taxis Kleinkunstfestival vor 17 Jahren aus der Taufe gehoben wurde, lag der europäische Gedanke in der Luft, erinnert sich Hans Krottenthaler. Während der EU-Dampfer in der Ägäis mittlerweile schwer ins Schlingern geraten ist, setzt das Regensburger Aushängeschild in Sachen Kabarett und Comedy weiter auf internationale Vielfalt. „Seit 1996 waren 250 Künstler aus 16 Nationen bei uns zu Gast“ erklärt der Mälze-Programmleiter. Und das erfolgreiche Konzept soll auch 2012 fortgeführt werden.
Aus Großbritannien kommt das mit internationalen Preisen überhäufte Musik-Comedy-Duo „Carrington & Brown“, das mit typisch britischem Humor und reichlich Cello-Einsatz ihr Programm „Mit Schirm, Charme und Cellone“ vorstellen. „Eigentlich ein Wunder, dass Rebecca Carrington und Colin Brown den Weg auf die Kleinkunstbühne gefunden haben, denn beide sind auch hervorragende Musiker“, meint Krottenthaler. Ähnlich begeistert zeigt sich der Festivalorganisator vom Italo-Schweizer Ferruccio Cainero, dessen Best-of-Programm „Caineriade“ mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Charakteren aufwartet.
Einst Avantgarde, jetzt Inventar
Mit Gitarre und Fabulierlust entführt der „begnadete Erzähler“ seine Zuschauer in eine Welt der Träumereien. Beim „Poetry Super Slam“ begrüßen die deutschen Szenegrößen Volker Strübing (Berlin), Theresa Hahl (Marburg) und Svenja Gräfen (Köln) nicht nur ihre Kollegen Renato Kaiser aus der Schweiz und „Koschuh“ aus Österreich, sondern auch den Spoken-Word-Poeten „Outspoken“ aus Simbabwe. „Poetry Slam und Improtheater sind zwei relativ junge Formen der Kleinkunst, die wir seinerzeit mit offenen Armen in unser Programm aufgenommen haben“, sagt Krottenthaler. Die Vielfalt der Spielarten bestimme neben der Internationalität der Künstler seine Programmgestaltung.
Schräge Töne aus Österreich
Neues probiert auch das österreichische Trio „Maschek“ aus, wenn es in seinem Programm „101010 – Ein revolutionärer Fernsehtag“ die Fernsehereignisse eines einzigen Tages (des 10. 10. 2010) live nachsynchronisiert. „Ein raffiniert und abwechslungsreich verschachteltes Szenario, das Medienspott, Sozialkritik, Politsatire und puren Nonsens zu einem grotesk-schrägen und dabei hochintelligent-gewitzten Spaß vereint“ urteilt eine österreichische Kabarett-Website.
Nicht allzu viele Worte muss man über den Vorlesekünstler, Kolumnisten und „Lindenstrasse“-Schauspieler Harry Rowohlt verlieren, dessen spontan zusammengestellte Lesungen ob des anspruchsvoll-unterhaltsamen Charakters Kultstatus besitzen. „Rowohlt gilt vollkommen zu Recht als Gott“, meint das Satiremagazin „Titanic“. Auch Helmut Schleich – genialer Strauß-Imitator und gern gesehener Gast im deutschen Kabarett-Fernsehen – ist eine feste Größe in der deutschen Kleinkunstlandschaft. In seinem neuen Programm „Nicht mit mir“ verwandelt sich der Münchner Vollblutkabarettist wieder in lauter kuriose Gestalten.
Aus München kommt auch das „Fastfood Theater“. Die Improvisationsschauspieler haben in ihrer neuen Show ihre bayerische Seele wiederentdeckt und lassen es stanzeln und granteln, was das Zeug hält –und wie immer bestimmen die Zuschauer, wo’s langgeht. Auch beim bayernweit ausgeschriebenen „Thurn und Taxis Kabarettpreis“ darf das Publikum, neben einer fachkundigen Jury, mitentscheiden, welcher der fünf Bewerber am Ende die Nase vorne hat. Ob die Oberpfälzer Kandidaten Helmut A. Binser (Runding) und Franziska Wanninger (Regensburg) ihren Heimvorteil nutzen können, wird sich zeigen. Die beiden Duos „Öller & Eixenberger“ und „Creme Bavarese“ aus Oberbayern und der niederbayerische Landwirtssohn Martin Frank werden es ihnen jedenfalls nicht leicht machen. Mittelbayeriche Zeitung, 12.2.2012

 

Rockender Talentschuppen auf Reisen
Wishbone Ash in der Alten Mälzerei: Die britische Band lebt nicht nur von den vielen Klassikern aus den 70er-Jahren.

Von Norbert Lösch, MZ
Regensburg. Wenn die britische Rockband Wishbone Ash auf Tour geht, dann ist das oft eine Art reisender Talentschuppen. Hatten die Mannen um Andy Powell einst famose Mitstreiter wie die Guitar Slingers dabei (aus denen sie kurzerhand ihren zweiten Gitarristen Ben Granfelt rekrutierten), kam heuer Fabian Anderhub mit auf die Europa-Tournee.
Der nach Kanada ausgewanderte Schweizer bezieht sich nach einem rockigen Start mit Songs aus seiner zweiten Scheibe „It’s A Blues Thing“ auf die ganz großen Namen des Genres, allen voran Freddie King. Auf der Bühne wechselt er geschickt und lässig zwischen eigenen Stücken und der Interpretation großer Vorbilder. Wo er hin will, nämlich möglichst nahe an den Olymp der Gitarren-Götter, wird klar, wenn er „Just Got Paid“ anstimmt. Dem Song von Johnny Kemp hatten schon ZZ Top und Joe Bonamassa – zum Beispiel für die DVD „Live from the Royal Albert Hall“ – Energie eingehaucht. Das gelingt auch Fabian Anderhub sehr passabel. Einziges Manko bei seinem 45-minütigen Vorstellungstermin ist der mitunter heftig übersteuerte Bass, der einem das Hemd flattern lässt.
Berühmt für „twin guitar sound“
Mit dem Sound haben erfahrene Haudegen wie Andy Powell natürlich keine Probleme. Das einzig verbliebene Gründungsmitglied von Wishbone Ash ist seit jeher darauf bedacht, dass vor allem die beiden Gitarren gut rüberkommen. Für den „twin guitar sound“ sind sie schließlich seit mehr als vier Jahrzehnten berühmt. In ihrer Glanzzeit füllte die Band mit ihrem melodiösen, ohne Kraftmeierei auskommenden Hardrock mühelos ganz große Hallen, aber nach einem Karriere-Knick in den 90er-Jahren backen Powell und Co. schon lange kleinere Brötchen. Das ist gar nicht so schlecht für die weltweit immer noch existierenden Anhänger, kommen sie den Musikern bei Club-Konzerten doch sehr nahe.
Die Fans, auch die in der Mälzerei, freuen sich natürlich auf die alten Klassiker. „The King Will Come“, „Warrior“, „Jailbait“ oder als Rausschmeißer „Blowin Free“ – da wippen die Köpfe, da klopfen die Füße. Die Band wird angefeuert und bedankt sich mit einem zwei Stunden dauernden Auftritt.
Nichts Neues also bei den Miterfindern des Classic Rock? Oh doch, und zwar schon bei der Besetzung. Den zweiten Gitarristen Muddy Manninen – nach Ben Granfelt der nächste Finne – und Bassist Bob Skeat hat Andy Powell zwar schon seit Jahren an seiner Seite, aber Drummer Joe Crabtree ist ein echter Novize.
Neue CD live präsentiert
Crabtree ist zwar gerade mal halb so alt wie Andy Powell, der am 19. Februar seinen 62. Geburtstag feiert, trommelt sich aber mit der ganzen Erfahrung eines Schlagzeuglehrers und gefragten Studiomusikers souverän durch das Programm.
Neu ist auch die Scheibe, die Wishbone Ash an diesem Abend vorstellt. „Warm Tears“ etwa stammt von der gerade aus der Presse gekommenen CD „Elegant Stealth“. Darauf setzen Andy Powell und Muddy Manninen ihre Gitarrenarbeit auf höchstem Niveau fort, und auch live überzeugen sie auf ganzer Linie. Das blueslastige, wenig statische Spiel von Manninen, der schon allein durch seine sichtbare Spielfreude die Akzente setzt, tut der Band gut. Schön, dass sie wieder einmal in Regensburg war. Mittelbayeriche Zeitung, 8.2.2012

 

Gnadenlos auf Tuchfühlung
Ein eindringliches Konzerterlebnis: Astronautalis rappte in der Mälze.


Von Felix Restorff, MZ
Regensburg. Zwei Tische, zwei Barhocker, zwei Laptops und zwei Mikrofone: Diese minimalistische Ausstattung reichte dem Rapper Astronautalis und seinem Support Bleubird, um in der Alten Mälzerei eine bemerkenswerte Show abzuliefern. Den Anfang des Konzerts machte Jacques Bruna alias Bleubird – der Amerikaner bot nicht nur ordentlichen Hip-Hop, sondern brillierte darüber hinaus mit amüsanten Anekdoten über das abwechslungsreiche Leben als Rapper. Bleubirds Songs zeichnen sich vor allem durch zwei Eigenschaften aus: durch Texte, die ganz dicht am Alltag dran sind, und durch einen ohrenbetäubenden Bass. Nicht zuletzt sorgten seine launigen Anmoderationen für Heiterkeit im Publikum. Extrabeifall gab’s für „Clean Your Plate“ („Leere deinen Teller“): In diesem Song echauffiert sich Bleubird über dekadente Wohlstandsbürger, die ihren Teller im Restaurant halbgefüllt zurückgehen lassen, während Menschen in anderen Teilen der Welt Hunger leiden.
Der eigentliche Hauptact des Abends, Astronautalis, ebenfalls ein US-Rapper, seit 2003 im Geschäft, hielt sich während der Songs seines Kollegen eher im Hintergrund – abgesehen von der ein oder anderen Vokaleinlage. Auch als er später das Kommando auf der Bühne übernahm, wollte Charles Andrew Bothwell (so sein bürgerlicher Name) nicht so recht ins Klischee vom wilden Rapper passen: Astronautalis ist eher ein Typ wie du und ich, mittelgroß, blond, bekleidet mit Bluejeans und Hemd.
Aus dem Raster fällt auch seine Hip-Hop-Musik: Es geht weder um Gewalt noch um Geld oder um schnelle Autos. Bevor er seine Songs vortrug, dirigierte Astronautalis die Zuschauer ganz nah an die Bühne. Während er mit seiner eindringlichen, rauchigen Stimme rappte, suchte er permanent Tuchfühlung mit dem Publikum – manche Passagen gerieten so fast zum Zwiegespräch mit den Zuschauern.
Besonders amüsant wurde der Abend, als der Amerikaner eine Probe seiner Ortskenntnis zum Besten gab: Er habe gehört, erzählte Astronautalis, es gebe in der Umgebung von Regensburg eine uralte Brücke, etwa 200 Kilometer von hier entfernt. Die Zuschauer nahmen dem sympathischen Musiker diesen Faux-pas nicht übel – nach dem letzten Song wurde derart lautstark Zugabe gefordert, dass Außenstehende davon ausgehen mussten, die an diesem Abend spärlich besuchte Mälze sei ausverkauft. Mit einem Freestyle-Rap über die Steinerne Brücke krönte Astronautalis seinen gelungenen Auftritt.
Mittelbayerische Zeitung, 4.2.2012

 

Pop und Rock verdienen mehr Gehör
Die „Heimspiel“-Reihe in der Alten Mälzerei feiert mit „Rock For Amnesty“ ihre 100. Ausgabe.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Nach Ansicht von Hans Krottenthaler findet das rege Treiben der regionalen Pop- und Rockszene zu wenig Beachtung. Allzu häufig werde auch bei städtischen Veranstaltungen der Fokus ausschließlich auf die „E-Musik“, die ernste Musik, gelegt. „Die junge und viel versprechende Regensburger Musikszene hat gegenüber Klassik und Jazz das Nachsehen“ meint der Programmchef der Alten Mälzerei. Auch im kürzlich vorgestellten Kulturentwicklungsplan der Stadt spielten Rock und Pop eine zu unbedeutende Rolle.
Stefan Glufke, der im Mälze-Team für die Organisation der „Heimspiel“-Reihe zuständig ist, sieht das ganz ähnlich: „Überregional wird Bands aus Regensburg eine weitaus größere Aufmerksamkeit geschenkt.“ Als Beispiel führt er die unzähligen Gruppen an, die im BR-Jugendradio On3 als „Band der Woche“ vorgestellt wurden oder sich gar auf der „On3-Startrampe“ im Fernsehen präsentieren durften. Um die regionale Szene zu fördern, bietet die Mälzerei aufstrebenden Bands beim monatlichen „Heimspiel“-Abend eine Plattform, um den Ernstfall zu proben: „Von der großen Bühne über eine hochwertige Musikanlage bis zum ausgebildeten Tontechniker bieten wir professionelle Bedingungen an“ erklärt Krottenthaler.
Die Bands werden bereits in der Vorbereitungsphase miteinbezogen: Durch das Verteilen von Flyern bewerben sie die Veranstaltung selbst. So sind seit der Gründung der „Heimspiel“-Reihe im Dezember 1999 – damals noch unter dem Namen „Die Szene lebt!“ – insgesamt 382 Bands aufgetreten. Um den 100. „Heimspiel“-Abend gebührend zu feiern, lädt die Mälze am Samstag nun zum „12. Heimspiel-Festival“ ein, das mit einem Programm aufwartet, das laut Krottenthaler die angesagtesten regionalen Bands vereint.
Wie bei jedem „Heimspiel“ wird auch beim Jubiläum großer Wert auf musikalische Vielfalt gelegt. Die Allstargroup der Regensburger Punkszene, The Glorious Thieves, die den Abend mit melodischem Amipunk eröffnen, setzt sich aus Mitgliedern bereits etablierter Punkgruppen zusammen. Die Indie-Songwriter von Balloon Pilot, die ihre Debüt-CD auf Mehmet Scholls Label „Millaphon Records“ veröffentlichten, weisen Musiker der Weilheimer Kultband The Notwist in ihren Reihen auf.
Red Button um Sängerin Jule drücken den roten Alarmknopf und lassen schnörkellosen (Hard-)Rock mit Grungeeinflüssen auf ihr Publikum herunterprasseln. Die vier jungen Regensburger von Nice Guy Eddie zählen zu den großen Pop-Hoffnungen der Stadt und sind „mehr die netten Schwiegersöhne von nebenan“, so Glufke, „die mit aufgekratzten Gitarren und einem fetten Beat für reichlich Stimmung sorgen.“
Als „Special Guest“, konnte die Mälze die holländischen Punkrocker von Antillectual verpflichten, die gerade auf Tournee sind und mit ihren politischen Texten auch bestens zum „Nutznießer“ des Abends passen. Denn sämtliche Einnahmen des 100. Heimspiels kommen Amnesty International zugute, deren Regensburger Ortsgruppe mit ihrem 40. Gründungstag ebenfalls einen Grund zum feiern hat. „Die Heimspiel-Festivals sind traditionell Benefizveranstaltungen. Die Bands spielen ohne Gage und wir stellen kostenlos die gesamte technische und personelle Infrastruktur zur Verfügung“ erklärt Krottenthaler. Mit Amnesty International habe man bereits vier Mal zusammen gearbeitet und konnte der Menschenrechtsorganisation insgesamt bereits 5000 Euro überweisen.
Damit dieser Betrag noch steigt, hofft Krottenthaler auf einen regen Publikumszuspruch am Samstag, „außerdem haben die tollen Bands ein volles Haus verdient“.
Sa., 28. Januar, 20 Uhr, Alte Mälzerei, Galgenbergstraße
Mittelbayerische Zeitung, 27.1.2012

 

KONZERT DES JAHRES 2011

Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2011 in der Mälze ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Aus den vielen Vorschlägen konnten sich schließlich LYDIA LUNCH & BIG NOISE, THE SLACKERS, GANES, ERDMÖBEL, JA PANIK, HUNDREDS und MONO&NIKITAMAN absetzen. Zum Sieger wurde aber (erneut) eine Band aus Skandinavien gewählt: Das KONZERT DES JAHRES 2011 heißt: FRISKA VILJOR. Gratulation an die Schweden. Wir freuen uns alle auf ein Wiedersehen mit den sympathischen Jungs und bedanken uns bei all den Teilnehmern, die sich bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2011 beteiligt haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.

 

FDP oder Finanzhaie: Er demaskiert sie alle
Max Uthoff begeistert in der Mälze mit seinem Programm „Oben bleiben“.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . Vor zwei Jahren musste sich Max Uthoff die Bühne noch mit vier Kollegen teilen, die mit ihm in der Alten Mälzerei um den „Thurn und Taxis Kabarettpreis“ stritten. Den nahm er dann mit klarem Votum mit nach Hause. Im vergangenen Jahr wurde sein erstes Programm „Sie befinden sich hier!“ mit dem Förderpreis des Deutschen Kabarettpreises bedacht. Am Samstag nun, als er sein neues Programm „Oben bleiben“ vorstellte, war die Mälzerei bis auf den letzten Platz besetzt. Den Münchner Uthoff kann man mit Fug und Recht als den Shootingstar der deutschen Kabarettszene bezeichnen. Es gibt derzeit wohl keinen, der besseres politisches Kabarett macht.
Den fundierten Aussagen nach zu urteilen, die er in seinen Programmen trifft, bringt der 44-Jährige seine Vormittage mit intensiver Zeitungslektüre zu. Ob Politik, Wirtschaft, Geschichte oder das Absurde aus aller Welt – Uthoff extrahiert das Wesentliche, stellt Querverbindungen her und nutzt schnöde Statistiken, um seine Lacherquote zu erhöhen. Besonders bemerkenswert sind seine irrwitzigen Vergleiche, die an Originalität kaum zu überbieten sind und die der Kabarettist nicht an einem einzelnen Nachmittag aus dem Ärmel geschüttelt haben dürfte – alles andere würde an Übermenschlichkeit grenzen. Vielleicht ist ihm die wortakrobatische Virtuosität aber auch in die Wiege gelegt worden. Vater Reiner und Mutter Sylvia führten dreißig Jahre lang das „Rationaltheater“ in Altschwabing, wo der spätere Jurastudent auf und hinter der Kleinkunstbühne seine ersten kabarettistischen Erfahrungen sammelte.
Uthoffs Witz wirkt, weil seine Worte durchdacht und höchst originell sind. Wildes Grimassieren, zerzauste Haare oder das fast schon zum Standard gewordene Miteinbeziehen des Publikums sind bei ihm Fehlanzeige.
Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, Uthoff habe Philosophie studiert, so zahlreich sind seine Verweise auf Dichter und Denker vergangener Epochen. Und: er verortet seine Erkenntnisse im Hier und Jetzt. Der vermeintlich bedeutungslose Alltag eines Jedermanns wird politisch aufgeladen, seziert und mitunter den Hunden zum Fraß vorgeworfen. Denn in seinem smarten schwarzen Anzug, der ja so harmlos erscheint, kann Uthoff auch richtig böse sein. Und wie es sich für politisches Kabarett gehört, zeigt er sich respektlos den Autoritäten gegenüber. Ob Religionen, Parteien oder Wirtschaftsvertreter – Uthoff demaskiert sie alle. Sein besonderes, geradezu aufklärerisches Verdienst besteht jedoch darin, dass er das gesamte kapitalistische System einer kritischen Analyse unterzieht und seine Funktionsweise offen legt. Und das auf so treffende, eloquente und wortschöpferische Weise, dass es eine wahre Freude ist, ihm zuzuhören. Und man als Zuschauer nicht umhin kommt, irgendwann zu sich zu sagen: „Ja, dieser Mann hat recht.“
Während Krisenbewältiger Christian Wulff nicht mal mehr als „moralischer Luftbefeuchter“ taugt, liegen bei Uthoff die abzockenden Finanzdienstleister cocktailschlürfend am Mittelmeerstrand, wo die ausgemergelten Leiber afrikanischer Flüchtlinge angeschwemmt werden. Während Angela Merkel die Machtübernahme im Hause Europa probt, verbeißt sich die lernresistente Steuersenkungspartei FDP „wie ein Schaf immer wieder im Elek-trozaun.“ Um das reibungslose Regieren zu garantieren, werden die Menschen in den westlichen Demokratien in einen Zustand permanenter Angst versetzt. Pisa-Panik, Arbeitslosigkeits-Hysterie, Altersvorsorge-Unruhe ziehen den Bürger in einen fortwährenden Überlebenskampfstrudel. Und sollte sonntags mal tatsächlich die Gefahr bestehen, dass der Bürger anfängt, sich seine Gedanken zu machen, wird er schnell mit Stadtmarathons und ähnlichen Spaßveranstaltungen wieder davon abgebracht.
Clevere Einsichten bietet Uthoff zuhauf. Jeder politisch Interessierte sollte sich einmal eine seiner Shows angesehen haben. Mittelbayerische Zeitung, 18.1.2012

 

 

Er spielt den oidn und ewigen Blues
Willy Michl lebt in seinem 62. Winter. Von einem bürgerlichen Leben war der Isar-Indianer immer weit entfernt. Die Fans gehen seinen Weg mit.

Von Heike Siegel, MZ
Regensburg. Willy Michl gibt nicht die Hand. Er macht den Indianergruß. Legt die rechte Hand ans Herz und führt sie mit Pathos in weitem Bogen nach außen. Seine Fans erwidern den Gruß reflexartig. Klaus Mayer zieht fast andächtig ein abgegriffenes Plattencover von Michls LP „Ois is Blues“ aus der Stofftasche. „Könntest Du mir eine Widmung draufschreiben? Das war nämlich die zweite Platte, die ich mir in meinem Leben gekauft habe.“
Mit seiner Frau Cora sitzt Willy Michl, der „Isar-Indianer“, hinter einem Tisch mit CDs und Autogrammkarten. Fünf große Federn stehen ihm in alle Richtungen vom Kopf ab, sein beiger Fransen-Indianer-Anzug spannt ein wenig um den Bauch. Ein Hauch von Nostalgie weht durch die Alte Mälzerei, wo der Blues-Musiker am Donnerstag das Konzertjahr eröffnet hat.
Das scheint auch seine Frau Cora zu spüren. „Hier in der Mälze, an der Bar, hat mir Willy 1993 einen Heiratsantrag gemacht. Immer, wenn ich herkomme, sage ich: ‚Weißt Du noch?“, erzählt sie. Auf die Frage „Liebling, willst Du meine Frau werden?“ antwortete die Oberpfälzerin mit dem pechschwarzen Haar und den üppigen Lippen damals: „Ja, das wäre der schönste Tag in meinem Leben.“ Der Rest ist Geschichte. Am 22. Juli 1993 heirateten die beiden in München. Sie wirken auch nach fast 19 Ehejahren unglaublich glücklich miteinander. Das unterscheidet sie von vielen anderen Paaren, nicht nur ihr exzentrisches Äußeres. Willy Michl läuft seit Jahren als Indianer durch die Gegend. Doch das Outfit darf nicht davon ablenken, dass Michl ein exzellenter Blues-Gitarrist und Alleinunterhalter ist.
„Er ist natürlich und sympathisch“
Der Isar-Indianer ist mit seinem Publikum zwar alt („Es ist der 62. Winter, in dem ich jetzt schon lebe“), aber eben nicht bürgerlich geworden.
Er traut sich, seine Exzentrik zu leben, wird von seinen Fans aber nicht darauf reduziert. „Er ist ein natürlicher und sympathischer Typ geblieben, so wie er immer war. Wenn der Indianer-Kult sein Weg ist, dann ist das völlig o.k.“, findet Gudrun Schierlinger aus Regensburg. Die 48-Jährige kennt Michl seit den 80ern. „Damals haben doch nur er und die Spider-Murphy-Gang was Bayerisches gemacht.“ Der 60-jährige Gerhard Baumann aus Alteglofsheim ist Fan der ersten Stunde. 1969 arbeitete er im ehemaligen Hotel „Peterhof“ gegenüber dem Münchner Rathaus. Damals hat er Michl vor einem Kaufhaus als Straßenmusiker mit Lederjacke und langen Haaren erlebt und war sofort hin und weg. „Der hatte damals schon einen Elektroverstärker dabei. Mitten auf der Straße.“
Roland Breu (61) aus Wolfsegg und der 59-jährige Max Artmeier aus Straubing freuen sich vor dem Konzert auf „echten und ehrlichen“ Blues. Artmeier, Bäcker mit eigenem Laden, greift oft selbst zur Gitarre. „Ich spiele Willys Lieder immer noch gern.“ Junge Leute sucht man im Publikum wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Die 22-jährige Vroni Eibl aus Deuerling kennt Willy Michl von ihrer Mama. „Als ich noch ein ganz kleines Mädchen war, hat sie mir immer sein Lied ‚Indianer‘ vorgesungen. Deshalb wollte ich den schon immer mal sehen.“ Die meisten Zuhörer sind in Michls Alter und kennen die Songs in- und auswendig. Beim „Bobfahrerlied“ singen alle mit: „…wir sind die Männer mit einem harten Job, wir fahren mit dem Bob.“
Vielleicht gibt es eine neue Platte
Das Lied „Isarflimmern“ bringt er als zweiten Song. Der starke Bass seiner Gitarre korrespondiert mit seiner vollen Bluesstimme, die stellenweise an Wolfsgeheul erinnert. Die Riffs kommen ungestüm, aber sauber. Ein Plektron braucht Willy Michl nicht. Er streicht die Saiten mit den langen Fingernägeln seiner rechten Hand. Die Akkorde und sein Gesang sind leidenschaftlich und kraftvoll, auch wenn ihm die Stimme manchmal bricht. Es herrscht eine Stimmung zwischen Wehmut, Andacht und Lagerfeuerromantik. Der Blues funktioniert eben immer noch. Die gute, alte Zeit!
Aber auf Neues wartet man beim Schwelgen vergeblich. Michl hat noch immer keine neue Platte gemacht. „Eigentlich ist sie schon fertig, nur eben nicht aufgenommen. Vielleicht wird es diese Platte nie geben. Aber alle werden ewig darauf warten…“, prophezeit er lachend. Michl bleibt sich treu und schert sich nichts um den Mainstream: „So spui I mein oidn und ewigen Blues!“
Mittelbayewrische Zeitung, 15.1.2012

 

Ein schweißtreibendes Fest des Friedens
Das Dancehall-Duo Mono & Nikitaman feiert mit seinen Fans in der Mälze eine heiße Mitmach-Party.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Mono und Nikitaman stellen bei ihrem Auftritt in der Alten Mälzerei ihre Entertainerqualitäten unter Beweis. Sie lassen ihr Publikum einen russischen Backgroundchor imitieren oder mit Feuerzeugflammen eine heimelige Intim-Atmosphäre kreieren. Die Jungs sollen ihr T-Shirt ausziehen und das klatschnasse Ding in Hubschraubermanier über den Köpfen kreisen lassen. „Das ist das heißeste Konzert auf der gesamten Tournee“ merkt die 36-jährige Monika Jaksch alias Mono verzweifelt an. Irgendwann ordert ihr Kompagnon Nick Tilstra alias Nikitaman „100 Liter Wasser“, um die Konzertbesucher unentgeltlich vor der Dehydrierung zu bewahren.
Denn die Mälzerei ist gepackt voll. Die emporgereckten Arme hin und her zu schwenken oder einfach nur auf der Stelle in die Höhe zu hüpfen, gehört zu den obligatorischen Pflichten eines „M&N“-Fans. Die Texte mitzusingen sowieso. „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin, das Schlachtfeld bleibt leer, und alle gewinn’, das Leben ist schön – ja, ja“ – ein früher Nikitaman-Song von 2002 – schallt hundertfach durch den Club.
Es ist kein Wunder, dass das mittlerweile in Berlin beheimatete deutsch-österreichische Duo einen so großen Zuspruch erfährt. Beide gehörten Anfang des neuen Jahrtausends – zunächst unabhängig voneinander – zur ersten Generation deutschsprachiger Sprechgesangskünstler, die jamaikanische Musik und Musikkultur auf die hiesigen Verhältnisse übertrug. Beide waren auch auf der Kompilation „Dancehallfieber Vol. 1“ vertreten, die den Stein für deutschsprachigen Dancehall-Reggae ins Rollen brachte. Ab 2002 traten Mono und Nikitaman dann gemeinsam auf, zwei Jahre später erschien das erste gemeinsame Album „Das Spiel beginnt“.
Erstaunlich ist, wie weit sich das Künstlerpaar von den jamaikanischen Wurzeln gelöst und im Verlauf der vergangenen zehn Jahre etwas Eigenes kreiert hat, das man auch als zeitgemäßes Update von Deutsch-Pop definieren könnte. Sicherlich brummt der Bass noch Reggae-typisch im Untergrund; die gesamte Musik – und eben auch die Livepräsentation – weisen jedoch einen Professionalitätsgrad auf, der eine breite Massenwirksamkeit entfaltet. Der Sprechgesang ist zugunsten des Singens zurückgeschraubt und Monos glatte Stimme erklingt so glockenklar, als wolle sie die Nachfolge Nenas antreten.
Dabei sind Mono & Nikitaman seit jeher fest in Independentstrukturen verwurzelt, sie organisieren von der Musikproduktion über die visuelle Gestaltung bis hin zu den Merchandisingartikeln alles selbst.
Da passt es auch, dass sie ihr im Frühjahr erschienenes, viertes Album „Unter Freunden“ getauft haben. Diverse Gastsänger und -produzenten mischen hier mit. Für den Klang des Albums zeichnet Olsen Involtini verantwortlich, der bereits für Seeed, Rammstein oder Peter Fox am Mischpult saß. Dass der perfekte Klang dann eins zu eins auf die Bühne übertragen werden kann, garantiert die eigene Backingband.
Das „Unter Freunde“-Motto bringen Mono und Nikitaman etwas inflationär unters Volk, die fortwährenden „Wir wollen alle friedlich zusammen feiern“-Sprüche betonen etwas zu penetrant das Offensichtliche. Dass sie sich klar gegen Faschismus und Rassismus positionieren, unterstreicht ihr Selbstverständnis als politisch engagierte „Dancehallpunks“. Nikitaman kann sich nicht die eine oder andere Spitze gegen die restriktive bayerische Drogenpolitik verkneifen: „Vor hundert Jahren wurden hier nicht nur Bierfeste, sondern auch Hanffeste gefeiert.“
Mittelbayewrische Zeitung, 19.12.2011

 

 

Kahns Klezmer ist Politik, zu der man tanzen kann
Daniel Kahns wilde Musik erinnert an Punk, Freejazz, Brecht/ Weill und Tom Waits.

Von Helmut Hein, MZ
Regensburg. „Wenn ich nicht (dazu) tanzen kann, dann will ich auch nicht Teil Eurer Revolution sein.“ Klare Worte aus dem Mund einer Frau, der Anarchistin und Feministin Emma Goldman, die schon den jungen Henry Miller bezauberte. Daniel Kahn, dieser Virtuose des „Verfremdungsklezmer“ (die taz in einer euphorischen Rezension) zitiert sie. So, wie er überhaupt gern ans „gute Alte“ anschließt. Auch wenn er, ein wenig paradox, das von Walter Benjamin überlieferte Brecht-Bonmot zum Motto seines Albums macht, im Fall der Fälle sei das „schlechte Neue“ die bessere Wahl. Ein modernistischer Irrtum, den der Drei-Groschen-Mann mit Rimbaud teilt.
Aber Kahn ist ein revolutionärer Traditionalist, der mit Vorliebe die verdrängten Energien von Songs freisetzt, die längst vergessen oder durch ihren Erfolg im weltweiten Kulturbetrieb neutralisiert sind. Er versteht viel vom Entertainment – Emma Goldman hätte ihre helle Freude –, aber zuerst und vor allem sieht er sich als „Agitator“.
Er stammt aus Detroit, „einer Arbeiterstadt“, wie er betont. Er liebt die Songwriter der amerikanischen Linken, vor allem Woody Guthrie und Bob Dylan. Und noch mehr die jiddischen Arbeiterlieder. „Über einen Arbeitslosen in den USA heute“, sagt Daniel Kahn, „kann ich ein Lied singen, das vor hundert Jahren in Minsk geschrieben wurde“. Wer nach einer Genre-Bezeichnung für das, was er macht, sucht, dem sagt er: „Ich mache eine Art jiddisches Punk-Kabarett.“
Das ist ein wenig irreführend. Jiddisch stimmt zwar. Punk stimmt auch, wenn damit gemeint ist, dass er das Glatte verschmäht, dass er es gern roh und wild und ein wenig schräg hat. Sogar Kabarett ist richtig, wenn man nicht unsere Kleinkunst vor Augen hat, sondern wüstes, ungeniertes revolutionäres Welttheater. Und doch tut das der musikantischen Qualität seines Programms ein wenig Abbruch. Die FAZ entdeckt bei Kahn sogar „Freejazziges“, weil diese Band sich an keine Ordnung hält, die nicht in genau dem Augenblick, in dem sich ihre Musik „ereignet“, einleuchtet.
Klezmer ist bei Kahn nie Folklore, Kitsch, der gern vergisst, sondern unversöhnte Erinnerung, Gedenken. „Vi Azoy“ hat Avrom Sutzkever 1943 im Wilnaer Ghetto geschrieben. Der Autor träumt, nah an der Auslöschung, vom Tag der Befreiung, von der „Freude“ und stellt sich die Frage, wo dann das bittere, dunkle Lamento bleiben wird. Hellsichtig bis zur Verstörung: David Edelstadts jiddisches Lied „Im Kamf“, 1889 geschrieben, das gleichsam mit dem Refrain jüdischer Existenz beginnt: „mir vern gehast un getriben/ mir vern geplogt un farfolgt ...“
Zunächst merkwürdig wirken da die deutschen „Songs“, von Daniel Kahn getreu und sehr eigen interpretiert. Weniger Brecht/Weills „Denn wovon lebt der Mensch“ in seiner a-moralischen Humanität. Aber sogar die bösesten Botschaften verbrauchen sich: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, das geht heute allzu leicht über die Lippen. Kahn macht es wieder fremd und nachdenkenswert. Und schließlich scheut er nicht davor zurück, „Lilli Marleen“ nach einem Spieluhr-Intro ins Jiddische zu drehen und ihm so nachzuhören.
Kahns eigene Songs „Sunday After The war“ und „Inner Emigration“ klingen manchmal fast nach Tom Waits. Sie handeln unter anderem davon, dass man, immer und überall, für die innere Emigration bereit sein soll, dass man es aushalten muss, ein Fremder, geradezu ein Außerirdischer zu sein in der immer schon verlorenen Heimat. Und wem gelten diese Lieder, wo kommen sie her? Kahn zitiert ein Sprichwort: „Der Sohn will sich an das erinnern, was der Vater vergessen will.“
Auf keinen Fall vergessen oder verpassen sollte man das Daniel-Kahn-Konzert in der Mälzerei. Das Album „Lost Causes“ hat, vollkommen zu Recht, den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik erhalten.
Mittelbayerische Zeitung, 3.12.2011

 

Hochspannung im fulminanten Tanz-Finale
Uraufführungen und Deutschlandpremiere: Das Publikum bedankt sich zum Abschluss der Tanztage mit Beifallsstürmen.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Olaf Schmidts Erwartungen haben sich erfüllt. Um einige Minuten zu überbrücken, die die Tänzer hinterm Vorhang noch benötigten, erzählte er etwas zu den Choreografien und kündigte „Finale und Höhepunkt der 14. Regensburger Tanztage“ an. Ganz zu Recht, wie der Abend im voll besetzten Velodrom mit zwei Uraufführungen – „Rise and Fall“ von Anh Ngoc Nguyen und „Thinking outside the box“ von Walter Matteini – und der Deutschlandpremiere von Schmidts eigener Choreografie „Iamnot“ für die italienische Imperfect Dancers Company zeigte.
Ein Manko nur, das in allen Stücken auftauchte – laute, zu laute Musik. Anscheinend hat sich vergleichbar zur zeitgenössischen Popularmusik auch bei Bühnenkünstlern die Haltung breitgemacht, mit Lautstärke punkten zu wollen. Aber selbst dort, wo es künstlerisch intendiert ist, lenkt Lautstärke irgendwann mehr ab, als damit ausgedrückt sein mag. – Ein fulminanter Abend war es dennoch.
Eine vibrierende Erfahrung
Nahezu atemberaubend in Tempo, Dynamik und Geschlossenheit des Ensembles das mit üppig Kunstnebel, Händels rührender Arie „Lascia ch’io pianga“ und einer nackten Glühbirne abenteuerlich eingeleitete „Rise and Fall“ – Aufstieg und Fall (im Programm als „Raise and Fall“ angekündigt). Eine Frau, anarchisch gekleidet im schwarz-roten Trikot, ist gefangen im Nebel. Sie singt, schreit, ohne die Musik zu übertönen. Mutiert zum männlichen Gegenpart im Partnerlook. Die Bühne lichtet sich.
Mit den übrigen Tänzern des Regensburger Ballettensembles schwappt kaltes, weißes Licht und ein elektronischer Sound in den Raum, der wie Starkstrom alles unter Spannung setzt. Nahtlos springt die Energie auf den Tanz über, faltet sich zu einem ungemein dicht wirbelnden Feld von Anordnungen und Anschlüssen, Übergaben und Aufstellungen, Verknüpfungen und Lösungen auf. Präzise und eindringlich greifen die schnellen Sprünge, Läufe und teils grotesken Bewegungen der Tänzer im Solo, in Duetten und Gruppen ineinander. Atemlos vermag man kaum mehr zu folgen. Die Frage, wessen Aufstieg und Fall, gerät völlig in den Hintergrund. Die vibrierende Erfahrung mit den kraftvollen und hinreißend elastischen Körpern, die zu einer homogenen Einheit verschmolzen sind, löst sich in donnerndem Trampeln und einem Beifallssturm. Hier ist unmittelbar deutlich, warum der Gast aus Vietnam zu den gefragten Choreografen einer jungen Generation gehört.
Surreal und sparsam bebildert
Dieses Erlebnis wiederholt sich nach der Pause für die „Imperfect Dancers“ in der dramatischen, unter erotischen Flammen stehenden deutschen Erstaufführung von „Thinking outside the box“. Es ist eine kantige, um sich schlagende, ebenfalls emphatisch getanzte Choreografie. Mit surrealen, schönen Details sparsam bebildert, die die Tragik und Schwere des insgesamt etwas langatmigen Tanzstückes fein dosiert mit Humor abfedern. Hatte man sich erst einmal aus der Zwangsjacke der bedeutungsschwangeren, wuchtig lauten Klänge gelöst, einer Schnipselmusik aus Klassik, Vokalmusik, Industrial Sounds, dräuendem Klaviertritonus und knisternder Elektronik, ließen sich die sinnlich, von Sehnsüchten zitternden Pas de deux, ein beeindruckendes Solo über Bachs „Air“ und das wütende Anrennen gehen eine Wand befreit genießen.
Die aus heterogenen Charakteren zusammengesetzte Company entspricht als Gruppenbild tatsächlich dem widersprüchlich erscheinenden Namen „Imperfect Dancers“ – mangelhafte Tänzer. Tanzend ergibt sich, wie schon in Schmidts „Iamnot“, welches wenige Wochen vorher in Rom Premiere hatte, ein anderer Eindruck. Die unterschiedlichen Personen ergänzen sich in Reibungen und ihrer Verschiedenheit. Lediglich die kleinste Tänzerin nimmt ein wenig die Rolle eines Notnagels ein, der auch noch irgendwie untergebracht werden musste.
Dagegen fiel die über eine brisante gesellschaftliche Frage entwickelte Geschichte von Olaf Schmidt ein wenig ab. „Iamnot“ ist nach einem Film über menschliche Klone, die zur Entnahme von Organen gezüchtet werden, für die italienische Company entstanden und entwickelt sich, ausgehend von kindlichen und jugendlichen Outfits, linear. Dabei hat Schmidt für die am Ende stehende Organentnahme anrührende Bilder und Gesten gefunden, die auf subtile Weise an die „Mein-Bauch-gehört-Mir“-Kampagnen der 70er erinnern. Durch die erzählte Vorwegnahme des inhaltlichen Geschehens aber hat Schmidt die Fantasieschraube seines Publikums nahezu festgezurrt, so dass der Blick immer mit dem Ablauf im Hinterkopf auf die Tänzer fiel. Diese bebilderten vor allem in hinreißend synchron getanzten Passagen die Frage der menschlichen Duplikate erschreckend schön.
Ein würdiger, denkwürdiger Abschluss für die 14. Regensburger Tanztage. Davon wünscht man sich nächstes Jahr mehr. Mittelbayerische Zeitung, 29.11.2011

 

Schwerer Abschied im Schneegestöber
Die 9. Internationale Aids-Gala im Velodrom: Ballettdirektor Olaf Schmidt erlaubt sich einen wunderbar ironischen Abgang.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. So konsequent und überzeugend und beifallumrauscht wie bei der 9.Internationalen Aids-Tanzgala am Samstag im wie immer ausverkauften Velodrom ist das klassische Ballett noch nie beerdigt worden, zumindest nicht in Regensburg. Es geht los mit einem Paukenschlag: Anh Ngoc Nguyen choreografiert das Regensburger Ensemble, ein Ausschnitt aus „Raise and Fall“, das am Tag darauf Premiere hatte. Ein eigenwilliges neunköpfiges Marionettenballett zu einer leicht nervigen Musik zwischen Zahnarzt und Science Fiction. Von der ersten Minute an ist klar: Der Zopf ist ab, hier wird in der Gegenwart getanzt, keine Zugeständnisse an etwaige nostalgische Bedürfnisse im Publikum.
Und so geht es dreieinhalb Stunden lang weiter: wenig Gefälliges, dafür viel Packendes, Berührendes, Mitreißendes. Am eingängigsten vielleicht noch das „Trio aus B(r)achland“ (der Teufel hole die ewigen Wortwitzeleien!) des Münchner Tanztheaters vom Staatstheater am Gärtnerplatz: Eine Frau (Hsin-I Huang), federleicht schwebend zwischen zwei Männern (Marc Cloot und David Valencia), in der Choreografie von Hans Henning Paar. Ein getanzter Traum zu einem Klavierkonzert von J. S. Bach, eine Dreiecksbeziehung unter Schmetterlingen, eine Menage à trois wie von einem anderen Stern.
Wie verletzlich der Mensch ist
Mit am meisten Beifall heimst die italienische Imperfect Dancers Company unter Walter Matteini ein. Der Ausschnitt aus dem Stück „Istante“ („Augenblick“) ist eine eigensinnige Inszenierung zu Musik von Vivaldi, J. S. Bach und Händel, unterlegt mit Flüsterstimmengewirr, voller Operntheatralik und Dramatik: Mann und Frau (Ina Broeckx und Julio Quintanilla), deren Auseinandersetzung allein schon bühnenfüllend wäre, doch zwei weitere Männer (Emanuele Rosa und Mattia de Salve) tanzen um sie herum einen spannungsgeladenen eigenen Tanz. Ein hochkomplexes, hochfragiles Geschehen: Unglaublich, wie beweglich der Mensch sein kann – und unglaublich, wie verletzlich er ist. Unter den Solotänzern sticht Charlotta Öfverholm mit „Flexible with Frozen“ heraus (Choreografie: Sean Curran). Die Schwedin legt zu Musik von Dvorák einen Maskentanz hin, der einem den Atem stocken lässt. Zwischendurch liegt sie schon wie tot am Boden, wird jedoch im nächsten Moment von Klavier und Geige wieder zum Leben erweckt. Als sie am Ende die Maske abnimmt, ist es wie das überraschende Finale einer stundenlangen Oper.
Dass es bei so einem explizit modernen Programm noch Gesangseinlagen bräuchte, gar Ulknummern zum „Schmunzeln“, um dem Publikum zwischendurch „Erholung“ zu gönnen und es bei der Stange zu halten, ist Unsinn. Das alte Schwanenseepublikum ist längst weg – oder es hat sich überzeugen lassen und ist geblieben. Die 600 Leute im Velodrom warten geradezu auf zeitgemäße Zumutungen, wollen keinen Schnee von gestern.
Standing Ovations im Velodrom
Und doch, am Ende schneit es: Ein Ausschnitt aus Olaf Schmidts jüngster „Nussknacker“-Inszenierung. Ganz zum Schluss doch noch eine Reminiszenz ans klassische Ballett, eine geballte Ladung Romantik: vier Männer, vier Frauen, die sich synchron und gefällig zum Walzer wiegen, die sich zu vier innig vereinten Paaren finden, Frauen, die mit hocherhobenen Armen im Kreis stehen und den Schneeflocken entgegenjauchzen. Nur die Alten fehlen diesmal. Nicht sie werden am Ende zum Sterben in den Schnee hinausgetragen, sondern ein noch sehr rüstiger Herr im Anzug, der, als er im Schnee abgesetzt wird, dem Publikum zuwinkt. Es ist Olaf Schmidt.
Wie sagte doch Moderatorin April Hailer zwischendurch: Gewisse Sachen sind auf der Regensburger Ballettbühne vor acht Jahren (als Olaf Schmidt hier ankam) noch nicht möglich gewesen. Das ist sehr diplomatisch ausgedrückt. Olaf Schmidt hat hier einiges auf den Kopf gestellt. Mit dem rückwärtsgewandten Schwelgen in biedermeierlichen Nettigkeiten ist es ein für allemal vorbei. Ein wunderbarer, hochironischer Abgang. Stehende Ovationen.
Mittelbayerische Zeitung, 28.11.2011

 

Ein garstiger Poet und Philosoph des Banalen
„Ich mein’s doch nur gut!“ heißt sein Programm, doch Kabarettist Matthias Egersdörfer meint es nicht so.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Das rote Hemd steht für den Gemütszustand, in den sich Matthias Egersdörfer immer wieder hineinkatapultiert. Die Zornesröte steigt ihm zu Kopf, seinen Unmut spuckt er geradezu heraus, sein hysterisch-heiserer Tonfall kann einem Angst machen. Der Kabarettist mit dem lichten Oberhaar und den mächtigen Koteletten ist ein Grantler wie er im Buche steht. Den kritisch-zweifelnden Blick oftmals zu Boden gerichtet, die Schultern nach vorne gebeugt, lässt er sich in seinem fränkischen Dialekt über die facettenreiche Bedeutungslosigkeit der menschlichen Existenz aus. „Königsberger Klopse sind im Endeffekt auch nichts anderes als Fleischküchle. Der Regentag ist wie der Sonnentag, halt nur ohne Sonne.“ Im Prinzip ist immer alles das gleiche. Seine bodenständigen Themen haben philosophischen Tiefgang.
Nach einer in dickflüssigste Ironie getränkten Ode auf den Altruismus der Deutschen Bahn rastet der Mann komplett aus, weil ihm der eigene Anschlusszug rausgegangen ist. Auf dem einsamen Bahnsteig kommt ihm dann ein Zwerglein wie aus einem Märchen entgegen, das ihm aufzeigt, dass er immer schon der „Kategorie B“, der Verliererfraktion, angehört hat. Gründe zum Ausrasten hat der 42-Jährige also genug.
Er kann aber auch einfach nur garstig sein. Wenn er etwa über die Vorzüge des „Pubbelns“, des Nasetiefbohrens spricht, die Bahnmitreisende mit entstellendem Kropf fotografieren möchte oder dem Schreikind „kräftig in die Fresse schlagen“. In der U-Bahn imaginiert er sich in eine blutige Slasherszene hinein oder wird von einer älteren Dame angebaggert: „Geile, rüstige Rentnerin sucht junges, williges Fleisch für heiße, dreckige Liebe.“
Gleichzeitig ist Egersdörfers wortreiche Sprache voller Fantasie und sprechender Bilder. Ob in seiner Kurzgeschichte „Das leicht gebaute Fräulein“, wo er vor sexueller Erregung am ganzen „wamperten“ Körper geradezu aufquillt, oder in seiner wunderbar poetischen Liebeserklärung an den „Brezelmann“, der sehnsüchtigst vom Zugpersonal erwartet wird. Von großer literarischer Qualität zeugt auch seine parallel erzählte Geschichte von einem Badenden (er selbst), der in einem wahren Showdown, einem apokalyptischen Regensturm, auf die vermenschlichte Biene Gundel trifft. Der Kabarettist fabuliert sich in einen Rausch hinein, dem sich auch der Zuhörer nicht entziehen kann. Egersdörfer sollte Romane schreiben.
Dass das Wort auch zur Waffe werden kann, bekommt die erste Sitzreihe zu spüren, die immer wieder zur Zielscheibe seiner spöttischen Neugierde wird. Aber auch dem gesamten Publikum bescheinigt er „100-prozentige Blödheit“. Seine Fans scheinen ihn für diese außergewöhnliche Offenheit zu lieben. Ebenso wie für seine charakteristischen Sprachlosigkeitslaute, wie das angewidert-ablehnende „Ähhh!“ oder das ahnungslose „Buh?“
Nicht umsonst hat der Franke schon sämtliche namhafte Kabarettpreise abgegriffen und ist regelmäßiger Gast in Kabarettsendungen. Selbst das obligatorische Anpreisen der mitgebrachten Tonträger am Ende der Show absolviert er mit einer herrlich ironischen Selbstgefälligkeit.
Mittelbayerische Zeitung, 28.11.2011

 

Elektro-Pop ohne Risiken und Nebenwirkungen
Das Hamburger Geschwisterpaar Milner wagt sich als Duo Hundreds nicht aus dem Mainstream hinaus.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Die Bühne liegt im nebligen Halbdunkel. Konkav aufgestellte Strahlerleisten am Boden werfen von hinten ein rot-blau changierendes Licht auf die Umrisse der beiden Künstler. Flackernde Filmsequenzen und geometrische Figuren tanzen hier und da über ihre Gesichter.
Philipp Milner bedient den Synthesizer, entlockt dem Piano so manch gediegene Melodie mit Wiedererkennungswert. Bei den schnelleren Stücken erhebt er sich von seinem Schemel und wiegt den Oberkörper rhythmisch vor und zurück. Vom 36-Jährigen kommen die Beats, elektronisches Gezirpe, hin und wieder ein alles durchdringender Bass.
Im Mittelpunkt der Bühnenshow steht jedoch seine sechs Jahre jüngere Schwester Eva. Sie präsentiert sich ihrem Publikum zunächst mit einer mönchsartigen Kapuze auf dem Kopf, die ein asymmetrisch zugeschnittenes schwarzes Kleid verhüllt. Ihr grünlich-glitzernder Lidschatten hat etwas von Roaring Twenties und Glam-Rock. Barfuß verleiht sie der Musik mit theatralisch-tänzerischen Bewegungen, die manchmal etwas zu dick aufgetragen wirken, zusätzlichen Ausdruck.
Der helle, klare Gesang der 30-Jährigen erinnert mal an die Rainbirds-Sängerin Katharina Franck, mal an Englands Soul-Pop-Diva Lisa Stansfield: verträumt, lieblich, melancholisch, in Momenten Enya-mäßig sphärisch.
Der Gesang verpasst der Musik von Hundreds eine mainstreamige Pop-Note. Die Ecken und Kanten der elektronischen Musik, die hier als Vorlage dient, wurden glattgebügelt. Alles Abstrakte, Gebrochene, Harte, Kalte von Techno, House oder Drum’n’Bass wurde domestiziert. Ungerade Beats, spacige Acid-Sounds oder einen dröhnenden Bass traut sich Milner nur ansatzweise einzuspielen. Selbst eine tanzbare Uptempo-Nummer mit einem durchgehenden House-Beat wird keine weitere Ausformulierung gegönnt – gerade so, als habe man Angst, das Popformat zu verlassen.
So stehen Hundreds für die Fortführung des Trip-Hop-Sounds der Neunziger Jahre, ohne jedoch die emotionale Tiefe von Bands wie Massive Attack zu erreichen. Dafür ist ihre Musik angereichert mit Versatzstücken der elektronischen (Tanz-)Musik, der jede Wildheit ausgetrieben wurde. Gefällige Musik, die keine Risiken eingeht und niemandem wehtun möchte.
Mittelbayerische Zeitung, 25.11.2011

 

Ständiges Kreiseln um das eigene Ich
Solotanznacht mit Stuttgarter Preisträgern bei den Regensburger Tanztagen: Viel präzise Bewegungskunst, viel Stimmung und betont wenig Erzählung

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg . Im Hintergrund der dunklen Bühne ein Lichtstreif. Schemenhaft erkennbar eine Art Thron und darauf, hochaufgereckt, eine Person. Mit zunehmendem Licht und einsetzender Bewegung verschwindet der märchenhafte Eindruck. Der Thron ist eine Art rechteckiger Block und diese Person sitzt nicht, wie man meinen könnte, sondern steht, und beginnt, sich zu Musik, die so zart ist wie ein Windhauch, wie in Zeitlupe und scheinbar ohne Fixierung im Raum von dem Quader loszulösen. Um Aufbruch geht es in diesem minimalistischen Stück von Mischa van Leeuwen, um Neubeginn.
Die niederländische Tänzerin Maya Roest gestaltet dieses Vortasten in eine neue, unbekannte Welt mit bedächtigen Bewegungen, die mit der Zeit immer mehr Raum greifen. Vom Stelzen und eckigem Staksen wandeln sie sich zu suchendem Routieren, werden schließlich in ihrer komplizierten Struktur zielgerichteter und sicherer. Da findet jemand zu sich selbst.
Zelebrierte Langsamkeit
Das Kreiseln um das eigene Ich prägt die Stücke der Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart, die bei der Solotanznacht der Regensburger Tanztage im Uni-Theater zu sehen waren. Gemeinsam sind ihnen der äußerst sparsame Einsatz von Licht, eine größere Betonung der tänzerischen Bewegungskunst als des erzählerischen Tanztheaters, der Einsatz elektronischer Sounds neben ganz klassischer Musik und, zumindest bei den ersten drei Stücken, das Zelebrieren der Langsamkeit, einer spürbaren Nachdenklichkeit, die auch Rückschlüsse auf die Vorlieben dieser Stuttgarter Jury zulässt. Zu verwandt sind sich diese drei Preisträgerarbeiten vor der Pause in ihrer choreografischen Sprache und den philosophisch-abstrakt gehaltenen Themen.
Hervorragend getanzt sind alle fünf Stücke des Abends. Die französisch-russische Choreografin und Tänzerin Ioulia Plotnikova präsentiert mit fliegendem roten Haar ihr Stück „Doroga“. Vom marionettenhaften Schreiten bis zu wirbelnden Sprüngen und abenteuerlichen Drehungen, liegend um die eigene Achse quer über die Bühne, ist auch dieser Tanz der Suche nach dem eigenen Kern gewidmet – und der Überwindung der Zerrissenheit in der äußeren wie der inneren Welt.
Spinnengleiches Vierfüßlern
Was schon bei den Tänzerinnen beeindruckte, zeigt der aus Korea stammende Tänzer Moo Kim mit herausragender Präzision, Perfektion und großem Reichtum an Bewegungsformen in der Choreografie der Amerikanerin Sidra Bell „Grief Point“: Hand- und Beinarbeit, die von enormer, bezeichnender Klarheit ist. Um Zerrissenheit, um Leidensfähigkeit und Entwicklung geht es auch in dieser in Stuttgart sowohl mit dem 1.Preis für Choreografie wie dem 1.Preis für Tanz ausgezeichneten Arbeit: um die Selbstfindung eines Künstlers, der sich am Ende selbst Beifall klatscht.
Erzählerischer und auch witziger geht es nach der Pause zu. Der aus Japan stammende Yosuke Mino aus Kanada erweist sich in „Koji“ nicht nur als brillanter Tänzer mit großem und sehr fein eingesetztem Bewegungsvokabular. Er vermag es, Emotionen zu vermitteln. Das Getriebensein in hektischer Zeit, wie er durch einen Fahrer mit der Hand über das Gesicht die Masken wechselt oder mit dem Finger eine Träne in den Fokus rückt, ist sehr konkret – und berührend.
Mit einem lautstark gesungenen „Bom Bom“ tritt der aus Burkina Faso stammende Ahmed Soura auf und liefert mit „En opposition avec moi“ sicherlich das ungewöhnlichste und vielseitigste Tanzstück dieses hochkarätigen und insgesamt kurzweiligen Abends. Die Musik eine aufregende Mischung von Elektronic Rock und afrikanischer Perkussion, seine ausdrucksstarke Kunst eine traumhafte Verbindung von Streetdance- und Hip-Hop-Elementen mit zeitgenössischem modernen Tanz und afrikanischer Tanztradition, sein Thema, das Leben, mit einem Augenzwinkern serviert. Seine kraftvollen Sprünge, sein rasantes, spinnengleiches Vierfüßlern, vor allem aber das Weiße seiner Augen, das er aus dem zur Grimasse verschobenen Gesicht blitzen lässt, werden im Gedächtnis bleiben.
Mittelbayerische Zeitung, 24.11.2011

 

Meisterin des subtilen Humors
Luise Kinseher begeistert das Publikum mit ihrem neuen Programm „einfach reich“.

Von Ralf Tautz, MZ
REGENSBURG. Sie hat ihre Altersvorsorge aufgelöst, um sie in „optimalen Spaß umzuwandeln“ und schaffte sich einen Porsche an. Aber der war ihr nach einer Woche schon zu langweilig. – Nein, so geht’s nicht weiter, sagte sich Luise Kinseher und erwarb eine Hochalm in den Bergen. Kein Telefon, kein Fax, kein Handy, kein Internet soll sie mehr stören, sie will nur noch das Muhen der Kühe hören und der alt gewordenen Heidi auf der Nachbaralm zujodeln. In ihrem neuen Programm „einfach reich“ entsagt die Kabarettistin allen irdischen Gütern und geht dem Mysterium „Besitz“ auf den Grund. Das Regensburger Publikum schenkte ihr dafür am Freitag in der Alten Mälzerei tosenden Applaus.
„Geld ist eine einzige Projektionsfläche für Liebe, Macht und Sicherheit – und dann hocken die Leute beim Psychiater, weil sie Angst haben, dass jemand ihnen das Geld wegnimmt.“ Das Wachstum ist zu Ende, in der Höhe verliert der Mensch an Gewicht, der Wohlstand basiert auf Geld, das gar nicht da ist. Deshalb zieht sich Luise Kinseher auf eine Alm zurück, wo Geld völlig nutzlos ist. Sie verzichtet auf ihr Haus – der Ursprung aller Besitzprobleme –, auf die rund 20000 Dinge, die sich in Krusch-Ecken und im Keller tummeln und will den Zuschauern sogar das Eintrittsgeld zurückzahlen. Ein großer Fehler, denn das ruft ihre Buchhalterin Frau Rösch auf den Plan, die überhaupt nichts von diesem „modernen, elitären Eskapismus“ und der „Luxus-Askese“ hält. Die betrunkene Ex-Millionärin Maria sieht das schon viel lockerer und Frau Frese und Frau Lachner freuen sich schon darauf, Kinsehers Hab und Gut zu plündern.
Was Kinseher in ihrem rund zweistündigen Programm an Figuren, Szenen und Geschichten auf die Bühne bringt, ist einfach großartig. Ihr Humor ist mal feinsinnig, mal krachend und oft braucht sie nur ein kleine Geste und ihr Mienenspiel, um das Publikum zum Lachen zu bringen. Sie packt ihre Zuhörer an den vielen kleinen Schwächen, in denen jeder sich wiederfindet. Sie baut ausgeklügelte Geschichten um ihre Pointen und treibt sie ins Absurde. Sie ist eine Meisterin des subtilen Humors und sie geht den Dingen auf den Grund. Zum Beispiel identifiziert sie das schlechte Wetter als den eigentlich Schuldigen an unserer Besitz-Misere. Nur deshalb haben die Menschen Häuser gebaut und nun sind die Häuser die schlimmsten Sklaventreiber des Menschen und geben laufend Befehle aus: „Putz mich! Repariere mein Dach!“ usw. usw. usw.
Scharfsinnig entlarvt Kinseher die Komik und Absurdität, die Geld und Besitz mit sich bringen, vom Kauf-Stress bei Douglas und Bijou über Schnäppchenjagd und Geldanlagen bis zu „Minus-Wachstum“ und den „Leoparden-Puschel-Weekendshoppern“ (Handtasche).
Eigentlich braucht man doch bloß eine Kuh. „Wiederkäuen ist das Sich Abfinden mit dem, was man hat“, und fünf Minuten am Tag Muhen ersetzt sämtliche spirituelle und meditative Techniken. Kinseher muht und jodelt mit ihrem Publikum bis vor Lachen die Tränen fließen. Dabei springt sie mühelos zwischen den Rollen hin und her, so dass man sich irgendwann fragt, ob jetzt tatsächlich nur eine Person auf der Bühne steht.
Das Eintrittsgeld gab’s natürlich nicht zurück und trotzdem nahm das Publikum etwas mit nach Hause: Die Erinnerung an einen unvergesslichen Kabarettabend.
Mittelbayerische Zeitung, 22.11.2012

 

Hier ist alles Rhythmus, Tempo, Pantomime, Schein
Großartig: „Deja-Donne“ und „En-Knap-Group“ bei den Regensburger Tanztagen

Von Gabriele Mayer, MZ
Regensburg. Tanztheater, das ist bei dem Stück „Not made for flying“ der tschechisch-italienischen Kompanie Deja Donne in Kooperation mit der slowenischen En-Knap-Group Musik, Bewegung, aber auch Sprache. Erzählt wird ganz klassisch eine Geschichte. Eine Geschichte, das ist vielerlei: die Geschichte einer Kultur und die von Individuen, die in ihr stecken und sich in ihr bewegen. Die Kultur wiederum ist die Musik, sind die Mythen, ist die Gewandung, die Art zu tanzen oder zu phantasieren. Eine Geschichte, das ist die Lebensgeschichte, die einer Entwicklung, einer Veränderung, auch die von Handlungen und Widerhandlungen, die von persönlichen Traumata, und es ist zugleich die gleichbleibende Geschichte von Aggressionen und Liebesbeziehungen, die man, Namen nennend, aufsagt, – nur von einem handeln all diese Binnengeschichten innerhalb der großen Geschichte nicht, von gültiger Wahrheit und eindeutiger Identität. Trotz aller biographischen Bekenntnisse. Als die Figuren gerade dabei sind, sich zu enthüllen und nackt auszuziehen, senkt sich das Licht und sie verschwinden hinter dem Vorhang. In der Maske. Es ist also eine Geschichte von Vordergrund und Oberfläche.
Individuum und Konvention
Der Vorhang selbst ist schon eine Maske: Die Batman-Maske, hinter der der kleine Mensch sich als etwas fühlt. In diesem Fall als großer Mann, der fliegen kann. Batmen, Cats und Zorros, diffuse Gestalten kollektiver Mythen einer gerade eben vergangenen Gegenwart, bevölkern die Bühne. Und tanzen zu höfischer Musik. Zu Musik einer Zeit, in der das Individuum hinter der Konvention verborgen war oder nur im Medium der Konvention auftauchte. Das hat sich heute nur scheinbar geändert. Darin besteht vielleicht die Kernaussage dieses neu erarbeiteten Stücks und wunderbaren Spektakels, das mit heftigem Applaus bedacht wurde.
Es strotzt nur so vor Leichtigkeit, (Selbst-)Ironie und traumhafter Sicherheit in der Virtuosität des Tanzes. Das Typische dieses Tanzes: die sehr feine, und doch dechiffrierbare Andeutung, das Zitieren und Herbeizitieren der Handlungen, Gesten, Symbole. Die Kämpfe sind Schattenboxereien, und die Geschehnisse, Verwandlungen und Wechsel passieren durch Zauberhand-auflegen. Betörend schön und fast kindlich naiv. Immer wieder treten eine Tänzerin oder ein Tänzer vor und erzählen aus ihrem Leben: von einem Modetanz, als sie selbst drei, vier Jahre alt waren. Dann wird er getanzt: aber als Nachempfundener aus der Erinnerung, nicht als simple Kopie. Später erzählt man Konkreteres, etwa Erinnerungen an Verletzungen und Heimsuchungen des eigenen Körpers. Es sind übliche Erinnerungen. Kein Anspruch auf Übergreifendes, Allgemeingültiges. Doch gerade so zeigt sich insgesamt etwas Allgemeines. Nämlich die Verzahnung von persönlichem Erleben, historischer Ausformung und zeitenübergreifenden Impulsen. Das alles als Wechselspiel von Maskierung und scheinbarer Enthüllung, bei dem man nie zum letzten Ursprung kommt. Eine Inszenierung also ganz auf der Höhe heutiger theoretischer Diskurse in unheimlich eingängiger Choreographie.
Nicht das immergleiche Palaver
Keine Entwicklung einer neuen Tanzsprache, auch kein Hingleiten zu alltäglichen Bewegungen, vielmehr und wie selbstverständlich ein eminenter Mix unterschiedlichster Tanztraditionen, derer man sich bedient, um sich auszudrücken. Alles ist Tempo, Rhythmus, Pantomime, Schein. Hier wurde abgelassen vom immergleichen Palaver der Gegenwartstanz-Programmhefte über die Suche nach Identität und Sinn. Hier wurde man konkret.
Mittelbayerische Zeitung, 21.11.2011

 

Tanzszene irritiert über vermeintlichen Plagiatsvorwurf
Die Regensburger Choreografin und Tänzerin Nylea Mata Castilla sieht sich durch eine Kritik in ihrer Ehre verletzt.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg . Es wird derzeit viel diskutiert bei den Regensburger Tanztagen. Nach einer der ersten Vorstellungen des Festivals hatte eine MZ-Kritik über ein Stück der aus Spanien stammenden Choreografin Nylea Mata Castilla für heftige Irritationen in der Szene gesorgt. Ausschlaggebend war weniger die schlechte Beurteilung, sondern ein Satz in der Kritik von MZ-Autor Michael Scheiner: „Und sei es die, dass Schritte und Bewegungen einer früheren Choreografie von Alexandra Karabelas, die das Paar im Frühjahr dieses Jahres getanzt hat, eigentlich dort belassen bleiben sollten.“
Verunsicherung in der Szene und eine tiefe Verletztheit auf Seiten der Künstlerin: „Das geht über jede Grenze“, sagte Nylea Mata Castilla, die den herausgelesenen Plagiatsvorwurf nicht auf sich sitzen lassen will. „Die frühere Choreografie hat mit meiner jetzigen Arbeit nichts zu tun! In meinem Stück und meiner Arbeit gibt es keine Gemeinsamkeiten und keine Überschneidungen zur damaligen Choreografie von Alexandra Karabelas. Ich habe nur etwas sehr eigenes zu erzählen.“
„Ich habe es nicht als Plagiatsvorwurf gemeint. Das ist es auf gar keinen Fall“, betont Kritiker Scheiner. „Ich habe bestimmte Gesten und bestimmte Ausdrucksweisen innerhalb der Choreografie von Nylea Mata Castilla gesehen, wie ich sie auch in der zitierten Choreografie von Frau Karabelas bemerkt zu haben glaube.“ Nach seiner Ansicht sind solche Gesten und Bewegungen bei den Tänzern „wie in den Muskeln eingebrannt“, greifen sie unbewusst darauf zurück. „Ich habe überhaupt nicht darauf gezielt, ein Plagiat, eine Kopie oder ein irgendwie geartetes Nachmachen anzudeuten. Ich habe dies vergleichbar zur Musik gemeint, wenn bei Gitarristen Ähnlichkeiten zu anderen auftauchen. Da würde man auch nie und nimmer von Plagiat sprechen.“ Vielleicht wurde der Eindruck dadurch verstärkt, dass Nylea Mata Castilla mit demselben Tänzer wie in dem Stück von Karabelas, Adrian Navarro, und demselben Perkussionisten Reinhold Bauer auftrat. Das hatte ihn schon vorab irritiert.
Für Alexandra Karabelas ist die ganze Aufregung überzogen. „Ich habe niemals geglaubt, dass es sich hier um ein Plagiat handelt. In jedem Tanzstück gibt es mal stärker, mal dezenter Einflüsse aus Kooperationen und In-spirationen durch andere Künstler.“ Nachdem sie Scheiners Kritik gelesen hatte, hatte sie sich mit der Bitte um ein Video der Produktion an den Leiter der Tanztage, Hans Krottenthaler, und Nylea Mata Castilla gewandt. „Es hat mich einfach interessiert.“
Der Plagiatsvorwurf sei ihr gar nicht gekommen. „Ich habe in meinem Leben viele Tanzkritiken gelesen. Ähnliche Äußerungen haben auch berühmte Choreografen schon zu Lesen bekommen, da verweise ich nur auf Texte von Horst Koegler.“ Ein Video der Produktion gibt es leider nicht, so dass Karabelas nicht erfahren wird, wo sich die choreografischen Sprachen der beiden Künstlerinnen möglicherweise ähneln könnten.
Über die Tänzerin Nylea Mata Castilla ist Karabelas des Lobes voll. „Sie ist eine ganz wunderbare Tänzerin, ich habe sie im vergangenen Jahr sechs Mal für Neukreationen von mir engagiert. Als Choreografin kenne ich sie zu wenig, als dass ich was sagen könnte.“ Für ihr beim Schleudertraum-Festival im Frühjahr uraufgeführtes Stück „Hungry Butterflies“ hatte Karabelas extra deutschlandweit einen Partner für Castilla gesucht und schließlich den in Berlin lebenden Adrian Navarro gefunden. Dass Nylea Mata Castilla erneut mit Navarro und Bauer zusammenarbeitet, hätte Karabelas gerne von ihr oder Krottenthaler erfahren, der laut Karabelas ihre eigene Bewerbung für ein Solo für Navarro abgelehnt hatte. Auch hätte sie gerne eine Antwort auf ihre Frage nach einem Video erhalten. Aus freundschaftlichen Gründen. Nicht, weil diese Besetzung ungewöhnlich wäre. „Die freie Szene ist ein Zirkus, jeder mit jedem. Es gibt keine vertraglichen Verpflichtungen. Deshalb ist die Kommunikation untereinander ja so wichtig.“
Auch Festivalleiter Hans Krotten-thaler fand an der Besetzung für das von ihm mitinitiierte und von der Alten Mälzerei mitproduzierte Stück von Nylea Mata Castilla zum Thema Heimat nichts Ungewöhnliches. „Sie nimmt sich einen spanischen Tänzer und stellt ihre Heimat Spanien dar. Und sie arbeitet mit einem Musiker, der spanische Musik spielen kann. Das ist doch nur konsequent.“ Krottenthaler hat Karabelas’ Produktion im Frühjahr nicht gesehen und kann sich darum nicht zu dem unglücklich formulierten Satz in der Kritik äußern. Er findet allerdings die harte Kritik insgesamt überzogen. Auch dies habe zu Irritationen beim Festivalpublikum geführt. „Das hat auch nicht der Reaktion im Publikum entsprochen. Da gab es durchaus positive Reaktionen, Reaktionen … wie es auch auf dem MZ-Video zu sehen und zu hören ist.“
Nylea Mata Castilla stört sich nicht an negativer Kritik. Aber gegen einen Plagiatsvorwurf setzt sie sich zur Wehr: „Was er gesehen hat, geht über eine Grenze. Es handelt sich um seine eigene Wahrnehmung. Das hat mit meiner Arbeit nichts zu tun.“ Rund zehn Künstler habe sie auf der Bühne gehabt, also sei auch die angebliche Gleichheit der Besetzung unzutreffend. Die Choreografin hat eine harte Woche hinter sich: Sie sei von vielen Seiten auf den Artikel angesprochen worden, der ihrer Ansicht nach das Arbeitsverhältnis zu Alexandra Karabelas zerstört hat. So etwas verletze die Seele. „Das ist nicht gut“, sagt Nylea Mata Castilla. „Ich will nur reine Kunst, und die entstehen lassen.“
Mittelbayerische Zeitung, 19.11.2011

 

Die Komplexität der Beziehungen
Die bayerische Szene präsentierte sich bei den Tanztagen mit einem herausragenden Duett und teils dünnen Geschichten.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg . Sie kreisen umeinander wie Planeten. Anziehung, Abstoßung. Wieder und wieder. Große Fliehkräfte lassen Daria Reimann und Daniele Varallo im Theatersaal der Alten Mälzerei beinahe wie eine Supernova auseinanderfliegen. Verlangsamt, bringt sie der Tanz unweigerlich wieder in ebensolch intime Nähe. Choreografin Minka-Marie Heiß hat mit einfachsten Mitteln ein wunderbares Bild für dieses urmenschlich-archaische Spiel gefunden. Während ihres beeindruckend schönen, enorm präzise und federleicht gestalteten Tanzes verknüpfen die beiden jungen Akteure die Ärmel ihrer Jacken. Wie beim kindlichen Ringelreihen an den Händen hängt das Paar in diesem textilen Ring fest und setzt lebhaft und hochemotional die begonnene Auseinandersetzung im Nahkampf fort.
„To fish, to fly and to look for“ – etwa „fischen, fliegen und Ausschau halten“ – ist aber weit mehr als (Geschlechter-)Kampf. Es ist die herausragende Produktion des Abends „Tanzszene Bayern – Publikumslieblinge“ der Regensburger Tanztage. Und verkörpert die ganze Komplexität der Beziehung zwischen zwei Menschen. In wunderbaren Hebungen, eindringlichen Sprüngen und schnellen akkuraten Bewegungen erzählen die Tanzenden von Abhängigkeit, Zuneigung, Vertrautheit, Zärtlichkeit und Behauptungen, von harten Fights und großer Nähe. Hinreißend anzuschauen.
Erschaffung und Zerstörung
Dagegen hatten es die anderen vier kurzen und eine längere Choreografie durchaus schwer, obwohl mehrere Tanzende und Choreografen aus dem gleichen Stall, der Münchner Iwanson Schule, kommen. Katrin Hofreiter, vielen in Regensburg als eifrige freie Choreografin bekannt, hatte die Rolle des Opener mit ihrem „Ah! Non credea mirarti“ (Ah! Ich hätte nicht gedacht) inne. Das kurze, mit viel Bodenberührung getanzte Stück kann als groteske Satire auf die Erschaffung und Zerstörung der Welt – in Form eines albernen blau-weißgepunkteten Wasserballs – gelesen werden. Mit pathetischem Text, „Am Anfang schuf Gott…“, und ebensolcher Musik tunkte Hofreiter die tänzerisch nur sehr bedingt gelungene Geschichte in eine dicke Soße, die ihren Höhepunkt im italienischen „Spiel mir das Lied vom Tod“ fand.
Musikalisch-klangliche Aufdringlichkeiten fanden sich auch in einigen anderen Choreografien. Teilweise bis an die Schmerzgrenze gehend, wie in dem von Ivonne Kalter getanzten Solo „Into our larger selves“, Choreografie ebenfalls Minka-Marie Heiß. Zwischenfrage: Warum müssen Titel meist auf Englisch sein? Gibt die eigene Sprache zu wenig her? Ähnlich wie bei Hofreiter stieß ein Sprechender – Englisch – das Publikum mit der Nase auf die grüblerische wie verspielte Suche nach der eigenen Identität. „I am – am I?“ fragte die Stimme, was Kalter mit Gegenlicht, Vorhang zum Versteckspiel und wenigen Requisiten auch tanzend zu erzählen suchte. Immerhin verfügte sie über deutlich mehr Spannung und Ausdruckskraft, als die erste Tänzerin des Abends.
Nüchterner Sachbericht
An Ausdruck, auch mimischer und über die Körperspannung aufgebauter, fehlte es dem Paar Marie Preussler und Johannes Härtl bei ihrer mit „Dialog“ (Choreografie: Härtl) betitelten Erzählung über die Kommunikation zwischen zwei Tänzern leider fast völlig. Im Tanz über synchron gestaltete Abläufe, wechselnde Führungsrollen und gegenseitige Beeinflussungen durchaus ständig präsent, machte aber die Ausdruckslosigkeit die Geschichte zu einem nüchternen, faktenreichen Sachbericht, der so schnell wieder vergessen, wie erzählt ist.
Nicht so recht erschlossen hat sich die von Pia Fossdal choreografierte „Barrier“, gegen welche die Iwanson-Schulabgängerin Helen Aschauer mit viel Kraft, trotzig und um sich selbst kreisend antanzte.
Zeitlich breiten Raum nahm nach einer Umbaupause „e – motion – private space“ der vier Regensburger Tänzer Berenika Kmiec, Frank Späth, Eva Eger und Rainmark Escriva ein. Zwei Paare, die in einem kargen, kriminalistisch anmutenden Setting anfänglich zu Boden gehen. Wie in einer polizeilichen Ermittlung werden sie mit Kreideumrissen konturiert. Die Umrisslinien markieren am Boden und an der Wand Plätze und Räume. Innerhalb und zwischen denen finden Bewegungen, Kämpfe und Reibungsaktionen statt, die aber selten zu wirklichen Emotionen führen. Auch hier eine fast übertriebene Ausdruckslosigkeit und ausgedehnte Parts, die den Anschein erwecken, als sollten Lücken gefüllt oder eine Erzählung ausgedehnt werden, die besser und knackiger in verdichteter Form getanzt worden wäre. Ein wenig zu verkopft und verkrampft das Ganze, da würde man sich manchmal etwas mehr Leichtigkeit und tänzerische Gestaltungskraft mit neuen Bewegungen wünschen.
Mittelbayerische Zeitung, 15.11.2011

 

Lieder für gutgelaunte Neuanfänge
Friska Viljor triumphierte in der Mälze.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . Ausverkauft, beste Stimmung, euphorische Musik. Wer die schwedische Indierock-Band Friska Viljor schon bei ihrem letztjährigen Auftritt in der Alten Mälzerei gesehen hatte, den wunderte dies nicht. Aus der Trauer des Verlassenwordenseins entwickeln die beiden grundsympathischen Musiker Daniel Johansson und Joakim Sveningsson eingängige Lieder zum Mitsingen oder Mitsummen, die vor Optimismus, dass das Leben schon irgendwie weitergeht, nur so strotzen. „Liebeskummer war schon immer der Hauptantrieb für künstlerische Arbeit“, schreiben sie auf ihrer Webseite. Der Titel ihres vorletzten Albums lautete „For New Beginnings“.
Für die Liveumsetzung ihrer melodiestarken Songs hat das Duo drei Kollegen aktiviert, wobei Schlagzeuger Markus Bergqvist als „William The Contractor“ singend auch das Vorprogramm bestritt. Dass ihre Wurzeln im Singer/Songwritertum liegen, deuten Johansson und Sveningsson an, als sie den Rest der Band von der Bühne schicken und mit folkiger Lagerfeuerromantik die Herzen ihrer Zuhörer erwärmen. Die beiden Musiker scheinen ja immer und überall auftreten zu können: Ihre ersten Erfahrungen auf deutschem Boden sammelten sie in Plattenläden und kleinen Clubs in Hamburg, wo sie spontan auftraten.
Romantisches von der Ukulele
Mit langen, blonden, strähnigen Haaren, Vollbart und Hut sieht Leadsänger Sveningsson wie ein alter Wikinger aus, der von seinen Weltreisen exotische Instrumente wie Mandoline und Ukelele mitgebracht hat, die er neben seiner Gitarre zum Einsatz bringt. Bezüglich der äußeren Erscheinung hat Gitarrist Johansson von allem etwas weniger zu bieten, seine bevorzugten Zweitinstrumente sind die Melodica und Trompete.
Charakteristisch für Friska Viljor – was soviel wie „gesunder Wille“ heißt – sind ihre hymnischen Falsettchöre, die etwas Bee-Gees-haftes haben und die die Band in einem Popkosmos verorten, der vor simplen Mitsingrefrains nicht zurückschreckt. Die Nummern „We Are Happy Now (La La La)“ und „Oh, Oh“ seien hier exemplarisch genannt. Ihre musikalische Offenheit beweisen sie auch mit einem tanzbaren Elektrohammer mit durchgehendem 4/4-Beat, der gegen Ende der Show ausgepackt wird, als das unersättliche Publikum die Band einfach nicht von der Bühne gehen lassen möchte.
Soundtrack eines Feelgood-Movies
Mit dem wunderbaren „Shotgun Sister“ und dem Gefühl, gerade ein gelungenes Feelgood-Movie gesehen zu haben, entlassen sie ihre Fans in die Nacht. Wenn sie nächstes Jahr wiederkommen, müssen sich die Veranstalter wohl ernsthafte Gedanken über eine größere Location machen. Auf der anderen Seite: Gerade die intime Club-Atmosphäre macht ein solches Konzert zu einem Ereignis.
Mittelbayerische Zeitung, 9.11.2011

 

Zerrissenheit und Postkartenkitsch
Wie Tag und Nacht: Qualitativ weit voneinander entfernte Choreografien zu einem weiten Thema bei den Regensburger Tanztagen

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Klänge, Puls, Rhythmus: Das Ohr, nicht das Auge, wird in den Choreografien des Abends zum weiten, unscharfen Thema Heimat zuerst angesprochen. Sucht man nach weiteren Gemeinsamkeiten zwischen Nylea Mata Castillas „Pais den Origen. Aberria. Heimat“ und Chia-Yin Lings „Lü/ Das Auftreten“ wird es allerdings schnell dünn. Krasser als an diesem Abend im Theater der Universität hätten die Unterschiede in den Geschichten, im Tanz, in Formen, Mitteln und der Ästhetik kaum ausfallen können.
Um zunächst bei der Musik zu bleiben: Zu Beginn ein schneller, vom Metronom vorgegebener pulsierender Rhythmus, der getanzte Bilder ausstaffiert, klangfarblich unterlegt, Erwartungen erfüllt. Später kommt die schicksalhafte Gitarre dazu, von Clemens Peters ganz hervorragend und seelenvoll gespielt. Dann, nach einer Umbaupause, ein freies, improvisiertes Klanggeträufel, Geknirsche, kaum je melodisches Gefiedel. Ein poetisch-eruptives Spiel zwischen Cello (Hugues Vincent) und Schlagzeug (Naoto Yamagishi). Ein Gespinst, das mit den Tanzenden korrespondiert und gleichzeitig eine eigene Qualität und Kraft entwickelt, die auch losgelöst von der Tanzperformance bestehen kann.
Fessel und Freiheit zugleich
Unwiederholbar, weil auch der von Chia-Yin Ling selbst choreografierte Tanz mit Improvisation arbeitet. Dissonante, geräuschhafte Klänge und Bewegungen, die äußere wie innere Räume erkunden, beeinflussen sich gegenseitig. Sie erzeugen Herausforderungen und so entschlossene wie offene Zustände, die von jäher Überwältigung bis zum erlösten Versiegen eine Tiefe erzeugen, in der man sich als Zuschauer verlieren kann. Harmonische Klanginseln und der Pas de deux mit dem jungen Darsteller (Nan Jong Lee), der schützend Räume des Wohlbefindens, der Entspannung baut. Letztlich bietet dieses private Glück auch nur vorübergehende Ruhe und Beruhigung in der Konfrontation mit dem Eigenen und der Herkunft, die einen festhält und gleichzeitig frei macht.
Mit einfachen Mitteln – einer spiegelnden Folienwand, dehnbaren Bändern, schmetterlingsartigem Kostüm – und manchmal etwas zu sparsam eingesetztem Licht erzeugt Ling Räume voller Intensität und großer ästhetischer Klarheit. Diese finden sich auch im Tanz selbst wieder. Kleine gestische Momente, Bewegungen und Abfolgen, die Elemente des chinesischen Volkstanzes, der Peking Oper und Tanzstile der westlichen Hemisphäre kunstvoll miteinander verbinden. Kaum Sprünge. Am Anfang und am Ende steht ein Lied – so gebrochen, rau, im Bairischen sagt man „schiach“, gesungen, wie die von widerstrebenden Kräften bevölkerten Heimatgefühle.
Derlei Affekte hätte man sich bei Mata Castillas mehr gespielter, als getanzter Heimatadaption mehr als einmal gewünscht. Vielleicht überwog – rein nach Minuten gezählt – tatsächlich der Tanz. Geblieben ist der Eindruck eines mehr an Klischees, touristischen Idyllen und unausgegorenen Ideen erstickten Bilderreigens, was Heimat nach ein paar Schulstunden sein kann oder soll. Wenn Mata Castilla getanzt hat, solo oder mit Adrian Navarro – die beiden könnten ein Traumpaar des Tanzes abgeben – kam immerhin etwas Spannung auf.
Nichts als Kitsch und Folklore
Die verebbte meist sofort wieder, wenn das nächste der insgesamt acht Bilder auftauchte, aus denen Castilla ihre von jeglicher Tiefe und Überwältigung freie Choreografie zusammengesetzt hat. Vielleicht hat sie ihren eigenen Gefühlen nicht getraut bei der Ausarbeitung. Vielleicht ist sie – eine wirklich gute und ausdrucksstarke Tänzerin, wenn sie von anderen geführt wird – aber auch einfach keine gute Choreografin, weil viel zu sehr mit sich selbst verstrickt, als dass dabei etwas Brauchbares herauskommen kann. Machte das leicht getanzte „Eintauchen in die Landschaften des Baskenlandes“ mit grasgrün behaarten Tanzenden wie bei einem symbolistisch-romantischen Tafelbild noch glucksend Spaß, waren die drei tratschenden Weiber oder das Abziehbild-Paar in „Entre dos“ nur noch Kitsch und Folklore.
Statt sich einer Erzählung anzuvertrauen und aus dieser die Bilder zu schöpfen, die getanzt werden wollen, hangelte sich Mata Castilla an Postkarten und abgegriffenen Gemeinplätzen entlang. Darin steckt zwar zugegebenermaßen auch das eine oder andere Körnchen Wahrheit. Und sei es die, dass Schritte und Bewegungen einer früheren Choreografie von Alexandra Karabelas, die das Paar im Frühjahr dieses Jahres getanzt hat, eigentlich auch dort belassen bleiben sollten. Zweimal „Heimat“ im Tanz – ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Mittelbayerische Zeitung, 8.11.2011

 

Das Grundrauschen des Seins
Zur Eröffnung lieferte die Choreografin Dalija A´cin die Zuschauer schonungslos sich selbst aus.

Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Warum ist es unheimlich, nachts durch den Wald zu gehen? Weil unser ängstlicher Kopf uns Schreckensbilder vorgaukelt, weil die Augen in Ästen Arme zu sehen meinen, die nach uns greifen, in Sträuchern die Umrisse dunkler Wesen, weil knisterndes Laub das Nahen von unbekanntem Grauen ankündigt. Horrorfilme spielen gerne mit diesen zutiefst menschlichen Täuschungen und Urängsten, von „Tanz der Teufel“ bis „Blair Witch Project“.
Die Tanzperformance „Handle with Great Care“ überlässt den Zuschauer auf die gleiche Weise sich selbst und seinen trügerischen Wahrnehmungen. Auf der Bühne nur eine weiche Matratze auf einem Podest, im Lichtkegel einer einzigen kleinen Lampe. Zwei schwarz gekleidete Frauen, ihrer Individualität vollständig beraubt – die Gesichter sind nie zu sehen – hängen kopfüber am Rand, minutenlang. Das Auge orientiert sich nur langsam, versucht die intime Szenerie einzuordnen und zu erfassen, doch dann entwickelt das Gehirn eigene Bilder. Die in die Höhe gestreckten Füße und Waden werden im stufenweise an- und abschwellenden Licht zu eigenständigen, eigentümlichen Erscheinungen.
Sehr, sehr langsam bewegen sich dann die Körper auf und entlang der Matratze, wie amorphe Wesen, wie Kriechtiere. Die ausgeklügelte Lichtregie lässt oft nur Körperteile erkennen, losgelöst vom Rumpf. Das tänzerische Element dieser Performance ist die Grundspannung der Körper.
Die Tänzerinnen tragen Perücken, deren Haare zu einem barocken, grotesken Wust hochgetürmt sind. Im diffusen Licht werden sie zu Fratzen. Die Beklemmung wird durch Musik, die keine ist, verstärkt. Ein tieffrequentes Rauschen dringt aus den Lautsprechern in die Gehirne. Die Frequenz variiert, und was zunächst beruhigt wird zwischendurch durchaus peinigend. Einmal, wie aus der Ferne, mischt sich ein Sopran darunter, einmal meint man ein Orchester zu hören.
Die Tänzerinnen positionieren sich rechts und links von der Matratze, nur die Füße sind zu sehen. Die einander zugewandten Fußsohlen setzen sich hell ab vom umgebenden Schwarz. Nach einer Weile sieht man darin zwei gesichtslose Wesen, die sich starr anblicken in einem unheimlichen wortlosen Dialog.
Wir sehen und hören, doch wir wissen nichts. Das ist irritierend, ja verstörend. „Handle with Great Care“ – sehr zerbrechlich – heißt die preisgekrönte Performance der Serbin Dalija A´cin und ihrer Kollegin Milica Pisi´c. 50 faszinierende, spannende Minuten, in denen der Zuschauer ganz sich selbst ausgeliefert ist, dem Grundrauschen des Seins, den jeweils ganz eigenen Bildern und Assoziationen. Eine Herausforderung, der sich zur Eröffnung der Regensburger Tanztage – und gleichzeitig Abschluss der donumenta 2011 – nicht jeder Zuschauer stellen mochte. Einige verließen am Freitag vorzeitig das Uni-Theater.
Tanz ist vor allem Kommunikation. Die scheitert häufig, meist daran, dass die Dialogpartner einander nicht richtig zuhören. Zeitgenössischer Tanz ist vielfach selbstreferenziell und läuft Gefahr, sein Publikum aus den Augen zu verlieren. Doch auch das Publikum muss sich einlassen können. 50 Minuten sitzenbleiben und damit wenigstens die künstlerische Anstrengung achten – so viel Respekt sollte sein.
Mittelbayerische Zeitung, 7.11.2011

 

Stories vom Pferd und eine „Dermatologie“-Moritat
„Dahoam is net dahoam“ für Georg Ringsgwandl. Er erforscht „Das Leben und Schlimmeres“ im Regensburger Antoniussaal.


Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. Regensburg: Spitze an der Donau! Wenn nicht überhaupt weltweit und im gesamten Universum unangefochten top town und pole position all over the world! Bis diesen Donnerstag um 20 Uhr schien es so. Doch dann betritt Dr. Georg Ringsgwandl die Bühne im Antoniussaal, und gleich im zweiten Satz macht er alles zunichte!
Stellt die altehrwürdige Stadt an der Donau als bis vor kurzem irgendwo weit hinterm Mond zurückgebliebene Provinzstadt dar, deren Bewohner gerade mal in der Lage gewesen seien, die verbliebenen Zähne im eigenen Mund abzuzählen. „Und jetz hams a FH!“ – Georg Ringsgwandl begrüßt sein Publikum mit einer Beleidigung, die jeden Lokalpatrioten rumpelstilzartig zerreißen müsste: Erstens hat Regensburg seit bald einem halben Jahrhundert eine Uni, zweitens ist selbst die FH schon lang euphemistisch zur „Hochschule Regensburg“ aufgemotzt, und drittens macht der Mann mal eben mit einer lockeren Bemerkung jahrelange harte Stadtmarketingarbeit zur Makulatur! Und wer springt ihm dafür an die Gurgel?
Niemand. Der Antoniussaal ist voll und hingerissen und begeistert. Ringsgwandl singt einen Song nach dem andern, spielt Gitarre, wird begleitet von einer dreiköpfigen Band, aus der Daniel Stelter mit seiner aufgeweckten Sologitarre heraussticht, erzählt zwischendurch Geschichten, dass sich die Balken der katholischen Mehrzweckhalle bedenklich durchbiegen – und zaubert zum Schluss noch die Raithschwestern aus dem Hut. Die stehen auf einmal mit ihm auf der Bühne und singen zwei Lieder mit: „Anders“ und „Wia de Johr vorbeigehn“. Wohl wahr: Der Song ist auch schon wieder zehn Jahre alt. Aber er hat nichts verloren, und mit den Raithschwestern als Backgroundsängerinnen dringt er direkt in apokalyptische Dimensionen vor: „Mir san beschäftigt alle, / mir ham no so vui vor, / mir gebn dem Tod koa Chance, / er trifft uns nia alloa.“ Wobei das Zusammensingen gar nicht so perfekt ist, da kann man durchaus noch dran feilen. Aber das spielt überhaupt keine Rolle, bei Ringsgwandl sowieso nicht: Wer rankingmäßig unterwegs ist und nur den ultimativ-harmonischen Zusammenklang sucht, der ist hier sowieso falsch.
Nein, es sind schon alle richtig hier. In diesem schönen „Kolpingheim“, wie Ringsgwandl stichelt, wobei er gleichzeitig versichert: „Aber mir reißn uns heit zamm, auf dem geweihten Boden!“ Im unmitttelbaren Anschluss folgt eine Nacherzählung der Versuchung des Heiligen Antonius, die das einschlägige Gemälde von Franz von Stuck vor lauter Eindringlichkeit und Ausweglosigkeit schier verblassen lässt. Übergangslos findet man sich „Auf der Straß“ wieder, einem Lied, das immerhin auf 1975 datiert ist, und auf einmal sitzt der wandlungsfähige Doktor an einer Zither und intoniert eine traditionelle Weise: „When the Rock’n’Roll is over, it comes all back to Stubnmusi.“ Im Vorbeigehen wird noch das Bayerische Fernsehen abgefotzt, dass es eine Art hat: „Wenn die Arbeit gmacht is, schaun sie alle fern, / Serien, wo sie nur als Deppen dargstellt werdn.“ („Dahoam is net dahoam“).
Dabei hätte man fast meinen können, der Abend sei als Lesung angekündigt worden. Immerhin hat Ringsgwandl unter dem Titel „Das Leben und Schlimmeres“ soeben „Hilfreiche Geschichten“ bei rororo vorgelegt (250 Seiten, 9,99 Euro). Aber er liest keine Zeile draus vor. Stattdessen bekommt das Publikum die eine oder andere Story vom Pferd bzw. vom Hund in freier Erzählung dargeboten, etwa die sehr lehrreiche Geschichte „Mein Kampf-Hund“ oder die Münchner Moritat „Dermatologie“. So vogelwild die Geschichten alle sind – sie münden immer wieder in ein altes Lied: „Glück im Mercedes“ von 1986: Das Glück – „es findet sich oft unerwartet ein und setzt sich zu dir auf ein Gläschen Wein.“ Und: „Das Glück, es lässt sich nicht zwingen, nicht mit Bier und nicht mit Heroin, nicht mit Cannabis und nicht mit Schampus“, denn: „eigensinnig ist es wie ein kleines Kind.“
Mittelbayerische Zeitung, 5.11.2011

 

Vom Weggehen und Zurückkommen
Am Sonntag gehen Choreografien einer Spanierin und einer Taiwanesin am Uni-Theater der „Heimat“ auf den Grund.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Wie tanze ich eine Corrida? Einen Kampf gegen Windmühlen? Ein stolzes, aber auch sprödes Volk? Eine ebensolche Landschaft? „Ich habe den ganzen Don Quijote von Miguel de Cervantes durchgelesen… von vorne bis hinten“, erklärt voller Stolz Nylea Mata Castilla, „erst auf Spanisch und dann noch einmal auf Deutsch“. Eine Fleißarbeit, welche die baskische Tänzerin noch in viele andere Ecken und Gebiete der spanischen Geschichte und Gegenwart geführt hat. „Ich habe viel dazugelernt, wieder erinnert und Neues erfahren“, sprudelt es förmlich aus Castilla heraus.
Bei der intensiven Recherche der kleinen, energischen Künstlerin ging es um den Begriff „Heimat“. Hans Krottenthaler, Chef der Regensburger Tanztage, hatte die Idee zu dem herausfordernden Thema und angefragt, ob sie sich vorstellen könne…? Sie konnte und fing bei den eigenen Gefühlen an. „Das ist nicht so einfach“, sinniert sie über ihren Heimatbegriff nach, „manchmal ist es wie ein Erdbeben, der Ausdruck davon…“ Heimat klinge auch nach „patria“, also Vater-land. Das habe allerdings eine Nuance, die sie selbst nicht teile. Deshalb benutze „ich lieber Herkunft, Ursprung“, also „pais de origen“, „wo du die ersten Gefühle gehabt hast, die dich geprägt haben“. Für die Koproduktion mit den Tanztagen, Premiere ist am Sonntag (20 Uhr) im Uni-Theater, nähert sich Castilla auf einem anderen Weg dem Thema.
Der Stierkampf und ein Gedicht
Über „unterschiedliche flashes“ hätten sich Räume aufgetan, die sie „wie Päckchen“ in acht Bereiche aufgeteilt hat: da der Stierkampf, die Emotion, die Landschaft Spaniens, der soziale, historische, kulturelle und persönliche Aspekt, ein Gedicht von Antonio Machado. Auf diesen, durchaus distanzierten Zutaten baut sie ihre Annäherung an die spanische Heimat auf, die bei ihr auch eine baskische ist. Neben dem Tanz, den sie in einem fast identischen Setting wie beim Schleudertraum im Frühjahr mit dem Berliner Tänzer Adrian Navarro entwickelt, bildet die Musik ein tragendes Element. Reinhold Bauer an der Percussion, ebenfalls aus der Schleudertraum-Choreografie mit übernommen, und Clemens Peters an der spanischen Gitarre gestalten den klanglichen Heimatrahmen.
Die Schuhe aus Gras
Eine ganz andere Herangehensweise hat die chinesische Tänzerin Chia-Yin Ling gewählt. Krottenthaler hat die aus Taiwan stammende Chinesin als weitere Choreografin geworben, etwas zum gleichen Thema zu erarbeiten. Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen ist die Entfernung, das Weggehen aus der Heimat, das Verlassen „eines warmen Gefühls von Familie, Gerüchen und Essen“. Vor allem das Essen sei wichtig, „es verbindet sich bei mir immer mit: Da komme ich her“. Als Metapher hat Ling „Lü“ ausgewählt, das zehnte Zeichen im Buch der Wandlungen I Ging. Es beinhaltet mehrere Bedeutungen, steht für Schuhe, keine gewöhnlichen, sondern solche aus Gras, als auch für Weggehen und Zurückkommen. „Dazwischen ist Lü“, versucht die offene Künstlerin ein Zipfelchen chinesischer Weltanschauung begreiflich zu machen. Auch in der Umsetzung ihrer Bilder und Ideen geht Ling eigene Wege. Zusammen mit dem französischen Cellisten Hugues Vincent und Naoto Yamagishi, einem Trommler aus Japan, erschließt sie das so diffuse wie starke Thema in einer gemeinsamen Improvisation. Hinweise Lings bilden den Faden, an dem sich die in der europäischen Improvisationsmusik wie in der japanischen Taiko-Tradition beheimateten Musiker entlanghangeln. Stets in Interaktion mit der Tänzerin. Diese reagiert auf Motive und klangliche Parameter ihrer gleichberechtigten Partner ebenso wie umgekehrt die Musiker Bewegungsabläufe und Energien der Tanzenden erspüren und aufnehmen.
Eines kann man jetzt schon sagen: „Pais Natal, Heimat, Home“ wird sicher ein ausgesprochen interessanter und erlebnisreicher Abend, aus dem wahrscheinlich einiges an Erkenntnisgewinn resultieren wird.
Mittelbayerische Zeitung, 4.11.2011

 

Tanz – Spiegel gesellschaftlicher Befindlichkeit
Der erste Act des Festivals kommt aus Serbien. Susanne Wiedamann sprach mit dem künstlerischen Leiter Hans Krottenthaler über den Tanz in Osteuropa.

MZ: Die Regensburger Tanztage arbeiten seit Jahren mit dem donumenta-Festival zusammen und präsentieren somit kontinuierlich Choreografen aus den Balkanländern und Osteuropa. Was ist an deren Arbeit besonders spannend?
Krottenthaler: In vielen osteuropäischen Ländern konnte sich erst seit den 90er-Jahren eine freie zeitgenössische Tanzszene entwickeln. Das Spannende an diesen jungen Szenen sind deren oft sehr überraschende künstlerische Ansätze jenseits aller Konventionen und Traditionen. Dabei entsteht erfrischend Neues, das unseren stark westlich geprägten Blick auf den Tanz enorm bereichern kann.
Haben diese Künstler und Compagnien eine andere tänzerische Sprache, ein anderes Vokabular als die in Amerika oder Westeuropa? Gibt es diese Gegensätze auf die Kunst bezogen überhaupt?
Künstler aus dem Osten mussten über lange Zeit ihre ganz eigene Sprache finden. Sie wurden zwar nicht belächelt, aber doch bemitleidet, weil die politische Teilung Europas bewirkt hatte, dass sie dem Westen in mancher Hinsicht gnadenlos hinterherhinkten. Heute sind viele der Künstler, die den Tanz im Osten stark gemacht haben, auch im Westen etabliert, und vertreten ganz selbstbewusst ihre Ideen und Überzeugungen.
Dalija Acin gehört zu den herausragenden Choreografen und Tänzern bzw. Tänzerinnen Serbiens. Sie eröffnet am Freitag die Tanztage. Inwiefern spielt die jüngste Vergangenheit, spielen die Balkankriege in ihrer Arbeit eine Rolle?
Kunst spiegelt gesellschaftliche Befindlichkeiten – auch solche, die im Alltag oft nur unbewusst registriert werden. Dalija Acin gehört als Künstlerin, Organisatorin und Netzwerkerin zu den wichtigsten Vertretern des Tanzes in Serbien. Inwieweit die noch immer problematischen Verhältnisse in Serbien ihre Arbeit beeinflussen, kann ich nicht sagen. In Wahrheit wissen wir doch alle recht wenig über den Osten.
Wie narrativ oder wie abstrakt ist ihr Tanz?
Ihr Stück „Handle with great care“ handelt vom Phänomen des Erinnerns. Es verweist auf den sorgfältigen Umgang mit Erinnerungen, die ganz wesentlich unser Empfinden der Gegenwart beeinflussen. Die Elemente des Theaters auf ein Minimum reduziert, macht sich die Künstlerin dabei die Fähigkeit unseres Gehirns zunutze, aus abstrakten Wahrnehmungsfragmenten konsistente, vollständige Bilder zu fabrizieren. Eine herausfordernde Arbeit, die für ihren ebenso radikalen wie analytischen Ansatz mit einem der höchst dotierten europäischen Choreografen-Preise ausgezeichnet wurde.
Welche Arbeitsbedingungen finden Tänzer und Choreografen in Serbien vor und wie wirkt sich ein eventueller Mangel aus?
Grundsätzlich ist das Geld für zeitgenössischen Tanz dort knapp. Es gibt nicht genug Förderung für alle. Die serbische Tanzszene ist zudem sehr zentralisiert – fast alles ist in Belgrad. Es gibt einige große Namen, die den serbischen Tanz vertreten, aber für junge Künstler scheint es sehr schwer, sich einen Namen zu machen.
Wird Dalija Acin ein Festival-Auftakt nach Maß?
Ich freu’ mich auf den gesamten Festivalauftakt an diesem Wochenende: Zur Vorstellung von Dalija Acin kommt ja auch noch die Uraufführung der Produktion von Chia-Yin Ling und Nylea Mata Castilla. Und nicht zu vergessen: Unser ganz wunderbar zum Thema passender Jalla Worldmusic Club – die Festival-Party mit viel tanzbarer Balkan- und Osteuropa-Musik. Alle die gern selber tanzen, sind hier herzlich eingeladen.
Mittelbayerische Zeitung, 4.11.2011

 

Das Publikum hat das letzte Wort
„on3“-Casting: Drei junge Autoren lasen in der Mälze um die Wette.

Von Felix Restorff, MZ
Regensburg. Preisfrage – nicht nur für Poeten: Was ist ein „Poetry Slam“? Im Grunde nichts anderes als eine Demokratisierung der Literatur. Der Autor trägt seinen Text vor Publikum vor und nimmt in Kauf, dass die Zuschauer ihre Meinung kundtun und den besten Dichter küren. Ein ähnliches Prinzip liegt der „on3 Lesereihe“ des Bayerischen Rundfunks zugrunde. Wer mitmachen will, bewirbt sich mit einem kurzen Beitrag. Am Ende wählt eine Jury drei Autoren pro Stadt aus, die ihr Werk öffentlich vortragen dürfen. Das letzte Wort hat das Publikum. Die bayernweite „on3“-Tournee gastierte in dieser Woche in Regensburg.
In der proppenvollen Alten Mälze, wo die Hamburger Band „1000 Robota“ für die musikalische Abrundung des BR-Events sorgte, wollte das meist sehr junge Publikum erfahren, was den Literatur-Debütanten zum Motto „Stadt, Land, Schluss“ eingefallen war.
Den Anfang machte Nadine Lorenz aus Runding. Sie berichtet von einem Pärchen, das Urlaub in Lissabon macht. Schnell jedoch wird klar, dass hier keine Hoffnung auf ein Happy-End besteht. Während die Ich-Erzählerin über die gemeinsame Vergangenheit sinniert, zeigt ihr Mann kaum eine Regung. Schließlich erfährt man, dass Peter bereits einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Am Ende steht die Scheidung.
Eher schwere literarische Kost serviert auch Johannes Hoffmann. Seine Geschichte handelt von der Rückkehr eines Kriegsvertriebenen in seine serbische Heimatstadt Pancevo. Dort besucht er das Grab seiner Jugendliebe Anna. Ein Großteil des Geschehens spielt sich jedoch im Kopf des Helden ab. Hoffmann beschwört wortgewaltig, wenn auch arg metaphorisch die Gefühle seines Protagonisten.
Die 21-jährige Julia Fiederer konfrontiert das Publikum mit einem Text, in dem die 13-jährige Ich-Erzählerin auf einem Bauernhof lebt, auf dem Schweine geschlachtet werden. Mit bissiger Ironie beschreibt sie das ätzende Dasein mit dem trinkenden Vater, der übergewichtigen Mutter und der notorisch quengelnden Schwester. Immer wieder bindet sie die Schweine humorvoll in ihre Erzählung ein und hat dabei die Lacher des Publikums auf ihrer Seite. Zuletzt wird Julia Fiederer verdientermaßen zur Gewinnerin des Regensburger „on3“-Wettbewerbs gekürt. Dabei nimmt niemand im Publikum daran Anstoß, dass die Autorin der schweinischen Story überzeugte Vegetarierin ist. Mittelbayerische Zeitung, 29.10.2011

 

Schweinebraten mit Caipirinha
Die Indie-Popper von „Erdmöbel“ eroberten die Stadt der Wunder und mit „Retrospektive“ das Mälze-Publikum.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . „Es gibt zwei Regenburgs: Das schöne und das, wo unser Hotel steht“, sagt Bassist Ekki Maas. Die Kölner Gruppe ist extra einen Tag früher angereist, um sich Regensburg anzuschauen. „Wir haben die Brücken gesehen und waren in dem Brauhaus von der Gloria. Der Schweinebraten dort war sehr lecker“, macht Maas unbezahlte Werbung für die Domstadt an der Donau. „Und das Bier?“, möchte ein Besucher noch wissen. „Ich habe Caipirinha dazu getrunken.“
Zu dem brasilianischen Sommergetränk passt auch das sonstige Setting in einer mittelprächtig gefüllten Mälzerei. Bevor die Band anfängt, läuft gepflegter Easy Listening aus den frühen Sechziger Jahren. Die schrägen Anzüge der fünf Musiker – die Stammbesetzung plus Gast-Posaunist Henning Beckmann – sehen aus wie eine Kombination aus den 20er (Schnitt) und 70er (Farben und Muster) Jahren.
Sänger Markus Berges hat sich einen dünnen Zuhälter-Oberlippenbart stehen lassen. Zwischen den Liedern steckt er sich lässig einen Zahnstocher in den Mund. Kollege Maas‘ ergrautes, halblanges Wuschelhaar ziert ein zu klein geratenes, lustiges Hütlein. Das Dauergrinsen auf seinem Gesicht deutet den Konsum einer Substanz an, die auch Bill Clinton einmal probiert, aber nicht inhaliert haben soll.
Auch sonst scheinen die Musiker, die mit der aktuellen CD „Retrospektive“ und der begleitenden Tournee auf siebzehn Jahre Bandgeschichte zurückschauen, gut gelaunt zu sein: In den Pausen zeichnet sich ein feines, zufriedenes Lächeln auf ihren Gesichtern ab. Seit ihrem späten Durchbruch mit dem Album „Krokus“ im vergangenen Jahr, das das deutsche Feuilleton auf breiter Front abfeierte, hat sich aber auch eine gewisse Erwartungshaltung bei ihnen breitgemacht. „Wie ist es mit der Sangeskunst in Regensburg bestellt?“, wollen die Herren jenseits der 40 wissen. Dass das Publikum die Refrains auswendig kennt und mitzusingen weiß, setzt die Band voraus. „Unglaublich! Regensburg: Stadt der Wunder“, bemerkt Berges.
Die Kritiker lieben sie für ihre poetischen deutschsprachigen Texte, die von Berges stammen, der überdies mit seinem Debütroman „Ein langer Brief an September Nowak“ auf sich aufmerksam machte. Dass auch der Band selbst die Texte wichtig sind, ist daran zu erkennen, dass der Gesang ganz weit nach vorne gemischt ist und der Zuhörer wirklich jedes einzelne Wort verstehen kann. Die unaufdringlichen halb-akustischen Songs sind leicht, beschwingt und schwerelos. Erwachsenen-Pop, der die sehnsuchtsvoll-verträumten Saiten in den Zuhörern zum Klingen bringt. Welche bevorzugt mit den Händen in den Hosentaschen dastehen, sachte mit dem Kopf nicken und den Oberkörper hin und her wiegen. Oder sich gleich einen bequemen Sitzplatz auf dem Boden gesucht haben. Perfektionierter Pop, der in seinem kantenfreien Wohlklang gar so manches Mal an die fabelhaften Vier aus Liverpool erinnert. Aber in seiner Entspanntheit auch etwas Einlullendes hat. „Dann zum See nur hundert Schritte. Und ich bin aller Dinge ledig. Leg auf den Kieselstrand mein Handtuch. Und schlafe ein“, heißt es passend zu den einschlafenden Füßen, die den Zuhörer langsam überkommen.
Trotz ihrer Selbstverliebtheit interessieren sich die Indie-Popper doch auch für ihre unmittelbare Umgebung. „Sind die Oberpfälzer jetzt eigentlich Bayern?“, wollen sie wissen. Nach einem zögerlichen „Jaaa“ – „lauter Zugereiste hier“ , meint jemand aus dem Publikum – weisen die Kölner darauf hin, dass auch in ihrer Heimatstadt jetzt das Oktoberfest gefeiert wird – „allerdings mit Karnevalsliedern.“ Und Caipirinha statt Bier? Mittelbayerische Zeitung, 27.10.2011

 

Vier Kontinente bei den Regensburger Tanztagen
Das Programm steht – mit mehr als 20 hochkarätigen Produktionen und Uraufführungen. Künstler aus vier Kontinenten kommen.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Diese 14.Regensburger Tanztage werden besondere werden. Nicht nur, weil Initiator Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei erneut ein attraktives, niveauvolles internationales Programm zusammengestellt hat. Vielmehr gibt es heuer noch ein paar Konstanten, die im nächsten Jahr, beim 15.Festival, in Frage stehen. Die Tanztage setzen ausdrücklich auf Kooperationen und sind damit auch immer gut gefahren. Das Kunst- und Kulturfestival donumenta ist einer der Partner. Doch die kulturelle Flussfahrt der donumenta durch die Anrainerländer ist mit Serbien vorerst beendet. Welche Konzeption folgt, ist unklar, und daher auch, ob eine Kooperation mit den Tanztagen 2012 wieder sinnvoll und befruchtend ist.
Heuer dagegen können beide Festivals noch klar voneinander profitieren. „Handle with great care“ heißt das Stück der Belgrader Tänzerin und Choreografin Dalija Acin, mit dem die Regensburger Tanztage (4. bis 27.November) eröffnet werden. Dalija Acin gilt als eine der herausragenden Vertreterinnen des zeitgenössischen Tanzes in Serbien. Ihr Stück über Erinnerungen wurde beim Festival ImPulstanz in Wien mit dem „Prix Jardin d’Europe“ ausgezeichnet.
Premiere für Ballett Regensburg
Eine weitere Konstante war die Zusammenarbeit mit dem Theater Regensburg. Im September 2012 steht der Intendantenwechsel an. Ob und inwieweit sich die Ballettcompagnie in welcher Zusammensetzung und mit welchem Ballettdirektor nächstes Jahr beteiligen wird, ist ungewiss. Krottenthaler sparte denn bei der Pressevorstellung des Festivalprogramms nicht an Lob für die Compagnie und Ballettdirektor Olaf Schmidt, mit dem das Ballett Regensburg eine Marke geworden sei. „Das Ballett unter Olaf Schmidt hat viel für den Tanz in Regensburg getan, ihn zeitgenössischer gemacht und ihn einem neuen Publikum eröffnet.“
Der Abend mit dem Ballett Regensburg zum Schlus der Tanztage ist einer der absoluten Höhepunkte, sagte Krottenthaler, und eine Art Premiere für die Compagnie. Die Imperfect Dancers Balletto 90, eines der führenden Ensembles in Italien, bestreiten eine Hälfte des Abends. Für die andere hatte Olaf Schmidt eine besondere Idee: „Es war mir wichtig, dass nicht ich choreografiere. Mich sehen die Regensburger ohnehin immer.“ Am Theater Regensburg gebe es keine Möglichkeit, Gastchoreografen zu holen. Diese Chance eröffneten die Tanztage: Mit Anh Ngoc Nguyen aus Vietnam holte Schmidt einen der gefragtesten und vielfach ausgezeichneten jungen Choreografen der internationalen Tanzszene nach Regensburg, der mit Schmidts Compagnie seit drei Wochen ein Stück erarbeitet. „Das ist sehr spannend“, sagt Schmidt. „Tanz muss immer wieder zeitgenössisch sein. Dazu gehört: Er muss auch von jungen Choreografen gemacht werden.“
Eigenproduzierte Uraufführung
Eine weitere Besonderheit dieser Tanztage: Das Kulturzentrum Alte Mälzerei als Veranstalter der Tanztage tritt erstmals als Coproduzent auf. „Wir haben die Idee zu dem Stück gemeinsam entwickelt, unterstützen finanziell, stellen den Probenraum“, sagte Krottenthaler. Die Rede ist von dem zweiteiligen Tanzabend „Heimat“, in dem die seit drei Jahren in Regensburg ansässige Tänzerin Chia-Yin Ling aus Taiwan und die seit acht Jahren hier lebende Spanierin Nylea Mata Castilla sich in ihren Choreografien auf ihre kulturellen Wurzeln besinnen. Und auch das ist neu: Es wird zu Livemusik getanzt.
Auch das restliche Festivalprogramm mit Künstlern aus vier Kontinenten reiht Höhepunkte aneinander: Die Aidstanzgala, für die Olaf Schmidt verantwortlich zeichnet, die Solotanznacht mit internationalen Preisträgern, der Abend mit Publikumslieblingen der Tanzszene Bayern, ein Wiedersehen mit der Compagnie Deja Donne aus Italien und der erste Auftritt der slowenischen En-Knap Group werden dem Festival wohl eine ähnlich gute Resonanz wie 2010 bescheren. Damals hatte es eine Auslastung von mehr als 90 Prozent bei etwa 2500 Besuchern. Freuen können sich Tanzfans auch auf „PINAmania“, die Tanzfilme, die der 2009 gestorbenen Choreografen-Legende Pina Bausch gewidmet sind. Mittelbayerische Zeitung, 21.10.2011

 

Ja Panik: Viel Rauch um nichts
Die jungen Indie- Rocker bemühen sich um Originalität der Texte, doch ihre Musik ist belanglos.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Ja, Panik – sind fünf junge Männer Mitte Zwanzig, die aus dem österreichischen Burgenland kommen und über die Zwischenstation Wien im vorvergangenen Jahr ins Musikermekka Berlin gezogen sind. Die Band macht Indie-Rock. Bezeichnete das Kürzel „Indie“ (für Independent) in den 80er Jahren noch Produktions- und Vertriebswege, die von der Musikindustrie unabhängig waren, dient es heute vor allem der Unterscheidung vom „einfachen“ Rock. Der trifft seine musikalisch wie inhaltlich ehrlichen Aussagen für eine Zielgruppe irgendwo zwischen Bergarbeiter und Kfz-Mechaniker. Siehe etwa Bruce Springsteen.
Indie-Rock dagegen spricht eher sensible, nachdenkliche Seelen an. Im Falle des deutschsprachigen Indie-Rocks also eher den Typ Germanistikstudent. Um sich interessant zu machen, geht die Musik nicht den geraden Weg, sondern nimmt gerne ein paar Umwege in Kauf. Stets befinden sich Indie-Rocker auf der Suche nach der schönen Melodie, die sich aus den Kompliziertheiten des Originellseinwollens herausschält.
Die Texte liegen Komponisten dieses Genres besonders am Herzen. Es geht um Befindlichkeiten, den Weltschmerz, das Verlorensein in einer großen Stadt oder eine verzehrende Liebe. Intellektuell und bedeutungsschwanger sollen sie klingen, die Aussagen. „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“ lautet der (ausgeschriebene) Titel der neuen „Ja, Panik“-Scheibe „DMD KIU LIDT“, die im Frühjahr erschienen ist. Der deutsche Gesang ist mit englischen Wörtern wie „situation“ oder „success“ angereichert. Das soll cool und sexy klingen. Auf der aktuellen Single heißt ein Refrain „Suicide is Passion.“ Auf einer Stofftasche am Merchandisingstand steht „Love is Passion“. Pathetische Phrasen, die aus dem Munde eines 27-Jährigen aufgesetzt wirken. Auf wahre Leidenschaft, die zur totalen Selbstaufgabe führt, verzichtet man doch lieber.
Dass sie es mit ihrer ostentativ ausgestellten Melancholie ernst meinen, steht außer Frage. Die Ja, Panik-Musiker sind von oben bis unten in Schwarz gekleidet. Der über die Bühne und das Publikum hinweggeblasene Trockeneisnebel sorgt für eine geisterhafte Stimmung. Die Musik selbst bleibt dagegen belanglos. Konventioneller Indie-Rock ohne irgendwelche Überraschungen. Vielleicht könnte man das sparsam orchestrierte Liebeslied am Ende noch als solche sehen. Während seine Bandkollegen in ihrem A-Cappella-Gesang immer leiser werden und den Refrain endlos wiederholen, verschwindet Sänger Andreas Spechtl schon mal theatralisch von der Bühne. Viel Rauch um nichts. Mittelbayerische Zeitung, 12.10.2011

 

Ja, Panik gaben Konzert des Jahres

Ja, Panik gaben am Sonntag ein Konzert, das hitverdächtig war. Die Chancen, dass die Burgenländer Indie-Popper in diesem Jahr bei der Wahl zum Konzert des Jahres einen Preis absahnen, stehen nicht schlecht.

Ja Panik gaben am Sonntag ein Konzert in der Alten Mälzerei.
Noch in der vergangenen Woche sich haben die Jungs um Sänger und Texter Andreas Spechtl in Wien darauf beschränkt, ausschließlich das aktuelle Album „DMD KIU LIDT“ (ausgeschrieben: Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit) in der exakt selben Reihenfolge wiederzugeben.
Doch in der Alten Mälzerei spielten sich Ja, Panik durch ihr Komplettwerk (bisher vier Alben). Sie ließen Hits aus („Marathon“), arrangierten Songs um („Nevermind“ wurde im Wechsel von allen Bandmitgliedern gesungen) und endeten mit ihrem „Manifest“, dem knapp 20-minütigen Monolog „DMD KIU LIDT“. Laut, gewaltig und intelligent.
Säm Wagner auf kult.de, 10.10.2011

 

Zwischen Tiefkühlpizza und Steckrüben-Carpaccio
Richtige Ernährung ist angesagt. Philipp Weber macht sich das in seinem schwer verdaulichen „Futter“ zunutze.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Bei Philipp Weber zuhause im Odenwald hieß es früher immer: „Gegesse’ wird, was auf den Tisch kommt!“ Essen sollte in erster Linie satt machen. Doch heute regiert die „Stoffwechsel-Hisbollah“, alles muss gesund sein. Frisch in der anonymen Großstadt, sitzt Webers Bühnen-Alter- Ego allein mit der Tiefkühlpizza vor dem Fernseher und sieht C-Prominenten beim Kochen zu. Bei einem spannenden „Tütensuppen-Raten“ mit dem Publikum zählt er Inhaltsstoffe auf, die samt und sonders aus dem Chemielabor stammen. Explosionsgetrockneter Sellerie weist nicht unbedingt auf eine Flädlessuppe nach Hausfrauenart hin.
Weber weiß, wovon er spricht: Der 36-Jährige hat in Tübingen Biologie und Chemie studiert. Fantasiekons-trukte der Lebensmittelindustrie wie die berühmt-berüchtigten Omega-3-Fettsäuren treiben ihn zur Weißglut. Er schreit, er tobt, er fährt aus der Haut – und das alles in charmantem Odenwäldlerisch. Bei den Zahlen, die er nennt, hat er auch allen Grund dazu: Jeder Bundesbürger werfe jährlich Lebensmittel im Wert von 360 Euro in die Mülltonne. Jeden Tag landeten 140 Tonnen Biogemüse aus China auf dem Frankfurter Flughafen. Biologisch-gesunde Ernährung sei zum oberflächlichen Lifestyle-Getue verkommen. In den 80ern war der Öko noch anti-kapitalistischer Asket gewesen, der Verzicht predigte und kratzige Kleidung zur Selbstkasteiung trug.
Zum Festival der Enthaltsamkeit wird das Slowfood-Abendessen, zu dem Weber Freunde einlädt. Zahlreiche exotische Lebensmittel-Allergien und -Intoleranzen machen es ihm nahezu unmöglich, den Gästen etwas Essbares zu kredenzen. Schnaps kommt zum Einsatz, bevor überhaupt Verdaubares in den Mägen ist. Dazu kommen erhellende bis unappetitliche Details über die zweifelhafte Herkunft von Honig und die wahren Eigenschaften von Süßstoff, Cholesterin, Vitamin C oder Himalaja-Salz. Webers Programm ist eine Nachhilfestunde in Sachen Ernährung. Fakten und Zusammenhänge werden flott und wortgewandt serviert. Auch wenn er erwähnt, dass er kein politisches Kabarett macht, ist es doch genau dies: Essen und Gesundheit gehen jeden etwas an, der Verbraucher hat Macht, die er nutzen sollte. Bei den Absurditäten der so genannten Fusionküche („Schweinshaxe Mykonos“) scheint Weber seinen Zuhörern aus dem Herzen zu sprechen. Im Duktus des Führers mimt er einen national gesinnten Kulinariker, der nicht-deutsche Begriffe in der Gastronomie („Steckrüben-Carpaccio“) brandmarkt. Für den ungestümen Verzehr einer Schweinshaxe findet er den wunderbaren Vergleich mit einer Python, die einen Sumo-Ringer verschlingt.
Per Abstimmung wird in der Slowfood-Runde eine Lebensmittelgruppe nach der anderen ausgeschlossen, bis die vier Freunde notgedrungen zu Frutariern werden. Die essen nur das, was die Natur freiwillig hergibt. Mittelbayerische Zeitung, 10.10.2011

 

Reggae, Romane und regionale Größen
Das Kulturzentrum zieht Bilanz und stellt sein Programm für das zweite Halbjahr 2011 vor.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . „Endlich geht’s wieder los“ sagt Hans Krottenthaler. Der Geschäftsführer und Programmplaner der Alten Mälzerei hat allen Grund zur Vorfreude, denn im ersten Halbjahr 2011 hat das Kulturzentrum an der Galgenbergstraße ein überdurchschnittliches Ergebnis eingefahren: „Mit knapp 50 000 Besuchern allein bei den Live-Veranstaltungen sind wir mehr als zufrieden“. Auch zwei Besucherbefragungen seien äußerst positiv ausgefallen: Das Kleinkunstfestival im vergangenen März habe die Schulnote 2 von seinen Gästen erhalten und werde von allen Altersgruppen gleichermaßen frequentiert. Und die Tanztheatertage im Herbst hätten ihr Einzugsgebiet bis weit in den ostbayerischen Raum hinein erweitert. „Und dann wurde unsere Auszubildende im Sommer auch noch als die Jahrgangsbeste Bayerns ausgezeichnet.“
Georg Ringswandl als Buchautor
Mit einer großen Bandbreite an qualitativ hochwertigen Künstlern aus dem In- und Ausland, die im Herbst und Winter ihr neues Programm vorstellen, möchte die Mälzerei an dieses tolle Halbjahresergebnis anknüpfen. Und auch der Nachwuchsförderung wird wieder ein Platz eingeräumt: Beim monatlichen „Heimspiel“ werden sich Newcomer der regionalen Musikszene ein Stelldichein geben.
Niveauvolle deutschsprachige Texte scheinen der gemeinsame Nenner der Bands zu sein, die sich der Kulturladen aus anderen Städten der Repu-blik eingeladen hat. Die Kölner „Erdmöbel“ werden schon seit Jahren vom deutschen Feuilleton massiv gefeiert. Mit ihrem neuen Tonträger „Retrospektive“ wagen sie einen Blick zurück auf 16 Jahre Bandgeschichte. Die in Berlin lebenden Österreicher von „Ja, Panik“ sind zwar erst Mitte zwanzig, ihre neue Platte „DMD KIU LIDT“ findet in der Musikpresse aber ebenfalls großen Anklang.
Als Geheimtipp sieht Krottenthaler das Hamburger Geschwisterpaar Eva und Philipp Milner, die unter dem Namen „Hundreds“ einen betörend minimalistischen Sound produzieren. Unter Insidern ebenfalls hoch angesehen: die schwedische Indie-Band „Friska Viljor“, die schon bei ihrem ersten Auftritt in der Mälze mit hymnischen Folk-Pop-Songs zu begeistern wusste. Connaisseure der Rockgeschichte werden sich hingegen den Auftritt von „Pavlov’s Dog“ dick in ihrem Kalender anstreichen. Die amerikanische Seventies-Progressive-Rockband mit dem markanten Falsettogesang präsentiert sich mit neuem Album. Das tut auch die bayerische Songwriterin Claudia Koreck, die sich auf „Menschsein“ gereift aus der Babypause zurückmeldet. Georg Ringswandl hat derweil ein Buch über das Scheitern geschrieben. Bei der Lesung darf freilich etwas Musik nicht fehlen. Ohne seinen Partner Werner Schmidbauer ist Martin Kälberer unterwegs. Auf seiner Solo-CD „Between the Horizon“ ist seine Liebe zur brasilianischen und afrikanischen Musik unüberhörbar. Kosmopolitischen Dancefloor bieten neben den drei bezaubernden Ladies von „Ganes“, die auf ihrem zweiten Album „mai guai“ sensibles Songwriting mit urbanen Beats verbinden, auch die partyerfahrenen DJs vom Münchner „Jalla Worldmusic Club“.
Tanz aus Taiwan und Spanien
Aufregend geht es auch bei einer neuen Lesereihe zu, die sich zwischen Krimi, Thriller und Trash bewegt. Der Senkrechtstarter des deutschen Psychothrillers, Sebastian Fitzek, gibt eine Kostprobe aus seinem aktuellen Roman „Der Augenjäger“.
Während sich in Philipp Webers neuem Kabarettprogramm „Futter“ alles um Nahrungsmittel und Verbraucherschutz dreht, macht sich Kollegin Luise Kinseher ihre Gedanken über das „Mysterium Besitz“. Aus der Kabarettisten-Hochburg Franken kommen Lizzy Aumeier, Matthias Egersdörfer und Das Eich nach Regensburg.
Bei den Tanztagen im November tritt die Mälzerei erstmalig als Koproduzent auf. In einem Stück mit Livemusik widmen sich die in Regensburg lebenden Tänzerinnen Chia-Yin Ling und Nylea Mata Castilla ihren Heimatländern Taiwan und Spanien.
„Da sollte doch für jeden etwas dabei sein“, glaubt Hans Krottenthaler. Die Besucherzahlen des zweiten Halbjahres werden’s zeigen. Mittelbayerische Zeitung, 21.9.2011

 

Sie bringen auch Nussbaumfurnier zum Klingen
Die Kölner Band Erdmöbel wird für ihre poetischen Texte und feinen Melodien gefeiert. Mit ihrer neuen CD kommt sie nach Regensburg.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Das deutsche Feuilleton überschlug sich mit positiven Rezensionen. Kaum ein Musikmagazin, das im vergangenen Jahr das achte Erdmöbel-Album „Krokus“ nicht als Meilenstein in der deutschen Popgeschichte abfeierte. Die Süddeutsche Zeitung sprach von der „besten deutschsprachigen Band unserer Tage“, der Berliner Tagesspiegel lobte: „Erdmöbel rettet den deutschen Pop ... die bislang schönste deutschsprachige Platte des Jahres“. Diese ungebremste Euphorie hängt in erster Linie mit Markus Berges’ deutschen Texten zusammen, die mal rätselhaft, mal gefühlig-poetisch, Persönliches verhandeln. Der Blick richtet sich nach innen. Deswegen wäre es auch falsch, Erdmöbel in einem Atemzug mit dem Diskurs-Pop der Hamburger Schule zu nennen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse bleiben bei den Kölnern außen vor.
Berges, der 2009 mit „Ein langer Brief an September Nowak“ auch als Romanautor reüssierte, wird von Kritikern dafür geliebt, das er sperrige deutsche Wortungetüme wie „Nussbaumfurnier“ oder „Regenschirmetui“ wie selbstverständlich in seine Texte einbaut. Dem Klang der Wörter wird eine größere Bedeutung beigemessen als deren Inhalt. Vielleicht muss man, wie Berges, Germanistik studiert haben, um dies zu lieben.
Erdmöbel ist jedenfalls keine klassische Indierock-Band. Auf dem Erfolgsalbum „Krokus“ spielen Gitarren kaum noch eine Rolle. Berges und Kollege Ekki Maas haben ein Händchen für kleine, feine Pianomelodien mit großem Wiedererkennungswert. Elemente der elektronischen Clubmusik finden sich in ihren Stücken ebenso wieder wie Bläser und exotische Instrumente wie Balalaika oder Steelguitar.
Die aktuelle Single „Fremdes“ verbindet einen bläsergetriebenen Ska-Offbeat mit schwelgerischem Westcoastpop-Harmoniegesang, wie man in derzeit auch von amerikanischen Bands wie Animal Collective zu hören bekommt. „Au-Pair-Girl“ könnte in seiner loungigen Entspanntheit direkt aus der Feder von Burt Bacharach stammen. Die verfremdete Vocoderstimme zum durchgehenden Techno-4/4-Beat in „Dreierbahn“ versetzt den Hörer in einen knallbunten Bollywoodfilm. Auf der anstehenden Herbsttournee möchte die vierköpfige Band die altbekannten Songs in neuem Gewand und „mit heutigen Mitteln“ präsentieren, wie Gründungsmitglied Maas erklärt, der die Erdmöbellieder auch produziert: „Es werden neue Versionen von älteren Stücken zu hören sein, die wir live schon lange nicht mehr gespielt haben“.
Aus einem Songpool, der aus Nummern der 16-jährigen Bandgeschichte besteht, soll ein offenes Programm zusammengestellt werden: „Wir möchten auf Zurufe reagieren können“. Das am Freitag erschienene neue Album „Retrospektive“ setzt sich ebenfalls aus älteren Stücken zusammen. „Da uns viele Fans erst mit ‚Krokus‘ und dem Vorgängeralbum ‚No. 1 Hits‘ kennengelernt haben, wollen wir zeigen, was wir früher so gemacht haben“. Der Erfolg sei ihnen jedenfalls nicht zu Kopf gestiegen. „Dafür spielen wir schon zu lange zusammen“, sagt Berges, „wir machen einfach unser Ding weiter“. Mittelbayerische Zeitung, 24.9.2011

 

"Ja, Panik" kommen mit neuem Album in die Mälze
Musik Konzert der österreichischen Indie-Pop-Band ist der Höhepunkt im Oktoberprogramm des Regensburger Kulturzentrums.

Regensburg. Das Musik-Programm in der Alten Mälzerei für diesen Oktober wirft keine Frage auf: Diesen Monat wird das Haus gerockt! Von Reggae über Blues-Rock bis hin zu Indie-Rock ist viel geboten. Absoluter Höhepunkt ist dabei das Gastspiel der Ösi-Indie-Rocker "Ja, Panik".
Gleich am 2. Oktober (21 Uhr) kommen "White Flag" aus Los Angeles, um das einzige Deutschlandkonzert ihrer derzeitigen Tour zu veranstalten. Die aus vier Musikern bestehenden Punk-Rock-Band wurde schon 1982 gegründet und ist seither zu einer echten Punk-Legende geworden.
Am Sonntag, den 9. Oktober (Beginn: 20:30 Uhr), tritt die Indie-Rock. Band "Ja, Panik" auf. Die fünf Musiker aus Österreich stellen ihr neues Album "DMD KIU LIDT" vor. Die Band war 2009 für den "Amadeus Award", den größten österreichischen Musikpreis der Richtung Alternative-Rock, nominiert. Sie sind für ihre deutsch-englisch vermischten Texte bekannt und kannten sich schon zuvor durch die burgenländische Band "Flashbax".
Doch es wird nicht nur Musik geboten: Die "On3-Lesereihe mit 1000 Robota" am 21. Oktober (20 Uhr) ist ein Mix aus Literatur, Live-Konzert und Clubatmosphäre. Zwölf verschiedene Autoren tragen ihre eigene Texte zum Motto "Stadt, Land, Schluss" vor, die zuvor von der on3-Jury ausgewählt wurden. Die drei Musiker der Indierockband "1000 Robota" aus Münster performen dazu ihre Songs und tragen auch ihren eigenen Text zum Thema vor. Einen Tag später betreten dann die vier Musiker aus Köln von "Erdmöbel" die Bühne und unterhalten die Zuschauer mit großartigen Indie-Pop. Ihre acht Alben sind von Easy-Listening-Pop der 60er-Jahre ebenso beeinflusst, wie von den internationalen Hits großer Künstler, die einmal an der Spitze der Charts waren.
Neben diesen tollen Performances gibt es im Oktober noch weitere Auftritte von Reggae-, Gothic- und Alternative-Bands. Auch verschiedene Impro-Theatergruppen und der "Poetry Slam", ein Gedichtwettbewerb, finden statt. Auf jeden Fall dürfte der als grauer Monat verschriene Oktober in der Mälze nicht langweilig werden. Mittelbayerische Zeitung, 14.9.2011

 

Bürgerfest 2011: Die Bilanz
Viele Besucher, gute Umsätze, prima Stimmung, tadellose Organisation
Fest-Nachlese:  "Das waren drei wunderbare Tage"

Das Wochenende in Regensburg ließ in den Augen der Veranstalter fast keine Wünsche offen. Nur die Gäste könnten ein bisschen spendabler sein.

Von Marianne Sperb, MZ
REGENSBURG. Am Tag nach dem Fest-Marathon hieß es für die Meisten der 25 Platzbetreiber erst mal: durchschnaufen. In der Rückschau zeigten sich die Partner der Stadt hochzufrieden. "Die Menschen waren fröhlich, die Organisation war top in Ordnung", sagte Hermann Goß, Chef der Bischofshof Brauerei, die den Domplatz bewirtschaftete.  "Wenn es was zu verbessern gibt, dann höchstens Kleinigkeiten. Vor allem der Freitag lief sensationell gut an." Einen neuen Umsatzrekord beim Bier verregnete es allerdings am Samstag.
"Alles prima"
"Sehr entspannt, sehr schön", kommentierten Rüdiger Nowak und Konrad Seel, die mir ihrer Agentur Eventconcept Wiedfang, Fischmarkt und Stadtamhof bespielten. Frank Venus von der Bewerbergemeinschaft, die den Kohlenmarkt bewirtschaftete: "Das hat alles prima funktioniert. Wer sich an die Auflagen hielt, hatte keinerlei Probleme. Sehr gut getan hat die eine Stunde bis 23 Uhr; da war die Atmosphäre am schönsten."
"Wunderbar, vor allem das Wetter passte ideal", meinte Viktor von Hugo, der Haidplatz und Thon-Dittmer-Hof bespielte. "Die Stadt hat das schon alles prima durchorganisiert, vor allem Peter Ainöder vom Kulturamt: Der macht alles, was machbar ist." Albert Kellner von der Brauerei Kneitinger, die Weißgerbergraben/Arnulfsplatz gepachtet hatte, freute sich, dass der Bühnen-Mix gut ankam, etwa mit Line-Dance, Happy Shakers und einem Großmädelchor aus Rohr. "2013 kann`s wieder so werden - wir brauchen bloß die Wettergarantie."

Getränke finanzieren Bands
Tine Christa vom "Mischkultur e.V." freute sich über Riesenzulauf in der Maximilianstraße.  "Sehr  viele Besucher fanden es toll, dass Straßenkunst ein Teil des Bürgerfests war." Fürs nächste Mal hätte Tine Christa einen Wunsch: "Unsere Künstler sind Profis, das heißt: Die leben vom Hutgeld. Es wäre schön, wenn die Gäste das besser honorieren würden." Einen ähnlichen Wink gab am Montag Hans Krottenthaler vom Alte Mälzerei e.V.: Wer mit Wein und Bier bepackt zum Grieser Spitz kam, um dort Musik zu hören, dem sei offenbar der Zusammenhang nicht klar zwischen guten Bands und Getränkeverkauf.
Insgesamt, das betonte Krottenthaler ausdrücklich, fand er das Bürgerfest 2011 schön: "Das waren drei wunderbare Tage." Groß ins Abendprogramm und Spitzenbands zu investieren, sei richtig gewesen. "Der Grieser Spitz war ab 18 Uhr gut gefüllt, es war richtig Open-air-Stimmung." Alex Bolland, der die Uferpromenade Stadtamhof bewirtschaftete und ebenfalls viel Geld in Bands steckte, zeigte sich glücklich über die hohe Frequenz der lauschigen Oase vorm Andreasstadel. "Es war voll, trotzdem blieb die Stimmung entspannt." Das Duo Mark'n'Simon honorierte Bollands Verdienste als Kulturförderer mit der Ernennung zum neuen Regensburger "Burger-King" - per Papp-Krone.
Für die Sozialen Initiativen, die sich mit 22 Einzelinitiativen am Alten Kornmarkt präsentierten, wurde das Bürgerfest finanziell ein Erfolg: Insgesamt wurden etwa 25 000 Euro erlöst, die direkt in einzelne soziale Projekte fließen. Schwester Rita, Schulleiterin von Niedermünster, habe sich rührend um die Sozialen Initiativen gekümmert und Strom, Wasser und Umkleiden für Musiker und Bauchtänzerinnen zur Verfügung gestellt.

WEITE AUSSTRAHLUNG
> Das Bürgerfest strahlt weit über Regensburg hinaus: Die Bahn hatte noch um Mitternacht Sonderzüge in alle Himmelsrichtungen fahren lassen, um die zahlreichen Gäste von Auswärts nach Hause zu bringen.
> Das Stichwort "Bürgerfest Regensburg" fand am Sonntag bei Google rund 65 000 Treffer, auf facebook waren knapp 13 000 Kontakte registriert. Mittelbayerische Zeitung, 28.6.2011

 

Große Vorfreude auf das Regensburger Bürgerfest
Von 24. bis 26. Juni herrscht in Regensburg ein Wochenende lang ausgelassene Stimmung. Die Stadt wird zur großen Bühne.


REGENSBURG. „Wir sind Regensburg!“ – das Motto des Bürgerfests 2011 ist eindeutig: Die Bürger einer Stadt feiern ihre Stadt. Und diese soll sich beim größten Fest des Jahres so präsentieren, wie sie ist: lebendig, schön, gastfreundlich und vor allem alles andere als langweilig.
Das Kulturamt der Stadt hat in Zusammenarbeit mit vielen Einzelveranstaltern ein Riesen-Programm auf die Beine gestellt. Die verwinkelten Gassen und die offenen Plätze werden zur Bühne. In der gesamten Altstadt mit Stadtamhof findet das Programm statt. Bunte Stände mit Kunsthandwerk, heimische Schmankerln für jeden Geschmack, Performances für kleine wie große Gäste und ganz viel Musik… der Vielfalt ist 2011 kein Ende gesetzt.
Die Slick-50-Bühne am Weinmarkt entführt die Regensburger in die 50er-, 60er- und 70er-Jahre. „Bei uns hörst du Musik wie auf keinen anderen Bühnen beim Bürgerfest“, sagt Betreiber Thomas Gaschnitz vom Livekultur-Verein.
Der Alten Mälzerei ist der Preis für die „größte und lauteste Bühne“ wohl jetzt schon nicht mehr zu nehmen. Wie immer schlagen Hans Krottenthaler und sein Team ihre Zelte auf dem Grieser Spitz auf. Hauptact und Zugpferd sind die bekannten Speed-Folker „Fiddlers Green“, die am Samstagabend zum Tagesabschluss auftreten. Mit „Zwei Tage ohne Schnupftabak“ und „Zarate“ sind am Samstag zwei renommierte Local-Acts zu hören und der Sonntag gehört den großen Hits zweier großen Rock-Bands: Whitesnake und AC/DC.
In Sachen Kinderprogramm hat die Stadtmaus einiges zu bieten. Sie wird die Jahninsel zum großen Spiel-Paradies umgestalten. „Das Gelände ist dafür ideal. Wir haben einen abgeschlossenen Ort in all dem Trubel, der für Familien eine Rückzugsmöglichkeit sein kann“, erzählt Antje Schlagenhaufer von der Stadtmaus. Die Spielemöglichkeiten sind endlos: Vom Torwandschießen bis hin zum Kanufahren für die ganze Familie – langweilig wird es auf jeden Fall nicht. Mittelbayerische Zeitung, 22.6.2011

 

Ehrliche Musik aus dem Bauch
Claudia Koreck veröffentlicht ihr neues Album „Menschsein“.

Von Mario Kunzendorf, MZ
REGENSBURG. „Vielleicht bin ich ja nicht ganz normal“, sagt Claudia Koreck im MZ-Gespräch in Regensburg. Natürlich ist sie das nicht. Zumindest schien es bislang nicht normal, dass Traunsteiner Mädchen mit sieben Jahren eine Bühnenkarriere starten, mit 16 eine Band und mit 21 Jahren die Hitparade anführen. Und das als bayerische Pop-Liedermacherin, mit der Gitarre in der Hand, bayerische Texte singend. Steckt ein ehrgeiziges Elternhaus dahinter? Koreck winkt ab. Nein, der Vater habe zwar „Beatles“ und Aretha Franklin gerne, sei sonst aber musikalisch unauffällig. Also war es schlicht, wie die 25-jährige sagt? „Musik war einfach immer, was ich machen wollte.“
Tja, so einfach erklärt Claudia Koreck bisweilen die Welt. Sie schafft es, unverstellt von innerem Druck und äußerer Erwartung zu wirken. Dabei ist die Sängerin seit spätestens vier Jahren und dem Erfolg ihres Albumdebüts „Fliang“ mittendrin im Branchenrad. Dass sie dort denn doch Konflikte mit sich und anderen auszutragen hat, blitzt ab und an auf: „Wenn jemand in der Plattenfirma sagt, Musik ist nur ein Produkt, bekomme ich einen Kotzanfall. Ich halte Musik für überlebenswichtig.“
Widerstand kann helfen. Koreck hat sich gegen alle Wünsche von Vermarktern und Veranstaltern nach zwei CD-Veröffentlichungen eine Auszeit genommen, ihren Arrangeur und Mitspieler Gunnar Graewert geheiratet, im Vorherbst einen Sohn geboren, mit Bedacht angefangen, wieder Stücke zu schreiben. „Ich wollte mich nicht unter Druck setzen lassen“, sagt sie rückblickend. Vor wenigen Tagen hat sie ihr neues Album „Menschsein“ (Sony) veröffentlicht, dessen Titellied diese Episode zu beleuchten scheint.
„Menschsein“, das bedeutet für Claudia Koreck auch, in ihren Liedern frei aus ihrem Alltag zu erzählen. Und da es ihr, anders als noch auf dem einsam rohen Vorgänger-Album „Barfuaß um die Welt“ heute gut geht, sind die Stücke tendenziell nicht der Moll-, sondern der Dur-Seite des Lebens zugeneigt. „Menschen mit Musik glücklich machen“, das reizt die 25-Jährige jetzt auch für ihre Tournee. Dass sie dabei vom Sender „Bayern 3“ erneut massiv unterstützt wird, schätzt sie als Glücksfall. Dass sie nur deshalb von anderen Stationen geschnitten wird, ist Teil des Grobgeschäfts. Also der Teil, von dem sie sagt: „Nicht meins.“
„Ehrliche Arbeit“ ist, was sie leisten und liefern will. „Wertschätzung“ für ihre „Musik aus dem Bauch“ ist, was sie sich wünscht. Vereinnahmen will sie sich nicht lassen, weder von Schlagerwettbewerben noch Politik noch Feminismus-Projekten. „Das ist nicht meins“, sagt sie da wieder. Bayerisch konservativ eigentlich, keineswegs naiv, schon gar nicht übertrieben offen.
Denn alles erzählt die Musikerin nicht. Zum Beispiel nicht das Ende jenes Lieds „Hunger“, in dem ihr von nächtlicher Beißattacke geplagter Gatte sich dem Kühlschrank nähert, wo sich wiederum die Gattin als Festmahl feilzubieten gedenkt… – nun den Rest des Abenteuers verschweigt sie. Trotzdem noch ein Geheimtipp: Wer nächtens einer hungrig umherstreifenden Claudia Koreck begegnet, sollte gefüllte Paprikaschote anbieten. Mittelbayerische Zeitung, 24.5.2011

 

Ein Speedlandler am Heimatluftkompressor
Attwenger aus Österreich bot in der Alten Mälzerei Heimatabend und Club-Beats zugleich.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Markus Binder und Hans-Peter Falkner machen zu Beginn ihres Auftritts in der Alten Mälzerei einen eher schlecht gelaunten Eindruck. „Wir sind ja schon zehnmal hier gewesen. Der Bürgermeister sollte uns die goldene Ehrennadel verleihen“, erklärt Falkner. In seinem lang gezogenen Österreichisch versteckt sich eine gehörige Portion Sarkasmus. Auch auf aufmunternde Zurufe wie „Auf geht’s, Buam“ wollen sie nicht reagieren. Die beiden Linzer spielen lieber kommentarlos ihr Set herunter, das überwiegend aus Stücken des neuen Albums „Flux“ besteht.
Der schlaksige Binder beackert sein reduziertes Drumset (Bassdrum, Hi-Hat und Snare) wie ein Berserker. Das abendliche Ausgleichsjoggen kann sich dieser Mann definitiv sparen. Wenn er gerade mal eine Ruhepause braucht, kommen seine Maultrommeln zum Einsatz, die er behände wechselt.
Falkner nimmt die andere – übrigens angenehm dezent ausgeleuchtete – Bühnenseite ein, schickt mit einem Laptop-Tastendruck einen Playback-Loop auf den Weg und steigt dann mit seiner Steirischen Harmonika ein, die er so gedankenversunken spielt, als sei er der Gitarrist einer 70er-Jahre-Psychedelic-Rock-Band.
Diese spezielle Form des Akkordeons kommt ja vor allem in der traditionellen Volksmusik des Alpenraumes zum Einsatz. Spielt Falkner sie wie gewohnt, kommt zusammen mit Binders rasantem Schlagzeugspiel etwas heraus, das die Band als „Turbopolka“ und „Speedlandler“ bezeichnet. Also ein erbarmungsloser Zweidrittel- oder Dreivierteltakt in Drum’n’Bass-Geschwindigkeit.
Auch bei „Shakin’ my brain“, einem zackigen Alpen-Rock’n’Roll, geht’s mächtig nach vorne. „Duamasche“ und einige andere Nummern sind eher in der groove-orientierten schwarzen Musik verortet. Die Feier- und Tanzwütigen in der Alten Mälzerei freut es – Dirndl und Lederhose sind am heutigen Abend nicht nur auf der Regensburger Dult zu finden! In den interessanteren musikalischen Momenten ufern Attwengers Stücke in ausgedehnte Erfahrungstrips aus, die die Tänzer tranceartig gefangen nehmen. Beim repetitiven Gesang in „Song“ wird der Tracktitel ganz in die Länge gezogen – „Soooooong“ – und ein verdrehtes Wort, das wie Hebamme klingt, „Baba Heba“, endlos wiederholt. Wörter werden zu bloßem Sound. Und Falkners mit diversen Effektgeräten versehene Harmonika erkennt man nicht wieder: Mal brummt sie in tiefsten Bassregionen, mal quietscht sie verzerrt wie eine malträtierte Hardrockgitarre.
Interessant, was aus einem Instrument, das auch unter dem Namen Heimatluftkompressor firmiert, alles herauszuholen ist. Insgesamt also eine unterhaltsame Mischung aus Modern und Traditionell, aus zeitgenössischen Club-Beats und vertrauter Heimatabendbeschallung. Und doch: Die limitierte Instrumentierung sorgt jedoch auch für eine gewisse Einförmigkeit. Mittelbayerische Zeitung, 23.5.2011

 

 

Seelenstreichler mit Stimme und Schwiegersohnimage
Werner Schmidbauer und Martin Kälberer machen drei Stunden authentische Musik.

Von Ralf Strasser, MZ
REGENSBURG. Der Umzug von „seiner“ Mälzerei in die große Halle weckt bei Werner Schmidbauer gemischte Gefühle. Dort hat er – noch ohne Martin Kälberer – seine erste Live-CD an zwei Abenden mitgeschnitten. Viele mussten damals draußen bleiben, vor der knuddeligen Kneipen-Atmosphäre seiner Stammbühne. Also hat Mälzereichef Hans Krottentaler den Auftritt von Werner Schmidbauer und seinem Kumpel Martin Kälberer in den Antoniussaal verlegt, damit die Schmidbauer-Getreuen nicht in der lauen Frühlingsnacht stehen mussten. Und einige, die damals beim Livemitschnitt „Loan di an mi“ oder „Da wo de Leit san“ mitgesungen haben, sind auch an diesem „Momentnabend“ wieder dabei und singen die Strophen mit, die Schmidbauer ihnen vorgibt.
Mit einem Lied und mit einem lächelnden „Grias eich“ begrüßt er sein Publikum zur Momentnsammlertour und legt damit einen Schalter um. Von der quirligen Erwartungshaltung in ein entspanntes Gefühl von „dahoam“ sein. Viele neue Lieder aus der aktuellen Scheibe hat das Duo mitgebracht, aber auch den alten Songs mit neuen Tönen eine Chance gegeben. Es sei Zeit geworden für eine neue CD, meint der Liedermacher, schließlich sind sieben Jahre seit der letzten Scheibe vergangen. „Zeit der Deppen“ heißt diese, und „immer noch aktuell, allein schon wegen des Namens.“ Geändert hat sich beim neuen Tonträger nicht viel.
Schmidbauer ist immer noch ein Seelenstreichler mit Schwiegersohnimage, die Handmade-Lieder eine Wohlfühlsammlung von schönen, poetischen, optimistischen und spaßigen Momenten, die Stimmung ist nach wie vor außergewöhnlich, nur die Schmidbauer-Band ist seit zwölf Jahren auf Kälberer zusammengeschrumpft. Aber der macht dies mit einer musikalischen Kreativität wieder wett, die ihm „Bravo“-Rufe und viel Applaus einbringt. Er sei ein musikalischer Maler, beschreibt Schmidbauer seinen Freund und wer ihn auf dem ufoartigen Teil namens Hang spielen hört, kann ihm da nur zustimmen.
Die musikalischen Momente, die die Zwei mitgebracht haben, ähneln einem guten Wein – er schmeckt und je älter, desto besser, aber auch die jungen Augenblicke werden genossen.
Das Genießen teilt Schmidbauer mit seinem Regensburg. Er lässt mitsingen, „aber volle Kanne, lasst’s uns net hängen.“ Das tun sie nicht und die Mitklatschfraktion meldet sich beim Titelsong der neuen CD postwendend. „Schee habt’s g’sungen“, lobt der Schmidl. „Du aber auch“, kommt es aus dem Publikum zurück. Schmidbauer lacht, „nach über 30 Jahren das erste Kompliment auf offener Bühne“. „Am liabst’n daad i jetz“, „Daugn“, „Für vui Geld“, oder „Glück g’habt“ singt er aus den alten Zeiten, „Südhang“, „An am Aband so wia heit“ oder „Nach Gulu“ stehen für das Neue, das die Tourneen in den letzten Jahren begleitete. Zwischen den Songs plaudert er über Auftritte vor über 7500 Österreichern, die eigentlich den Wolferl (Wolfgang Ambross) hören wollen, aber einen Wernerl bekommen. Schmidbauer erzählt Geschichten aus seiner Kindheit, macht Witze, zieht Grimassen, blickt zurück auf eine Zeit ohne Handys oder erklärt den Jüngeren, wie ein Kassettenrekorder einst funktionierte. Es ist diese Schaukelbewegung, die fasziniert. Eine Mischung aus Bergwanderplauderei à la Gipfeltreffen und den musikalischen Erzählungen eines Lebens. Sie sind ihm zugeflogen, sinniert der Schmidl aus Aibling „aus Situationen, und weil sie eben da waren.“ So wie auf einem Berg im Mangfallgebirge. „Herobn“ nennt er das Stück, das über den Wolken entstanden ist und wer die Augen zumacht, der kann sie spüren, die friedliche Abendstimmung. „Nix is so schee wia der Moment, wennsd den Moment gfundn host, is er vorbei“, singt Schmidbauer und nach fast drei Stunden mit authentischer Musik gilt das auch für Regensburg. „Schön wars bei euch, ich hoffe wir sehen uns wieder“, sagt er und entlässt die Fans mit einem seiner Lieblingslieder. „Loan di an mi“ – und 500 Zuhörer singen mit. Mittelbayerische Zeitung, 16.5.2011

 

„Momentnsammler“ zeigen ihre Schätze
Werner Schmidbauer ist TV-Gipfelstürmer und Liedermacher. Er mag das Leben und er mag Regensburg, wo er heute mit Martin Kälberer gastiert.

REGENSBURG. Werner Schmidbauer ist ehrlich und witzig, sinnt in seinen musikalischen Geschichten ironisch über das Leben nach, seine Liebeslieder sind anrührend, der Mann mit dem Image des idealen Schwiegersohns, ebenso bekannt als Journalist. Seit Jahren macht er sehr erfolgreich die Sendung „Gipfeltreffen“ im Bayerischen Fernsehen. MZ-Autor Ralf Strasser hat den bayerischen Liedermacher auf der Autobahn am Telefon aufgespürt, im Stau, auf dem Weg ins BR-Studio zu den Vor- und Nachbereitungen seiner nächsten Talksendung. In den Bergen trifft Schmidbauer Hubertus Meyer-Burkhardt. Auf der Bühne steht er heute, und zwar in Regensburg, mit Martin Kälberer als langjährigem Kompagnon an seiner Seite. Im Gepäck haben die beiden viele gesammelte Momente.
MZ: Herr Schmidbauer, Sie sind auf dem Weg zu einer neuen „Gipfeltreffen“-Sendung. Was ist interessanter: Selber Geschichten erzählen oder als Journalist Geschichten erzählt bekommen?
Schmidbauer: Ich bin kein Mittelpunktmensch. Manchmal komme ich mir vor, wie unsere Regentonne zuhause. Einerseits holt man Wasser heraus, verbreitet sich quasi selber und dann muss man aber auch wieder etwas nachfüllen. Als Journalist mache ich mich ganz leer und lasse mich auffüllen, und als Sänger erzähle ich dann meine Geschichten. Das ist eine Schaukelbewegung, beides ist mir sehr wichtig.
Die neue CD heißt „Momentnsammler“. Was dürfen wir bei Ihrem Auftritt im Antoniushaus erwarten?
In weiten Teilen spielen wir natürlich unsere neue CD. Wobei – für Fans, die uns auf den Tourneen begleiten, ist es gar nicht so neu. Seit unserer letzten Studio-CD sind ja sieben Jahre verstrichen und in dieser Zeit sind die ganzen neuen Lieder entstanden und je nachdem, wann sie entstanden sind, haben wir sie auch im Live-Programm gespielt. Ich halte nichts davon, erst eine CD zu produzieren und diese dann gleich auf der Bühne zu präsentieren. Wenn wir ein neues Lied haben, müssen wir auch gleich spielen, anders halten wir es gar nicht aus.
Wieviel Schmidbauer ist in dem Lied „Momentnsammler“?
In dem Lied ist alles autobiografisch. Wir Deutschen sind ja ein Volk der Sammler. Die einen sammeln Steine in Griechenland, andere Sicherheit in Form von Versicherungen, ganz viele sind Geldsammler. Aber du kannst es nicht mitnehmen. Was immer bleibt, sind die Momente. Die kannst Du in deinem Kopf sammeln. Diese Erinnerungen bleiben, und nicht die Gedanken an die Steuererklärung.
In Regensburg waren Sie schon öfter.
Wie oft, kann ich gar nicht sagen. Regensburg ist unsere Lieblingsstadt in Bayern. Wir waren erst vor Kurzem mit unseren Frauen ganz ohne Auftritt für zwei Tage in Regensburg und haben es wirklich genossen. Hier sind die Leute einen Tick anders, ein Tick sympathischer, frischer und jugendlicher. Nicht umsonst haben wir in der Mälze unsere erste Live-CD aufgenommen.
Auf der neuen CD steht auch „Instrumentensammler“. Ein Hinweis auf Martin Kälberer. Gibt es eine Gewaltenteilung im Duo Schmidbauer/Kälberer?
Wir machen wirklich alles gemeinsam und spielen schon seit 15 Jahren zusammen. Mit Gewichtungen natürlich. Ich schreibe die Songs und erzähle sie, Martin ist mehr auf der Produzentenseite, arrangiert, mischt bei den Liveauftritten. Auf der Bühne gibt’s dann nur noch die gleichberechtigte Freiheit. Ich bin immer wieder überrascht, was da alles passiert.
Stimmt eigentlich das Image vom netten Schwiegersohn?
Das ist eine Frage, mit der ich mich eigentlich nicht beschäftige. Ich bin kein Lebenszyniker, ich mag Menschen und gehe erst mal davon aus, dass die Leute o.k. sind. Ich mag auch das Leben. Allerdings kann ich auch grantig sein und am besten wissen das meine Frau und meine Schwiegermutter. Mittelbayerische Zeitung, 13.5.2011

 

Auf dem Marktplatz des Wissens
Franzose Alfons erklärte zum Abschluss des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals United Comedy die Welt

Von Andrea Potzler, MZ
Regensburg. Franzose Alfons lebt in Deutschland. Vielleicht, weil er als Bub bei der Familie Chirac so gerne Klingeln putzte und man ihn damals warnte, dass der kleine Jaques einmal Präsident werden würde - und Alfons dann aus Frankreich gehen müsste.
Vielleicht ist Alfons aber auch nur in Deutschland, weil er hier stark französelnd und mit riesigem Puschelmikrofon so wunderbare Interviews mit Humor und Herz fürs Fernsehen machen kann. "Aber", so sagt Alfons, der im echten Leben Emmanuel Peterfalvi heißt: "Ich ging ja nicht nach Deutschland, ich ging nach Bayern!".
Seine Ansichten präsentierte er am Wochenende zum Schluss des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals in der Alten Mälzerei. Kernstück seines Kabarettprogramms "Die Rückkehr der Kampfgiraffen" sind auf die Leinwand projizierte Interviews, die Alfons auf dem Hamburger Wochenmarkt gemacht hat. Der Blick des Ausländers auf Deutschland, die leichte Ironie dem eigenen Land und der Wahlheimat gegenüber, all das macht den Mann in der orangen Jacke und der Altmännerhose mit dem Kleinbubencharme aus. Mit seinem Puschelmikro und den zerfetzten Notizblättern tritt er unbedarft vor die Leute und kommt so an die verblüffendsten Einsichten.
"Befürchten Sie, dass es auf der Welt einen Menschen gibt, der von niemanden geliebt wird?", fragt er, und der interviewte Herr in der grauen Jacke antwortet ohne Zögern: "Meine Schwiegermutter!" Auch das Alleinerziehende Mütter Banditen seien, die nur auf Sozialhilfe warten, findet er so heraus. Als er einen Polizisten fragt, ob er genmanipuliert sei, antwortet der bierernst: "Da kann ich keine Auskunft geben, da müssen Sie sich an die Pressestelle wenden." Seine Interviews sind ein ganz eigenes Genre, vor allem, weil er die Leute auf der Straße ungeschminkt zu Wort kommen lässt.
Zu Tränen gerührt ist nicht nur Alfons, als er Rentner Heinz einspielt. Ihn hat er auf dem Markt immer wieder interviewt und ins Herz geschlossen. Spätestens als Heinz Alfons mit einer eigenen Frage beindruckte: "Was macht Frau Merkel mit ihren alten Kleidern? Die trägt sie", freute sich Heinz diebisch. Heinz war neunzig, als Alfons ihn traf, und Heinz letzter Wunsch war, seine alte Schule in Berlin noch einmal zu besuchen. Heinz ist mittlerweile gestorben, aber seinen größten Wunsch hat ihm Alfons erfüllt. Der Zuschauer bleibt mit einem lachene3nden und einem weinenden Auge zurück.
"Heute Nacht werde ich übernachten mit Ihrem Applaus in meinem Herzen", sagt Alfons als er am Ende herzlich und reichlich beklatscht wird. Und das Beste daran: Man glaubt es ihm. Mittelbayerische Zeitung, 19.4.2011

 

 

Köstliche Renaissance des Anzugspießers
Helfried alias Kabarettist Christian Hölbling gibt sich in der Alten Mälze als böse und charmant.

Von Andrea Potzler, MZ
Regensburg. Pudelfondue, gepökelter Hamster, Spanrottweiler? Ja, Sie lesen richtig – Haustiere gehören nicht unter den Tisch, sie gehören auf den Tisch. Auch eine Bouillabaise im heimischen Aquarium ist ein Fest, angerichtet mit 100 bis 200 Suppenwürfeln, erwärmt durch einen Tauchsieder. So sieht das zumindest Käfersammler Helfried, der vom österreichischen Kabarettisten Christian Hölbling verkörpert wird. Mit „Helfried. Zehn Jahre Frohsinn – Die große Jubiläumsgala“ gab er bei United Comedy 2011 die „braune Eminenz der Kleinkunst“ und sein Publikum in der Alten Mälzerei freute sich.
Stocksteif steht der schmale Helfried in seinem braunen Anzug da, die schütteren Haare ordentlich an den Kopf geschleckt, die Lippen geflissentlich zusammengekniffen und versucht so normal zu sein, wie es nur irgend geht. Man hätte den Typus Anzugspießer der alten Schule längst für ausgestorben gehalten, feierte er hier nicht eine so köstliche Renaissance. Helfried imitiert Vögel und propagiert einen täglichen zehnminütigen Hopserlauf zur körperlichen Ertüchtigung, der Turnvater Jahn alle Ehre gemacht hätte. Hopserlauf nämlich hat „Schneid“. Hie und da darf es auch ein Liedchen oder ein Kunststückchen sein, um dem „Frohsinn“ Ausdruck zu verleihen. Aber keine so absurden Dinge wie Frauenzerschneiden – „das geht doch gar nicht, da stößt man doch auf einen Widerstand!“ Wir haben es mit feinstem Humor und ausgezeichnetem Gesang teils im Stil der Comedian Harmonists zu tun, klamaukiges Schenkelklopfen hat Hölbling einfach nicht nötig. Böse, aber doch charmant, eigenbrötlerisch und doch so liebenswert. Helfried erklärt uns aus seiner schrägen Warte nicht die heutige Zeit, aber das Männchen bleibt als wunderbare Schrulle im Gedächtnis.
Neben Helfried spielt Hölbling dessen Ziehtante Hedwig, von deren Erziehung er sagt, dass sie „antimodern und fundamentalistisch war – das hat mir nicht geschadet!“ Hedwig ist im grünen hochgeschlossenen Kostüm mit Haarnetz, Knipstäschchen und viel zu rotem Lippenstift ganz die alte Jungfer und scheint genauso aus einer ganz anderen Zeit zu entstammen wie Helfried. Den Eindruck bestätigt Hedwigs fisteliger Vortrag der „Christel von der Post“ und der „Unschuld vom Lande“. Hedwig zieht herrlich gemein über Helfried her, der „schon immer ein Sorgenkind war – nachweisen hat man ja nie was können....“ Und auch beruflich habe er sich „nie etablieren können, mit seinen Kursen über Käfer an der Volkshochschule.“
Als Helfried am Ende mit einem „Ave Maria“ im Falsett seiner Minis-trantentage gedenkt, führt das zu Klatschorgien und mehreren Zugaben. Seine ganz große Verwandlung legt Hölbling aber hin, als er ganz ohne Kunstfigur ein hinreißendes „It’s only a paper moon“ singt. Mittelbayerische Zeitung, 13.4.2011

 

 

Wallraff und der WAA-Widerstand
Lob vom Enthüllungsjournalisten für den einstigen Kampf gegen Wackersdorf: „Das war mächtiger als heute Stuttgart 21.“

Von Thomas Göttinger, MZ
REGENSBURG. Mehr Licht. „Licht auf die Gesichter, bitte“, sagt Günter Wallraff. „Ich möchte Reaktionen sehen.“ Und er will unterbrochen werden, falls jemand anderer Meinung sein sollte als er. „Wenn alle einer Meinung sind, dann liegt das oft an der Demagogie des Vortragenden oder an der Denkfaulheit des Publikums“, gibt er seinen Zuhörern in der „Alten Mälzerei“ gleich mal mit auf den Weg.
Wallraff ist nach Regensburg gekommen, um aus seinem aktuellen Buch „Aus der schönen neuen Welt“ zu lesen. Zuvor jedoch macht er noch einmal Station in der alten Welt, im Wackersdorf der 1980er Jahre nämlich und beim Aus der geplanten atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA). „Da haben wir es ja geschafft“, ruft er in den Saal, „das war damals mächtiger als heute Stuttgart 21“.
Der Wutbürger Wallraff ist jetzt ganz in seinem Element. Genüsslich zitiert er in der Mälze aus seiner Rede, die er 1986 kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf dem legendären „Anti-WAAhnsinns-Festival“ in Burglengenfeld gehalten hat. Von Franz Josef Strauß und dessen selten dämlichen Ausspruch, dass die WAA nicht gefährlicher sei als eine Fahrradspeichenfabrik, berichtet er dann. Für Wallraff war damals klar, dass man aus dieser Logik heraus auch sagen könne, „eine Atombombe ist nicht gefährlicher als ein Knallfrosch“.
Als Türke Ali bei Strauß
Apropos Strauß. Wallraff springt mal kurz von Wackersdorf nach Passau in die Nibelungenhalle. Dass er zu assoziativen Ausschweifungen neige, davor hat er das Publikum gleich zu Beginn ja ebenfalls gewarnt. Beim politischen Aschermittwoch der CSU war er in Passau in seiner Rolle als „Türke Ali“ unterwegs. Und da habe er erlebt, wie sich die Anhänger von Strauß „bis zur Besinnungslosigkeit um ihren Restverstand gesoffen haben“.
Wallraff war eben immer schon einer, der da hingegangen ist, wo es so richtig wehtut. Er ist in unzählige Rollen geschlüpft und hat verdeckt recherchiert, um jenseits aller Verlautbarungsrhetorik und Pressesprecherlyrik darüber zu berichten, was tatsächlich ist. Auch in Regensburg. Zu Beginn der 1970er Jahre schlich er sich als Laienmönch bei Pater Emmeram in Schloss Prüfening ein. Seine Erlebnisse von damals können in dem Buch „Ihr da oben, wir da unten“, das er zusammen mit Bernt Engelmann herausgebracht hat, nachgelesen werden.
Kritik am Haus Thurn und Taxis
Während sich Engelmann darin überaus kritisch mit der Geschichte des Hauses Thurn & Taxis auseinandersetzt, auch und gerade mit den „kriminellen Machenschaften“, auf dem der Reichtum des Fürstengeschlechts aus seiner Sicht basiert, entlarvte Wallraff den Fürstenmönch Emmeram und dessen Elite-Denken. Klar, dass er daran auch in der Mälze nicht vorbeikommt. Und so zitiert er einfach den nicht zuletzt an der Mehrung des Familienvermögens interessierten Mönch: „Ich musste in meinem Leben schon viel erdulden. Man muss sich das mal vorstellen: In unserem schönen Schloss haben nach dem Krieg sogar Neger gewohnt.“
Ihr da oben, wir da unten? Wallraff schafft es schließlich doch noch über sein neues Buch zu sprechen. Um die „schöne neue Arbeitswelt“ geht es darin, um prekäre Beschäftigungsverhältnisse und die Missachtung von Arbeitnehmerrechten. Der Titel verweist nicht umsonst auf Aldous Huxleys berühmten Roman, in dem die Welt einer gesellschaftlichen Unterwerfung beschrieben wird.
„Wir entwickeln uns von einer Klassengesellschaft zu einer Kastengesellschaft“, sagt Wallraff. Er spricht von „Paria, die nicht mehr dazugehören dürfen“, verweist auf Hartz-IV-Empfänger und Leiharbeiter. Und auch auf jene vermeintliche (Geld-)Elite, die ihre gesellschaftliche Verantwortung von sich schiebe und sich bewusst abschotte. Zitat: „Solidarische Werte und das kritische Hinterfragen und Nachdenken werden mit Argwohn betrachtet, wenn nicht diffamiert.“ Zur Realität gebe es eben keine Alternative. „Basta!“
Alternativen, und das ist das große Thema von Günther Wallraff, gibt es freilich immer. Man muss dafür nur die Realität kennen. Und dafür braucht es mitunter – ja, genau: mehr Licht. Mittelbayerische Zeitung, 8.4.2011

 

 

Schmerzhafte Klarheit für die Dahindämmernden
Georg Schramm zeigte in der Region sein fulminantes Programm. Es lautet: aufbegehren bis zuletzt.

Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Wenn das Gelächter und Gejohle im Publikum zu laut wird, schüttelt Lothar Dombrowski energisch die Sitzungsglocke. „Lachen Sie nicht!“ fährt er seine Zuhörer im vollbesetzten Antoniushaus an. Am Tag zuvor hatte er die Chamer zur Ruhe gerufen. In der Selbsthilfegruppe „Altern heißt nicht trauern“, deren Vorsitzender er ist, wird nicht auf Apothekenrundschauniveau diskutiert. Hier reden alte Männer Tacheles. Sie wollen Unruhe stiften.
Ihr Antrieb ist der Zorn. Zorn auf die Hybris der Menschheit, auf die Habgier, diesen Kern des Bösen, der nie so wirkmächtig war wie heute. Georg Schramm analysiert mit scharfem Verstand, brillant, unnachsichtig und unnachgiebig. Die aktuelle Tagespolitik streift er in seinem einsamen Feldzug gegen die Dummheit und Verderbtheit nur, um die Strukturen klarer herauszuschälen. „Ist diese Bundesregierung das Böse? Nein, das Böse haben wir uns als etwas Großes vorzustellen. Sie ist allenfalls ein Furunkel am Gesäß des Bösen.“
Keine Zeit für das Gesindel
Er zieht einen Erinnerungszettel aus dem Sakko. Darauf steht: „Nicht zu lange mit dem Gesindel aufhalten“. Schramm macht politisches Kabarett, das jenseits der gängigen Merkel-Parodien und KT-Scherze Wirkung erzielen will. Hier soll man sich nicht wissend zunicken. Alle sind gemeint.
In vier Rollen schlüpft der Kabarettist in seinem zweieinhalbstündigen, hochspannenden Kammerspiel. Neben Dombrowski nimmt auch der ehemalige Drucker und Schrebergärtner August am Treffen teil. Der Arbeiter hängt den guten Zeiten der SPD und der Gewerkschaften nach. Diesen Zahn zieht ihm Dombrowski: „Ehe die SPD 100000 Leute für einen Mindestlohn auf die Straße bringt, kämpft die Polizei mit dem Laserschwert.“ Apropos: „Meister Yodas Ende oder die Zweckentfremdung der Demenz“ heißt das Programm. Über den tieferen Sinn des ersten Titel-Teils sollte man nicht in Grübeln geraten. Georg Schramm wird auch in 900 Jahren nicht eins mit der Macht sein.
Afghanistan und das Altern
Die Saat des Zorns auf die Auswüchse des Kapitalismus ist auch im kleinen Mann August gesät. Er würde gerne mal einem der Akteure eins verpassen. So wie die geprellten Rentner, die ihren Anlageberater entführten. „Af de Gass laufe, des bringt doch nix. Lieber was Praktisches mache!“ Neben dem rheinisch-frohsinnigen Pharmavertreter, der Magensonden für Pflegebedürftige anpreist, ist auch Presseoffizier Oberstleutnant Sanftleben zugegen, mit Kurzvorträgen zum Afghanistan-Einsatz. „Dort sind wir nur noch, weil der Westen noch nicht den Mut gefunden hat, sich sein Scheitern einzugestehen.“ Er kann das Elend und die Verlogenheit nur mit ein paar Pils im Schädel ertragen.
Das Private ist politisch und umgekehrt. Lothar Dombrowski, der unversöhnliche Rentner mit der Handprothese, spricht über die Gesellschaft und sein Altern. Er fürchtet die Demenz. „Jeder Depp kann die Frühsymptome erkennen. Nur ich bin vom Erkenntnisprozess ausgeschlossen.“ Er fürchtet, den rechten Zeitpunkt für den Freitod zu verpassen, fürchtet die Einweisung in die Psychiatrie, wo man – ein grässlicher Gedanke – versuchen würde, seine Stimmung aufzuhellen. Er will nicht ins Pflegeheim: „Ich werde die Hand beißen, die mich füttert.“ Dombrowski zitiert Horkheimer und Adorno: „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils – Das werde ich schreien, bis zuletzt.“ Die Not des Individuums ist die Not der Welt. Die Demenz ist Sinnbild für den Zustand der vor sich hindämmernden Gesellschaft. Für die kurzen, klaren Momente, in denen dem Kranken sein Zustand blitzartig und schmerzhaft bewusst wird, sorgt Georg Schramm. Mittelbayerische Zeitung, 4.4.2011

 

Geister und Elefanten feiern Orgie
Das Musiker-Duo Unsere Lieblinge vertonte live das Impro-Geschehen vom Fastfood Theater.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . Auch beim Improvisationstheater sollten die Rahmenbedingungen abgesteckt sein. Was an diesem Abend in der Alten Mälzerei offensichtlich nicht der Fall war. „Wir haben uns heute Abend erst kennen gelernt“ entschuldigte sich Theatersportler Andreas Wolf, der mit seiner Kollegin Maria Maschenka wohl davon ausgegangen war, dass sich die beiden Musiker von Unsere Lieblinge aktiv am improvisierten Geschehen beteiligen. Stefan Noelle und Alex Haas wiederum gingen davon aus, dass sie zu den spontan ausgedachten Szenen lediglich einen Soundtrack live einspielen sollen. Nachdem sich die dicke Luft verzogen hatte, brachte das doppelte Duo doch noch ein ansehnliches Zusammenspiel zustande.
Wilde Kurswechsel
In einem Szenen-Potpourri entwickelte sich aus einer Spielbankszene ein Stierkampf, der in eine japanische Karateübung umschlug, um schließlich in eine dramatische Erschießungsszene zu münden. Den Kurswechsel gaben Noelle an Snaredrum, Becken und Perkussionsinstrumenten und Haas am Kontrabass vor. Die Münchner machten aber nicht nur Musik, sondern brachten mit ihren Instrumenten und Stimmen auch bloße Geräusche hervor. Besonders gelungen untermalten sie eine pantomimische Beerdigungsszene mit gruseligem Knarren und sphärischen Geistergesängen. Beim „Bauchweh“-Song sorgten Unsere Lieblinge für allseits bekannte Verdauungsgeräusche, zum „Au-Au-Au“-Chor ihres Partners Wolf zauberte Maschenka einen erstaunlichen Rap aus dem Hut: „Ich bin eine kleine Luftblase, beweg’ mich schnell wie ein Hase.“ Das inszenierte Unwohlsein fand in einem fulminanten „Ich habe Bauchweh“-Refrain von Westernhagen’scher Intensität seine Erlösung. Aus dem Lieblinge-Reservoir von 3000 Liedern suchte sich das Publikum ausgerechnet einen Salsa aus, was sich trotz Zuschauerintervention – „Das ist kein Salsa!“ – doch recht ordentlich anhörte. Dazu legten die Fastfoodler einen Slapstick-artigen Gummibeine-Tanz aufs Parkett, den vor allem die Kinder zu goutieren wussten.
Story ohne plausibles Ende
Die jungen Zuschauer waren es auch, die sich für die spontan ausgedachte Geschichte „Der liebeskranke Leguan“ begeisterten. Hört sich der Titel noch lustig an, war die Story selbst so verworren, dass man nach fünf Minuten mehrere Knoten im Kopf hatte. Kostprobe: Die bärbeißige Frau Eder schikaniert Tierpfleger-Azubi Fridolin im Tierpark Hellabrunn mit drögen Reinigungsarbeiten, promiskuitive Elefanten feiern eine Orgie, Fridolins Nichte Sarah wird mit Plastik-Eidechsen in einen Käfig gesperrt, die Elefantenkühe werden trächtig, Fridolin sitzt mit zwei Leguanen in einem Flugzeug nach Galapagos. Oder so ähnlich. Die Geschichte mäanderte endlos vor sich hin, die armen Impro-Schauspieler fanden einfach kein plausibles Ende. Mittelbayerische Zeitung, 29.3.2011

 

 

Heimatlieder und Zersägungsfantasien
Bei den BR-radiospitzen kam es in der Mälzerei zu einem deutsch-österreichischen Kabarettisten-Gipfeltreffen.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Der Bayerische Rundfunk hatte seine Mikrofone positioniert, Moderator Hannes Ringlstetter instruierte das Publikum für die Aufzeichnung zweier Folgen der Kabarettsendung „radiospitzen“: „Wenn ich gleich noch mal auf die Bühne komm’, müssen Sie so tun, als wär’ ich noch nicht da gewesen und müssen ganz laut klatschen“.
Beim deutsch-österreichischen Kabarett-Gipfel traf der Wiener Klaus Eckel auf seine drei „Piefke“-Kollegen Sarah Hakenberg und Max Uthoff aus München und Lokalmatador Ringlstetter. Alle vier gehören einer jungen Generation von Kabarettisten an, auch wenn sie schon einiges an Erfahrung vorzuweisen haben. So ist Eckel der aktuelle Preisträger des deutschen Kabarettförderpreises und Uthoff konnte sich im vergangenen Jahr den Thurn & Taxis-Kabarettpreis sichern.
Die tiefe Depression nach YouTube
Am Anfang überraschte Ringlstetter aber zunächst mit einem Geständnis: „Ich habe ein Österreicher-Trauma“, einen tief sitzenden Minderwertigkeitskomplex, der auf die grundsätzliche Überlegenheit der österreichischen Kollegen beruht. Zu Therapiezwecken hat er sich ein „Austria“-Lied verschrieben, in Stimme und Mimik eifert er seinen Idolen Ambros, Fendrich und Falco nach. Und Ringlstetter bekennt sich dazu, ein Klaus-Eckel-Fan zu sein: „Ich schaue mir nachts zwischen zwei und vier Uhr seine YouTube-Videos an und gehe dann mit schweren Depressionen zu Bett“.
Red Bull mit Blasentee
Dass Eckel das Lob nicht zu Kopf steigt, liegt wohl an seiner bodenständigen Vergangenheit als Billiglohnarbeitskraft: Das Arbeitsamt habe ihn früher zu unkreativen Jobs als Strichcodezeichner im Baumarkt oder Jugendsprecher des Rentnerbundes verdonnert. Auf deren Treffen durfte er sich an die Kreation innovativer Seniorencocktails machen: „Red Bull mit Blasentee“. Aufgrund dieser Kontakte zur älteren Generation zeigt der 36-jährige auch keinerlei Verständnis für die Versuche von Unternehmen, Servicetätigkeiten auf die Konsumenten abzuwälzen.
Den passenden Preisaufkleber an der unübersichtlichen Obst- und Gemüsewaage finden? Eine schier unlösbare Aufgabe. Die kostenlose Verköstigung im Supermarkt? Der Mensch als ahnungsloses Versuchsobjekt der Lebensmittelindustrie. Die Eröffnung eines neuen Bankkontos? Sorry, geht nur noch online im Internet. Eckel schwant da Böses: Demnächst geht man wohl mit dem IKEA-Verkäufer direkt in den Wald, um sich das Holz fürs Regal selbst zu schlagen. In hoher Taktzahl liefert Eckel seine Pointen, das Publikum ist begeistert.
Auch bei Max Uthoff ist jeder Satz ein Volltreffer. Der Münchner ist ein genauer Beobachter unserer Zeit. Vieles, was im Wust der täglichen Berichterstattung unterzugehen droht, zerrt er noch einmal genüsslich an das Licht der Öffentlichkeit. Tritt er in Regensburg auf, ist er stets bestens über die Highlights der aktuellen Lokalpolitik informiert: In einer Stadt, die ihre Turnhallen mit Formaldehyd baut, ist auch ein Laminatboden auf der Steinernen Brücke vorstellbar.
Und er stellt politische Zusammenhänge her: In Entwicklungsländern würden riesige Flächen gerodet, um Pflanzen nicht etwa für die Ernährung, sondern für unseren E10-Sprit anzubauen. Gleichzeitig gehen die Menschen im arabischen Raum wegen steigender Lebensmittelpreise auf die Straße. Wenn er diese Zusammenhänge ins Absurde überzieht, hinterfragt er die Wertigkeit dieser „Neuigkeiten“ in unseren Medien: Ist der Tod von Eisbär Knut genauso wichtig wie die ersten alliierten Bomben auf Libyen?
Schelmisch legt Uthoff die Doppelmoral der Politiker offen. Mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, glänzten CDU-Familienministerinnen als Powerfrauen, die Arbeit und Familie unter einen Hut bekommen – während sie eine minimale Erhöhung des Hartz-IV-Satzes für ausreichend hielten, um Kindern eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Kinder auf dem Weg in den Ruin
Aus ihrer Rolle als Mutter scheint auch Kabarettistin Sarah Hakenberg zu schöpfen. In Reimform beschreibt sie, wie sich Kinder zunächst gegenseitig mobben, um sich dann in Castingshows ihr angegriffenes Selbstwertgefühl von den Dieter Bohlens dieser Welt vollends ruinieren zu lassen. Ihr romantisches Liebeslied für den fünfjährigen Ingo offenbart so manchen Mutter-Frust, die als „Schlaflied“ getarnte Zersägungsfantasie beschreitet einen heiklen Grat ins Makabere.
Bei der wörtlichen Übertragung eines einfältigen Lady-Gaga-Songs ins Deutsche gibt sich Hakenberg als unschuldiges Mädchen, die Performance ruft ihre Poetry-Slam-Vergangenheit in Erinnerung. Ein schwungvoll am Klavier vorgetragenes „Heimatlied“ kritisiert die Vereinheitlichung deutscher Innenstädte mit den immer gleichen Geschäften.
Auch wenn der Wiener Klaus Eckel den stärksten Applaus einheimste, auch seine deutschen Kollegen wussten auf ganzer Linie zu überzeugen. Mittelbayerische Zeitung, 26.3.2011

 

 

„Mein Beruf ist, über die Mächtigen zu lachen“
Anarcho-Clown Leo Bassi setzt der globalen Krise eine Utopie entgegen. Am Samstag gastiert er in Regensburg.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Er ist Spross einer traditionsreichen italienisch-französischen Zirkusfamilie. Seine Urgroßeltern und Großeltern erzählten ihm von einer Zeit, als der Zirkus ein Gefühl von Freiheit in die Dörfer, zu den Menschen brachte. Elefanten, die durch die Straßen zogen, Akrobaten, die durch die Luft flogen. Da fiel plötzlich magischer Glanz auf den mühseligen Alltag, der für Momente alles verändern konnte. „Hinter all dem steckte die Nachricht: Seht her, wir sind einfache Menschen wie ihr, doch wir können sieben Bälle jonglieren. Wir können allein mit der Kraft unseres Willens erreichen, was wir uns erträumen. Das war der Zirkus früher: Ein Ort, an dem die einfachen Menschen träumen konnten, wo das Unmögliche möglich wurde“, erzählt Leo Bassi.
Suche nach der Seele des Zirkus’
Dieses ursprüngliche, ja bewusstseinsverändernde Potenzial schien dem Zirkus aber abhanden gekommen zu sein. Bassi verließ nach zehn Jahren den Familienbetrieb und begab sich auf die Suche nach der Seele des Zirkus. Er spielte Theater und Straßentheater und lernte, wie wichtig es ist, das Publikum zu überraschen. „Ich hatte immer im Sinn, zum Zirkus zurückzukehren, seine anarchische Seite wiederzuentdecken. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr entdeckte ich, wie sehr die Massen von einigen Wenigen manipuliert werden.“ Bassi hat eine politische Botschaft, er wendet sich gegen die Auswüchse eines entgrenzten Kapitalismus. Er möchte aufrütteln.
Nur wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 feierte sein Programm „12. September“ in New York Premiere. Bassi war einer der ersten, der auf die engen Verbindungen zwischen den Familien Bush und Bin Laden hinwies. Die Reaktionen waren heftig. Die Show kam 2004 unter dem Namen „La Vendetta“ („Die Rache“) in Deutschland auf die Bühne. Der Anarcho-Clown teerte und federte sich, zertrümmerte Cola-Dosen und schnitt Besuchern Markenlogos aus den Kleidern. Mit seinem kirchenkritischen Stück „Revelation“ („Offenbarung“) traf Bassi, der in Madrid lebt, christliche Fundamentalisten bis ins Mark. Er erhielt Morddrohungen.
Widerstand gegen „Wetten dass…“
Bassi tritt auch als Aktionskünstler in Erscheinung, engagiert sich für politische und ökologische Initiativen. Für sein Projekt „Polittourismus“ fährt er Landsleute mit dem „Bassi-Bus“ an Plätze und Villen, um vor Ort zu zeigen, wie Macht funktioniert, wie drastisch die Missstände sind, wo mafiöse Strukturen herrschen. Als das ZDF 1999 auf Mallorca unter Ausschluss spanischer Besucher eine Folge von „Wetten, dass..?“ produzieren wollte, organisierte Bassi den Widerstand. Vor der Arena verkleidete er sich als Che Guevara und verteilte Flugblätter.
Mit dem Programm „Utopia“ will Bassi in Zeiten globaler Hoffnungslosigkeit Optimismus und politisches Bewusstsein verbreiten: „Clowns haben die enorme Verantwortung, den Glauben an die Zukunft aufrecht zu erhalten. Es tut einer Gesellschaft nicht gut, wenn Komiker auf der Seite der Macht stehen. Clowns müssen Widerstand leisten. Mein Beruf ist, über die Mächtigen zu lachen, die Ignoranten, die uns in ihren Händen halten“. Mittelbayerische Zeitung, 17.3.2011

 

Splatterszenen-Fantasien auf dem Bauernhof
Kabarettist Alf Poier und „Die Obersteirische Wolfshilfe“ eröffneten das diesjährige Thurn und Taxis Kleinkunstfestival.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Für sein 15-jähriges Bühnenjubiläum hat sich der österreichische Kabarettist Alf Poier mit der „Obersteirischen Wolfshilfe“ wiedervereint – jener Band, mit der vor fünfzehn Jahren alles begann. Denn Poier ist eigentlich Musiker, Schlagzeuger um genau zu sein. Wobei dem kleinen Alf der wilde Rock von Haus aus nicht direkt mitgegeben wurde. Die Oma bezahlte schließlich die Rundfunkgebühren und sie war es, die bestimmte, welcher der beiden öffentlich-rechtlichen Sender geschaut wurde: „Seniorenklub“ statt „Jugendkultur“, Volksmusik anstelle von Rock’n’Roll. Da ist es auch kein Wunder, dass es dem Heranwachsenden in der Steiermark so richtig stinklangweilig war. Die Unheil verkündenden Sirenen der Polizei und Feuerwehr stellten eine willkommene Abwechslung dar. Das phantasiebegabte Kind malte sich das Geschehen dann in den blutigsten Bildern aus – inklusive splitternder Knochen und platzender Gedärme.
Noch dazu ist er neben einem Truppenübungsplatz des österreichischen Bundesheers aufgewachsen, da erinnert ihn jeder Knall, jede Detonation noch heute an die schöne Heimat. Zwangsläufig zog es den jungen Künstler dann aber hinaus in die große weite Welt, also nach Wien. Dort lebte er viele Jahre in bitterer Armut, schlug sich als arbeitsscheuer Tagelöhner durch, die Brausetablette ersetzte den Duschkopf. Für das seelische Gleichgewicht sorgte das Eintauchen in die ostasiatische Philosophie – gleich um die Ecke, im Chinarestaurant. Bei diesem Werdegang liegt der „Suizid-Metal“ nicht fern, der dann auf einer kunstnebelverhangenen Bühne mit tiefdröhnender Grabesstimme intoniert wird. Dem Poier ist nichts heilig, weder erleuchtende Sinnsuche noch tragische Todessehnsucht. Er bevorzugt den schwarzen Humor, „der normalerweise als ernst betrachtete oder makabre Themen wie Verbrechen, Krankheit und Tod in satirischer oder bewusst verharmlosender Weise behandelt“ (Wikipedia).
Dabei beteuert der Kabarettist mit dem Schlafzimmerblick, dass alles, was er da erzählt, auch wirklich wahr ist. Zum Beispiel seine ehemalige Band „Seppl & die Landsknecht“. Ein Musikerkollege sei Schwerstalkoholiker gewesen, der zweite ein Mörder, der seine Frau in einer Tiefkühltruhe aufbewahrte und der dritte wurde als mehrfacher Heiratsschwindler von „Aktenzeichen XY – ungelöst“ gesucht. Richtig charmant wird Poier, wenn er seinen vier (wieder) aktuellen Begleitmusikern ein paar verbale Watschn verteilt. Aber schließlich ermöglicht er ihnen ja auch, mal wieder vor einem großen Publikum zu spielen. Der erfolgreiche Künstler aus der „Hochkultur“ hat ein Herz für den einfachen Musiker von ganz unten – selbstironisch kann er auch sein, der Poier Alfred. Zum Teil aber auch etwas albern. Von seinem Gitarristen fordert er das „Zander“-Lied, und bekommt „Thunder“ von AC/DC. Seinen südafrikanischen Schlagzeuger hat er im Krankenhaus rekrutiert – weil der Drummer ja Rhythmus im Blut haben muss. Seine Begleitmusiker sind „Akkordarbeiter“, weil sie Akkorde spielen. Das hat dann das Niveau von Kindergeburtstag.
Aber der 44-jährige Musiker und Kabarettist ist sich halt für nichts zu schade. Bei der Titelfindung seiner Lieder geht er stets den direkten Weg („Litschis aus China“, „Mann mit Hut“), nämlich genau darum geht es in diesen Stücken. Und in den Gesangspausen gibt er gekonnt das Tänzerchen. Aber das konnte man schließlich auch erwarten, immerhin soll sein Jubiläumsprogramm „This isn’t it“ an den großen Michael Jackson erinnern.  Mittelbayerische Zeitung, 15.3.2011

 

 

Gefährliche Musik
„Lydia Lunch & Big Sexy Noise“ beeindruckten mit hypnotisierendem Kopfnicker-Rock’n’Roll.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Das Programm der Alten Mälzerei hatte ja schon vorgewarnt, die Musik von „Big Sexy Noise“ sei provokativ und gefährlich, Frontfrau Lydia Lunch berüchtigt. Und tatsächlich: vor Lunch musste man sich in Acht nehmen. Der Aufforderung, näher zu treten, wollte der weibliche Anteil im Publikum nicht so recht folgen – zu unberechenbar wirkte die Ikone des New Yorker Underground. Bei einem Ausflug ins Publikum packte sie ihre Fans an den Schultern und schüttelte sie headbangermäßig durch.
Ihre Texte könnte man als feministisch bezeichnen – würde sie sie selbst nicht als sexistisch charakterisieren. Aber natürlich unter umgekehrten Vorzeichen, denn bei ihr sind es die Männer, die nur für das Eine gut und ansonsten entbehrlich sind. „Another man comin’ (while the bed is still warm)“ heißt es da in einem Song. Frauen-Power, die keine Gefangenen nimmt. Den zurzeit in Regensburg herumgeisternden Pete Doherty nimmt Lunch ebenfalls aufs Korn. Sie sieht den englischen Sänger und Kate-Moss-Gespielen als billigen Posterboy der Boulevardpresse, der mehr mit kindischen Skandälchen von sich reden macht als mit seiner Musik.
Zusammen mit der britischen Band „Gallon Drunk“ bildet Lunch das Quartett „Big Sexy Noise“. Rauer Kopfnicker-Rock’n’Roll der tiefer gelegten Sorte, die Luftgitarrenhände bleiben in den Hosentaschen. Angeberisches Virtuosentum mit kreischenden Gitarrensoli bleibt dem Publikum erspart. Bassist James Johnston – vollkommen in die Musik versunken nimmt er die coolsten Rockerposen ein – und Drummer Ian White erzeugen einen tiefen, erdigen, unablässig mahlenden Soundstrudel, über den Lunch ihren aggressiven dunklen Sprechgesang legt. Terry Edwards versucht mit Keyboard und Saxofon schräg quiekende Farbtupfer darüberzulegen, was live leider etwas untergeht und auf Tonträger wesentlich besser funktioniert.
„Big Sexy Noise“ spielen einen verschleppt-urwüchsigen Garagen-Rock’n’Roll, der tief getränkt in Blues-Verzweiflung und Punk-Rebellion an großartige Bands wie „The Cramps“ oder „The Gun Club“ erinnert. Mittelbayerische Zeitung, 12.3.2011

 

 

Dreimal drei Träume
Anna Funk führte ihr Ein-Frau-Stück „Dreiklang“ in der Mälzerei auf.


Von Katharina Kellner, MZ
Regensburg. Sie sind denkbar verschieden und wollen doch dasselbe: Resi, Esther und Sonja, drei Frauen um die Dreißig, träumen von Selbstverwirklichung, von Liebe, vom Glück. Und leiden an der Welt, am eigenen Unvermögen – am Druck der Möglichkeiten. In „Dreiklang“, einem von Anna Funk geschriebenen und von ihr im Mälze-Theater erstmals in Szene gesetzten Stück geraten die Zuschauer schnell in den Bann dieser drei Frauen, die ihre Träume, Erfolge und Niederlagen schonungslos offenbaren.
Anna Funk ist der Schauspielerei schon viele Jahre zugetan. Sie spielte auf verschiedenen Münchner Bühnen und war drei Jahre lang festes Ensemblemitglied am Chiemgauer Volkstheater. Nun befasst sie sich in ihrem eigenen Stück mit den Nöten von Frauen ihrer Generation. Humorvoll und selbstkritisch leuchtet sie die drei Charaktere aus. Jede hat ja drei Auftritte, unterbrochen vom Spiel des Pianisten Ludwig Fuchs.
Da ist Gelegenheitsstatistin Rosi, die sich gerne als Musical-Star sähe. Die Frau mit dem derben bayerischen Zungenschlag schwätzt alle gnadenlos in Grund und Boden. Unvermittelt wird sie still und gibt zu, dass es mit der Musical-Laufbahn nicht geklappt hat und sie deshalb Pornostar wurde. Verunsichert fragt sie ins Publikum: „Gell, ihr seids meine Freind?“
Zu solchen Vertraulichkeiten lässt sich die kühle Karrierefrau Esther nicht herab. „Ich werde alles allein machen“, nimmt sie sich trotzig vor, um in der nächsten Szene aus Liebeskummer zusammenzubrechen. Die Frau, die sich gegen Gefühle wehrt, ist ein von Einsamkeit geplagtes, zerbrechliches Wesen. Sonja, die Träumerin, hofft, sich einen der Business-Männer zu angeln, die mittags in dem Lokal essen, in dem sie bedient. Als ihr einer den Wunsch nach „Penthouse, Sportwagen und teuren Fummeln“ erfüllt, ist ihr das aber schnell zu langweilig.
Anna Funk ist in jedem Augenblick auf der Bühne präsent. Spielerisch gelingen ihr die Stimmungswechsel ihrer Figuren – mal euphorisch, mal verzweifelt, mal laut, mal leise. Kaum zu glauben, dass das dieselbe Frau ist, die eben noch als Resi mit der Bierflasche in der Hand hinausschlurfte und Sekunden später als Esther hereinstöckelt. Für jede Szene wechselt Funk ihr Outfit – Resi trägt Getigertes, Leder und Nieten, Glitzersterne im Haar. Esther strenge, hochgeschlossene Kostüme, Sonja mädchenhafte Röckchen und Ballerina-Schuhe. Funk hat drei Frauentypen erschaffen, in denen sich viele wiederfinden. Und wenn die Schauspielerin Funk in ihre Charaktere schlüpft, ist sie immer genau die, die sie gerade verkörpert. Mittelbayerische Zeitung, 2.3.2011

 

Gebräu aus der wutbürgerlichen Küche
In Claus von Wagners Programm „Drei Sekunden Gegenwart“ trifft Ungerechtigkeitsempfinden auf Justiz, Persönliches auf aktuelle Politik.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . Ob als Protestant im katholischen Bayern, als ordnungsliebender Münchner im chaotischen Berlin oder eben als entrechteter Vater, der vor Gericht einen Sorgerechtsstreit auszufechten hat: Claus von Wagner fühlt sich benachteiligt und fehl am Platze.
Deshalb zieht er sich auf den sicheren Dachboden des elterlichen Wohnhauses im oberbayerischen Miesbach zurück, wo er groß geworden ist und kruschtelt so lange in alten Kisten herum, bis er längst Vergessenes oder Verdrängtes zu Tage fördert.
Wer hatte die Finger im Spiel
Das sakrosankte Videoband mit den ersten Gehversuchen der Tochter wechselt urplötzlich zu einer spannenden Bundesligapartie. Wer hatte da wohl seine Finger im Spiel? Alte Schulhefte erinnern ihn an einen ehemaligen Schulkameraden, den das rigide dreigliedrige Schulsystem in die Hauptschule verwiesen hatte – nur weil der Vater Handwerker war.
Zuweilen nehmen von Wagners Ausführungen bitter-ernste Untertöne an, das Publikum wird dann ganz still. Seine klugen Analysen der politischen und ökonomischen Verhältnisse treffen ins Schwarze. Er macht Zusammenhänge klar, die im schnelllebigen medialen Tagesgeschäft leider allzu häufig hinten runter fallen.
Sein Programm „3 Sekunden Gegenwart“ hat mittlerweile schon zwei Jahre auf dem Buckel. Der 33-jährige Kabarettist hat es aber schlauerweise um aktuelle Themen erweitert. Polit-Star und Schummel-Doktorand zu Guttenberg bekommt als bevorzugtes Zielobjekt sarkastische Breitseiten ab. FDP-Mitgliedern empfiehlt er ein Aussteigerprogramm, wie es auch von den Taliban angeboten wird.
Zuschlagen mit Gehhilfen
Die Schlagstöcke der „gewaltbereiten“ Stuttgart-21-Gegner entpuppen sich als ganz normale Gehhilfen für Senioren. In den Wirtshäusern dieses Landes wird demnächst eine „wutbürgerliche Küche“ angeboten. Die falschen Versprechen von Versicherungen („Sie zahlen für das gute Gefühl, bevor etwas kaputt geht“), die oberflächlichen Reize der Konsumwelt, das desaströse Geschäftsgebaren internationaler Finanzinstitute, käufliche Politiker: all das ist nicht gerade dazu angetan, die Laune des frustrierten Geschiedenen zu heben.
Dafür sorgt sein dreistufiges CSU-Argumentationsmodell („Häh? – Wos? – Nah!“) für enorme Heiterkeit in der ausverkauften Alten Mälzerei, Kabarettist Wagner muss für mehrere Minuten sein Programm unterbrechen.
Keine Gerechtigkeit im Programm
Das Hemd hängt ihm aus der Hose, die Krawatte ist nachlässig gebunden, der Dreitagebart passt zur Wuschelfrisur. Die Verzweifelung steht ihm ins Gesicht geschrieben, er agiert sie aber auch in theatralisch-dramatischen Gesten aus. Kein Wunder: steckt die Richterin doch mit seiner Ex-Frau unter einer Decke und der eigene Verteidiger funktioniert wie eine Jukebox, die eben nur dann Musik spielt, wenn oben Geld reingeworfen wird. Gerechtigkeit wird er in diesem Programm wohl nicht mehr erfahren. Mittelbayerische Zeitung, 2.3.2011

 

Humorfestival mit vielen Facetten
Die Regensburger Alte Mälzerei stellte gestern das Programm für „United Comedy 2011“ vor.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Das Thurn und Taxis Kleinkunstfestival trägt nicht von ungefähr den Untertitel „United Comedy“. Das Humorfestival vereint Künstler aus mehreren Ländern, verschiedensten Stilrichtungen und Jung und Alt. Auch wenn der Kabarettpreis für Nachwuchs-Comedians erst nächstes Jahr wieder vergeben wird, bietet das Festival mit den „BR-Radiospitzen“ gleich vier der vielversprechendsten jungen Kabarettisten der deutsch-österreichischen Szene ein Podium.
Der Thurn und Taxis-Kabarettpreisträger des vergangenen Jahres, Max Uthoff, der mittlerweile zu den besten politischen Kabarettisten der jüngeren Generation gehört, trifft auf den Wiener Klaus Eckel, dessen fantasievolle Geschichten literarische Qualitäten aufweisen und die